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II.

Eine Woche später erfuhr man in Leiria, daß der neue Pfarrer mit dem Omnibus, der die Abendpost aus Chão de Maçãs mitbringt, eintreffen werde; und von sechs Uhr ab gingen der Kanonikus Dias und der Koadjutor auf dem Brunnenplatz auf und ab, um Amaro bei seiner Ankunft in Empfang nehmen zu können.

Es war in den letzten Augusttagen. Auf der langen makadamisierten Allee, die zwischen zwei Reihen alter Erlen am Fluß hinläuft, sah man Damen in hellen Kleidern lustwandeln. In der Gegend des »Bogens«, einer Zeile armseliger Hütten, saßen alte Mütterchen spinnend unter den Haustüren; halbnackte, schmutzige Kinder mit gedunsenen Leibern spielten auf der Straße; Hühner jagten zwischen ihnen herum und pickten gierig allerlei liegengebliebenen Unrat auf. Am steinernen Ziehbrunnen, auf dessen Rand zahlreiche Krüge in gefährlichen Stellungen standen, herrschte geräuschvolles Leben. Dienstmädchen keiften miteinander, und Soldaten mit schmutzigen Stalljacken und schiefgetretenen Absätzen spielten die verliebten Schwerenöter, indem sie kokett ihre Reitgerten kreisen ließen. Manche der Mädchen hatten ihre bauchigen Gefäße schon gefüllt und gingen nun, sich in den Hüften wiegend, paarweise davon. Sie trugen die Krüge frei auf dem Kopf, den sie durch weiche, ringförmige Polster gegen den harten Druck der Last schützten. Zwei müßige Offiziere in aufgeknöpften Uniformröcken lungerten plaudernd herum; sie waren nur hier, um zu sehen, wer ankäme. Die Postkutsche hatte Verspätung. Als die Dämmerung hereinbrach, sah man in der Nische des steinernen Heiligen am »Bogen« ein Lämpchen leuchten, und gegenüber erhellten sich, eins nach dem andern, die Fenster des Hospitals, doch drang durch sie nur ein kümmerlicher, trübseliger Lichtschein.

Es war schon Nacht, als die Laternen des erwarteten Vehikels, das von zwei ausgemergelten Schimmeln gezogen wurde, auf der Brücke auftauchten. Bald standen die abgetriebenen Gäule vor der hinter dem Brunnen gelegenen »Herberge zum Kreuz« still. Gleich darauf stürzte der Verkäufer des Onkels Patrício mit einem großen Bündel der »Volkszeitung« in Richtung des Marktplatzes davon. Die schwarze Pfeife im Mundwinkel, spannte Gevatter Baptista, der Wirt, unter leisem Fluchen die Pferde aus, während ein Mann vom Sitz neben dem Kutscher vorsichtig herabkletterte, wobei er sich an dem eisernen Geländer des Bocks festhielt. Er hatte einen hohen Hut auf und war in einen langen Mantel gehüllt, wie ihn die Geistlichen zu tragen pflegen. Unten angelangt, blickte er sich suchend um und stampfte auf den Boden, um seine eingeschlafenen Füße wieder zu beleben.

»Hallo, Amaro!« schrie der Kanonikus, der inzwischen näher getreten war. »Da ist er ja, der Spitzbube!«

»Ah, mein lieber Meister!« rief erfreut der andere. Und sie umarmten sich, während sich der Koadjutor entblößten Hauptes verneigte.

Bald darauf sahen die Leute, die sich noch in den Läden aufhielten, drei Gestalten den Marktplatz überqueren. Zwischen der behäbigen Korpulenz des Kanonikus Dias und dem hageren Koadjutor schritt, ein wenig vornübergeneigt, ein Mann im weiten Priesterrock. Das war also der neue Pfarrer, und man meinte in der Apotheke, er mache keinen üblen Eindruck. Der João Bicha trug einen Koffer und einen Reisesack vor dem Kleeblatt her, und da er, wie immer um diese Stunde, betrunken war, murmelte er allerhand frommes Zeug vor sich hin.

