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Ende Mai des Jahres 1871, an einem warmen Vorsommertag, herrschte auf dem Chiado Chiado – Volkstümliche Bezeichnung für die Rua Garrett, eine elegante Geschäftsstraße Lissabons. in Lissabon ein großes Getümmel. Zahllose Menschen kamen atemlos zur Casa Havanesa Casa Havanesa – (portug.) Havannahaus. gerannt und drängten sich durch die dichten Gruppen, die den Eingang zu diesem berühmten Tabak- und Depescheninstitut versperrten. Drinnen stellten sie sich mit gereckten Hälsen auf die Zehenspitzen und lasen zwischen den Hüten ihrer Vordermänner hindurch die Telegramme der Agence Havas Agence Havas – Ehemalige französische Nachrichtenagentur; 1835 von Charles Havas gegründet., die auf eine am Schaltergitter hängende Holztafel geklebt waren. Leute mit entgeisterten Gesichtern schoben sich wieder heraus, um sogleich ihren weniger neugierigen Freunden, die auf der Straße warteten, Bericht zu erstatten.
»Alles verloren! Alles in Flammen!« riefen sie verzweifelt.
Drinnen gab es lebhafte Debatten in dem schwatzenden Menschengewühl, das vor dem Ladentisch brandete. Und draußen war das Geschrei noch toller: auf der Promenade vor dem Loreto, vom Chiado bis zum Magalhães, brüllten und kreischten unaufhörlich aufgeregte, wütende Menschen: »Kommunisten! Versailles! Brandstifter! Thiers Thiers – Adolphe Thiers (1797-1877), französischer Staatsmann und Historiker, erster Präsident der dritten Republik; ließ die Erhebung der Pariser Kommune blutig niederschlagen.! Verbrechen. Internationale!« Und in diesen Lärm hinein ratterten die Droschken, gellte das Geschrei der Zeitungsverkäufer: »Das Allerneueste! Kauft! Kauft!«
Tatsächlich liefen jeden Augenblick neue Depeschen ein, die von den sich überstürzenden Ereignissen der Pariser Straßenkämpfe berichteten. So wurde aus Versailles telegrafiert, daß die Paläste der Metropole in Flammen stünden und ganze Straßenzüge dem Erdboden gleichgemacht würden. Auf den Kasernenhöfen und Gottesäckern fänden zahllose Erschießungen statt. Bis in die finsteren Kloaken verfolge die Volkswut ihre Opfer. Verhängnisvoller Wahnsinn verblende Soldaten wie Arbeiter. Überall Auflehnung, die mit den raffiniertesten Mitteln arbeite und sogar die Errungenschaften der Wissenschaft in ihren Dienst stelle: mit Petroleum, Dynamit und Nitroglyzerin werde die alte bürgerliche Gesellschaft vernichtet! Mit ein paar Worten ein grausig aufleuchtendes Bild: das Ende der Welt, die im Todeskampf krampfhaft zuckte …
Der Chiado war eitel Jammer und Empörung. Man erinnerte sich der verbrannten Gebäude, zum Beispiel des »reizenden« Stadthauses; man schwärmte von der Rue Royale, »diesem Juwel«. Manche Leute waren so wütend über den Brand der Tuilerien Tuilerien – Ehemaliger Palast der französischen Könige in Paris., als wären sie deren Besitzer gewesen. Wer einmal einen oder zwei Monate in Paris geweilt hatte, erging sich in wüsten Schmähungen. Ein geborener Pariser hätte nicht wütender darüber sein können, daß die Revolution nicht vor den ehrwürdigen Denkmälern haltmachte, auf denen seine Blicke geruht hatten.
