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XII

Als am nächsten Morgen Dona Josefa Dias kaum von der Messe zurück war, hörte sie zu ihrer großen Überraschung das Dienstmädchen, das die Treppe scheuerte, von unten heraufschreien: »Der Herr Pater Amaro ist da, Dona Josefa!«

Der Pfarrer war in den letzten Zeiten nur ganz selten in das Haus des Kanonikus gekommen; geschmeichelt und neugierig rief sie daher sofort: »Kommen Sie nur herauf! Keine Umstände! Sie gehören ja beinahe zur Familie! Nur herauf!«

Dona Josefa war gerade dabei, im Speisezimmer würfelförmige Fruchtpasten auf ein Tablett zu legen. Sie trug ein schwarzwollenes Kleid, das unter der einen Achsel zerschlissen war und sich über einer glatten Krinoline bauschte. Ihre Augen waren von einer blauen Brille beschattet. Sofort schlürfte sie in ihren abgenutzten Samtpantoffeln auf den Treppenflur, wo sie unter ihrem zurückgeschobenen schwarzen Kopftuch eine liebenswürdige Miene für den Empfang des Herrn Pfarrers aufsteckte.

»Nanu, welch erfreulicher Anblick!« rief sie. »Ich bin eben heimgekommen und habe schon meine erste kleine Messe weg. Ich war heute in der Kapelle der Heiligen Jungfrau vom Rosenkranz … Der Pater Vicente hat die Messe gelesen. Wie habe ich mich daran erbaut! Setzen Sie sich, bitte. Nein, nicht hier – da zieht es zur Tür herein … Die arme Gelähmte ist also hinübergegangen … Erzählen Sie, Herr Pfarrer! …«

Der Pfarrer mußte nun vom Todeskampf der alten Frau und vom Schmerz der Joaneira berichten; er erzählte, daß sich das Gesicht der Gelähmten im Tode förmlich verjüngt habe; auch sprach er von den Abmachungen betreffs der Leichenfeier …

»Und, Dona Josefa, unter uns können wir es ja sagen: dieser Tod bedeutet eine große Erleichterung für die Joaneira …« Plötzlich rückte er auf seinem Stuhl nach vorn, stützte die Hände auf die Knie und fragte: »Und was sagen Sie zu der Geschichte mit dem Senhor João Eduardo? Wissen Sie schon? Er war es, der den Artikel geschrieben hat!«

Die Alte fuhr mit den Händen in die Höhe und rief: »Ach, reden Sie nicht darüber, Herr Pfarrer! Ich bin schon ganz krank davon!«

»Ah, Sie wissen es schon?«

»Und ob ich es weiß, Herr Pfarrer! Pater Natário war gestern so freundlich, hierher zu kommen und mir alles zu erzählen … O was für ein Lump! Was für ein verkommener Kerl!«

»Wissen Sie auch, daß er der Busenfreund des Agostinho ist, daß die beiden in der Redaktion bis zum Morgengrauen mit Dirnen zechen, daß er in den Billardsalon neben dem Schloßhof geht und dort die Religion in den Staub zieht?«

»Um Gottes willen, Herr Pfarrer, hören Sie auf! Hören Sie auf! Schon gestern, als Pater Natário hier war, machte ich mir Gewissensbisse, solche Greuel angehört zu haben … Denn Pater Natário war so liebenswürdig, mir alles zu erzählen, kaum daß er's selbst erfahren hatte … Wie nett von ihm! Sehen Sie, Herr Pfarrer, mir war der Mensch schon immer verdächtig. Ich habe es bloß nicht gesagt, nein, niemals! Denn dieser kleine Mund mischt sich nie in fremde Angelegenheiten … Jaja, eine innere Stimme warnte mich schon immer. Er ging zur Messe, fastete auch; aber ich hatte den Verdacht, daß er dies alles nur täte, um die Joaneira und die Kleine zu täuschen. Jetzt sieht man es! Mir hat er nie gefallen, nein, niemals, Herr Pfarrer!« Plötzlich leuchteten ihre Äuglein in tückischer Freude auf. »Und wird die Verlobung aufgehoben, wo man nun Bescheid weiß?«

