Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

XIII

Am Abend wollte João Eduardo nach der Rua da Misericórdia gehen. Er trug unter dem Arm eine Rolle Tapetenmuster, die er Amélia zur Auswahl vorzulegen gedachte. Als er aus seiner Haustür trat, stieß er auf die Ruça, die eben die Klingel ziehen wollte.

»Was gibt's Ruça?«

»Die Damen sind fortgegangen und werden heute abend nicht zu Hause sein, und hier schickt Ihnen das Fräulein einen Brief.«

João Eduardos Herz krampfte sich zusammen, und bestürzt sah er der Ruça nach, die sich mit klappernden Pantoffeln entfernte. Er ging in das Licht der Laterne, die am gegenüberliegenden Haus angebracht war, und öffnete den Brief. Er lautete:

»Senhor João Eduardo!

Was wir betreffs unserer Verheiratung ausgemacht hatten, war meinerseits in der Überzeugung geschehen, daß Sie ein Ehrenmann seien und mich glücklich machen könnten. Aber da man nun weiß, daß Sie den Artikel im ›Distrikt‹ geschrieben, die Freunde unsres Hauses verleumdet und auch mich beleidigt haben, muß heute alles zwischen uns zu Ende sein. Um so mehr, als auch Ihr Lebenswandel mir keine Garantien für eine glückliche Ehegemeinschaft bietet. Der Bruch ist um so leichter möglich, als wir noch nicht aufgeboten sind und auch noch keine Ausgaben gehabt haben. Ich hoffe ebenso wie Mama, daß Sie taktvoll genug sind, uns nicht mehr zu besuchen und uns auch nicht auf der Straße zu verfolgen. Dies alles teile ich Ihnen im Auftrage meiner Mutter mit und zeichne hochachtungsvoll,

Amélia Caminha.«

 

João Eduardo starrte blöde auf die Wand, die sich im hellen Laternenschein vor ihm erhob. Wie zu Stein erstarrt stand er mit seinen Tapetenmustern unterm Arm da. Mechanisch kehrte er in seine Wohnung zurück. Die Hände zitterten ihm so sehr, daß er kaum die Lampe anzünden konnte. Vor dem Tisch stehend, las er noch einmal den Brief. Dann stierte er bis zur Ermüdung in die Petroleumflamme; er hatte das Gefühl, als würde alles still, starr und kalt in seinem Innern, als wäre auch das Leben im allgemeinen plötzlich zum Stillstand gekommen, und verstummte. Er dachte an die Stätte, wo er eigentlich den heutigen Abend verbringen sollte. Erinnerungen an glückliche, frohe Abendgesellschaften in der Rua da Misericórdia zogen langsam durch sein Hirn: Amélia arbeitete mit gesenktem Köpfchen; zwischen dem tiefschwarzen Haar und dem schneeweißen Kragen schimmerte die gedämpfte Blässe ihres Halses … Da durchzuckte ihn der Gedanke, daß er sie für immer verloren hatte, wie ein kalter Dolchstoß. Halb irrsinnig preßte er die Schläfen zwischen die Fäuste. Was sollte er tun? Was sollte er nur tun? Allerlei Entschlüsse zuckten blitzartig durch sein Hirn, um jäh zu erlöschen. Er wollte ihr schreiben, sie gerichtlich belangen, nach Brasilien gehen, entdecken, wer dem Verfasser des Artikels auf die Spur gekommen war! Und da das letztere momentan am leichtesten auszuführen war, rannte er nach der Redaktion der »Stimme des Distrikts«.

Agostinho lag auf dem Sofa, neben dem auf einem Stuhl eine brennende Kerze stand. Er schwelgte in der Lektüre von Lissabonner Zeitungen.

Als er das verstörte Gesicht João Eduardos erblickte, erschrak er. »Was ist los?«

»Du hast mich ruiniert, du Lump!« Und ohne sich Zeit zum Atemholen zu lassen, klagte João Eduardo den Buckligen wütend an, ihn verraten zu haben.

Agostinho richtete sich langsam in die Höhe und suchte seelenruhig den Tabakbeutel in seiner Rocktasche.

»Mensch«, sagte er, »mach doch keinen Krach! … Ich gebe dir mein Ehrenwort, daß ich mit niemandem über den Artikel gesprochen habe. Mich hat ja auch niemand danach gefragt …«

»Aber wer war es dann?« schrie der Schreiber.

Agostinho vergrub den Kopf tief in den Schultern.

»Ich weiß nur, daß sämtliche Pfaffen wie die Teufel darauf aus waren, den Verfasser zu entlarven. Eines Morgens war der Natário hier. Es handelte sich um eine Witwe, die die öffentliche Mildtätigkeit in Anspruch nehmen wollte; aber von dem Artikel sagte er kein Wort … Der Doktor Godinho wußte natürlich Bescheid. Versuch es bei ihm! … Ist man dir etwa schon auf den Leib gerückt?«

»Sie haben mich getötet!« sagte João Eduardo düster.

Er sah noch eine Weile in stummer Verzweiflung zu Boden; dann stieß er die Tür auf und verschwand, um auf dem Marktplatz und in den Straßen umherzuirren. Dann lockte ihn die Dunkelheit der Landstraße, die nach Marrazes führt. Der Schreiber glaubte ersticken zu müssen; dumpf hämmerte es in seinen Schläfen. Trotz des Sturmes, der von den Feldern her heulte, schien es ihm, als herrschte Schweigen in der Runde. Zuweilen zerriß ihm der Gedanke an sein Unglück das Herz, und er bildete sich ein, die ganze Landschaft schwanke und die Landstraße verwandle sich in weichen Schlamm. Er fand sich an der Kathedrale wieder, als es gerade elf schlug; und dann war er auf einmal in der Rua da Misericórdia. Seine Blicke hafteten an den Fenstern des Eßzimmers, wo noch Licht brannte. In der Stube Amélias wurde es auch hell; sicherlich ging sie jetzt schlafen … Eine wahnsinnige Sehnsucht nach ihrer Schönheit, ihrem Körper, ihren Küssen überfiel ihn.

Er flüchtete nach Hause: ungeheure Müdigkeit warf ihn aufs Bett; dann kam die Entspannung; sein Schmerz ging in eine tiefe, unbestimmte Wehmut über, und er weinte lange, immer aufs neue von seinem eignen Schluchzen gerührt.

