Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Einige Tage später waren die Kunden der Marktapotheke nicht wenig erstaunt, als sie den Pater Natário und den Doktor Godinho einträchtig vor dem Eisenwarengeschäft des Senhor Guedes plaudern sahen. Der Steuereinnehmer, der als eine Autorität in auswärtiger Politik galt, beobachtete sie aufmerksam durch die Glastür der Apotheke und erklärte ganz entgeistert, daß er sich nicht mehr wundern würde, wenn er Viktor Emanuel und Pius IX. Viktor Emanuel und Pius IX. – Viktor Emanuel II. (1820 bis 1878), König von Italien von 1861 bis 1878, wurde von Papst Pius IX. (1846–1878) mit dem Bann belegt, weil er den Kirchenstaat dem Königreich Italien einverleibte. Arm in Arm miteinander herumspazieren sähe.
Den Stadtarzt jedoch überraschte »dieser freundschaftliche Verkehr« nicht. Seiner Meinung nach bewies der letzte Artikel in der »Stimme des Distrikts«, der augenscheinlich vom Doktor Godinho selbst geschrieben war (es war seine knappe, logische, tiefgründige Schreibweise!), daß die Maialeute sich der Geistlichkeit wieder nähern wollten. Der Doktor Godinho schmierte (wie sich der Stadtarzt ausdrückte) sowohl der Zivilregierung als auch dem Klerus der Diözese Honig um den Mund; die letzte Phrase des Artikels sei dafür bezeichnend: »Wir sind die letzten, die dem Klerus die Waffe aus der Hand schlagen wollen, mit der er seine göttliche Mission wirksam durchführt!«
Die Wahrheit war, daß, wie Gevatter Pimenta, ein fettleibiges Individuum, bemerkte, wenn auch noch kein richtiger Friede bestand, so doch mindestens Friedensverhandlungen im Gange waren. Denn gestern, in früher Morgenstunde, habe er den Pater aus der Redaktion der »Stimme des Distrikts« herauskommen sehen. Er wolle auf der Stelle tot umsinken, wenn es nicht wahr sei!
»Ah, Freund Pimenta, das können Sie uns nicht weismachen!«
Der Gevatter Pimenta stand majestätisch auf, zerrte ernst an seinem Hosengurt und wollte eben seiner Entrüstung Ausdruck verleihen, als der Steuereinnehmer einfiel: »Nein, nein, Gevatter Pimenta hat recht. Auch ich habe neulich den schuftigen Agostinho gesehen, wie er vor dem Pater Natário tiefe Bücklinge machte. Und daß der Natário irgend etwas im Schilde führt, ist sicher! Ich beobachte gern die Leute … Nun, meine Herren, Natário, der früher niemals in den Kolonnaden erschien, ist jetzt immer da zu sehen und schnüffelt in den Läden herum … Und dann die dicke Freundschaft mit dem Pater Silvério … Sie müssen doch auch bemerkt haben, daß die beiden bei jedem Ave-Maria zusammen hier auf dem Markt sind … Das hängt wieder mit den Godinhos zusammen … Pater Silvério ist doch der Beichtvater der Frau des Doktors … Ja, wie schon gesagt, das hat alles seine Zusammenhänge!«
Die neuerliche Freundschaft des Paters Natário mit Pater Silvério wurde in der Tat viel kommentiert. Vor fünf Jahren waren sich die beiden in der Sakristei der Kathedrale furchtbar in die Haare geraten: Natário drang sogar mit erhobenem Schirm auf den Pater Silvério ein, und der gute Kanonikus Sarmento, der in Tränen ausbrach, hatte Mühe, den Wütenden zurückzureißen. Er hielt ihn an der Soutane fest und jammerte: »O Kollege, Kollege! Das ist der Bankrott der Religion!«
Seitdem sprachen die beiden nicht mehr miteinander, zum Verdruß des gutmütigen dicken Silvério, der, wie seine Beichtkinder lobten, »eitel Liebe und Verzeihung war«. Aber der ausgedörrte kleine Natário verharrte unentwegt in seinem Groll. Als der Chorherr Valadares sein Amt als Leiter des Bistums antrat, ließ er die beiden zu sich kommen. Und nachdem er beredt von der Notwendigkeit, »den Frieden in der Kirche aufrechtzuerhalten«, gesprochen und ihnen das rührende Beispiel von Castor und Pollux vor Augen geführt hatte, schob er Natário mit sanfter Gewalt in die Arme des Paters Silvério.
Dieser begrub ihn einen Augenblick in seine gewaltigen Fleischmassen und murmelte tiefbewegt: »Wir sind doch alle Brüder! Wir sind doch alle Brüder!«
Aber Natário, dessen harte, grobe Natur nicht, wie der »Trottel Silvério«, so leicht zu bekehren war, behielt dem letzteren gegenüber immer eine mürrische, ablehnende Haltung. In der Kirche oder auf der Straße ging er mit steifem Kopfnicken an ihm vorüber und schnarrte bloß: »Herr Pater Silvério, zu dienen!«
Vor zwei Wochen jedoch, an einem regnerischen Nachmittag, stattete Natário plötzlich dem Pater Silvério einen Besuch ab. Als Vorwand gab er an, daß ihn der Regen überrascht habe und er hier einen kurzen Unterschlupf finden wolle. »Und ich komme auch«, fügte er hinzu, »um Sie um Ihr Rezept gegen Ohrenreißen zu bitten; denn eine meiner Nichten – das arme Ding! – ist wie verrückt davon, Kollege!«
Der gute Silvério, der sicher nicht mehr daran dachte, daß er noch heute morgen die beiden Nichten Natários gesund und munter wie zwei Sperlinge gesehen hatte, beeilte sich, das Rezept zu schreiben, und war ganz glücklich, seine geliebten Studien in häuslicher Medizin wieder einmal nutzbringend verwenden zu können.
»Nein, Kollege«, strahlte er, »welche Freude, Sie wieder bei mir zu sehen!«
Die Kunde von dieser Versöhnung verbreitete sich rasch bis in die weitesten Kreise. Der Schwager des Barons von Via Clara, ein Bakkalaureus Bakkalaureus – Niedrigster akademischer Grad. von großer dichterischer Begabung, widmete ihr sogar eine seiner bekannten Satiren, die unter dem Namen »Giftstachel« handschriftlich von Haus zu Haus gingen und sehr geschätzt, aber auch sehr gefürchtet waren. Seine jüngste Schöpfung, der offensichtlich die beiden Priester als Angriffsobjekt dienten, trug die Überschrift: »Wunderbare Aussöhnung des Affen mit dem Walfisch«. Denn tatsächlich sah man jetzt die beiden häufig zusammen: die kleine Gestalt Natários, die lebhaft gestikulierend neben der enormen Leibesfülle des phlegmatischen Paters Silvério einherhüpfte.
