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Es war am Ostersonntag, als in Leiria bekannt wurde, daß José Miguéis, der Pfarrer der Kathedrale, am frühen Morgen einem Schlagfluß erlegen sei. Er war ein vollblütiger, wohlbeleibter Mann gewesen und hatte bei den Geistlichen seines Sprengels für einen Erzvielfraß gegolten. Man erzählte sich sonderbare Geschichten über seine Gefräßigkeit. Der Apotheker Carlos, der ihn verabscheute, pflegte, wenn der Pfarrer nach dem Mittagsschläfchen vollgestopft und mit hochrotem Gesicht ausging, zu sagen: »Jetzt geht die Riesenschlange verdauen. Eines Tages wird sie platzen!«
Nun war sie wirklich geplatzt … Am vorhergehenden Abend, nach einer reichlichen Fischmahlzeit, war der Pfarrer gestorben, während gegenüber, in der Wohnung des Doktors Godinho, der Geburtstag des Hausherrn mit lärmendem Polkatanz gefeiert wurde. Niemand trug Trauer um ihn, und nur wenig Volk wohnte seiner Beerdigung bei. Durch sein bäurisches Wesen hatte er sich allgemein mißliebig gemacht. Nicht nur seine Manieren, auch seine Fäuste, seine rauhe Stimme, seine langen, ungepflegten Haare und seine rohen Worte waren die eines Tagelöhners gewesen.
Niemals waren ihm die Herzen der frommen Weiblichkeit zugeflogen: er rülpste im Beichtstuhl; und da er früher immer auf dem Lande und im Gebirge gewirkt hatte, fehlte ihm jegliches Verständnis für verfeinertes religiöses Gefühl. So hatte er gleich von Anfang an fast alle weiblichen Beichtkinder verloren, die viel lieber zu dem höflichen, sanftberedten Pater Gusmão gingen.
Und wenn ihm die wenigen treugebliebenen Betschwestern mit Gewissenszweifeln oder Visionen kamen, wurde er ärgerlich und knurrte: »Unsinn, kleine Heilige! Bitten Sie Gott um Verstand! Mehr Gehirn in den Schädel!«
Am meisten empörte ihn übertriebenes Fasten. »Immer tüchtig essen, tüchtig trinken!« pflegte er zu schreien. »Immer tüchtig essen und trinken, Menschenskind!«
Seiner politischen Gesinnung nach war er Miguelist Miguelist – Anhänger des Dom Maria Evaristo Miguel (1802 bis 1866), des Sohns König Johanns VI. von Portugal, der an der Spitze der klerikalabsolutistischen Opposition schonungslos die Liberalen verfolgte., und die liberalen Parteien, ihre Meinungen und Zeitungen erfüllten ihn mit unsinniger Wut.
»Prügel verdienen sie, Prügel!« rief er, indem er mit seinem gewaltigen roten Sonnenschirm herumfuchtelte.
In den letzten Jahren war er fast gänzlich zum einsamen Stubenhocker geworden; nur eine alte Haushälterin und sein Hund Joli leisteten ihm Gesellschaft. Ein einziger Freund hielt noch zu ihm: der Chorherr Valadares. Dieser vertrat damals den Bischof Dom Joaquim, der seit zwei Jahren, vom Rheuma geplagt, in einem Landhaus in der Provinz Minho wohnte.
Der Pfarrer hatte gewaltigen Respekt vor dem Chorherrn, einem hageren, kurzsichtigen Mann mit großer Nase. Valadares war ein Bewunderer Ovids, sprach immer mit säuerlich verzogenen Lippen und liebte es, mythologische Anspielungen in seine Reden zu flechten.
Er schätzte den Pfarrer und nannte ihn »Frater Herkules« – »Herkules« wegen seiner Stärke und »Frater« wegen seiner Gefräßigkeit, wie er lächelnd erklärte.