Endlich schlief er ein, das Gesicht nach unten gekehrt … eine schlaffe, leblose Masse.

 

Ganz zeitig am nächsten Morgen kam Amélia von der Rua da Misericórdia nach dem Markt gegangen, als neben dem »Bogen« João Eduardo unversehens auf sie zutrat.

»Ich möchte mit Ihnen sprechen, Dona Amélia.«

Sie wich erschrocken zurück und sagte zitternd: »Sie haben nicht mit mir zu sprechen …«

Aber er pflanzte sich entschlossen, mit glühenden Augen, vor sie hin.

»Ich will Ihnen nur sagen … Das mit dem Artikel ist wahr; ich habe ihn geschrieben; es war eine Taktlosigkeit … Aber Sie haben mich gequält, ich war toll vor Eifersucht … Doch was Sie da über meinen Lebenswandel sagen, ist eine Verleumdung. Ich war immer ein ehrbarer Mensch.«

»Der Herr Pater Amaro weiß es besser; er kennt Sie! Bitte lassen Sie mich vorbei!«

Bei dem Namen Amaro erbleichte João Eduardo vor Wut.

»Ah! Der Pater Amaro ist es also! Er ist der Lump von einem Pfaffen! Nun, wir werden ja sehen! Hören Sie …«

»Bitte lassen Sie mich weitergehen!« sagte sie zornig und so laut, daß eine dicke Person, die in einer Kapuze steckte, stehenblieb und der Szene zusah.

João Eduardo trat beiseite und zog den Hut. Amélia aber flüchtete in den Laden des Fernandes.

 

João Eduardo rannte verzweifelt zum Doktor Godinho. Schon in der vergangenen Nacht, als er weinend auf seinem Bett lag und sich von aller Welt verlassen fühlte, war ihm der Gedanke an den Doktor Godinho gekommen. Er war früher einmal sein Schreiber gewesen, und da er auf seine Empfehlung hin in die Kanzlei des Senhor Nunes Ferral gekommen war und durch seinen Einfluß nächstens bei der Zivilregierung Anstellung finden sollte, meinte er, dieser Mann sei sein Schicksal und sein Eingreifen könne ungeahnte Möglichkeiten erschließen! Dazu kam, daß sich João Eduardo, seitdem er den Artikel geschrieben hatte, zur Redaktion der »Stimme des Distrikts« und zur Maia-Gruppe gehörig betrachtete. Jetzt, da er von den Pfaffen angegriffen wurde, war es nur selbstverständlich, daß er bei seinem mächtigen Chef, dem Doktor Godinho, Zuflucht suchte. Denn dieser war ja der Feind der Reaktion, »der Cavour von Leiria Cavour – Camillo Benso Graf von Cavour (1810–1861), italienischer Staatsmann; verbündete sich 1858 mit Napoleon III. gegen Österreich und erreichte 1861 die Einigung Italiens.«, wie einmal der Bakkalaureus Azevedo, der Verfasser der »Giftstachel«, mit bedeutungsvollem Augenaufschlag gesagt hatte. Und als nun João Eduardo dem gelben Häuserblock neben dem Schloßhof zustrebte, wo der Doktor wohnte, war er von wilden Hoffnungen erfüllt. Er war glücklich wie ein gehetzter Hund, der sich zwischen die Beine seines mächtigen Gebieters flüchtet.

Der Doktor war schon in seinem Arbeitszimmer und saß in seinen mit gelben Nägeln beschlagenen Armstuhl zurückgelehnt, der an die feierlichen, thronartigen Sitzgelegenheiten kirchlicher Würdenträger gemahnte. Die Augen gegen die eichene Zimmerdecke gerichtet, rauchte er eben mit Behagen seine Morgenzigarre zu Ende. Majestätisch nahm er den Gruß João Eduardos entgegen.

»Nun, was haben wir, mein Freund?«

Die hohen Bücherregale mit ihren dicken Folianten, die gewaltigen Aktenstöße und das prächtige Gemälde, das den Marquis von Pombal auf einer Terrasse am Tejo darstellte, wie er eben mit einer Fingerbewegung das englische Geschwader vertreibt, verwirrten wie immer João Eduardo. Und so sagte er denn ziemlich kleinlaut, daß er käme, um Seine Exzellenz um einen Dienst zu bitten. Seine Exzellenz wolle ihm gütigst in einem Unglück beistehen, das ihn betroffen habe.

»Unregelmäßigkeiten? Maßregelung?«

»Nein, Eure Exzellenz, Familienangelegenheiten.«

Er erzählte dann weitschweifig seine Geschichte von der Veröffentlichung des Artikels an, las schmerzlich bewegt Amélias Brief vor, beschrieb die Szene am Bogen … So weit war er nun gekommen: er war aus der Rua da Misericórdia vertrieben, vertrieben durch die Machenschaften des Pfarrers! Und er meine, obwohl er nicht in Coimbra studiert habe, es müsse Gesetze geben, mit denen man einem Pfaffen, der sich in eine Familie einschleiche, ein einfaches Bürgermädchen in Versuchung führe und es zum Bruch mit ihrem Verlobten bringe, um sich ihrer ungestört zu bemächtigen, auf den Leib rücken könne!

»Ich weiß zwar nicht, Herr Doktor, aber dafür muß es doch Gesetze geben!«

Der Doktor Godinho wurde verdrießlich.