Eines Vormittags hatten die Beamten der Zivilverwaltung, die damals gegenüber der Kathedrale untergebracht war, einen Hauptspaß, indem sie die beiden Geistlichen von ihren Fenstern aus beobachteten. Natário und Silvério spazierten in der milden Maienluft auf der Terrasse. Der Herr Bezirksverwalter, der den Hauptteil seiner Bürozeit damit verbrachte, daß er, mit einem Operngucker bewaffnet, die Frau des Schneiders Teles von seinem Kabinett aus verliebt anstarrte, hatte plötzlich laut aufgelacht, als er zum Fenster hinausäugte. Sofort stürzte der Schreiber Borges mit der Feder in der Hand auf die Veranda, um zu sehen, was die Heiterkeit seines Vorgesetzten erregte. Und aufs höchste belustigt, rief er mit seinem »Pst!« Artur Couceiro herbei, der eben ein Gitarrenlied der Grinalda für sein Repertoire kopierte. Auch der Hilfsschreiber Pires näherte sich ernst und streng, indem er sein seidenes Käppchen, das er ständig aus Furcht vor der Zugluft trug, zur Seite schob. Mit weit aufgerissenen Augen beobachtete nun das Kleeblatt die beiden Pfaffen, die an der Ecke der Kirche stehengeblieben waren. Natário machte einen aufgeregten Eindruck; er schien den Pater Silvério von irgend etwas überzeugen zu wollen; und sich dicht vor ihm auf die Fußspitzen stellend, fuchtelte er ihm wie wahnsinnig mit seinen dürren Händen vorm Gesicht hin und her. Dann packte er ihn plötzlich am Arm und zerrte ihn die Terrasse entlang. Am Ende derselben machte er halt, trat einen Schritt zurück und machte eine weitausholende, verzweifelte Geste, als wären er, die Kirche nebenan, die Stadt, die ganze Welt möglicherweise dem Untergang geweiht. Der gute Silvério machte große, entsetzte Augen. Sie setzten ihren Spaziergang fort. Aber Natário regte sich von neuem auf; er sprang des öfteren jäh zurück, stach mit weit vorgestrecktem Zeigefinger auf den mächtigen Bauch Silvérios ein und stampfte wütend auf die glatten Steinfliesen. Und auf einmal ließ er die Arme schlaff herabfallen; er schien hoffnungslos bekümmert zu sein. Da sprach der gute Silvério eine Weile mit auf der Brust ausgebreiteter Hand, und im Nu hellte sich das gallige Gesicht Natários auf; er hüpfte und schlug dem Kollegen jubilierend auf die Schulter. Dann gingen die beiden Priester Arm in Arm, unter leisem Lachen, in die Kathedrale.
»Was für Hanswürste!« sagte der Schreiber Borges, der Soutanen haßte.
»Das hängt alles mit der Zeitung zusammen«, sagte Artur Couceiro und nahm seine lyrische Tätigkeit wieder auf. »Der Natário läßt nicht locker, bis er weiß, wer den Artikel geschrieben hat; er hat es bei der Joaneira gesagt … Und mit dem Silvério wird er's schon schaffen; denn dieser ist der Beichtvater der Frau Doktor Godinho.«
»Geschmeiß!« knirschte Borges voller Ekel. Langsam vertiefte er sich wieder in seinen Bericht, mittels dessen ein Häftling nach Alcobaça abgeschoben werden sollte. Der Gefangene wartete im Hintergrund des Zimmers auf einer Bank, von zwei Soldaten bewacht. Dort saß er gefesselt, stumpf vor sich hin brütend, ein Bild des Hungers und des Elends.
Einige Tage später hatte es in der Kathedrale eine Leichenfeier mit Aufbahrung des Verstorbenen gegeben. Es handelte sich um den reichen Grundstücksbesitzer Morais, der an Herzerweiterung gestorben war. Seine Frau hatte ihn oft durch ihre unwürdigen Liebschaften mit Artillerieleutnants gekränkt, und wohl aus Reue darüber entfaltete sie einen wahrhaft königlichen Pomp bei dem Trauergottesdienst. Amaro kleidete sich in der Sakristei um; dann erledigte er einige Eintragungen in das Kirchenbuch.
Plötzlich knarrte die eichene Tür, und Natários erregte Stimme ließ sich vernehmen: »Da sind Sie ja, Amaro!«
Der Pater Natário machte die Tür zu, warf die Arme in die Luft und rief: »Große Neuigkeit: der Schreiber ist es!«
»Was für ein Schreiber?«
»Der João Eduardo! Er ist es! Er ist der ›Liberale‹! Er hat den Artikel geschrieben!«
»Was sagen Sie da?« stieß Amaro bestürzt hervor.
»Ich habe Beweise, mein Lieber! Ich habe das Original gesehen, von seiner eigenen Hand geschrieben! Ja, ja, gesehen! Fünf Bogen!«
Amaro sah Natário mit stieren Augen an.
»Es hat Mühe gekostet, das herauszubekommen!« schrie Natário. »Ja, viel Mühe; aber jetzt weiß ich alles! Fünf Bogen! Und er will noch mehr schreiben! Der Senhor João Eduardo! Unser lieber Senhor João Eduardo!«
»Sind Sie Ihrer Sache so sicher?«
»Ob ich sicher bin? … Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich das Original mit eigenen Augen gesehen habe, Mensch!«
»Ja, aber wie haben Sie es denn erfahren, Natário?«
»Ah, Kollege, was das anbetrifft … Das Wie und Warum … Sie verstehen … Sigillus magnus Sigillus magnus – richtig: sigillum magnum = (lat.) großes Siegel; hier svw. großes Geheimnis.!« Mit großen Schritten auf und ab gehend, rief er mit spitzer, triumphierender Stimme:
»Aber das ist noch gar nichts! Der Senhor João Eduardo, den wir immer so unschuldig im Hause der Joaneira sahen, ist ein alter, geriebener Schurke! Er ist der Intimus des Agostinho, des Banditen von der »Stimme des Distrikts‹. Dort hockt er in der Redaktion bis in die späte Nacht hinein! … Orgien, Weinsauferei, Weiber! … Und er brüstet sich, Atheist zu sein! … Sechs Jahre nicht zur Beichte gegangen! … Er nennt uns ›Pfaffengeschmeiß‹ … Ist Republikaner … Ein wildes Tier, mein lieber Herr, ein wildes Tier!«
Amaro hörte ganz betäubt zu und fingerte mit zitternden Händen in den Papieren herum, die auf dem Schreibtisch lagen.
