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»Ich wollte eine Frage an Sie richten, Laura«, sagte Bernard; »glauben Sie, daß es auf dieser Erde irgend etwas gibt, was nicht in Zweifel gezogen werden kann? … Mit mir ist es so weit gekommen, daß ich mich frage, ob nicht vielleicht der Zweifel selbst den einzigen Halt in unserem Dasein bieten könnte, denn seine Realität wird sich doch kaum leugnen lassen! Ich kann zweifeln an der Wirklichkeit von allem, aber nicht an der Wirklichkeit meines Zweifelns selbst. Ich möchte … Doch verzeihen Sie, bitte, falls ich mich pedantisch ausdrücken sollte; von Natur bin ich nicht pedantisch, aber ich komme ja aus der ›philosophischen‹ Oberprima, und Sie können sich kaum vorstellen, wie dieses ständige Diskutieren den Geist beeinflußt; ich will mich wieder davon losmachen, das schwöre ich Ihnen!«
»Wozu diese Zwischenbemerkung? Was wollten Sie also sagen: Sie möchten …?«
»Ich möchte die Geschichte eines Mannes schreiben, der, wie der brave Panurg bei Rabelais, jeden Menschen, der ihm begegnet, nach seiner Meinung fragt. Wenn er dann im Laufe der Zeit erfahren hat, daß die Meinungen der Menschen sich in jeder Einzelheit gegenseitig aufheben, so beschließt er zu guter Letzt, nur noch auf sich selbst zu hören, wodurch er mit einemmal sehr stark wird.«
»Was ist das für ein greisenhaftes Projekt!« rief Laura aus.
»Oh, ich bin reifer, als Sie glauben! Seit einigen Tagen führe ich ein Notizheft, wie Edouard eines hat. Auf die rechte Seite schreibe ich eine Meinung, doch immer erst dann, wenn ich auf die linke Seite, genau gegenüber, die entgegengesetzte Meinung setzen kann. Zum Beispiel … ja, neulich abend sagte Sophroniska doch, sie lasse Boris und Bronja immer bei weit offenen Fenstern schlafen. Und alle hygienischen Gründe, die sie dafür anführte, erschienen uns durchaus vernünftig und überzeugend, nicht wahr? Aber gestern habe ich unten im Rauchzimmer mit angehört, wie der deutsche Professor, der seit ein paar Tagen hier ist, eine völlig entgegengesetzte Ansicht verfocht, und zwar mit Gründen, die mir noch vernünftiger und noch überzeugender zu sein schienen. Das zu erstrebende Ziel, sagte er, bestehe darin, daß während des Schlafes der Aufwand jenes Tauschhandels, den man Leben‹ nennt –… er sprach von einem ›Kohlungsgeschäft‹ –… möglichst eingeschränkt werde; erst dadurch gewinne der Schlaf seinen vollen Wert als Wiederhersteller der Kräfte. Er wies dabei auf die Vögel hin, die beim Schlafen den Kopf unter die Flügel stecken, und auf alle die Tiere, die sich während des Schlafes zusammenkauern, dermaßen, daß sie kaum noch atmen. Ähnlicherweise, sagte er, sperrten sich die der Natur nächststehenden Menschen, die am wenigsten zivilisierten Bauern, in Alkoven ein, und die Araber, gezwungen, unter freiem Himmel zu nächtigen, zögen sich wenigstens die Kapuze ihres Burnus übers Gesicht. Was nun jedoch Sophroniska betrifft, so bin ich geneigt, zu glauben, daß sie in bezug auf die beiden Kinder mit ihrer Methode trotzdem recht hat, weil das, was für andere gut sein mag, für Boris und Bronja wahrscheinlich sehr wenig gut wäre, denn, wenn ich recht begriffen habe, tragen sie beide den Keim der Tuberkulose in sich. Kurz, ich sage mir … Doch ich langweile Sie gewiß?!«
