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Von alten Leuten hat man wenig Nutzen.
Vauvenargues.
Aus Edouards Tagebuch: (Fortsetzung)
»Den 8. November. –… Das alte Ehepaar La Pérouse ist wieder umgezogen. Die neue Wohnung (ich kannte sie noch nicht) liegt an jenem kleinen Einsprung, den die Rue du Faubourg Saint-Honoré bildet, bevor sie den Boulevard Haussmann schneidet. Ich stieg die Treppe zum Zwischenstock hinauf und läutete. La Pérouse öffnete mir. Er war in Hemdsärmeln und trug auf dem Kopfe eine Art Zipfelmütze, zu deren Herstellung ein alter Strumpf von Madame gedient zu haben schien; der Fuß war zu einem Knoten geschlungen und baumelte quastenartig herab. Der Feuerhaken, den der Alte in der Hand hielt, deutete darauf hin, daß er gerade mit der Heizung beschäftigt war. Da er ein bißchen verlegen aussah, sagte ich:
»Ich störe Sie gewiß jetzt sehr; soll ich vielleicht später wiederkommen?«
»O nein! Kommen Sie, bitte, hier herein.« –… Und er führte mich in ein enges, längliches Gemach, dessen zwei Fenster auf die Straße gingen, genau in der Höhe der Gaslaternen. –… »Ich erwartete gerade« (es war sechs Uhr) »eine Schülerin; aber sie hat mir telegraphiert, daß sie nicht komme. Ich bin so froh, Sie zu sehen!«
Er legte den Schürhaken auf einen kleinen Tisch. Und, wie um sein Äußeres zu entschuldigen:
»Die Aufwartefrau von Madame La Pérouse hat den Ofen ausgehen lassen; sie kommt immer nur vormittags; ich habe alle Kohlen wieder herausnehmen müssen …«
»Kann ich Ihnen nicht helfen beim Feuermachen?«
»Nein, nein! Man wird so schmutzig davon … Aber erlauben Sie mir, schnell eine Jacke anzuziehen.«
Er trippelte davon und erschien gleich wieder, angetan mit einem dünnen Jackett aus Alpaka, das so abgetragen war –… die Ärmel kaputt, die Knöpfe abgerissen –…, daß man es keinem Bettler mehr hätte anbieten mögen. Wir setzten uns.
»Sie finden mich verändert, nicht wahr?«
Ich hätte gern protestiert. Aber der gequälte Ausdruck seines früher so schönen Gesichtes lähmte mich. Er fuhr fort:
»Ja, ich bin recht alt geworden in letzter Zeit. Manchmal läßt mich auch das Gedächtnis im Stich. Wenn ich eine Fuge von Bach spiele, so kann es mir passieren, daß ich aufs Notenblatt sehen muß …«
»Ach, wieviel Jüngere wären glücklich, wenn sie nur annähernd soviel auswendig wüßten wie Sie!«
Er schüttelte den Kopf:
»Es ist nicht allein das Gedächtnis, mit dem es hapert … Sehen Sie, wenn ich auf der Straße gehe, so meine ich ja noch ganz gut vorwärtszukommen; aber doch überholen mich seit einiger Zeit alle Leute!«
»Das kommt davon«, sagte ich, »daß man heutzutage viel schneller geht als früher.«
»Ja, nicht wahr? … Und ganz ähnlich ist es mit den Stunden, die ich gebe. Die Schülerinnen finden, daß mein Unterricht sie zu langsam vorwärtsbringe; sie möchten rascher gehen als ich; sie laufen mir davon … Alle haben es heute so furchtbar eilig …«
Und ganz leise, kaum vernehmbar, fügte er hinzu:
»Ich habe fast gar keine Schülerinnen mehr.«
In seinem Wesen lag eine solche Traurigkeit, daß ich ihn nicht zu unterbrechen wagte. Er fuhr fort:
»Madame La Pérouse kann das nicht verstehen. Sie meint, ich finge es falsch an; ich täte nichts, um sie mir zu erhalten, und noch weniger, um neue zu bekommen.«
»Und diese Schülerin, die Sie erwarteten …?« fragte ich schüchtern.