»Nun?« zischte Natário. »Nun heißt es, ihn zermalmen!«
Amaro verschloß den Schreibtisch; nervös fuhr er sich mit dem Taschentuch über die Lippen und stammelte: »Noch eins … noch eins … das arme Mädchen … Soll sie einen solchen Menschen heiraten? … Einen Verworfenen!«
Die beiden Geistlichen sahen sich in die Augen. In das Schweigen der Sakristei klang melancholisch das Ticken der alten Wanduhr. Natário zog die Schnupftabaksdose aus der Hosentasche, nahm eine Prise zwischen die Finger und sagte kaltlächelnd und seinen Blick noch immer in Amaros Augen bohrend: »Ihm einen Strich durch seine nette kleine Hochzeit machen?«
»Sie meinen?« fragte Amaro eifrig.
»Lieber Kollege, das ist eine Gewissensfrage … Für mich war es eine Frage der Pflicht! Man kann die arme Kleine nicht einen Lumpen, einen Freimaurer, einen Atheisten heiraten lassen …«
»Sehr richtig, sehr richtig«, murmelte Amaro.
»Die Sache klappt, was?« kicherte Natário und schlürfte mit Behagen seine Prise.
Da kam der Küster herein; es war die Zeit, wo die Kirche geschlossen wurde. Er fragte, ob die Herren noch verweilen wollten.
»Einen Augenblick noch, Senhor Domingos.«
Und während der Küster die schweren Eisenriegel im Hof vorschob, unterhielten sich die beiden Priester, die Köpfe zusammensteckend, im Flüsterton weiter.
»Sie müssen zur Joaneira gehen«, sagte Natário. »Nein, es ist besser, wenn Dias mit ihr redet; Dias muß mit der Joaneira sprechen … Wir wollen sichergehen. Sie reden mit der Kleinen und verlangen einfach, daß sie den Mann hinauswirft.« Und Amaro ins Ohr zischend: »Sagen Sie dem Mädchen, daß er mit einer Dirne im Konkubinat lebt.«
»Aber!« fuhr Amaro zurück. »Ich weiß doch nicht, ob das wahr ist!«
»Es wird schon wahr sein. Der Kerl ist zu allem fähig. Und dann ist es ein Mittel, das Mädchen zu bewegen …«
Sie durchschritten die Kirche und gingen hinter dem Küster her, der mit seinen Schlüsseln klimperte und sich heiser räusperte.
In den Seitenkapellen hing der Wandschmuck aus schwarzem, silberbetreßtem Tuch; in der Mitte, zwischen vier dicken Kerzen mit großen schwelenden Dochten, stand das Leichengerüst des Senhor Morais. Über den Sarg war eine große Samtdecke gebreitet, die schwer herabfiel und in Fransen auslief. Am Kopfende hing ein mächtiger Kranz aus Strohblumen, am Fußende, durch eine breite, scharlachrote Schleife festgehalten, das Ordensgewand des Verstorbenen, der Ritter des Christusordens gewesen war.
Pater Natário blieb stehen und ergriff schmunzelnd Amaros Arm. »Und dann, mein lieber Freund, habe ich noch etwas anderes für den Herrn in petto …«
»Was?«
»Ihm den Brotkorb höher hängen!«
»Den Brotkorb höher hängen? …«
»Der Schafskopf sollte doch Beamter in der Zivilregierung werden, nicht wahr? … Erster Schreiber oder dergleichen … Nun, ich werde ihm die Suppe versalzen! Außerdem wird ihn Nunes Ferral, der zu mir steht und ein brauchbarer Kopf ist, aus seiner Kanzlei werfen … Dann mag er nur seine Artikel schreiben!«
Amaro schauderte vor solchen gehässigen Intrigen. »Um Gottes willen, Natário, aber das heißt doch den Burschen ruinieren!«
»Solange er nicht in diesen Straßen um ein Stück Brot bettelt, Pater Amaro, lasse ich ihn nicht los!«
»Oh, Natário, Kollege! Das ist unbarmherzig … Das ist nicht christlich … Der allgegenwärtige Gott hört es …«
»Seien Sie darüber beruhigt, lieber Freund … Ich diene Gott damit; hier sind keine Vaterunser am Platze. Für Gottlose gibt es keine Barmherzigkeit! Die Inquisition ging ihnen mit Feuer zu Leibe; es scheint mir nicht übel, in unserm Falle mit Hunger zu operieren. Alles ist erlaubt, wenn man einer heiligen Sache dient. Hätte er sich nicht mit mir eingelassen!«
Sie schickten sich an, die Kirche zu verlassen. Aber vorher warf Natário noch einen Blick auf den Sarg. Er deutete mit der Schirmspitze darauf und fragte: »Wer liegt denn da?«
»Der Morais«, sagte Amaro.
»Der Dicke mit den Blatternarben?«
»Ja.«
»War ein gesegneter Dummkopf!« Und nach einer Pause: »Hm, es gab ja die Leichenfeier für den Morais … Hatte gar nicht mehr daran gedacht, so sehr war ich mit meinem Feldzug beschäftigt … Die Witwe ist reich. Sie ist auch großzügig, freigebig, schenkt gern … Wer ist ihr Beichtiger? Der Silvério, nicht? … Er schnappt doch immer die fettesten Bissen in Leiria, der Elefant!«
Sie traten ins Freie. Die Apotheke des Carlos war geschlossen, der Himmel sehr düster.
Auf dem Kirchenplatz blieb Natário stehen.
»Um noch einmal zusammenzufassen: Der Dias spricht mit der Joaneira, Sie sprechen mit der Kleinen. Ich setze mich mit den Leuten von der Zivilregierung und mit Nunes Ferral ins Einvernehmen. Also: ihr befaßt euch mit der Heirat, ich mit der Anstellung.« Er klopfte dem Pfarrer jovial auf die Schulter und lächelte. »Das heißt also, ihn am Herzen und am Magen packen! Nun leben Sie wohl; denn die Kleinen warten mit dem Abendessen. Die Rosa, das arme Ding, hat einen furchtbaren Schnupfen gehabt! Sie ist schwächlich, macht mir viel Sorge … Wenn ich sie so schlaff und welk sehe, finde ich oft keinen Schlaf. Ja, so ist es, wenn man ein gutes Herz hat … Also morgen auf Wiedersehen, Amaro!«
»Auf Wiedersehen, Natário.«
Es schlug gerade neun, als die beiden Geistlichen sich trennten.
Noch immer zitterte Amaro ein wenig vor Aufregung, als er zu Hause ankam; aber er war entschlossen, war glücklich: eine köstliche Aufgabe wartete seiner! Als er mit bedächtigen, schweren Schritten durch das Haus ging, sagte er mit lauter Stimme, wie um sich in dem Gefühl dieser willkommenen Verantwortlichkeit zu bestärken: »Es ist meine Pflicht! Es ist meine Pflicht!«
»Ja, als Christ, als Pfarrer, als Freund der Joaneira hatte er die Pflicht, Amélia aufzusuchen und ihr einfach, ohne interessierte Leidenschaft, zu erzählen, daß João Eduardo, ihr Bräutigam, den Artikel geschrieben hatte.
