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XVI

Als Amaro am nächsten Morgen an der Uhr, die über seinem Kopfkissen hing, erkannte, daß es bald Zeit zur Messe war, sprang er fröhlich aus dem Bett. Und während er einen alten Paletot anzog, der ihm als Schlafrock diente, dachte er an einen andern Morgen in Feirão. Da war er entsetzt aufgewacht, weil er am Abend vorher, zum ersten Mal, seitdem er Priester war, gegen das sechste Gebot gesündigt hatte. Mit der Joana Vaqueira – auf dem Stroh eines Stalles – in roher Sinnenlust … Und er hatte sich damals nicht getraut, die Messe zu lesen, weil ihm dieses Verbrechen wie ein Felsblock auf der Seele lastete. Er kam sich befleckt, unrein, für die Hölle reif vor, denn so urteilten die heiligen Kirchenväter und das seraphische Konzil von Trient über derartige Sünden. Dreimal war er an die Kirchentür getreten; dreimal war er verstört zurückgewichen. Er hatte damals die Überzeugung, die Kapelle müßte über ihm zusammenstürzen oder sein Leib auf ewig gelähmt werden, wenn er mit diesen seinen Händen, die die Röcke der Vaqueira in die Höhe gerissen, die heiligen Gefäße berührte. Und vor der Monstranz würde sich zornfunkelnd der heilige Michael, das Rächerschwert in hocherhobener Faust, erheben! Da war er zu Pferde gestiegen und zwei Stunden durch die Lehmlandschaft von Dom João geritten, um in Gralheira dem guten Abt Sequeira zu beichten … Ah, damals war er noch unschuldig, übertrieben fromm und von der Furcht der Neulinge beherrscht gewesen! Jetzt sah er mit offenen Augen den menschlichen Realitäten ins Gesicht. Äbte, Kanoniker, Kardinäle und Bischöfe sündigten nicht auf dem Stroh der Ställe, sie taten es in bequemen Alkoven, beim leckeren Souper. Und die Kirchen stürzten nicht zusammen; der Racheengel Michael ließ sich wegen solcher Lappalien nicht aus seiner himmlischen Behaglichkeit reißen!

Das war es also nicht, was ihn etwas später beunruhigte. Was ihm einige Sorge machte, war die Dionísia, die er in der Küche husten und hantieren hörte. Er getraute sich gar nicht, sie um warmes Wasser zum Rasieren zu bitten. Daß dieses Frauenzimmer um sein Geheimnis wußte, war ihm in hohem Maße unangenehm. Nicht, daß er an ihrer Verschwiegenheit zweifelte; die gehörte ja zu ihrer Berufsehre, und ein paar größere Geldstücke würden ihre Ergebenheit noch befestigen. Aber sein priesterliches Ehr- und Schamgefühl bäumte sich gegen den Gedanken auf, daß diese alte Konkubine von Beamten und Offizieren, die ihre Fettmassen durch den Schlamm sämtlicher Lasterstätten der Stadt gewälzt hatte, nun auch von den unheiligen Begierden wissen sollte, die unter seinem, des Pfarrers Gewand glommen. Fast wäre es ihm lieber gewesen, wenn ihn gestern abend Silvério oder Natário in seiner Brunst gesehen hätte; dann wäre es wenigstens unter Priestern geblieben! … Besonders peinlich waren ihm die zynischen Schweinsäuglein der Dionísia, die ihn von nun an beobachten würden, diese Äuglein, die sich vor der hohen Würde der Soutanen ebensowenig wie vor dem Glanz der Uniformen senkten, weil sie wußten, daß unter diesen Kleidern die gleiche Erbärmlichkeit, die gleiche viehische Lust des Fleisches wohnte …

Es ist entschieden, dachte er, ich gebe ihr einen Dukaten und schicke sie fort.

An der Zimmertür wurde diskret geklopft.

»Herein!« rief Amaro, der sich sofort an den Tisch setzte und nun in gebückter Haltung eifrig mit seinen Papieren beschäftigt zu sein, schien.

Dionísia trat ein, stellte den Wasserkrug auf den Waschtisch, hustete und sagte über die Schultern Amaros hinweg: »Herr Pfarrer, sehen Sie, Sie machen die Sache nicht richtig. Gestern hat man das Fräulein hier herauskommen sehen. Das ist sehr ernst, junger Herr … Es liegt im Interesse aller Beteiligten, daß die Sache geheim bleibt!«

Nein, die konnte er nicht fortschicken! Das Weib drängte sich ja förmlich mit Gewalt in sein Vertrauen! Aber die Worte, die sie so leise gesagt hatte, als hätten die Wände Ohren, gaben ihm zu denken. Sie zeugten von großer Geschäftsklugheit und ließen ihn den Vorteil, den er aus einer so erfahrenen Mithelferschaft schlagen konnte, klar erkennen.

Er drehte sich mit rotem Kopf um.

»Man hat sie gesehen?«

»Ja. Es waren zwei Betrunkene … Aber es hätten auch zwei Herren sein können.«

»Das ist wahr.«

»Und in Ihrer Stellung, Herr Pfarrer! Und in der Stellung des Fräuleins! … Es muß alles ganz verschwiegen geschehen … Nicht einmal die Möbel im Zimmer dürfen es wissen! Und wenn ich einmal eine Sache protegiere, verlange ich so viel Vorsicht, als ginge es um Leben und Sterben!«

Da faßte Amaro den jähen Entschluß, die »Protektion« der Dionísia anzunehmen. Er suchte in einer Ecke der Schublade und gab der Kupplerin einen halben Dukaten.

»Nun, meinetwegen«, murmelte sie. »Vergelt's Gott!«

»Schön! Und nun, Dionísia, was meinen Sie?« fragte Amaro, der sich in den Stuhl zurücklehnte und die Ratschläge der Matrone erwartete.

Sie antwortete ganz natürlich und ohne jede Spur von Geheimniskrämerei oder Bosheit: »Meiner Meinung nach gibt es keinen besseren Platz für ein Stelldichein mit der Kleinen als das Haus des Glöckners.«

»Das Haus des Glöckners?«

Sie erklärte ihm mit ruhigen Worten die Vorzüge des Ortes. Ein Nebengelaß der Sakristei führe, wie er wisse, auf einen Hof, wo man gelegentlich der Reparaturarbeiten eine Baracke gebaut habe. Nun, gerade auf der andern Seite erhebe sich die Hinterfront des Glöcknerhauses … Die Küchentür des Onkels Esguelhas gehe auf den Hof hinaus. Der Herr Pfarrer brauche nur aus der Sakristei zu treten, den Hof zu überqueren, und er sei im Nest …

»Und sie?«

»Sie benutzt den Haupteingang der Glöcknerwohnung, der bekanntlich in der Gasse liegt, die in den Kirchplatz mündet. Durch dieses einsame Gäßchen kommt keine Menschenseele. Und wenn Dona Amélia gesehen würde, müßte das als eine ganz plausible Sache erscheinen: sie geht einfach zum Glöckner, um ihm irgendein Geschenk zu bringen … So ungefähr denke ich mir's; der Plan verträgt natürlich noch manche Ergänzung und Verbesserung …«

»Hm«, meinte Amaro, der nachdenklich im Zimmer auf und ab ging. »Es ist sozusagen die Skizze des Operationsplanes …«

»Ich kenne den Ort genau, Herr Pfarrer. Glauben Sie mir: für einen geistlichen Herrn, der ein heimliches Fleckchen braucht, gibt es nichts Passenderes als das Haus des Glöckners.«

Amaro blieb lachend vor ihr stehen; jetzt hatte er alle Scheu verloren.

