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Aus Edouards Tagebuch (Fortsetzung):
»Den 28. September. –… Ich fand Rachel auf der Schwelle des großen Arbeitssaals, im Erdgeschoß der Pension. Zwei Mägde waren eifrig beschäftigt, den Fußboden zu waschen und zu scheuern. Sie selbst trug eine Schürze, wie die Dienstmädchen, und hielt einen Scheuerlappen in der Hand.
»Ich wußte, daß ich auf Sie rechnen konnte«, sagte sie und reichte mir die Hand. In ihrem Wesen lag eine sanfte, demütige Trauer. Dabei lächelte sie, und von diesem Lächeln fühlte man sich mehr ergriffen, als wenn sie eine schöne Frau gewesen wäre. –… »Falls Sie es nicht gar zu eilig haben, so wäre es vielleicht das beste, Sie gingen zuerst hinauf und machten dem Großvater einen kleinen Besuch, und dann der Mama. Es würde die beiden sehr bekümmern, zu erfahren, daß Sie da waren, ohne ihnen guten Tag gesagt zu haben. Aber behalten Sie auch für mich noch ein bißchen Zeit übrig; ich muß unbedingt mit Ihnen sprechen! Kommen Sie dann, bitte, wieder hierher: Sie sehen, ich muß auf die Arbeit passen.«
In einer Art von Scham sagt sie nie: ich arbeite. Während ihres ganzen Lebens ist Rachel im Schatten geblieben, und nichts kann zurückhaltender, bescheidener sein als ihre Tapferkeit. Die Entsagung ist ihr etwas so Natürliches geworden, daß niemand aus der Familie ihr für diese beständige Aufopferung noch den geringsten Dank weiß. Sie ist die schönste Seele, die ich kenne.
Ich ging in den zweiten Stock hinauf, zu Azaïs. Der Greis verläßt seinen Lehnstuhl nur noch selten. Er hieß mich Platz nehmen und begann sofort von La Pérouse zu sprechen.
»Es macht mir Sorge, ihn jetzt so allein zu wissen, und ich möchte gern, daß er bei uns in der Pension Wohnung nähme. Wir sind ja alte Freunde, und neulich habe ich ihn einmal wieder besucht. Er leidet offenbar sehr darunter, daß seine liebe Frau sich in eine Anstalt zurückgezogen hat. Die Dienstmagd sagte mir, seitdem esse er so gut wie gar nichts mehr. Nun bin ich ja auch der Ansicht, daß wir Menschen im allgemeinen zuviel essen; doch alles muß seine Grenzen haben, und auch in der Enthaltsamkeit kann man des Guten nie zuviel tun. Er meint, es lohne sich nicht, daß für ihn allein gekocht werde. Doch wenn er bei uns wäre, so würde der gute Appetit, den alle andern bei Tisch entwickeln, wohl auch den seinigen anreizen! Außerdem wäre er hier unter einem und demselben Dache mit seinem Enkel, dem liebenswerten Boris, den er sonst wohl kaum zu sehen bekäme, denn von der Rue Vavin bis zum Faubourg Saint-Honoré ist's ja eine ganze Tagesreise. Obendrein lasse ich den Knaben hier in Paris nicht gern allein ausgehen. Ich kenne Anatole de la Pérouse seit langen Jahren. Er ist immer ein Original gewesen. Das soll absolut kein Vorwurf sein; aber er ist von Natur ein bißchen stolz, und er würde die Gastfreundschaft, die ich ihm gewähren möchte, vermutlich nicht annehmen, ohne mit seiner Person eine gewisse Gegenleistung dafür bieten zu wollen. So habe ich denn daran gedacht, daß er vielleicht die Aufsicht in den Arbeitsklassen führen könnte, was ihn kaum anstrengen würde und obendrein die Wirkung hätte, ihn ein bißchen zu zerstreuen und von seinem Kummer abzulenken. Er ist ein guter Mathematiker und könnte im Notfalle Nachhilfestunden in Geometrie und Algebra geben. Da er jetzt keine Musikschülerinnen mehr hat, so haben die eigenen Möbel und das Piano ja keinen Wert mehr für ihn: er könnte kündigen; und da seine Übersiedelung zu uns ihm dann die Miete ersparen würde, so habe ich daran gedacht, daß wir obendrein einen bescheidenen kleinen Pensionspreis vereinbaren könnten, damit er sich hier ganz ungezwungen und nicht allzusehr in meiner Schuld fühle. Sie, lieber Freund, sollten ihm die Sache plausibel machen, und zwar so bald wie möglich, denn sonst kommt er uns, bei seiner elenden Ernährungsweise, noch völlig auf den Hund! Obendrein fängt die Schule übermorgen wieder an, und es wäre gut, zu wissen, woran man sich zu halten hat und ob man auf ihn rechnen kann …, wie er seinerseits allezeit auf uns rechnen kann!«
