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Welche Tränenflut, als Amélia die Nachricht erfuhr! Ihre Ehre, der Friede ihres Lebens, alles Glück, das sie sich erträumt hatte, verloren, zerflossen in den Nebeln des Meeres, auf dem Wege nach Brasilien!
Sie machte die schlimmsten Wochen ihres Lebens durch. Immer wieder fragte sie den Pfarrer, wenn sie weinend bei ihm erschien, was tun.
Amaro, der ganz gebrochen war und nicht aus noch ein wußte, ging zum Kollegen Dias.
»Wir haben ja alles Menschenmögliche getan«, sagte der Kanonikus verzweifelt. »Nur die Geduld nicht verlieren! Hätten Sie sich nicht mit dem Mädchen eingelassen!«
Und Amaro kehrte zu Amélia mit lahmen Vertröstungen zurück.
»Es wird sich alles wieder einrenken«, sagte er. »Hoffen wir auf Gott!«
Das war gerade die richtige Zeit, auf Gott zu zählen! Wo er, empört, sie mit Unglück verfolgte! Und diese Unentschlossenheit in einem Mann und einem Priester, der doch die Geschicklichkeit und die Kraft haben müßte, sie zu retten, brachte sie außer sich. Ihre Zärtlichkeit für ihn versiegte wie Wasser im Sande, und es blieb nur ein unbestimmtes Gefühl zurück, in dem schon unter der beharrlichen Begierde etwas wie Haß schwelte.
Amélias Besuche im Glöcknerhaus wurden von Woche zu Woche seltener. Amaro beklagte sich nicht darüber; denn die Zusammenkünfte wurden ihm immer durch Jeremiaden vergällt. Jeder Kuß war von einem Schluchzen begleitet, und das entnervte ihn so sehr, daß er sich am liebsten auch aufs Bett geworfen und seinen bitteren Gram ausgeweint hätte.
Dabei klagte er Amélia an, daß sie ihre Beschwerden übertreibe und ihm damit übertrieben große Angst einjage. Ein anderes, vernünftigeres Mädchen würde gar nicht soviel Aufhebens davon machen … Aber natürlich, eine hysterische Betschwester, dazu nervös, überängstlich und aufgeregt! … Ah, es wurde ihm immer klarer, was für eine »kapitale Eselei« er begangen hatte!
Auch Amélia war davon überzeugt, daß es eine »Eselei« gewesen war. Und nie hatte sie daran gedacht, daß ihr so etwas zustoßen könnte! Wie war es denn gekommen? Als Weib war sie in das Liebesabenteuer gerannt und hatte dummerweise geglaubt, sie käme um die Folgen herum. Jetzt fühlte sie das Kind im. Schöße, und Tränen, Furcht und Jammer waren ihr Teil! Trauriges Leben, das sie führte! Tagsüber mußte sie sich vor der Mutter zusammennehmen, mußte sich ihrer Näherei widmen und dabei plaudern, die Glückliche spielen … In den Nächten folterte sie ihre entfesselte Einbildung mit der erbarmungslosen Vorstellung von Strafen in dieser und jener Welt, von Elend, Verlassenheit, Verachtung seitens der ehrbaren Leute und den Flammen des Fegefeuers …
In dieser Zeit lenkte ein unvorhergesehenes Ereignis ihre Angst, die schon krankhaft zu werden begann, ein wenig ab. Eines Abends erschien das Dienstmädchen des Kanonikus ganz außer Atem und meldete, daß Dona Josefa auf den Tod daniederliege.
Am Tage zuvor hatte die vortreffliche Dame Schmerzen in der Brust gespürt, war aber trotzdem zur Heiligen Mutter der Inkarnation gegangen, um ihren Rosenkranz zu beten. Ganz matt war sie nach Hause zurückgekehrt, und sogleich hatten unter Fiebererscheinungen heftigere Schmerzen eingesetzt. Und heute nachmittag hatte der Doktor Gouveia erklärt, daß eine akute Lungenentzündung vorliege.
Die Joaneira rannte sofort hin, um sich als Krankenpflegerin häuslich niederzulassen. Wochenlang gab es nun in dem sonst so stillen Haus des Kanonikus einen wahren Aufruhr betrübter Anteilnahme. Beständig waren die Freundinnen da, die, wenn sie nicht in den Kirchen auf den Knien lagen, um die Heiligen anzuflehen und Gelübde zu tun, wie Gespenster durch die Zimmer geisterten. Hier und da zündeten sie vor den Heiligenbildern Lämpchen an und quälten den Doktor Gouveia mit albernen Fragen. Am Abend saßen sie im halbdunklen Eßzimmer und flüsterten traurig miteinander; und beim Tee begleiteten sie jeden Bissen, jeden Schluck mit Seufzern und Tränen, die sie verstohlen abwischten.