Er war es! Er verleumdete die intimen Freunde des Hauses, gelehrte Priester in angesehener Stellung; er brachte selbst sie, Amélia, in Verruf. Die Nächte verbringt er mit wüsten Orgien in Agostinhos Lasterhöhle; er schmäht in gehässiger, gemeiner Weise den ganzen Klerus; er rühmt sich der Religionslosigkeit; seit sechs Jahren ging er nicht zur Beichte! Kurz, wie Natário sagt: Er ist ein wildes Tier! … Armes Mädchen! Nein, sie durfte nicht einen Menschen heiraten, der sie am gottseligen Leben hindern, der ihre Frömmigkeit ins Lächerliche ziehen würde! Er würde sie nicht beten, nicht fasten, nicht beim Beichtvater heilsame Seelenleitung suchen lassen, sondern ihre Seele, wie der heilige Vater Chrysostomos sagt, für die Hölle reif machen … Er, Amaro, war zwar nicht ihr Vater, auch nicht ihr Vormund; aber er war Pfarrer, war Seelenhirt. Und wenn er Amélia nicht durch seine ernsten Vorstellungen, durch den Einfluß der Mutter und der Freundinnen vor diesem Ketzerschicksal bewahrte, käme er sich vor wie einer, dem die Hut einer Herde anvertraut ist und der schnöde das Gitter dem Wolf öffnet! Nein, die kleine Amélia durfte diesen Gottlosen nicht heiraten!
Wie ihm das Herz im Überschwang neuer Hoffnung klopfte! … Nein, der andre würde sie nicht besitzen! Wenn er käme, um mit dem Titel des Rechts ihren Gürtel, ihre Brüste, ihre Augen, kurz, diese kleine, süße Amélia zu nehmen, er würde da sein, der Priester, und laut rufen: »Zurück, Kanaille! Dies ist Gottes Eigentum!«
Mit liebevoller Sorgfalt würde er die Führung der Kleinen zur ewigen Seligkeit in die Hand nehmen … Der Artikel war jetzt vergessen und der Chorherr beruhigt: in einigen Tagen könnte er unbesorgt in die Rua da Misericórdia zurückkehren, die reizenden Abendstunden wieder genießen, sich von neuem jener Seele bemächtigen, um sie fürs Paradies zurechtzuformen …
Und bei Gott: das wäre ja keine Intrige, um sie dem Bräutigam zu rauben. Seine Beweggründe (er sagte es laut, um sich besser davon zu überzeugen) waren gerecht und rein; dies alles war ein heiliges Werk, das er unternahm, um Amélia dem drohenden Höllenschlund zu entreißen. Er wollte sie nicht für sich, sondern für Gott! … Zufällig deckten sich seine Interessen als Liebhaber mit seinen Priesterpflichten. Aber auch wenn sie schielend, häßlich und dumm wäre, würde er – im Dienste des Himmels – in die Rua da Misericórdia gehen und dem Senhor João Eduardo, dem Verleumder und Atheisten, die Maske vom Gesicht reißen! –
Mit solchen Argumentationen brachte er sein Gewissen zum Schweigen und ging beruhigt zu Bett.
Aber die ganze Nacht träumte er von Amélia: sie waren geflohen, und er wanderte mit ihr auf einer Straße, die zum Himmel führte. Der Teufel verfolgte sie; er hatte die Gesichtszüge João Eduardos, schnaubte vor Grimm und zerfetzte mit den Hörnern die zarten Busen der Wolken. Und er, Amaro, verbarg Amélia unter seinem Priestergewand und trank darunter gierig ihre Küsse! Aber die Straße nach dem Himmel wollte kein Ende nehmen. »Wo ist die Pforte des Paradieses?« fragte er die goldlockigen Engel, die mit sanftem Flügelschlag vorüberzogen und Seelen in den Armen trugen. Und alle antworteten: »In der Rua da Misericórdia Nummer neun!« Amaro fühlte sich verirrt, verloren. Ein ungeheures Meer feinen, milchfarbenen Nebels umgab ihn wie weicher, bauschiger Vogelflaum. Vergebens schaute er sich nach einem Wirtshausschild um. Ab und zu glitt an ihm ein leuchtender, brodelnder Himmelskörper vorüber; ein andermal eine Schwadron Erzengel, die in diamantenen Panzern, feurige Schwerter schwingend, stolz einhergaloppierten …
Amélia hungerte und fror. »Geduld, Geduld, Liebling!« redete er ihr zu, und im Weiterwandern begegnete ihnen eine weiße Gestalt, die einen grünen Palmenzweig in der Hand trug. »Wo ist Gottvater?« fragte Amaro, an dessen Brust sich Amélia schmiegte. Die Gestalt antwortete: »Ich war ein Beichtiger und bin ein Heiliger. Die Jahrhunderte rollen an mir vorüber, und ewig, unveränderlich halte ich, in immer gleicher Verzückung, diese Palme in der Hand! Um keinen Schatten ändert sich dieses ewig weiße Licht; keine Empfindung erschüttert mein ewig makelloses Sein; und erstarrt in Seligkeit, fühle ich die lastende Monotonie des Himmels wie einen bronzenen Mantel auf mir liegen! O könnte ich tief in den vielen irdischen Lastern waten oder, von mannigfachem Schmerz gepeinigt, die Flammen des Fegefeuers durchfliegen!«
Amaro murmelte: »O wie gut taten wir daran, zu sündigen!« Aber Amélia sank vor Müdigkeit um. »Laß uns schlafen, Liebling!« Als sie am Boden hingestreckt lagen, sahen sie Milliarden winziger Sternchen wie Sonnenstäubchen um sich herumwirbeln. Dann legten sich Wolken in dichten Falten um sie, ein feiner Duft wie aus Riechkissen strömte von ihnen aus. Amaro legte seine Hände auf Amélias Brust; ein süßer Taumel ergriff sie beide; sie umschlangen sich, und ihre warmen, feuchten Lippen fanden sich im Kuß. »O liebe, kleine Amélia!« stöhnte er. »Ich liebe dich, Amaro, ich liebe dich!« flüsterte sie. Aber mit einem Male zerteilten sich die Wolken wie die Gardinen eines Bettes, und Amaro sah den Teufel vor sich, der mittlerweile herangekommen war. Er war bocksfüßig und fletschte das Maul zu einem stummen Lachen. Eine andre Gestalt war bei ihm, alt wie die Weltenmaterie – ein Greis. In den Ringeln seines Haares wuchsen Wälder; seine Pupillen schillerten im Blau des unendlichen Ozeans, und auf den gespreizten Fingern, mit denen er den endlosen Bart strich, wandelten in langen Reihen die Menschenrassen. »Hier sind die beiden«, sagte der Teufel zu ihm und ringelte den Schweif. Und dahinter sah Amaro Legionen von Heiligen beiderlei Geschlechts sich ballen. Er erkannte den heiligen Sebastian, von Pfeilen durchbohrt, die heilige Cäcilie mit ihrer Orgel; zwischen ihnen blökten die Herden des heiligen Johannes; und in der Mitte ragte die Gestalt des guten Riesen Sankt Christopherus, der sich auf seinen Fichtenstamm stützte. Sie spähten, tuschelten! Amaro konnte sich nicht aus den Armen Amélias befreien, die leise weinte. Ihre Leiber waren auf unbegreifliche, unheimliche Weise verschlungen, und Amaro bemerkte betrübt, wie des Mädchens weiße Knie, über denen die Röcke hinaufgeglitten waren, sich den Blicken darboten. »Hier sind die beiden«, sagte der Teufel zu dem Greis, »und mein geschätzter Freund wolle bemerken denn wir alle sind hier Kenner –, was für hübsche Beine die Kleine hat.