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VI

 

Aus Edouards Tagebuch:

»Die Romanschreiber mißbrauchen unser Vertrauen, indem sie Individuen darstellen, deren Einengung durch die Umwelt sie außer acht lassen. Der Wald gestaltet den Baum. Wie wenig Platz ist dem einzelnen gelassen! Wieviel erstorbene Schößlinge! Jeder streckt sein Gezweig, wohin er kann. Der ›mystische Zweig‹ verdankt seine Entstehung zumeist dem Mangel an Luft und Licht, der beklemmenden Enge des Milieus. Die Richtung nach oben bietet den einzigen Ausweg. Ich begreife nicht, wie Pauline ohne mystischen Trieb auskommen kann oder auf welch vermehrten Druck des Schicksals sie noch wartet. Sie hat heute vertraulicher mit mir gesprochen, als sie bisher zu tun pflegte. Ich ahnte nicht, das muß ich gestehen, wieviel Sorge und Resignation sie unter dem Anschein des Glückes verbirgt. Aber ich erkenne an, daß sie eine ziemlich gewöhnliche Natur sein müßte, um von Oscar Molinier nicht enttäuscht worden zu sein. Vorgestern, in meiner Unterhaltung mit ihm, habe ich die Grenzen seines Wesens ja ermessen können. Wie hat Pauline ihn nur heiraten können? … Ach, das schlimmste Defizit eines Mannes, das des Charakters, kann lange verborgen bleiben: es enthüllt sich erst im Gebrauch.

Pauline wendet all ihren Scharfsinn auf, um Oscars Schwächen und Unzulänglichkeiten zu beschönigen, sie vor den Augen der Welt zu bemänteln; besonders aber vor den Augen der Kinder. Sie zergrübelt sich, um den Kindern zu ermöglichen, Achtung vor ihrem Vater zu haben. Und wirklich, das ist keine kleine Arbeit. Aber sie operiert dabei so geschickt, daß auch ich mich bisher täuschen ließ. Sie spricht von ihrem Manne ohne Mißachtung, doch mit einer Art Toleranz, die manches verrät. Sie beklagt es, daß er eine so geringe Autorität über die Kinder habe; und als ich mein Bedauern darüber aussprach, Olivier in Gesellschaft von Passavant zu sehen, begriff ich, daß, wenn es nur auf sie angekommen wäre, die Reise nach Korsika nicht stattgefunden haben würde.

»Ich habe diese Reise nicht gebilligt«, sagte sie; »und die Wahrheit zu gestehen, gefällt mir dieser Monsieur Passavant recht wenig. Aber was hätte ich tun sollen? Was ich nicht hindern kann, das lasse ich lieber gutwillig geschehen. Oscar, der gibt ja überall nach; auch mir gegenüber gibt er nach. Aber wenn ich es für geboten halte, irgendeinem Wunsche der Kinder entgegenzutreten, ihnen Widerstand zu leisten, die Stirn zu bieten, dann finde ich niemals einen Rückhalt an ihm. Auch Vincent hat sich in die Sache eingemischt. Wie hätte ich Olivier da noch widerstreben können, ohne sein Vertrauen zu mir aufs Spiel zu setzen? Und an seinem Vertrauen ist mir alles gelegen.«

Sie hatte ein Häuflein zerrissener »Socken« vor sich liegen und war während des Sprechens geschäftig, sie zu stopfen –…: Strümpfe, dachte ich, wie sie Olivier jetzt nicht mehr anziehen würde … Sie hielt im Sprechen inne, um die Nadel einzufädeln, dann fuhr sie, leiseren Tones, gleichsam vertraulicher und schmerzlicher, fort:

»Sein Vertrauen! … Wenn ich wenigstens die Gewißheit hätte, es noch zu besitzen … Ach, ich sehe wohl: ich habe es verloren!«

Der Protest, den ich, ohne rechte Überzeugung, versuchte, entlockte ihr nur ein trauriges Lächeln. Sie ließ ihre Arbeit in den Schoß sinken und sagte:

»Hören Sie: ich weiß, daß er in Paris ist! Georges hat ihn heute mittag auf der Straße gesehen! Er hat es vorhin bei Tisch so nebenbei erwähnt, und ich habe getan, als achtete ich nicht darauf, denn es gefällt mir nicht, daß er seinen Bruder angibt. Aber jedenfalls weiß ich es nun. Olivier verbirgt sich vor mir! Wenn ich ihn wiedersehe, wird er sich für verpflichtet halten, mich zu belügen, und ich werde mich stellen, als ob ich ihm glaubte … genau so, wie ich mich gläubig stelle, so oft sein Vater mir etwas zu verheimlichen sucht.«

»Das geschieht aus Furcht, Ihnen Kummer zu bereiten.«

»Auf solche Weise bereitet er mir noch viel mehr Kummer! Ich bin nicht unduldsam. Manche kleinen Verfehlungen lasse ich hingehen, schließe die Augen über sie.«

»Von wem sprechen Sie momentan?«

»Oh, vom Vater genau so wie von den Kindern.«

»Indem Sie tun, als merkten Sie nichts, belügen Sie sie auch!«

»Aber wie soll ich es denn anders machen? Es ist doch schon viel, daß ich mich nicht beklage: soll ich auch noch zustimmen? Sehen Sie, ich sage mir, daß uns Menschen früher oder später alles entgleitet, woran unser Herz hängt, und daß die zärtlichste Liebe nichts dagegen vermag … Was sage ich? … Sie wird nur lästig, diese zärtliche Liebe, sie erscheint zudringlich! Mit mir ist es so weit gekommen, daß ich selbst meine Liebe verstecken muß.«

»Momentan sprechen Sie von Ihren Söhnen!«

»Warum sagen Sie das? Wollen Sie damit andeuten, ich könnte Oscar nicht mehr lieben? Manchmal sage ich mir das auch. Aber gleich hinterher sage ich mir dann, daß nur die Angst vor allzugroßem Leid der Grund ist, warum ich ihn nicht länger mehr liebe. Und … ja, Sie sollen recht haben: wenn es sich um Olivier handelt, dann will ich lieber leiden.«

»Und Vincent?«

»Vor einigen Jahren hätte ich Ihnen alles, was ich Ihnen heute in bezug auf Olivier gesagt habe, in bezug auf Vincent gesagt!«

»Meine arme Freundin … Bald werden Sie es in bezug auf Georges sagen müssen.«

»Aber allmählich schickt man sich darein. Ach, man hat ja schon nicht viel vom Leben verlangt! Man lernt die Kunst, noch weniger von ihm zu verlangen … immer weniger.« –… In sanftem Tone fügte sie hinzu: –… »und von sich selbst: immer mehr.«

»Mit solchen Ideen ist man fast schon ein guter Christ«, sagte ich lächelnd.

»Das sage ich mir gelegentlich auch. Aber es genügt nicht, solche Ideen zu haben, um ein guter Christ zu sein.«

»Ebensowenig wie es genügt, ein guter Christ zu sein, um solche Ideen zu haben.«

»Ich habe manchmal gedacht –… darf ich es Ihnen sagen? –…, daß in Ermangelung des Vaters vielleicht Sie mit den Kindern sprechen könnten!«

»Vincent ist weit weg.«

»Für den wäre es auch zu spät. Nein, ich denke an Olivier. Mit Ihnen hätte er auf Reisen gehen sollen, das wäre mein Wunsch gewesen!«

Bei diesen Worten, die mir mit einemmal zum Bewußtsein brachten, was hätte sein können, wenn ich dem Abenteuer nicht unbesonnen seinen Lauf gelassen hätte, geriet ich in eine schreckliche Erregung und vermochte zunächst kein Wort hervorzubringen. Doch wie ich fühlte, daß die Tränen mir in die Augen stiegen, glaubte ich irgend etwas äußern zu müssen, was meine Verwirrung motivieren könnte:

»Ich fürchte, daß es auch für Olivier zu spät ist!« seufzte ich.

Pauline ergriff meine Hand:

»Wie gut Sie sind!« sagte sie.

Mir war es eine Qual, sie dermaßen im Irrtum zu sehen. Und da ich sie nicht darüber aufklären konnte, so wollte ich das Gespräch wenigstens von einem Thema ablenken, das mir ein so peinliches Unbehagen bereitete.

»Und Georges?« fragte ich.