»O die –… das ist eine, die ich fürs Konservatorium vorbereite. Sie kommt jeden Tag zur Arbeit hierher.«
»Das bedeutet, daß sie Ihnen nichts bezahlt?«
»Madame La Pérouse wirft es mir oft genug vor. Sie begreift nicht, daß solche Talente mich interessieren, daß ich nur ihnen mit Freuden meine Unterweisung … schenke. Seit einiger Zeit denke ich über mancherlei nach. Zum Beispiel … ja, danach wollte ich Sie fragen: woher kommt es eigentlich, daß in den Büchern so selten von alten Leuten die Rede ist? … Meiner Ansicht nach kommt es daher, daß die Alten selbst nicht imstande sind, über sich zu schreiben, und daß die Jüngeren keine Lust haben, sich mit ihnen zu beschäftigen. Greise sind nicht interessant … Immerhin wären ziemlich merkwürdige Dinge über sie zu sagen. So beginne ich, zum Beispiel, erst jetzt, in meinem Alter, gewisse Einzelheiten meines vergangenen Lebens zu verstehen. Erst jetzt erkenne ich, daß gewisse Tatsachen keineswegs den Sinn hatten, den ich ihnen beilegte, als sie geschahen … Erst jetzt merke ich, daß ich in meinem ganzen Leben immer der Reingefallene gewesen bin. Madame La Pérouse hat mich reingelegt; mein Sohn hat mich reingelegt; alle haben mich reingelegt; der liebe Gott hat mich reingelegt …«
Im Zimmer war es ganz dunkel geworden. Kaum vermochte ich die Gesichtszüge meines alten Lehrers noch zu unterscheiden. Doch mit einemmal flammte draußen vorm Fenster die Laterne auf, und ich sah, daß seine Wangen feucht waren von Tränen. Auch vermeinte ich plötzlich auf seiner Stirn einen eigentümlichen Fleck zu bemerken, wie eine Höhlung oder ein Loch; aber bei einer zufälligen Bewegung, die er machte, verschob sich der Fleck, und ich erkannte, daß es nur ein Schatten vom Rankenwerk der Balustrade war, den der Laternenschein auf sein Gesicht warf. Ich legte meine Hand auf seinen mageren Arm. Ihn fröstelte.
»Sie werden sich erkälten«, sagte ich. »Wollen wir nicht doch versuchen, den Ofen wieder in Gang zu bringen?«
»Nein, lieber nicht! Es ist besser, sich abzuhärten.«
»Was? Sie folgen den Lehren der Stoiker?«
»Ein bißchen. Gerade weil mein Hals immer so empfindlich war, habe ich nie einen Schal getragen. Ich habe immer gegen mich selbst gekämpft.«
»Das mag gut sein, solange man Sieger dabei ist; doch wenn der Körper unterliegt …«
Er nahm meine Hand und sagte mit geheimnisvoller Stimme:
»Dann wäre man erst recht der Sieger!«
Darauf meine Hand loslassend:
»Ich war in Angst, Sie könnten abreisen, ohne mich aufgesucht zu haben.«
»Abreisen –… wohin?« fragte ich.
»Ich weiß nicht … Sie sind ja so oft unterwegs. Ich wollte Ihnen etwas sagen … Auch ich gedenke bald abzureisen.«
»Wie? Sie haben die Absicht, zu reisen?« fragte ich törichterweise, als ob ich ihn trotz seines feierlich-schwermütigen Tones nicht verstanden hätte. Er schüttelte den Kopf:
»Sie verstehen ganz gut, was ich meine … Ja, ich fühle, daß es bald Zeit ist. Schon beginne ich weniger zu verdienen, als ich koste, und das ist unerträglich. Ich habe mir einen bestimmten Punkt gesetzt, den ich nicht überschreiten will.«
Er sprach in einem ziemlich erregten Ton, der mich beunruhigte:
»Finden Sie, daß es eine Sünde ist? Ich habe nie begriffen, warum die Religion es verbietet. Ich habe viel nachgedacht in letzter Zeit. Als ich jung war, habe ich ein sehr strenges Leben geführt, und jedesmal, wenn ich einer Versuchung ausgewichen war, beglückwünschte ich mich zu meiner Charakterstärke. Ich merkte nicht, daß ich, im Wahne, mich zu befreien, mehr und mehr ein Sklave meines Stolzes wurde. Ein jeder dieser Triumphe über mich selbst bedeutete in Wahrheit, daß ich die Tür meines eigenen Kerkers immer fester verbarrikadierte. Das war es, was ich meinte, als ich vorhin sagte, Gott habe mich reingelegt. Ich habe mir meinen Stolz als Tugend vorgespiegelt, und der liebe Gott hat sich darüber lustig gemacht. Er amüsiert sich über uns. Er spielt mit uns, wie die Katze mit der Maus. Er sendet uns Versuchungen, denen wir (das weiß er) nicht widerstehen können, und widerstehen wir ihnen doch, so rächt er sich nur noch mehr an uns. Warum ist er so böse auf uns? Und warum … doch sicherlich langweilen Sie sich bei diesen Betrachtungen eines Greises …«