Es ging auf neun Uhr; die Nacht war hereingebrochen. Die Häuser um den Marktplatz schienen schon zu schlafen; nur aus den Läden unter den Laubengängen drang noch der karge Lichtschein der Petroleumlampen; drinnen sah man einige schläfrige Spießbürger, die um den Ladentisch standen und noch ein wenig plauderten. Die auf den Marktplatz mündenden krummen Straßen, die nur kümmerlich durch kleine Laternen erhellt waren, lagen wie ausgestorben da. Und durch die schweigende Nacht sang müde das Abendglöcklein.

Der Kanonikus Dias berichtete umständlich, was er alles für den Ankömmling getan hatte. Er habe ihm, so erklärte er, kein ganzes Haus besorgt, denn dafür hätte er Möbel kaufen und eine Dienstperson dingen müssen – eine sehr kostspielige Sache! Es sei ihm weit vorteilhafter erschienen, ein paar Räume in einer ehrbaren, gemütlichen Pension zu mieten, und zwar bei der Joaneira, bei welcher der Pfarrer – der Koadjutor könne das bestätigen – in geradezu idealer Weise aufgehoben sein würde. Die Wohnung sei sehr sauber, die Luft gut; auch liege die Küche so, daß aus ihr keine störenden Gerüche in seine Zimmer dringen könnten. Der Generalsekretär und der Studieninspektor hätten auch dort gewohnt, und die Joaneira, die übrigens seinem Freund Mendes wohlbekannt sei, genieße einen ausgezeichneten Ruf als gottesfürchtige, rechtschaffene, sparsame und liebenswürdige Frau …

»Sie werden sich dort wie zu Hause fühlen! Zur Mahlzeit einen Gang Fleisch, ein Zwischengericht, Kaffee …«

»Und wie steht es mit dem Preis, verehrter Meister?« unterbrach ihn der Pfarrer.

»Sechs Tostões. Verteufelt billig! Sie haben ein Wohnzimmer, eine Kammer …«

»Eine wunderschöne Kammer!« ergänzte respektvoll der Koadjutor.

»Weit von der Kathedrale?« fragte Amaro.

»Nur zwei Schritte. Sie können in Hausschuhen zur Messe gehen.«

»Es ist ein Mädchen im Hause«, fuhr der Kanonikus Dias in seiner langsamen Art fort, »die Tochter der Joaneira. Sie ist dreiundzwanzig Jahre alt. Hübsch. Ein bißchen eigensinnig, aber von gutem Charakter … Hier ist Ihre Straße.«

Die Straße, die aus niedrigen, ärmlichen Häusern bestand, war eng und wurde von den hohen Mauern des alten Armenhauses förmlich erdrückt. Eine Laterne verbreitete im Hintergrund ihr düsteres Licht.

»Hier haben Sie Ihren Palast!« sagte der Domherr, indem er den Türklopfer einer schmalen Pforte in Bewegung setzte.

Im ersten Stockwerk ragten zwei altertümlich wirkende eiserne Balkone hervor, deren Ecken hölzerne Kästen mit Rosmarinsträuchern ausfüllten. Die darüberliegenden kleinen Fenster waren mit Brustlehnen versehen, und die Mauern machten mit ihren vielen Unebenheiten den Eindruck zerbeulten Blechs.

Die Joaneira stand oben auf der Vortreppe zum Empfang bereit; eine verwachsene, sommersprossige Dienstmagd leuchtete mit einer Petroleumlampe, und die Gestalt der Hausherrin hob sich scharf von der hellen Mauer ab. Die Frau war groß, von weißer Gesichtsfarbe und wirkte in ihrer rundlichen Fülle äußerst behäbig. Die Haut um ihre schwarzen Augen war schon von Krähenfüßen zerfurcht, und in ihrem widerspenstigen, bedenklich dünnen Haar stak ein roter Kamm. Sonst aber machte sie mit ihren drallen Armen, dem üppigen Busen und der sauberen, ordentlichen Kleidung noch einen recht stattlichen Eindruck.