»Sehen Sie«, rief ein dicker Herr. »Auch den Palast der Ehrenlegion hat man zerstört! Noch vor einem Monat bin ich mit meiner Frau drin gewesen … Welche Gemeinheit! Welche Niedertracht!«
Aber noch Schlimmeres wurde ruchbar: dem Ministerium war telegrafiert worden, daß die ganze Straßenflucht vom Boulevard de la Bastille bis zur Madeleine brenne. Ja, sogar die Place de la Concorde, die Avenue des Champs-Élysées bis zum Arc de Triomphe stehe in Flammen! So hatte also die Revolte in ihrem Wahnsinn das ganze System von Restaurants, Konzertcafés, Tanzsalons, Spielhäusern und Liebesnestern entzückender Prostituierter weggefegt! Eine Welle gerechter Empörung wogte vom Loreto bis zum Magalhães. Die Flammen hatten diesen bequemen Sammelpunkt der kundigen Lebemänner vernichtet! O welche Gemeinheit! Da hörte doch alles auf! Wo aß man besser als in Paris? Wo fand man raffiniertere Weiber? Würde man jemals wieder das glänzende Schauspiel genießen können, das sich einem an kühlen trockenen Wintertagen in der Stadt des Lichts darbot: den endlosen Korso eleganter Equipagen, in denen strahlende Kokotten mit ihren börsengewaltigen Liebhabern scherzten, die in offnen Wagen nebenherkutschierten? Schändlich! An die verwüsteten Bibliotheken und Museen dachte kein Mensch; man empfand nur ehrliche Trauer darüber, daß die Cafés und die Freudenhäuser den Flammen zum Opfer gefallen waren. Das bedeutete das Ende des schönen Paris, das Ende Frankreichs!
Vor der Casa Havanesa ereiferte sich eine Gruppe politischer Kannegießer. In dem Disput fiel der Name Proudhons Proudhon – Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865), französischer kleinbürgerlicher Publizist und Anarchist., von dem man zu jener Zeit in Lissabon zu reden begann und den man sich als ein blutdürstiges Ungeheuer vorstellte. Die meisten glaubten, daß er der ruchlose Brandstifter gewesen sei. Aber der geschätzte Dichter der »Blumen und Seufzer« brach für Proudhon eine Lanze: abgesehen von den Dummheiten, die er gesagt habe, sei er doch ein ziemlich feiner Stilkünstler. Da brüllte der Spieler França: »Stilkünstler … Quatsch! Wenn ich ihn auf dem Chiado erwischte, würde ich ihm die Knochen zerschlagen!« Und er fuchtelte wild mit den Fäusten. Wenn der França sich sein Quantum Kognak einverleibt hatte, war er eine Bestie.
Einige Jünglinge jedoch, in denen die dramatische Bewegtheit der Pariser Katastrophe romantische Instinkte geweckt hatte, rühmten den Heroismus der Kommune; sie bewunderten zum Beispiel Vermorel Vermorel – Auguste-Jean-Marie Vermorel (1841-1871), französischer Publizist, Anhänger der Pariser Kommune; wurde auf den Barrikaden verwundet und starb in Versailles im Gefängnis., der, als ihn die Kugeln durchbohrten, die Arme wie der Gekreuzigte ausgebreitet und gerufen hatte: »Es lebe die Menschlichkeit!« Und sie sprachen gerührt vom greisen Delescluze Delescluze – Louis-Charles Delescluze (1809-1871), französischer Publizist und Politiker, führendes Mitglied der Pariser Kommune; fand auf den Barrikaden den Tod., der mit dem Fanatismus eines Heiligen von seinem Sterbebett aus den Widerstand schürte und immer neue Gewalttaten anordnete …
»Ja, das sind große Männer!« rief ein Jüngling begeistert.
Um diese Gruppe herum murrten die ernsten Bürger. Einige entfernten sich mit angstbleichen Gesichtern: sie sahen schon im Geiste, wie die Häuser der unteren Stadt von Petroleum troffen und sogar die Casa Havanesa von den sozialistischen Brandstiftern vernichtet wurde. Aber die meisten erglühten in heiligem Eifer für Autorität und Zucht: Die von der Internationale angegriffene Gesellschaft mußte sich hinter dem starken Bollwerk ihrer konservativen und religiösen Prinzipien verschanzen und diese mit Bajonetten verteidigen! Kleine Putzwarenhändler sprachen von der »Kanaille« mit der großartigen Verachtung eines La Trémoille La Trémoille – Charles-Louis Herzog von La Trémoille (1838 bis 1911), französischer Geschichtsschreiber. oder eines Osuna Osuna – Don Pedro Téllez y Girón, Herzog von Osuna (1575 bis 1624), spanischer Staatsmann, Vizekönig von Sizilien und später von Neapel.. Spießbürger ordneten das Rachewerk an, während sie sich in den Zähnen stocherten. Tagediebe schimpften grimmig über die Arbeiter, »die wie die Fürsten leben wollten«. Und sie sprachen mit Ehrfurcht vom Eigentum und vom Kapital! Andrerseits gab es geschwätzige Jünglinge – meist waren es Lokalberichterstatter –, die aufgeregt über die alte Generation und ihre überlebten Anschauungen zeterten und sie bedrohten. Die sollten sich in acht nehmen: sie würden sie mit furchtbaren Zeitungsartikeln zerschmettern!