Ich versprach, La Pérouse schon morgen aufzusuchen. Worauf der Alte, sichtlich erleichtert, fortfuhr:
»Ja, sagen Sie mal … dieser Bernard, Ihr Schützling, das ist ja ein ganz ausgezeichneter junger Mensch! In freundlichster Weise hat er sich bereit erklärt, bei uns Hilfsarbeit zu leisten. Er meinte, er könne vielleicht die Schularbeiten der unteren Klassen beaufsichtigen; doch ich fürchte, daß er selbst noch ein bißchen jung ist und sich bei den Kindern vielleicht nicht so ohne weiteres in Respekt setzen könnte. Ich habe mich lange mit ihm unterhalten und ihn sehr sympathisch gefunden. Aus Naturen solchen Schlages bildet man Christi eifrigste Rekruten! Allerdings bleibt bedauerlich, daß die elterliche Erziehung versäumt hat, diese Seele auf den rechten Weg zu leiten. Bernard hat mir gestanden, daß er nicht gläubig sei; aber der Ton, in dem er mir das sagte, hat mich doch zuversichtlich gestimmt! Ich habe ihm erwidert, daß ich in ihm alle Eigenschaften zu erkennen glaubte, deren es bedarf, um ein braver Jünger unseres himmlischen Herrn zu werden; er möge von jetzt an nur noch darauf bedacht sein, die ihm von Gott verliehenen Gaben zur Geltung zu bringen. Dann haben wir gemeinsam in den Sprüchen Salomonis gelesen, und ich glaube, daß die gute Saat nicht auf steinigen Boden gefallen ist. Der junge Mann war tief bewegt und versprach, über alles ernstlich nachzudenken.«
Bernard hatte mir von diesem Gespräch mit dem alten Azaïs schon erzählt. Ich wußte, was er darüber dachte, und so ward es mir immer peinlicher, dem Alten zuzuhören. Ich erhob mich, um Abschied zu nehmen, doch er hielt meine Hand fest:
»Oh, sagen Sie mal: ich habe inzwischen ja unsere Laura wiedergesehen! Ich wußte schon, daß dies teure Kind einen ganzen Monat mit Ihnen in den schönen Bergen verbracht hat, was ihr ja außerordentlich gut bekommen zu sein scheint. Nun bin ich froh, daß sie wieder bei ihrem Manne ist, den ihre lange Abwesenheit doch schließlich betrüben mußte. Schade, daß seine Verpflichtungen ihm nicht erlaubt haben, zu euch in die Berge zu kommen.«
In steigender Verlegenheit suchte ich mich loszureißen, denn ich wußte nicht, was Laura ihm erzählt haben mochte; aber mit einem herrischen Ruck zog er mich nahe zu sich heran und sprach, fast an meinem Ohre, weiter:
»Laura hat mir anvertraut, daß sie guter Hoffnung sei. Doch kein Wort davon! … Sie möchte nicht, daß man es schon erführe. Mit Ihnen kann ich ja darüber sprechen, weil ich weiß, daß Sie unterrichtet sind, und weil wir beide diskrete Leute sind. Die liebe Laura wurde ganz rot und verlegen, als sie es mir sagte; sie ist ja immer so scheu gewesen! Aber plötzlich warf sie sich vor mir auf die Knie und gemeinsam haben wir dann Gott dafür gedankt, daß er diesem Ehebunde seinen Segen geschenkt hat.«
Mir scheint, Laura hätte eine Mitteilung, die ihr Zustand noch nicht erforderte, lieber hinausschieben sollen. Hätte sie mich gefragt, so würde ich ihr geraten haben, vor ihrem Wiedersehen mit Douviers nichts zu sagen. Azaïs freilich hat keinerlei Verdacht; aber es fragt sich, ob die ganze Familie ebenso vertrauensselig ist wie er.