Der Kanonikus saß geknickt in einer Ecke; er konnte sich gar nicht mit dem jähen Krankheitsfall und seinen melancholischen Begleiterscheinungen abfinden: den vielen Arzneiflaschen, die auf den Tischen herumstanden, dem feierlichen Eintreten des Arztes, den weinerlichen Frauenstimmen, die nach dem Befinden der Kranken fragten. Und dann war ihm, als wäre das ganze Haus mit Fieberdünsten geschwängert; unheimlich wie Grabgeläute erschien ihm das Schlagen der Wanduhr in der Stille, die im ganzen Hause herrschte. Ihn ekelten die schmutzigen Wäschestücke an, die tagelang dort liegenblieben, wohin man sie geworfen hatte, und jeden Abend graute ihm vor der Dunkelheit, die ihn an die ewige Finsternis des Todes erinnerte … Übrigens drückte ihn auch wahres Mitleid nieder. Seit fünfzig Jahren lebte er mit seiner Schwester zusammen, die ihm manche Anregung verschaffte; die lange Gewohnheit hatte sie ihm teuer gemacht, und ohne ihre Schrullen, ihren schwarzen Haarputz, selbst ihr Herumpoltern im Hause konnte er sich sein Leben gar nicht mehr vorstellen … Und außerdem: wer weiß, ob der Tod, wenn er einmal das Haus betrat, ihn nicht auch gleich mitnähme, um sich ein zweites Kommen zu ersparen! …
Für Amélia bedeutete diese Zeit eine Erleichterung. Zum mindesten dachte niemand an sie, beobachtete sie niemand. Auch konnte sich kein Mensch über ihr trauriges Gesicht und ihre verweinten Augen wundern, da doch die Patin in Lebensgefahr schwebte. Dazu kam, daß sie als Krankenpflegerin aushelfen mußte. Da sie die kräftigste und jüngste war, oblag es ihr, viele Nächte am Bett der Dona Josefa zu verbringen, denn oft brach ihre Mutter infolge der langen Nachtwachen beinahe zusammen. Und sie scheute keine Mühe, die Heilige Jungfrau und den Himmel zu besänftigen: Erwarb sie sich nicht durch ihre hingebungsvolle Pflege der Kranken ein gewisses Anrecht darauf, daß man auch sie liebevoll betreute, wenn sie dereinst hilflos im Bett liegen würde? … Manchmal kam ihr in der düstern Stimmung, die über dem Hause lag, die Idee, daß sie bei ihrer Niederkunft sterben würde. Und wenn sie dann allein, in ihren Schal gehüllt, neben der Kranken saß und ihr eintöniges Ächzen hörte, wurde sie weich bei dem Gedanken an ihren eigenen Tod, den sie für sicher hielt. Ihre Augen füllten sich mit Tränen der Rührung, der Rührung über sich selbst, ihre Jugend und ihre Liebe … Da kniete sie neben der Kommode nieder, auf der ein Lämpchen vor einer Christusstatue flackerte. Und dieser Christus warf auf die Tapete seinen unförmlichen Schatten, der sich an der Decke brach.
So betete sie lange, lange und flehte die Jungfrau an, ihr nicht das Paradies zu versagen … Aber die Alte regte sich mit einem schmerzlichen Ächzen.
Da stand Amélia auf, rückte die Kissen zurecht und redete leise auf sie ein. Dann ging sie ins Eßzimmer hinüber, um an der Uhr zu sehen, ob es Zeit für die Arznei sei.
Manchmal erschrak sie da, wenn es aus dem anstoßenden Zimmer wie Flöten- oder Trompetenmusik erscholl; aber es war nur der schnarchende Kanonikus.
Eines Morgens erklärte endlich Doktor Gouveia, daß für Dona Josefa keine Gefahr mehr bestehe. Das erregte große Freude bei den Damen, und jede einzelne war überzeugt, daß lediglich dem Eingreifen ihres Spezialheiligen die Genesung zu verdanken sei. Zwei Wochen später gab es ein Fest im Hause, bei welchem Dona Josefa zum ersten Male, gestützt auf sämtliche Freundinnen, ein paar unsichere Schritte im Zimmer wagte. Arme Dona Josefa! Was hatte die Krankheit aus ihr gemacht! Ihre schrille, eifernde Stimme, mit der sie früher die Worte wie vergiftete Pfeile herausschnellte, glich nur noch einem schwachen Seufzer, wenn sie unter Aufbietung aller Energie nach dem Spucknapf oder der Arznei verlangte. Ihr Blick, sonst so lebhaft, prüfend und boshaft, glomm jetzt matt in der Tiefe ihrer Augenhöhlen, als fürchtete er sich vor den Schatten und Umrissen der Dinge. Und ihr einst so straffer Körper, der in seiner Dürre an einen zähen Weinstock erinnerte, saß jetzt zusammengehutzelt in den Decken des Lehnstuhls und glich selbst einem Stückchen schlaffen, haltlosen Zeugs.
