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Am folgenden Tag wartete Pater Amaro von sieben Uhr morgens an auf das Erscheinen der Dionísia. Er stand am offenen Fenster und spähte nach der Straßenecke, ohne auf den feinen Regen zu achten, der ihm ins Gesicht schlug. Aber die Dionísia wollte nicht kommen. Und mit bitterem Groll dachte er daran, daß er nun nach der Kathedrale aufbrechen mußte, um das Söhnlein des Guedes zu taufen.
Als er in die Kirche kam, wurmte es ihn, diese frohen Leute sehen zu müssen. Sie brachten in die Kathedrale, die an diesem trüben Dezembertag noch düsterer wirkte als sonst, eine Unruhe, die ihm auf die Nerven fiel. Es klang wie mit Mühe verhaltene Familienfreude und elterliches Hochgefühl. Der strahlende Papa Guedes war im Bratenrock und weißer Krawatte erschienen; im Knopfloch der Paten prunkten große weiße Kamelien; die Damen blähten sich im Feiertagskleid, und besonders die rundliche Hebamme, deren bräunliche Pausbacken fast in einem Gewirr von gestärkten Spitzen und Schleifen verschwanden, stolzierte wie ein Pfau einher. Im Hintergrund der Kirche waltete sodann Amaro, der mit seinen Gedanken in der Ricoça und in Barrosa weilte, seines Amtes. Die vorgeschriebenen Taufzeremonien haspelte er mechanisch herunter. So blies er dem Täufling kreuzweise über das Gesicht, um den Teufel auszutreiben, der schon in diesem zarten Fleisch wohnte. Er streute ihm Salz auf den Mund, damit er einen ewigen Ekel vor dem bittern Geschmack der Sünde empfinde und nur Wohlgefallen daran habe, sich mit der göttlichen Wahrheit zu nähren. Auch netzte er ihm Ohren und Nasenlöcher mit Speichel, auf daß er niemals auf die Einflüsterungen der Fleischeslust höre und sich nie am Duft irdischer Freuden berausche. Und um ihn herum standen mit Fackeln in der Hand die Paten und die Taufgäste. Sie hörten kaum auf die hastig gemurmelten lateinischen Phrasen des Pfarrers, sondern interessierten sich nur für den kleinen Guedes. Sie fürchteten nämlich, er könne mit irgendeiner groben Ungehörigkeit auf die furchtbaren Ermahnungen antworten, die die Kirche, seine heilige Mutter, ihm angedeihen ließ.
Indem Amaro dann seinen rechten Zeigefinger auf das weiße Häubchen des Täuflings legte, forderte er diesen auf, hier, im Angesicht der Kathedrale, für immer dem Satan, seinem Kultus und seinen Werken abzuschwören. Der Sakristan Matias, der auf lateinisch die rituellen Antworten gab, legte für ihn das Gelübde ab, während der arme Kleine mit geöffnetem Mund nach der Mutterbrust suchte. Endlich begab sich der Pfarrer mit der ganzen Taufgesellschaft, einigen herbeigeeilten Betschwestern und einer Gruppe von Gassenjungen, die auf ein paar Kupfermünzen rechneten, nach dem Taufbecken. Aber als das Kindchen getauft werden sollte, ereignete sich ein peinlicher Zwischenfall: der gerührten Hebamme gelang es nicht, die Schleifen des Taufkleidchens zu lösen; aber Arme und Brust des Kleinen mußten nackt sein. Eine Patin wollte ihr helfen; dabei fiel ihr die Fackel aus den Händen, und das Kleid einer Dame, einer Nachbarin des Guedes, wurde mit flüssigem Wachs beschmiert, was die Betroffene begreiflicherweise in große Wut versetzte.
»Franciscus, credis Franciscus, credis? – (lat.) Franziskus, glaubst du??« fragte Amaro.
Matias bestätigte eifrig im Namen des kleinen Franziskus: »Credo Credo – (lat.) Ich glaube..«
»Franciscus, vis baptisari Franciscus, vis baptisari? – (lat.) Franziskus, willst du getauft werden??«
Und Matias: »Volo Volo – (lat.) Ja, ich will es..«
Nun fiel das Taufwasser auf des Täuflings rundes Köpfchen, das wie eine zarte Melone aussah, und das Kind fing ärgerlich an zu strampeln.