Bei der Beerdigung weihte er selbst das Grab des Freundes, und da er ihm alle Tage Schnupftabak aus seiner goldenen Dose anbot, sagte er leise zu den anderen Domherren, als er, dem Ritus gemäß, die erste Handvoll Erde auf den Sarg warf: »Das ist die letzte Prise, die ich ihm gebe!«
Das ganze Domkapitel lachte herzlich über diesen Witz des stellvertretenden Bischofs; der Kanonikus Campos erzählte ihn beim Abendtee im Hause des Abgeordneten Novais und löste damit Heiterkeit aus. Alle priesen den Geist des Chorherrn und erkannten bewundernd an, daß Seine Exzellenz ein Spaßvogel ersten Ranges sei.
Einige Tage nach dem Begräbnis sah man Joli, den Hund des Pfarrers, auf dem Marktplatz umherirren. Die Haushälterin war mit Wechselfieber ins Krankenhaus eingeliefert und die Wohnung des verstorbenen Pfarrers infolgedessen geschlossen worden. Nun heulte der verlassene Köter hungernd vor fremden Türen. Es war ein kleiner, ungebührlich fetter Spitz, der in gewisser Beziehung an den Pfarrer erinnerte. Da er an Soutanen gewöhnt war und sich nach einem neuen Herrn sehnte, heftete er sich winselnd jedem in den Straßen auftauchenden Geistlichen an die Fersen. Aber niemand wollte etwas von dem unglücklichen Joli wissen; alle jagten ihn mit der Schirmspitze fort, und der Hund jammerte die ganze Nacht wie ein verschmähter Liebhaber in den Gassen. Eines Morgens fand man ihn tot vor dem Armenhaus auf. Ein Düngerwagen trug ihn davon, und da nun niemand mehr den Spitz auf dem Marktplatz sah, wurde auch der Pfarrer José Miguéis endgültig vergessen.
Zwei Monate darauf hörte man in Leiria, daß ein neuer Pfarrer ernannt worden sei. Es wurde erzählt, daß es sich um einen sehr jungen Mann handle, der kaum das Seminar verlassen habe: einen gewissen Amaro Vieira. Man schrieb seine Wahl politischen Einflüssen zu, und die oppositionell gerichtete Zeitung von Leiria, die »Stimme des Distrikts«, erging sich in bitteren Kommentaren. Sie sprach von Golgatha, von Hofgunst und klerikaler Reaktion. Einige Geistliche regten sich sehr über diesen Artikel auf und sprachen vor dem Chorherrn mit scharfen Worten darüber.
»Nein, nein«, sagte dieser, »hier ist wirklich Begünstigung im Spiele, der Mann hat gute Freunde da oben. Um meine Zustimmung zu erlangen, hat niemand anders als Brito Correia an mich geschrieben.« (Brito Correia war damals Justizminister.) »Er erwähnt sogar in seinem Brief, daß der Pfarrer ein hübscher Bursche sei. So werden wir also«, fügte er befriedigt lächelnd hinzu, »nach einem Frater Herkules einen Frater Apollo bekommen.«
In Leiria gab es nur eine Person, die den neuen Pfarrer kannte. Das war der Kanonikus Dias, der während der ersten Seminarjahre Vieiras dessen Morallehrer gewesen war. »Damals«, sagte der Kanonikus, »war der Pfarrer ein schmächtiges, verschüchtertes Kerlchen voller Blüten und Pickel … Wie werde ich ihn wiedersehen? Wahrscheinlich mit sehr schäbiger Soutane und einem Gesicht, das auf Spulwürmer schließen läßt! Sonst aber ein guter Junge und … sehr gerissen …«
Der Kanonikus Dias war eine stadtbekannte Figur in Leiria. In letzter Zeit hatte er beträchtlich an Leibesumfang zugenommen; ein stattlicher Bauch wölbte sich unter seinem priesterlichen Gewand. Mit seinem kleinen Graukopf, den blauen Säcken unter den Augen und den fleischigen Lippen erinnerte er an jene lasziven, gefräßigen Mönche, von denen alte Anekdoten so gern erzählen.