»Tante Dionísia, gestehen Sie's nur: es ist nicht das erste Mal, daß Sie das Haus des Glöckners empfehlen, was?«

Sie stritt das sehr energisch ab. Den Onkel Esguelhas kenne sie nicht einmal! Aber die Idee sei ihr in der Nacht gekommen, als sie im Bett über den Fall nachgegrübelt habe. Gleich am frühen Morgen habe sie daraufhin das Terrain rekognosziert und gefunden, daß es wunderbar passe.

Die Kupplerin hüstelte und ging geräuschlos zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal um und gab als letztes den Rat: »Alles, hängt davon ab, daß sich Hochwürden gut mit dem Glöckner stellen.«

 

Diese Frage zu lösen, war nun die Hauptsorge des Paters Amaro.

Der Onkel Esguelhas galt bei den Kirchendienern und Küstern für einen Griesgram. Man hatte ihm ein Bein abgenommen; darum benutzte er eine Krücke. Einige Geistliche, die ihre Günstlinge ins Glöckneramt bringen wollten, hatten sogar behauptet, dieses Gebrechen mache ihn, gemäß der Vorschrift, für den Kirchendienst untauglich. Aber der frühere Pfarrer José Miguéís hatte ihn im Amt gelassen und folgte damit einem Wink des Bischofs. Als Begründung führte er an, daß jener verhängnisvolle Sturz, der die Amputation nötig gemacht hatte, im Turmgebäude geschehen sei, als der Glöckner während eines Kirchenfestes seinen Dienst verrichtete. Damit habe unser Herrgott deutlich zu verstehen gegeben, daß man den Onkel Esguelhas im Kirchendienst behalten müsse. Und als Amaro sein Pfarreramt antrat, benützte der Glöckner den Einfluß der Joaneira und Amélias, um, wie er sagte, »den Strick in der Hand zu behalten«. Außerdem war seine Beibehaltung im Dienst – und dies war die allgemeine Ansicht in der Rua da Misericórdia – ein Akt der Nächstenliebe. Denn der Onkel Esguelhas, ein Witwer, hatte eine Tochter, deren Beine von Kindheit an gelähmt waren. »Der Teufel ist nun einmal erpicht auf die Beine der Familie«, pflegte er zu sagen. Sicherlich war dieses Unglück der Grund für sein trauriges, schweigsames Wesen. Man erzählte sich, daß das Mädchen, das Antónia hieß und vom Vater Totó genannt wurde, ihn mit Trotz, Wutausbrüchen und abscheulichen Launen quälte. Der Doktor Gouveia erklärte sie für hysterisch; aber für die christlich gesinnten Leute galt es als eine unumstößliche Tatsache, daß Totó vom Teufel besessen war. Es hatte sogar die Absicht bestanden, ihr den Dämon auszutreiben; aber der Herr Generalvikar, der immer die Presse fürchtete, wollte nicht die erforderliche Genehmigung erteilen, und so hatte man sie nur – erfolglos-wiederholt mit Weihwasser besprengt. Übrigens wußten die Leute gar nicht genau, worin die Besessenheit der Gelähmten bestand. Dona Maria da Assunção hatte sagen hören, daß das Mädchen zuweilen wie ein Wolf heule; die Gansoso erfuhr aus einer andern Quelle, daß sich die Unglückliche mit den Fingernägeln zerfleische … Wenn man den Onkel Esguelhas nach Totó fragte, sagte er mürrisch: »Sie liegt eben da.«

Die freien Stunden, die ihm sein Kirchendienst ließ, verbrachte er in dem baufälligen Häuschen bei seiner Tochter. Höchstens wenn er wegen einer Arznei in die Apotheke gehen mußte oder um Kuchen in der Konditorei der Teresa zu kaufen, überschritt er den Kirchplatz. Den ganzen Tag lag dieser verlorene, feuchte Winkel der Kathedrale mit dem Hof, der Baracke, der hohen, unkrautbewachsenen Mauer in tiefem Schweigen. Und wie düster wirkte das Haus im Hintergrund mit dem zerbröckelnden Gemäuer, aus dem ein schmutziges, schwarzgerändertes Fenster starrte! Wenn sich die Chorknaben manchmal mit scheuen Schritten in den Hof wagten, um den Onkel Esguelhas zu belauern, sahen sie ihn unfehlbar am Herd sitzen, wie er gebückt, die Pfeife in der Hand, traurig in die Asche spuckte.

Es verging kein Tag, an dem er nicht die Messe des Herrn Pfarrers hörte. Und als dieser an jenem Morgen sich in der Sakristei ankleidete und auf den Steinen des Hofes die Krücke klappern hörte, legte er sich schon zurecht, was er dem Glöckner erzählen wollte. Denn es ging nicht an, daß er so ohne weiteres von ihm die Benutzung des Hauses verlangte. Amaro mußte ihm begreiflich machen, daß ein religiöser Zweck ihn dazu veranlaßte … Und welcher Zweck konnte plausibler erscheinen als der, eine fromme Seele für das heilige Klosterleben vorzubereiten? Hier, im geheimen, wo die feindlichen Einflüsse der Welt nicht zu befürchten waren? …

Als der Glöckner in die Sakristei trat, begrüßte ihn Amaro mit einem freundlichen »Guten Morgen!«. Er beglückwünschte ihn zu seinem gesunden Aussehen. Das sei ja auch kein Wunder, denn nach der Meinung aller Heiligen Väter verleihe der stete Umgang mit den Kirchenglocken in ganz besonderem Maße frohen Sinn und leibliches Wohlbefinden. Denn von den Kirchenglocken ströme eine wohltätige Kraft aus, weil sie geweiht seien. Er erzählte dann leutselig dem Onkel Esguelhas und den beiden Küstern, daß er, als er noch klein war und im Hause der Frau Marquise de Alegros erzogen wurde, keinen innigeren Wunsch gehabt habe als den, eines Tages Glöckner zu werden …

Alle lachten herzlich und waren entzückt über die Spaßhaftigkeit Seiner Hochwürden.

»Lachen Sie nicht, es ist wirklich wahr. Ich würde mich auch gar nicht schlecht dabei stehen … In früheren Zeiten waren es Kleriker niederen Grades, die die Glocken läuteten. Unsere Heiligen Väter betrachteten das Glockenläuten als eins der wirksamsten Mittel zur Pflege der Frömmigkeit. So hat eine Glosse folgenden Vers in den Mund der Glocke gelegt:

Laudo Deum, populum voco, congrego clerum,
Defunctum ploro, pestem fugo, festa decoro …

Das heißt bekanntlich: Ich lobe Gott, ich rufe das Volk, ich versammle die Geistlichkeit, ich beweine die Toten, ich verjage die Pest und verschöne die Feste.«

Er stand mitten in der Sakristei, als er, schon mit Chorhemd und Achseltuch angetan, feierlich die Verse zitierte. Und der Onkel Esguelhas richtete sich stolz an seiner Krücke empor, als er diese Worte hörte, die seiner Person eine so ungeahnte Bedeutung verliehen.

Der Küster hatte sich mit dem violetten Meßgewand genähert. Aber Amaro war mit seiner Verherrlichung der Glocken noch nicht fertig. Er verbreitete sich des weiteren darüber, welch geheimnisvolle Macht sie besäßen – wenn es auch einige dünkelhafte Gelehrte leugneten –, Gewitter zu zerstreuen. Das läge daran, daß sie nicht nur der Luft den Segen mitteilten, den sie durch die Weihe empfingen, sondern auch die bösen Geister zerstreuten, die zwischen den Stürmen und blitzschwangeren Wolken ihr Unwesen trieben. Das heilige Konzil von Mailand empfehle das Läuten der Glocken, sobald ein Gewitter drohe.

