Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

IV

Es war sehr heiß an diesem Tage. Durch die offenen Fenster der Pension Vedel sah man auf die Baumgipfel des Jardin du Luxembourg, über dem noch ein gewaltiges Quantum verfügbaren Sommers brütete.

Dieser erste Tag nach den Ferien bot dem alten Azaïs Gelegenheit zu einer Ansprache. Er stand zu Füßen des Katheders, aufrecht, Aug in Auge mit den Schülern, wie es sich geziemt. Auf dem Katheder selbst thronte der alte La Pérouse. Beim Eintreten der Schüler hatte er sich erhoben; doch ein freundschaftlicher Wink von Azaïs hatte ihn aufgefordert, wieder Platz zu nehmen. Sein unruhiger Blick ließ sich gleich auf Boris nieder, in und dieser Blick genierte den Knaben um so mehr, als Azaïs in der Rede, die die Kinder mit ihrem neuen Lehrer bekannt machte, auf dessen Verwandtschaft mit einem der Schüler angespielt hatte. La Pérouse fühlte sich recht enttäuscht, weil Boris seinen suchenden Blick nicht erwiderte; »Gleichgültigkeit und Kälte!« dachte er.

»Oh«, dachte Boris, »wenn er mich nur in Ruhe lassen wollte, damit den andern nichts auffällt!« Seine Kameraden erschreckten ihn. Vorhin, als die Stunden im Gymnasium zu Ende gewesen waren, hatte er sich ihnen anschließen und, während des ganzen Weges von der Schule bis zur »Bewahranstalt«, ihre Unterhaltung mit anhören müssen. Sein großes Sympathiebedürfnis trieb ihn zu dem Versuch, es ihnen gleichzutun: doch seine empfindliche Natur widerstrebte. Die Worte wollten ihm nicht über die Lippen. Seine Verlegenheit machte ihn wütend auf sich selbst; er quälte sich ab, sich nichts merken zu lassen, und zwang sich, um jeglichem Spotte zuvorzukommen, sogar zum Lachen. Aber es half alles nichts: inmitten der andern machte er den Eindruck eines Mädchens, fühlte es und ward verzweifelt darüber.

Fast im ersten Augenblick hatten sich Gruppen gebildet. Ein gewisser Léon Ghéridanisol übernahm die Führung und flößte bereits Respekt ein. Etwas älter als die andern, übrigens auch im Wissen weiter vorgeschritten, schwarzhaarig, schwarzäugig, von bräunlicher Gesichtsfarbe, war er weder sehr groß noch besonders stark, verfügte jedoch über ein enormes Maß von Unverschämtheit. Selbst der kleine Georges Molinier mußte eingestehen, daß Ghéridanisol ihm gleich zu Anfang imponiert habe; »und, weißt du, damit mir einer imponiert, da muß es schon toll kommen!« War er nicht heute Morgen Zeuge einer ganz unglaublichen Szene gewesen? Ghéridanisol hatte sich, auf der Straße, einer jungen Frau, die ein Kind auf den Armen trug, genähert und sie, nach höflichem Gruße, mit den Worten angesprochen:

»Gehört Ihnen dies Kind, Madame? … Gar nicht so häßlich, das Baby! Aber beruhigen Sie sich: es wird nicht am Leben bleiben!«

Georges hatte sich immer noch nicht von seinem Entzücken erholt.

»Nee, wirklich?« fragte Philippe Adamanti, sein Freund, dem er die Geschichte erzählte.

Diese absurde Frechheit versetzte sie in hellen Jubel; sie meinten, auf der ganzen Welt könne es nichts Geistreicheres geben. Daß Léon den (schon recht abgenutzten ) Bluff aus dem Repertoire seines Vetters Strouvilhou übernommen hatte, das brauchte der kleine Georges natürlich nicht zu wissen.

In der Pension gelang es Molinier und Adamanti, Plätze auf derselben Bank wie Ghéridanisol zu bekommen: der fünften, um dem überwachenden Pauker nicht allzu nahe zu sein. Molinier hatte Adamanti zu seiner Linken; zu seiner Rechten Ghéridanisol, genannt Ghéri; am Ende der Bank saß Boris. Hinter diesem hatte Passavant seinen Platz.