Der altväterische, dabei aber sehr liberal gesinnte Papa Patricio, der ein Geschäft am Markt besaß und beim Anblick eines jeden Paters wie eine alte Bulldogge knurrte, hatte eine besondere Wut auf den Kanonikus Dias. Wenn er diesen ewig verdauenden Genießer, schwerfällig auf seinen Regenschirm gestützt, über den Marktplatz watscheln sah, sagte er zuweilen: »Dieser Schuft! Sieht er nicht aus wie der leibhaftige Johann VI. Johann VI. – (1769-1826), König von Portugal von 1816 bis 1826.?«
Der Kanonikus lebte allein mit seiner alten Schwester Dona Josefa Dias und einer in ganz Leiria wohlbekannten Magd. In ein großes schwarzes Umhängetuch gehüllt, schlurfte sie in ihren Filzpantoffeln den ganzen Tag durch die Straßen. Ihr Brotherr galt für reich; er besaß bei Leiria Liegenschaften, die er verpachtete, und veranstaltete des öfteren Truthahnschmäuse; sein »Herzogswein« von 1815 stand bei Kennern in großem Ansehen. Was aber seinem Leben eine besondere Note verlieh und zu mancherlei Gerede Veranlassung gab, war seine alte Freundschaft zu Dona Augusta Caminha, die man die Joaneira nannte, weil sie aus São João da Foz stammte.
Die Joaneira wohnte in der Rua da Misericórdia und vermietete Zimmer. Sie hatte eine Tochter namens Amélia, ein dreiundzwanzigjähriges hübsches und kräftiges Mädchen, dem es an Bewerbern nicht fehlte.
Der Kanonikus Dias sprach mit großer Befriedigung über die Wahl Amaro Vieiras. Beim Apotheker Carlos auf dem Marktplatz und in der Sakristei der Kathedrale rühmte er seine erfolgreichen Seminarstudien, sein kluges Benehmen und seinen bescheidenen Gehorsam. »Und eine Stimme hat er«, fügte er begeistert hinzu, »eine Stimme! Einfach berückend! Für gefühlvolle Predigten in der Karwoche wie geschaffen!«
Mit großem Nachdruck prophezeite er ihm eine glückliche Zukunft. Eine Domherrnstelle, meinte er, sei ihm sicher, wenn nicht gar der Glanz der Bischofswürde!
Eines Tages zeigte er mit Genugtuung dem Koadjutor der Kathedrale, einem kriechenden, lauernden Geschöpf, einen Brief, den er aus Lissabon von Amaro Vieira erhalten hatte.
Dies geschah an einem Augustnachmittag, als beide in der Richtung nach der Neuen Brücke spazierten. Damals war man gerade dabei, die Estrada da Figueira zu bauen. Der alte Holzsteg über das Flüßchen Lis war abgebrochen worden, und man benutzte schon die vielgerühmte Neue Brücke mit ihren beiden breiten wuchtigen Steinbogen. Jenseits der Brücke ruhten die Arbeiten, weil einige Fragen betreffs Landenteignung noch nicht gelöst waren. Noch sah man dort den schlammigen Weg des Kirchspiels Marrazes, der ausgebaut und der neuen Landstraße einverleibt werden sollte. Eine Schicht groben Schotters bedeckte den Boden, und schwere Straßenwalzen, die ihn festdrücken sollten, standen daneben, tief in die schwarze, regenfeuchte Erde gesunken.