»Auf jeden Fall aber rate ich Ihnen, Onkel Esguelhas«, fügte er mit einem Lächeln hinzu, in dem sich gütige Anteilnahme an dem Schicksal des Glöckners spiegelte, »in solchen Fällen vorsichtig zu sein. Wenn man immer da oben steckt und so nahe dem Gewitter … Also los, Onkel Matias!«

Er ließ sich das Meßgewand über die Schultern legen und murmelte andächtig: »Domine, quis dixisti jugum meum … Domine, quis dixisti jugum meum – (lat.) O Herr, der du mein Joch bestimmt hast ... Es ist süß und nur eine leichte Bürde. Zieh die Bänder hinten mehr zusammen, Onkel Matias. Suave est, et onus meum leve …«

Er verneigte sich vor dem Gekreuzigten und trat in vorschriftsmäßiger Haltung, hoch aufgerichtet, aber gesenkten Hauptes, in die Kirche, während Matias, nachdem er ebenfalls einen Kratzfuß vor dem Kruzifix gemacht hatte, unter starkem Räuspern mit den Meßgefäßen hinter ihm hereilte.

Während der ganzen Messe tat der Pater Amaro, als zelebrierte er sie nur für den Glöckner. Als er sich beim Offertorium und beim Orate fratres dem Schiff zuwandte, hatte er – das Ritual gestattete in gewissen Fällen dieses Verfahren immer diesen einen Mann im Auge. Und der Onkel Esguelhas, der auf seine Krücke gestützt dastand, folgte der Feier mit entsprechend erhöhter Andacht. Sogar beim Benedicat Benedicat – Benedicat vos omnipotens Deus, Pater, et Filius, et Spiritus Sanctus = (lat.) Es segne euch der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. – Schlußsegen in der Messe., nachdem Amaro sich dem Altar zugekehrt hatte, um von dem lebendigen Gott die Fülle der Barmherzigkeit entgegenzunehmen, beschloß er den Segen, indem er langsam seinen Blick auf den Onkel Esguelhas richtete, als widmete er ausschließlich ihm das Gnadengeschenk unseres Herrgotts.

»Erwarten Sie mich im Hof, Onkel Esguelhas«, sagte er leise zu dem Glöckner, als sie in die Sakristei traten, »ich habe mit Ihnen zu reden.«

Er erschien auch bald darauf mit einer so ernsten Miene, daß der alte Mann beinahe ängstlich wurde.

»Bedecken Sie sich nur, Onkel Esguelhas. Ich muß über einen sehr ernsten Fall mit Ihnen reden … Sie können mir einen großen Gefallen tun …«

»Oh, Herr Pfarrer!«

»Jaja, wirklich einen großen Gefallen …« Wenn es sich nämlich darum handle, Gott einen Dienst zu erweisen, habe ein jeder die Pflicht, nach seinen Kräften mitzuwirken … Es handle sich um eine junge Dame, die Nonne werden wolle. Und um ihm zu beweisen, welches Vertrauen er in ihn setze, wolle er ihm sogar den Namen der Dame nennen … »Es ist die kleine Amélia der Joaneira.«

»Was Sie nicht sagen, Herr Pfarrer!«

»Eine Berufung, Onkel Esguelhas! Gottes Finger ist sichtbarlich zu erkennen! Es ist außerordentlich …«

Und nun erzählte er eine verworrene Geschichte, die er je nach dem Gesichtsausdruck des verdatterten Glöckners drehte und wendete. Das Mädchen sei infolge des Unglücks, das es mit dem Bräutigam gehabt habe, der Welt überdrüssig geworden. Aber die alte Mutter, die sie für den Haushalt brauche, wolle nicht einwilligen, weil sie glaube, es sei nur eine vorübergehende Laune … Aber es sei eine wirkliche Berufung … Er wisse es genau … Leider sei die Situation für einen Priester in solchen Fällen sehr schwierig … Den Widerstand der Mutter könne man natürlich nicht ignorieren … Jeden Tag zeterten die gottlosen Zeitungen (und die gottlosen seien ja leider in der Überzahl!) gegen den Einfluß des Klerus … Und die Behörden, die noch gottloser seien als die Zeitungen, legten auch Hindernisse in den Weg … Es gebe schreckliche Gesetze … Wenn man erführe, daß er ein Mädchen fürs Kloster vorbereite, würde man ihn in Ketten legen! So sehe der Onkel Esguelhas nun ein: Gottlosigkeit, Atheismus allüberall!

Es sei also nötig, daß er mit der Kleinen sehr viele Zusammenkünfte habe: um sie zu prüfen, um ihre Veranlagung kennenzulernen, um zu erforschen, ob sie für die Einsamkeit geschaffen sei, für strengen Büßerdienst, für die Krankenpflege, für andauernde Gebetsübungen oder für das Lehramt … Kurz, sie müsse bis ins kleinste studiert werden …

»Aber wo?« rief er aus und hob verzweifelt die Hände, als sähe er die Erfüllung seiner heiligen Pflicht gefährdet. »Wo? … Im Hause der Mutter kann es nicht sein; da ist man schon mißtrauisch. In der Kirche? Unmöglich! Dann lieber gleich auf der Straße! In meiner Wohnung? Ja, sehen Sie: ein junges Mädchen …«

»Selbstverständlich!«

»Also, Onkel Esguelhas … Und ich bin sicher, Sie werden mir dankbar sein … Ich habe an Ihr Haus gedacht …«

»Oh, Herr Pfarrer«, fiel ihm der Glöckner ins Wort, »ich, das Haus, die Möbel … alles steht zu Ihrer Verfügung!«

»Ich sehe schon … im Interesse jener Seele tun Sie es! Es ist eine Freude für unseren Herrgott …«

»Und für mich, Herr Pfarrer, und für mich!«

Der Onkel Esguelhas fürchtete nur eins: das Haus könnte nicht würdig genug sein und nicht bequem genug …

»Keine Sorge, mein Lieber!« lächelte der Pater, als wollte er gern auf jeden irdischen Komfort verzichten … Wenn es nur zwei Stühle gäbe und einen Tisch, um das Gebetbuch darauf zu legen …

»Nun ja«, sagte der Glöckner, »was Einsamkeit und Ruhe anlangt, so ist das Haus wie geschaffen für Ihre Zwecke.« Der Pfarrer und das Fräulein seien daselbst so ungestört wie die Mönche in der Wüste. An den Tagen, an denen der Herr Pfarrer käme, ginge er einfach fort und machte seinen Rundgang. Sie brauchten ja auch nicht die Küche zu benutzen, denn daneben befände sich die Kammer der armen Totó … Aber da wäre ja noch sein Zimmer, das darüber läge.

Pater Amaro schlug sich mit der Hand auf die Stirn. Er hatte ja gar nicht an die Gelähmte gedacht!

»Das wirft meinen ganzen Plan über den Haufen, Onkel Esguelhas!« rief er aus.

Aber der Glöckner beruhigte ihn eifrig. Er war jetzt ganz Feuer und Flamme für die Eroberung einer Himmelsbraut. Das fromme Werk der Vorbereitung dieser Mädchenseele mußte durchaus unter seinem Dach geschehen … Vielleicht erwürbe er damit Gottes Gnade! Mit beredten Worten schilderte er die Vorzüge und Annehmlichkeiten des Hauses. Die Totó störe gar nicht. Sie rühre sich nicht aus dem Bett. Der Herr Pfarrer käme einfach von der Sakristei her durch die Küche, das Fräulein durch die Straßentür: sie stiegen die Treppe hinauf, schlössen sich im Zimmer ein …

»Und was macht die Totó?« fragte Pater Amaro, der noch immer zögerte.