Der Alte produzierte noch einige Variationen über pastorale Themen, dann sagte er, seine Tochter würde sich ebenfalls freuen, mich zu sehen, und so stieg ich denn in die Etage der Vedels hinunter.
Ich lese das bisher Geschriebene wieder durch. Indem ich in dieser Weise von Azaïs spreche, setze ich mich selbst in ein häßliches Licht. So will ich es auch aufgefaßt wissen, und ich mache diese nachträgliche Bemerkung nur zum Privatgebrauch von Bernard, falls dessen reizende Indiskretion ihn wieder einmal treiben sollte, seine Nase in dies Tagebuch zu stecken. Wenn er erst etwas näher mit dem Alten bekannt ist, wird er bald einsehen, wie ich es meine. Ich mag Azaïs sehr gern, und ›obendrein‹ (um sein Lieblingswort zu gebrauchen) habe ich Respekt vor ihm. Aber kaum bin ich in seiner Nähe, so kann ich mich selbst nicht mehr ausstehen; und das ist es, was mir seine Gesellschaft so peinlich macht.
Ich mag auch seine Tochter, die Pastorin, sehr gern. Madame Vedel hat Ähnlichkeit mit Lamartines Elvire: eine Elvire in vorgeschrittenem Alter. Ihre Unterhaltung ist nicht ohne Reiz. Es passiert ihr ziemlich häufig, daß sie ihre Sätze nicht vollendet, und das gibt ihren Äußerungen eine Art lyrischer Weichheit. Das Unausgesprochene, Undeutliche ihrer Redeweise scheint zu bedeuten: Unendlichkeit. Von einem künftigen Leben erwartet sie alles, was ihrem gegenwärtigen versagt ist, und so kann sie jeglicher Hoffnung freien Lauf lassen. Je enger das bißchen Erdreich ist, auf dem sie steht, desto weiter spannt sie ihre Flügel. Da sie ihren Mann nur sehr wenig sieht, kann sie sich einbilden, sie liebe ihn. Der würdige Pastor ist fortwährend unterwegs, von tausend Pflichten und Sorgen in Anspruch genommen, von Predigten, Kongressen, von Besuchen bei Kranken und Notleidenden. Er pflegt einem die Hand nur im Vorbeigehen zu drücken, dann aber um so herzlicher.
»Hab's heut zu eilig, um zu plaudern!«
»Oh, wir sehn uns ja wieder: im Himmel!« erwidere ich. Aber er hat keine Zeit, auf mich zu hören.