« Greise von ehrwürdigem Aussehen richteten sich auf den Fußspitzen empor und reckten die Hälse, auf denen die Narben des Märtyrertums rot glühten, und elftausend Jungfrauen flatterten wie erschreckte Tauben umher! Da sagte ernst der uralte Greis, indem er sich die Hände rieb, aus denen Welten stiebten: »Ich weiß Bescheid, mein lieber Freund, ich weiß Bescheid! – Der Fall liegt also so, Herr Pfarrer: Man geht in die Rua da Misericórdia, zerstört das Glück des Senhor João Eduardo (eines Ehrenmannes), raubt die kleine Amélia ihrer Mama, und dann sucht man ein Winkelchen in der Ewigkeit auf, um seine unterdrückten Begierden zu stillen? Ich bin alt, und brüchig ist meine Stimme, die einst so weise in den Tälern predigte. Aber meinen Sie, daß der Herr Graf von Ribamar, Ihr Gönner, mir imponiert, wenn er auch eine Säule der Kirche und eine Stütze der Ordnung ist? Pharao war ein großer König, und ich ersäufte ihn samt seinen dienstbaren Fürsten, samt seinen Schätzen, seinen Streitwagen, seinen Sklavenherden! Ich bin noch da! Und wenn die Herren Geistlichen fortfahren, in Leiria ein skandalöses Leben zu führen, so weiß ich noch, wie man eine Stadt wie einen unnützen Papierfetzen verbrennt; auch fehlt's mir nicht an Wasser für neue Sintfluten!« Dann wandte er sich an zwei Engel, die mit Schwertern und Lanzen bewaffnet waren, und schrie: »Schmiedet eiserne Fesseln an die Füße des Paters und schleppt ihn in den Abgrund Nummer sieben!« Der Teufel meckerte: »Das sind die Folgen Ihrer Tat, Herr Pfarrer!« Amaro fühlte sich mit ehernen Fäusten von Amélias Busen gerissen; er sträubte sich, kämpfte, tobte gegen den Richter, der ihn verdammte, als plötzlich die Sonne in wunderbarer Pracht im Osten emporflammte und auf das Gesicht des Greises fiel. Amaro schrie verzweifelt auf: er hatte den ewigen Gottvater erkannt!
In Schweiß gebadet, fuhr er aus seinem Schlaf empor. Ein Sonnenstrahl drang durch das Fenster ins Zimmer.
Als João Eduardo in dieser Nacht vom Markt aus zum Haus der Joaneira ging, war er erstaunt, daß er vom andern Straßenende, von der Kathedrale her, die kleine Prozession kommen sah, die die Monstranz für die Letzte Ölung zu begleiten pflegt.
Und sie machte vor dem Haus der beiden Frauen halt! Zwischen den alten Frauen, welche die Kapuzen über die Köpfe gezogen hatten, leuchteten im Fackelschein scharlachrote Gewänder; unter dem Traghimmel blitzte die Goldstickerei der Stola des Pfarrers; das Glöcklein des Mesners bimmelte; manche Fenster erhellten sich, und durch die finstre Nacht klagte unaufhörlich das Totenglöcklein der Kathedrale.
João rannte erschrocken herzu und erfuhr, daß die Gelähmte die Letzte Ölung erhalten sollte.
Auf der Treppe stand eine Petroleumlampe auf dem Stuhl. Die Ministranten lehnten den Traghimmel an die Hauswand, und der Pfarrer trat ein. João Eduardo folgte ihm in großer Nervosität: er dachte daran, daß der Tod der Gelähmten mit der notwendig damit zusammenhängenden Trauerzeit seine Heirat verzögern würde; auch ärgerte ihn die Gegenwart des Pfarrers und der Einfluß, den dieser in diesem Augenblick gewann. So fragte er die Ruça, als er in dem Zimmer des Erdgeschosses stand, ziemlich wütend: »Ja, wie ist denn das gekommen?«
»Ach, die arme Seele fing heute nachmittag an ganz matt zu werden, der Herr Doktor kam und sagte, daß es zu Ende gehe, und die Frau schickte nach dem Sakrament.«
João Eduardo hielt es für geziemend, der »Zeremonie« beizuwohnen.
Das Zimmer der Alten lag neben der Küche und machte in diesem Augenblick einen feierlich-düsteren Eindruck.
Auf dem mit einer spitzenbesetzten Leinwanddecke überbreiteten Tisch stand zwischen zwei Wachskerzen ein Teller mit fünf Wattekügelchen. Der Kopf der Gelähmten mit dem totenbleichen Gesicht war von dem Linnen des Kopfkissens kaum zu unterscheiden. Ihre weitgeöffneten Augen starrten stumpf ins Leere; unablässig zupften ihre kraftlosen Finger an einer Falte des gestickten Bettüberzuges.
Die Joaneira und Amélia knieten betend am Bettrand. Dona Maria da Assunção, die ganz zufällig hereingekommen war, als sie von ihrem Gut heimkehrte, hockte entsetzt neben der Zimmertür auf ihren Fersen und murmelte ununterbrochen das Salve Regina. João Eduardo ließ sich neben ihr ganz still auf ein Knie nieder.
Pater Amaro neigte sich fast bis zum Ohr der Gelähmten herab und ermahnte sie, sich der göttlichen Gnade anzuvertrauen; aber da er sah, daß sie nichts verstand, kniete er nieder und betete rasch das Misereatur Misereatur – Misereatur tui omnipotens Deus ... = (lat.) Der allmächtige Gott erbarme sich deiner ... Teil des allgemeinen Sündenbekenntnisses in der Messe.. In dem allgemeinen Schweigen hatten die Anwesenden bei dem scharfen Klang der lateinischen Silben den wehmütigen Eindruck, einem Begräbnis beizuwohnen, und die beiden Frauen fingen an zu schluchzen. Dann stand er auf, tauchte den Finger in das geweihte Öl und salbte der Sterbenden unter den vorgeschriebenen Bußgebeten Augen, Brust und Mund, zuletzt die Hände, die sie seit zehn Jahren nur nach dem Spucknapf ausgestreckt, und die Füße, die sie seit zehn Jahren nur bewegt hatte, um die Wärmflasche zu suchen. Nachdem Amaro die ins Öl getauchten Wattekügelchen verbrannt hatte, kniete er nieder und verharrte unbeweglich, die Blicke aufs Brevier gerichtet.
