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VII

Der Wanderer, auf der Höhe angelangt, setzt sich nieder und blickt um sich, bevor er seinen nun absteigenden Weg wieder aufnimmt. Er sucht zu erkennen, wohin ihn sein verschlungener Pfad endlich führt, dieser Pfad, der sich (denn der Abend sinkt) in Schatten und Nacht zu verlieren scheint. So macht der Autor (der nichts im voraus weiß) ein wenig Rast, schöpft Atem und fragt sich unruhig, wohin seine Erzählung ihn führen soll.

Ich fürchte, Edouard begeht eine Unklugheit, indem er den kleinen Boris den Azaïs anvertraut. Doch wie ihn daran hindern? Ein jeder handelt seinem Wesen gemäß, und Edouards inneres Gesetz treibt ihn unaufhaltsam zum Experimentieren. Gewiß hat er ein gutes Herz; aber es wäre mir, um der anderen willen, manchmal lieber, ihn egoistisch, als ihn selbstlos handeln zu sehen; denn die Hilfsbereitschaft, die seine Handlungen bestimmt, ist oft nur die Begleiterin einer geistigen Neugier, die verhängnisvoll werden kann. Edouard kennt die Pension Azaïs; er weiß, welch verpestete Luft dort herrscht unter dem gefährlichen Anschein von Religion und Moral; er kennt auch den kleinen Boris, seine Zartheit und Anfechtbarkeit er müßte voraussehen, welchen Möglichkeiten er ihn aussetzt. Aber er mag nichts in Betracht ziehen als den schützenden Halt, den die prekäre Reinheit des Kindes in der Sittenstrenge des alten Azaïs finden könnte. Welchen Sophismen leiht er sein Ohr? Sicherlich ist es der Teufel, der es ihm einbläst; denn kämen sie von anderer Seite, so würde er nicht auf sie hören.

Ich habe Edouard mehr als einmal (zum Beispiel, wenn er von Douviers spricht) mit recht gemischten Gefühlen betrachtet, ja, ich habe ihn manchmal empörend gefunden. Ich hoffe, dies nicht allzusehr verraten zu haben; aber jetzt kann ich es offen sagen. Sein Verhalten gegen Laura, mitunter so hochherzig, ist mir des öftern infam erschienen.

Was mir an Edouard nicht gefällt, das sind seine inneren Rechtfertigungsversuche. Warum sucht er sich jetzt einzureden, er handle zum Besten des kleinen Boris? Andere Menschen zu belügen: das mag noch hingehen; aber sich selbst!? Will der reißende Bach, der ein Kind ertränkt, es tränken? … Ich leugne nicht, daß es in der Welt edle, großmütige und sogar uneigennützige Handlungen geben kann; ich sage nur, daß hinter den schönsten Beweggründen sich oft ein listiger Dämon verbirgt, der gerade aus dem, was man ihm zu entreißen trachtet, seinen Vorteil zu ziehen weiß.

Benutzen wir die Sommerferien, die unsere Personen in alle Winde zerstreut haben, um uns in aller Muße über sie klar zu werden. Wir befinden uns ja im Mittelpunkt unserer Geschichte, wo ihr Gang langsamer geworden ist und wo sie neue Kräfte zu sammeln scheint, um alsbald ein desto rascheres Tempo nehmen zu können … Bernard ist offenbar noch viel zu jung, als daß er die Schicksale anderer entscheidend beeinflussen könnte. Er traut sich zu, Boris in seinen Schutz zu nehmen; aber er wird ihn höchstens beobachten können. Wir haben bereits gesehen, wie sehr Bernard sich gewandelt hat; aufwühlende Erfahrungen können ihn noch mehr verändern. In einem meiner Notizbücher finde ich einige Sätze, in denen ich meine bisherige Meinung über ihn präzisiert habe:

»Ich hätte Mißtrauen hegen sollen gegen eine so übertriebene Handlungsweise, wie die Bernards zu Beginn seiner Geschichte. Nach seinem späteren Verhalten zu urteilen, scheint er in diesem einen gewaltsamen Entschluß seinen ganzen Vorrat an Anarchie ausgegeben zu haben. Hätte er dagegen, wie es sich ziemt, unter dem Drucke seiner Familie weitergelebt, so würden sich seine oppositionellen Reserven zweifellos immer wieder erneuert haben. Seit er von Hause weg ist, hat Bernard mit einem fortwährenden inneren Protest gegen jene radikale Initiative reagiert. Gerade weil er sich an Widerspruch und Empörung gewöhnt hatte, war es ihm beschieden, sich gegen seine eigene Empörung empören zu müssen. Sicherlich hat keiner meiner Helden mich tiefer enttäuscht, denn wohl auf keinen hatte ich größere Hoffnungen gesetzt. Vielleicht hat er sein virtuelles Wesen zu früh realisieren wollen.«