»Gesetze?« rief er und schlug lebhaft ein Bein über das andere. »Was für Gesetze meinen Sie denn? Wollen Sie den Pfarrer verklagen? … Weswegen? Hat er Sie geschlagen? Hat er Ihnen die Uhr gestohlen? Hat er Sie in der Presse beleidigt? … Nein? … Also was wollen Sie?«

»Aber Herr Doktor, er hat mich durch Intrigen mit den Damen entzweit! Ich war niemals ein Mensch mit verwerflichen Lebensgewohnheiten, Herr Doktor! Er hat mich verleumdet!«

»Haben Sie Zeugen?«

»Nein.«

»Na also!«

Und der Doktor Godinho stützte die Ellenbogen auf den Schreibtisch und erklärte, er könne da als Advokat nichts tun. Die Gerichte befaßten sich nicht mit solchen Fragen, solchen – man könnte sagen – rein moralischen Dramen, die sich im Schoße der Familien abspielen … Als Mensch, als Privatmann, als Alípio de Vasconcelos Godinho könne er auch nicht einschreiten, denn er kenne weder den Pater Amaro noch jene Damen in der Rua da Misericórdia … Er bedaure die Tatsache, denn auch er sei einmal jung gewesen, kenne die Poesie der Jugend und wisse auch – leider, leider wisse er es! –, was solche Herzenstragödien zu bedeuten hätten … Warum habe João Eduardo auch seine Neigung einer Betschwester geschenkt? …

Der Schreiber unterbrach ihn: »Die Schuld liegt nicht auf ihrer Seite, der Doktor! Nur der Pater ist schuld, der sie vom Wege der Pflicht ablenkt! Und dieses Gezücht im Domkapitel ist schuld!«

Der Doktor Godinho hob streng die Hand empor und riet dem Senhor João Eduardo, mit derartigen Behauptungen vorsichtiger zu sein! Nichts beweise, daß der Herr Pfarrer einen andern Einfluß ausübe als den, der einem geschickten Seelenlenker zukomme … Er empfahl dem Schreiber kraft der Autorität, die ihm sein Alter und seine Stellung im Lande verliehen, sich zu mäßigen. João Eduardo sollte ja nicht in seiner Verärgerung Anklagen in die Welt schleudern, die nur dazu dienen könnten, das Ansehen des Priestertums, das in einem wohlfundierten Gemeinwesen unentbehrlich sei, zu zerstören! Ohne dasselbe gäbe es nur Anarchie und Ausschweifung!

Er lehnte sich befriedigt zurück und schmeichelte sich im stillen, heute morgen »rednerisch recht gut disponiert zu sein«.

Aber das Gesicht des Schreibers, der regungslos neben dem Schreibtisch saß, ärgerte ihn. Darum zog er ein Aktenstück zu sich heran und sagte kurz: »Also, um zum Schluß zu kommen: Was wollen Sie? Sie sehen doch ein, daß ich hier nicht helfen kann.«

João Eduardo erwiderte mit einer mutlosen Gebärde: »Ich hatte geglaubt, Sie könnten etwas für mich tun … Denn schließlich war ich doch nur ein Opfer … Alles rührt doch nur daher, daß man erfuhr, daß ich den Artikel geschrieben habe. Und wir hatten doch ausgemacht, daß es geheim bleiben sollte. Der Agostinho hat nichts verraten; nur Sie, Herr Doktor, wußten …«

Der Doktor schnellte empört aus seinem feierlichen Stuhl empor. »Was soll das heißen? Wollen Sie damit etwa andeuten, ich hätte etwas gesagt? Ich habe nichts gesagt … Das heißt: meiner Frau habe ich es natürlich gesagt; denn in einer rechten Ehe darf es zwischen Mann und Frau keine Geheimnisse geben. Sie fragte mich, und so sagte ich es ihr … Aber wir wollen einmal annehmen, ich hätte es wirklich auf der Straße erzählt. Da ist zweierlei möglich: Entweder der Artikel war eine Verleumdung; dann muß ich Sie anklagen, daß Sie eine anständige Zeitung mit einem solchen Wust von übler Nachrede beschmutzt haben. Oder der Artikel sprach die Wahrheit; dann muß ich mich sehr wundern, daß Sie nicht den Mut finden, im hellen Tageslicht die Meinungen zu vertreten, die Sie im Dunkel der Nacht zu Papier gebracht haben.«

Zwei Tränen trübten die Augen João Eduardos. Angesichts dieses Eingeständnisses der Niederlage und befriedigt, den Schreiber mit einer so logischen und zwingenden Beweisführung zermalmt zu haben, lenkte der Doktor Godinho ein.

»Nun, wir wollen uns nicht ärgern«, sagte er milder. »Wir wollen nicht mehr über Ehrenpunkte sprechen .. Sie können mir glauben, daß mir Ihr Mißgeschick sehr leid tut.«

Der Advokat erteilte ihm väterliche Ratschläge. Er solle nur nicht verzagen; es gäbe noch mehr Mädchen in Leiria, und zwar Mädchen, die nicht unter der Fuchtel von Pfaffen stünden. Er solle stark sein und sich damit trösten, daß auch er, der Doktor Godinho, als Jüngling Liebesverdruß gehabt habe! Er solle sich nicht von seinem hitzigen Temperament unterkriegen lassen, denn das sei seiner Karriere abträglich. Und wenn er sich nicht in seinem eigenen Interesse beherrschen wolle, so solle er es wenigstens mit Rücksicht auf ihn, den Doktor Godinho, tun!

João Eduardo verließ die Kanzlei entrüstet; er fühlte sich von dem Doktor »verraten«.

»Das geschieht mir«, grollte er, »weil ich ein armer Teufel bin, bei den Wahlen keine Stimme abgebe, nicht zu den Abendgesellschaften der Novais gehe und nicht für den Klub zeichne. Ah, was für eine Welt! Wenn ich ein paar tausend Reis hätte! …«

Da kam ihn ein wütendes Verlangen an, sich an den Pfaffen, den Reichen und an der Religion zu rächen, die das Treiben jener Leute billigt. Er trat entschlossen wieder in das Arbeitszimmer des Doktors Godinho und sagte auf der Türschwelle: »Exzellenz, erlauben Sie mir doch wenigstens, daß ich meinem Herzen in der Zeitung Luft mache! … Ich möchte diese Schändlichkeit anprangern, auf dieses Lumpenpack losschlagen …«

Diese Dreistigkeit des Schreibers empörte den Doktor. Er richtete sich auf, kreuzte schreckeneinflößend die Arme über der Brust und schrie: »Senhor João Eduardo, Sie mißbrauchen meine Geduld! Wollen Sie etwa verlangen, daß ich eine Zeitung der Ideen in eine Zeitung der Verleumdung umwandle? … Ei, tun Sie sich nur keinen Zwang an! Verlangen Sie von mir, daß ich die Grundsätze der Religion schmähe, daß ich den Erlöser verhöhne, die Verrücktheiten eines Renan Renan – Joseph-Ernest Renan (1823-1892), französischer Religionshistoriker, Philosoph und Orientalist; schrieb 1863 das romanhafte, in viele Sprachen übersetzte Werk »La Vie de Jésus« (Das Leben Jesu), das Konflikte mit der Kirche und den Verlust seiner Professur zur Folge hatte. wiederhole, die fundamentalen Gesetze des Staates angreife! Sie sind wohl betrunken, Mann?«