Pater Amaro lehnte sich im Stuhl zurück und sagte langsam: »Es müßte Aufsehen erregen, wenn ein ehrbares Mädchen sich mit einem Freimaurer verheiratet, der seit sechs Jahren nicht zur Beichte geht!«

»Großer Gott, Herr Pfarrer! Lieber würde ich sie tot sehen! Dem Mädchen muß unbedingt alles gesagt werden!«

Der Pfarrer rückte schnell seinen Stuhl an Dona Josefas Seite und sagte: »Gerade deswegen habe ich Sie heute aufgesucht. Ich habe schon gestern mit der Kleinen gesprochen … Aber Sie werden begreifen, daß ich mitten in dem Kummer – die arme alte Frau lag ja nebenan im Sterben! – nicht weiter in sie dringen konnte. Nun, ich habe ihr die Augen geöffnet, sie beraten, ihr klargemacht, daß ihr ein elendes Leben bevorstünde, daß sie ihr Seelenheil aufs Spiel setzte und so weiter … Ich habe als Freund und Geistlicher mein möglichstes getan. Und wie es meine Pflicht war, es hat mich Überwindung gekostet, wirklich, viel Überwindung, habe ich sie darauf hingewiesen, daß sie als Christin und als Frau notwendigerweise mit dem Schreiber brechen müsse.« »Und sie?«

Das Gesicht Amaros drückte Unzufriedenheit aus.

»Sie sagte weder ja noch nein, zog ein Mäulchen und fing an zu weinen. Es ist ja wahr, der Tod, der im Hause lauerte, hatte sie sehr mitgenommen. Daß das Mädchen nicht sterblich in ihn verliebt ist, ist klar; aber sie will heiraten, denn sie fürchtet, die Mutter könnte sterben und sie allein zurücklassen … Sie wissen ja, wie die Mädchen sind! Meine Worte machten immerhin einigen Eindruck; sie war entrüstet … Aber schließlich kam mir der Gedanke, das beste wäre, wenn Sie mit Amélia redeten. Sie sind die Freundin des Hauses, sind ihre Patin, kennen sie von klein auf … Ich bin sicher, daß sie in Ihrem Testament ganz hübsch wegkommen wird … Aber wie gesagt, ich meine nur …«

»Auf mich können Sie zählen, Herr Pfarrer!« unterbrach sie ihn eifrig, »Ich werde ihr den Star stechen!«

»Was das Mädchen braucht, ist eine straffe Führung. Unter uns gesagt: sie braucht einen richtigen Beichtvater. Amélia geht zum Pater Silvério; aber – ohne ihn schlechtmachen zu wollen – der gute Mann taugt wenig. Gewiß: viel Liebe, viel Nachsicht, viel Tugend … aber es fehlt ihm, wie man zu sagen pflegt, der richtige Schwung. Für ihn ist ›Beichte‹ gleichbedeutend mit ›Lossprechung‹. Er fragt nach einigen Glaubenssätzen, hört die Zehn Gebote ab … Das ist alles, sehen Sie! … Es ist doch selbstverständlich, daß das Mädchen nicht stiehlt, nicht tötet oder das Weib ihres Nächsten begehrt! Eine solche Beichte nützt ihr gar nichts. Sie braucht einen scharfen Beichtvater, einen, der ihr sagt: hierhin – dahin! … und ohne Widerrede! Amélia ist ein schwacher Charakter; wie die meisten Frauen kann sie sich nicht selber leiten. Darum wiederhole ich: sie benötigt einen Beichtvater, der sie mit eiserner Rute lenkt, dem sie gehorcht, dem sie alles erzählt, vor dem sie sich ängstigt … So soll ja eben ein Beichtvater sein!«

»Sie würden, glaube ich, der rechte sein …«

Amaro lächelte bescheiden.