»Ego te baptiso Ego te baptiso ... – (lat.) Franziskus, ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes., Franciscus, in nomine Patris … et Filii … et Spiritus Sancti …«
Endlich war er fertig! Amaro eilte in die Sakristei, um sich umzuziehen, während die ernste Hebamme, Papa Guedes, die gerührten Damen, die alten Betschwestern und die Gassenjungen unter Glockengeläut die Kirche verließen. Und unter ihre Regenschirme geduckt, in den Pfützen patschend, trugen sie im Triumphzug Franziskus, den neuen Christen, nach Hause.
Im Vorgefühl, daß er Dionísia sehen würde, eilte Amaro die Treppe seines Hauses hinauf.
Die Matrone war in der Tat da und wartete auf ihn in seiner Schlafstube. Mit Kotspritzern bedeckt, zerzaust und zerknittert von dem nächtlichen Kampf, saß sie auf einem Stuhl und fing an zu flennen, als Amaro ins Zimmer stürmte.
»Wie steht es, Dionísia?«
Sie gab keine Antwort, sondern schluchzte nur.
»Tot!« rief Amaro.
»Ach, wir haben alles getan, alles, alles!« jammerte das Weib.
Wie vom Blitz gefällt, brach Amaro neben dem Bett zusammen.
Dionísia schrie nach der Haushälterin. Sie besprengten ihm das Gesicht mit Wasser und Essig. Da erholte sich Amaro ein wenig; aber er sah aus wie eine Leiche. Ohne ein Wort zu sagen, stieß er die Frauen mit den Händen weg; dann warf er sich auf das Bett und weinte verzweifelt in das Kopfkissen, während die beiden anderen bestürzt in die Küche flüchteten.
»Es scheint, daß er ein sehr guter Freund des Fräuleins war«, fing die Escolástica an. Sie sprach ganz leise, als wäre ein Sterbender im Hause.
»Er ging ja immer hin … Und hat auch lange bei ihrer Mutter gewohnt … Ach, sie waren wie Geschwister …«, sagte Dionísia, noch immer weinend.
Dann sprachen sie von Herzkrankheiten; denn die Dionísia hatte der Escolástica erzählt, daß die arme Kleine am Herzschlag gestorben sei. Die Escolástica war auch herzleidend; doch äußerte sich dies bei ihr in hypochondrischen Anfällen. Daran sei ihr verstorbener Mann schuld, der sie sehr schlecht behandelt habe.
»Sie trinken doch ein Täßchen Kaffee, Dona Dionísia?«
»Wenn ich ganz offen sein darf, Dona Escolástica, möchte ich lieber ein Gläschen Likör …«
Die Escolástica rannte in die am Ende der Straße gelegene Kneipe und brachte, unter der Schürze verborgen, ein Nößel süßen Schnaps. Dann saßen sie beide am Tisch; die eine brockte Brot in den Kaffee, während die andre ihren Likör schlürfte. Und seufzend kamen sie darin überein, daß diese Welt ein Jammertal voll Kummer und Tränen sei.
Es schlug elf, und die Escolástica dachte daran, dem Herrn Pfarrer eine Fleischbrühe zu bringen, als dieser von drinnen nach ihr rief. Er hatte seinen hohen Hut auf und schon den Rock zugeknöpft. Seine Augen brannten in dunkler Glut.
»Escolástica, laufen Sie zu Cruz; er soll mir ein Pferd schicken … Aber schnell!«
Darauf rief er die Dionísia, die sich dicht neben ihn setzen mußte. Mit bleichem, steinernem Gesicht hörte er schweigend den Bericht über die nächtliche Szene an, die plötzlichen Krämpfe, die so heftig waren, daß Gertrudes und der Herr Doktor die Kranke kaum zu bändigen vermochten, die Blutungen, die darauf folgende tödliche Ermattung, dann die Erstickungsanfälle, die sie blaurot wie die Tunika eines Heiligenbildes färbten …
Aber der Stallknecht des Cruz war mit dem Pferd angelangt. Amaro nahm aus der Kommode ein kleines, unter Wäschestücken verstecktes Kruzifix und gab es der Dionísia, die nach der Ricoça gehen wollte, um bei der Einsargung Amélias behilflich zu sein.
»Legen Sie ihr dieses Kreuz auf die Brust; sie hat es mir geschenkt …«
Er ging hinunter und stieg zu Pferde, um im Galopp nach Barrosa zu reiten. Der Regen hatte aufgehört, und das matte Licht der Dezembersonne, die hier und da durch dunkle Wolken schien, ließ den nassen Rasen und die Steine erglänzen.
