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Aus Edouards Tagebuch:
»Den 1. November. –… Vor vierzehn Tagen … –… es war dumm von mir, daß ich das nicht sofort aufgeschrieben habe. Nicht, als ob es mir an Zeit gemangelt hätte, aber mein Herz war noch voll von Laura –… oder genauer: ich wollte mich durch nichts von ihr ablenken lassen. Und ferner: Dinge nur episodischen, rein zufälligen Charakters sollten auf diesen Blättern keinen Platz finden, und ich hatte damals noch nicht den Eindruck, als ob das, was ich jetzt berichten will, irgendwelche ›Konsequenzen nach sich ziehen‹ könne. Wenigstens sträubte ich mich gegen eine solche Annahme, und um mir gewissermaßen die Berechtigung dieses Ablehnens zu beweisen, sah ich davon ab, die Geschichte in meinem Tagebuch zu erzählen. Aber ich habe erkennen müssen (da hilft kein Widerstreben), daß nunmehr die Gestalt Oliviers meinen Gedanken magnetisch ihre Richtung gibt, ihre Bahnen ordnet, und daß ich, ohne ihn in die Bilanz aufzunehmen, mein Tun weder völlig verstehen noch klarlegen könnte.
An dem betreffenden Vormittag kam ich von Perrin zurück, wo ich, anläßlich der Wiederauflegung meines alten Buches, den Versand der Rezensionsexemplare überwacht hatte. Bei dem schönen Wetter schlenderte ich, bis es Essenszeit wäre, die Quais entlang.
Kurz vor dem Laden des Verlegers Vanier blieb ich bei einer Buchhandlung stehen, vor der sich, im Freien, eine Auslage antiquarischer Bücher befand. Mich interessierten weniger die Bücher als vielmehr ein kleiner Gymnasiast von etwa dreizehn Jahren, der, unbekümmert um die wehende Brise, die vollgepfropften Kästen durchstöberte, unter dem wohlwollenden Blick des Buchhändlers, der sich's, neben der Ladentür, in einem Korbstuhl bequem gemacht hatte und von dort aus die Aufsicht führte. Ich tat so, als fesselte auch mich all diese zerlesene, vergilbte Literatur verschollener Autoren, aber dabei achtete ich unauffällig auf den Kleinen. Er hatte einen fadenscheinigen Überzieher an, aus dessen zu kurzen Ärmeln das Jackett hervorguckte. Die große Seitentasche stand klaffend offen, obwohl augenscheinlich nichts darin war; der Stoff war an den Ecken eingerissen. Mir kam in den Sinn, daß dieser Überzieher schon von mehreren Brüdern getragen worden sein müsse und daß diese Brüder (wie vielleicht auch der jetzige Träger) sicherlich die Angewohnheit gehabt hatten, viel zu viel Sachen in ihre Taschen zu stecken. Des weiteren dachte ich, die Mutter dieser Söhne sei wohl ziemlich nachlässig –… oder allzusehr in Anspruch genommen, als daß sie sich um jede zerrissene Tasche bekümmern könnte. Aber in diesem Moment (der Kleine hatte sich ein wenig umgedreht) sah ich, daß die andere Tasche ganz ausgebessert war, mit groben Stichen, mit dicker, fester schwarzer Wolle. Und schon glaubte ich die mütterlichen Ermahnungen zu hören: »Tu doch nicht immer soviel Bücher in deine Taschen! Du ruinierst dir den Paletot noch ganz! Die eine Tasche ist schon wieder zerrissen! Das nächste Mal stopf ich sie dir aber nicht wieder, das sag ich gleich! Wie siehst du überhaupt nur schon wieder aus!?« … Lauter Dinge, die meine arme Mutter auch zu mir gesagt hatte, lauter Verwarnungen, die auch ich nicht befolgt hatte … Der Überzieher des Knaben stand vorne offen und ließ die Jacke sehen. Mein Auge wurde durch etwas wie ein kleines Ordenszeichen angezogen, ein Bändchen, oder vielmehr eine gelbe Rosette, die er im Knopfloch trug. –… Das alles notiere ich aus Pflichtgefühl, und gerade weil es mich langweilt, es zu notieren.
