Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Aus Edouards Tagebuch:
»2 Uhr. –… Meine Reisetasche verloren. Gut so! Von allem, was sie enthielt, war mir nur mein Tagebuch wertvoll. Allzu wertvoll. Im Grunde amüsiert mich dieses Abenteuer. Allerdings möchte ich meine Aufzeichnungen wieder haben. Wer wird sie lesen? … Vielleicht übertreibe ich mir ihre Wichtigkeit, seitdem ich sie verloren habe. Jenes Tagebuch schloß mit meiner Abreise nach England. Dort drüben habe ich alles in ein anderes Heft notiert, das ich jetzt, da ich wieder in Frankreich bin, aufgebe. Das neue, in das ich dies schreibe, soll mich nicht so bald verlassen. Es ist der Spiegel, den ich stets mit mir führe. Was mir auch begegnet: es gewinnt seine wahre Existenz für mich erst, wenn ich es da gespiegelt sehe. Doch seitdem ich zurück bin, ist es mir, als ginge ich in einem Traum … Wie dies Gespräch mit Olivier doch peinlich war! Und ich hatte mich so darauf gefreut … Möge es ihn ebenso unbefriedigt gelassen haben wie mich; ebenso unbefriedigt von sich selbst und von mir! Ich habe gar nichts sagen und ebensowenig ihn zum Sprechen bringen können. Ach, wie doch das kleinste Wort einem schwer wird, wenn das völlige Einverständnis des ganzen Wesens dazu erforderlich ist! Sobald das Herz sich einmischt, erlahmt das Gehirn elendiglich.
7 Uhr. –… Meine Reisetasche ist wiedergefunden; oder wenigstens der, der sie mir genommen hat. Daß es gerade Oliviers intimster Freund ist, das knüpft zwischen uns ein Netz, dessen Maschen ich nach Belieben enger ziehen kann. Doch liegt eine Gefahr darin, daß ich an jedem unerwarteten Ereignis soviel Vergnügen empfinde, daß ich das zu erreichende Ziel darüber völlig aus den Augen verliere. –…
Laura wiedergesehen. Meine Hilfsbereitschaft pflegt um so hartnäckiger zu werden, je mehr Schwierigkeiten auftauchen, je mehr man gegen Gewohntes, Banales, Konventionelles ankämpfen muß.
Den alten La Pérouse besucht. Diesmal war es Madame de la Pérouse, die kam und mir aufmachte. Wir hatten uns seit mehr als zwei Jahren nicht gesehen. Trotzdem erkannte sie mich sofort. (Ich denke, sie bekommen nur selten Besuch.) Übrigens hat auch sie sich kaum verändert. Aber (kam es daher, daß ich gegen sie eingenommen war?) ihre Züge erschienen mir noch schärfer als früher, ihr Blick, ihr Lächeln falscher.
»Ich fürchte, Monsieur de la Pérouse ist nicht in der Lage, Sie zu empfangen«, sagte sie gleich, offenbar in der Absicht, mich ganz für sich zu beschlagnahmen. Dann, ihre Taubheit ausnutzend, um auf eine nicht gestellte Frage zu antworten:
»Aber nein, Sie stören mich in keiner Weise! Treten Sie nur, bitte, ein.«
Sie führte mich in das nach dem Hofe gelegene Zimmer, in dem La Pérouse seine Stunden gibt. Sowie ich Platz genommen hatte:
»Ich bin so glücklich, einen Augenblick mit Ihnen unter vier Augen sprechen zu können! Ich weiß ja, was für ein treuer alter Freund von Monsieur de la Pérouse Sie sind. Nun, sein Zustand macht mir die größten Sorgen! Auf Ihren Rat gibt er viel: möchten Sie ihm nicht zureden, daß er sich besser pflegt? Was mich betrifft, so kann ich ihm sagen, was ich will, es ist alles in den Wind geredet!«
Und sie verlor sich in endlosen Klagen: der Alte vernachlässige seine Gesundheit, aus reiner Freude, sie zu quälen, er tue alles, was er nicht dürfe, und nichts von dem, was er solle; er gehe bei jedem Wetter aus, ohne einen Schal umzubinden; bei den Mahlzeiten esse er nicht –… ›Monsieur hat keinen Hunger‹ –…, und sie wisse nicht, mit welchen Mitteln sie seinen Appetit noch anstacheln solle; aber bei nachtschlafender Zeit, da stehe er auf, schleiche sich leise in die Küche und stelle alles auf den Kopf, um sich irgendein unmögliches Gericht zusammenzubrauen.