Das arme Ding, sie lag eben in ihrem Bett … War nicht normal: einmal machte sie Puppen und verliebte sich so in sie, daß sie fieberte. Dann verbrachte sie ganze Tage in furchtbarem Schweigen, starrte unablässig die Wand an. Aber manchmal war sie lustig, plauderte, scherzte … Ein Jammer!

»Man müßte sie unterhalten; sie sollte lesen«, sagte der Pfarrer, um Interesse zu zeigen.

Der Glöckner seufzte. Sie konnte nicht lesen, wollte es auch niemals lernen, die Kleine. Er hatte es ihr schon selbst gesagt: »Wenn du lesen könntest, wäre dein Leben nicht mehr so schwer!« Aber vergebens! Sie fürchtete sich vor der Anstrengung; es erschien ihr zu schwer … Der Herr Pfarrer möchte die Güte haben, sie zu überreden, wenn er ins Haus käme …

Aber der Pfarrer hörte gar nicht hin. Eine Idee hielt ihn ganz gefangen und ließ sein Gesicht in einem Lächeln erstrahlen. Er hatte plötzlich die Erklärung gefunden, die er der Joaneira und ihren Freundinnen für die Besuche Amélias im Hause des Glöckners geben würde – eine ganz natürliche Erklärung: Amélia kam einfach her, um der Gelähmten das Lesen beizubringen! Sie zu unterrichten! Ihre Seele den Schönheiten der heiligen Bücher, der Märtyrergeschichten, des Gebets zu öffnen! …

»Es ist entschieden, Onkel Esguelhas«, rief er und rieb sich freudig die Hände. »In Ihrem Hause soll das Mädchen zur Heiligen werden. Aber«, fuhr er mit feierlich-ernster Stimme fort, »es muß ein unverletzbares Geheimnis bleiben!«

»Oh, Herr Pfarrer!« sagte der Glöckner beinahe beleidigt. »Ich verlasse mich auf Sie«, beschloß Amaro die Unterredung.

Sogleich ging er in die Sakristei zurück, um ein Briefchen zu schreiben, das er Amélia heimlich zukommen lassen wollte. Er enthüllte ihr darin alles, was er in die Wege geleitet hatte, »um den Genuß neuer, himmlischer Genüsse« zu sichern. Als Vorwand für ihr wöchentliches Erscheinen im Glöcknerhause sollte der Unterricht der Gelähmten dienen. Er würde Amélia selbst heute abend im Hause der Mutter einen diesbezüglichen Vorschlag machen. Und das Ganze sei ja auch keine Lüge: denn es sei ein Gott wohlgefälliges Werk, wenn die dunkle Seele der Unglücklichen durch religiöse Belehrung erhellt würde. »So schlagen wir, geliebter Engel, zwei Fliegen mit einer Klappe!«

Amaro ging nach Hause und setzte sich mit Behagen an den Frühstückstisch. Er war mit sich und dem Leben zufrieden; lockend lag die Zukunft vor ihm! Eifersucht, Zweifel, Sehnsucht, die Qual unbefriedigter Begierde, alles, was ihn monatelang dort in der Rua da Misericórdia und hier in der Rua das Sousas verzehrt hatte, war vorüber. Jetzt saß er in der Fülle des Glücks! Die Gabel in der Hand, träumte er vor sich hin. Er erinnerte sich in stummem Entzücken jener halben Stunde, die ihm am Vorabend beschert wurde – jener halben Stunde, die so reich an Wonnen gewesen war. Alle Einzelheiten ließ er an seinem Geiste vorüberziehen und schwelgte in seliger Besitzerfreude, wie ein Landmann, der zufrieden über ein fruchtbares Stück Land wandelt, das er seit vielen Jahren heiß begehrt und nun erworben hatte. Ah, nie wieder würde er mit bitterem Neid die Herren betrachten müssen, die in der Pappelallee, ihre Frauen am Arm, auf und ab spazierten! Nun hatte auch er eine, ganz für sich allein, mit Leib und Seele! Eine Frau, die schön war, die er anbetete, die zarte weiße Wäsche trug und aus deren Busen ein feiner Duft von Kölnischwasser stieg! Er war ein Pater, gewiß … Aber über diesen Umstand setzte er sich mit bequemen Argumenten hinweg: Wenn der Geistliche durch sein Verhalten keinen Anstoß unter den Gläubigen erregte, wenn er nicht die Wirksamkeit, den Nutzen, das Ansehen der Religion schädigte, war ja alles gut. Alle Theologen lehren, daß der Priesterstand eingesetzt wurde, damit er die Sakramente spende. Die Hauptsache war, daß die Menschen die innere, übernatürliche Weihe empfingen, die die Sakramente in sich schließen. Und wenn sie den heiligen Formeln gemäß vermittelt wurde, was lag daran, ob der Priester ein Heiliger oder ein Sünder war? Die Wirkung des Sakraments blieb die gleiche. Sie wirken nicht durch das Verdienst des Priesters, sondern durch das Verdienst Jesu Christi. Wer getauft oder gesalbt wird, wird eben eo ipso vom ererbten Übel befreit oder für das ewige Leben vorbereitet, gleichviel, ob es durch reine oder befleckte Priesterhände geschieht. Das kann man bei allen Kirchenvätern lesen, das wurde auch durch das seraphische Konzil von Trient festgelegt. Die Gläubigen erleiden an ihrer Seele und an ihrer Erlösung absolut keine Einbuße durch die Unwürdigkeit eines Priesters. Und wenn der Priester in seiner letzten Stunde bereut, verschließen sich auch ihm nicht die Himmelspforten. Schließlich endete also alles gut und zu allgemeiner Zufriedenheit … So philosophierte Pater Amaro und schlürfte dabei genießerisch seinen Kaffee.

Als das Frühstück zu Ende war, trat Dionísia mit heiterer Miene ein; sie wollte wissen, ob der Herr Pfarrer mit dem Onkel Esguelhas gesprochen habe …

»Ich habe ganz im allgemeinen mit ihm gesprochen«, sagte er leichthin. »Es ist noch nichts bestimmt … Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden.«

»Ah!« machte sie.

Sie ging wieder in die Küche und dachte sich im stillen, daß der Herr Pfarrer wie ein Ketzer lüge. Das ging sie ja auch nichts an … Übrigens hatte sie niemals gern dergleichen Affären mit Geistlichen betrieben; sie zahlten schlecht und waren immer argwöhnisch …

Als sie Amaro ausgehen hörte, lief sie sogar auf die Treppe, um ihm zu sagen, daß sie von ihm fortwolle … Sie habe sich ums Hauswesen gekümmert, und wenn der Herr Pfarrer ein Dienstmädchen besorgt hätte …

»Dona Josefa hat mir versprochen, sich dieser Sache anzunehmen. Ich hoffe, morgen eine Haushälterin zu haben. Aber Sie werden sich doch wieder sehen lassen? … Wir sind doch Freunde …«

»Wenn Sie mich brauchen, genügt es, aus dem Fenster nach dem Garten zu rufen«, sagte sie vom oberen Treppenabsatz herab. »Ich stehe für alles zur Verfügung, weiß in allen Dingen ein bißchen Bescheid, bei Störungen … Sie wissen schon … diskreten Frauenangelegenheiten … Ja, ich kann sogar sagen, daß ich in dieser Beziehung …«

Aber der Pfarrer hörte sie nicht zu Ende. Er warf die Tür heftig ins Schloß und floh, empört über dieses Angebot schimpflicher, wenn auch manchmal notwendiger Hilfeleistung.

 

Nach einigen Tagen sprach er im Hause der Joaneira von der Glöcknerstochter.

