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XIV

João Eduardo ging die Straße hinab und kaute an seiner Zigarette. Er fühlte sich entnervt, ermüdet durch die verzweifelte Nacht, die er verbracht hatte, und durch diesen Vormittag, den er mit fruchtlosen Unterhaltungen mit dem Doktor Godinho und dem Doktor Gouveia verloren hatte.

Es ist aus, dachte er, es ist nichts mehr zu machen! Nun heißt es, sich fügen.

Seine Seele war durch soviel Verbrauch von Leidenschaft, Hoffnung und Zorn geschwächt. Er wünschte, er könnte sich auf einem einsamen Fleckchen hinstrecken, fern von Advokaten, Weibern, Pfaffen, und schlafen, monatelang schlafen. Aber da es schon nach drei Uhr war, beeilte er sich, die Kanzlei des Nunes zu erreichen. Vielleicht müßte er noch einen Sermon über sich ergehen lassen, weil er zu spät käme! Oh, wie war doch sein Leben traurig!

Er war eben um die Ecke des Schloßplatzes gebogen, als er neben dem Speisehaus des Osório auf einen jungen Mann stieß, der eine hellfarbige, mit sehr breitem schwarzem Band verbrämte Jacke trug. Sein Schnurrbärtchen war so schwarz, daß es aussah, als wäre es auf das furchtbar bleiche Gesicht aufgeklebt.

»Hallo, was machen wir denn, João Eduardo?«

Es war Gustavo, der Schriftsetzer der »Stimme des Distrikts«, der vor zwei Monaten nach Lissabon gegangen war. Nach der Meinung des Agostinho war er »ein geweckter Junge, aber mit verteufelten Ideen«. Er schrieb manchmal Artikel über auswärtige Politik, die er mit hochtrabenden poetischen Phrasen spickte und in denen er Napoleon  III. Napoleon III. – Charles-Louis-Napoléon Bonaparte (1808 bis 1873), Neffe Napoleons I., 1848 Präsident der Republik; machte sich durch den Staatsstreich 1851 zum Diktator und 1852 zum Kaiser der Franzosen., den Zaren und die Bedrücker des Volkes verwünschte; auch beweinte er darin die Knechtschaft Polens und das Elend des Proletariats. Die Sympathie zwischen ihm und João Eduardo war aus Unterhaltungen über Religion erwachsen, in welchen beide ihrem Haß gegen den Klerus und ihrer Bewunderung für Jesum Christum Ausdruck verliehen. Die spanische Revolution die spanische Revolution – In der bürgerlichen Revolution von 1868 erzwangen die republikanischen Kräfte den Sieg über die monarchistische Reaktion. Isabella II. mußte abdanken. In der neuen Verfassung von 1869 wurde zwar die Monarchie beibehalten, doch wurde erstmalig der Grundsatz der Glaubensfreiheit in Spanien verkündet. hatte ihn so begeistert, daß er danach strebte, der Internationale Internationale – Gemeint ist die I. Internationale. anzugehören; und der Wunsch, in einem Arbeiterzentrum zu leben, wo es Versammlungen, Diskussionen und Solidarität gäbe, hatte ihn nach Lissabon getrieben. Dort hatte er gute Arbeit und gute Genossen gefunden. Aber da er eine alte, kranke Mutter zu ernähren hatte und das gemeinsame Leben sich billiger stellte, war er nach Leiria zurückgekehrt.

»So bin ich also wieder mit dem ›Krüppel‹ zusammen …«

Er wollte zu Mittag speisen und lud João Eduardo ein, ihm Gesellschaft zu leisten. Die Welt ginge noch lange nicht unter, zum Teufel, wenn er auch einen Tag in der Kanzlei fehlte!

João Eduardo dachte daran, daß er seit dem vergangenen Abend nichts gegessen hatte. Vielleicht war es nur Schwäche, die ihn so benommen und mutlos machte … Also sagte er sofort zu; auch war er froh, daß er nach den Aufregungen und Strapazen des Vormittags sich nunmehr auf einer Wirtshausbank vor einem vollen Teller und in der Gesellschaft eines vom gleichen Haß beseelten Kameraden ausstrecken konnte. Überdies erfüllten ihn die erlittenen Enttäuschungen und Ablehnungen mit einer wahren Gier, sich jemandem anzuvertrauen; darum sagte er begeistert: »Mensch, das ist ein Wort! Du kommst mir wie gerufen! Edle Seelen finden sich zu Wasser und zu Lande! Wenn man nicht einmal mehr eine Stunde in netter Gesellschaft verleben soll, wäre es besser, man wäre überhaupt nicht in dieses Jammertal gekommen!«

Diese Art, sich zu geben, erschien dem Gustavo ganz neu an dem Simpel João Eduardo, der sonst die Ruhe selbst war; er war förmlich erschrocken darüber.