Als er an dem verschütteten Brunnen ankam, von dem aus man das Haus der Carlota sah, mußte er anhalten, um eine lange Schafherde vorbeizulassen; denn diese versperrte den ganzen Weg. Der Anblick des Hirten, der den Wasserschlauch wie ein Band um den Oberkörper trug, erinnerte ihn an Feirão. Einzelne Bilder seines damaligen Lebens tauchten blitzartig vor seinem Geist auf: er sah die von grauen Nebeln eingehüllte Gebirgslandschaft, die Joana, die mit stupidem Lachen am Glockenstrang zog, er sah sich mit dem Abt von Gralheira vor dem Kamin sitzen, in dem frisches Holz prasselte, und Ziegenbraten essen, er dachte an die langen, langen Tage, deren traurige Eintönigkeit ihn beinahe zur Verzweiflung trieb, und sah, wie draußen unaufhörlich der Schnee zur Erde sank … Und da überkam ihn eine heiße Sehnsucht nach jener Gebirgseinsamkeit, in der er wie ein einsamer Wolf gehaust hatte, fern von den Menschen, fern vom Getriebe der Städte … Ah, könnte er dort mit seinem Leid begraben sein!
Die Tür der Carlota war verschlossen. Er klopfte, trat in den Hof ein, ging rufend um das Haus und den Stall herum, nichts, nur das Gackern der Hühner ließ sich vernehmen; kein Mensch antwortete. Da nahm er die Stute am Zügel und schritt den Weg entlang, der nach dem Dorf führte. Er machte vor dem Wirtshaus halt, vor dem ein dickes Weib an einem Strumpf strickte. Im Innern der finsteren Kneipe saßen zwei Männer beim Wein und spielten eifrig Karten. Ein halbwüchsiges Mädchen sah traurig dem Spiel zu; es trug ein Tuch um den Kopf, und ihr Gesicht war gelb vom Wechselfieber.
Die dicke Frau sagte, Dona Carlota sei eben dagewesen, um ein Viertelliter Öl zu kaufen, und müsse jetzt bei der Micaela sein. Auf ihren Ruf kam ein schieläugiges Mädchen hinter den Fässern hervor, die neben dem Haus standen.
»Lauf zur Micaela und sag der Dona Carlota, ein Herr aus der Stadt wolle sie sprechen.«
Amaro kehrte zur Tür der Carlota zurück und setzte sich auf einen Stein, das Pferd am Zügel haltend. Aber dieses stumme, verschlossene Haus erfüllte ihn mit Grauen. Er legte das Ohr ans Schlüsselloch, um vielleicht ein Kinderweinen zu hören. Drinnen herrschte Grabesstille. Doch beruhigte er sich bei dem Gedanken, die Carlota könne das Kind mit zur Micaela genommen haben. Er hätte eigentlich die Frau vor dem Wirtshaus fragen sollen, ob die Carlota einen Säugling bei sich gehabt habe … Und er betrachtete das sauber angestrichene Haus, hinter dessen oberem Fenster eine weiße Mullgardine sichtbar war, ein Luxus, dem man in solch armen Dörfern höchst selten begegnete. Dabei fiel ihm auch die peinliche Ordnung und Sauberkeit im Innern ein … und hübsches Geschirr hatte er damals gesehen … Sicherlich würde der Kleine auch eine schmucke, saubere Wiege haben …
Ah, er mußte verrückt gewesen sein, als er gestern vier Pfund in Gold – das Ziehgeld für ein Jahr – auf den Küchentisch gelegt und grausam zu dem Zwerg gesagt hatte: »Ich rechne auf Sie!« Armes Kind! Aber die Carlota hatte in der Nacht auf der Ricoça wohl verstanden, daß er jetzt das Kind, seinen Sohn, am Leben erhalten und liebevoll aufgezogen wissen wollte! Trotzdem würde er den Kleinen nicht hier unter den blutunterlaufenen Augen des Zwergs lassen … Er würde ihn noch heute nacht zu Joana Carreira in Poiais bringen …
Dionísias unheimliche Geschichten von der »Engelmacherin« waren doch wohl nur albernes Gewäsch. Das Kind befand sich jetzt im Haus der Micaela und sog behaglich an der Brust der gesunden Vierzigerin … Und ihm kam wieder der Wunsch, Leiria zu verlassen und sich in Feirão zu vergraben … Er würde die Escolástica mitnehmen, das Kind als seinen Neffen erziehen, und bei seinem Anblick würde er noch einmal alle Seligkeiten seines zweijährigen Liebesromans auskosten. Es würde ein Leben stiller Resignation sein, beschattet und zugleich erwärmt von der wehmütigen Erinnerung an Amélia. Und eines Tages würde er, wie sein Vorgänger, der Pfarrer Gustavo, der auch einen Neffen in Feirão erzogen hatte, für immer auf dem kleinen Friedhof ruhen, im Sommer unter lieblichen Feldblumen, im Winter unter weichem, weißem Schnee.