Am Abend vorher hatte er Amélia das Briefchen zugesteckt. Heute näherte er sich, während das Eßzimmer von lautem Schwatzen widerhallte, dem Klavier, auf dem Amélia zerstreut einige Passagen spielte. Er bückte sich, um seine Zigarette an der Kerze anzuzünden, und flüsterte: »Haben Sie gelesen?«

»Ausgezeichnet!«

Amaro gesellte sich dann wieder zu den Damen. Die Gansoso erzählte eben von einer Katastrophe, die sich in England zugetragen hatte und von der die Zeitungen berichteten: Eine Kohlengrube war eingestürzt und hatte hundertzwanzig Arbeiter verschüttet. Die Alten schauderten. Die Gansoso, der die Wirkung ihrer Worte schmeichelte, berichtete eifrig schreckliche Einzelheiten: Die draußen befindlichen Leute hatten sich bemüht, die Unglücklichen auszugraben; sie hörten tief unten das furchtbare Jammern und Stöhnen; es war in der Abenddämmerung, ein Schneesturm tobte …

»Sehr unangenehm!« grunzte der Kanonikus, der sich in seinem Lehnstuhl rekelte und froh war, hier im warmen Zimmer unter einem sicheren Dach zu sitzen.

Dona Maria da Assunção erklärte, daß ihr alle diese Bergwerke mit ihren unheimlichen Maschinen Furcht einflößten. Sie hatte einmal eine Fabrik bei Alcobaça besichtigt, und diese sei ihr wie das Abbild der Hölle vorgekommen. Sie war überzeugt, daß unser Herrgott kein Wohlgefallen an solchen Stätten habe …

»Genauso ist es mit den Eisenbahnen«, sagte Dona Josefa. »Ich habe die Gewißheit, daß sie vom Teufel eingegeben worden sind! Jaja, das ist mein voller Ernst! Man braucht ja nur das Getöse und das Heulen zu hören und die feuerspeienden Essen zu sehen … Die Gänsehaut überläuft einen!«

Pater Amaro belächelte diese Ansicht. Er versicherte Dona Josefa, daß die Eisenbahnen ein prächtiges Mittel für den schnellen Verkehr und dabei sehr bequem seien. Ernst werdend, fügte er jedoch hinzu: »Auf jeden Fall ist es unbestreitbar, daß in diesen Erfindungen der modernen Wissenschaft viel Dämonisches steckt. Darum werden sie auch von unsrer heiligen Kirche geweiht, erst mit Gebeten und dann mit Weihwasser. Das ist nämlich so Sitte. Mit Weihwasser, um den Dämon auszutreiben, mit Gebeten, um sie von der Erbsünde zu befreien, die nicht nur im Menschen steckt, sondern auch in den Dingen, die er erbaut. Darum werden die Lokomotiven gesegnet und mit Weihwasser besprengt. Damit der Teufel sich ihrer nicht für seine Zwecke bedienen kann.«

Dona Maria da Assunção wollte letzteres sofort erläutert wissen: Welches die gewöhnliche Art des Teufels wäre, sich der Eisenbahnen für seine Zwecke zu bedienen?

Pater Amaro klärte sie freundlich auf. Der Teufel wende verschiedene Methoden an; aber die gewöhnlichste sei diese: Er lasse einen Zug entgleisen, und so stürben die Passagiere; da ihre Seelen nicht die Letzte Ölung empfangen hatten, hatte sie der Teufel alle beim Kragen!

»So ein Gauner!« brummte der Kanonikus, der im stillen diese raffinierte Pfiffigkeit des Satans bewunderte.

Aber Dona Maria da Assunção fächelte sich selig lächelnd. »Ach Kinder!« sagte sie langsam und sah sich im Kreise um. »Uns kann das nicht passieren … Wir werden nicht unvorbereitet abberufen!«

Das unterlag keinem Zweifel, und alle schwelgten einen Augenblick in der beseligenden Gewißheit, daß sie wohlvorbereitet waren und daß an ihnen die List des Versuchers zuschanden wurde!

Pater Amaro hüstelte; er holte jetzt zu seinem Schlage aus. Während er beide Hände auf den Tisch stützte, begann er mit der Sicherheit des routinierten Kanzelredners: »Es gehört viel Wachsamkeit dazu, sich den Teufel vom Leibe zu halten. Gerade heute habe ich darüber nachgedacht – ich hatte es geradezu zum Gegenstand meiner Meditation gemacht. Mich beschäftigt ein sehr trauriger Fall – ganz in der Nähe der Kathedrale … Sie kennen ja die Tochter des Glöckners …«

Die Damen hatten ihre Stühle näher gerückt; ihre Augen hingen gespannt an Amaros Lippen. Ihre Neugier war plötzlich geweckt; sie hofften, irgend etwas recht Satanisches zu hören. Und inmitten des feierlichen Schweigens fuhr der Pfarrer fort: »Dort liegt nun das arme Mädchen den lieben langen Tag im Bett! Sie kann nicht lesen, ermangelt der üblichen Andachtsübungen, denkt nicht über fromme Dinge nach. Kein Wunder, daß sie – um ein Wort des heiligen Clemens zu gebrauchen – eine wehrlose, ungeschützte Seele ist. Und was wird die Folge sein? Der Teufel, der sie beständig umschleicht und unablässig an ihr nagt, richtet sich häuslich in ihr ein! Daher auch, wie mir heute der arme Onkel Esguelhas erzählte, ihre Tollheit, ihre Verzweiflung, ihre unmotivierten Wutausbrüche … Das Leben des armen Mannes ist zerstört …«

»Und nur zwei Schritte von der Kirche des Herrn entfernt!« rief Dona Maria da Assunção, die sich über die Unverschämtheit des Satans empörte. Sich in einem Körper, einem Bett einzunisten, das nur durch einen engen Hof von den Strebepfeilern der Kathedrale getrennt war!

Amaro nickte zustimmend. »Sie haben recht, Dona Maria. Es ist ein unerhörter Skandal! Aber wie? Wenn doch das Mädchen nicht lesen kann! Wenn es kein Gebet kennt, wenn es niemanden hat, der es unterrichtet, der ihm Gottes Wort bringt, der es stärkt und es das Geheimnis lehrt, den bösen Feind zu überlisten? …«

Amaro sprang lebhaft von seinem Stuhl auf und rannte ein paarmal im Zimmer auf und ab. Dabei hielt er die Schultern gesenkt und machte ein bekümmertes Gesicht wie ein Hirt, dem eine übermächtige Gewalt ein geliebtes Lamm entreißt. Und unter dem Eindruck seiner eigenen Worte fühlte er tatsächlich, wie ihn das Mitleid übermannte, wahrhaftes Erbarmen mit jenem armen Geschöpf, dem der Mangel tröstenden Zuspruchs das peinigende Bewußtsein seiner Unbeweglichkeit nur um so qualvoller machen mußte …

Die Damen warfen sich schmerzliche Blicke zu; sie waren tief betrübt über diese traurige Verwahrlosung einer Menschenseele; am meisten aber bekümmerte sie es, daß der Herr Pfarrer so sehr darunter zu leiden schien.

Dona Maria da Assunção überflog sofort im Geiste das ganze reiche Arsenal der Frömmigkeit, das ihr zur Verfügung stand, und sie dachte daran, daß man einige Heilige über das Bett der Gelähmten stellen könnte, zum Beispiel den heiligen Vinzenz oder die Heilige Jungfrau mit den sieben Wunden … Aber das Schweigen der Freundinnen ließ erkennen, wie wenig diese von der Wirksamkeit ihrer Galerie der Heiligtümer überzeugt waren.