»Keine Minute mehr für sich selbst!« seufzt Madame Vedel. »Wenn Sie wüßten, was er sich alles aufhalsen läßt, seit … Da jedermann weiß, daß er absolut nichts abschlagen kann, so lädt … Kommt er dann abends nach Hause, ist er manchmal so müde, daß ich fast kein Wort mit ihm zu sprechen wage, weil er sonst … Er gibt sich dermaßen für andere aus, daß ihm für seine Familie nichts mehr übrig bleibt.«
Bei diesen Worten erinnerte ich mich –… aus der Zeit, als ich selbst in der Pension gewohnt hatte –… an so manchen Abend, wenn der Pastor nach Hause kam. Er nahm dann seinen Kopf zwischen die Hände und schrie nach ein bißchen Ruhe. Aber schon damals war ich auf den Verdacht gekommen, daß er diese Ruhe vielleicht mehr fürchte, als wünsche, ja, daß ihm im Grunde nichts unerwünschter sein könne, als irgendwelche Gelegenheit zur Selbstbesinnung.
»Sie trinken eine Tasse Tee mit mir, nicht wahr?« fragte Madame Vedel, während das Dienstmädchen ein Tablett mit Kanne und Tassen hereintrug.
»Madame, es ist kein Zucker mehr da!«
»Aber ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sie sich wegen solcher Dinge an Mademoiselle Rachel wenden müssen! Gehen Sie rasch! … Und haben Sie den jungen Herren Bescheid gesagt?«
»Monsieur Bernard und Monsieur Boris sind ausgegangen.«
»So? … Und Monsieur Armand? … Beeilen Sie sich!«
Dann, ohne zu beachten, daß das Mädchen mit dem Hinausgehen zögerte:
»Dies arme Geschöpf kommt direkt aus Straßburg. Es hat keinerlei … Man muß ihm alles sagen … Na, worauf warten Sie denn noch?«
Das Mädchen schnellte zurück, wie eine Schlange, der man auf den Schwanz getreten war:
»Der Repetent ist unten, er wollte heraufkommen! Er sagt, er ginge nicht eher wieder aus dem Hause, als bis er sein Geld bekommen hätte!«
Madame Vedels Züge drückten eine tragische Mißbilligung aus:
»Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, daß diese Zahlungsangelegenheiten mich nicht das Geringste angehen! Sagen Sie ihm, er möge sich an Mademoiselle wenden. Schnell! … Ach, niemals eine ruhige Stunde! Ich weiß wirklich manchmal nicht, wo Rachel mit ihren Gedanken bleibt!«
»Wollen wir nicht auf sie warten mit dem Tee?«
»Sie kommt nie zum Tee … Oh, diesmal bringt der Schulbeginn lauter Sorgen mit sich! Die Repetenten, die sich anbieten, verlangen enorme Honorare; oder, falls ihre Forderungen einmal annehmbar sind, sind sie selbst es um so weniger! Der letzte hat besonderen Grund zur Klage gegeben; Papa hat sich ihm gegenüber viel zu schwach gezeigt, und nun kommt er ins Haus und droht. Sie haben ja gehört, was die Kleine gesagt hat … Ach, alle diese Leute denken nur ans Geld! … Als gäbe es nicht so unendlich viel Wichtigeres auf der Welt! … Inzwischen sind wir uns noch im Unklaren darüber, wie wir den Mann ersetzen sollen … Prosper, ja, der meint, man brauche nur zu beten, dann werde der liebe Gott schon alles zum besten wenden …«
Das Mädchen erschien wieder und brachte den Zucker.
»Haben Sie Monsieur Armand Bescheid gesagt?«
»Ja, Madame, er wird gleich da sein.«
»Und Sarah?« fragte ich.