»Wie kommen Sie auf die Vermutung? … Also: was sagten Sie sich …?«
»Ich weiß nicht mehr!«
»Aber warum schmollen Sie denn plötzlich so? So sprechen Sie Ihre Gedanken doch aus!«
»Ich sagte mir, daß nichts für alle gut ist, sondern daß alles nur für bestimmte Menschen gut sein kann; daß nichts für alle wahr ist, sondern alles nur für den, der daran glaubt, daß es keine Methode und keine Theorie gibt, die unterschiedslos auf jeden einzelnen anwendbar wäre, daß wir, wenn wir somit wählen müssen, um zu handeln, also wenigstens freie Wahl haben; daß, falls wir keine freie Wahl haben, die Sache sich eben noch vereinfacht, daß aber letzten Endes dasjenige für mich wahr wird (freilich nicht absolut wahr, sondern relativ, in bezug auf mich), was mir den besten Gebrauch meiner Kräfte, die Verwirklichung meiner Fähigkeiten ermöglicht. Denn in letzter Entscheidung kann ich meinen Zweifel nicht beibehalten, und ich hasse die Unentschlossenheit. Das ›lieblich-weiche Ruhekissen‹, von dem Montaigne spricht, ist nicht für mich gemacht, denn ich bin noch nicht müde und bedarf keiner Ruhe. Doch weit ist der Weg, der von dem, was ich zu sein glaubte, hinführt zu dem, was ich vielleicht bin. Manchmal hab' ich Angst, daß ich zu früh aufgestanden bin.«
»Sie haben Angst?«
»Nein, ich habe vor nichts Angst! Aber wissen Sie, daß ich mich schon sehr verändert habe? Jedenfalls ist meine innere Landschaft durchaus nicht mehr die gleiche wie an dem Tage, als ich von Hause weggegangen bin. Denn inzwischen habe ich Sie getroffen. Und sofort habe ich aufgehört, meine Freiheit höher zu schätzen als alles andere. Vielleicht haben Sie nicht recht begriffen, daß ich Ihnen zu Diensten stehe …?«
»Was soll dieser Ausdruck bedeuten?«
»Oh, das wissen Sie ganz genau! Warum wollen Sie, daß ich es Ihnen sage? Erwarten Sie Geständnisse von mir? … Nein, nein, bitte, nicht dieses verdächtige Lächeln; oder ich spreche kein Wort mehr!«
»Aber, mein kleiner Bernard, Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß Sie anfangen, mich zu lieben?«
»Oh, ich fange nicht erst an!« erwiderte Bernard. »Vielleicht fangen aber Sie allmählich an, es zu merken! Auf jeden Fall können Sie mich nicht daran hindern.«
»Ach, es war bisher so entzückend für mich, daß ich kein Mißtrauen gegen Sie zu haben brauchte! Und jetzt sollte ich Ihnen nur noch mit Vorsicht nahekommen dürfen, wie einer Sache, die leicht explodiert!? … Aber stellen Sie sich nur das häßlich aufgeschwollene Wesen vor, das ich bald sein werde: mein bloßer Anblick wird Sie gründlich kurieren!«
»Als wenn ich von Ihnen nur den äußeren Anblick liebte! … Außerdem bin ich nicht krank; oder, falls es Krankheit bedeutet, daß ich Sie liebe, so wünsche ich niemals kuriert zu werden!«
Das alles sagte er in fast traurigem Tone. Er sah sie zärtlicher an, als es Edouard oder Douviers je getan hatten, doch zugleich so voller Ehrfurcht, daß sie darüber nicht ungehalten sein konnte. In der Hand hatte sie ein englisches Buch, dessen Lektüre sie unterbrochen hatten. Mit zerstreuter Miene blätterte sie darin. Sie schien gar nicht mehr hinzuhören, so daß Bernard ohne sonderliche Verlegenheit fortfahren konnte:
»Ich dachte mir die Liebe als etwas Vulkanisches; wenigstens die Liebe, die zu erfahren mir bestimmt sein würde. Wirklich, ich glaubte, nur auf eine wilde, zerstörerische Art lieben zu können, etwa so, wie Lord Byron geliebt hat! Wie ich mich doch schlecht kannte! Ihnen, Laura, verdanke ich es, daß ich mich selbst kennen gelernt habe: so verschieden von dem, der ich zu sein glaubte! Ich spielte eine abscheuliche Figur und bemühte mich, ihr zu gleichen. Wenn ich an den Brief denke, den ich an meinen Schein-Vater geschrieben habe, bevor ich das Haus verließ, so schäme ich mich sehr, das kann ich Ihnen sagen! Ich hielt mich für einen Empörer, einen Outsider der bürgerlichen Gesellschaft, für einen Stürmer, der alles, was seinen Wünschen hinderlich ist, hinwegfegt; und jetzt, in Ihrer Nähe, habe ich gar keine Wünsche mehr! Ich strebte nach Freiheit, als dem höchsten Gute, und kaum war ich frei, da habe ich mich Ihnen unterworfen … Ach, wenn Sie wüßten, wie entsetzlich es ist, eine Unzahl von Aussprüchen berühmter Dichter im Kopfe zu haben, die einem unwiderstehlich auf die Lippen kommen, wenn man ein ehrliches Gefühl ausdrücken will! Das Gefühl, das ich Ihnen gegenüber empfinde, ist für mich so neu, daß es sich noch keine Sprache hat schaffen können. Sagen wir, daß es keine Liebe sei, da dies Wort Ihnen mißfällt; sagen wir, daß es Ergebenheit sei. Jener Freiheit, die ich bisher im Grenzenlosen suchte, haben Ihre Gebote Grenzen gezogen. Mir ist, als ob alles Fratzenhaft-Verworrene, das in mir tobte, sich nun in harmonischen Kreisen um Sie als Zentrum bewegte. Wenn irgendein Gedanke, den ich habe, sich von Ihnen entfernen will, so verabschiede ich ihn … Laura, ich bitte Sie nicht, mich zu lieben, ich bin ja noch ein Schüler, ich verdiene Ihre Aufmerksamkeit noch nicht; aber alles, was ich von jetzt an tun will, soll dem Ziele dienen, ein wenig Ihre … (oh, das Wort klingt peinlich) … Ihre Achtung zu erringen!«
Er hatte sich vor ihr auf die Knie geworfen, und obwohl sie ihren Stuhl etwas weggerückt hatte, berührte Bernard ihr Kleid mit seiner Stirn. Er hielt die Arme zurückgestreckt, wie zum Zeichen der Anbetung. Doch als er fühlte, wie sich Lauras Hand leise auf sein Haar legte, ergriff er diese Hand und preßte seine Lippen darauf.
»Was für ein Kind Sie doch sind, Bernard! … Ich meinerseits bin ebensowenig frei«, sagte sie und zog ihre Hand zurück. »Da, lesen Sie das!«
Sie zog einen zerknitterten Brief aus ihrer Bluse hervor und reichte ihn Bernard.
Bernard sah zuerst nach der Unterschrift. Wie er fürchtete, lautete sie: Félix Douviers. Einen Augenblick behielt er das Blatt in der Hand, ohne zu lesen. Er sah Laura an: sie weinte. Da spürte Bernard, wie sich in seinem Herzen noch eine dieser geheimen Fesseln löste, die jeden von uns mit sich selbst, mit seiner egoistischen Vergangenheit verbinden. Dann las er:
Meine innigst geliebte Laura,
Im Namen des kleinen Wesens, das geboren werden wird und das ich genau so lieben will, als wäre ich sein Vater (das schwöre ich Dir), flehe ich Dich an, zurückzukehren. Glaube nicht, daß der geringste Vorwurf Dich hier erwarte. Gib Dir nicht zuviel Schuld, denn gerade das würde mich am meisten betrüben. Zögere nicht länger. Ich harre Deiner mit meiner ganzen Seele, die Dich anbetet und sich demütig vor Dir niederwirft.