»Vielleicht werden die Damen einwenden«, sagte Pater Amaro, der wieder Platz genommen hatte, »daß es sich ja nur um eine Glöcknerstochter handelt. Aber es ist doch eine Seele, eine Menschenseele wie die unsere!«

»Alle haben ein Anrecht auf die Gnade des Herrn«, sagte ernst der Kanonikus. Er spielte den Unparteiischen, der immer »gleiches Recht für alle« forderte, solange es sich nicht um materielle Güter, sondern nur um die Tröstungen des Himmels handelte.

»Für Gott gibt es weder Arme noch Reiche«, seufzte die Joaneira. »Lieber arm sein, denn den Armen gehört das Himmelreich!«

»Nein, lieber reich sein«, fiel der Kanonikus ein, indem er die Hand ausstreckte, um diese falsche Auslegung des göttlichen Wortes zurückzuweisen. »Denn der Himmel gehört auch den Reichen. Sie verstehen das Evangelium nicht, Senhora Caminha. Beati pauperes, selig sind die Armen … Das will sagen, daß die Armen sich in der Armut wohl befinden sollen. Sie sollen nicht die Güter der Reichen begehren, sondern nur das Stückchen Brot, das sie haben. Sie sollen nicht danach streben, an den Reichtümern der anderen teilzuhaben, sonst werden sie damit gestraft, daß sie eben nicht selig sind. Sie müssen nämlich folgendes wissen, Senhora Caminha: Dieses Lumpenpack, das da predigt, daß die Arbeiter und die unteren Volksklassen besser leben sollen, handelt gegen den ausdrücklichen Willen unseres Herrgotts, und diese verwünschte Bande verdient nichts als Hiebe! Uff!«

Ganz erschöpft von seiner langen Rede, streckte er sich im Lehnstuhl aus. Amaro schwieg dazu; er hatte den Ellenbogen auf den Tisch gestützt und rieb sich langsam die Stirn. Er wollte jetzt mit seiner Idee herausrücken. Es sollte den Anschein erwecken, als sei ihm eben in diesem Augenblick die Inspiration zuteil geworden, daß Amélia jener armen Gelähmten fromme Belehrung geben könnte … Eine gewisse abergläubische Scheu ließ ihn noch zaudern: war doch sein einziger Beweggrund Fleischeslust, schnöde Sinnengier! Da stellte er sich, absichtlich übertreibend, die Glöcknerstochter in der furchtbaren Nacht unerhörter Qualen vor. Und er malte sich aus, welche Liebe, welche Barmherzigkeit er aufbieten wollte, um sie zu trösten, sie zu unterhalten, ihr Leben weniger bitter zu gestalten … Diese Tat würde sicherlich manche Schuld sühnen und müßte Gott Wohlgefallen, wenn er sie im Geiste reiner christlicher Nächstenliebe ausführte! Er wurde förmlich sentimental und fühlte sich ganz in die Rolle eines lieben, guten Menschen hinein, der in Mitleid für jenen elenden Körper zerschmolz. Wie schön mußte es sein, dem unglückseligen Wesen zu helfen, das, rettungslos ans Bett gefesselt, nie die Sonne und nie die Straße sehen durfte … Und doch setzte ihn dieses aufquellende Mitgefühl in Verlegenheit, so daß er zu keinem Entschluß kommen konnte. Er rieb sich den Nacken und bereute beinahe, zu den Damen von Totó gesprochen zu haben …

Aber Dona Joaquina Gansoso hatte eine Idee.

»Herr Pfarrer, wenn man ihr nun das Buch mit den Bildern aus dem Leben der Heiligen schickte? Sehr erbauliche Bilder! Mich wenigstens haben sie furchtbar ergriffen … Du hast doch das Buch, Amélia?«

»Nein«, sagte diese, ohne die Augen von ihrer Näherei zu erheben.

Amaro betrachtete die Geliebte; er hatte sie fast vergessen gehabt. Sie saß jetzt auf der andern Seite des Tisches und war damit beschäftigt, einen Waschlappen zu säumen. Die feine Linie ihres Scheitels verschwand unter der üppigen Fülle ihres Haares, auf das die danebenstehende Lampe ein glänzendes Licht warf. Ihre Wimpern erschienen länger und schwärzer in dem mattbraunen Gesicht, das von einem zarten Rot belebt wurde. Das enganliegende Kleid war nur auf den Schultern gefältelt; es spannte sich straff über der vollen Brust, die Amaro im gleichmäßigen Rhythmus des Atmens sich heben und senken sah … Diese schöne Brust reizte ihn am meisten an Amélia; er stellte sie sich schneeweiß, rund und fest vor. Wohl hatte er sie schon besessen, aber bekleidet, und seine gierigen Hände hatten in kalter Seide gewühlt … Aber im Hause des Glöckners würden die letzten Hüllen fallen, würde sie sich nackt seinen Lippen darbieten. Bei Gott, so sollte es sein! Und die Seele Totos würde bei dieser Gelegenheit auch getröstet werden! Amaro zögerte nicht mehr. Inmitten des Geschnatters der Alten, die gerade über das Verschwinden des »Lebens der Heiligen« diskutierten, erhob er seine Stimme: »Nein, meine Damen, mit Büchern ist dem Mädchen nicht gedient … Wissen Sie, welcher Gedanke mir soeben gekommen ist? Einer von uns, und zwar derjenige, der am meisten Zeit übrig hat, müßte ihr das Wort Gottes bringen und ihre Seele unterweisen!« Lächelnd fügte er hinzu: »Und es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß von uns allen Dona Amélia am wenigsten zu tun hat …«

Große Überraschung! Man hatte den Eindruck, als hätte Gott seinen Willen durch eine Offenbarung kundgetan. Aller Augen leuchteten in frommer Begeisterung bei der Idee auf, daß diese Mission christlicher Nächstenliebe von ihnen, von der Rua da Misericórdia ausging … Und sie schwelgten bereits im Vorgenuß des Lobes, das ihnen von Seiten des Chorherrn und des Domkapitels zuteil werden müßte. Jeder einzelne gab eifrig seinen Rat, denn ein jeder wollte seinen Anteil an dem heiligen Werk haben und sich etwas von der Belohnung sichern, mit der der Himmel zweifellos nicht geizen würde. Dona Joaquina Gansoso erklärte mit Wärme, daß sie Amélia beneide; und sie nahm es sehr übel, daß das Mädchen plötzlich lachte.

»Bildest du dir etwa ein«, zankte sie, »daß ich es nicht mit derselben frommen Hingebung tun würde? Du bist wohl schon im voraus stolz auf deine gute Tat? … Dann wirst du keinen Nutzen von ihr haben!«

Aber Amélia konnte nicht aufhören. In den Stuhl zurückgelehnt, bemühte sie sich ohne Erfolg, ihrem nervösen Lachen Einhalt zu gebieten.

Dona Joaquinas Augen flammten.

»Pfui!« schrie sie. »Das gehört sich nicht! Das ist unanständig!«

Schließlich besänftigte man sie: Amélia mußte bei den heiligen Evangelien schwören, daß ihr nur eine tolle Idee durch den Kopf gegangen, daß sie nervös gewesen sei …

»Ach«, sagte Dona Maria da Assunção, »sie hat ja auch recht, wenn sie stolz ist. Denn es ist eine Ehre für das Haus. Wenn man erfährt …«

Der Pater unterbrach sie streng: »Aber man soll es nicht erfahren, Dona Maria da Assunção! Was gilt eine gute Tat vor den Augen des Herrn, wenn sie Eitelkeit, Stolz und Hochmut gebiert?«

Dona Maria knickte unter dem Tadel demütig zusammen, und Amaro sagte feierlich: »Es darf nicht aus diesen vier Wänden heraus! Nur Gott und wir dürfen darum wissen. Wir wollen eine Seele retten, eine Kranke trösten, nicht aber das Lob der Zeitungen ernten. Ist es nicht so, Meister?«

Der Kanonikus, der sich schwerfällig erhob, sagte: »Sie haben heute mit der goldenen Zunge des heiligen Chrysostomus gesprochen. Ich bin erbaut … ja, aber … wo bleiben denn heute die gerösteten Brotschnitten?«

Während die Ruça in der Küche die Vorbereitungen zum Tee traf, wurde also ausgemacht, daß Amélia jede Woche ein- oder zweimal, im Anschluß an ihre kirchlichen Andachten, eine Stunde am Bett der Gelähmten verweilen sollte, und zwar ganz im geheimen. Sie müßte ihr das »Leben der Heiligen« vorlesen, sie Gebete lehren und ihr den Geist der Tugend einhauchen.