»Hier bringe ich Ihren neuen Pflegling«, sagte der Kanonikus beim Hinaufsteigen.

»Es ist mir eine große Ehre, den Herrn Pfarrer bei mir aufzunehmen, eine sehr große Ehre! Sie müssen sehr müde sein – natürlich! – Bitte, folgen Sie mir! Hier, bitte! – Vorsicht, da ist eine kleine Stufe!«

Sie führte ihn in eine kleine, gelbgetünchte Stube, in der ein großes Rohrsofa hinter einem mit grünem Tuch überzogenen Tisch stand.

»Dies ist Ihr Wohnzimmer, Herr Pfarrer«, erklärte die Joaneira. »Hier können Sie sich erholen und Besuche empfangen … Und hier«, fügte sie hinzu, indem sie eine Tür öffnete, »ist Ihr Schlafzimmer. Da steht Ihre Kommode, dort Ihr Kleiderschrank …« Sie zog einige Schubkästen heraus und fuhr mit der Hand über das Bett, dessen schwellende Matratze sie lobte. »Da ist die Klingel, falls Sie etwas wünschen … Die Komodenschlüssel hängen hier … Wenn Sie das Kopfkissen etwas höher wollen … Ich habe nur eine Bettdecke hergelegt, aber wenn Sie lieber …«

»Es ist gut, alles ist wunderschön«, sagte der Pfarrer mit seiner leisen, weichen Stimme.

»Sie brauchen nur Ihre Wünsche zu äußern; alles, was da ist, stelle ich gern zu Ihrer Verfügung.«

»Ach, Sie liebes Menschenkind«, unterbrach sie der Domherr gut gelaunt, »was er im Augenblick wünscht, ist ein Abendbrot!«

»Ist auch schon fertig. Seit sechs Uhr steht die Hühnersuppe auf dem Herd …«

Damit ging sie hinaus, um die Magd zur Eile anzutreiben. Gleich darauf hörte man sie auf der Treppe rufen: »Schnell, Ruça! Rühr dich, rühr dich!«

Der Kanonikus ließ sich schwer auf das Kanapee fallen, nahm eine Prise und sagte: »Mehr können Sie nicht verlangen, mein Lieber! Habe ich's getroffen?«

»Sehr gut! Alles vortrefflich, lieber Meister!« erwiderte der Pfarrer, indem er in seine Filzschuhe schlüpfte. »Wenn ich an das Seminar denke! Und an Feirão! Dort regnete es mir ins Bett.«

Vom Marktplatz her ertönte Hörnerklang.

»Was ist denn das?« fragte Amaro und ging zum Fenster.

»Um halb zehn wird der Zapfenstreich geblasen.«

Amaro öffnete das Fenster. Am Ende der Gasse flackerte eine halberloschene Straßenlaterne. Es war eine finstre Nacht, und über der Stadt lastete es wie dumpfe Kirchenstille.

Nach dem Zapfenstreich setzte langsamer Trommelwirbel ein und entfernte sich zur Kaserne hin. Unter dem Fenster rannte ein Soldat vorbei, der sich in irgendeinem Gäßchen des Kastells verspätet hatte; und aus den Mauern des Armenhauses drang unablässig der schrille Ruf der Eulen.

»Wie traurig alles ist!« seufzte Amaro.

Aber die Joaneira schrie von oben: »Herr Kanonikus, Sie können heraufkommen! Die Suppe ist schon aufgetragen!«

»Kommen Sie, kommen Sie!« sagte der Domherr und erhob sich mühsam. »Sie müssen doch vor Hunger umfallen, Amaro!«

Er hielt den Pfarrer noch einen Augenblick am Ärmel fest und flüsterte: »Jetzt sollen Sie einmal sehen, was für eine Hühnersuppe diese Frau zu kochen versteht! Da leckt man sich den Mund danach!«

 