»Ich sage nicht nein. Ich würde sie, als Freund ihrer Mutter, gut beraten. Auch halte ich sie für ein gutes Mädchen und der Gnade Gottes für würdig. Wenn ich mich mit ihr unterhalte, spare ich nicht mit guten Ratschlägen … Aber Sie verstehen, es gibt Dinge, über die man nicht in einem Zimmer voller Menschen mit ihr reden kann … Erst im Beichtstuhl kann man das ohne Scheu tun. Aber ich kann doch nicht zu ihr sagen: Sie müssen jetzt bei mir beichten! Ich bin in diesem Punkt sehr heikel …«

»Nun, dann werde ich es ihr sagen, Herr Pfarrer, ich!«

»Das wäre ja wirklich sehr liebenswürdig von Ihnen! Sie würden sich um ihre Seele verdient machen. Denn wenn das Mädchen die Leitung ihrer Seele in meine Hand legt, können wir sagen, daß ihre Schwierigkeiten ein Ende haben und wir sie auf dem Weg zur Gnade haben … Wann wollen Sie denn mit ihr sprechen, Dona Josefa?«

Dona Josefa, die es für eine Sünde hielt, die Sache aufzuschieben, beschloß, noch am selben Abend mit ihr zu reden.

»Das erscheint mir nicht angebracht, Dona Josefa. Heute ist Trauernacht … Da ist natürlich der Schreiber auch im Hause …«

»Um Gottes willen, Herr Pfarrer! Dann müssen wir also alle die Nacht mit diesem Ketzer unter einem Dach verbringen?«

»Allerdings. Denn der Bursche wird ja schon zur Familie gerechnet … Übrigens, Dona Josefa: Sie, Dona Maria und die Gansosos sind Personen von höchster Tugend … Aber wir dürfen nicht stolz auf unsere Tugend sein. Wenn wir das sind, setzen wir uns der Gefahr aus, die Früchte ebendieser Tugend zu verlieren. Es gefällt Gott und ist ein Akt der Demut, wenn wir uns manchmal unter die Bösen mischen. Es ist gleichsam so, wie wenn sich ein großer Edelmann gelegentlich Seite an Seite mit einem Holzfäller stellt … Es ist, als ob wir damit sagen wollten: Ich bin dir zwar an Tugend überlegen, aber verglichen mit dem, was ich eigentlich sein müßte, um in die ewige Seligkeit einzugehen … wer weiß, ob ich da nicht ein ebenso großer Sünder bin wie du … Und diese Demütigung der Seele ist das schönste Opfer, das wir Jesu darbringen können …«

Dona Josefa hörte mit offenem Munde zu; sie war ganz hin vor Rührung und Bewunderung.

»Ach, Herr Pfarrer, wenn man Sie so reden hört, muß man ja fromm werden!«

Amaro verneigte sich. »Ja, Gott legt mir manchmal in seiner Güte die rechten Worte in den Mund … Nun, liebe Dona Josefa, ich will Sie nicht länger stören. Es ist also abgemacht: Sie sprechen mit der Kleinen, und wenn sie – was wohl der Fall sein wird – meinem Rate folgt, so bringen Sie sie mir am Sonnabend um acht Uhr in die Kirche. Und … reden Sie streng mit ihr, Dona Josefa!«

»Das lassen Sie nur meine Sorge sein, Herr Pfarrer! … Wollen Sie nicht ein bißchen von meiner Fruchtpaste kosten?«

»Ich bin so frei«, sagte Amaro, nahm einen Würfel und biß mit Anstand hinein.

»Sie sind aus den Quitten der Dona Maria gemacht. Ich glaube, sie sind mir besser gelungen als die der Gansosos …«

»Also adieu, Dona Josefa … Was ich noch sagen wollte: Was sagt denn unser Kanonikus zu dem Fall mit dem Schreiber?«

»Mein Bruder? …«

In diesem Augenblick wurde unten heftig an der Klingel gerissen.

»Das wird er sein«, sagte Dona Josefa. »Er ist wütend, wie mir scheint.«

Er kam von seinem Gut und war in der Tat wütend, wütend auf den Verwalter, den Ortsvorsteher, die Regierung und die Schlechtigkeit der Menschen im allgemeinen. Man hatte ihm nämlich eine große Menge junge Zwiebeln gestohlen, und so tobte er nun seinen Zorn aus, indem er ein über das andere Mal den Satan heraufbeschwor.

»Mein Gott, Bruder!« rief Dona Josefa, deren Gewissen sich bei den Lästerungen rührte. »Das ziemt sich nicht!«

»Ach was, Schwester! Spare dein albernes Gewäsch für die Fastenzeit auf! Ich wiederhole: Der Teufel soll sie holen, ja, der Teufel! … Und wenn sich noch einmal Leute auf dem Gut sehen lassen, soll der Hausmann die Flinte laden und losknallen! Das habe ich ihm eingeschärft!«

»Es fehlt eben am Respekt vor dem Eigentum«, meinte Amaro.