Aber der Doktor Gouveia sagte vor den Freundinnen zum Kanonikus (nachdem Dona Josefa geäußert hatte, ihr sehnlichster Wunsch sei, wieder ans Fenster zu kommen), die Wiederauferstandene werde sich bestimmt wieder herausmachen. Zwar werde es lange dauern, bis sie ganz auf der Höhe sei, aber mit viel Vorsicht, mit Kräftigungsmitteln und den Gebeten aller dieser guten Damen könne sie sogar wieder heiratsfähig werden …
»Ach Doktor«, rief Dona Maria, »an unsern Gebeten soll es nicht fehlen …«
»Und an meinen Kräftigungsmitteln auch nicht«, meinte der Doktor. »Also können wir uns gegenseitig beglückwünschen.«
Diese Heiterkeit des Arztes bedeutete für alle die Gewähr baldiger Genesung.
In Anbetracht des Umstandes, daß sich der August seinem Ende näherte, sprach der Kanonikus davon, ein Haus in Vieira zu mieten; denn ein Jahr ums andre pflegte er seinen Urlaub an der See zu verbringen. Im vergangenen Jahr war dies nicht der Fall gewesen. Heuer hieß es also wieder an den Strand gehen.
»Und das Schwesterchen da wird in der gesunden Seeluft wieder kräftig und dick werden …«
Aber der Doktor Gouveia war mit dem Plan nicht einverstanden. Seiner Meinung nach wäre die scharfe Seeluft nichts für die geschwächte Konstitution Dona Josefas. Viel empfehlenswerter wäre für sie ein Aufenthalt auf dem Landgut Ricoça in Poiais, wo die Luft der geschützten Lage des Ortes wegen sehr mild sei.
Das war eine große Enttäuschung für den Kanonikus, der sogleich zu zetern anfing. Was? Er sollte sich den ganzen Sommer, in der schönsten Jahreszeit, in der Ricoça begraben? Und die schönen Seebäder, auf die sollte er verzichten?
»Sie glauben nicht«, sagte er eines Abends in seinem Arbeitszimmer zu Amaro, »was ich durchgemacht habe, während meine Schwester krank war! Diese Unordnung im Hause! Alles war aus dem Geleise geraten. Kein Tee zur richtigen Zeit, angebranntes Essen! Ich bin vor Sorgen ganz mager geworden … Und jetzt, wo ich mich an der See erholen wollte, muß ich auf die Ricoça und kann nicht baden … Ist das nicht ein Martyrium? Und dabei bin ich nicht einmal selbst krank gewesen … Ich muß es nun ausbaden … Zwei Jahre hintereinander kein Seebad! …«
Da schlug plötzlich Amaro mit der Faust auf den Tisch und rief: »Mensch, da kommt mir eine gute Idee!«
Der Kanonikus blickte zweifelnd drein, als ginge es über seine Begriffe, daß ein Menschenhirn einen Ausweg aus dieser schmerzlichen Situation finden könne.
»Wenn ich sage: ›Eine gute Idee‹, Meister, so soll das heißen: ›Eine göttliche Idee‹!«
»Heraus mit der Sprache, Mensch …«
»Also passen Sie auf. Sie gehen nach Vieira, und die Joaneira natürlich auch. Selbstverständlich mieten Sie sich in verschiedenen, aber nebeneinander gelegenen Häusern ein, wie Sie das ja schon vor zwei Jahren gemacht haben. Die Joaneira erzählte davon …«
»Weiter, weiter …«
»Gut. Die Joaneira hätten wir dann also in Vieira. Und Ihre Schwester geht nach der Ricoça.«
»Soll sie etwa allein hingehen?«
»Nein!« rief Amaro triumphierend. »Sie geht mit Amélia! Amélia wird sie pflegen! Sie gehen beide allein, und in jenem Nest, in das keine Menschenseele kommt, kann sie, allen Späheraugen entrückt, ruhig leben. Dort kann sie auch niederkommen! Nun, was meinen Sie?«
Der Kanonikus war aufgestanden; er staunte mit runden Augen.