»Nanu!« staunte er. »Ist etwas nicht in Ordnung? Hast du Krach mit deinem blöden Chef Nunes?«

»Nein, ich habe einen kleinen Spleen.«

»Spleen? … Spleen? … Das ist doch englisch! Junge, du hättest den Taborda in der ›Londoner Liebe »Londoner Liebe« – Komödie des portugiesischen Dramatikers Domingos Monteiro (gest. 1903).‹ sehen sollen! … Fort mit dem Spleen! … Ballast in den Bauch und was Trinkbares drauf!«

Er packte ihn am Arm und zog ihn durch die Tür der Kneipe.

»Es lebe der Onkel Osório! Heil und Brüderlichkeit!«

Osório, der Besitzer der Wirtschaft, war ein dicker, behäbiger Mensch mit schwammigem, pfiffigem Gesicht. Er hatte die Hemdsärmel in die Höhe gekrempelt und stützte seine nackten weißen Arme auf den Schanktisch. Sogleich beglückwünschte er Gustavo zu seinem Wiedereintreffen in Leiria, fand ihn aber magerer geworden … Das läge wohl an dem schlechten Wasser Lissabons und daran, daß dort der Wein mit Campecheholz gefälscht werde … Womit er den Herren dienen könnte?

Gustavo pflanzte sich vor dem Schanktisch auf; er hatte den Hut tief im Genick sitzen und beeilte sich, einen Scherz an den Mann zu bringen, der ihm in Lissabon riesig imponiert hatte.

»Onkel Osório«, rief er, »servieren Sie uns Königsleber mit gerösteten Pfaffennieren!«

Der Onkel Osório sagte schlagfertig, dieweil er mit dem Wischlappen über den Zinkbelag des Schanktisches fuhr: »Gibt es bei uns nicht, Senhor Gustavo; das ist ein großstädtischer Leckerbissen.«

»Dann seid ihr hier sehr rückständig! In Lissabon hatte ich solche Sachen jeden Tag zum Frühstück … Also Schluß! Bringen Sie zwei Leberknödel mit Kartoffeln … hübsch zum Platzen, verstanden?«

»Sie sollen wie gute Freunde bedient werden.«

Die beiden machten sich's an einem verschwiegenen Tisch bequem, der in einer Nische stand und von der Außenwelt durch einen Friesvorhang abgeschlossen war. Der Onkel Osório schätzte Gustavo als einen »gebildeten, anständigen Jungen«. Darum brachte er auch eigenhändig den Rotwein und die Oliven.

Er putzte die Gläser mit seiner schmierigen Schürze und sagte: »Nun, was gibt's Neues in der Hauptstadt, Senhor Gustavo? Wie laufen die Dinge dort?«

Der Schriftsetzer setzte sofort ein ernstes Gesicht auf, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und warf einige orakelhafte Sätze hin.

»Brenzlig … Schamlose Politik … Die Arbeiterklasse fängt an, sich zu rühren … Vorläufig noch Mangel an Einigkeit … Man wartet, wie die Sache in Spanien abläuft … Kann nett werden! … Alles kommt auf Spanien an …«

Der Onkel Osório, der von seinen Spargroschen ein Landgut gekauft hatte, liebte Tumulte durchaus nicht … Was man hierzulande brauchte, war Friede … Am meisten mißfiel ihm, daß man sich auf Spanien verlassen wollte … Die Herren wüßten ja: Aus Spanien kommen weder gute Winde noch gute Ehen …

»Die Völker sind alle Brüder!« rief Gustavo. »Wenn es sich darum handelt, Bourbonen und Kaiser, Hofschranzen und Adelige in den Dreck zu schmeißen, gibt es keine Portugiesen und keine Spanier: alle sind Brüder! Brüderlichkeit ist alles, Onkel Osório!«

»Dann trinken Sie nur auf Ihr beiderseitiges Wohl, und zwar kräftig! Denn dann geht das Geschäft gut«, sagte Osório ruhig, indem er seine Korpulenz aus der Nische schob.

»Elefant!« brummte der Schriftsetzer, den diese Gleichgültigkeit gegen die Völkerverbrüderung empörte. Aber was konnte man auch weiter von einem Grundbesitzer und Wahlagenten erwarten?