João Eduardo ging auf den Fußspitzen ins Eßzimmer und setzte sich auf den Klaviersessel. Jetzt würde Amélia sicherlich vier bis fünf Wochen lang die Tasten nicht wieder berühren … Eine leise Schwermut befiel ihn; denn er begriff, daß dieser Todesfall mit seinen Zeremonien die beglückende Entwicklung seiner Liebe jäh unterbrochen hatte.
Dann trat Dona Maria ein, ganz aufgeregt von der eben erlebten Szene. Amélia folgte ihr mit rotgeweinten Augen.
»Ach, Gott sei Dank, daß Sie da sind, João Eduardo!« sagte die Alte. »Ich möchte Sie um den Gefallen bitten, mich nach Hause zu begleiten … Mir zittern alle Glieder … Ich hatte ja keine Ahnung, und – Gott verzeihe mir! – ich kann den Anblick eines Sterbenden nicht ertragen … Wenn auch die Arme wie ein Vögelchen hinübergeht … Und von Sünden keine Spur … Kommen Sie, wir gehen über den Markt; das ist näher … Sie nehmen mir's nicht übel … Und du, Mädchen, entschuldige … Der Schmerz ist schuld daran … Ach, was für ein Jammer! … Für sie ist es ja besser so … Mir wird ganz übel …«
Es machte sich sogar nötig, daß Amélia sie ins Zimmer der Joaneira hinunterführte, um sie barmherzigerweise mit einem Schnäpschen zu stärken.
»Liebe kleine Amélia«, sagte João Eduardo, »wenn ich mich irgendwie nützlich machen kann …«
»Nein, danke. Es dauert nur noch ein paar Augenblicke … die Arme …«
»Und vergiß nicht, Mädchen«, empfahl Dona Maria da Assunção beim Hinabsteigen, »vergiß nicht, die zwei geweihten Kerzen ans Kopfende zu stellen … Das erleichtert den Todeskampf so sehr … Und wenn sie sehr zu kämpfen hat, lege noch zwei ausgelöschte übers Kreuz auf sie … Gute Nacht! … Ach, ich bin ganz hin!«
Kaum sah sie den Traghimmel und die Männer mit den Fackeln, so packte sie João Eduardo am Arm und schmiegte sich ängstlich an ihn, auch ein wenig zärtlich: das kam von dem Schnäpschen, das sie stets in eine milde Aufregung versetzte.
Amaro hatte versprochen, später wiederzukommen, um »den Damen in dieser Schicksalsprüfung als Freund beizustehen«. Und der Kanonikus, der eintraf, als die Prozession mit dem Traghimmel nach der Kathedrale zu um die Ecke bog, war sehr befriedigt, als er hörte, daß Amaro die Nachtwache halten wollte. Infolge dieser Liebenswürdigkeit konnte er selbst seinem Körper Ruhe gönnen; denn »Gott allein wußte, wie nachteilig solche seelischen Erschütterungen seiner Gesundheit waren«.
»Und nicht wahr, liebe Freundin«, wandte er sich an die Joaneira, »Sie wollen doch nicht, daß ich mir etwas zuziehe und wieder ähnliches durchmache wie …«
»Um Gottes willen, Herr Kanonikus!« rief die Frau. »Sagen Sie nicht so etwas! …« Und sie fing in ihrer Angst an zu wimmern.
»Also dann gute Nacht«, sagte der Kanonikus, »und seien Sie nicht traurig. Sehen Sie, Freude hat die arme Kreatur ja nicht gekannt, und da sie ohne Sünden war, braucht sie sich vor Gott nicht zu fürchten. Alles in allem genommen, ist es ja ein Glück, liebe Senhora Caminha! Nun gute Nacht; ich fühle mich gar nicht so recht wohl …«
Auch die Joaneira fühlte sich nicht wohl. Infolge des Schrecks hatten sich bei ihr nach dem Essen Anzeichen einer heftigen Migräne bemerkbar gemacht, und als Amaro um elf Uhr eintraf, öffnete ihm Amélia die Tür und sagte, während sie die Treppe hinaufstiegen: »Entschuldigen Sie, Herr Pfarrer; die arme Mama hat einen Migräneanfall … Darum ist sie nicht da … Sie hat sich den Kopf mit schmerzstillendem Balsam eingerieben und ist zu Bett gegangen. Jetzt schläft sie …«
»Oh, lassen Sie sie nur schlafen!«
Die beiden traten in das Stübchen der Gelähmten. Diese hatte den Kopf nach der Wand gedreht; aus ihrem offenen Munde kam ein ununterbrochenes, sehr leises Stöhnen. Auf dem Tisch brannte noch eine dicke geweihte Kerze mit schwarzem Docht und verbreitete ein trübes Licht. In einer Ecke saß ängstlich die Ruça und betete, wie man sie geheißen hatte, den Rosenkranz herunter.
»Der Doktor sagt«, flüsterte Amélia, »daß sie sterben wird, ohne es zu merken … Sie wird nur immer seufzen und stöhnen, und mit einem Male wird es aus sein, wie bei einem kleinen Vogel …«
»Der Wille des Herrn geschehe!« sagte ernst der Pater Amaro.
Sie begaben sich ins Eßzimmer. Schweigen herrschte im ganzen Haus; draußen heulte der Wind. Viele Wochen lang waren sie nicht allein miteinander gewesen. In großer Verlegenheit näherte sich Amaro dem Fenster; Amélia lehnte sich an den Anrichtetisch.
»Es wird heute nacht regnen«, sagte der Pfarrer.
»Und kalt ist es auch«, meinte das Mädchen, indem es den Schal um die Schultern zog.
»Haben Sie noch niemals einen Menschen sterben sehen?«
»Nie.«
Sie schwiegen, er unbeweglich am Fenster, sie mit gesenkten Augen am Anrichtetisch.
»Ja, es ist kalt«, sagte Amaro. Seiner Stimme hörte man die Verwirrung an, in die ihn dies nächtliche Alleinsein mit dem Mädchen versetzte.
»In der Küche brennt das Heizbecken; wollen wir nicht lieber hinübergehen?«
»Ja, das wird besser sein.«
Sie gingen. Amélia nahm die Messinglampe mit, und Amaro, der mit der Feuerzange in der roten Glut stocherte, sagte: »Es ist lange her, seit ich das letzte Mal in dieser Küche war … Stehen die Blumentöpfe immer noch draußen vorm Fenster?«
Sie setzten sich auf die Stühle neben dem Heizbecken. Amélia, die sich über das Feuer neigte, fühlte die verzehrenden Blicke des Paters Amaro auf sich gerichtet. Nun würde er sicher reden! Seine Hände zitterten … Sie wagte sich nicht zu rühren, nicht die Lider zu heben, sie fürchtete, die Tränen könnten ihr aus den Augen stürzen. Aber sie lechzte nach seinen Worten, bitteren oder süßen, gleichviel …
Und sie kamen endlich, sehr ernst.