Zum Schluß wandte sich Dona Maria da Assunção noch einmal mit den Worten an Amélia: »Ich kann nur immer wieder sagen: Du hast mehr Glück als Verstand!«

Alle lachten über diese Bemerkung, die Amélia unter Erröten für einfältig erklärte. Da trat die Ruça mit dem Tee ein …

So geschah es, daß sich von nun an Amélia und der Pater Amaro ungestört treffen konnten – zur Ehre des Herrn und zur Demütigung des Erzfeindes.

 

Sie trafen sich die Woche ein- oder zweimal, so daß die Besuche, die sie der Gelähmten im Dienste der Nächstenliebe abstatteten, am Ende des Monats die symbolische Zahl Sieben erreichten, was nach der Auffassung der Betschwestern den »sieben Schmerzen Marias« entsprach. Am Abend vorher schärfte Amaro jedesmal dem Onkel Esguelhas ein, das Haus zu fegen und sein Zimmer für die Tätigkeit des Pfarrers instand zu setzen; auch mußte die Tür, die auf die Straße führte, unverschlossen bleiben. An diesen Tagen stand Amélia zeitig auf; sie hatte da immer einen weißen Unterrock zu stärken oder eine Schleife zu nähen. Die Mutter wunderte sich über diese übertriebene Putzsucht und den Aufwand, den sie mit Kölnischwasser trieb. Aber Amélia begründete dies Gebaren damit, daß sie ja der armen Totó »den Geist der Sauberkeit und Frische« einflößen müsse. Nach dem Ankleiden setzte sie sich hin und wartete, bis es elf schlug. Sie war sehr ernst und verfolgte mit geröteten Wangen das Vorrücken der Uhrzeiger; auf das Geplauder der Mutter hörte sie nur mit sichtlicher Zerstreutheit. Endlich schnarrte das leise Schlagwerk der Uhr elfmal, und nachdem Amélia noch einen Blick in den Spiegel geworfen und der Mama einen Kuß gegeben hatte, machte sie sich auf den Weg.

Jedesmal ging sie mit derselben Unruhe; sie fürchtete, daß irgend jemand ihr nachspüren könnte. Jeden Morgen bat sie die Heilige Jungfrau der glücklichen Reise, sie vor bösen Begegnungen zu bewahren; und wenn sie einen Armen sah, gab sie ihm unweigerlich ein Almosen, um sich beim Herrgott einzuschmeicheln, der ja ein Freund der Bettler und Vagabunden war.

Große Furcht hatte sie vor dem Kirchplatz, den die Apothekerin Amparo, die hinter dem Fenster nähte, unaufhörlich im Auge hatte. Wenn sie ihn überquerte, machte sie sich ganz klein, verkroch sich unter ihren Sonnenschirm und trat endlich, immer mit dem rechten Fuß zuerst, in die Kathedrale ein.

Die Stille der Kirche, die verlassen und schläfrig im Halbdunkel dalag, beängstigte sie. Es schien ihr, als hörte sie aus dem Schweigen der Heiligen und von den Kreuzen her einen Tadel wegen ihrer Sünde klingen. Sie bildete sich ein, die Pupillen auf den Bildern richteten sich mit grausamer Beharrlichkeit auf sie und bemerkten das Wogen ihrer Brust, die sich dem Genuß entgegensehnte. Manchmal wurde ihre abergläubische Furcht so stark, daß sie, um den Zorn der Heiligen zu beschwichtigen, gelobte, sich an diesem Vormittag nur Totó und ihrer frommen Aufgabe zu widmen; nicht einmal ihr Kleid sollte Pater Amaro berühren. Aber wenn sie dann das Haus des Glöckners betrat und den Geliebten nicht antraf, ging sie, ohne sich am Bett der Gelähmten aufzuhalten, ans Küchenfenster und spähte nach der massiven Pforte der Sakristei, deren schwarze Eisenplatten ihr so wohlbekannt waren.

Endlich erschien er. Es war damals Anfang März; schon waren die Schwalben wieder da; in dem melancholischen Schweigen hörte man sie zwitschern, sah man sie zwischen den Strebepfeilern der Kathedrale flattern. Hier und da bedeckte Unkraut, das an feuchten Plätzen wuchert, die Winkel mit dunklem Grün. Amaro war zuweilen sehr galant und brachte eine Blume mit. Amélia trommelte schon ungeduldig ans Küchenfenster. Er beeilte sich; einen Augenblick blieben sie an der Tür stehen, drückten sich die Hände und schauten sich mit heißen, verzehrenden Blicken in die Augen. Dann gingen sie zu Totó, um ihr Süßigkeiten zu geben, die der Pfarrer in der Tasche seiner Soutane mitbrachte.

Das Bett Totós befand sich in dem Alkoven, der neben der Küche lag. Ihr ausgemergelter Körper hob sich unter den schmierigen Decken, die sie aus Langeweile zerfaserte, kaum von dem elenden Strohsack ihrer Lagerstätte ab. Sie trug zu jener Zeit eine weiße Nachtjacke; ihr Haar glänzte von Öl. Denn seit Amaro sie besuchte, hatte sie, wie der Onkel Esguelhas entzückt berichtete, »die Marotte, nach etwas auszusehen«. Sie wollte sich gar nicht mehr von ihrem Spiegel und dem Kamm trennen, beide Gegenstände versteckte sie unter ihrem Kopfkissen. Ihre Puppen verachtete sie jetzt so sehr, daß ihr Vater sie unterm Bett, zwischen schmutzigen Wäschestücken, verbergen mußte.

Amélia setzte sich einen Augenblick neben die Bettstelle, fragte Totó, ob sie das Abc gelernt habe, und hörte einige Buchstaben ab. Dann mußte Totó fehlerlos ein Gebet wiederholen, das ihr Amélia beigebracht hatte. Unterdessen wartete der Pfarrer, die Hände in den Taschen, an der Tür. Er langweilte sich; außerdem verwirrten ihn die glänzenden Augen der Gelähmten, die unverwandt auf ihn gerichtet waren. Ihre Blicke durchbohrten ihn, tasteten in leidenschaftlicher Bewunderung seinen Körper ab und schienen in solchen Augenblicken größer und leuchtender als sonst aus ihrem braunen, abgezehrten Gesicht, dessen Backenknochen weit hervorstanden, zu starren. Amaro empfand jetzt für Totó nicht das geringste Mitleid; er verabscheute diese Behausung, fand das Mädchen wild und eigensinnig. Auch Amélia fühlte Beklemmung in diesen Augenblicken, in denen sie, um Gott nicht allzusehr zu erzürnen, sich dazu bequemte, mit der Gelähmten zu reden. Totó schien sie zu hassen, sie antwortete mürrisch auf ihre Fragen. Manchmal verharrte sie in boshaftem Schweigen, das Gesicht nach der Wand gekehrt. Eines Tages zerfetzte sie die Fibel. Wenn Amélia ihr den Schal um den Hals legen oder es ihr im Bett bequem machen wollte, kam es vor, daß sie sich wild sträubte oder sich steif machte.