In einem bestimmten Moment wurde der Ladeninhaber ins Innere seiner Butike abgerufen. Er blieb nur einen Augenblick weg, dann erschien er wieder und nahm seinen Platz im Korbstuhl wieder ein. Aber dieser Augenblick hatte dem Knaben genügt, um das Buch, das er in Händen hielt, in seine Manteltasche gleiten zu lassen. Gleich darauf begann er wieder in den Auslagekästen zu wühlen, als wenn nichts geschehen wäre. Dennoch war er unruhig; er hob den Kopf, bemerkte meinen Blick und erkannte, daß ich alles gesehen hatte. Wenigstens mußte er sich sagen, daß ich alles hätte sehen können, er war dessen offenbar nicht ganz sicher. Aber infolge dieses Zweifels verlor er jede Unbefangenheit, wurde rot und begann eine kleine Szene zu spielen, indem er trotz seiner peinlichen Verlegenheit das Aussehen ungeheuren Wohlbehagens vorzutäuschen trachtete. Ich ließ ihn nicht aus den Augen. Er nahm das entwendete Buch aus der Tasche, steckte es dann wieder ein, ging einige Schritte weiter, brachte aus seiner inneren Jackentasche ein elendes, abgeschabtes kleines Portefeuille zum Vorschein, in dem er demonstrativ nach dem Gelde suchte, das, wie er genau wußte, nicht darin war, machte dann eine bezeichnende Bewegung, ein augenscheinlich an meine Adresse gerichtetes Theatermäulchen, das besagen sollte: »Verdammt! Ich hab' nichts bei mir!«, mit der Nuance nebenher: »Das ist aber wirklich komisch! Ich glaubte doch so sicher, was bei mir zu haben!« –… Das alles ein bißchen übertrieben, etwas zu dick aufgetragen, wie wenn ein Schauspieler fürchtet, sich nicht deutlich genug verständlich zu machen. Dann näherte er sich –… ich möchte fast sagen: unter dem Druck meines Blickes –… von neuem der Auslage, nahm das Buch wieder aus der Tasche und stellte es schnell an seinen ursprünglichen Platz zurück. Das alles ging so selbstverständlich vor sich, daß der Ladeninhaber gar nichts bemerkte. Darauf hob der Kleine wieder den Kopf, in der Hoffnung, nunmehr los und ledig zu sein. Doch nein: mein Blick war immer noch da, gleich dem Auge des Kain, nur, daß mein Auge lächelte. Ich hätte gerne mit ihm gesprochen und wartete, daß er die Auslage verlasse, um ihn anzureden. Doch er rührte sich nicht, blieb vielmehr wie festgebannt vor den Büchern stehen. Ich begriff, daß er in dieser Stellung verbleiben würde, solange ich ihn dermaßen ansähe. Da entfernte ich mich ein paar Schritte, gleichsam als hätte ich nun genug von den Büchern (wie man bei dem Spiel »Verwechselt das Bäumchen« seinen Platz scheinbar verläßt, um die andern zu locken, das gleiche zu tun). Wirklich: auch er schickte sich an, zu gehen. Aber kaum hatte er sich in Bewegung gesetzt, da war ich schon wieder an seiner Seite.
»Was war das für ein Buch?« fragte ich ihn geradeheraus, jedoch beflissen, meine Stimme und Miene so sanft wie möglich erscheinen zu lassen.
Er blickte mir offen ins Gesicht, und ich fühlte sein Mißtrauen schwinden. Dieser Junge war vielleicht nicht gerade schön zu nennen, aber was für hübsche Augen er hatte! Ich sah darin alle Arten von Empfindungen sich bewegen, wie Pflanzen auf dem Grunde eines Bächleins.