In der Mitte des dunkel tapezierten Eßzimmers winkte der weißgedeckte Tisch, auf welchem das Geschirr und die Gläser unter dem hellen Schein der mit einem grünen Schirm bedeckten Lampe leuchteten. Aus der Terrine stieg köstlicher Suppenduft, und auf dem großen Bratenteller lag, in saftigen weißen Reis gebettet und von Wurstscheiben bekränzt, die fette Henne … ein fürstliches Mahl! In dem Glasschrank, der ein wenig im Schatten stand, schillerte feines Porzellan; in der Ecke neben dem Fenster hatte das mit einer verblichenen Seidendecke überzogene Klavier seinen Platz. Aus der Küche hörte man ein leises Brutzeln, und mit Behagen den Geruch frischer Wäsche einatmend, die auf einem Regal aufgestapelt lag, rieb sich der Pfarrer angeheimelt die Hände.

»Setzen Sie sich hierher, Herr Pfarrer!« rief die Joaneira. »Dort könnte es Ihnen kühl werden.« Sie schloß die Fensterflügel und schob ihm eine mit Sand gefüllte Aschenschale zum Ablegen der Zigarettenstummel zu.

»Der Herr Kanonikus nimmt doch ein Schälchen Gelee, nicht?«

»Meinetwegen … der Gesellschaft halber«, sagte dieser lachend, setzte sich und faltete die Serviette auseinander.

Unterdessen machte sich die Joaneira im Zimmer zu schaffen und bewunderte verstohlen den Pfarrer, der sich stumm über seinen Teller neigte und, ab und zu auf den gefüllten Löffel blasend, die heiße Suppe verzehrte. Ein hübscher Mann, konstatierte sie, tiefschwarzes, leichtgelocktes Haar, ovales Gesicht, zartbraune Hautfarbe, große dunkle Augen mit langen Wimpern.

Der Kanonikus, der ihn seit seiner Seminarzeit nicht gesehen hatte, fand ihn kräftiger, männlicher.

»Sie waren früher ein kümmerliches Kerlchen …«

»Ja«, meinte der Pfarrer, »aber die Gebirgsluft hat mir wohlgetan.« Er erzählte dann von seinem traurigen Leben in Feirão. Dort, in der Alta Beira, hatte er einsam unter Hirten gehaust … O die rauhen Winter! Der Kanonikus schenkte ihm aus hochgehaltener Flasche ein, damit der Wein schäumte.

»Nun heißt es tüchtig trinken, Mann, tüchtig trinken! solche Tropfen gab es im Seminar nicht!«

Sie sprachen vom Seminar.

»Was mag denn aus dem Speisemeister, dem Rabicho, geworden sein?« fragte der Kanonikus.

»Und aus dem Carocho, der immer Kartoffeln stahl?«

Sie lachten, tranken und weckten alte Erinnerungen: die Geschichte von dem Katarrh des Rektors und die von dem Chormeister, aus dessen Tasche eines Tages die unzüchtigen Gedichte des Bocage fielen.

»Wie die Zeit vergeht, wie die Zeit vergeht!« sagten sie.

Dann setzte die Joaneira einen tiefen Teller mit gebratenen Äpfeln auf den Tisch.

»Bravo!« schrie der Kanonikus. »Nein, da mache ich auch mit! Der herrliche Bratapfel! Der entgeht mir nicht! Ja, das ist eine treffliche Hausfrau, mein Freund, eine treffliche Hausfrau, die Joaneira!«

Sie lachte, und dabei kamen ihre zwei großen plombierten Vorderzähne zum Vorschein.

Dann holte sie eine Flasche Portwein, legte dem Kanonikus einen aufgeplatzten, mit Zucker bestreuten Apfel auf den Teller und tätschelte ihm mit ihrer fetten Hand den Rücken.