Er stützte seinen Kopf in die Hände wie ein schmollendes Kind, und blieb so lange Zeit stumm, daß ich schließlich dachte, meine Anwesenheit sei ihm ganz entschwunden. Ich fürchtete, ihn in seinen Gedanken zu stören, und rührte mich nicht. Trotz des Lärmes, der von der Straße hereindrang, schien mir dieses kleine Zimmer merkwürdig still; und trotz des Laternenscheins, der uns, wie das Rampenlicht einer Bühne, von unten her phantastisch beleuchtete, schien seitlich der Fenster das Schattendunkel sich zu verdichten, die Finsternis um uns zu erstarren, wie die Oberfläche eines Teiches bei starkem Frost, zu erstarren bis in mein Herz hinein. Ich versuchte meine Angst abzuschütteln. Ich seufzte laut auf. Ich wollte gehen, mich verabschieden, und nur aus Höflichkeit, um den Bann zu brechen, fragte ich noch:
»Madame La Pérouse befindet sich wohl?«
Der Alte schien zu erwachen. Er wiederholte in fragendem Tonfall:
»Madame La Pérouse …?« –… Es klang, als hätten diese Silben für ihn jede Bedeutung verloren. Dann, plötzlich, sich zu mir hinneigend:
»Madame La Pérouse macht eine schreckliche Krise durch … unter der ich sehr zu leiden habe.«
»Was für eine Krise?« … fragte ich.
»Oh, eigentlich gar keine«, sagte er und zuckte mit den Achseln. »Nur scheint sie jetzt ganz verrückt zu werden. Sie weiß gar nicht mehr, was sie sich noch ausdenken soll.«
Schon seit langem vermutete ich eine tiefe Entzweiung dieser Ehe, hatte aber nie geglaubt, näher darüber unterrichtet werden zu sollen.
»Mein armer Freund«, sagte ich leise. »Und … seit wann?«
Er dachte einen Augenblick nach, als begriffe er den Sinn meiner Frage nicht.
»Oh! Schon seit lange …, seitdem ich sie kenne.« –… Dann raffte er sich zusammen: –… »Nein; in Wirklichkeit hat erst die Erziehung meines Sohnes alles zum Schlimmen gewandt.«
Ich machte eine Bewegung des Erstaunens, denn ich hatte die Ehe der La Pérouse für kinderlos gehalten. Er hob den Kopf, den er in den Händen gehalten hatte, und sagte ruhigeren Tones:
»Habe ich Ihnen nie von meinem Sohne erzählt? … Hören Sie zu, ich will Ihnen alles sagen. Sie müssen heute alles erfahren. Ich kann es niemand sagen, außer Ihnen … Ja, es kam mit der Erziehung meines Sohnes; Sie sehen, wie lange es schon her ist. Die erste Zeit unserer Ehe war wunderschön. Ich war sehr rein, als ich Madame La Pérouse heiratete. Ich liebte sie mit Unschuld … ja, das ist das richtige Wort, und ich fand keinerlei Fehl an ihr. Nur über Kinderziehung gingen unsere Ansichten auseinander. Sooft ich meinem Sohn irgendeine Zurechtweisung geben wollte, ergriff Madame La Pérouse seine Partei gegen mich. Wäre es nach ihr gegangen, so hätte man dem Jungen alles hingehen lassen müssen. Bald verschworen sich die beiden gegen mich; die Mutter lehrte den Sohn lügen … Kaum zwanzig Jahre alt, nahm er eine Mätresse. Es war eine Schülerin von mir, eine Russin, musikalisch sehr begabt, ein junges Mädchen, für das ich große Zuneigung gefaßt hatte. Madame La Pérouse war eingeweiht; aber mir verbarg man alles, wie gewöhnlich. Und natürlich habe ich nicht gemerkt, daß sie schwanger war. Ich ahnte absolut nichts, sage ich Ihnen. Eines schönen Tages teilt man mir mit, meine Schülerin sei leidend und könne während einiger Zeit nicht kommen. Und da ich die Absicht äußere, sie zu besuchen, sagt man mir, sie habe ihre Wohnung gewechselt, sei verreist … Erst viel später habe ich erfahren, daß sie sich nach Polen begeben hatte, um dort die Entbindung abzuwarten. Mein Sohn war ihr nachgereist … Sie haben dann mehrere Jahre zusammen gelebt. Aber er ist gestorben, bevor es zur Heirat kam.«