Da erschien die Carlota und war sichtlich bestürzt, als sie Amaro erkannte, der sie, ohne den Zaun zu verlassen, mit gerunzelter Stirn ansah. Drohender Ernst lag auf seinem schönen Gesicht.
»Das Kind?« rief der Pfarrer.
Nach einer kleinen Weile sagte sie unbefangen: »Ach, reden Sie nicht davon; es hat mir viel Verdruß bereitet … Gestern, als ich kaum zwei Stunden zu Hause war, fing der arme Engel an, blaurot zu werden, und er starb vor meinen Augen …«
»Sie lügen!« schrie Amaro. »Ich will das Kind sehen!«
»Treten Sie nur ein, wenn Sie es sehen wollen.«
»Aber was habe ich Ihnen gestern gesagt, Weib?«
»Was wollen Sie denn, mein Herr? Es ist gestorben. Sehen Sie selbst …«
Sie hatte die Tür aufgeschlossen, ganz natürlich, ohne Zorn und Angst. Mit einem Blick erkannte Amaro neben dem Ofen eine Wiege, über die ein roter Rock gebreitet war.
Ohne ein Wort zu sagen, drehte er ihr den Rücken, ging hinaus und schwang sich aufs Pferd. Aber da wurde die Frau mit einemmal sehr gesprächig und erzählte ihm, daß sie eben aus dem Dorf komme, wo sie einen hübschen kleinen Sarg bestellt habe … Da sie gleich gesehen habe, daß der Kleine wohlhabender Eltern Kind sei, habe sie ihn nicht nur in einen Lappen gehüllt begraben wollen. Da der Herr nun einmal da sei, halte sie es nur für recht und billig, daß er etwas zu der Ausgabe beisteuere … Zweitausend Réis erschienen ihr angemessen.
Er sah sie einen Augenblick an, und der brutale Wunsch, sie zu erdrosseln, stieg in ihm hoch. Aber schließlich gab er ihr das Geld. Schon trabte er den Weg hinauf, als ihn das Weib mit einem »Pst, pst!« zum Halten bewog. Die Carlota wollte ihm die Pelerine wiedergeben, die er ihr in der vergangenen Nacht umgehängt hatte. Sie habe sehr gute Dienste geleistet, denn das Kind sei warm wie ein Speckklößchen zu Hause angekommen … Leider …
Amaro hörte nicht mehr hin; wütend gab er seinem Pferd die Sporen.
Als er das Tier bei Cruz abgeliefert hatte, ging er nicht gleich nach Hause. Er begab sich stracks zum bischöflichen Palast. Nur eine Idee erfüllte ihn: er wollte diese verwünschte Stadt verlassen, nie wieder die Gesichter der Betschwestern, nie die verhaßte Fassade der Kathedrale sehen …
Erst als er die breite Freitreppe des Palastes hinaufstieg, dachte er mit Unruhe an das, was ihm Libaninho am vorigen Tage erzählt hatte: an die Entrüstung des Generalvikars, an die eigentümliche Denunziation … Aber die Freundlichkeit des Paters Saldanha, der im Palast eine Vertrauensstellung einnahm, beruhigte ihn. Er führte den Pfarrer sofort ins Arbeitszimmer Seiner Exzellenz. Der Generalvikar empfing ihn sehr liebenswürdig. Er gab seiner Verwunderung über das bleiche, verstörte Aussehen des Herrn Pfarrers Ausdruck …
»Ich habe großen Kummer, Herr Generalvikar«, sagte Amaro. »Meine Schwester in Lissabon liegt im Sterben. Ich möchte Eure Exzellenz um einen mehrtägigen Urlaub bitten …«
Der erschrockene Generalvikar versicherte ihn seiner aufrichtigen Teilnahme.
»Natürlich können Sie gehen … Ach, wir müssen alle in die Barke Charons Charon – Fährmann der griechischen Sage, der die Toten in einem Nachen in die Unterwelt befördert. …
Ipse ratem conto subigit, velisque ministrat
Et ferruginea subvectat corpora cumba.