»Es fehlt an Respekt vor allem!« schrie der Kanonikus. »Diese Zwiebeln! Vom bloßen Angucken wurde man schon gesund! … Also Schwamm drüber, Herrschaften! … Aber es ist ein Sakrilegium!« fügte er überzeugt hinzu. »Ein ungeheuerliches Sakrilegium!« Denn das Stehlen seiner Zwiebeln – der Zwiebeln eines Kanonikus – erschien ihm so ruchlos, als hätte man die heiligen Gefäße der Kathedrale geraubt.

»Es fehlt an Gottesfurcht!« bemerkte Dona Josefa, »es fehlt an Religion …«

»Es fehlt an Religion!« äffte der Kanonikus wütend nach. »Quatsch! Es fehlt an Polizei! Da liegt der Hund begraben!« Dann wandte er sich an Amaro: »Heute wird die Alte begraben, nicht wahr? … Das fehlt gerade noch! Los, Schwester, hol mir einen frischen Kragen und die Schnallenschuhe!«

Pater Amaro, den seine eigenen Sorgen nicht in Ruhe ließen, sagte: »Wir haben soeben über den Fall João Eduardo und den Artikel gesprochen.«

»Das ist auch so eine Schurkerei!« erhitzte sich von neuem der Kanonikus. »Ja, man erlebt allerhand! Was für ein Lumpenpack bevölkert diese Welt, was für ein Lumpenpack!« Er stand da, die Arme über der Brust gekreuzt, die Augen weit aufgerissen, als betrachtete er eine Legion von Ungeheuern, die, auf die Welt losgelassen, frech gegen die Behörden, die Prinzipien der Kirche, die Ehre der Familie und die Zwiebeln des Klerus anrannten.

Beim Fortgehen schärfte Amaro der Dona Josefa, die ihn hinausbegleitete, erneut ein, was sie zu tun habe.

»Also heute, in der Trauernacht, geschieht nichts. Morgen reden Sie mit dem Mädchen, und am Ende der Woche bringen Sie sie mir in die Kirche. Gut. Überzeugen Sie das Kind, Dona Josefa; versuchen Sie, diese Seele zu retten! Gottes Auge sieht Sie. Sprechen Sie energisch mit ihr, sprechen Sie energisch! … Und unser Kanonikus wird schon mit der Joaneira ins reine kommen.«

»Seien Sie ganz unbesorgt, Herr Pfarrer. Ich bin Amélias Patin und werde sie, ob sie will oder nicht, auf den Weg des Heils bringen …«

»Amen«, sagte der Pater Amaro.

In dieser Nacht unternahm Dona Josefa tatsächlich nichts. In der Rua da Misericórdia wurden die Beileidsbezeigungen entgegengenommen. Man befand sich in dem unteren Zimmer, das durch eine einzige Kerze mit dunkelgrünem Schirm erleuchtet wurde. Die Joaneira und Amélia, schwarz gekleidet, saßen traurig in der Mitte des Sofas. Um sie herum saßen die Freundinnen, ebenfalls in Trauerkleidung, in feierlicher Steifheit, mit betrübten Mienen und wie vom Kummer betäubt. Ab und zu flüsterten zwei Stimmen, oder aus dem Dunkel einer Ecke drang ein Seufzer. Libaninho oder Artur Couceiro näherte sich auf den Zehenspitzen der Kerze, um den Docht zu schneuzen. Dona Maria da Assunção mit ihrer ewigen Erkältung räusperte sich manchmal wehleidig, und in dem Schweigen hörte man deutlich, wenn jemand draußen in Holzpantoffeln auf dem Trottoir vorbeiging oder alle Viertelstunden die Uhr des Armenhauses schlug.

Die schwarzgekleidete Ruça erschien in gewissen Zeitabschnitten, um auf einem Servierbrett Kuchen und dünnen Tee anzubieten. Dann wurde der Lichtschirm heruntergenommen, und die alten Frauen, deren Augen schon kleiner wurden, führten, vom helleren Lichtschein geblendet, die Taschentücher mit leisen Ausrufen an die Augen und nahmen etwas von dem Gebäck der Encarnação.