Gontran de Passavant hat seit dem Tode seines Vaters ein trauriges Leben geführt; und das, das er vordem geführt hatte, war ja auch schon nicht sehr lustig gewesen. Längst hat Gontran begriffen, daß er von seinem Bruder weder Sympathie noch Schutz zu erwarten hat. Die Ferien hat er in der Bretagne verbracht, bei den Verwandten der guten alten Séraphine, der getreuen Hüterin seiner Kindertage. Gontran hat sich ganz in sich selbst zurückgezogen: er arbeitet. Ein geheimer Ehrgeiz stachelt ihn an, seinem Bruder zu beweisen, daß er ihm an Wert überlegen sei. Aus eigenem Antrieb und freier Wahl hat er sich in die Pension aufnehmen lassen; geleitet auch von dem Wunsche, nicht bei seinem Bruder wohnen zu müssen, in jenem weitläufigen alten Hause der Rue de Babylone, das für ihn nur niederdrückende Erinnerungen hat. Séraphine, die sich nicht ganz von ihm trennen mag, hat, in der Nähe des Löwen von Belfort, eine bescheidene Wohnung gemietet; die kleine Rente, die ihr, nach der ausdrücklichen testamentarischen Bestimmung des verstorbenen Grafen, regelmäßig ausgezahlt wird, ermöglicht ihr diese anspruchslose Selbständigkeit. Gontran hat dort ein eigenes Zimmer, in dem er sich an den Tagen, da er Ausgang hat, behaglich einrichtet; er hat es ganz nach seinem Geschmack ausstaffiert. Zweimal in der Woche bleibt er bei Séraphine zum Abendessen. Die Alte kümmert sich um sein Wohlergehen und um alles, was er braucht. Gontran plaudert gern mit ihr, obwohl sie von den meisten Dingen, die ihn interessieren, nichts versteht. In der Pension läßt er sich von den Kameraden in keiner Hinsicht beeinflussen; zerstreut hört er ihren Großsprechereien zu; an ihren Spielen nimmt er selten teil. Am liebsten ist er in seinem Zimmer allein und liest. Aber er treibt gern Sport in freier Luft; viele Arten von Sport, besonders die, bei denen man einsam sein kann. Denn er ist auch stolz und verkehrt nicht mit jedermann. An den Sonntagen, je nach der Jahreszeit, läuft er Schlittschuh, schwimmt, rudert oder macht weite Ausflüge aufs Land. Er hat ganz bestimmte Abneigungen und sucht sie nicht zu bekämpfen; wie er denn sein geistiges Gebiet weniger auszudehnen als vielmehr zu befestigen sucht. Er ist vielleicht von Charakter nicht so einfach, wie er es von sich selbst glaubt und wie er es sein möchte. Wir haben ihn am Totenbette seines Vaters gesehen: doch allem Mysteriösen fühlt er sich fremd. Wenn er der Primus seiner Klasse ist, so verdankt er das seinem Fleiß, nicht spielender Überlegenheit. Bei ihm könnte der kleine Boris Schutz finden, falls er diesen Schutz nur suchte; aber leider hat sein Bankgenosse Georges größere Anziehungskraft für Boris. Georges seinerseits interessiert sich nur für Ghéri, der sich für niemand zu interessieren scheint.

Georges hatte Philippe Adamanti wichtige Neuigkeiten mitzuteilen. Am Morgen dieses ersten Schultages, eine Viertelstunde, bevor der Unterricht begann, hatte er vor der Tür des Gymnasiums auf ihn gewartet, jedoch vergeblich. Während er auf dem Trottoir auf und ab ging, hatte er mit angehört, wie Léon Ghéridanisol jene Frau so geistreich ansprach. Nach dieser Szene waren die beiden jungen Tugendritter ins Gespräch geraten, und dabei hatte es sich, zu Georges Moliniers großer Freude, herausgestellt, daß sie Pensionskameraden sein würden.

Erst als die Schule zu Ende war, hatten Georges und Phiphi miteinander reden können. Sie machten den Weg vom Gymnasium zur Pension Azaïs gemeinsam mit den andern Pensionären, doch immerhin abseits genug, um von ihnen nicht belauscht werden zu können.

»Du tätest auch gut, das da abzunehmen«, hatte Georges begonnen und mit dem Finger auf die kleine gelbe Rosette gewiesen, die in Phiphis Knopfloch zu bemerken war.

»Warum?« hatte Philippe gefragt, erst jetzt innewerdend, daß Georges die seine nicht mehr trug.

»Weil du sonst leicht ins Loch fliegen könntest, mein Kleiner! Das wollte ich dir schon heute früh sagen; du hättest nur ein bißchen zeitig da zu sein brauchen! Ich hab' vor der Tür auf dich gewartet, um dir einen Wink zu geben.«

»Aber ich wußte nicht …«, hatte Phiphi gesagt.