»Es war ein Führer durch Algerien. Aber er ist zu teuer. Ich bin nicht reich genug.«
»Wie teuer?«
»Zwei Franken fünfzig.«
»Aber wenn du nicht gemerkt hättest, daß ich dir zusah, so wärst du jetzt mit dem Buche in der Tasche auf und davon!«
Diese Äußerung erweckte den Trotz des Kleinen. Er warf sich in die Brust und sagte in möglichst ordinärem Tonfall:
»Ach –… Sie meinen wohl, ich hätte klauen wollen?! …« –… so überzeugungsvoll, daß ich an dem, was ich mit eigenen Augen gesehen, hätte irre werden können. Ich fühlte, daß mir die Beute entgleiten würde, falls ich auf diesem Thema beharrte.
Ich nahm also drei Geldstücke aus der Tasche:
»Da kauf dir's. Ich warte hier.«
Zwei Minuten später kam er wieder, eifrig den Gegenstand seiner Wünsche durchblätternd. Ich nahm ihm das Buch aus der Hand: es war ein alter Reiseführer aus dem Jahre 1871.
»Was willst du damit machen?« fragte ich und gab ihm das Buch zurück. »Der ist ja zu alt und längst nicht mehr brauchbar!«
Er versicherte: »Doch!« Übrigens seien die neueren Führer noch viel teurer, und »für das, was er damit täte«, seien die Karten dieser alten Auflage ebenso dienlich. –… Ich versuche nicht, die Äußerungen des Kleinen mit seinen eigenen Worten wiederzugeben, da ich die grobe, nach der Straße schmeckende Klangfarbe, in der er sich gefiel und die mich um so mehr amüsierte, als seine Sätze im übrigen nicht ohne Eleganz waren –… da ich diesen Akzent der äußeren Boulevards hier ja doch nicht reproduzieren könnte.
Ich muß diese Episode stark kürzen. Anschaulichkeit soll nicht durch tausend Einzelheiten erreicht werden, sondern durch zwei oder drei Züge, die genau am rechten Orte stehen und die der Phantasie des Lesers ermöglichen, alles übrige zu ergänzen. Ich dächte es mir übrigens interessant, dies alles von dem Knaben selbst erzählen zu lassen: sein Standpunkt ist bezeichnender als der meine. Der Junge fühlt sich durch die Aufmerksamkeit, die ich ihm entgegenbringe, zugleich geniert und geschmeichelt. Aber der lastende Druck meines Blickes fälscht seine Haltung einigermaßen. Eine noch zu schwache, ihrer selbst noch nicht genügend bewußte Persönlichkeit wehrt sich und verbirgt sich hinter einer Pose. Nichts ist schwieriger zu beobachten als Wesen, die in der Entwicklung begriffen sind. Man müßte sie nur von der Seite, im Profil, betrachten können. –…
Der Kleine erklärte plötzlich, das liebste am Schulunterricht sei ihm die Geographie. Ich kam auf den Verdacht, hinter dieser Bevorzugung stecke eine instinktive Lust am Vagabundieren.
»Du möchtest also nach Afrika?« fragte ich ihn.
»Na, und ob!« machte er und zuckte ein wenig mit den Achseln.
In mir tauchte der Gedanke auf, er fühle sich zu Hause nicht besonders glücklich. Ich fragte ihn, ob er bei seinen Eltern wohne. –… »Ja.« –… Und ob es ihm da nicht gefalle? –… »Oh doch!« beteuerte er nachlässig. Sein Mißtrauen gegen mich schien neu zu erwachen. Er erkundigte sich:
»Warum fragen Sie mich danach?«
»Ohne besonderen Grund«, antwortete ich rasch. Dann, mit dem Finger auf das gelbe Bändchen deutend, das er im Knopfloch trug: »Was ist denn das?«
»Das ist ein Stück Band, das sehen Sie doch!
Offenbar waren ihm meine Fragen unbequem. Mit einemmal sah er mir voll ins Gesicht, beinahe feindselig und herausfordernd, und sagte in einem frechen Ton, dessen ich ihn niemals für fähig gehalten hätte und der mich ganz aus der Fassung brachte:
»Sagen Sie mal … passiert Ihnen das öfter, den Jungens vom Gymnasium schöne Augen zu machen?«
Während ich verwirrt eine Antwort stammelte, öffnete er die Schulmappe, die er unterm Arm trug, und tat das neuerworbene Buch hinein. In der Mappe befanden sich Schulbücher und einige Hefte, die alle den gleichen blauen Umschlag hatten. Ich nahm eins heraus: das vom Geschichtsunterricht. Obenauf hatte der Kleine seinen Namen hingemalt, in großen Buchstaben. Mein Herz tat einen Sprung, als ich den Namen meines Neffen las:
Georges Molinier.