Bernard saß vor Laura auf dem Fußboden, und ohne den Blick zu ihr zu heben, fragte er:
»Wann haben Sie diesen Brief erhalten?«
»Heute morgen.«
»Ich dachte, er wüßte von nichts? Sie haben ihm also geschrieben?«
»Ja, ich habe ihm alles eingestanden.«
»Weiß Edouard etwas davon?«
»Nein, er weiß nichts davon.«
Bernard schwieg, gesenkten Kopfes. Dann fragte er:
»Und … was wollen Sie jetzt tun?«
»Das fragen Sie ernstlich? … Ich kehre zu ihm zurück! An seiner Seite ist mein Platz. Bei ihm muß ich sein. Das wissen Sie.«
»Ja«, sagte Bernard.
Sie schwiegen lange. Bernard begann wieder:
»Glauben Sie, daß man das Kind eines andern wirklich so lieben kann wie sein eigenes?«
»Ich weiß nicht, ob ich es glaube; aber ich hoffe es.«
»Was mich betrifft: ich glaube es. Dagegen glaube ich nicht an das, was man so abgeschmackt die ›Stimme des Blutes‹ zu nennen pflegt. Diese berühmte Stimme halte ich für etwas Legendäres. Ich habe gelesen, daß es bei gewissen Völkern der Südsee-Inseln Sitte ist, die Kinder von andern zu adoptieren, und daß diese adoptierten Kinder den eigenen vielfach vorgezogen werden. In dem Buche lautete der Ausdruck, ich erinnere mich genau: ›mehr gehätschelt‹. Wissen Sie, was ich jetzt denke? … Ich denke, daß der, der Vaterstelle an mir vertreten hat, niemals das geringste gesagt oder getan hat, was hätte vermuten lassen können, ich sei nicht sein wahres Kind, und daß ich gelogen habe, als ich ihm schrieb, ich hätte den Unterschied stets empfunden; daß er mir im Gegenteil stets eine Art Vorliebe erwiesen hat, für die ich durchaus empfänglich war, so daß also meine Undankbarkeit gegen ihn nur noch abscheulicher ist; kurz, daß ich sehr häßlich gegen ihn gehandelt habe. Laura, meine Freundin, ich wollte Sie etwas fragen … Glauben Sie, ich sollte seine Verzeihung erflehen und zu ihm zurückkehren?«
»Nein«, sagte Laura.
»Warum: ›nein‹? Wenn Sie Ihrerseits zu Douviers zurückkehren? …«
»Sie haben vorhin selbst gesagt: was für den einen wahr ist, gilt darum nicht auch für den andern. Ich fühle mich schwach; Sie sind stark. Es ist möglich, daß Monsieur Profitendieu Sie liebt; aber nach allem, was Sie mir von ihm erzählt haben, seid ihr beide nicht geschaffen, einander zu verstehen … Oder warten Sie wenigstens noch eine Zeitlang! Kehren Sie nicht in unklarem Zustande zu ihm zurück! … Soll ich Ihnen genau sagen, was ich denke? … Um meinetwillen, nicht um Ihres Vaters wegen sind Sie auf die Idee gekommen, zu ihm zurückzukehren, um das zu gewinnen, was Sie vorhin nannten: meine Achtung! Sie wird Ihnen nur dann zuteil werden, Bernard, wenn ich fühle, daß Sie sich nicht darum bewerben. Ich kann Sie nur lieben, wenn Sie nicht gegen Ihre Natur handeln. Überlassen Sie mir das Bereuen: es ist keine Beschäftigung für Sie, Bernard!«
»Ich werde meinen Vornamen fast noch liebgewinnen, wenn ich ihn aus Ihrem Munde höre! … Wissen Sie, was mich dort, zu Hause, am meisten empört hat? Der Überfluß, der Komfort, die allzugroße Bequemlichkeit! … Ich fühlte mich zum Anarchisten werden. Jetzt dagegen neige ich vielleicht mehr zu konservativen Ideen. Das kam mir neulich plötzlich zum Bewußtsein, als ich in der Eisenbahn einen Mitreisenden sagen hörte, es bereite ihm jedesmal eine ganz besondere Freude, an der Grenze die Zollbeamten zu betrügen. ›Den Staat bestehlen, heißt: niemand bestehlen‹, sagte er. Dagegen protestierte mein ganzes Fühlen, und