Sicherlich war nichts von dem, was die Alte sagte, erfunden. Während sie sprach, wurde ich mir darüber klar, daß es allein ihre Art der Auslegung war, die den harmlosesten Dingen einen bösen Sinn verlieh. Wie entstellt zeichnete sich die Wirklichkeit in diesem engen Hirne ab! Aber mißdeutete der Alte nicht auch seinerseits die fürsorgliche Beflissenheit dieser Frau, die sich für eine Dulderin hielt, während seine Phantasie eine Henkerin aus ihr machte? … Ich gebe es auf, die beiden richten oder auch nur verstehen zu wollen; oder, besser (wie es ja immer geht): je mehr ich sie verstehe, desto milder gestaltet sich mein Urteil. Bestehen bleibt die Tatsache, daß hier zwei Wesen, die sich kameradschaftlich durchs Leben helfen sollten, einander mit den ausgesuchtesten Quälereien regalieren. Ich habe bei Eheleuten vielfach beobachtet, welche unerträgliche Gereiztheit bei dem einen Teil der geringste Auswuchs am Charakter des andern erzeugt, weil, infolge des ›gemeinsamen Lebens‹, sich dieser Auswuchs immer wieder an derselben Stelle scheuert. Und wenn dieses Sichscheuern gegenseitig ist, so wird das eheliche Dasein zur Hölle.
Madame de la Pérouse, mit ihrer schwarzbebänderten Perücke, die das fahle Gesicht noch härter erscheinen ließ, mit ihren langen, fingerlosen Handschuhen, aus denen spitzige Krallen hervorsprangen, ward dem Schreckensbild einer Harpyie immer ähnlicher.
»Er wirft mir vor, daß ich ihn belauere«, fuhr sie fort. »Er hat immer viel Schlaf gebraucht. Aber des Nachts tut er oft nur so, als ob er schliefe, und wenn er dann glaubt, daß ich nichts merke, so steht er auf und geht in sein Zimmer, wo er in alten Papieren stöbert und manchmal bis zum Morgengrauen über den Briefen seines verstorbenen Bruders hockt. Dabei weint und schluchzt er jämmerlich. Und all das soll ich mit ansehen, ohne ein Wort zu sagen!«
Darauf vertraute sie mir an, Monsieur de la Pérouse habe die Absicht, sie in einem Altersheim unterzubringen –… ein Gedanke, der sie um so mehr erschrecke, als Monsieur de la Pérouse im Leben höchst unbeholfen sei und ohne ihren Beistand sicherlich ganz verkommen werde. Dies wurde in einem gerührten, nach Heuchelei schmeckenden Tone vorgebracht.
Während sie dermaßen perorierte, öffnete sich hinter ihr leise die Tür, und La Pérouse trat ein, ohne daß sie es merkte. Bei den letzten Worten seiner Gemahlin sah er mich ironisch-lächelnd an und fuhr sich mit der Hand an die Stirn, um anzudeuten, sie sei verrückt. Dann sagte er mit einer nervösen Brutalität, deren ich ihn nicht für fähig gehalten hätte und die den Anklagen der Alten recht zu geben schien (die aber vielleicht auch von dem Stimmenaufwand herrührte, dessen es gegenüber der Schwerhörigen bedurfte):
»Madame, fühlen Sie denn gar nicht, daß Sie Monsieur langweilen mit Ihrem Gerede? Mein Freund wünscht mich zu besuchen, und nicht Sie! Lassen Sie uns allein!«
Worauf die Alte erklärte, der Fauteuil, auf dem sie sitze, gehöre ihr, und sie gedenke darauf sitzen zu bleiben.
»In diesem Fall«, erwiderte La Pérouse höhnisch, »sind wir es, die mit Ihrem gütigen Einverständnis das Zimmer verlassen werden!« –… Und, zu mir gewandt, plötzlich ganz sanften Tones:
»Kommen Sie, lassen wir Madame allein!«
Ich brachte eine gezwungene Verbeugung zustande und folgte ihm ins Nebenzimmer, dasselbe, in dem er mich das vorige Mal empfangen hatte.