So hoffte ein stumpfes Bürgertum, mit ein paar Polizisten eine gewaltige soziale Entwicklung aufhalten zu können, und eine oberflächlich belesene Jugend maßte sich an, einer achtzehn Jahrhunderte alten Gesellschaft mit einem Feuilleton den Garaus zu machen. Aber niemand übertraf einen Buchhalter der Casa Havanesa an Überspanntheit. Dieser stand vor dem Haus, schwang seinen Spazierstock und gab Frankreich den Rat, die Bourbonen wieder auf den Thron zu setzen.
In diesem Augenblick trat ein schwarzgekleideter Mann aus dem Laden und schlängelte sich durch die Menschengruppen. Plötzlich blieb er stehen, denn eine erstaunte Stimme rief: »Der Pater Amaro! Seh einer den Spitzbuben!«
Er drehte sich um: es war der Kanonikus Dias. Sie umarmten sich herzlich, und um ungestörter plaudern zu können, gingen sie zur Praça de Camões, wo sie vor dem Denkmal haltmachten.
»Ja, wann sind Sie denn angekommen, Meister?«
Der Kanonikus war am vorhergehenden Tage eingetroffen. Er kam wegen eines Rechtsstreites mit den Pimentas von der Pojeira. Es handelte sich um die Frage, ob diese zu Dienstleistungen auf dem Landgut verpflichtet waren oder nicht. Der Kanonikus hatte sich an das Oberappellationsgericht gewandt und wollte nun seine Sache in der Hauptstadt selbst durchfechten.
»Und Sie, Amaro? In Ihrem letzten Brief schrieben Sie doch, daß Sie sich mit dem Gedanken trügen, Santo Tirso zu verlassen.«
So verhielt es sich in der Tat. Die Pfarrstelle hatte zwar ihre Vorzüge; aber jetzt war Villa França frei, und weil diese Gemeinde der Residenz näher lag, wollte er sich bewerben. Er war nach Lissabon gekommen, um mit dem Grafen von Ribamar zu sprechen. Und dieser wollte auch versuchen, ihm die Pfarre zu verschaffen.
»Ich verdanke ihm alles, besonders aber der Frau Gräfin. Und wie steht's in Leiria? Geht es der Joaneira besser?«
»Leider nein! Die Arme … Unter uns gesagt: Zuerst hatten wir eine Heidenangst … Wir dachten, es könne ihr gehen wie der Amélia … Aber es war nur die Wassersucht … Und jetzt ist ihr ganzer Leib geschwollen …«
»O weh, die arme, fromme Frau! Und Natário?«
»Er ist alt geworden. Hat viel Ärger gehabt. Sie wissen ja: seine böse Zunge …«
»Ich hatte Ihnen doch über ihn geschrieben«, sagte lachend der Kanonikus.
Pater Amaro lachte auch. Die beiden Priester blieben eine Weile stehen und hielten sich den Bauch vor Lachen.
»Jaja, es ist schon wahr«, fuhr der Kanonikus endlich fort. »Die Sache war wirklich skandalös … Denn sehen Sie: Man hat den alten Freund schließlich in flagranti mit dem Sergeanten erwischt … Da gab es keinen Zweifel mehr … Es war um zehn Uhr nachts in der Pappelallee … Wie unvorsichtig! … Aber über die Sache wuchs Gras, und als der Matias starb, haben wir ihm dessen Amt übertragen … Ein ganz hübscher Posten … Viel besser als der, den er in der Kanzlei hatte … Und er wird ihn mit großem Eifer ausfüllen!«
»Ja, das wird er tun«, bestätigte ernst Pater Amaro. »Was macht übrigens Dona Maria da Assunção?«
»Mensch, man munkelt allerlei … Sie hat jetzt einen Diener … Er war früher Zimmermann und wohnte ihr gegenüber … Der Kerl kleidet sich wie ein Stutzer.«
»Nicht möglich!«
»Wie ein Stutzer. Zigarre, dicke Uhrkette, Handschuhe. Netter Spaß, was?«
»Glänzend!«
»Von den Gansosos ist nicht viel Neues zu berichten«, fuhr der Kanonikus fort. »Sie haben jetzt Ihre Haushälterin, die Escolástica.«
»Und dieser Esel, der João Eduardo?«
»Habe ich Ihnen das nicht sagen lassen? Er ist noch immer in Poiais. Der Majoratsherr leidet an der Leber. Und João Eduardo sagt, er habe die Schwindsucht … Doch weiß ich nichts Genaues; ich habe ihn nie wieder gesehen … Der Ferrão hat mir davon erzählt.«
»Wie geht es dem Ferrão?«
»Gut. Wissen Sie, wen ich heute sah? … Die Dionísia.«
»Nun und …?«
Der Kanonikus flüsterte Pater Amaro etwas ins Ohr.