»Dona Amélia«, sagte er, »ich wagte kaum zu hoffen, daß wir uns so allein sprechen könnten; aber es hat sich nun einmal so ergeben … Es ist sicher Gottes Wille! Nachdem Ihr Verhalten sich so sehr geändert hatte …«
Sie wandte sich ihm jäh zu; ihr Gesicht glühte, ihre Lippen bebten. »Sie wissen doch warum!« rief sie, dem Weinen nahe.
»Ich weiß. Wenn nicht jener infame Artikel und die Verleumdungen gewesen wären, hätte sich nichts ereignet; unsere Freundschaft wäre noch dieselbe und alles in schönster Ordnung … Und gerade darüber möchte ich mit Ihnen reden!« Er rückte seinen Stuhl näher an sie heran und sagte mit sanfter, ruhiger Stimme: »Sie erinnern sich an den Artikel, in dem alle Freunde Ihres Hauses beschimpft wurden? In dem ich Spießruten laufen mußte? In dem Sie selbst, in dem Ihre Ehre angegriffen wurde? … Sie erinnern sich doch daran, nicht? … Wissen Sie, wer ihn geschrieben hat?«
»Wer ihn geschrieben hat?« fragte Amélia, im höchsten Grade überrascht.
»Nun«, erwiderte der Pfarrer sehr ruhig, indem er die Arme kreuzte, »es war Senhor João Eduardo …«
»Das kann nicht sein!«
Sie war aufgestanden. Amaro zog sie sanft am Rock auf ihren Stuhl nieder, und sanft, gleichmütig fuhr er fort. »Hören Sie, bleiben Sie sitzen. Er hat den Artikel geschrieben. Ich habe gestern alles erfahren. Natário hat das von seiner eigenen Hand geschriebene Original gesehen. Natário hat alles herausbekommen. Sicher auf würdige Weise … und weil es Gottes Wille war, daß die Wahrheit ans Licht käme. Nun geben Sie wohl acht: Sie kennen diesen Mann nicht, Dona Amélia!« Und leise erzählte er ihr alles, was er von Natário über João Eduardo erfahren hatte: seine nächtlichen Zusammenkünfte mit Agostinho, seine beleidigenden Ausfälle gegen die Geistlichen, seine Gottlosigkeit …
»Fragen Sie ihn, ob er in den letzten sechs Jahren ein einziges Mal gebeichtet hat, und lassen Sie sich die Beichtzettel zeigen!«
Sie murmelte, die Augen in den Schoß gerichtet: »Jesus … Jesus …«
»Da habe ich gemeint, daß ich, als intimer Freund Ihres Hauses, als Pfarrer, als Christ, als Ihr persönlicher Freund, Dona Amélia … o glauben Sie mir, daß ich Ihnen gut bin! … die Pflicht hätte, Sie zu warnen! Wenn ich Ihr Bruder wäre, würde ich einfach sagen: Amélia, hinaus mit diesem Menschen! … Ich bin es leider nicht. Aber ich komme mit treu ergebenem Herzen, um Ihnen zu sagen: Der Mann, den Sie heiraten wollen, hat Sie und Ihre Mutter schmählich getäuscht. Er kommt hierher, spielt sich als biederer Mann auf und ist im Grunde nur …« Wie von einer unbezwinglichen Entrüstung aufgewühlt, sprang Amaro auf. »Dona Amélia, er ist der Mensch, der den Artikel verfaßt hat! Der den Pater Brito in das Gebirge von Alcobaça gebracht hat! Der mich einen Verführer, den Herrn Kanonikus Dias einen Wüstling nannte! Der die Beziehungen Ihrer Mutter zum Herrn Kanonikus mit dem Gift der Verleumdung besudelte! Und der behauptet hat, daß Sie sich – rundheraus gesagt hätten verführen lassen! Sagen Sie: Wollen Sie diesen Menschen heiraten?«
Sie antwortete nicht, sondern starrte mit tränenschweren Augen ins Feuer.
Amaro rannte zornig in der Küche herum. Nach einer Weile trat er an ihre Seite und sagte mit besänftigender Stimme und großer Herzlichkeit: »Und selbst wenn wir annähmen, daß er nicht der Verfasser des Artikels wäre und nicht unverblümt Ihre Mutter, den Herrn Kanonikus und dessen Freunde beleidigt hätte, so bliebe doch immer noch eins: seine Gottlosigkeit! Bedenken Sie, welches Schicksal Sie erwartet, wenn Sie ihn heiraten! Entweder müßten Sie sich die Ansichten des Mannes zu eigen machen, Ihrer Frömmigkeit entsagen, mit den Freunden Ihrer Mutter brechen, die Kirche meiden, Anstoß bei allen anständigen Leuten erregen, oder Sie müßten sich gegen ihn auflehnen, und Ihr Heim würde Ihnen zur Hölle werden! Immer nur Streit: wegen des Fastens am Freitag, wegen des Kirchenbesuchs, wegen der Heiligung des Sonntags, wegen der Beichte.‹Schrecklich! Und Sie müßten mit anhören, wie er die Mysterien des Glaubens verhöhnt! Noch erinnere ich mich – es war am ersten Abend meines Hierseins –, mit welcher Respektlosigkeit er von der Heiligen von Arregaça sprach! Und wie er sich aufführte, als eines Abends Pater Natário hier von den Leiden unseres Heiligen Vaters Pius IX. erzählte, der gefangengesetzt würde, wenn die Liberalen in Rom einzögen … Er lachte nur höhnisch und meinte, dies seien Übertreibungen! … Als ob es nicht absolut sicher wäre, daß wir, wenn es nach dem Willen der Liberalen ginge, das Oberhaupt der Kirche, den Stellvertreter Christi, in einem finsteren Verlies, auf einem dürftigen Strohhaufen schlafen sehen müßten! Das sind die Meinungen, die er überall predigt! Pater Natário sagt, er und Agostinho hätten im Café neben dem Schloßhof erklärt, die Taufe sei ein Unfug; denn ein jeder dürfte die Religion wählen, die er wolle; man dürfe ihn nicht schon als Kind zwingen, ein Christ zu werden! Nun, was halten Sie davon? Als alter, guter Freund sage ich Ihnen: Um Ihres Seelenheils willen möchte ich Sie lieber tot sehen als mit diesem Menschen verbunden! Heiraten Sie ihn, und Sie verlieren für immer die Gnade Gottes!«
Amélia hob die Hände an die Schläfe, sank in den Stuhl zurück und murmelte verzweifelt: »O mein Gott, mein Gott!«
Dann setzte sich Amaro neben sie, so daß er beinahe mit dem Knie ihr Kleid berührte, und redete mit dem Ausdruck väterlicher Güte auf sie ein.