Ipse ratem conto ... – (lat.) Mit einer Stange treibt er die Fähre, er richtet die Segel. Und setzt über die Toten auf eisenfarbigem Nachen. Vergil, »Aeneis«, 6. Buch, Vers 302 f.
Niemand entgeht ihm … Es tut mir sehr leid, wirklich sehr leid … Ich werde nicht vergessen, Ihre Schwester in meine Gebete einzuschließen …«
Und gewissenhaft wie immer, machte Seine Exzellenz eine Bleistiftnotiz.
Amaro begab sich direkt zur Kathedrale. Er schloß sich in die um diese Stunde verlassene Sakristei ein, setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf auf die Arme.
Nachdem er lange überlegt hatte, schrieb er an den Kanonikus Dias:
»Mein lieber Meister! Mit zitternder Hand schreibe ich diese Zeilen. Die Unglückliche ist gestorben. Sie sehen ein, daß ich nicht hierbleiben kann; und so gehe ich denn fort. Denn wenn ich hierbliebe, würde mir das Herz brechen. Ihre vortreffliche Schwester wird sich um die Beerdigung kümmern … Ich kann es nicht, wie Sie wohl begreifen werden. Herzlichen Dank für alles! … Aber eines Tages werden wir uns, so Gott will, wiedersehen. Ich gedenke weit fortzugehen, in irgendein armes Hirtendorf; dort will ich meine Tage beschließen, will weinen, beten und büßen. Trösten Sie, soweit Sie es vermögen, die arme Mutter in ihrem Leid. Solange ich lebe, werde ich nie vergessen, was ich Ihnen verdanke. Leben Sie wohl, ich muß schließen, denn ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Ihr ergebener Freund
Amaro Vieira
PS: Das Kind ist auch tot und schon begraben.«
Er verschloß den Brief und klebte eine schwarze Oblate darauf. Nachdem er seine Papiere geordnet hatte, öffnete er die große eiserne Tür, um noch einmal den Hof, die Baracke und das Glöcknerhaus zu betrachten … Nebel und Regen verliehen diesem Winkel der Kathedrale schon sein düsteres, winterliches Gepräge. Die hohen Strebepfeiler blickten in ernstem Schweigen auf ihn herab, als er langsam in den Hof trat und durch das Fenster des Onkels Esguelhas spähte. Der alte Mann war zu Hause; er saß traurig mit der Pfeife im Mund am Ofen und spuckte ab und zu in die Asche. Amaro klopfte leise an die Scheibe, und als die Tür sich öffnete und er mit einem Blick das wohlbekannte Zimmer umfing, stieg es heiß in ihm empor. Da war der Vorhang, hinter dem Totós Alkoven lag, die Treppe, die hinauf führte, und tausend Erinnerungen und Sehnsüchte übermannten ihn mit so jäher Gewalt, daß er nicht sprechen, sondern nur schluchzen konnte …
Endlich faßte er sich und murmelte: »Ich komme, um Ihnen adieu zu sagen, Onkel Esguelhas. Ich gehe nach Lissabon; meine Schwester liegt auf den Tod danieder …« Und mit zuckenden Lippen fügte er hinzu: »Ein Unglück kommt selten allein: die arme Amélia ist plötzlich gestorben …«
Der Glöckner riß erschrocken den Mund auf.
»Adieu, Onkel Esguelhas. Geben Sie mir die Hand, Onkel Esguelhas. Leben Sie wohl …«
»Adieu, Herr Pfarrer, adieu!« sagte der Alte mit Tränen in den Augen.
Amaro eilte nach Hause. Unterwegs mußte er sich sehr zusammennehmen, daß er nicht auf der Straße in lautes Schluchzen ausbrach. Er sagte der Escolástica, daß er noch in dieser Nacht nach Lissabon müsse. Der Onkel Cruz würde ihm ein Pferd schicken; sonst erreiche er den Zug in Chão de Maçã nicht.
»Ich habe nur noch Geld, um nach Lissabon zu reisen. Aber was es hier an Wäsche gibt, gehört Ihnen …«
Die Escolástica weinte, daß sie den Herrn Pfarrer verlieren sollte, und wollte ihm, gerührt über so große Freigebigkeit, die Hand küssen. Auch erbot sie sich, ihm den Koffer zu packen.
Aber Amaro wehrte ab: »Das besorge ich selbst, Escolástica, bemühen Sie sich nicht.«
Er schloß sich im Schlafzimmer ein. Die Haushälterin, die noch immer weinte, suchte sofort die wenigen Sachen zusammen, die in den Schränken hingen und lagen. Aber bald darauf rief Amaro nach ihr: vor dem Fenster wurde auf einer Harfe und einer Geige, die gar nicht zusammenstimmten, der »Walzer der zwei Welten« gespielt.