»Mensch, das ist ja eine famose Idee!«
»So kommt jeder auf seine Rechnung. Sie nehmen Ihre Bäder, die Joaneira ist auch aus dem Wege geräumt und merkt nichts; Ihre Schwester erholt sich in der milden Luft, und Amélia hat den geeigneten Schlupfwinkel für ihre Zwecke. Dona Maria geht auch nach Vieira, desgleichen die Gansosos. Das Mädchen erwartet das freudige Ereignis Anfang November … Sie werden dafür Sorge tragen, daß bis Anfang Dezember niemand von Vieira heimkehrt … Und wenn wir dann wieder zusammenkommen, wird Amélia frisch und munter sein.«
»Donnerwetter! Als erste Idee, die Sie in den letzten zwei Jahren hatten, das ist allerhand!«
»Danke, lieber Meister!«
Aber es gab noch eine böse Schwierigkeit zu überwinden: Wie sollte man der Dona Josefa die Sache schmackhaft machen? Dieser strengen Dona Josefa, die menschlichen Schwächen gegenüber so unversöhnlich war? Dieser Dona Josefa, die für unmoralische Frauen die mittelalterlichen Strafen verlangte: Brandmal auf der Stirn, öffentliche Auspeitschungen, finstere Kerker? Dieser Dona sollte man zumuten, ein Viertel der Schuld auf sich zu nehmen?
»Die Schwester wird schön brüllen!« meinte der Kanonikus.
Aber Amaro vertraute sehr auf sein geistliches Ansehen. Er lehnte sich bequem im Stuhl zurück, wippte mit dem Fuß und sagte gelassen: »Wir werden schon sehen, Meister … Ich will mit ihr reden und ihr allerhand erzählen. Zum Beispiel werde ich ihr vorstellen, daß es für sie eine Gewissensangelegenheit ist, das Mädchen zu verbergen. Ich werde sie daran erinnern, daß man an seinem Lebensabend noch irgendeine recht gute Tat ausführen muß, um nicht mit leeren Händen am Himmelstor zu erscheinen … Wir werden schon sehen!«
»Vielleicht, vielleicht«, brummte der Kanonikus. »Die Gelegenheit ist günstig, denn die arme Schwester ist momentan sehr schwach von Verstand und wie ein kleines Kind.«
Amaro stand auf und rieb sich lebhaft die Hände. »Also ans Werk, ans Werk!«
»Und wir dürfen keine Zeit verlieren«, sagte der Kanonikus, »denn man scheint schon Unrat zu wittern. Denken Sie, heute morgen fing dieser Kerl von Libaninho an, das Mädchen damit aufzuziehen, daß sie bedenklich in die Breite ginge …«
»O dieser Schuft!« tobte der Pfarrer.
Na, das habe ja nicht viel zu bedeuten. Aber immerhin sei es eine Tatsache, daß das Mädchen einen größeren Leibesumfang habe als früher … Infolge des durch die Krankheit hervorgerufenen Trubels sei es bisher niemandem aufgefallen … Aber jetzt könnte es bemerkt werden … »Es wird Ernst, Freund; es wird Ernst!«
Darum eröffnete Amaro gleich am nächsten Vormittag »seine große Attacke gegen die Schwester«, wie es der Kanonikus nannte.
Vorher setzte er ihm aber im Arbeitszimmer seinen Plan auseinander: Erstens wollte er der Dona Josefa sagen, daß sich der Kanonikus in totaler Unkenntnis über das Mißgeschick Amélias befinde. Amaro habe es nicht durch die Beichte erfahren – denn in diesem Falle dürfte er nichts verraten –, sondern durch das geheime Geständnis Amélias und des verheirateten Mannes, der sie verführt habe. Ja, des verheirateten Mannes! … Denn schließlich war es doch notwendig, der Alten begreiflich zu machen, daß eine Wiedergutmachung durch eine Ehe nicht in Frage kam …
Der Kanonikus kraulte sich unzufrieden den Kopf. »Das erscheint mir nicht besonders gut ausgedacht«, sagte er. »Die Schwester weiß doch ganz genau, daß in der Rua da Misericórdia keine verheirateten Männer verkehren.«
»Und der Artur Couceiro?« sagte Amaro mit frecher Stirn.
Der Kanonikus lachte belustigt. Der arme, zahnlose Artur mit den traurigen Hammelaugen und den vielen Kindern! Der sollte der Verführung von Jungfrauen bezichtigt werden! … Haha, sehr gut!
»Der zieht nicht, lieber Pfarrer! Der zieht nicht!«
Aber dann sprachen sie zu gleicher Zeit denselben Namen aus: Fernandes, Fernandes aus dem Tuchgeschäft! Das war ein hübscher Mann, den Amélia sehr bewunderte! Sie ging auch immer in seinen Laden. Vor zwei Jahren hatte man sich sogar in der Rua da Misericórdia über die Frechheit entrüstet, mit der er Amélia auf der Estrada de Marrazes bis zum Gut begleitet hatte!
Nun gut – selbstverständlich durfte man es der Schwester nicht als eine ausgemachte Tatsache hinstellen; aber man konnte wenigstens durchblicken lassen, daß es der Fernandes sei.