»Ich wußte nicht! Ich wußte nicht!« hatte Georges ihm nachgemacht. »Du hättest dir doch denken können, daß ich dir allerlei mitzuteilen haben würde, da man sich in Houlgate ja nicht mehr zu sehen bekam!«

Die ständige Sorge dieser beiden Knaben ist, sich einer dem andern überlegen zu zeigen. Phiphi verdankt der Stellung und dem Reichtum seines Vaters gewisse Vorteile, die aber Georges durch Keckheit und Zynismus mehr als wettmacht. Phiphi muß aufpassen, daß er nicht ins Hintertreffen gerät. Er ist kein böser Junge; aber er ist lau.

»Na, dann laß deine Neuigkeiten nur los!« hatte er gesagt.

Léon Ghéridanisol, der sich den beiden genähert hatte, hörte mit zu. Das mißfiel Georges keineswegs; hatte Léon ihn vorhin verblüfft, so konnte er nun auch seinerseits mit sensationellen Dingen aufwarten. Und so hatte er mit gespielter Nachlässigkeit zu Phiphi gesagt:

»Die kleine Praline ist ins Kittchen gekommen.«

»Praline!« entsetzte sich Phiphi, von der Kaltblütigkeit des Freundes ganz überwältigt. Und da Léon eine fragende Miene zu machen schien, so erkundigte er sich zögernd:

»Darf ich's ihm sagen?«

»Oh, bitte!« machte Georges achselzuckend. Darauf Phiphi zu Ghéri, auf Georges deutend:

»Das ist nämlich sein Liebchen!«

Dann, zu Georges:

»Woher weißt du's denn?«

»Von Germaine, der ich auf der Straße begegnet bin.«

Und er erzählte Phiphi, daß er vor zwölf Tagen, als er vorübergehend in Paris gewesen sei, eine gewisse Lokalität (die der Präsident Molinier jüngst als das »Theater dieser Orgien« bezeichnete) wieder habe aufsuchen wollen, aber die Tür verschlossen gefunden habe. Bald darauf habe er, in der Nähe umherschlendernd, Germaine –… Phiphis Liebchen –… getroffen, die ihm erzählt habe, zu Beginn der Ferien sei eine polizeiliche Haussuchung vorgenommen worden, die zur Schließung des Etablissements geführt habe. Was aber die jungen Mädchen ebensowenig wußten wie ihre frühreifen Liebhaber, war, daß Profitendieu die Aushebung des Nestes mit größter Absichtlichkeit bis zu einem Termin verschoben hatte, wo die minderjährigen Sünder, in die Sommerfrischen zerstreut, von der Razzia nicht mehr erfaßt werden konnten, so daß ihren Eltern jeglicher Skandal erspart blieb.

»Donnerwetter, mein Lieber!« sagte Phiphi, das eine Mal über das andere. Diese Worte, denen er keinen Kommentar hinzufügte, schienen bedeuten zu sollen, Georges und er seien einer großen Gefahr gerade eben noch entronnen.

»Ja, es läuft dir wohl kalt den Rücken hinunter, was?« höhnte Georges grinsend. Einzugestehen, daß er selbst zu Tode erschrocken gewesen war, hielt er für durchaus unnötig, zumal in Gegenwart von Ghéridanisol. –…

Man könnte, nach diesem Dialog, die Kinder für noch verdorbener halten, als sie sind. Besonders um großzutun, reden sie so, dessen bin ich sicher. Die kindliche Sucht zu renommieren ist dabei im Spiele. Wie dem aber auch sei: Ghéridanisol hört ihnen zu; hört ihnen zu und reizt sie zu weiteren Äußerungen. Dies alles wird seinen Vetter Strouvilhou ungemein interessieren, wenn er es ihm heute Abend berichtet.

 

Am selben Abend ging Bernard zu Edouard.

»Na, gut abgelaufen, das Debüt?«

»Hm, nicht schlecht.«

Dann schwieg er.