(Auch Bernards Herz klopfte stürmisch, als er diese Zeilen las, und die ganze Geschichte begann ihn ungemein zu interessieren.)
»Es wird schwer sein, in den Falschmünzern plausibel zu machen, daß derjenige, der dort meine Rolle spielen wird, obwohl er mit seiner Schwester immer in guten Beziehungen stand, doch deren Kinder nicht gekannt habe. Es ist mir stets schwer gefallen, die Wahrheit umzumodeln. Schon die Haarfarbe einer Person zu ändern, erscheint mir als ein Betrug, der das Wahre für mein Gefühl weniger wahrscheinlich macht. Alles hält sich gegenseitig im Gleichgewicht, und ich empfinde so subtile Abhängigkeiten der realen Tatsachen voneinander, daß es mir vorkommt, als dürfe man nicht die geringste Einzelheit daran ändern, ohne das Gesamtbild zu gefährden. Aber ich kann doch nicht erzählen, daß die Mutter dieses Knaben nur meine Halbschwester ist, aus meines Vaters erster Ehe stammend, daß ich sie bei Lebzeiten meiner Eltern nie zu Gesicht bekommen hatte, und daß Erbschaftsangelegenheiten uns dann notgedrungen in Berührung gebracht haben … Dennoch ist es für den Leser unumgänglich, all das zu wissen, und ich könnte beim besten Willen, Indiskretionen zu vermeiden, kaum etwas anderes erfinden. Ich wußte, daß meine Halbschwester drei Söhne hatte; ich kannte nur den ältesten, einen Studenten der Medizin; aber auch ihn hatte ich nur flüchtig gesehen, denn er hatte wegen eines tuberkulösen Leidens seine Studien unterbrechen und sich irgendwohin in den Süden begeben müssen. Die beiden andern waren in den Stunden, da ich Pauline gelegentlich besucht hatte, niemals dagewesen. Der, den ich vor mir hatte, war offenbar der Jüngste. Ich ließ nichts merken von meiner Überraschung, aber nachdem ich von dem kleinen Georges noch erfahren hatte, er gehe jetzt zum Mittagessen nach Hause, sprang ich, nach raschem Abschied, in ein Auto,, um früher in der Rue Notre-Dame-des-Champs zu sein als er selbst. Ich vermutete, daß Pauline, wenn ich zu dieser Stunde käme, mich zum Essen dabehalten würde (und so geschah es denn auch). Mein Buch, von dem ich ein Exemplar aus dem Verlag mitgenommen hatte und das ich ihr überreichen konnte, würde diesem unzeitigen Besuch als Vorwand dienen.
Es war das erstemal, daß ich bei Pauline zu Tisch war. Bisher war ich meinem Schwager möglichst ausgewichen, woran ich unrecht getan hatte, denn wenn er auch gerade kein hervorragender Jurist sein mag, so weiß er doch im Gespräch mit mir sein Fachgebiet ebensosehr zu vermeiden wie ich das meinige, so daß wir recht gut miteinander auskommen.
Wie ich nun heute so unerwartet auftauchte, verriet ich natürlich mit keinem Wort etwas von der Begegnung, die ich soeben gemacht hatte.