»Die kommt erst übermorgen von der Reise zurück. Sie ist in England, bei einer befreundeten Familie, bei den Eltern des jungen Mädchens, das Sie bei uns kennengelernt haben. Alle sind furchtbar liebenswürdig zu ihr gewesen, und ich bin sehr froh, daß Sarah sich ein bißchen … Ganz wie Laura. Die sieht ja auch bedeutend besser aus! Dieser Aufenthalt in der Schweiz, nach der Kur im Süden, hat ihr sehr gut getan, und es war nett von Ihnen, daß Sie sie dazu bestimmt haben! Von allen Kindern ist nur der bedauernswerte Armand während der ganzen Ferien in Paris geblieben.«
»Und Rachel?«
»Ja, das ist wahr: die auch. Sie war zwar von verschiedenen Seiten eingeladen, ist aber doch lieber zu Hause geblieben. Außerdem bedurfte Großvater ihrer Hilfe. Und man kann ja auch im Leben nicht immer alles tun, was man wohl möchte. Das muß ich den Kindern leider immer wieder sagen! Man muß doch auch an die andern denken! Glauben Sie, daß ich nicht auch gern ein bißchen in Saas-Fee spazieren gegangen wäre? Und rackert Prosper sich etwa zu seinem Privatvergnügen so schrecklich ab? … Armand, du weißt doch, daß du nicht ohne Kragen zum Tee kommen sollst!« fügte sie hinzu, als sie ihren Sohn eintreten sah.
»Meine geliebte Mutter, Sie haben mich frommerweise gelehrt, dem irdischen Aussehen keinerlei Wert beizumessen«, erwiderte er und reichte mir die Hand; »und diese Lehre war zugleich von höchster Zweckmäßigkeit, denn die Wäsche kommt erst am Dienstag zurück, und meine andern Kragen sind alle zerrissen.«
Mir kam in den Sinn, was Olivier mir von Armand gesagt hatte. In der Tat schien sich hinter seinem spöttischen Benehmen ein tiefer Kummer zu verbergen. Armands Gesichtszüge waren spitzer geworden, seine Nase, über schmalen, blassen Lippen, sprang scharf hervor. Er fuhr fort:
»Haben Sie Ihrem hochwohlgeborenen Herrn Besucher schon erzählt, daß wir unsere ständig engagierte Truppe, zum Beginn der Wintersaison, um einige sensationelle Nummern vermehrt haben, als da sind: der Sohn eines leibhaftigen, loyal denkenden Senators und der junge Vicomte de Passavant, Bruder des Verfassers hochbedeutsamer Werke? Dazu kommen jene beiden Adepten, die unserem Gaste schon bekannt, aber darum nur noch schätzbarer sind: der Prinz Boris und der Marquis de Profitendieu; endlich noch einige andere, deren Titel und Talente sich erst offenbaren müssen.«
»Sie sehen, er bleibt immer der gleiche«, sagte die arme Mutter, zu den Possen ihres Sohnes lächelnd.
Ich hatte so große Angst, er könne anfangen, von Laura zu sprechen, daß ich meinen Besuch schnell beendete, um Rachel wieder aufzusuchen, unten im Erdgeschoß.
Sie hatte die Ärmel aufgekrempelt, um beim Zurechtrücken der Möbel im Arbeitssaal mit angreifen zu können. Doch wie sie mich kommen sah, streifte sie sie schnell wieder herunter.
»Es ist mir äußerst peinlich, Sie um Hilfe angehen zu müssen«, sagte sie und zog mich in einen zur Erteilung von Privatstunden dienenden Nebenraum. »Ich hätte mich eigentlich an Douviers wenden sollen, der es mir für solche Fälle nahegelegt hatte. Doch seitdem ich Laura wiedergesehen habe, ist es mir klar geworden, daß das nicht mehr möglich ist …«
Sie war sehr blaß, und bei den letzten Worten ward ihr Gesicht von einem krampfhaften Zucken ergriffen, so daß sie nicht weitersprechen konnte. Ich wandte den Blick von ihr ab, damit sie Zeit gewinne, sich zu fassen. Sie stand gegen die Tür gelehnt. Ich wollte ihre Hand ergreifen, aber sie entriß sie mir. Endlich sagte sie, mit einer Stimme, die wie gelähmt war vor Qual und Zwang:
»Können Sie mir zehntausend Franken leihen? Die neue Schulzeit scheint sich günstig anzulassen, und ich hoffe, daß ich sie Ihnen bald zurückgeben kann.«
»Wann brauchen Sie das Geld?«
Sie antwortete nicht.