Um die Brücke herum dehnt sich die breite, ruhige Landschaft. Dort, wo der Fluß herkommt, erheben sich sanftgewölbte Hügel, die mit jungem, dunkelgrünem Tannicht bewachsen sind. Am Fuße der Hügelkette liegen von dichten Baumgruppen umgebene Meierhöfe, die dem melancholischen Gelände einen etwas lebhafteren, menschlicheren Charakter verleihen. Denn hell und freundlich leuchten ihre weißgetünchten Mauern in der Sonne, und bläuliche Rauchwolken entsteigen am Nachmittag den Schornsteinen, um in der immer klaren, reinen Luft zu zerfließen. Nach dem Meer zu, dem der Fluß in dem niedrigen Gelände zwischen zwei Reihen bleicher Weidenbüsche zueilt, breitet sich bis zu den ersten Sanddünen die Ebene von Leiria aus, ein weites, fruchtbares Gefilde, in Licht gebadet und von einem Netz wasserreicher Flußläufe durchwirkt. Von der Brücke aus sieht man nicht viel von der Stadt; nur eine Ecke der massigen, jesuitischen Architektur der Kathedrale, ein Zipfel der von Unkraut überwucherten Friedhofsmauer und dahinter die schwarzen Spitzen der Zypressen bieten sich dem Auge dar. Der Rest versteckt sich hinter dem trotzigen Berg, aus dessen üppig emporschießender Vegetation die düsteren Burgmauern ragen, die von großer, stolzer Vergangenheit erzählen und um die am Abend in Scharen die Fledermäuse flattern.
Über die Brücke führte ein abschüssiger Weg zu der Pappelallee hinab, die sich teilweise längs des Flusses hinzieht. Man nennt sie die »Alte Allee«, denn sie wird von uralten Bäumen gebildet. Hier ergingen sich, leise miteinander plaudernd, der Kanonikus und der Koadjutor. Die Unterhaltung drehte sich um den Brief Amaro Vieiras. Das Schreiben hatte den ersteren auf eine Idee gebracht, die er ausgezeichnet fand – wirklich ausgezeichnet! Amaro ersuchte ihn nämlich dringend, ihm eine Mietswohnung zu besorgen: billig, in guter Lage und möglichst auch möbliert. Besonderes Gewicht legte er darauf, in einer ehrbaren Pension unterzukommen. »Sie sehen ein, mein hochverehrter Lehrer«, schrieb Amaro, »daß nur eine solche für mich in Frage kommt. Selbstverständlich will ich keinen Luxus; ein Wohn- und ein Schlafzimmer ist alles, was ich brauche. Die Hauptsache ist, daß das Haus respektabel, ruhig und zentral gelegen ist. Ferner liegt mir daran, daß die Wirtin einen guten Charakter besitzt und meinen Geldbeutel nicht allzusehr schröpft. Ich überlasse die Wahl ganz Ihrer Klugheit und Umsicht und danke Ihnen im voraus ergebenst für Ihre freundlichen Bemühungen. Wesentlich erscheint mir besonders, daß die Wirtin verträglich ist und keine böse Zunge hat.«
»Nun, Freund Mendes, meine Idee ist folgende: Wir stecken ihn in das Haus der Joaneira!« schloß der Kanonikus mit selbstzufriedenem Schmunzeln. »Famose Idee, was?«
»Eine prächtige Idee!« pflichtete der Koadjutor in seiner servilen Art bei.
»Ich denke an das Zimmer im Erdgeschoß mit der anstoßenden Kammer, der dritte Raum könnte als Arbeitszimmer dienen. Alles ist da: schönes Mobiliar, gute Wäsche …«
»Herrliche Wäsche!« lobte der Koadjutor.
Der Kanonikus fuhr fort: »Es bedeutet für die Joaneira ein hübsches Geschäft. Für Zimmer, Wäsche, Essen und Bedienung kann sie gut und gerne sechs Tostões pro Tag berechnen. Und dann hat sie immer den Pfarrer im Hause.«
»Aber da ist die kleine Amelia …«, warf der Koadjutor schüchtern ein. »Hm … Möglich, daß man Anstoß daran nimmt. Ein junges Mädchen … Und Sie sagen, daß der Pfarrer auch noch jung ist … Hm! Sie wissen ja, wie böse die Zungen der Menschen sind.«
Der Kanonikus war stehengeblieben.