»In der Rua da Sousas, ein paar Schritte von Ihrer ehemaligen Wohnung entfernt. Senhor Luis aus Barrosa hat ihr das Geld gegeben; sonst hätte sie das Institut nicht eröffnen können. – So, das wären die Neuigkeiten. Sie sind dicker geworden, Mensch! Die Veränderung ist Ihnen gut bekommen …« Dann sagte er mit gutmütigem Spott: »O Amaro, und Sie haben mir einst geschrieben, daß Sie sich ins Gebirge zurückziehen, in ein Kloster gehen, ein Büßerleben führen wollten …«
Pater Amaro zuckte die Achseln. »Was wollen Sie, Meister? In der ersten Aufregung … Ich habe wirklich schwer gelitten … Aber schließlich kommt man über alles hinweg …«
»Über alles kommt man hinweg«, stimmte der Kanonikus bei. Und nach einer Pause: »Ach, Leiria ist nicht mehr Leiria!«
Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander und dachten über die Vergangenheit nach: die hübschen Lottospiele bei der Joaneira, die netten Teegespräche, die Spaziergänge nach dem Morenal, an das »Ade!« und den »Ungläubigen«, von Artur Couceiro gesungen und von der armen Amélia begleitet, der armen Amélia, die jetzt auf dem Friedhof von Poiais unter Feldblumen schlief …
»Und was sagen Sie zu Frankreich, Amaro?« rief plötzlich der Kanonikus.
»Schrecklich, Meister, grauenhaft! Der Erzbischof erschossen … eine Menge Priester erschossen! Was für Sachen!«
»Böse Geschichte!« grollte der Kanonikus.
Und Pater Amaro: »Jetzt fangen auch bei uns solche Ideen an zu spuken …«
Der Kanonikus hatte das auch gehört. Da entrüsteten sich beide über diese Bande von Freimaurern, Republikanern und Sozialisten. Waren das nicht Leute, die alles zerstören wollten, was respektabel war? Klerus, religiöse Unterweisung, Familie, Heer, Reichtum? Ah, die Gesellschaft wurde von entfesselten Ungeheuern bedroht! Die alten Zwangsmaßnahmen wären hier am Platze: Kerker und Galgen! Vor allem war nötig, den Menschen Respekt vor dem Glauben und der Priesterschaft einzuflößen!
»Das ist eben der wunde Punkt, Meister!« sagte Amaro. »Sie haben keinen Respekt mehr vor uns! Sie entwürdigen uns nur. Sie zerstören im Volk die Ehrfurcht vor dem Priestertum …«
»Sie verleumden uns auf infame Weise!« klagte der Kanonikus mit hohler Stimme.
Während er dies sagte, gingen zwei Damen an ihnen vorüber. Die eine hatte weißes Haar und sah sehr vornehm aus; die andre war ein zartes Figürchen mit bleichem Gesicht und dunklen Augenringen. Ihre spitzen Ellenbogen hielt sie krampfhaft an die magere Taille gepreßt … Prächtige Gestalt, kühne Frisur, hohe Stöckelabsätze.
»Donnerwetter!« rief der Kanonikus leise, indem er den Kollegen mit dem Ellenbogen anstieß. »Nette Sache, Herr Pater, was? So etwas möchten Sie auch am Beichtstuhl haben!«
»Die Zeiten sind vorbei, Meister«, lachte der Pfarrer. »Ich nehme nur noch Verheirateten die Beichte ab.«
Der Kanonikus überließ sich einen Augenblick einer großen Heiterkeit. Aber sein fettes Pfaffengesicht wurde im Nu ernst und würdig, als er sah, daß Amaro den Hut tief vor einem Herrn zog, einem Herrn mit grauem Schnurrbart und goldener Brille, der vom Loreto her kam. Er hatte eine Zigarre zwischen den Zähnen und trug einen Regenschirm unterm Arm.
Es war der Graf von Ribamar. Dieser ging leutselig auf die beiden Priester zu, und Amaro, der noch immer den Hut in der Hand hielt, stellte dem Edelmann mit steifer Förmlichkeit »seinen Freund, den Herrn Kanonikus Dias von der Kathedrale in Leiria« vor. Man sprach einen Augenblick von der Jahreszeit, die schon wärmer werde. Dann erwähnte Amaro die letzten Telegramme.