»Das wird mir hoffentlich erlauben, die Bekanntschaft meiner Neffen zu machen«, sagte ich, als Pauline mich aufforderte, zum Essen zu bleiben; »zwei von ihnen kenne ich ja noch gar nicht.«
»Olivier kommt heute etwas später«, sagte sie, »er hat eine Repetitionsstunde, wir wollen uns ohne ihn zu Tisch setzen. Aber Georges ist schon da, ich hab ihn eben kommen hören. Ich will ihn rufen.«
Sie eilte an die Tür, die ins Nebenzimmer führte:
»Georges! Komm und sag Onkel Edouard guten Tag!«
Der Kleine trat ein, kam auf mich zu und reichte mir die Hand, ich küßte ihn auf die Wangen … Ich bewundere die Verstellungskunst der Kinder: er gab keinerlei Überraschung zu erkennen und benahm sich durchaus, als hätte er mich nie gesehen. Höchstens, daß er sehr rot wurde; aber das konnte die Mutter der Schüchternheit zuschreiben. Trotzdem dachte ich einen Augenblick, daß dies erneute Zusammentreffen mit dem Spürhund von vorhin ihm vielleicht doch peinlich sei, denn er blieb nur ganz kurze Zeit bei uns und ging dann wieder ins Nebenzimmer, das als Speisezimmer und –… außerhalb der Mahlzeiten –… wohl auch als Arbeitsstube für die Kinder diente. Aber nach kaum einer Minute (der Vater war eben eingetreten) kam Georges schon wieder zu uns in den Salon und benutzte den Moment, wo man ins Eßzimmer hinüberging, um sich mir zu nähern und, von den Eltern unbemerkt, meine Hand zu ergreifen. Ich glaubte zunächst an eine Kundgebung der Kameradschaft und amüsierte mich darüber. Doch nein: er öffnete mir die Hand, die ich über der seinen wieder schloß, und steckte mir einen kleinen Zettel hinein, den er offenbar soeben geschrieben hatte. Dann preßte er meine Finger, stark drückend, über dem Zettel wieder zusammen. Selbstverständlich ging ich auf dieses Spiel ein; ich steckte den Zettel heimlich in die Tasche. Erst nach dem Essen konnte ich ihn wieder hervorholen. Da las ich:
Wenn Sie meinen Eltern die Geschichte mit dem Buch erzählen, so (hier war ausgestrichen: hasse ich Sie) sage ich, daß Sie mir Anträge gemacht haben.
Und weiter unten:
Ich komme jeden Vormittag um 10 Uhr aus dem Gymnasium.
Gestern durch den Besuch von Y unterbrochen. Unbehaglicher Zustand nach seinem Weggehen. –…
Viel nachgedacht über das, was Y gesagt hat. Er weiß nichts von meinem Leben, aber ich habe ihm den Plan zu den Falschmünzern ausführlich dargelegt. Sein Rat ist mir immer nützlich gewesen, denn er stellt sich auf einen andern Standpunkt als ich. Er fürchtet, ich würde ins Unnatürliche verfallen und mein wahres Thema aufgeben zugunsten von dessen Schatten in meinem Hirn. Was mich beunruhigt, ist, daß ich –… an dem Punkte, wo ich angelangt bin –… das Leben (mein Leben) sich trennen fühle von meinem Werk, mein Werk sich entfernen von meinem Leben. Aber das habe ich ihm nicht sagen können. Bis jetzt nährten (wie es sich ziemt) meine Neigungen, meine Empfindungen, meine persönlichen Erfahrungen alle meine Schriften; noch in den bestgebauten Sätzen hörte ich mein Herz klopfen. Doch nunmehr ist das Band gerissen zwischen dem, was ich fühle, und dem, was ich denke. Und ich glaube, daß gerade der Zustand, der mich jetzt hemmt, mein Herz sprechen zu lassen, mein Werk ins Erkünstelte und Abstrakte zieht. Indem ich darüber nachdenke, wird mir plötzlich die Bedeutung der Sage von Apollo und Daphne klar –…: glücklich, wer in einer einzigen Umarmung den geliebten Gegenstand und den Lorbeer umfassen kann!