»Ach, hören Sie auf! Lebt etwa Pater Joaquim nicht auch mit dem Patenkind seiner Mutter unter einem Dach? Und der Domherr Pedroso? Wohnt er nicht mit seiner Schwägerin und deren Schwester, einem neunzehnjährigen Mädchen, zusammen?«
»Ich meinte nur …«, begütigte der Koadjutor.
»Ach was! Ich kann nichts dabei finden. Die Joaneira vermietet eben ihre Zimmer. Wenn sie nun ein Gasthaus hätte? Und hat der Generalsekretär nicht auch ein paar Monate bei ihr gewohnt?«
»Aber ein Geistlicher …«, gab der andere zu bedenken.
»Gerade dieser Umstand«, rief der Kanonikus, »ist eine Garantie mehr, daß nichts passiert, lieber Mendes!« Er blieb wieder stehen und sagte vertraulich: »Und auch mir käme die Sache sehr gelegen, Freund Mendes, mir ganz persönlich.«
Es gab ein kleines Schweigen. Dann sagte der Koadjutor leise: »Gewiß, Sie tun der Joaneira viel Gutes …«
»Ich tue, was ich kann, lieber Freund, ich tue, was ich kann«, entgegnete der Domherr. Und mit gerührter Stimme und einem väterlichen, gütigen Lächeln fuhr er fort: »Sie verdient's ja auch, die gute, liebe Seele!« Er blieb mit leuchtenden Augen stehen. »Sehen Sie, mein Freund: Wenn ich nur einen Tag nicht Punkt neun Uhr morgens bei ihr erscheine, ist sie ganz aufgelöst vor Kummer. Dann muß ich sie beruhigen und ihr sagen, daß sie sich ohne Grund härmt. Die Sache ist nämlich die: Im vergangenen Jahr packte mich einmal die Kolik. Sie glauben nicht, wie sie das mitnahm; sie magerte förmlich ab, Mendes! Und seit dieser Zeit gibt es nichts, was sie nicht mir zuliebe täte! Wer bekommt immer das beste Stück, wenn sie ein Schwein schlachtet? Ich, der heilige Vater … Sie wissen doch, daß sie mich so nennt?«
So schwärmte er in alberner Selbstgefälligkeit, und strahlend fügte er hinzu: »Ach, Mendes, sie ist ein herrliches Weib!«
»Und ein schönes Weib!« ergänzte der Koadjutor voller Bewunderung.
»So ist es!« rief der Kanonikus und blieb wieder stehen. »So ist es! Und wie frisch und wohlerhalten, obwohl sie kein Kind mehr ist! Aber da gibt es kein weißes Haar, nicht ein einziges weißes Härchen! Und dann die Hautfarbe!« Ein lüsternes Lächeln umspielte seine Lippen, als er leiser fortfuhr: »Und hier, Mendes, und hier!« Dabei ließ er seine fleischige Hand langsam über die Brust gleiten. »Herrlich! Prächtig! Und wie sauber das Weib ist, wie peinlich sauber! Und ihre kleinen Aufmerksamkeiten! Da vergeht kein Tag, an dem sie mir nicht ein Geschenk sendet: eine Büchse Gelee, einen Teller süßen Milchreis, eine saftige Blutwurst! Gestern schickte sie mir eine Apfeltorte. Die hätten Sie bloß sehen müssen, Mendes! Die Äpfel zart wie Sahne! Sogar meine Schwester Josefa staunte und sagte: ›Die Äpfel sind so köstlich, als wären sie in Weihwasser gekocht!‹« Und indem er die Hand aufs Herz legte, seufzte er: »Ja, Mendes, das sind Dinge, die einem an die Seele gehen! Es gibt kein zweites Weib wie sie, nein, kein zweites!«
Mit stillem, verbissenem Neid hörte der Koadjutor zu.