»Es freut mich, daß Sie ein Probelied von ihr zu hören bekommen haben«, sagte er, »und so geht es nun den lieben, langen Tag!«
Er schloß die Fenster, die offen gestanden hatten:
»Bei diesem entsetzlichen Straßenlärm versteht man ja sein eigenes Wort nicht! Ich verbringe meine gesamte Zeit damit, diese Fenster zu schließen, die Madame de la Pérouse, mit noch größerer Beharrlichkeit, immer wieder öffnet. Sie behauptet, sonst ersticken zu müssen. Sie übertreibt, wie gewöhnlich. Sie will absolut nicht zur Kenntnis nehmen, daß es draußen wärmer ist als hier im Zimmer. Und wenn ich ihr das am Thermometer demonstrieren will, so erklärt sie, Zahlen ermangelten für sie jeder Beweiskraft. Sie will recht behalten, selbst wo sie weiß, daß sie unrecht hat! Und ihre einzige Freude ist, mich zu ärgern!«
Während er so sprach, hatte ich den Eindruck, als sei er selbst geistig nicht mehr ganz normal. In wachsender Erregung fuhr er fort:
»Alles, was sie im Leben falsch macht, legt sie mir zur Last. Alle ihre Meinungen sind verdreht. Wie könnte ich Ihnen das nur schnell veranschaulichen? Ja, etwa so: –… Sie wissen, daß die optischen Eindrücke von außen umgekehrt auf unsere Netzhaut gelangen, wo sie durch eine Funktion des Nervensystems wieder zurechtgerückt werden. Nun, bei Madame de la Pérouse fehlt diese berichtigende Funktion; bei ihr bleibt alles verkehrt auf der Netzhaut stehen. Sie können sich denken, wie peinlich das ist.«
Es schien ihm Erleichterung zu gewähren, daß er sich aussprechen konnte, und ich hütete mich, ihn zu unterbrechen. Er fuhr fort:
»Madame de la Pérouse hat immer viel zuviel gegessen. Dabei behauptet sie, ich sei es, der zuviel esse! Sieht sie mich mal mit einem Stückchen Schokolade in der Hand (darin besteht nämlich meine Hauptnahrung), gleich brummelt sie los: den ganzen Tag müsse ich was zu schlecken haben! … Sie paßt auf mich auf wie ein Schießhund. Sie beschuldigt mich allen Ernstes, ich stünde des Nachts auf, um heimlich zu schlemmen, weil sie ein einziges Mal dazugekommen ist, wie ich mir in der Küche eine Tasse Schokolade kochen wollte! … Wie soll ich's denn anders machen? Es bei Tisch mit ansehen zu müssen, wie sie sich gierig und schmatzend über die Teller hermacht, das nimmt mir den letzten Appetit! Sie aber behauptet, ich täte aus Trotz so, als ob ich bei keiner Mahlzeit Hunger hätte, nur um sie zu quälen!«
Nach einer Pause, wie in lyrischer Steigerung:
»Wahrlich, die Vorwürfe, die sie gegen mich erhebt, sind bewundernswert! … Neulich hatte sie ihr Hüftweh. Ich wollte mein Mitgefühl äußern. Aber sie ließ mich nicht ausreden: ›Heucheln Sie doch nicht eine Empfindung, die Sie nie gehabt haben!‹ … Und so scheint alles, was ich tue oder sage, nur zu ihrer Qual dienen zu sollen!«
Wir hatten uns gesetzt. Er stand auf, setzte sich wieder. Eine kranke Unrast war in ihm:
»Können Sie sich denken, daß in jedem Zimmer bestimmte Möbel ihr gehören und andere mir? Sie haben vorhin selbst gesehen, welchen Hokuspokus sie machte mit ›ihrem‹ Fauteuil! Morgens beim Reinemachen sagt sie zu der Aufwartefrau: ›Nein, dieser Stuhl gehört Monsieur; lassen Sie die Hand davon!‹ Neulich hatte ich aus Versehen ein gebundenes Notenheft auf einen kleinen runden Tisch gelegt, der Madame gehört … Nun, da hat Madame das Heft mit aller Gewalt zu Boden geschleudert! Die Ecken sind noch ganz verbogen … Oh, so kann es nicht weitergehen … Also hören Sie …«
Er faßte mich am Arm und fuhr mit gesenkter Stimme fort:
»Ich habe meine Maßnahmen getroffen. Sie droht mir unaufhörlich, falls ich ›nicht anders würde‹, so werde sie sich in ein Altersheim zurückziehen. Nun, ich habe eine gewisse Summe beiseite gelegt, die für ihre Pension in Sainte-Périne ausreichen wird; man hat mir gesagt, das sei die beste Anstalt dieser Art. Die paar Musikstunden, die ich noch gebe, bringen mir fast gar nichts mehr ein. In kurzem werde ich mit meinen Mitteln ganz zu Ende sein. Dann wäre ich gezwungen, jene Summe für meine Bedürfnisse anzubrechen. Das will ich aber nicht. Und so habe ich denn einen Entschluß gefaßt … Das wird in etwas über drei Monaten sein … Ja, ich habe das Datum angestrichen. Ach, wenn Sie wüßten, wie mich der Gedanke erleichtert, daß nun jede einzelne Minute mich der Erlösung näherbringt!«
Er hatte sich zu mir hingebeugt. Jetzt sprach er fast an meinem Ohr:
»Ich habe auch einen Rententitel beiseite gelegt. Oh, es ist nicht sehr viel; nur gerade soviel, wie ich vermochte. Madame de la Pérouse weiß nichts davon. Das Papier befindet sich in meinem Schreibtisch, in einem Kuvert mit Ihrem Namen, das auch die nötigen Anweisungen enthält. Kann ich auf Ihre Hilfe rechnen? Ich verstehe nichts von Geschäften, aber ein Notar, mit dem ich gesprochen habe, hat mir gesagt, die Zinsen davon könnten regelmäßig direkt an meinen Enkel ausgezahlt werden bis zu seiner Großjährigkeit, und dann könne er in den Besitz des Titels selbst eintreten. Ich habe mir gedacht, daß Sie als mein Freund vielleicht darüber wachen würden, daß alles korrekt ausgeführt werde? Ich habe solches Mißtrauen gegen Notare! … Und möchten Sie vielleicht gar, zu meiner Beruhigung, die große Güte haben und das Kuvert gleich mitnehmen? … Ja? … Oh, dann hole ich es Ihnen schnell!«
Er lief trippelnd hinaus. Als er wieder eintrat, hielt er ein großes Kuvert in der Hand.
»Verzeihen Sie, daß ich es versiegelt habe; nur der Form wegen! Nehmen Sie es.«
Ich warf einen Blick darauf und las, unterhalb meines Namens, in sorgfältig hingemalten Schriftzeichen: ›NACH MEINEM TODE ZU ÖFFNEN‹.
»Stecken Sie es schnell in Ihre Tasche, damit ich's in Sicherheit weiß! Danke … Oh, ich habe so sehnlich auf Sie gewartet! …«
Ich habe oft empfunden, daß in feierlichen Momenten jede menschliche Erregung in mir einer sozusagen mystischen Verzauberung weicht, einer Ekstase, durch die mein ganzes Wesen sich erhöht fühlt, oder genauer: befreit von seinen egoistischen Schnüren und Bändern, entrückt aus sich selbst, entpersönlicht. Wer das nicht aus eigener Erfahrung kennt, wird mich nicht verstehen. Aber ich fühlte, daß La Pérouse mich verstand. Jegliche Beteuerung wäre mir als überflüssig und unpassend erschienen, und so begnügte ich mich mit einem langen, festen Händedruck. Seine Augen leuchteten in einem seltsamen Glanz. Nun zeigte er mir noch ein Stück Papier, das er zusammen mit dem Kuvert aufbewahrt gehabt hatte:
»Hier habe ich seine Adresse aufgeschrieben. Denn ich weiß, wo er jetzt ist. ›Saas-Fee‹. Kennen Sie den Ort? Er liegt in der Schweiz. Ich habe ihn auf der Karte gesucht, aber nicht gefunden.«
»Ja«, sagte ich, »das ist ein kleines Dorf in der Nähe des Matterhorns.«
»Ist es sehr weit dahin?«
»Nicht so weit, daß ich nicht vielleicht hinkönnte.«
»Oh, das würden Sie tun? … Wie gütig Sie sind! Ich selbst bin zu alt. Und ich könnte ja auch der Mutter wegen nicht … Aber es scheint mir, als ob ich …« –… er zögerte und suchte nach einem Wort: –… »als ob ich leichter von dannen ginge, wenn ich ihn noch hätte sehen dürfen …«
»Mein armer Freund … Alles, was ein Mensch vermag, um Ihnen das Kind zu bringen, das will ich tun. Sie sollen den kleinen Boris sehen, das verspreche ich Ihnen.«
»Dank, Dank! …«
Er umarmte mich krampfhaft.