»O Herr Doktor!«

»Sie sind betrunken! Nehmen Sie sich in acht, mein lieber Freund, nehmen Sie sich in acht: Sie sind auf abschüssiger Bahn! Sie sind auf dem Wege, auf dem man schließlich den Respekt vor der Obrigkeit, dem Gesetz, der Religion und der Familie verliert. Dieser Weg führt zum Verbrechen! Ja, reißen Sie nur die Augen auf! … Zum Verbrechen, sage ich Ihnen! Ich habe die Erfahrung einer zwanzigjährigen Gerichtstätigkeit. Mensch, halten Sie ein! Zügeln Sie diese Leidenschaften! … Potztausend, wie alt sind Sie denn eigentlich?«

»Sechsundzwanzig Jahre.«

»Ja, für einen Menschen von sechsundzwanzig Jahren gibt es keine Entschuldigung, wenn er solche staatsgefährliche Ideen hat. Adieu, machen Sie die Tür zu! Und noch eins: Es hat keinen Zweck, daß Sie noch einen Artikel an irgendeine Zeitung schicken. Ich wenigstens gebe meine Einwilligung nicht dazu, ich, der ich Sie immer protegiert habe! Das hieße ja, dem Umsturz Vorschub leisten wollen … Es hat keinen Zweck zu leugnen; ich lese es in Ihren Augen. Also, ich gebe meine Einwilligung nicht! Es ist zu Ihrem Wohl, es wird Sie vor einer unsozialen Tat bewahren!« Er nahm in seinem Lehnstuhl eine großartige Haltung an und fuhr fort: »Eine unsoziale Tat übelster Art! Wohin wollen uns denn diese Herren mit ihrem Materialismus und ihrem Atheismus führen? Wenn sie der Religion unserer Väter den Garaus gemacht haben, was wollen sie dann als Ersatz bieten? Was, frage ich? Zeigen Sie es!«

Die verlegene Miene João Eduardos (der allerdings keine Religion zur Hand hatte, die er als Ersatz für die Religion unsrer Väter vorweisen konnte) ließ den Doktor triumphieren.

»Nichts haben sie! Wenn es hoch kommt, Worte, Geschwätz! Aber solange ich lebe, wenigstens in Leiria, soll der Glaube und das Prinzip der Ordnung respektiert werden! Und wenn sie ganz Europa in Brand stecken und im Blut ertränken, hier in Leiria sollen sie nicht ihr Haupt erheben! In Leiria halte ich Wache, und ich schwöre, ich werde ihnen zum Verhängnis werden!«

João Eduardo hörte diese Drohungen in gebückter Haltung an, aber er verstand sie nicht. Wie konnten der Artikel und die Intrigen der Rua da Misericórdia derartige soziale Katastrophen und religiöse Revolutionen hervorrufen? So viel Strenge vernichtete ihn. Sicherlich würde er die Freundschaft des Doktors verlieren, auch den Posten in der Zivilregierung … Er wollte ihn besänftigen.

»Herr Doktor, Exzellenz, sehen Sie doch …«

Der Doktor unterbrach ihn mit großartiger Geste: »Ich sehe ganz klar! Ich sehe, daß die Leidenschaften, die Rachsucht Sie auf eine verhängnisvolle Bahn treiben … Ich hoffe nur, daß meine Ratschläge Sie zurückhalten. Also adieu! Machen Sie die Tür zu! So machen Sie doch die Tür zu, Mensch!«

João Eduardo ging geknickt hinaus. Was sollte er tun? Der Doktor Godinho, dieser Koloß, stieß ihn mit furchtbaren Worten von sich! Und was konnte er, ein armer Kanzleischreiber, dem Pater Amaro tun, der den Klerus, den Chorherrn, das Domkapitel, die Bischöfe, den Papst auf seiner Seite hatte, diese solidarische, festgefügte Schar, die ihm wie eine himmelanstrebende, schreckengebietende Zitadelle aus Erz erschien! Sie waren es, die den Entschluß Amélias, ihren Brief, ihre harten Worte verursacht hatten! Es war eine Intrige der Pfarrer, Domherren und Betschwestern. Wenn er sie nur diesem Einfluß entreißen könnte, würde sie bald wieder seine kleine, liebe Amélia sein, die ihm Pantoffeln stickte und errötend ans Fenster eilte, um ihn vorbeigehen zu sehen!

Die Zweifel der Eifersucht, die ihn früher heimgesucht hatten, waren in den glücklichen Nächten nach Vereinbarung der Heirat zum Schweigen gekommen, in jenen Nächten, da Amélia im traulichen Lampenschein nähte und über die zukünftige Möbeleinrichtung und andere häusliche Pläne sprach. Sie liebte ihn, gewiß, sie liebte ihn! … Aber das war es: Man hatte ihr gesagt, daß er den Artikel geschrieben habe und daß er ein Ketzer sei, der einen wüsten Lebenswandel führte. Der Pfarrer drohte ihr mit seiner pedantischen Stimme die Hölle an; der Kanonikus, der im Hause allmächtig war, weil er zum Haushalt beisteuerte, war wütend und hatte ein energisches Wort gesprochen, und das arme, eingeschüchterte, unterdrückte Mädchen, dem jene finstre Bande von Pfaffen und Betschwestern beständig in den Ohren lag, hatte endlich nachgegeben! Vielleicht war sie ehrlich davon überzeugt, daß er ein Scheusal sei! Und während er zu dieser Stunde verfemt und ausgestoßen durch die Straßen schlich, saß der Pater Amaro bequem im Lehnstuhl des Hauses in der Rua da Misericórdia, hatte die Beine übereinandergeschlagen, fühlte sich als Herr des Hauses und als Herr des Mädchens und plauderte in seiner überlegenen Art! Kanaille! Und es gab keine gesetzliche Handhabe zur Rache! Nicht einmal einen Skandal konnte er mehr provozieren, nachdem ihm die »Stimme des Distrikts« unzugänglich geworden war!