Aber diese Betrachtungen scheinen mir schon nicht mehr ganz zutreffend zu sein. Ich meine, man sollte doch noch Geduld mit ihm haben. Es steckt viel Edles in ihm, eine herbe Energie und Fähigkeit zur Kritik. Vielleicht hört er sich allzugern reden; aber er spricht ja auch wirklich gut. Allerdings mißtraue ich Gefühlen, die gar so rasch ihren Ausdruck finden. Bernard war stets ein guter Schüler, doch neue Gefühle strömen nicht so willig in erlernte Formen. Etwas mehr Willen zur Phantasie: und er müßte stammeln … Er hat schon zu viel gelesen und zu viel behalten und viel mehr aus Büchern gelernt als aus dem Leben.

Gar nicht trösten kann ich mich über den Rollentausch, der Bernard bei Edouard den Platz Oliviers hat einnehmen lassen. Die Geschehnisse haben sich schlecht arrangiert. Es war doch Olivier, den Edouard liebte! Mit welcher Sorglichkeit hätte er dessen Entfaltung bewacht! Mit welch zärtlicher Scheu hätte er ihn geführt, aufrechtgehalten, zu sich selbst hingelenkt! Passavant wird ihn verderben, das ist sicher. Nichts kann für ihn schädlicher sein als diese gewissenlose Umgarnung. Ich hatte gehofft, Olivier werde sich besser dagegen wehren, doch er ist eine zu weiche Natur und für Schmeicheleien sehr empfänglich. Alles steigt ihm gleich zu Kopfe. Auch aus gewissen Wendungen seines Briefes an Bernard schließe ich, daß er ein bißchen eitel ist. Sinnlichkeit, Trotz, Eitelkeit: oh, das bietet viele Angriffsmöglichkeiten gegen ihn! Wenn Edouard ihn später wiedertrifft, dann wird es wohl zu spät sein. Doch er ist ja noch jung, und man braucht vielleicht noch nicht alle Hoffnungen aufzugeben.

Passavant … am besten kein Wort von dem, nicht wahr? Nichts ist gefährlicher und zugleich beliebter als Männer seiner Art, falls nicht etwa Frauen von der Art der Lady Griffith. Auch mir hat diese Frau ursprünglich ein bißchen imponiert, das gebe ich zu. Aber ich bin schnell von meinem Irrtum zurückgekommen. Derartige Geschöpfe sind aus einem Stoffe gemacht, der keine innere Dichtigkeit hat. Amerika exportiert zahlreiche solche Exemplare; übrigens, ohne ein Monopol auf ihre Produktion zu haben. Reichtum, Intelligenz, Schönheit: alles scheint diesen Wesen zuteil geworden zu sein; aber sie haben keine Seele. Das wird Vincent bald genug spüren. Auf diesen Naturen lastet keinerlei Vergangenheit, keinerlei Zwang, sie haben keine Gesetze, keine Gebieter und keine Bedenken, frei und autonom, machen sie die Verzweiflung des Romanschriftstellers aus, der von ihnen nur Reaktionen ohne Wert erhält. Ich will hoffen, daß Lady Griffith nicht so bald wieder in meinen Gesichtskreis tritt. Leid tut es mir, daß sie uns Vincent entführt hat, der mich seinerseits zunächst mehr interessiert hat, der aber im Verkehr mit Lilian zusehends banaler wird; unter ihren Händen verliert er die (vorher ganz netten) Kanten seines Wesens.

Falls es mir je wieder passieren sollte, einen Roman zu schreiben, so werde ich ihn nur mit »gebrannten« Charakteren bevölkern, die vom Leben nicht abgestumpft, sondern zugespitzt werden. Laura, Douviers, La Pérouse, Azaïs … was soll ich mit all diesen Leuten machen? Ich habe sie nicht gesucht; sie sind mir, während ich Bernard und Olivier folgte, unterwegs begegnet. Aber da hilft nichts: jetzt komme ich nicht mehr von ihnen los.


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