»Das ist ein Heiliger, Herr Pfarrer, ja, das ist ein Heiliger! Ach, was verdanke ich ihm alles!«

»Hören Sie auf! Hören Sie auf!« wehrte der Kanonikus ab, und ein geschmeicheltes, albernes Lächeln strahlte auf seinem Gesicht. »Ein guter Tropfen!« fuhr er fort, den Portwein schlürfend. »Hm, ein herrlicher Tropfen!«

»Ja, der ist auch so alt wie Amélia, Herr Kanonikus!«

»Wo steckt denn die Kleine?«

»Sie ist mit Dona Maria auf mein Gütchen, das Morenal, gegangen. Natürlich verbringt sie den Abend bei den Gansosos.«

Auf das Morenal Bezug nehmend, erklärte der Kanonikus: »Sie müssen nämlich wissen, daß diese Dame eine Gutsherrin ist! Sie besitzt eine Grafschaft!« Dabei lachte er vergnügt, und seine leuchtenden Blicke liefen zärtlich über die fülligen Formen der Joaneira.

»Ach, Herr Pfarrer, glauben Sie ihm nicht! Es ist nur ein Zipfel Land!« rief sie.

Aber als sie das Dienstmädchen sah, das an der Wand lehnte und krampfhaft hustete, sagte sie: »Da hört doch alles auf! Ich glaube gar, das Frauenzimmer kommt hier herein, um zu husten!«

Das Mädchen hielt sich den Mund mit der Schürze zu und verschwand.

»Das arme Ding scheint krank zu sein«, bemerkte der Pfarrer.

»Ja, sie ist sehr elend!« Das arme Geschöpf war ihr Patenkind, eine Waise, und beinahe schwindsüchtig. Die Joaneira hatte das Mädchen aus Mitleid zu sich ins Haus genommen.

»Und auch weil mein früheres Mädchen, das verworfene Ding, ins Hospital mußte … Sie hatte sich mit einem Soldaten eingelassen!«

Pater Amaro senkte langsam die Augen, und während er mit Brotkrümchen spielte, fragte er, ob es in diesem Sommer viel Krankheiten gegeben habe.

»Durchfälle vom unreifen Obst«, brummte der Kanonikus. »Die Leute essen Wassermelonen und trinken dazu Wasser wie nicht gescheit! Auch Fieber hat es gegeben …«

Dann sprachen sie vom Wechselfieber auf dem Lande und dem Klima Leirias.

»Was meine Gesundheit anlangt«, sagte Pater Amaro, »so fühle ich mich jetzt viel kräftiger als früher. Ja, ich kann sagen, daß ich gesund bin, ganz gesund. Unser Herr Jesus Christus sei dafür gepriesen!«

»Gott erhalte Ihnen Ihre Gesundheit! Sie wissen noch gar nicht, was für ein kostbares Gut das ist«, rief die Joaneira. Und gleich fing sie an, von dem großen Unglück ihres Hauses zu sprechen: Ihre halb blödsinnige und seit zehn Jahren gelähmte Schwester lebe bei ihr! Sie sei fast sechzig Jahre alt. Eines Winters habe sie sich einen Katarrh zugezogen und seitdem sieche die Arme dahin und werde immer weniger …

»Erst vor ein paar Stunden, gegen Abend, hatte sie wieder einen Hustenanfall! Ich glaubte, es ginge mit ihr zu Ende … Jetzt ist sie aber ruhiger …«

Noch eine Weile sprach sie von »diesem Elend«, dann erzählte sie von ihrer Amélia, den Gansosos, von dem alten Chorherrn und der Teuerung … Die Katze saß ihr dabei auf der Schulter, während sie zwischen zwei Fingern trübselig Brotkügelchen drehte.

Schließlich rührte sich der Kanonikus und sagte: »Nun ist es aber Zeit, meine Herrschaften!«

Pater Amaro stand auf und sprach mit geneigtem Haupt das Dankgebet.

»Wollen Sie eine Lampe, Herr Pfarrer?« fragte die aufmerksame Joaneira.

»Nein, danke; es geht auch so. Gute Nacht!«

Und er stieg langsam hinab, während er in den Zähnen herumstocherte.