»Der macht mir noch mehr Sorge, als mir die beiden andern gemacht haben!« antwortete sie traurig. »Bei dem trifft es übrigens nicht einmal zu, daß er mir entgleitet –…: er ist nie anhänglich und vertrauensvoll zu mir gewesen.«

Sie zögerte einige Augenblicke. Es fiel ihr offenbar schwer, das auszusprechen, was sie auf dem Herzen hatte.

»Diesen Sommer, als wir in Houlgate waren, hat sich etwas recht Unangenehmes ereignet«, sagte sie endlich, »etwas, was ich ungern erzähle und was übrigens für mein Gefühl keineswegs ganz aufgeklärt worden ist … Aus dem Schrank, in den ich mein Geld zu verschließen pflegte, ist ein Hundertfrankenschein verschwunden. Um niemand ungerecht zu verdächtigen, habe ich überhaupt keinen Verdacht ausgesprochen. Das Zimmermädchen, das uns im Hotel bediente, ein junges Geschöpf, schien mir ehrlich zu sein. In Gegenwart von Georges habe ich geäußert, ich hätte das Geld verloren. Damit habe ich Ihnen schon verraten, daß mein Argwohn sich auf ihn richtete. Er zeigte sich aber in keiner Weise betroffen, ward auch nicht rot … Nun schämte ich mich meiner Vermutung und suchte mir einzureden, ich hätte mich geirrt. Ich rechnete meine Ausgaben noch einmal genau nach; doch leider blieb kein Zweifel: es fehlten hundert Franken. Ich schwankte, ob ich den Knaben ins Gebet nehmen sollte, und habe mich nicht dazu entschließen können. Die Furcht, daß er zum Diebstahl die Unwahrheit fügen werde, hielt mich ab. Habe ich falsch gehandelt? … Heute mache ich es mir zum Vorwurf, daß ich nicht energischer aufgetreten bin. Vielleicht hinderte mich auch die Angst, daß ich zu streng hätte sein müssen; oder daß ich nicht vermocht hätte, streng genug zu sein. Also habe ich wieder einmal die Unwissende gespielt; aber das Herz blutete mir dabei das können Sie mir glauben. Ich ließ die Zeit vergehen. Dann sagte ich mir: jetzt wäre es auf jeden Fall zu spät, die Strafe würde der Missetat allzu spät folgen. Und welche Strafe hätte ich auch wählen sollen? Ich habe also gar nichts getan; ich werfe es mir vor … Aber was hätte ich denn tun können? … Dann habe ich mir überlegt, ob es vielleicht gut sei, ihn nach England zu schicken, und ich hätte gern Ihre Meinung darüber gehört, doch ich wußte nicht, wo Sie waren … Aber wenigstens habe ich ihm meine Sorge und Unruhe nicht verheimlicht, und ich glaube auch, daß das Eindruck auf ihn gemacht hat, denn er hat ja ein gutes Herz. Ich rechne eigentlich mehr auf die Vorwürfe, die er sich (falls er wirklich das Geld genommen hat) selbst gemacht haben wird, als auf diejenigen, die ich ihm hätte machen können. Er wird so etwas nie wieder tun, dessen bin ich sicher! Er hat dort in Houlgate zufällig einen Schulfreund getroffen, der aus sehr reicher Familie ist. Möglich, daß der ihn zu irgendwelchen Ausgaben verleitet hat … Wahrscheinlich hatte ich übrigens den Schrank gar nicht verschlossen, sondern ihn offen stehen lassen … Und, noch einmal: ich bin keineswegs sicher, daß Georges es gewesen ist. Im Hotel gingen ja so viel Leute ein und aus …«

Ich bewunderte den Scharfsinn, mit dem sie alle Momente in den Vordergrund schob, die dafür sprechen konnten, daß Georges an der Sache unschuldig war.

»Ich hätte gewünscht, daß er das Geld dorthin zurückgelegt hätte, woher er es genommen hatte«, sagte ich.

»Das habe ich mir auch gesagt. Und da er das nicht getan hat, so habe ich darin einen Beweis seiner Unschuld sehen wollen. Andererseits habe ich mir allerdings auch gesagt, daß er es vielleicht nicht gewagt hat.«

»Haben Sie mit seinem Vater über die Sache gesprochen?«

Sie zögerte etwas.