Auch João Eduardo war da; er saß, von allen ignoriert, neben der tauben Dona Gansoso, die mit offenem Munde schlief. Die ganze Nacht suchte sein Blick vergebens das Auge Amélias. Diese saß regungslos auf dem Sofa, den Kopf auf der Brust, die Hände im Schoß, und drehte an ihrem Batisttaschentuch.

Der Pater Amaro und der Kanonikus trafen um neun Uhr ein. Feierlich ging der Pfarrer auf die Joaneira zu und sagte: »Liebe Senhora Caminha, es ist ein schwerer Schlag; aber wir wollen uns mit dem Gedanken trösten, daß sich Ihre vortreffliche Schwester zu dieser Stunde der Gesellschaft Jesu Christi erfreut.«

Rings im Kreise erhob sich leises Schluchzen, und da keine Stühle mehr übrig waren, setzten sich die Geistlichen in die Sofaecken, so daß sie die beiden weinenden Frauen in ihrer Mitte hatten. So waren sie gewissermaßen als zur Familie gehörig anerkannt. Dona Maria da Assunção sagte leise zu Dona Joaquina Gansoso: »Ach, ist es nicht eine Freude, die vier so beieinander sitzen zu sehen!«

Bis zehn Uhr zog sich der Beileidsabend schläfrig und traurig hin; die Stille wurde höchstens durch das andauernde Husten João Eduardos, der stark erkältet war, merklich gestört. Dona Josefa Dias sagte hinterher zu allen Beteiligten, er habe nur so gehustet, um die Gesellschaft zu ärgern und die Ehrfurcht vor den Toten lächerlich zu machen.

Zwei Tage später, um acht Uhr morgens, trat Dona Josefa Dias mit Amélia in die Kathedrale ein, nachdem sie auf dem Kirchplatz mit der Amparo, der Frau des Apothekers, ein paar Worte gewechselt hatte. Das Kind der Amparo hatte die Masern, und obwohl durchaus keine Gefahr bestand, war die Frau »vorsichtshalber« in die Kirche gegangen, um ein Gelübde zu tun.

Es war ein nebliger Tag; das Innere der Kirche lag in grauem Halbdunkel da. Amélias Gesicht schaute blaß aus ihrer schwarzen Spitzenmantille hervor. Sie blieb vor dem Altar der Schmerzensreichen Jungfrau stehen, fiel dann auf die Knie nieder und verharrte, das Gesicht auf das Meßbuch gepreßt, unbeweglich in dieser Haltung. Währenddessen ging Dona Josefa Dias, nachdem sie sich vor der Kapelle des Hochaltars zu Boden geworfen hatte, zur Sakristei und öffnete sie geräuschlos. Dort schritt der Pater Amaro mit gebeugten Schultern, die Hände auf dem Rücken, auf und ab.

»Nun?« fragte er schnell und mit unruhig flackerndem Blick, während er sein glattrasiertes Gesicht Dona Josefa zudrehte.

»Sie ist da«, triumphierte sie leise. »Ich habe sie selbst abgeholt. Oh, ich habe energisch mit ihr gesprochen, Herr Pfarrer, und habe sie nicht geschont! Nun ist die Reihe an Ihnen!«

»Danke, danke, Dona Josefa!« sagte der Pfarrer und drückte ihr kräftig beide Hände. »Gott wird Ihnen das hoch anrechnen.«

Er sah sich nervös um, befühlte seine Brust, um sich zu vergewissern, daß er auch Taschentuch und Brieftasche bei sich hätte, und ging. Langsam schloß er die Sakristeitür und stieg in die Kirche hinab. Amélia kniete noch immer; scharf hob sich ihre schwarze Silhouette von dem weißen Pfeiler ab.

»Pst!« machte Dona Josefa.

Amélia stand langsam mit geröteten Wangen auf und zog mit zitternden Fingern die Falten ihrer Mantille um den Hals.

»Ich überlasse sie Ihnen, Herr Pfarrer«, sagte die Alte. »Ich gehe einstweilen zur Amparo in die Apotheke und hole das Kind später ab … Nun geh, Mädchen, geh! Gott erleuchte deine Seele!«

Nachdem Dona Josefa sich der Reihe nach vor allen Altären verbeugt hatte, verließ sie das Gotteshaus.