Schnell stieg Amaro zur Alten hinauf, die sich in dem Raum über dem Arbeitszimmer aufhielt. Daselbst verweilte er eine halbe Stunde. Wie eine Ewigkeit erschien sie dem Kanonikus, der oben nichts hörte als das gelegentliche Knarren von Amaros Stiefeln oder das hohle Husten der Schwester … Während er seinen gewohnten Spaziergang zwischen Bücherregal und Fenster machte – wobei er, die Schnupftabaksdose in der Hand, die Arme auf dem Rücken verschränkt hielt –, überlegte er, wieviel Ausgaben ihm noch »dieses Vergnügen des Paters« verursachen würde! Das Mädchen mußte jetzt im fünften oder sechsten Monat sein … Und dann der Arzt und die Hebamme, die er natürlich auch bezahlen mußte … Ferner die Babyausstattung … Und was sollte man mit dem Wurm anfangen? … Das städtische Findelhaus war abgeschafft. Sollte man es im Findelhaus von Ourém absetzen? Das war eine riskante Sache; denn da dieses Institut nur über geringe Mittel verfügte und in skandalöser Weise in Anspruch genommen wurde, hatte man einen Mann an der Pforte des Findelhauses postiert, der mit dummen Fragen Schwierigkeiten machte. Da wurden Nachforschungen nach den Eltern angestellt, gegebenenfalls die Kinder zurückgegeben.
Und im Hintergrund lauerte auch noch die Obrigkeit, die mit empfindlichen Strafen die überhandnehmenden Kindesaussetzungen zu bekämpfen suchte …
Schließlich sah der arme Morallehrer einen solchen Rattenschwanz von Schwierigkeiten vor sich, daß er ganz aufgeregt wurde und um seine Verdauung bangte … Aber der vortreffliche Kanonikus war im Grunde genommen gar nicht so sehr empört: Er hatte immer die Zuneigung des alten Lehrers für den ehemaligen Schüler, den Pater, in sich verspürt. Desgleichen schätzte er Amélia, für die er eine halb väterliche, halb erotische Schwäche hatte. Und sogar dem Erscheinen des »Kleinen« sah er mit einem beinahe großväterlichen Wohlwollen entgegen.
Die Tür öffnete sich, und Amaro trat mit der Miene eines Siegers ein. »Alles klappt wunderbar, Meister! Was hatte ich Ihnen gesagt?«
»Ist sie einverstanden?«
»Voll und ganz. Natürlich ging es nicht ganz glatt ab … Erst wollte sie aufmucken. Ich sagte ihr aber, daß der Mann verheiratet sei … Daß das Mädchen den Kopf verloren habe und sich umbringen wolle … Und wenn sie nicht einwillige, Amélia Unterschlupf zu gewähren, gäbe es ein Unglück, und sie würde dafür verantwortlich sein … Sie solle bedenken, daß sie mit einem Fuß im Grabe stehe, daß Gott sie jeden Augenblick abberufen könne und daß kein Pater ihr Absolution erteilen könne, wenn sie diese Last auf ihrem Gewissen habe! … Wie ein Hund müsse sie sterben! …
»Ich sehe schon«, meinte der Kanonikus beifällig, »Sie haben weise gesprochen …«
»Ich habe ihr nur die Wahrheit gesagt. Jetzt handelt es sich noch darum, mit der Joaneira zu reden und sie so bald wie möglich nach Vieira zu bugsieren …«
»Noch eins, mein Freund«, unterbrach ihn der Kanonikus. »Haben Sie schon daran gedacht, was aus dem Sprößling werden soll?«
Der Pfarrer kratzte sich verzweifelt die Tonsur.
»Ach, Meister … Das ist noch so eine Schwierigkeit … Darüber habe ich mir auch schon den Kopf zerbrochen … Natürlich muß das Kind einer Ziehmutter gegeben werden … außerhalb, vielleicht in Alcobaça, oder in Pombal … Ein Glück wäre es, Meister, wenn es tot zur Welt käme!«
»Dann gäbe es einen kleinen Engel mehr«, brummte der Kanonikus, indem er eine Prise nahm.
Noch an demselben Abend ging der Kanonikus in die Rua da Misericórdia. Die Joaneira war gerade in ihrem Zimmer im Erdgeschoß, wo sie Untertassen mit Marmelade füllte. Diese wollte sie der Dona Josefa zu ihrer Wiedergenesung schenken. Er sprach von seiner Übersiedlung nach Vieira und bemerkte, daß er auch für sie eine Wohnung gemietet habe, im Hause des Ferreiro …
»Ach, das ist ja ein reizendes Nest!« rief sie erfreut. »Wohin stecke ich aber die Kleine?«
»Darüber wollte ich eben reden. Amélia kann nämlich dieses Mal nicht mit nach Vieira kommen.«
»Nicht? Warum nicht?«
So erklärte er ihr denn, daß die Schwester nicht allein nach der Ricoça gehen könne und daß er daran gedacht habe, Amélia mitzuschicken … Die Idee sei ihm heute vormittag gekommen. »Ich kann nicht mitgehen, denn ich muß meine Bäder haben, wie Sie wissen … Das arme Geschöpf kann doch nicht allein sein, nur mit einem Dienstmädchen! Also …«
Die Joaneira schwieg einen Augenblick, als wäre ihr das nicht so ganz recht.