»Geben Sie den Leuten einen Tostão«, sagte der Pfarrer wütend. »Und sagen Sie ihnen, sie sollen sich zum Teufel scheren … Es sei ein Kranker im Hause!«
Und bis um fünf Uhr hörte die Escolástica keinen Laut mehr im Zimmer. Als der Stallknecht mit dem Pferd erschien, dachte sie, der Herr Pfarrer schlafe, und klopfte leise an die Tür, während schon die Abschiedstränen aus ihren Augen perlten. Amaro öffnete sofort. Er hatte die Pelerine umgehängt, und mitten im Zimmer lag der Mantelsack, den er über die Kruppe des Pferdes legen wollte. Der Pfarrer übergab ihr drei Briefe; diese sollte sie am Abend der Dona Maria da Assunção, dem Pater Silvério und dem Pater Natário überbringen. Als er mit der weinenden Escolástica die Treppe hinuntersteigen wollte, hörte er das bekannte Geklapper einer Krücke, und Onkel Esguelhas kam in sichtlicher Bewegung heraufgestelzt.
»Nur herein, Onkel Esguelhas, nur herein!«
Der Glöckner machte die Tür zu und stotterte nach einem verlegenen Schweigen: »Sie müssen entschuldigen, Herr Pfarrer, aber … In all dem Kummer hatte ich ganz und gar vergessen … Schon vor einiger Zeit habe ich in meinem Zimmer dieses Ding gefunden, und ich dachte …«
Der Alte legte in Amaros Hand einen Ohrring. Er erkannte ihn sofort wieder: der Schmuck gehörte Amélia. Lange hatte sie ihn vergebens gesucht. Sicher war er ihr in einer Liebesstunde im Bett des Glöckners aus dem Ohr gefallen. Da umarmte Amaro, vor Rührung ergriffen, den Onkel Esguelhas.
»Adieu, adieu, Escolástica! Behalten Sie mich in guter Erinnerung! Und Sie, Onkel Esguelhas, grüßen Sie den Matias von mir! … Adieu!«
Der Stallbursche schnallte den Mantelsack über das Pferd, und Amaro ritt davon, während ihm die Escolástica und der Onkel Esguelhas weinend nachblickten.
Als er den Mühlendamm passiert hatte, mußte er an einer Straßenbiegung absteigen, um einen Steigbügel in Ordnung zu bringen. Er wollte eben wieder aufsteigen; da erschienen, hinter einer Mauer hervorkommend, der Doktor Godinho, der Generalsekretär und der Herr Bezirksverwalter. Die drei waren jetzt dicke Freunde. Sie befanden sich, nachdem sie einen Spaziergang gemacht hatten, auf dem Heimweg nach der Stadt. Sogleich sprachen sie Pater Amaro an und gaben ihrer Verwunderung Ausdruck, ihn hier, mit dem Mantelsack auf der Kruppe des Pferdes, auf Reisen zu sehen …
»Es ist so«, sagte Amaro, »ich gehe nach Lissabon.«
Der ehemalige Bibi und der Bezirksverwalter beneideten ihn seufzend um sein Glück. Aber als der Pfarrer von seiner todkranken Schwester sprach, brachen sie in höfliche Beileidsbezeigungen aus. Und der Herr Bezirksverwalter sagte: »Ich kann mir denken, wie betrübt Sie sind … Und dann das andere Unglück im Hause Ihrer Freundinnen … Die arme kleine Amélia, die so plötzlich gestorben ist …«
Der ehemalige Bibi rief: »Was? Die kleine Amélia? Das hübsche Mädchen, das in der Rua da Misericórdia wohnte? Sie ist tot?«
Der Doktor Godinho wußte auch nichts davon und schien ganz verblüfft zu sein.
Der Bezirksverwalter hatte es schon durch sein Dienstmädchen erfahren, die es von der Dionísia wußte. Man sagte, ein Herzschlag sei die Todesursache gewesen.
»Nun, Herr Pfarrer«, rief Bibi, »entschuldigen Sie, wenn ich Ihren religiösen Gefühlen zu nahe trete, die ich übrigens teile … Aber Gott hat da ein wirkliches Verbrechen begangen … Uns das hübscheste Mädchen der Stadt zu entführen! Was für Augen, meine Herren! Und ihre nette, pikante Tugendhaftigkeit …«
Darauf drückten alle dem Pfarrer, der durch diesen Schicksalsschlag schwer betroffen sein müsse, ihr Beileid aus.