»Ich weiß wohl«, sagte der Kanonikus langsam, indem er wieder stehenblieb und jedes Wort betonte, »ich weiß wohl, daß man hier darüber murmelt und raunt … Aber alles ist gemeine Verleumdung! Wahr ist nur, daß ich sehr an den Leuten hänge. Das tat ich schon zu Lebzeiten des Mannes. Sie wissen das sehr gut, Mendes.«
Der Koadjutor nickte zustimmend.
»Die Joaneira ist eine anständige Frau, ja, das ist sie, Mendes!« schrie der Kanonikus und stieß mit der Schirmspitze heftig auf den Boden.
»Gar giftig sind die Zungen der Leute, Herr Kanonikus«, sagte der Koadjutor mit weinerlicher Stimme. Nach einer Pause fügte er leise hinzu: »Aber die Sache muß Sie viel Geld kosten!«
»Das stimmt allerdings, lieber Freund! Bedenken Sie, daß die arme Frau seit der Abreise des Generalsekretärs das Haus leerstehen hat. Da habe ich natürlich einspringen müssen, Mendes!«
»Ich dachte, sie hätte ein Gütchen«, warf der Koadjutor hin.
»Einen Zipfel Land, mein lieber Herr, einen winzigen Zipfel! Und dann die Abgaben, die Arbeitslöhne! Darum sage ich eben, der Pfarrer bedeutet für die Frau einen Schatz! Mit den sechs Tostões Tostão – Alte portugiesische Silbermünze., die er ihr täglich gibt, mit dem, was ich zusteuere, und mit dem bißchen, was sie aus dem Gemüse des Gütchens herausschlägt, kann sie schon auskommen. Und ich werde beträchtlich entlastet, Mendes!«
»Ja, beträchtlich entlastet, Herr Kanonikus!« wiederholte der Koadjutor.
Darauf schwiegen sie beide. Der Tag ging zur Neige, klar und heiter; blaßblau wölbte sich der hohe Himmel; kein Lüftchen war zu spüren. In jener Jahreszeit führte der Fluß nur wenig Wasser; darum sah man in ihm stellenweise trockene Sandinseln schimmern; und das niedrige, gekräuselte Wasser plätscherte mit sanftem Murmeln über die Kiesel dahin.
Zwei von einem kleinen Mädchen gehütete Kühe tauchten soeben auf dem schlammigen Weg auf, der auf der andern Seite des Flusses, parallel zur Pappelallee, an einem Gebüsch hinläuft. Die Tiere traten langsam in den Fluß, streckten die vom Joch zerschundenen Hälse aus und tranken geräuschlos ein paar Schlucke. Zuweilen hoben sie die schweren Häupter und blickten mit der stumpfen Ruhe gesättigter Kreaturen in die Runde, während lange, glänzende Geiferfäden aus ihren Mäulern troffen. Je tiefer die Sonne sank, desto mehr verlor das Wasser seine kristallene Klarheit und desto länger wurden die Schatten der Brückenbogen. Die Hügel in der Ferne hüllten sich in weiche Dämmerschatten, und die blut- und orangefarbenen Wolken, die heißes Wetter ankündigten, bildeten in der Richtung nach dem Meer zu einen prächtigen Hintergrund der Landschaft.
»Ein schöner Abend!« meinte der Koadjutor.
Der Kanonikus gähnte und machte dabei das Zeichen des Kreuzes über dem Mund.
»Wir gehen doch zum Ave-Maria, nicht?«
Als sie kurz darauf die Treppen zur Kathedrale emporstiegen, blieb der Kanonikus stehen und sagte, indem er sich dem Koadjutor zuwandte: »Es ist also entschieden, Freund Mendes: ich bringe den Amaro in das Haus der Joaneira! Das ist ein Glück für alle!«
»Ein großes Glück!« sagte der Koadjutor respektvoll. »Ein großes Glück!«
Sie bekreuzigten sich und traten in die Kirche ein.