»Es ist schon wahr«, sagte sie endlich. »Aber, offen gestanden, es fällt mir ein bißchen schwer, die Kleine zu missen … Wenn ich nun auf die Bäder verzichtete, könnte ich ja hingehen.«
»Ach Unsinn! Sie kommen mit nach Vieira. Ich will doch auch nicht allein sein! Sie Undankbare!« Und indem er ihre Hand ergriff: »Hören Sie also zu … Die Josefa steht mit einem Fuß im Grabe. Sie weiß, daß ich genug habe, um gut auszukommen. Sie liebt die Kleine, denn sie ist doch ihre Patin. Wenn Amélia sie nun in ihrer Krankheit pflegt und ein paar Monate mit ihr allein ist, wird sie sie ganz in ihr Herz schließen. Und bedenken Sie: meine Schwester besitzt ein paar tausend Dukaten. Die Kleine kann da ein nettes Sümmchen erben. Aber ich will nicht weiter darüber reden …«
Nun gut; da es der Herr Kanonikus so wollte, willigte Joaneira ein.
Oben weihte unterdessen Amaro Amélia in den Plan ein; er schilderte ihr auch die Szene mit der Alten: daß das arme Ding schließlich zugestimmt habe und jetzt schon ganz Feuer und Flamme für dieses Werk der Nächstenliebe sei und zu der Ausstattung des Kindes ihr Teil beitragen wolle …
»Auf sie kannst du dich verlassen; sie ist eine Heilige … So wäre also alles geregelt, Liebste. Nun heißt es also vier oder fünf Monate in der Ricoça aushalten.«
Bei diesem Gedanken fing Amélia an zu weinen: Sie käme um die Saison in Vieira, die schönen Seebäder! Statt dessen sollte sie in der gräßlichen Ricoça versauern! Das Haus mache einen so finsteren Eindruck, daß sie sich, als sie eines Abends dort war, gefürchtet habe. Alles sei düster in dem Hause; ein unheimliches Echo spuke durch die Zimmer … Eine innere Stimme sage ihr, daß sie gewiß in der Verbannung dort sterben werde.
»Torheit!« sagte Amaro. »Wir wollen Gott danken, daß er mir diese rettende Idee eingegeben hat. Übrigens bist du doch nicht allein; du hast die Dona Josefa, die Gertrudes, kannst im Garten spazierengehen … Und ich komme jeden Tag hinaus. Es wird dir schon gefallen; du wirst schon sehen.«
»Nun ja, was bleibt mir auch weiter übrig! Ich muß mich eben fügen.« Während zwei große Tränen durch ihre Wimpern quollen, verwünschte sie im Herzen ihre unselige Leidenschaft, die ihr nur Leid und Entbehrungen bereitete. Während jetzt ganz Leiria nach Vieira ging, zwang man sie, sich in der einsamen Ricoça zu vergraben; das ewige Husten der Alten und das Heulen der Haushunde würde ihre einzige Musik sein … Und die Mama, was würde die dazu sagen?
»Was soll sie weitet sagen? Dona Josefa kann doch nicht allein, ohne eine zuverlässige Pflegerin, nach der Ricoça gehen! Mach dir keine Sorgen! Der Kanonikus ist unten und bearbeitet deine Mutter … Ich will gleich zu ihr hinuntergehen, denn ich bin schon allzulange mit dir allein. Besonders in diesen letzten Tagen müssen wir sehr vorsichtig sein.«
Er ging und traf mit dem Kanonikus, der eben heraufkam, auf der Treppe zusammen.
»Nun?« fragte Amaro leise.
»Alles in Ordnung. Und da drin?«
»Desgleichen.«
Schweigend drückten sich die beiden Priester im Halbdunkel der Treppe die Hand.
Ein paar Tage später gab es einen tränenreichen Abschied: Amélia reiste in einem Kremser mit Dona Josefa nach der Ricoça ab.