»Und dann, meine Tochter, glauben Sie, daß ein solcher Mensch ein gutes Herz haben, Ihre Tugend schätzen, Sie wie ein christlicher Ehegatte lieben kann? Wer keine Religion hat, hat auch keine Moral. Wer nicht glaubt, liebt auch nicht, sagt einer unserer Heiligen Väter. Wenn das Strohfeuer seiner Leidenschaft niedergebrannt ist, wird er hart und mürrisch mit Ihnen sein, wird er wieder zu Agostinho und seinen frechen Weibern zurückkehren, wird er Sie vielleicht gar mißhandeln … Sie werden in ewiger Angst leben! Wer die Religion nicht hochhält, kennt keine Skrupel: er lügt, stiehlt, verleumdet … Denken Sie an den Artikel! Hierher kommen, dem Herrn Kanonikus die Hand drücken und dann in die Redaktion laufen und ihn einen Wüstling nennen! Was für Gewissensqualen hätten Sie später, in der Todesstunde, auszustehen! Die Sache ist nicht so schlimm, wenn man jung und gesund ist; aber wenn die letzte Stunde kommt, wenn die arme Kreatur im Todeskampf liegt: welche Schrecken hat sie dann durchzumachen, wenn sie daran denkt, daß sie vor Jesum Christum treten muß, nachdem sie ein sündiges Dasein an der Seite eines solchen Mannes geführt hat! Wer weiß, ob sie sich dann nicht gar weigern würde, die Letzte Ölung zu empfangen! Ohne Sakramente, wie ein Tier zu sterben! …«
»Um der Barmherzigkeit Gottes willen, Herr Pfarrer!« schrie Amélia, die in einen Weinkrampf verfiel.
»Weinen Sie nicht«, sagte Amaro und nahm ihre Hand sanft in die seine, die heftig zitterte. »Hören Sie mich an, schütten Sie Ihr Herz aus … Beruhigen Sie sich; alles wird wieder gut. Sie sind ja noch nicht aufgeboten … Sagen Sie ihm, daß Sie nicht heiraten wollen, daß Sie alles wissen, daß Sie ihn hassen …« Ganz leise streichelte und drückte er Amélias Hand. Und plötzlich in Hitze geratend: »Sie machen sich nichts aus ihm, nicht wahr?«
Kaum hörbar, den Kopf auf die Brust gesenkt, sagte sie: »Nein.«
»Nun also!« rief er aufgeregt. »Und noch eins: Lieben Sie einen andern?«
Sie antwortete nicht; mit wogender Brust, heftig atmend, starrte sie groß ins Feuer.
»Reden Sie, sprechen Sie! Lieben Sie?«
Er legte den Arm um ihre Schulter und zog sie sanft an sich. Die Hände ruhten ihr schlaff im Schoße. Langsam richtete sie ihre tränenumflorten Augen auf ihn, und blaß, willenlos öffnete sie den Mund. Und seine zitternden Lippen fanden die ihren zu einem langen, brünstigen Kuß …
»Dona Amélia! Dona Amélia!« ließ sich plötzlich die entsetzte Stimme der Ruça aus dem Krankenzimmer vernehmen.
Amaro fuhr empor und rannte in das Gemach der Gelähmten. Amélia zitterte so heftig, daß sie sich an die Küchentür lehnen mußte. Dort stand sie eine Weile mit kraftlosen Beinen, die Hand aufs Herz gepreßt. Dann faßte sie sich und stieg hinunter, um die Mutter zu wecken.
Als sie in das Zimmer der Schwachsinnigen traten, fanden sie Amaro am Bett kniend. Er betete; sein Gesicht berührte beinahe die Bettdecke. Auch die beiden Frauen fielen auf die Knie nieder. Krampfhaftes Atmen erschütterte die Brust und die Weichen der Alten; und in dem Maße, wie das Röcheln rauher und rauher wurde, beschleunigte der Pfarrer seine Gebete. Mit einem Schlag hörte das Todesröcheln auf. Alle drei standen auf. Unbeweglich lag die Alte da; ihre glanzlosen Augäpfel standen weit heraus. Sie hatte ausgelitten.
Gleich darauf führte Amaro die Frauen ins Eßzimmer. Hier weinte sich die Joaneira, deren Migräne durch den Schreck verschwunden war, gründlich aus. Dazwischen hinein erzählte sie von der Zeit, da die arme Schwester noch jung war. Und wie hübsch sie gewesen sei und wie nahe daran, mit dem Majoratsherrn von Vigareira die Ehe einzugehen!
»Und wie begnadet sie war, Herr Pfarrer. Eine Heilige! Als Amélia zur Welt kam und ich schwer darniederlag, wich sie Tag und Nacht nicht von meiner Seite! … Und heiter wie keine zweite! … Ach lieber Gott, ach lieber Gott!«
Amélia lehnte am Fenster und blickte wie betäubt in die schwarze Nacht hinaus.
Da klingelte die Hausglocke. Amaro stieg mit einer Kerze hinab. Es war João Eduardo, der, als er den Pfarrer zu dieser Stunde im Hause sah, wie versteinert in der offenen Tür stehenblieb. Endlich stotterte er: Ich wollte nachsehen, ob es etwas Neues gäbe …«
»Die arme Frau ist soeben gestorben …«
»Ah!«
Die beiden Männer sahen sich einen Augenblick fest an.
»Wenn ich mich irgendwie nützlich machen kann …«, sagte João Eduardo.
»Nein, danke. Die Damen wollen eben zu Bett gehen.«
Angesichts dieses hausherrlichen Gebarens wurde João Eduardo bleich vor Zorn. Er zögerte noch einen Moment. Aber als er sah, wie der Pfarrer das Licht mit der Hand vor dem Wind zu schützen versuchte, sagte er kurz: »Gute Nacht.«
»Gute Nacht!«
Pater Amaro stieg wieder hinauf und ließ die beiden Frauen ins Zimmer der Joaneira hinuntergehen; denn sie wollten in ihrer Furcht zusammen schlafen. Er begab sich in das Stübchen der Toten, zündete die Kerze auf dem Tisch an, machte sich's in einem Stuhl bequem und fing an, im Brevier zu lesen.
Später, als alles im Hause zur Ruhe gekommen war und der Pfarrer schläfrig wurde, ging er ins Eßzimmer hinüber. Er erfrischte sich mit einem Glas Portwein, den er auf dem Büfett fand, und rauchte behaglich eine Zigarette. Da hörte er auf der Straße das unaufhörliche Aufundabgehen schwerer Schritte. In der dunklen Nacht konnte er nicht erkennen, wer der unermüdliche »Nachtwandler« war. Es war João Eduardo, der wütend vor dem Hause hin und her patrouillierte.