Der Apotheker Carlos, der mit dem Kanonikus in einem Pachtverhältnis stand und ein säumiger Zahler war, nahm sofort verlegen die Mütze ab, als Dona Josefa unter der Tür erschien. Er führte sie in die Wohnung hinauf, wo die Amparo nähend vor den Musselingardinen des Fensters saß.

»Lassen Sie sich nicht abhalten, Senhor Carlos«, rief die Alte. »Das Geschäft geht vor! Ich habe mein Patenkind in der Kirche gelassen und will nur ein wenig hier ausruhen.«

»Nun, wenn Sie gestatten … Und wie geht es unserm Herrn Kanonikus?«

»Er hat keine Schmerzen mehr gehabt, hat aber an Schwindel gelitten.«

»Das macht der Frühling«, beruhigte Carlos, der sein majestätisches Wesen wiedergefunden hatte und nun, die Daumen in den Westenärmeln, mitten im Zimmer stand. »Auch ich habe mich nicht recht wohl gefühlt … Wir vollblütigen Menschen leiden alle infolge dieser ›Wiedergeburt der Säfte‹, wie man es nennen könnte … Es gibt zuviel schlimme Stoffe im Blut, die, wenn sie nicht durch die natürlichen Kanäle ausgeschieden werden, sich bald hier, bald da sozusagen ihre eigenen Auswege suchen. Das tun sie denn auch in der Form von Furunkeln und Ausschlägen, die manchmal an recht unbequemen Stellen zum Vorschein kommen. Und wenn sie auch an sich harmlos sind, so haben sie doch, wenn man so sagen darf, ein ganzes Gefolge von … Pardon, aber jetzt geht der Medizinmann mit mir durch … Also Sie gestatten … Meine Empfehlung an unsern Herrn Kanonikus! … Er soll Magnesia von James nehmen!«

Dona Josefa wollte darauf die Kleine mit den Masern sehen. Aber sie traute sich nicht über die Schwelle des Schlafzimmers, sondern ermahnte das Kind, das, in dickes Bettzeug gesteckt, große Fieberaugen machte, ja nicht seine Abend- und Morgengebete zu vergessen. Sie empfahl der Amparo einige Heilmittel, die bei Masern Wunder wirkten; aber wenn das Gelübde der Mutter mit festem Glauben getan sei, so könne sich die Kleine als genesen betrachten. Ach, jeden Tag danke sie Gott, daß sie nicht geheiratet habe! Denn Kinder brächten nur Mühe und Sorgen; und der Ärger, den sie bereiteten, und die Zeit, die sie beanspruchten, seien nur allzuoft der Grund, daß Frauen ihre religiösen Pflichten vernachlässigten und ihre Seelen der Hölle auslieferten …

»Sie haben recht, Dona Josefa«, seufzte die Amparo. »Und ich habe fünf! Manchmal setzen sie mir so zu, daß ich mich in diesen Stuhl hier fallen lasse und immer nur weine …«

Sie waren wieder ans Fenster getreten und ergötzten sich eine Weile an dem Anblick des Herrn Verwaltungsvorstands von der Regierung, der vom Fenster seiner Abteilung aus, mit dem Opernglas bewaffnet, die Frau des Schneiders Teles anhimmelte. Ach, es war ein Skandal! Daß es in Leiria immer nur solche Beamte gab! Der Generalsekretär erregte Anstoß mit der Novais! … Aber was konnte man auch weiter von Menschen ohne Religion erwarten, die in Lissabon groß geworden waren, in Lissabon, das nach Meinung Dona Josefas dazu bestimmt war, wie Sodom und Gomorrha durch himmlisches Feuer zugrunde zu gehen? Die Amparo nähte gesenkten Hauptes; vielleicht schämte sie sich angesichts dieser frommen Entrüstung. Denn auch in ihrer Seele brannte das sündige Verlangen, den Rossio Rossio – Allgemeine Bezeichnung für die Praça de Dom Pedro IV im Zentrum Lissabons. von Lissabon zu sehen und die Sänger des Theaters São Carlos zu hören.