Für die Rekonvaleszentin hatte man unter Zuhilfenahme von zahlreichen Kissen ein bequemes Lager zurechtgemacht. Der Kanonikus begleitete sie, wütend über diese Störung. Oben auf dem Verdeck saß im Schatten eines ganzen Gebirges von Gepäck die Gertrudes. Da gab es Lederkoffer, Kisten, Büchsen, Bündel von Betten, Reisetaschen, außerdem ein Weidenkörbchen, in dem die Katze miaute, und, wohlverschnürt, eine ganze Bildergalerie: die Lieblingsheiligen der Dona Josefa.
Nach Verlauf einer Woche siedelte die Joaneira nach Vieira über. Sie benutzte dazu, um der drückenden Tageshitze zu entgehen, die Nacht. Die Rua da Misericórdia war durch einen Ochsenwagen versperrt, der das Geschirr, die Matratzen, die Betten und allerlei Küchengerät befördern sollte. Und in demselben Kremser, der schon nach der Ricoça gefahren war, saßen die Joaneira und die Ruça, die ebenfalls auf dem Schoß einen Weidenkorb mit einer Katze hielt.
Der Kanonikus war schon am vorhergehenden Tage abgereist, nur Amaro half der Joaneira beim Umzug, der sich unter der üblichen Aufregung vollzog. Hundertmal wurde treppauf, treppab gelaufen, um dieses oder jenes Kistchen, dieses oder jenes Paket, das verschwunden war, zu suchen. Als endlich die Ruça die Haustür verschloß, brach die Joaneira, die schon auf dem Steigbrett des Kremsers stand, in Weinen aus.
»Was haben Sie, liebe Senhora Caminha? Aber nicht doch!« beruhigte sie Amaro.
»Ach, Herr Pfarrer! Daß ich die Kleine nicht mitnehmen kann! … Sie können sich nicht denken, wie schwer mir das fällt … Mir ist, als sollte ich sie nie wiedersehen. Gehen Sie nur ja recht oft nach der Ricoça; tun Sie mir die Liebe, bitte, bitte! Sehen Sie nach, ob es ihr gut geht …«
»Darüber können Sie beruhigt sein, liebe Senhora Caminha.«
»Leben Sie wohl, Herr Pfarrer. Vielen Dank für alles. Gott, was Sie alles für mich getan haben!«
»Unsinn, Verehrteste … Glückliche Reise! Schreiben Sie einmal! Und viele Grüße an den Meister! Adieu, meine Liebe; adieu, Ruça …«
Der Kremser setzte sich in Bewegung. Denselben Weg, auf dem der Wagen davonrollte, ging Amaro langsam bis zur Chaussee, die nach Figueira führt. Es war neun Uhr und ein warmer, schöner Augustabend; schon ging der Mond auf. Ein ganz zarter, schimmernder Nebel verlieh der schweigenden Landschaft etwas Weiches, Märchenhaftes. Hier und da nur blinkte aus dunklen Baumgruppen eine mondbeschienene weiße Häuserfassade. Neben der Brücke blieb Amaro stehen und schaute traurig auf den Fluß, der eintönig murmelnd über den Sand rann. Wo Bäume am Ufer standen, fielen tief schwarze Schatten über die Flut; vor ihm zitterte ein Lichtschein wie schillerndes Filigranwerk auf dem Wasser. In dieser Stille, die ihn beruhigte und gleichzeitig mit einer seltsamen Melancholie erfüllte, verweilte er lange und rauchte Zigaretten, deren Reste er in den Fluß warf. Als es elf schlug, kehrte er in die Stadt zurück; Wehmut beschlich ihn beim Passieren der Rua da Misericórdia. Das vertraute Haus, dessen Fenster verhängt und der Musselingardinen beraubt waren, schien für immer verlassen zu sein; in den Fensterecken standen noch ein paar Rosmarintöpfe, die man wohl wegzunehmen vergessen hatte … Wie oft hatten sich Amélia und er über jenen kleinen Balkon geneigt! Dort pflegte ein Nelkenstock zu stehen, und er erinnerte sich ganz deutlich, wie Amélia einmal, als sie miteinander plauderten, ein Blatt abgezupft und mit ihren weißen Zähnen daran herumgeknabbert hatte. Nun war alles aus! Die klagenden Rufe des Käuzchens im benachbarten Armenhaus erschienen ihm in der tiefen Stille der Nacht unheimlich; es erinnerte ihn an Verfall, Einsamkeit, ewiges Ende.
Dann ging er langsam nach Hause, die Augen voll Tränen.
Gleich beim Eintreten erzählte ihm die Dienstmagd, daß Onkel Esguelhas gegen neun Uhr dagewesen sei, um ihn zu holen. Er sei zu Tode betrübt gewesen, denn Totó liege im Sterben und wolle das Sakrament nur aus den Händen des Herrn Pfarrers nehmen.