»Monsieur Bernard, falls Sie heute abend nicht in der Laune sind zu sprechen, so rechnen Sie, bitte, nicht darauf, daß ich Sie irgendwie zu nötigen versuche. Alles, was nach Inquisition schmeckt, ist mir ein Greuel. Immerhin darf ich Ihnen vielleicht ins Gedächtnis zurückrufen, daß Sie mir Ihre Dienste angeboten haben und daß ich deswegen möglicherweise berechtigt war, auf ein kleines Résumé zu hoffen …«

»Was wollen Sie wissen?« sagte Bernard ziemlich mürrisch. »Daß der Urvater Azaïs eine feierliche Rede vom Stapel gelassen hat, in der er den Kindern vorschlug, ›sich zu erheben im gemeinsamen Aufschwung tugendhafter Begeisterung‹ …? Diese Tirade habe ich wörtlich behalten, denn sie kam nicht weniger als dreimal vor! Armand behauptet, der Alte bringe sie in jedem Pronunciamento an, dessen er sich entledige. Armand und ich saßen auf der letzten Bank, ganz hinten im Saal, und betrachteten uns die hereinströmenden Zöglinge, wie Noah sich die Tiere betrachtet haben mag, die in seine Arche hereingeströmt kamen. Es gab Exemplare aller Gattungen: Wiederkäuer, Dickhäuter, Mollusken und noch andere wirbellose Geschöpfe. Als die Kinder, nach Schluß des Sermons, miteinander ins Gespräch kamen, da haben wir, Armand und ich, festgestellt, daß vierzig Prozent aller Sätze, die sie sprachen, mit den Worten begannen: ›Wetten, daß …?‹«

»Und die übrigen sechzig Prozent?«

»Die begannen mit dem prononciert ausgesprochenen Worte: ›Ich‹ …«

»Das ist nicht schlecht beobachtet, fürchte ich … Was gab's sonst noch?«

»Einige der jungen Herren machten den Eindruck, als seien sie fabrikmäßig hergestellt.«

»Was verstehen Sie darunter?« fragte Edouard.

»Ich denke dabei speziell an einen von ihnen, der neben dem kleinen Passavant sitzt, der seinerseits übrigens kaum mehr zu sein scheint als ein artiges Kind. Dieser Nachbar des braven Gontran muß sich (ich habe ihn lange beobachtet) zur Lebensregel das ›ne quid nimis‹ der Alten erkoren haben –… für einen Jungen in den Flegeljahren immerhin ein ziemlich unerwarteter Wahlspruch, finden Sie nicht auch? Sein Anzug sitzt ihm ganz knapp an; seine Krawatte ist so klein, daß sie nur gerade noch als Krawatte gelten kann; und selbst seine Schuhbänder sind nur eben lang genug, um noch einen Knoten zu ermöglichen. Während der paar Minuten, die ich mit diesem ökonomischen Jüngling gesprochen habe, hat er mir wiederholt erklärt, er sehe überall eine Verschwendung der Kräfte, die ihn immer wieder bestärke in seiner Devise: ›Nur kein überflüssiger Aufwand!‹«

»Der Teufel hole alle diese haushälterischen Kerle!« rief Edouard. »In der Literatur ergibt das Fanatiker der Weitschweifigkeit.«

»Wie das?«

»Weil sie Angst haben, sich irgend etwas entgehen zu lassen. Was gab's sonst noch? Sie sagen mir nichts von Armand.«

»Ja, das ist ein sonderbares Menschenkind! Er gefällt mir eigentlich nicht besonders. Ich mag solche mißratenen Naturen nicht. Er ist ja keineswegs dumm; aber sein Denken ist nur des Destruktiven fähig. Übrigens schont er sich selbst am allerwenigsten. Alles, was gut, edel, zart an ihm ist: dessen schämt er sich. Er müßte Sport treiben, mehr in die frische Luft kommen. Er versauert ja, wenn er so den ganzen Tag in seiner Bude hockt! Er scheint gern mit mir zu sprechen; ich geh ihm auch nicht aus dem Wege, kann ihm aber keinen rechten Geschmack abgewinnen.«

»Glauben Sie nicht, daß sich hinter seinem boshaften und höhnischen Benehmen eine krankhafte Empfindsamkeit und vielleicht ein tiefes Leiden verbergen könnte? Olivier schien dieser Meinung zu sein.«

»Es ist möglich; ich habe es mir auch gesagt. Ich kenne ihn noch nicht genug … Und meine sonstigen Impressionen sind noch nicht reif. Ich muß sie noch überdenken. Ich teile Ihnen dann alles mit; aber erst später. Für heute abend bitte ich um Urlaub. Ich habe übermorgen mein Examen. Und außerdem (warum soll ich's Ihnen nicht sagen?) … ist mir traurig zumute.«


 << zurück weiter >>