»Ich habe etwas über tausend Franken bei mir«, sagte ich. »Morgen vormittag kann ich die volle Summe besorgen … Oder schon heute abend, falls es nötig ist.«
»Nein, morgen ist es früh genug. Aber wenn Sie mir, ohne daß es Ihnen störend wäre, tausend Franken gleich geben könnten …«
Ich nahm sie aus meiner Brieftasche und reichte sie ihr hin.
»Wollen Sie vierzehnhundert?«
Sie senkte den Kopf und sagte leise, kaum hörbar: »Ja.« Schwankend erreichte sie eine Schulbank, auf die sie sich fallen ließ. Dort blieb sie still sitzen, die Ellbogen aufgestützt, das Gesicht in den Händen vergraben. Ich dachte, sie weine; aber als ich ihr die Hand auf die Schulter legte, hob sie den Blick, und ich sah, daß ihre Augen trocken waren.
»Rachel«, sagte ich, »lassen Sie sich die Sache doch nicht so sehr zu Herzen gehen! Ich bin ja froh, wenn ich Ihnen dienlich sein kann!«
Traurig sah sie mich an:
»Das Peinlichste ist mir, daß ich Sie bitten muß, weder mit Großpapa noch mit Mama darüber zu sprechen. Seitdem sie mir die Buchführung der Pension anvertraut haben, lasse ich sie glauben, daß … Kurz, sie wissen nicht. Sagen Sie ihnen nichts, ich flehe Sie darum an. Großvater ist alt, und Mama arbeitet sich so sehr ab!«
»Rachel, nicht Ihre Mutter arbeitet sich ab, sondern Sie selbst!«
»Mama hat sich abgearbeitet, jetzt ist sie müde, und die Reihe ist an mir. Ich habe nichts anderes zu tun.«
Sie sagte diese einfachen Worte ganz schlicht. Keinerlei Bitternis schien in ihrer Resignation zu liegen, vielmehr eine Art stiller Zufriedenheit.
»Aber Sie dürfen nicht etwa denken, die Lage sei verzweifelt«, hub sie wieder an; »sie ist nur momentan schwierig, weil einige Gläubiger sich dringlich zeigen.«
»Ich hörte vorhin, wie das Dienstmädchen sagte, es sei ein Repetent da, der bezahlt sein wolle?«
»Ja, er hat dem Großvater eine abscheuliche Szene gemacht, die ich leider nicht habe verhindern können. Es ist ein roher, niedriger Mensch. Ich muß ihm gleich geben, was er zu verlangen hat.«
»Soll ich es für Sie erledigen?«
Sie zögerte einen Augenblick und versuchte zu lächeln, doch es gelang ihr nicht.
»Danke! Aber es ist doch wohl besser, wenn ich es selbst tue! … Doch gehen Sie, bitte, mit mir zu ihm hinaus. Ich habe ein bißchen Angst vor ihm … Wenn er Sie sieht, wagt er gewiß nicht, unhöflich zu werden.«
Der Hof der Pension liegt um einige Stufen höher als der Garten, der ihn fortsetzt und durch ein Säulengeländer von ihm getrennt ist. Nachlässig gegen diese Balustrade gelehnt, stand der Repetent da und rauchte seine Pfeife. Auf dem Kopfe trug er einen Künstlerhut mit enorm breitem Rand. Während Rachel sich mit ihm auseinandersetzte, trat Armand auf mich zu.