Die Joaneira leuchtete ihm auf dem Treppenflur; plötzlich blieb der Pfarrer stehen, wandte sich um und sagte: »Da fällt mir ein, daß morgen Freitag ist … Fasttag …«

»Nein, nein«, unterbrach ihn der Kanonikus, der sich gähnend in seine Lüstersoutane hüllte, »morgen speisen Sie mit mir. Ich hole Sie ab; wir gehen zum Chorherrn und dann zu mir … Wissen Sie, was es bei mir gibt? Blackfische! Wunderbar, sage ich Ihnen! Was man hier Fisch nennt, das ist ja gar kein Fisch!«

Die Joaneira beruhigte den Pfarrer sofort. »Ach, mich brauchen Sie nicht an den Fasttag zu erinnern, Herr Pfarrer! Ich bin darin sehr peinlich!«

»Ich meinte nur so …«, sagte Amaro, »denn leider pflegt heute niemand mehr die Pflicht des Fastens streng zu erfüllen.«

»Da haben Sie ganz recht!« rief die Joaneira. »Aber ich! Ach, du lieber Gott! Mir geht mein Seelenheil über alles!«

In diesem Augenblick ertönte kräftig die Hausklingel.

»Das muß die Kleine sein«, sagte die Joaneira. »Mach auf, Ruça!«

Die Haustür ging auf; Geplauder und Lachen wurden vernehmbar.

»Bist du's, Amélia?«

Eine Stimme rief: »Adieu, auf Wiedersehen!« Und leichtfüßig, den Rock ein wenig schürzend, kam ein Mädchen die Treppe herauf gesprungen – ein schönes, großes, kräftiges Mädchen. Sie hatte ein weißes Seidentuch um den Kopf und einen Rosmarinzweig in der Hand.

»Komm herauf, Kind! Hier ist der Herr Pfarrer; er ist erst am Abend eingetroffen – komm!«

Amélia war ein wenig verwirrt stehengeblieben und schaute die Treppe hinauf, wo der Pfarrer am Geländer lehnte. Sie atmete heftig; denn sie war schnell gelaufen. Ihre Wangen glühten, und die lebhaften schwarzen Augen glänzten. Der Duft der frischen Wiesen, durch die sie gegangen war, hing noch in ihren Kleidern.

Der Pfarrer schmiegte sich beim Herabsteigen an das Geländer, um das Mädchen vorbeizulassen; mit gesenktem Haupt sagte er leise: »Guten Abend!« Der Domherr, der ihm gefolgt war, ging in der Mitte der Treppe. Er blieb vor Amélia stehen und scherzte: »Nun wird's aber Zeit, Springinsfeld!«

Sie lachte leise und duckte sich.

»Gott behüte dich!« sagte der Kanonikus, indem er ihr mit seiner groben, behaarten Hand das Kinn streichelte.

Sie eilte die Treppe hinauf; der Domherr ging noch einmal ins Wohnzimmer, um seinen Sonnenschirm zu holen, und sagte beim Heraustreten zum Dienstmädchen, das den Leuchter auf der Treppe hochhob: »Schon gut, ich kann sehen; erkälte dich nur nicht, Mädchen! – Also um acht Uhr, Amaro! Seien Sie auf den Beinen! – Geh nur, Mädchen, Gott befohlen! Bete zur heiligen Mutter der Barmherzigkeit, daß sie deinen Schnupfen austrockne!«

Der Pfarrer schloß die Zimmertür. Das schneeweiße Linnen des aufgedeckten Bettes strömte einen feinen Wäscheduft aus. Über dem Kopfkissen hing ein alter Kupferstich, der den gekreuzigten Heiland darstellte. Amaro schlug sein Brevier auf, kniete neben dem Bett nieder und bekreuzigte sich; aber er war müde und mußte gähnen. Und während er die vorgeschriebenen Gebete mechanisch herunterlas, hörte er über sich das Trippeln von Amélias kleinen Schuhen und das Rascheln der gestärkten Röcke, die das Mädchen beim Auskleiden schüttelte.


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