Ihn packte ein unsinniges Verlangen, über den Pfarrer herzufallen und ihn mit der Kraft eines Paters Brito mit Faustschlägen zu zermalmen. Doch am meisten würde es ihn befriedigen, wenn er in einer Zeitung furchtbare Artikel veröffentlichen könnte, Artikel, die die Intrigen der Rua da Misericórdia enthüllten, die öffentliche Meinung aufwiegelten, wie eine Katastrophe über den Pater hereinbrächen und ihn, den Kanonikus und die andern aus dem Hause der Joaneira fegten! Ah, es war sicher, daß die kleine Amélia, einmal aus den Klauen dieser Blutsauger befreit, mit Tränen der Reue und Versöhnung wieder in seine Arme eilen würde …

Auf jede mögliche Art suchte er sich einzureden, daß Amélia nicht schuld an dem Bruch war. So rief er sich ins Gedächtnis zurück, wie glücklich sie vor der Ankunft des Pfarrers miteinander gewesen waren. Auch die Zärtlichkeit Amélias Amaro gegenüber, die ihm so oft Anlaß zu verzweifelter Eifersucht gegeben hatte, suchte er auf natürliche Weise zu erklären: das arme Ding wollte nur dem Untermieter, der obendrein der Freund des Herrn Kanonikus war, liebenswürdig entgegenkommen, um ihn, zum Vorteil der Mutter, im Hause zu halten! Und dann, wie zufrieden war sie, nachdem die Heirat festgesetzt war! Ihre Empörung über den Artikel war gar nicht ihr eigenes Empfinden, sondern durch den Pfarrer und die scheinheiligen alten Weiber künstlich in ihr entfacht worden. Auch fand er Trost in dem Gedanken, daß er ja nicht als Liebhaber und Verlobter zurückgestoßen wurde, sondern daß er nur das Opfer der Intrigen des schändlichen Paters Amaro war, der ihm die Braut abwendig machen wollte und ihn als Liberalen haßte! All diese Betrachtungen steigerten seine Wut gegen den Pater ins ungeheuerliche. Während er durch die Straßen schritt, zermarterte er sein Hirn mit Racheplänen; er erwog jede Möglichkeit, aber immer wieder kam er am Ende seiner Grübeleien auf öffentliche Brandmarkung durch Presseartikel zurück. Das Bewußtsein seiner Schwäche und Verlassenheit erbitterte ihn. Ah, wenn er eine »Standesperson«, ein »großes Tier« auf seiner Seite hätte!

Da hielt ihn ein Mann vom Lande an, der gelb wie eine Zitrone aussah und den Arm bandagiert auf der Brust trug. Er fragte den Schreiber, wo der Doktor Gouveia wohne.

»In der ersten Straße, die links abbiegt; die grüne Haustür neben der Laterne«, sagte João Eduardo.

Und plötzlich erhellte eine neue, große Hoffnung das Dunkel seiner Seele: der Doktor Gouveia, der konnte ihn retten! Der Doktor war sein Freund; er duzte ihn sogar, seitdem er ihn vor drei Jahren von einer schweren Lungenentzündung geheilt hatte. Dieser Mann billigte seine Heirat mit Amélia von ganzem Herzen; noch vor drei Wochen hatte er ihn am Marktplatz gefragt: »Nun, wann willst du das Mädchen glücklich machen?« Und mit welchem Respekt, mit welcher ehrerbietigen Scheu man in der Rua da Misericórdia zu ihm emporblickte! Er war der ärztliche Berater aller Freundinnen des Hauses, die, obwohl ihnen seine Gottlosigkeit ein Greuel war, sich doch gern seiner überlegenen Kunst bei allerlei Gebrechen anvertrauten. Außerdem würde der Doktor Gouveia, ein geschworener Feind der Pfaffenschaft, sicherlich über diese frömmelnden Intriganten empört sein. Und João Eduardo sah sich schon im Geiste, wie er hinter dem Doktor Gouveia das Haus in der Rua da Misericórdia betrat, wie dieser die Joaneira gehörig abkanzelte, den Pater Amaro demütigte und die alten Frauen überzeugte … Ja, das bedeutete die Wiedergeburt seines Glücks, das nunmehr gegen jeden Ansturm gefeit sein würde!

»Ist der Herr Doktor zu Hause?« fragte er fast heiter das Dienstmädchen, das Wäsche in der Sonne aufhängte.

»Er ist im Sprechzimmer, Senhor João; bitte treten Sie ein.«

An Markttagen kamen immer viele Kranke vom Lande zum Doktor Gouveia. Aber zu dieser Stunde, wo sich die Gevattern aus den umliegenden Dörfern in den Wirtshäusern trafen, waren nur ein Greis, eine Frau mit ihrem Kind am Halse und der Mann mit dem bandagierten Arm da. Das Wartezimmer war ein niedriges Gemach mit Bänken; zwei Blumentöpfe mit Basilienkraut standen auf dem Fensterbrett; ein großer Kupferstich, der die Krönung der Königin Viktoria darstellte, hing an der Wand. Trotz des hellen Sonnenscheins, der vom Hofe hereinflutete, und der frischen, grünen Lindenzweige, die draußen bis an den Fenstersims heranreichten, machte das Zimmer einen traurigen Eindruck. Es war, als ob die Wände, die Bänke, selbst die Basilienstöcke mit der Melancholie der Krankheiten durchtränkt wären, die sie hier gesehen hatten. João Eduardo trat ein und setzte sich in eine Ecke.

Es hatte zwölf Uhr geschlagen, und die Frau jammerte, daß sie schon so lange warte. Sie war von weit her gekommen; ihre Schwester hatte sie auf dem Markt gelassen, und nun verhandelte der Doktor schon seit einer Stunde mit zwei Damen! Jeden Augenblick brach das Kind in Weinen aus; sie wiegte es in den Armen und brachte es endlich zum Schweigen. Der Alte zog das Hosenbein in die Höhe und betrachtete wohlgefällig eine Wunde am Schienbein, die durch verschobene Leinwandlappen hindurch halb zu erkennen war. Der andre Mann gähnte verzweifelt, so daß sein langes gelbes Gesicht, das sowieso schon kläglich aussah, einen geradezu unheimlichen Ausdruck annahm. Dieses Warten entnervte den Schreiber; er fühlte, wie ihn nach und nach der Mut, mit dem Doktor Gouveia zu reden, verließ. Er legte sich alles sorgsam zurecht, was er vorbringen wollte; aber es erschien ihm jetzt kaum genug, das Interesse des Doktors zu erregen. Eine große Verzagtheit ergriff ihn, und die dummen, leeren Gesichter der Kranken machten ihn nur noch mutloser. Ja, dieses Leben war wirklich eine sehr traurige Sache, nichts als Elend, betrogene Hoffnungen, Kummer, Krankheit! Er stand auf und betrachtete verzweifelt, die Arme auf dem Rücken verschlungen, die Krönung der Königin Viktoria.