»Was sagen Sie zu den Vorgängen in Frankreich, Herr Graf?«
Der Staatsmann zog ein bekümmertes Gesicht und wehrte mit den Händen ab. »O schweigen Sie davon, Herr Pater, hören Sie auf … Zusehen müssen, wie ein halbes Dutzend Banditen Paris zerstört … O mein Paris! Sie können mir glauben, meine Herren: es hat mich ganz krank gemacht …«
Die unglücklichen Gesichter der beiden Gottesdiener ließen erkennen, daß sie den Schmerz des Staatsmannes mitfühlten. Der Kanonikus fragte: »Und was wird Ihrer Meinung nach das Ergebnis sein?«
Der Graf von Ribamar sagte langsam und mit häufigen kleinen Pausen, als wäge er jedes seiner Worte sorgfältig ab: »Das Ergebnis? Das ist unschwer vorauszusehen. Wenn man einigermaßen in der Geschichte der Politik bewandert ist, sieht man das Ergebnis deutlich vor sich. So deutlich, wie ich Sie, meine Herren, vor mir stehen sehe.«
Die Blicke der beiden Priester hingen an den prophetischen Lippen des Staatsmannes.
»Wenn der Aufstand unterdrückt ist«, fuhr der Graf fort und er blickte mit erhobenem Finger gerade vor sich hin, als zitierte er zukünftige Historiker, die er durch seine goldene Brille hindurch leibhaftig vor Augen sah –, »wenn der Aufstand unterdrückt ist, wird in spätestens drei Monaten das Kaiserreich wieder aufgerichtet sein … Ah, meine Herren, wenn Sie, wie ich, zu den Zeiten des Kaiserreichs einen Empfang in den Tuilerien gesehen hätten, würden Sie wie ich sagen, daß Frankreich seinem tiefsten Wesen nach kaiserlich gesinnt ist, und nur kaiserlich … Wir haben Napoleon III., oder vielleicht dankt er ab, und die Kaiserin übernimmt die Regentschaft, solange der kaiserliche Prinz minderjährig ist … Ich würde zu letzterem raten, und ich habe meiner Meinung schon an maßgebender Stelle Ausdruck verliehen; vielleicht wäre dies die klügste Lösung. Eine unmittelbare Folge davon wäre, daß der Papst wieder in den Besitz der weltlichen Macht käme … Offen gestanden – und ich habe dieser meiner Meinung schon Ausdruck verliehen billige ich die Restauration des Papstes nicht. Aber ich bin nicht hier, um Ihnen zu sagen, was ich billige oder mißbillige. Glücklicherweise bin ich nicht Herr der Geschicke Europas … Für diese Aufgabe fühle ich mich zu alt und zu leidend. Ich will Ihnen nur sagen, was mir nach meiner Kenntnis der Politik und der Geschichte als sicher feststeht … Was wollte ich doch gleich sagen …? Ah! … Die Kaiserin auf dem Thron Frankreichs, Pius IX. auf dem Thron in Rom: und die Demokratie wird zwischen diesen beiden erhabenen Gewalten zermalmt. Glauben Sie, meine Herren, einem Mann, der sein Europa und die Elemente kennt, aus denen sich die moderne Gesellschaft zusammensetzt! Glauben Sie mir, daß man nach diesem Beispiel, das die Kommune gegeben hat, nie wieder von der Republik reden hören wird! Auch von der sozialen Frage, vom Volk und so weiter wird in den nächsten hundert Jahren nicht mehr die Rede sein!«
»Gebe Gott, daß Sie recht behalten, Herr Graf«, sagte salbungsvoll der Kanonikus.