mit einem Male verdeutlichte sich mir das Wesen des Staates. Ich begann sogar, ihn zu lieben: einzig deshalb, weil man ihm Unrecht tat. Über diese Dinge hatte ich bisher niemals nachgedacht. ›Der Staat ist ja nur eine Konvention‹, hatte der Reisende noch gesagt. Oh, was für eine gute Sache das doch sein müßte: eine Konvention, die auf dem Vertrauen von allem Volk beruhte … vorausgesetzt allerdings, daß es nur rechtschaffene Leute gäbe! Übrigens, falls man mich heute fragen sollte, welche Tugend mir als die höchste erscheine, so würde ich unbedenklich antworten: die Rechtschaffenheit! Oh, Laura, während meines ganzen Lebens möchte ich, bei der leisesten Berührung, einen reinen, redlichen, echten Ton geben! Fast alle Menschen, die ich kennengelernt habe, klingen falsch. Genau soviel wert sein, wie man scheint; nicht mehr scheinen wollen, als man wert ist … Man sucht sich und den andern alles Mögliche vorzuspiegeln, und man denkt soviel daran, was man scheinen möchte, daß man schließlich selbst nicht mehr weiß, was man ist … Bitte, verzeihen Sie diese Formulierungen: sie sind das Ergebnis meiner nächtlichen Meditationen.«
»Den Anlaß zu solchen Gedanken bot wohl das falsche kleine Goldstück, das Sie uns gestern gezeigt haben? … Bernard, wenn ich nun abreise …«
Sie konnte den Satz nicht vollenden. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie wollte sich bezwingen. Bernard sah ihre Lippen zittern.
»Sie werden also abreisen, Laura …«, sagte er traurig. »Ach, wenn Sie nicht mehr in meiner Nähe sind, so werde ich wohl gar nichts mehr wert sein, oder doch nur noch ganz wenig! … Doch ich wollte Sie etwas fragen … Würden Sie auch abreisen, und hätten Sie den Brief an Douviers auch geschrieben, wenn Edouard … ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll … wenn Edouard mehr wert wäre? Oh, widersprechen Sie mir nicht: ich weiß so gut, was Sie von ihm denken!«
»Das sagen Sie, weil Sie gestern mein Lächeln beobachtet haben, während er sprach! Da waren Sie sogleich überzeugt, daß wir beide dasselbe Urteil über ihn hätten! Aber darin täuschen Sie sich! … Wenn ich es mir ganz genau überlege, so weiß ich eigentlich gar nicht, was ich von ihm denke. Er bleibt sich selbst nie lange Zeit ähnlich. Von nichts läßt er sich fesseln; aber nichts ist fesselnder als sein Ausweichen. Sie kennen ihn noch nicht lange genug, um ihn zu beurteilen. Unaufhörlich zersetzt sich sein Wesen und bildet sich neu. Man glaubt ihn zu fassen …: er ist Proteus! Er nimmt die Form dessen an, was er liebt. Und um ihn zu verstehen, muß man ihn lieben.«
»Sie lieben ihn! … Oh, Laura, nicht auf Douviers bin ich eifersüchtig und nicht auf Vincent, sondern auf Edouard!«
»Warum eifersüchtig? Ich liebe Douviers, ich liebe Edouard; doch auf verschiedene Weise. Falls ich Sie lieben müßte, wäre es wieder auf eine andere Art.«
»Laura, Laura, Sie lieben Douviers nicht, Sie empfinden Zuneigung, Mitleid, Achtung für ihn; aber das ist keine Liebe! Ich glaube, das Geheimnis Ihrer Trauer (denn Sie sind traurig, Laura) liegt darin, daß das Leben Sie zerspalten hat. Nie hat die Liebe Ihr ganzes Wesen gepackt, und Sie mußten auf mehrere verteilen, was Sie einem Einzigen hätten geben wollen. Ich dagegen fühle mich unteilbar; ich kann mich nur mit meinem ganzen Wesen geben.«