Amaro sagte sehr ernst: »Ich bin allerdings schwer betroffen … Ich habe sie gut gekannt … Und mit ihren vortrefflichen Eigenschaften wäre sie zweifellos eine vorbildliche Gattin geworden … Mein Schmerz ist groß …«
Er drückte allen der Reihe nach die Hand, und während die Herren heimwärts strebten, trabte Amaro auf der Landstraße nach der Station Chão de Maçã. Es begann schon zu dunkeln.
Um elf Uhr des folgenden Tages verließ der kleine Trauerzug, der Amélia das letzte Geleit gab, die Ricoça. Das Wetter war unfreundlich: Himmel und Erde verschwammen in grauem Nebel; dazu fiel ein ganz feiner, kalter Regen. Es war ein weiter Weg bis zum Kirchlein von Poiais. An der Spitze des Zuges patschte der Chorknabe mit langen, eiligen Schritten durch den Straßenschlamm. Ihm folgte der Pfarrer Ferrão in seiner schwarzen Stola und murmelte das Exultabunt Domino Exultabunt Domino – (lat.) Sie werden frohlocken im Herrn.. Der Sakristan, der in der rechten Hand den Weihwedel trug, hielt mit der linken den Schirm über seinen Vorgesetzten. Vier Tagelöhner der Ricoça schleppten auf einer Bahre den Holzkasten, in dem sich der bleierne Sarg befand. Sie neigten die Köpfe vornüber, um ihr Gesicht vor dem schräg herabfallenden Regen zu schützen. Unter dem riesigen Regenschirm des Hausverwalters hatte auch Gertrudes Platz gefunden, die, mit einer Kapuze überm Kopf, die Perlen ihres Rosenkranzes durch die Finger gleiten ließ. Neben der Landstraße lief muldenförmig das traurige, schweigende Tal von Poiais hin, in dem schmutzfarbene Nebel brauten. Der Pfarrer betete laut das Miserere, und seine dröhnende Stimme rollte über den Talkessel, in den zahllose wasserreiche Bächlein hinabgluckerten.
Bei den ersten Häusern des Dorfes schloß sich dem Zug schweigend ein junger Mann an, der mit aufgespanntem Regenschirm unter einem Baum gewartet hatte. Es war João Eduardo; er trug Trauerkleidung und schwarze Handschuhe. Tiefe Schatten lagen um seine Augen, die von dicken Tränen überflossen. Hinter ihm schritten zwei livrierte Diener; sie hatten die Hosen hochgekrempelt und trugen Fackeln in den Händen: zwei Lakaien des Majoratsherrn. Dieser wollte durch ihre Entsendung seine Teilnahme an dem Tod einer der Damen von der Ricoça bekunden, die ja mit dem Pfarrer befreundet waren.
Als der Chorknabe die beiden Lakaien sah, die der Prozession den Glanz des Adels verliehen, setzte er sich eifrig in Bewegung und hielt das Kreuz höher als zuvor. Auch die vier Träger waren nun ausgeruht und trugen hoch aufgerichtet die Bahre weiter, während der Sakristan mit furchtbarer Stimme ein Requiem brüllte. Der Trauerzug bewegte sich die steile Dorfstraße hinauf; unter den Türen standen Weiber, bekreuzigten sich und staunten die weißen Chorhemden und den mit goldenen Borten verzierten Sarg an, dem im traurigen Regen eine Gruppe aufgespannter Regenschirme folgte.
Die Kapelle war auf einer Anhöhe gelegen, inmitten eines von Eichen umsäumten Platzes. Die Glocke läutete, und unter den Tönen des Subvenite sancti Subvenite sancti – (lat.) Kommet zu Hilfe, ihr Heiligen., das der Sakristan heiser grölte, verschwand der Zug in der düsteren Kirche. Aber die beiden livrierten Diener gingen nicht mit hinein, weil dies der Majoratsherr so angeordnet hatte.
Sie blieben mit geöffneten Schirmen vor der Tür stehen und lauschten, während sie frierend von einem Bein auf das andre traten. Drinnen erhob sich Choralgesang; dann hörte man das Lispeln von Gebeten, das nach und nach erstarb; und plötzlich hallte die Kirche von der lateinischen Totenmesse des stimmgewaltigen Pfarrers wider.