»Rachel hat Sie angepumpt, was?« fragte er zynisch. »Sie sind gerade recht gekommen, um sie aus einer verdammten Angst zu reißen. Mein Bruder Alexandre, das Schwein, hat wieder mal Schulden gemacht, da unten in den Kolonien, die er mit seiner Gegenwart beehrt! … Rachel will den Eltern alles verheimlichen. Sie hatte ja schon, um Laura etwas reichlicher ausstatten zu können, auf die Hälfte ihrer eigenen Mitgift verzichtet; und jetzt ist auch der ganze Rest zum Teufel gegangen. Davon hat sie Ihnen gewiß nichts gesagt, was? Ihre Bescheidenheit ist einfach empörend! Das ist wirklich einer der infamsten Späße auf dieser Welt: wenn sich mal einer aufopfert, so ist er sicherlich tausendmal mehr wert als jene Herrschaften, denen das Opfer zugute kommt … Was hat sie nicht alles für Laura getan! Na, die hat es ihr hübsch vergolten, dies Dämchen! …«
»Armand«, sagte ich entrüstet, »Sie haben kein Recht, so von Ihrer Schwester zu sprechen!«
Doch er fuhr mit schneidender Stimme fort:
»Gerade, weil ich selbst nicht besser bin als sie, nehme ich mir das Recht, so von ihr zu sprechen! Ich kenne mich ja aus. Rachel, die erlaubt sich freilich kein Urteil über uns. Die sagt ja über niemand etwas … Ja, Laura: die Dirne, die elende Dirne! Ich hab ihr alles ins Gesicht gesagt, was ich über sie denke, das schwöre ich Ihnen … Und Sie, der Sie das alles bemäntelt und beschönigt haben! Sie, der Sie wußten! … Großvater, na, der merkt ja nichts. Und Mama gibt sich Mühe, nichts zu merken. Und Papa: der stellt alles dem lieben Gott anheim; das ist ja auch das Bequemste. Bei jeder Schwierigkeit, die auftaucht, sinkt er auf die Knie und überläßt es Rachel, uns aus der Patsche zu ziehen. Er hat nur den einen Wunsch: über alles im Unklaren zu bleiben. Er läuft in den Straßen umher, er hetzt sich ab, er ist fast nie zu Hause. Ich begreife es ja, daß er hier erstickt; ich selbst krepiere in dieser Atmosphäre! Papa rennt vor seinen eigenen Gedanken davon, ist das nicht eigentlich amüsant? Inzwischen schreibt Mama Gedichte. Oh, darüber sage ich nichts: ich mache ja selbst welche! Aber wenigstens weiß ich doch, daß ich nur ein Dreckvieh bin: ich hab nie für etwas anderes gelten wollen … Finden Sie es übrigens nicht auch ekelhaft, wie heuchlerisch Großvater gegenüber La Pérouse den barmherzigen Samariter spielt, weil er gerade einen Repetenten braucht? …« Dann, ganz plötzlich: »Was erlaubt sich das Schwein da, meiner Schwester Frechheiten zu sagen!? Wenn der Kerl sich nicht sofort verzieht und wenn er sie nicht äußerst höflich grüßt, so hau ich ihm eins in die Fresse, daß er lang hinschlägt! …«
Er stürzte auf den Bohème los, und ich glaubte schon, es werde sich eine Schlägerei entwickeln. Doch wie der andere ihn kommen sah, lüftete er mit theatralischer Umständlichkeit seinen breiten Hut, verneigte sich gravitätisch-spöttisch und schritt dem Ausgang zu. In diesem Moment öffnete sich das Haustor, und der Pastor erschien auf der Schwelle. Er war im Überrock, Zylinder und schwarzen Handschuhen, als käme er von einer Taufe oder einer Beerdigung. Der Ex-Repetent und er wechselten einen formvollendeten Gruß.
Rachel und Armand eilten auf den Pastor zu, der mir die Hand entgegenstreckte. Rachel sagte:
»Alles ist in Ordnung, Vater.«
Er küßte sie auf die Stirn:
»Na, hab ich es dir nicht gesagt, mein Kind? Wer sich Gott anheimgibt, den läßt er nicht im Stich!« Dann, schon im Weiterschreiten, zu mir:
»Oh, Sie gehen schon? … Na, auf bald, nicht wahr?«