Aber Amaro, der in dem Gefühl schwelgte, hier auf einem Platz in Lissabon mit einem bedeutenden Staatsmann intim plaudern zu dürfen, wollte diese schöne Gelegenheit gründlich ausnützen. Darum fragte er noch, indem er seinen Worten den Eifer eines besorgten Konservativen verlieh: »Und glauben Sie, daß diese republikanischen und materialistischen Ideen auch unser Land verseuchen können?«
Der Graf lachte, und als er, zwischen den beiden Priestern gehend, das Gitter erreichte, das die Statue von Luis de Camões einfaßt, meinte er: »Darüber können Sie ganz beruhigt sein, meine Herren! Es mag ja hier und da einige unzufriedene Querköpfe geben, die dummes Zeug über den Untergang Portugals schwatzen: daß wir in einem Sumpf leben, daß wir in Stumpfsinn und sittliche Verwilderung verfallen, daß dies höchstens noch zehn Jahre so fortgehen kann und so weiter. Alberne Redensarten! …«
Er hatte sich leicht an das Gitter des Denkmals gelehnt und sagte etwas leiser, als machte er eine vertrauliche Mitteilung: »Die Wahrheit ist, meine Herren, daß uns die Fremden beneiden … Und ohne Ihnen schmeicheln zu wollen, muß ich Ihnen folgendes sagen: Solange es in unserem Lande ehrwürdige Priester gibt wie Sie, wird Portugal seinen Platz in Europa mit Ehren behaupten! Denn der Glaube, meine Herren, ist der Grundstein jeder Ordnung!«
»Ganz gewiß, Herr Graf, ganz gewiß!« pflichteten ihm die beiden Geistlichen mit großem Nachdruck bei.
»Und wenn Sie noch zweifeln sollten, meine Herren, blicken Sie nur in die Runde! Welcher Friede! Welche frohe Bewegung, welches Glück!«
Und mit einer großen Geste zeigte er auf den Loreto, auf dem sich zu dieser schönen Spätnachmittagsstunde das Leben der Stadt konzentrierte. Leere Droschken rollten träge dahin. Hochfrisierte Damen stöckelten Arm in Arm auf spannenhohen Absätzen; ihre bleichen, blutlosen Gesichter und blasierten Bewegungen zeugten von der Dekadenz der Rasse. Auf magerem Klepper ritt ein junger Herr einher, der Träger eines historischen Namens, und sein fahles Gesicht sprach von einer wüst durchzechten Nacht. Auf den Bänken des Platzes rekelten Tagediebe ihre vom Müßiggang erstarrten Glieder. Ein plumper Ochsenwagen, der auf hohen Rädern dahinwackelte, symbolisierte gleichsam die um Jahrhunderte zurückgebliebene Landwirtschaft. Zweifelhaftes Gelichter, dem noch der Kaschemmen- und Bordellgeruch in den Kleidern hing, wiegte sich zigarettenrauchend in den Hüften. Hier und da stand ein Spießbürger vor einer Plakatsäule und las gelangweilt das Programm einer längst vergessenen Operette. Die Arbeiter mit ihren blassen, ausgemergelten Gesichtern sahen aus wie Personifikationen der sterbenden Industrie … Und diese greisenhafte, abgelebte Menschheit wandelte schlaff unter dem strahlenden Himmel eines verschwenderischen, herrlichen Klimas, während Gassenjungen Lotterielose anpriesen und halbwüchsige Burschen mit heiser klagenden Stimmen das »Journal pikanter Neuigkeiten« feilboten. Dieser Betrieb spielte sich ohne Geist, ohne Grazie und Humor zwischen dem Loreto mit seinen beiden traurigen Kirchenfassaden und dem langen Häuserbogen der Praça de Camões ab, auf dem besonders drei schreiende Leihhausschilder und vier schmutzige Kneipeneingänge auffielen. Unheimlich wie geöffnete Kloaken wirkten die auf den Platz mündenden engen Gäßchen, in denen das Verbrechen und die Prostitution nisteten.
»Sehen Sie nur«, sagte der Graf, »welcher Friede, welches Glück, welche Zufriedenheit! Meine Herren, wir brauchen uns nicht zu wundern, daß ganz Europa mit neidischen Augen auf uns blickt!«
So verweilten die drei, der Diplomat und die Männer der Religion, noch eine Weile erhobenen Hauptes vor dem Denkmalsgitter: das stolze Bewußtsein von der Größe ihres Vaterlandes ließ ihre Herzen höher schlagen. Und hinter ihnen blickte das kalte, bronzene Auge des ritterlichen Dichterfürsten, der breitschulterig und hoch aufgerichtet auf seinem Sockel stand, auf sie herab. Die Hand am Schwertgriff, sein Heldengedicht an die Brust gepreßt, stand er da, und um ihn herum die heroischen Sänger des alten Vaterlandes, des Vaterlandes, mit dem es aus war für immer, des Vaterlandes, das nur noch von stolzen Erinnerungen zehrte!
[Nachwort aus Urheberrechtsgründen gelöscht. Re.]
[Anmerkungen als Fußnoten eingepflegt. Re]