»Aber Sie müssen mir dafür versprechen, gar nicht mehr zu denken an …«
»Oh, das ist eine andere Sache!«, unterbrach er mich schroff. Und als wolle er meine Aufmerksamkeit ablenken, fuhr er fort:
»Denken Sie, neulich –… vor ungefähr einem Monat –… hat die Mutter einer früheren Schülerin mich ins Theater mitgenommen! Es war eine Nachmittagsvorstellung in der Comédie-Française. Ich hatte seit länger als zwanzig Jahren kein Schauspielhaus mehr betreten. Man spielte Hernani von Victor Hugo. Kennen Sie das Stück? Wahrscheinlich wurde sehr gut gespielt, denn das Publikum war begeistert. Ich meinerseits habe unsagbar gelitten. Hätte die Höflichkeit mich nicht zurückgehalten, ich wäre davongelaufen … Wir waren in einer Loge. Man suchte mich zu beruhigen. Fast hätte ich eine Ansprache an das Publikum gehalten. Oh, wie ist so etwas nur denkbar!?«
Ich verstand nicht gleich, wo er hinauswollte, und fragte:
»Sie fanden die Schauspieler verabscheuungswürdig?«
»Natürlich! Wie kann man es nur wagen, solche Schändlichkeiten auf der Bühne darzustellen?! … Und die Zuschauer applaudierten! Und es waren Kinder im Saal: Kinder, von ihren Eltern, denen das Stück bekannt war, dorthin mitgebracht! … Das ist unverantwortlich! Und das in einem Theater, das vom Staate subventioniert wird!«
Des trefflichen Mannes Entrüstung begann mich zu amüsieren. Beinahe wäre ich in Lachen ausgebrochen. Ich suchte ihm auseinanderzusetzen, keine dramatische Kunst vermöge auf die Darstellung von Leidenschaften zu verzichten. Darauf erwiderte er, die Darstellung von Leidenschaften biete unabwendbarerweise ein böses Beispiel für die Zuschauer. So ging die Diskussion eine Zeitlang hin und her. Im Laufe des Gesprächs verglich ich dies pathetische Element des Dramas mit der Entfesselung der Blechinstrumente in einem Orchester –…:
»Zum Beispiel mit dem Einsetzen der Posaunen, das Sie in Beethovenschen Symphonien so sehr bewundern …«
»Aber ich bewundere es absolut nicht, dieses Einsetzen der Posaunen!« rief er mit ungewöhnlicher Heftigkeit. »Warum wollen Sie mich bewundern lassen, was mich quält?!«
Er zitterte am ganzen Leibe. Der fast feindselige Klang seiner Stimme überraschte mich und schien ihm selbst verwunderlich zu sein, denn er fuhr in ruhigerem Tone fort:
»Haben Sie darauf geachtet, daß alles Bemühen der modernen Musik dahin geht, uns gewisse Akkorde, die bisher als disharmonisch galten, nunmehr als erträglich, ja sogar als angenehm erscheinen zu lassen?«
»Ganz recht!« antwortete ich, »alles muß sich schließlich fügen und bequemen zur Harmonie.«
»Zur Harmonie!?« wiederholte er achselzuckend. »Ich sehe darin nur Anpassung an das Böse, an die Sünde! Abgestumpft ist heutzutage jede Feinfühligkeit; getrübt die Reinheit, zermürbt die Widerstandsfähigkeit; man duldet, man nimmt hin …«
»Nach Ihnen dürfte man ja kaum noch wagen, die Kinder zu entwöhnen!«
Doch er fuhr unbeirrt fort:
»Falls man die Intransigenz seiner Jugend zurückgewinnen könnte: worüber wäre man wohl am meisten empört? Über das, was aus einem geworden ist!«
Es war zu spät geworden, um noch eine teleologische Kontroverse anzuspinnen. So versuchte ich ihn auf sein Spezialgebiet zurückzuführen:
»Aber Sie wollen doch die Musik nicht beschränken auf den einzigen Ausdruck klarer Ruhe? Dann freilich würde ein einziger Akkord genügen: ein in sich vollendeter, forttönender Akkord.«
Er ergriff meine Hände, und schwärmerisch-verzückten Blickes wiederholte er mehrmals:
»Ja, das wäre das schönste: ein in sich vollendeter, forttönender Akkord! …«
Gleich darauf, in schon erneuter Trauer:
»Aber unser ganzes Weltall ist von falschen Klängen überflutet!«
Ich verabschiedete mich. Er begleitete mich an die Tür, umarmte mich und sagte leise:
»Ach, wie lange muß man sich gedulden bis zur Auflösung des Akkords!«