Aber schnell sprang Dona Josefa auf ein andres Thema über: sie fing an, von dem Schreiber zu reden. Die Amparo wußte nichts, und so hatte die Alte die Genugtuung, ausführlich und Punkt für Punkt über die Geschichte des Artikels, den Verdruß in der Rua da Misericórdia und die Kampagne Natários zwecks Ausfindigmachung des »Liberalen« zu berichten. Sie verbreitete sich besonders über den Charakter João Eduardos, seine Gottlosigkeit und seine Orgien … Und da sie es für ihre Christenpflicht hielt, den Atheisten zu vernichten, ließ sie sogar durchblicken, daß einige Diebstähle, die vor kurzem in Leiria begangen worden waren, sein Werk gewesen seien.

Die Amparo erklärte, daß sie ganz außer sich sei. Also würde die Heirat mit der kleinen Amélia …

»Aus! Vorbei!« rief Dona Josefa Dias jubilierend. »Sie werden ihn aus dem Hause werfen! Und der Mensch kann froh sein, daß er nicht auf der Armensünderbank sitzen muß. Das hat er nur mir und der Klugheit meines Bruders und des Paters Amaro zu verdanken. Es war Grund genug vorhanden, ihn in Ketten zu legen!«

»Aber die Kleine liebt ihn doch allem Anschein nach.«

Dona Josefa entrüstete sich. Mein Gott, die Amélia war doch ein vernünftiges und tugendhaftes Mädchen! Kaum hatte sie von den Schändlichkeiten erfahren, war sie die erste, die kategorisch nein sagte! Sie verabscheute ihn sogar … Und Dona Josefa, die den Kopf vertraulich herabneigte, erzählte, es stünde fest, »daß er mit einer Dirne aus dem Kasernenviertel zusammen hause«!

»Jaja«, nickte sie ernst, »das weiß ich vom Pater Natário. Und aus dem Munde dieses Mannes kommt nichts als die lautere Wahrheit … Er hat sich mir gegenüber sehr zuvorkommend gezeigt. Kaum wußte er alles, so kam er zu mir, um mir's zu erzählen und meinen Rat einzuholen … Das ist doch sehr nett von ihm!«

Carlos erschien von neuem. Die Apotheke war gerade einen Augenblick leer – man hatte ihn den ganzen Morgen nicht zu Atem kommen lassen! –, und so wollte er den Damen ein wenig Gesellschaft leisten.

»Kennen Sie denn schon, Senhor Carlos«, rief sofort Dona Josefa, »die Geschichte von dem Artikel und von João Eduardo?«

Der Apotheker sperrte seine runden Augen auf. Welche Beziehung konnte es wohl zwischen einem so infamen Artikel und diesem jungen Mann geben, den er für ehrbar hielt?

»Ehrbar?« kläffte Dona Josefa Dias. »Er hat den Artikel geschrieben, Senhor Carlos!«

Und als sie sah, daß Carlos sich überrascht auf die Lippen biß, wiederholte Dona Josefa begeistert die Geschichte von dem »Schurkenstreich«.

»Was sagen Sie nun, Senhor Carlos? Was sagen Sie nun?«

Der Apotheker verlieh seiner Meinung Ausdruck. Er sprach langsam und wohlüberlegt; jedes Wort war trächtig von tiefem, umfassendem Verständnis. »In diesem Falle und alle rechtlich denkenden Leute werden mir beipflichten sage ich: Es ist eine Schande für Leiria. Gleich als ich den Artikel las, habe ich geäußert: die Religion ist die Basis der menschlichen Gesellschaft, und sie unterminieren heißt – um mich so auszudrücken –, das ganze Gebäude einreißen … Es ist ein Unglück, daß es in hiesiger Stadt solche Sektierer des Materialismus und der Republik gibt, die, wie allgemein bekannt, alles Bestehende zerstören wollen. Sie schreien in die Welt hinaus, daß Männer und Frauen sich paaren dürfen wie Hunde und Hündinnen. (Entschuldigung, daß ich mich so ausdrücke, aber Wissenschaft ist Wissenschaft.) Sie verlangen das Recht, in mein Haus eintreten und mein Silberzeug und meine sauer verdienten Sparpfennige fortschleppen zu dürfen. Keine Autorität, keine Behörde erkennen sie an; und wenn es nach ihnen ginge, dürften sie ungestraft auf die geweihten Hostien spucken …«

Dona Josefa fuhr mit einem leisen Schrei zusammen und schauderte.