Ich habe meine Begegnung mit Georges in solcher Ausführlichkeit erzählt, daß ich aufhören mußte in dem Moment, wo Olivier auf der Bildfläche erschien. Ich habe die ganze Erzählung nur begonnen, um von ihm zu sprechen, und in Wirklichkeit habe ich nur von Georges gesprochen. Jetzt, wo der Augenblick gekommen ist, Olivier auftreten zu lassen, erkenne ich, daß einzig der Wunsch, diesen Augenblick möglichst hinauszuschieben, die Ursache meiner Weitschweifigkeit gewesen ist. Sowie ich Olivier an diesem ersten Tag erblickte, sowie er sich an den Familientisch setzte, bei meinem ersten Blick, oder genauer, bei seinem ersten Blick, fühlte ich, daß dieser Blick sich meiner bemächtigte und daß ich nicht mehr über mein Leben verfügte. –…
Pauline möchte, daß ich öfter zu ihr käme. Sie bittet mich inständig, ihren Kindern ein wenig Interesse entgegenzubringen. Sie deutet an, Monsieur Molinier verstehe sich nicht gut auf das Wesen der Kinder. Je mehr ich mit Pauline spreche, desto sympathischer wird sie mir. Ich begreife nicht mehr, warum ich so lange nicht zu ihr gekommen bin. Die Kinder sind in der katholischen Religion erzogen; aber Pauline erinnert sich ihrer eigenen, protestantischen Frühzeit noch recht wohl, und obgleich sie das Haus unseres gemeinsamen Vaters in dem Augenblick verlassen hat, da meine Mutter dort einzog, so entdecke ich doch manche Ähnlichkeit zwischen ihr und mir. Sie hat ihre Kinder, zur Beaufsichtigung der Schularbeiten, in die Pension von Lauras Eltern gegeben, wo ich selbst so lange gewohnt habe. Die Pension Vedel-Azaïs legt übrigens Wert darauf, keinen besonderen konfessionellen Anstrich zu haben (zu meiner Zeit gab es sogar Türken da), obwohl der alte Azaïs, der sie gegründet hat und noch jetzt leitet (und der übrigens mit meinem Vater befreundet war), früher Pastor gewesen ist.
Pauline erhält ziemlich günstige Nachrichten aus dem Sanatorium, in dem Vincent sich zur Kur aufhält. In ihren Briefen an ihn tue sie, wie sie mir sagt, meiner häufig Erwähnung; sie wünsche sehr, daß ich Vincent, den ich bisher ja nur flüchtig gesehen, näher kennenlerne. Auf diesen ältesten Sohn setzt sie große Hoffnungen; der ganze Haushalt muß sich die härtesten Opfer auferlegen, damit Vincent sich bald etablieren, daß heißt, eine selbständige Wohnung zum Empfange der Patienten beziehen kann. Inzwischen hat sie ihm einen Teil der ohnehin beschränkten Familienwohnung zur Verfügung gestellt, was sich dadurch ermöglichen ließ, daß sie für Olivier und Georges ein gerade leerstehendes, eine halbe Treppe tiefer gelegenes Einzelzimmer hinzumietete. Die große Frage ist nun, ob Vincent, im Interesse seiner Gesundheit, wohl darauf werde verzichten müssen, zunächst einen Assistentenposten an einem Hospital anzunehmen.
Die Wahrheit zu gestehen, interessiert mich Vincent eigentlich nur wenig, und wenn ich trotzdem mit seiner Mutter viel über ihn spreche, so nur aus Höflichkeit und um sodann eingehender auf Olivier kommen zu können. Was den kleinen Georges anlangt, so ist sein Benehmen zu mir eiskalt geworden; wenn ich das Wort an ihn richte, so antwortet er kaum, sondern wirft mir nur, von der Seite her, unendlich mißtrauische Blicke zu. Er scheint mir böse zu sein, weil ich nie vor der Schule auf ihn gewartet habe. Oder ist er, wegen seines Entgegenkommens, böse auf sich selbst?
Olivier bekomme ich fast nie zu sehen. Wenn ich bei seiner Mutter bin, so wage ich ihn nicht in dem Zimmer, wo er arbeitet, aufzusuchen. Begegne ich ihm jedoch einmal zufällig, so bin ich so verwirrt und ungeschickt, daß ich ihm nichts zu sagen weiß, und das quält mich so, daß ich seine Mutter lieber nur zu Stunden besuche, da er bestimmt nicht zu Hause ist.