Ab und zu klinkte die Frau leise die Doppeltür auf, um zu horchen, ob die beiden Damen noch da wären. Sie waren noch da; durch die mit grünem Flanell bezogene Tür, die zu dem Sprechzimmer des Doktors führte, hörte man das schläfrige Schwatzen der Damen.

»Wenn man hierher geht, schlägt man sich einen Tag um die Ohren!« brummte der Alte.

Auch er hatte sein Pferd an der Tür des Fumaca gelassen, und sein Mädchen wartete auf dem Markt … Und dann mußte er noch in der Apotheke warten! Und dann noch drei Meilen bis zu seinem Dorf! … Ja, krank sein ist ganz hübsch, aber nur wenn man reich ist und Zeit hat!

Der Gedanke an Krankheit und die damit verbundene Einsamkeit ließ dem Schreiber den Verlust Amélias nur um so bitterer erscheinen. Wenn er erkrankte, müßte er ins Hospital gehen. Dieser schuftige Pfaffe hatte ihm alles genommen: Frau, Glück, Familienidyll, alles, was das Leben angenehm macht!

Endlich hörte man auf dem Korridor die Damen sich verabschieden. Die Frau mit dem Kind packte ihren Korb und stürzte ins Sprechzimmer. Der Alte besetzte sofort den Platz neben der Tür und sagte befriedigt: »Dann komme ich dran!«

»Wird es bei Ihnen lange dauern?« fragte ihn João Eduardo.

»Nein, ich will mir nur ein Rezept schreiben lassen.«

Und sogleich fing er an, die Geschichte seiner Wunde zum besten zu geben: ein Balken war ihm aufs Bein gefallen; er hatte die Sache leichtgenommen; da war die Wunde schlimm geworden, und nun saß er da, war lahm und litt große Schmerzen.

»Haben Sie auch etwas Schlimmes?« fragte er den Schreiber.

»Ich bin nicht krank«, lautete die Antwort. »Es handelt sich um eine geschäftliche Angelegenheit.«

Die beiden andern sahen ihn neidisch an.

Endlich kam der Alte an die Reihe, gleich darauf der gelbe Mann mit dem Arm in der Schlinge. Als João Eduardo allein war, wanderte er nervös auf und ab. Es erschien ihm jetzt sehr schwierig, so ohne weiteres bei dem Doktor Schutz zu suchen. Mit welchem Recht? … Er verfiel auf die Idee, zuerst von Brustschmerzen oder Magenbeschwerden zu reden; erst später würde er, wenn es die Gelegenheit ergäbe, von seinem Unglück erzählen …

Aber die Tür ging auf, und der Doktor stand vor ihm. Sein langer grauer Bart fiel ihm bis auf die schwarze Samtjacke herab. Er hatte einen breitkrempigen Hut auf dem Kopf und trug schottische Zwirnhandschuhe.

»Hallo, du bist es, Junge: Ist etwas in der Rua da Misericórdia nicht in Ordnung?«

João Eduardo wurde rot.

»Herr Doktor, ich wollte in einer persönlichen Angelegenheit mit Ihnen reden.«

Er folgte dem Arzt ins Sprechzimmer, in das wohlbekannte Sprechzimmer des Doktors Gouveia, das mit seinem Bücherchaos, seinem Staub, seiner an der Wand aufgehängten Sammlung von Eingeborenenwaffen und den zwei ausgestopften Störchen in der ganzen Stadt als »Alchimistenzelle« in einem etwas unheimlichen Rufe stand.

Der Doktor zog seinen riesigen Chronometer.

»Drei Viertel zwei. Fasse dich kurz.«

Dem verlegenen Gesicht des Schreibers sah man an, wie schwer es ihm vorkam, eine so verwickelte Sache mit wenigen Worten zu erzählen.

»Nun schön«, meinte der Doktor, »so drück dich aus, wie du kannst. Nichts ist schwerer, als klar und kurz zu sein. Dazu gehört Genie. Also was gibt es?«

João Eduardo stotterte nun seine Geschichte heraus, wobei er sich besonders über die Niedertracht des Pfarrers verbreitete und Amélias Unschuld übertrieb …

Der Doktor hörte zu und strich seinen Bart.

»Ich sehe schon, was los ist«, sagte er. »Du und der Pfaffe, ihr wolltet beide das Mädchen haben. Da er der Gerissenere und Entschlossenere ist, hat er sie geschnappt. Das ist ein Naturgesetz: der Stärkere plündert und beseitigt den Schwächeren. Ihm gehören Weib und Beute.«

João faßte das als einen Scherz auf; er stammelte verlegen: »Sie spaßen, Herr Doktor; aber mir bricht das Herz dabei!«

»Mensch«, sagte der Arzt gutmütig, »ich philosophiere, ich spaße nicht … Aber was soll ich denn eigentlich tun?«

Dasselbe hatte auch der Doktor Godinho zu ihm gesagt, wenn auch auf ganz andere, pompösere Art.