»Und … die Russin, haben Sie sie wiedergesehen?«
Es war, als stieße er mit der Stirn gegen ein Hindernis:
»Ich habe ihr nicht verzeihen können, daß sie mich hintergangen hat. Madame La Pérouse steht mit ihr in Korrespondenz. Als ich erfuhr, daß sie in großem Elend lebte, habe ich ihr Geld geschickt … wegen des Kleinen. Aber davon weiß Madame La Pérouse nichts. Sie selbst, die andere, hat auch nie erfahren, daß das Geld von mir kam.«
»Und ihr kleiner Enkel?«
Ein seltsames Lächeln huschte über sein Gesicht. Er erhob sich.
»Warten Sie einen Augenblick, ich will Ihnen seine Photographie zeigen.« –… Und wieder trippelte er hinaus, den Kopf tief vornübergebeugt. Als er wiederkam, hielt er eine dicke Brieftasche in der Hand. Mit zitternden Fingern suchte er das Bild aus ihr hervor. Er beugte sich über mich, reichte es mir und sagte ganz leise:
»Ich habe es Madame La Pérouse weggenommen, ohne daß sie eine Ahnung davon hat. Sie glaubt, es verloren zu haben.«
»Wie alt ist er?« fragte ich.
»Dreizehn Jahre. Er sieht älter aus, nicht wahr? Er ist von sehr zarter Gesundheit.«
Seine Augen hatten sich wieder mit Tränen gefüllt. Er streckte die Hand nach der Photographie aus, als wolle er sie so rasch wie möglich wieder an sich nehmen. Ich hielt das Bild in den Lichtschein der Laterne; es schien mir, als habe der Knabe Ähnlichkeit mit seinem Großvater; ich fand die hochgewölbte Stirn und die träumerischen Augen des alten La Pérouse bei ihm wieder. Ich glaubte dem Alten eine Freude zu machen, indem ich ihm das sagte. Doch er protestierte:
»Nein, nein, mit meinem Bruder hat er Ähnlichkeit; mit meinem Bruder, den ich verloren habe …«
Der Knabe auf dem Bilde trug eine russische Bluse, die mit Stickereien verziert war.
»Wo lebt er?« fragte ich.
»Aber wie soll ich das wissen?« schrie La Pérouse in einer Art Verzweiflung. »Ich sage Ihnen ja, daß man alles vor mir verheimlicht!«
Er hatte die Photographie wieder an sich genommen. Er betrachtete sie einen Augenblick, tat sie wieder in die Brieftasche und barg diese im Innern seines Jacketts.
»Wenn seine Mutter nach Paris kommt, so trifft sie sich nur mit Madame La Pérouse, die ihrerseits auf alle meine Fragen antwortet: ›Sie brauchen sich ja nur bei ihr zu erkundigen.‹ So sagt sie, aber sie wäre untröstlich, wenn ich die Mutter wirklich aufsuchte. Sie ist immer eifersüchtig gewesen; immer hat sie mir alles wegnehmen wollen, was sich an mich anschloß … Der kleine Boris wird in Polen erzogen; er geht in Warschau aufs Gymnasium, glaube ich. Aber häufig ist er auch mit seiner Mutter auf Reisen.« –… Dann, in leidenschaftlicher Aufwallung: »Sagen Sie, können Sie sich vorstellen, daß man ein Kind liebt, das man nie gesehen hat? … Dieses Kind ist jetzt mein höchster Schatz auf Erden! … Und es weiß nichts davon!«
Ein heftiges Schluchzen befiel ihn. Er erhob sich von seinem Stuhl und stürzte in meine Arme. Ich hätte alles darum gegeben, ihn irgendwie trösten zu können in seinem Jammer; aber was vermochte ich zu tun? Ich fühlte seinen mageren Körper gegen den meinen und glaubte, er werde hinfallen. Ich hielt ihn und streichelte ihn wie ein Kind. Er faßte sich. Aus dem Nebenzimmer hörte man die Stimme von Madame La Pérouse.