»Nein«, sagte sie dann, »es ist mir lieber, daß er nichts davon weiß.«

In diesem Augenblick schien aus dem Nebenzimmer ein schwaches Geräusch zu kommen. Pauline erhob sich, um nachzusehen –…: es war niemand da. Dann nahm sie ihren Platz wieder ein:

»Oscar hat mir erzählt, daß Sie neulich mit ihm geplaudert haben. Er hat mir soviel Rühmens von Ihnen gemacht, daß ich vermute, Sie haben sich in der Hauptsache auf die Kunst des Zuhörens beschränkt.« (Bei diesen Worten lächelte sie schmerzlich.) »Falls er Ihnen irgend etwas anvertraut haben sollte, will ich das Geheimnis natürlich respektieren … obwohl ich von seinen privaten Zerstreuungen sehr viel mehr weiß, als er denkt … Aber seitdem ich in Paris zurück bin, begreife ich nicht recht, was eigentlich mit ihm los ist. Er benimmt sich so sanft, fast möchte ich sagen: so demütig zu mir, daß es mich ganz verlegen macht. Es sieht beinahe aus, als hätte er Angst vor mir. Die brauchte er aber wirklich nicht zu haben … Denn seit Jahren bin ich auf dem laufenden über die Beziehung, die er pflegt … ich weiß ganz genau, zu wem. Er glaubt, ich wüßte nichts davon, und trifft gewaltige Vorsichtsmaßregeln, um alles vor mir zu verheimlichen. Aber diese Maßnahmen sind so auffälliger Natur, daß sie alles nur um so deutlicher verraten. Jedesmal, wenn er, im Begriff auszugehen, ein sorgenvolles, verärgertes überreiztes Wesen annimmt, dann weiß ich, wohin die Reise gehen soll. Ich möchte zu ihm sagen: ›Aber, mein Freund, ich halte dich ja nicht zurück! Fürchtest du vielleicht, ich sei eifersüchtig?‹ Am liebsten möchte ich über die ganz Geschichte lachen … Nur das eine beängstigt mich: daß die Kinder etwas merken könnten … Oscar ist ja so ungeschickt, so zerstreut! Und so bin ich, ohne daß er die geringste Ahnung davon hat, manchmal geradezu gezwungen, seiner Geheimniskrämerei Vorschub zu leisten. Ich denke mir Entschuldigungen für ihn aus; und ich stecke ihm die Briefe, die er herumtreiben läßt, wieder in seine Manteltasche … Man könnte es fast amüsant finden …«

»Richtig!« sagte ich, »er fürchtet, daß Sie Briefe in die Hand bekommen hätten.«

»Hat er Ihnen das gesagt?«

»Und das ist es, was ihn so ängstlich macht!«

»Denken Sie, daß ich mir irgendwelche Mühe gebe, ihrer habhaft zu werden?«

Eine Regung beleidigten Stolzes ließ sie auffahren. Ich mußte hinzufügen:

»Es handelt sich nicht um die, die er vielleicht aus Unachtsamkeit hat herumliegen lassen; sondern um einen ganzen Pack von Briefen, die er in einer Schublade verwahrt hatte und nun nicht wiederfinden kann. Er glaubt, daß Sie sie genommen haben.«

Bei diesen Worten sah ich Pauline erbleichen, und der schreckliche Verdacht, der in ihr aufzuckte, ging blitzschnell auf mich über. Ich bedauerte, gesprochen zu haben, aber jetzt war es zu spät. Sie wandte sich ab und flüsterte:

»Wollte Gott, daß ich es gewesen wäre!«

Sie schien völlig gebrochen.

»Was tun?« klagte sie, »was tun?« –… Dann, sich mir wieder zuwendend:

»Könnten Sie … könnten Sie nicht mit ihm sprechen?«

Obwohl sie vermied, den Namen »Georges« auszusprechen, konnte kein Zweifel sein, daß er es war, den sie meinte.

»Ich will's versuchen. Ich will mir die Sache überlegen«, sagte ich und erhob mich. Und sie, während sie mich auf den Korridor begleitete:

»Sagen Sie, bitte, kein Wort davon zu Oscar! Möge er mich weiterhin in Verdacht behalten; möge er glauben, was er will! … Das ist immer noch besser, als … Kommen Sie doch recht bald wieder!«


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