Die beiden Lakaien langweilten sich und gingen in das nahe gelegene Wirtshaus des Onkels Serafim. Zwei Viehhüter des Majoratsherrn, die schweigend ihr Gläschen tranken, erhoben sich, als sie die herrschaftlichen Diener kommen sahen.
»Bleibt nur sitzen, Jungens, und trinkt weiter«, sagte der kleine Alte, der João Eduardo auf seinen Ritten zu begleiten pflegte. »Wir müssen dieses langweilige Begräbnis mitmachen … Ah, guten Tag, Senhor Serafim!«
Sie drückten dem Wirt, der ihnen zwei Schnäpse einschenkte, die Hand, und dieser fragte, ob die Verstorbene die Braut des Senhor João Eduardo gewesen sei. Er habe gehört, ein Herzschlag habe ihrem Leben ein Ende gemacht.
Der alte Diener lachte: »Herzschlag, haha! Herzschlag ist gut! Nein, ihr Herz hatte damit nichts zu tun, wohl aber ihr Bauch: Sie hat einen kleinen Jungen gekriegt …«
»Vom Senhor João Eduardo?« fragte Serafim und riß seine frechen Augen auf.
»Das glaube ich nicht«, sagte der andere wichtig. »Der Senhor João Eduardo war ja in Lissabon … Irgendein feiner Stadtherr wird's gewesen sein … Wissen Sie, wen ich im Verdacht habe, Senhor Serafim?«
Aber da platzte Gertrudes herein und schrie atemlos, daß der Trauerzug sich schon nach dem Friedhof bewege, nur »die beiden Herren« fehlten noch! Sofort brachen diese auf und erreichten die Prozession, als sie unter den Klängen des Miserere durch die kleine Friedhofstür zog. João Eduardo, der jetzt eine Kerze in der Hand trug, ging unmittelbar hinter dem Sarg Amélias, so daß er ihn beinahe berührte. Mit tränenumflorten Augen starrte er auf die schwarze Samtdecke, die über die Bahre gebreitet war. Unablässig klagte die Totenglocke des Kirchleins; der Regen hatte etwas nachgelassen. Der letzte Vers des Miserere war verklungen. Schweigend gingen die Leute durch die unheimliche Stille des Gottesackers; das Geräusch der Schritte erstickte im weichen Erdboden. Da war man in der Ecke angelangt, wo das frische Grab schwarz und tief aus dem feuchten Rasen gähnte. Der Chorknabe stieß den Schaft des silbernen Kreuzes in das Erdreich, und der Pfarrer Ferrão, der bis an den Rand des dunklen Loches trat, murmelte das Deus cujus miseratione Deus cujus miseratione ... – (lat.) O Gott, durch dessen Erbarmung ... Anfang eines Gebets für Verstorbene. … Da schwankte plötzlich João Eduardo, der totenbleich geworden war, und sein Schirm fiel ihm aus der Hand. Einer der Lakaien sprang hinzu; er umschlang seine Hüfte und wollte ihn vom Grab wegziehen. Aber João Eduardo widerstrebte mit aller Gewalt. Mit zusammengebissenen Zähnen klammerte er sich verzweifelt an den Ärmel des Dieners, als er sah, wie der Totengräber und seine beiden Gehilfen den auf Seilen ruhenden Sarg über die Grube hoben … Langsam glitt er hinab; die schlecht genagelten Bretter knarrten, und Erdbrocken fielen polternd darauf.
»Requiem aeternam dona ei, Domine Requiem aeternam dona ei, Domine! – (lat.) Herr, gib ihr die ewige Ruhe!!«
»Et lux perpetua luceat ei Et lux perpetua luceat ei – (lat.) Und das Ewige Licht leuchte ihr.«, heulte der Sakristan.
Ein dumpfes Aufschlagen: der Sarg war unten angelangt. Der Pfarrer machte das Zeichen des Kreuzes und ließ eine Handvoll Erde ins Grab rinnen. Dann nahm er den Weihwedel und schüttelte ihn langsam über dem samtenen Bahrtuch; auch die Erde und den Rasen um sich herum besprengte er mit geweihtem Wasser.
»Requiescat in pace Requiescat in pace! – (lat.) Sie möge ruhen in Frieden!!«
»Amen!« antwortete der Sakristan mit hohler, der Chorknabe mit schriller Stimme.
»Amen!« flüsterten die anderen, und das Flüstern verlor sich in den Zypressen, im Gras, zwischen den Gräbern und in den kalten Nebeln dieses traurigen Dezembertages …