Zwar empfand er einen beinahe abergläubischen Widerwillen davor, in dieser Nachtstunde und zu so traurigem Zweck an den Schauplatz seiner Liebesfreuden zurückzukehren; aber er ging, um dem Onkel Esguelhas einen Gefallen zu tun. Dieser Tod, der ungefähr mit dem Scheiden Amélias zusammenfiel, schien ihm nur das plötzliche Zerflattern alles dessen zu vollenden, was ihn bisher am meisten interessiert hatte, was zutiefst mit seinem Dasein verknüpft gewesen war.
Die Haustür des Glöckners stand halb offen; in der Finsternis des Flurs stieß Amaro mit zwei Frauen zusammen, die eben fortgehen wollten. Er begab sich sofort in den Alkoven der Gelähmten. Zwei große Wachskerzen, die aus der Kirche geholt worden waren, brannten auf einem Tisch; ein weißes Laken bedeckte den Körper Totós, und Pater Silvério, den man gewiß herbeigerufen hatte, weil er mit dem Wochendienst an der Reihe war, las, das Taschentuch auf den Knien und die große Brille auf der Nasenspitze, im Brevier. Als er Amaro sah, stand er sofort auf.
»Ah, Kollege«, sagte er leise, »man hat Sie überall gesucht … Das arme Ding wollte nur Sie haben … Als man mich holte, war ich gerade bei den Novais zur Abendgesellschaft, sonnabends, Sie wissen ja … Mein Gott, was für eine Szene mußte ich hier erleben! Totó starb in einer Unbußfertigkeit, wie sie im Buche steht. Als sie mich sah und Sie nicht kamen, machte sie einen furchtbaren Skandal! Ich hatte sogar Angst, daß sie mir aufs Kruzifix spuckte …«
Amaro hob, ohne ein Wort zu sagen, einen Zipfel des Lakens, ließ ihn aber sofort wieder auf das Antlitz der Toten fallen. Dann stieg er in das obere Zimmer hinauf, wo der Glöckner auf dem Bett lag. Er hatte das Gesicht der Wand zugekehrt und schluchzte verzweifelt. In dem Raum war noch eine Frau; sie stand stumm und unbeweglich in einer Ecke und hielt die Augen zu Boden gesenkt. Man sah es ihr an, wie ungern sie ihre Nachbarnpflicht erfüllte.
Amaro berührte die Schulter des Glöckners und sagte: »Sie müssen sich in Ihr Schicksal fügen, Onkel Esguelhas … Es ist der Ratschluß Gottes … Und für Totó ist es ein Glück …«
Onkel Esguelhas drehte sich um, und als er durch die tränenumflorten Augen hindurch den Pfarrer erkannte, ergriff er seine Hand, um sie zu küssen. Amaro wich zurück.
»Mut, Onkel Esguelhas!« redete er dem Alten zu. »Gott wird barmherzig sein und Ihren Schmerz in Rechnung ziehen …«
Aber er hörte nicht auf den Priester; ein krampfartiges Weinen erschütterte seinen Körper. Unterdessen wischte sich das Weib in großer Seelenruhe bald das eine, bald das andere Auge.
Amaro stieg die Treppe hinab; und um den guten Silvério von diesem außergewöhnlichen Dienst zu befreien, setzte er sich an seiner Stelle an das Bett und nahm das Brevier zur Hand.
Hier blieb er lange sitzen. Als die Nachbarin fortging, sagte sie ihm, daß Onkel Esguelhas eingeschlafen sei. Sie versprach, mit der Leichenfrau wiederzukommen, sobald der Morgen anbräche.
Nun lag das ganze Haus in tiefem, beklemmendem Schweigen, das durch die Nachbarschaft des gewaltigen Kirchengebäudes noch unheimlicher wirkte. Es wurde nur ab und zu durch den schwachen Ruf eines der Käuzchen, die im Gemäuer der Kathedrale nisteten, oder durch das schwere Schlagen der Kirchenglocke unterbrochen, die alle Viertelstunden die Zeit angab. Und Amaro, von einem unbestimmten Grauen erfüllt und doch wieder durch die zwingende Gewalt des jäh erwachten Gewissens hier festgehalten, vertiefte sich in eifrige Gebete … Manchmal fiel ihm das Buch auf die Knie; da lauschte er und spürte hinter sich die Gegenwart des lakenbedeckten Leichnams. Welcher Gegensatz zu anderen, glücklichen Stunden, die er einst in diesem Hause verlebt hatte! Ein unsagbar bitteres Gefühl überschlich ihn. Er sah wieder den Hof vor sich, auf den die warme Sonne schien … hörte die kleinen Schwalben schwirren und zwitschern … Und dann stieg er lachend mit Amélia in jenes Zimmer hinauf, wo jetzt auf demselben Bett der Onkel Esguelhas, von Weinen und Schluchzen erschöpft, schlummerte …