»Sie sind noch zu jung, um so sprechen zu dürfen. Sie können noch nicht wissen, ob das Leben nicht auch Sie ›zerspalten‹ wird, wie Sie sagen. Ich kann von Ihnen nur diese … Ergebenheit annehmen, die Sie mir bieten; der Rest wird seine Ansprüche haben, die sich anderwärts Genüge suchen müssen.«
»Oh, Laura, wollen Sie mich mit Ekel erfüllen vor mir selbst und vor dem Leben, das mich erwartet?«
»Sie wissen nichts vom Leben! Sie können alles von ihm erhoffen! Wissen Sie, was mein großer Fehler gewesen ist? Nichts mehr zu erhoffen! Weil ich meinte, daß für mich auf Erden nichts mehr zu erhoffen sei, habe ich, diesen Frühling in Pau, so gehandelt, wie ich es nie hätte tun dürfen. Ich habe diesen Frühling so verlebt, als sollte es mein allerletzter sein, als gäbe es für mich nichts Wichtiges mehr auf der Welt. Bernard, jetzt, wo ich dafür bestraft bin, kann ich es Ihnen sagen: man darf niemals an seinem Dasein verzweifeln!«
Was hat es für einen Sinn, so zu einem leidenschaftlichen jungen Menschen zu sprechen? Eigentlich richtete sich das, was Laura sagte, auch gar nicht an Bernard. Von ihrer Sympathie hingerissen, dachte sie in seiner Gegenwart unwillkürlich mit lauter Stimme. Sie verstand weder zu heucheln, noch sich zu beherrschen. Und wie sie vorhin jenem Rausch nachgegeben hatte, der sie befiel, so oft sie an Edouard dachte und in dem sich ihre Liebe verriet, so überließ sie sich jetzt einem gewissen Hang zu salbungsvoller Rede, den sie offenbar von ihrem Vater geerbt hatte. Doch Bernard verabscheute alle Ratschläge und Verhaltungsmaßregeln, sogar wenn sie von Laura kamen. Sein Lächeln schien das anzudeuten, und so sagte Laura, in ruhigem Tone:
»Gedenken Sie Edouards Sekretär zu bleiben, wenn Sie mit ihm wieder in Paris sind?«
»Ja, falls er mich wirklich beschäftigen will! Aber er gibt mir ja nichts zu tun! Wissen Sie, was mir Spaß machen würde? Mit ihm dieses Buch zu schreiben, das er allein nie schreiben wird; Sie haben es ihm gestern ja selbst gesagt! Ich halte die Arbeitsmethode, die er uns geschildert hat, geradezu für absurd. Ein guter Roman schreibt sich viel naiver als auf solche Manier. Man muß doch vor allen Dingen an das, was man zu erzählen hat, glauben, nicht wahr? Und dann ganz einfach drauf loserzählen! Ich dachte zuerst wirklich, daß ich ihm helfen könnte. Wenn er einen Detektiv gebraucht hätte, dann hätte ich ihm sicherlich von Nutzen sein können. Er hätte auf Grund der Tatsachen gearbeitet, die mein Spürsinn entdeckt hätte … Aber mit einem Ideologen: nichts zu machen! Neben ihm komme ich mir vor wie ein Zeitungsreporter. Wenn er sich auf seine Weltfremdheit versteift, so werde ich mir bald eine andere Stelle suchen. Ich muß mir mein Brot verdienen. Ich werde mich einer Redaktion anbieten. Zwischendurch werde ich Gedichte machen.«
»Denn bei den Zeitungsreportern werden Sie sich als lyrischer Dichter fühlen!«
»Ach, spotten Sie nicht über mich! Ich weiß ja, wie lächerlich ich bin; lassen Sie mich's nicht allzusehr empfinden!«
»Bleiben Sie bei Edouard; helfen Sie ihm, und lassen Sie sich helfen von ihm! Er ist ein guter Mensch.«
Es läutete zum Mittagessen. Bernard erhob sich. Laura nahm seine Hand:
»Sagen Sie mir noch: dies kleine Goldstück, das Sie uns gestern gezeigt haben … möchten Sie mir das, wenn ich nun abreise« –… sie gab sich einen Ruck, und diesmal konnte sie den Satz vollenden –… »möchten Sie mir das zum Andenken geben?«
»Da ist es; nehmen Sie es«, sagte Bernard.