»Ich bin überzeugt, daß, wenn Sie mit Amélia sprächen …«

Der Doktor lächelte. »Ich kann ihr diese oder jene Medizin verschreiben; aber ich kann ihr nicht diesen oder jenen Mann zudiktieren! Willst du etwa, daß ich zu ihr sage: ›Dona Amélia, Sie müssen den Senhor João Eduardo lieber haben‹, oder soll ich zu dem Pfaffen, den ich überhaupt nie gesehen habe, sagen: ›Bitte, verführen Sie mir nicht diese junge Dame‹?«

»Aber sie haben mich doch verleumdet, sie stellen mich als einen Wüstling, als einen Schuft hin, Herr Doktor!«

»Nein, mein Lieber, sie haben dich nicht verleumdet. Vom Standpunkt des Pfaffen und jener Damen aus betrachtet, die des Abends in der Rua da Misericórdia Lotto spielen, bist du eben ein Schuft. Ein Christ, der in den Zeitungen Äbte, Kanoniker und Pfarrer schmäht, solch hohe Persönlichkeiten, die mit Gott auf vertrautem Fuße stehen und die Seelen retten können, ist in ihren Augen eben ein Schuft. Sie haben dich also nicht verleumdet, mein Freund!«

»Aber, Herr Doktor! …«

»Höre weiter: Das Mädchen, das dir den Laufpaß gibt, weil es den Anweisungen eines Paters X oder Y gehorcht, handelt als gute Katholikin. Jaja, so ist es! Das ganze Leben des guten Katholiken, seine Gedanken, seine Ideen, seine Gefühle, seine Worte, wie er seine Tage und seine Nächte anwendet, seine Familienbeziehungen, seine Freundschaften und Bekanntschaften, was er ißt, wie er sich kleidet, wie er sich amüsiert, dies alles ist durch die kirchliche Autorität reguliert, das heißt durch Abt, Bischof oder Pfarrer. Das alles wird von Professoren gutgeheißen oder verworfen und von dem betreffenden ›Lenker des Gewissens‹ angeraten oder verfügt. Der gute Katholik, wie dein Mädchen auch, gehört sich nicht selbst an; er hat keine eigene Vernunft, keine eigenen Neigungen, keine Willensfreiheit, kein eigenes Empfinden; sein Seelsorger denkt, will, entscheidet, fühlt für ihn, das heißt in deinem Falle: für Amélia. Ihre einzige Betätigung in dieser Welt, die zugleich ihr einziges Recht und ihre einzige Pflicht ist, besteht darin, diese Leitung anzunehmen, sie ohne Widerrede anzunehmen, ihr zu gehorchen, wohin sie auch immer ziele. Wenn diese Leitung ihr gegen den Strich geht, muß sie denken, daß ihre Ideen falsch sind; wenn sie ihre Neigungen verwundet, muß sie glauben, daß diese Neigungen sündhaft sind. Wenn also der Pfaffe zu der Kleinen gesagt hat, daß sie dich nicht heiraten darf, ja nicht einmal mehr mit dir sprechen, und sie gehorcht ihm, so ist die Arme eben nur eine gute Katholikin von konsequenter Frömmigkeit, und sie folgt logischerweise eben nur der moralischen Richtschnur, die sie sich fürs Leben gesteckt hat. So liegen die Dinge, und entschuldige diesen Sermon.«

João Eduardo hörte respektvoll, aber auch verwundert und erschrocken diese Ausführungen an, denen der sanfte Gesichtsausdruck und der schöne graue Bart des Sprechers noch ein besonderes Gewicht verliehen. Jetzt schien es ihm ganz unmöglich, Amélia wiederzugewinnen, jetzt, da sie doch bedingungslos, mit all ihren Sinnen und ihrer ganzen Seele, dem Pfarrer gehörte, der ihr die Beichte abnahm … Aber schließlich … warum wurde er denn als ein Schädling, als ein Bewerber angesehen, der für das Mädchen eine Gefahr bedeutete?

»Ich würde es verstehen«, sagte er, »wenn ich einen ausschweifenden Lebenswandel führte, Herr Doktor. Aber ich lebe durchaus solide und arbeite fast ununterbrochen. Kneipen und Destillen haben keinen Reiz für mich; ich trinke nicht und spiele nicht; meine Abende verbringe ich in der Rua da Misericórdia oder zu Hause; denn ich nehme mir oft Kanzleiarbeit mit heim …«

»Mein Junge, du kannst alle sozialen Tugenden der Welt besitzen: das nützt alles nichts. Gemäß der Religion unsrer Väter sind alle Tugenden, die nicht katholisch sind, unnütz, ja schädlich. Arbeitsam, keusch, ehrlich, gerecht, wahrheitsliebend sein, sind große Tugenden; aber für die Pfaffen und für die Kirche zählen sie nicht. Du magst ein Mustermensch in jedem Sinne sein: wenn du nicht in die Messe gehst, fastest, beichtest, den Hut vor dem Herrn Pfarrer ziehst, bist du einfach ein Lump. Andre, größere Persönlichkeiten als du, Leute, deren Seele vollkommen und deren Lebenswandel makellos war, sind schon als wahre Kanaillen angesehen worden, weil sie nicht getauft waren, ehe sie vollkommen waren. Du wirst von Sokrates gehört haben oder von einem gewissen Plato, von Cato und so weiter … Das waren Leute, die wegen ihrer Tugenden berühmt waren. Nun, ein Herr Bossuet Bossuet – Jacques-Bénigne Bossuet (1627-1704), französischer katholischer Geschichtsphilosoph und Kanzelredner., die große Kanone der christlichen Glaubenslehre, hat gesagt, daß von den Tugenden dieser Leute die Hölle wimmle … Das beweist, daß die katholische Moral etwas anderes ist als natürliche Moral und Gesellschaftsmoral … Aber das sind Dinge, die du kaum begreifen wirst … Willst du ein Beispiel? Ich bin nach der katholischen Glaubenslehre einer von den großen Lumpen und Verbrechern, die durch die Straßen der Stadt gehen. Mein Nachbar, der Peixoto, der seine Frau zu Tode geprügelt hat und auf dieselbe Weise sein zehnjähriges Töchterchen erledigen wird, gilt unter der Geistlichkeit als ein ausgezeichneter Mann, weil er seine Pflichten als frommer Katholik erfüllt und sogar in der Musikkapelle der Kathedrale das Piston bläst. Ja, lieber Freund, die Dinge liegen nun einmal so. Und sie müssen wohl auch gut sein, denn Tausende von hochachtbaren Personen halten sie für gut; der Staat fördert sie, gibt auch viel Geld aus, um sie zu fördern, und macht es uns sogar zur Pflicht, sie zu respektieren. Ja, auch ich, der hier mit dir redet, bezahle jedes Jahr ein rundes Goldstück, damit alles so weitergehe. Du bezahlst natürlich weniger …«