»Und diese Sekte wagt von Freiheit zu reden! Ich bin auch liberal … Ich bin aber auch, ich bekenne es offen, kein Fanatiker … Wenn ein Mann dem Priesterstand angehört, halte ich ihn noch lange nicht für einen Heiligen, nein! … Zum Beispiel habe ich mich stets gegen den Pfarrer Miguéis ereifert … Er war eine Riesenschlange! Entschuldigen Sie, meine Dame, aber er war eine Riesenschlange! Ich habe es ihm ins Gesicht gesagt; denn das Knebelgesetz, das Gesetz der Mundtotmachung, gibt es nicht mehr … Wir haben unser Blut in den Laufgräben Portos vergossen, eben um kein Knebelgesetz mehr zu haben … Ich habe ihm ins Gesicht gesagt: ›Sie sind eine Riesenschlange!‹ Aber schließlich muß ein Mann, wenn er die Soutane trägt, respektiert werden … Und der Artikel ist, ich wiederhole es, eine Schande für Leiria … Und ich sage Ihnen auch: mit diesen Atheisten, diesen Republikanern darf man nicht glimpflich verfahren! Ich bin ein friedlicher Mensch, die kleine Amparo hier kennt mich gut … nun, wenn ich für einen ausgesprochenen Republikaner ein Rezept auszuführen hätte, so bestünde für mich kein Zweifel, daß ich ihm eine Dosis Blausäure schicken würde, anstatt eine jener wohltätigen Mixturen, die der Stolz unserer Wissenschaft sind … Nein, nicht so, ich würde vielmehr sagen, man müßte ihm eigentlich Blausäure geben … aber wenn ich auf der Geschworenenbank säße, würde ich die ganze Schwere des Gesetzes auf ihn fallen lassen!«

Er wiegte sich einen Augenblick auf den Spitzen seiner Pantoffeln und breitete die Arme zu einer großen Geste aus, gleichsam als erwartete er das Beifallsklatschen eines Bezirksrates oder einer Stadtverordnetenversammlung. Die Uhr der Kathedrale schlug langsam elf, und Dona Josefa hüllte sich eilig in ihren Umhang, um die Kleine abzuholen … das arme Ding würde wohl des Wartens müde sein.

Carlos begleitete sie hinaus, indem er tief die Mütze zog. Dabei sagte er mit serviler Liebenswürdigkeit, die natürlich an die Adresse seines Pachtherrn gerichtet war: »Bitte sagen Sie unserm Kanonikus, was meine Ansichten und Überzeugungen sind … Sagen Sie ihm, daß ich in der Frage des Artikels und der Angriffe gegen den Klerus mit Leib und Seele auf seiten der Herren Geistlichen bin … Ergebener Diener, gnädige Frau … Wir scheinen trübes Wetter zu bekommen.«

Als Dona Josefa die Kirche betrat, war Amélia noch am Beichtstuhl. Die Alte hustete laut, kniete vor dem Altar der Heiligen Mutter des Rosenkranzes nieder und vertiefte sich, die Hände vorm Gesicht, regungslos und schweigend in ihre Gebete. Nach einer Weile wandte sie den Kopf nach dem Beichtstuhl und blinzelte durch die vorgehaltenen Finger: Amélia kniete noch immer wie eine Statue davor; um sie herum bedeckte ihr schwarzes Kleid den Fußboden. Dona Josefa nahm ihr Gebet wieder auf. Ein feiner Regenschauer prasselte an die Scheiben des benachbarten Kirchenfensters. Endlich wurde ein Knarren im Beichtstuhl und Kleiderrascheln auf den Steinfliesen vernehmbar, und als sich Dona Josefa umblickte, sah sie Amélia mit rotem Gesicht und leuchtenden Augen vor sich stehen.

»Warten Sie schon lange auf mich, Frau Patin?«

»Nicht lange. Du hast es eilig, nicht?«

Sie stand auf, bekreuzigte sich und verließ mit Amélia die Kirche.

Es regnete noch schwach; aber Senhor Artur Couceiro, der gerade in dienstlicher Angelegenheit vorbeiging, begleitete sie unter seinem Regenschirm nach der Rua da Misericórdia.


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