Endlich gab Amaro Amélia in seiner Ungeduld ein Zeichen, und sie legte Totó das Buch mit den Bildern aus dem »Leben der Heiligen« aufs Bett.

»Nun schau dir die Bilder an … Sieh, dies ist der heilige Matthäus, dies die heilige Virginia … Leb wohl, ich gehe jetzt mit dem Herrn Pfarrer hinauf, um mit ihm zu beten, daß dich Gott gesund mache, damit du Spazierengehen kannst … Verdirb mir das Buch nicht; denn das wäre eine Sünde!«

Und sie stiegen die Treppe hinauf, während die Gelähmte ihnen im Geiste folgte. Mit gestrecktem Hals und gierigen Augen hörte sie das Knarren der Holzstufen, und Tränen der Wut verdunkelten ihren Blick. Die Kammer da oben war sehr niedrig und nur getüncht; gleich über ihr lagen auf schmutzigen Balken die Dachziegel. Neben dem Bett hing die Lampe, deren Rauch an der Wand einen schwarzen Fleck erzeugt hatte. Amaro mußte immer wieder über die Vorbereitungen lachen, die der Onkel Esguelhas getroffen hatte: den Tisch, der mit dem Neuen Testament und einem kleinen Wasserkrug in der Ecke stand, und daneben die beiden Stühle …

»Alles für unsere Konferenz«, scherzte Amaro. »Damit du die Nonnenpflichten lernst.«

»Lehre sie mich!« flüsterte sie und stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor den Pfarrer. Das Weiß der Zähne schimmerte durch ihren lächelnden Mund, der sich ihm in hingebender Liebe darbot.

Seine Küsse rasten gierig über ihren Hals, über ihr Haar; manchmal biß er sie ins Ohr, und sie schrie leise auf. Dann lauschten sie beide, aus Angst, die Gelähmte könnte etwas gehört haben. Der Pfarrer schloß die Fensterläden und verriegelte die Stubentür, die er mit dem Knie zustoßen mußte. Amélia zog sich langsam aus, und als die Röcke zu ihren Füßen lagen, stand sie einen Augenblick wie eine weiße Statue im Dunkel der Kammer. Der Pfarrer, der sich ebenfalls entkleidete, atmete heftig.

Da bekreuzigte sich Amélia – und als sie ins Bett kletterte, seufzte sie traurig auf.

Amélia konnte nur bis zwölf Uhr bleiben. Pater Amaro hängte deshalb seine Taschenuhr an den Nagel, an dem auch die Lampe hing. Aber auch wenn sie nicht die Glockenschläge der Turmuhr hörten, wußte Amélia doch genau über die Zeit Bescheid, weil ein Hahn in der Nachbarschaft pünktlich um zwölf Uhr krähte.

»Ich muß gehen, Liebling«, murmelte sie erschöpft.

»Ach laß doch … Du hast es immer eilig …«

Sie blieben noch eine Weile schweigend, eng aneinandergeschmiegt, in süßer Erschlaffung liegen. Durch die schlecht gefügten Dachbalken sahen sie hier und da einen Lichtschein dringen. Manchmal hörten sie eine Katze mit leisen Schritten übers Dach tappen und einen losen Ziegel klirren; oder ein kleiner Vogel ließ sich zwitschernd nieder und schlug mit den Flügeln.

»Ach, es ist Zeit«, sagte Amélia.

Der Pfarrer wollte sie zurückhalten; immer wieder küßte er ihr kleines Ohr.

»Nimmersatt!« girrte sie. »Laß mich!«

Sie kleidete sich schnell in der Dunkelheit des Zimmers an. Dann öffnete sie die Läden, umarmte noch einmal Amaro, der auf dem Bett ausgestreckt lag, und scharrte mit dem Tisch und den Stühlen, damit die Gelähmte unten merkte, daß die Konferenz zu Ende war.

Amaro hörte nicht auf, sie zu küssen. Um ein Ende zu machen, entfloh sie ihm endlich und öffnete die Zimmertür.

Der Pater stieg hinab, eilte durch die Küche, ohne sich um Totó zu kümmern, und begab sich in die Sakristei.

Amélia jedoch sah noch einmal nach der Gelähmten, ehe sie ging. Sie wollte wissen, ob ihr die Bilder gefallen hätten. Manchmal fand sie Totó, den Kopf in die Decken vergraben, die sie krampfhaft gepackt hielt. Zuweilen saß die Gelähmte im Bett, und wenn Amélia eintrat, musterte sie sie mit Augen, in denen eine lasterhafte Neugier glomm. Wenn dann Amélia an ihrem Bett saß, näherte sich ihr Totó mit dem Gesicht, und es schien, als schnüffelte sie mit weit geöffneten Nüstern. Da schreckte Amélia ängstlich zurück, errötete wohl auch. Sie sagte, daß sie nun gehen müsse; es sei schon spät. Hastig packte sie das »Leben der Heiligen« ein und ging. Im stillen verwünschte sie diese Kreatur, die so boshaft schweigen konnte.

 

Wenn Amélia um diese Stunde über den Kirchplatz ging, sah sie immer die Amparo am Fenster stehen. Jüngst hatte sie es sogar für klug befunden, ihr das Geheimnis ihrer christlichen Bemühungen um Totó anzuvertrauen. Und kaum ließ sich Amélia jetzt blicken, wurde sie auch schon von der Apothekerin angerufen. »Nun, wie geht es der Totó?«

»Es geht eben so.«

»Liest sie schon?«

»Sie kann buchstabieren.«

»Und das Vaterunser?«

»Das kann sie schon.«

»Ach, wie fromm du bist, Kind!«

Amélia schlug bescheiden die Augen nieder, und Carlos, der auch um das Geheimnis wußte, kam hinterm Ladentisch hervor, um Amélia von der Tür aus zu bewundern.

»Sie kommen von Ihrem großen Liebeswerk, nicht?« sagte er, indem er die Augen aufriß und auf den Spitzen seiner Pantoffeln wippte.

»Ich bin eine Weile bei der Kleinen gewesen, um sie zu unterhalten …«

»Großartig!« murmelte Carlos. »Ein Apostelamt! Nun, kleine Heilige, grüßen Sie Ihre Frau Mama von mir!«

Darauf ging er in die Apotheke zurück und sagte zu dem Provisor: »Sehen Sie, Senhor Augusto … Anstatt ihre Zeit mit Liebeleien zu vertändeln, wie es die andern Mädchen tun, wirkt sie als Schutzengel! Den Frühling ihres Lebens opfert sie einer Gelähmten! Glauben Sie, daß die Philosophie, der Materialismus und ähnliche Schweinereien imstande wären, für dergleichen Taten zu begeistern? … Nur die Religion kann das, mein Lieber! Ich wünschte, die Leute wie Renan und ähnliches Gelichter könnten so etwas sehen! Wohlgemerkt, ich bewundere die Philosophie; aber wenn sie, um mich einmal so auszudrücken, mit der Religion anbandelt … Ich bin ein Mann der Wissenschaft und bewundre einen Newton Newton – Sir Isaac Newton (1643-1727), englischer Physiker, Mathematiker und Astronom., einen Guizot … Guizot – François-Pierre-Guillaume Guizot (1787-1874), französischer bürgerlicher Historiker und Politiker. Aber – merken Sie sich diese Worte, junger Mann! – wenn sich die Philosophie von der Religion entfernt, dann – merken Sie sich diese Worte wohl! – ist die Philosophie binnen zehn Jahren tot und begraben!«

Noch lange wandelte Carlos mit langsamen Schritten, die Hände auf dem Rücken verschränkt, in der Apotheke auf und ab und grübelte über das Ende der Philosophie nach.


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