»Ich bezahle sieben Vinténs, Herr Doktor.«

»Na, schließlich gehst du ja auch zu den Kirchenfesten, hörst dir die Musik und die Predigt an, kurz, du hast etwas von deinen sieben Vinténs. Wohingegen ich mein Goldstück zum Fenster hinauswerfe; ich tröste mich nur mit dem Gedanken, daß ich mit meinem Goldstück den Glanz der Kirche vermehre, der Kirche, die mich im Leben als einen Banditen betrachtet und für mich nach meinem Tode eine Höllenfahrt erster Klasse in Bereitschaft hält. Mir scheint aber, wir haben nun genug geschwatzt … Was wünschst du noch?«

João Eduardo war verstimmt. Und doch schien es ihm, während er den Worten des Doktors lauschte, mehr denn je möglich, daß, wenn ein so weiser, ideenreicher Mann sich für ihn interessierte, die ganze Intrige leicht zerstört und sein Glück, sein Platz in der Rua da Misericórdia für immer gerettet werden könnte.

»Also Sie können nichts für mich tun?« fragte er sehr traurig.

»Ich kann dich vielleicht von einer neuen Lungenentzündung kurieren. Hast du etwa eine? Nein? Ja dann …«

João Eduardo seufzte: »Ich bin ein Opfer, Herr Doktor!«

»Das ist deine Schuld. Es darf keine Opfer geben, und wäre es auch nur, um zu verhindern, daß es Tyrannen gibt«, sagte der Arzt und setzte seinen breitkrempigen Hut auf.

João Eduardo, der sich an den Doktor mit der Verzweiflung eines Ertrinkenden klammerte, rief: »Letzten Endes ist doch alles, was der Schurke von Pfaffe mit all seinen Vorwänden will, das Mädchen! Wenn sie häßlich wäre, kümmerte sich der Halunke einen Quark darum, ob ich gottlos wäre oder nicht! Das Mädchen will er, nur das Mädchen.«

Der Doktor zuckte die Achseln.

»Selbstverständlich, armer Kerl«, sagte er und hatte die Hand schon auf der Türklinke. »Was willst du? Als Mann hat er für die Weiber Leidenschaften und Organe; als Beichtvater die Bedeutung eines Gottes. Es ist klar, daß er das ausnutzen wird, um seine Leidenschaften zu befriedigen. Und daß er dieser natürlichen Befriedigung den Schein des Rechts geben, daß er ihr das Deckmäntelchen seiner priesterlichen Pflicht umhängen will … Ja, mein Lieber, das ist doch auch natürlich.«

Als nun der Doktor die Tür öffnete, sah João Eduardo, daß die Hoffnungen, die ihn hierhergeführt hatten, in Rauch aufgingen. Er fuhr heftig mit dem Hut in der Luft herum und schrie wütend: »Verfluchtes Pfaffengeschmeiß! Diese Lumpen habe ich schon immer gehaßt! Sie müßten ausgetilgt werden, von der Erde verschwinden!«

»Wieder eine Dummheit«, sagte der Doktor, der sich zu neuem Zuhören bequemte und an der Zimmertür stehenblieb. »Paß einmal auf! Du glaubst doch an Gott? An Gott im Himmel, der da oben thront und der Inbegriff aller Gerechtigkeit und aller Wahrheit ist?«

João Eduardo antwortete überrascht: »Ich glaube an ihn, Herr Doktor.«

»Und an die Erbsünde?«

»Auch …«

»An ein zukünftiges Leben, die Erlösung und so weiter?«

»Ich bin in diesem Glauben erzogen worden …«

»Warum willst du dann die Pfaffen von der Erdoberfläche fegen? Du mußt sogar zugeben, daß es nur wenige sind. Du bist ein liberaler Rationalist in den Grenzen der Verfassung, soweit ich sehe … Aber wenn du an Gott im Himmel glaubst, der unsere Geschicke von da oben aus lenkt, und an die Erbsünde, an ein zukünftiges Leben, so ist doch auch ein Priesterstand nötig, der dir die von Gott offenbarte Lehre und Moral auslegt, dir hilft, dich von dem ererbten Übel zu reinigen, und dir deinen Platz im Paradies erwirkt! Du brauchst die Pfaffen! Und es will mir sogar als ein furchtbarer Mangel an Logik vorkommen, daß du sie in der Presse schmähst …«

João Eduardo stammelte ganz verblüfft: »Aber Sie, Herr Doktor … Entschuldigen Sie … Aber …«

»Sprich, Mensch. Was ist mit mir?«

»Sie bedürfen also der Pfaffen in dieser Welt nicht …?«

»Nein. Und auch in der andern nicht. Ich brauche die Pfaffen hier unten nicht, weil ich keinen Gott im Himmel brauche. Das heißt, mein Junge, daß ich meinen Gott in mir habe, nämlich den kategorischen Imperativ, der meine Handlungen und Erwägungen leitet. Vulgo: mein Gewissen … vielleicht verstehst du mich nicht recht … Tatsache ist, daß ich mich hier zu umstürzlerischen Doktrinen bekenne … Wahrhaftig, es ist schon drei Uhr …«

Und er zeigte seine »Zwiebel« vor.

An der Hoftür sagte João Eduardo noch: »Entschuldigen Sie also, Herr Doktor …«

»Bitte, keine Ursache … Schicke die Rua da Misericórdia zum Teufel!«

João Eduardo wandte eifrig ein: »Sie haben gut reden, Herr Doktor; aber wenn die Leidenschaft da drinnen frißt …«

»Ah!« machte der Doktor. »Es ist eine schöne und große Sache um die Leidenschaft! Die Liebe ist eine der großen Kräfte der Zivilisation. Wohl geleitet, hebt sie die Welt aus den Angeln und genügt, um eine moralische Umwälzung zu bewirken …« Und indem er einen andern Ton anschlug: »Aber paß einmal auf. Manchmal ist es gar keine Leidenschaft, und das Herz hat damit nichts zu tun … ›Herz‹ ist gewöhnlich ein Ausdruck, dessen wir uns nur aus Anstandsgründen bedienen … wir meinen ein ganz anderes Organ. Eben dieses Organ ist meistens das einzig interessierte. Und in diesen Fällen ist der Kummer nicht von Dauer. Adieu, ich freue mich, daß es so ist!«


 << zurück weiter >>