»Sie kommt. Ihnen liegt nichts daran, mit ihr zu sprechen, nicht wahr? … Übrigens ist sie völlig taub geworden. Gehen Sie rasch!«
Er begleitete mich auf den Treppenflur. Und mit einer Stimme, in der etwas Flehentliches lag, rief er mir nach: »Kommen Sie bald wieder! Adieu, adieu!«
Den 9. November. –… Eine bestimmte Art von Tragik ist, wie mir scheint, der Literatur bisher beinahe völlig entgangen. Der Roman hat die Wechselfälle des Schicksals behandelt, die Irrwege von Glück und Unglück, die sozialen Beziehungen, den Konflikt der Leidenschaften und der Charaktere, aber keineswegs die Quintessenz des Wesens selbst. Allerdings war es das Streben des Christentums, die Handlung auf das Feld der Moral zu verpflanzen. Aber es gibt keine christlichen Romane im eigentlichen Sinne. Wohl existieren Romane zu Erbauungszwecken; doch das hat nichts mit dem zu tun, was ich meine. Die moralische Tragik –… jene, die das Bibelwort so furchtbar macht: »Wenn aber das Salz dumm wird, womit soll man salzen?« –… das ist die Tragik, auf die es ankommt.
Den 10. November. –… Olivier macht nächstes Jahr sein Examen. Pauline möchte, daß er dann in die École normale eintritt. Seine Laufbahn ist genau vorgezeichnet … Oh, warum ist er nicht ohne Eltern, ohne Beistand? Dann hätte ich ihn zu meinem Sekretär gemacht. Aber er denkt kaum an mich, bemerkt nicht einmal das Interesse, das ich ihm entgegenbringe; und ich würde ihn in Verlegenheit setzen, wenn ich es ihm deutlicher zeigte. Gerade um keinerlei Verlegenheit zwischen uns aufkommen zu lassen, spiele ich ihm gegenüber den Gleichgültigen, den Ironisch-Unbeteiligten. Nur wenn er meine Nähe gar nicht vermutet, wage ich ihn länger zu betrachten. Manchmal folge ich ihm auf der Straße, ohne daß er es ahnt. So ging ich auch gestern hinter ihm her. Da kehrte er plötzlich um, und ich konnte mich nicht schnell genug verbergen.
»Wohin gehst du denn so rasch?« fragte ich ihn.
»Ach, nirgendwohin. Ich gehe nie so rasch, als wenn ich absolut nichts zu tun habe.«
Wir gingen ein paar Schritte zusammen und wußten uns nichts zu sagen. Sicherlich war es ihm unangenehm, daß wir uns getroffen hatten.«
Aus Edouards Tagebuch: (Fortsetzung)
»Den 12. November. –… Er hat seine Eltern, seinen großen Bruder, seine Freunde … Das wiederhole ich mir den ganzen Tag. Ich habe hier nichts zu suchen. Zwar könnte ich ihm für alles, was ihm fehlen würde, Ersatz bieten; aber ihm fehlt eben nichts. Er braucht nichts; und wenn seine Liebenswürdigkeit mich bezaubert, so erlaubt sie mir in keiner Weise, mich zu täuschen … Ah, ein absurder Satz, den ich wider Willen hinschreibe und in dem sich die Zweideutigkeit meines Herzens verrät … Morgen fahre ich nach London. Ganz plötzlich habe ich mich zu dieser Reise entschlossen. Es ist Zeit.
Wegreisen, weil man allzugern bleiben möchte! … Ein gewisser Hang zum Schroffen, Angst vor jeder Nachgiebigkeit (ich meine: gegen mich selbst) –… das sind vielleicht von meiner puritanischen Erziehung her die Gefahren, gegen die ich mich am wenigsten schützen kann. –…
Gestern bei Smith ein schon ganz englisches Heft gekauft, das diesem (in das ich nichts mehr schreiben will) folgen soll. Ein neues Heft …
»Ach, wenn ich mich selbst nicht mitzunehmen brauchte!«