Er trällerte die Marseillaise, während er die Gläser aus hocherhobener Flasche füllte. Dann wollte er wissen, was sein Freund João Eduardo getrieben habe … Ob er nicht mehr in die »Stimme des Distrikts« gehe? Der »Krüppel« habe ihm doch erzählt, daß João gar nicht mehr aus der Rua da Misericórdia herauskomme …

»Und wann wird geheiratet?«

João Eduardo errötete und sagte ausweichend: »Noch unbestimmt … Es hat Schwierigkeiten gegeben.« Und dann setzte er mit trübem Lächeln hinzu: »Unstimmigkeiten, Reibereien, weißt du …«

»Alberne Schrullen!« knurrte der Schriftsetzer mit einem Achselzucken, durch welches er ausdrücken wollte, wie sehr er als Revolutionär solchen Gefühlskram verachte.

»Schrullen? … Ich weiß nicht, ob es Schrullen sind«, meinte João Eduardo. »Ich weiß nur, daß man sehr viel Verdruß davon hat … So etwas zermürbt einen Menschen, Gustavo …« Er schwieg und biß sich auf die Lippen, um die Bewegung zu meistern, die erneut in ihm wühlte.

Aber der Schriftsetzer fand all diese Weibergeschichten lächerlich. Jetzt war keine Zeit für die Liebe … Der Mann aus dem Volke, der Arbeiter, der sich an einen Weiberrock klammerte und nicht wieder davon loskam, war eine Drohne, war ein Mietling! Worauf es jetzt ankam, waren nicht Liebesgedanken, sondern es ging um die Freiheit des Volkes. Es galt, die Arbeit aus den Krallen des Kapitals zu reißen, die Monopole zu beseitigen, für die Republik zu arbeiten! Jetzt brauchte man keine Klagelieder, jetzt brauchte man die Tat, brauchte man Stärke! Wütend rollte er das R des Wortes »Stärke« und gestikulierte mit seinen abgezehrten Armen, die auf Schwindsucht schließen ließen, über der großen Schüssel mit den Leberknödeln, die der Kellner gebracht hatte.

João Eduardo hörte ihm zu und dachte an die Zeit, wo der Schriftsetzer rasend in die Bäckerstochter Júlia verliebt war und immer mit rotglühenden Augen herumlief. Damals machten seine enormen Seufzer den ganzen Setzersaal rebellisch, und die Kollegen husteten höhnisch bei jedem »Ach!« des Unglücklichen. Einmal kam es darüber sogar auf dem Hof zu einer Prügelei zwischen Gustavo und dem Medeiros …

»Du kannst reden!« sagte er schließlich. »Du bist um kein Haar besser … Hier redest du große Töne, und wenn es dich erwischt, bist du wie alle anderen.«

Der Schriftsetzer fuhr beleidigt in die Höhe. Seit er in Lissabon in einem demokratischen Klub verkehrt und bei der Abfassung eines Manifestes an die streikenden Zigarrenarbeiter geholfen hatte, glaubte er sich ausschließlich für den Dienst am Proletariat und an der Republik berufen. Er? Er wäre wie die andern? Er verlöre seine Zeit mit Weiberröcken? … »Da ist der Herr aber gewaltig auf dem Holzweg!« Er hüllte sich in ein verletztes Schweigen und hieb wütend auf seine Knödel ein.

João Eduardo fürchtete, ihn beleidigt zu haben. »Gustavo«, sagte er, »seien wir doch vernünftig: ein Mann kann seine Grundsätze haben, für seine Sache arbeiten und dennoch heiraten, sich ein warmes Nest bauen, eine Familie haben.«

»Nie und nimmer!« belferte der aufgeregte Schriftsetzer. »Ein Mann, der heiratet, ist verloren! Wenn er das tut, denkt er nur noch daran, wie die Futterkrippe füllen, kommt nicht mehr aus seinem Loch heraus, hat keine Zeit mehr für seine Freunde! Er muß ja des Nachts seine Würmer herumschleppen, wenn sie schreien! … Er ist eine Drohne, ein Mietling! Die Weiber verstehen nichts von Politik. Sie haben Angst, daß der Mann Streit hat, daß er es mit der Polizei zu tun kriegt … Er ist ein an Händen und Füßen gefesselter Patriot! Und wenn es gilt, ein Geheimnis zu wahren? Der verheiratete Mann kann kein Geheimnis wahren! … Daran ist schon manche Revolution gescheitert! … Zum Teufel mit der Familie! – Noch ein paar Oliven, Onkel Osório!«

Der Bauch des Onkels Osório erschien wieder in der Nische.

»Was streiten sich die Herren nur herum? Es ist ja gerade, als wäre hier eine Sitzung der Maialeute!«

Gustavo warf sich in die Ecke seiner Bank, streckte die Beine aus und fragte kategorisch: »Onkel Osório, antworten Sie! Haben Sie Ihre politische Überzeugung gewechselt, um Ihrer Frau zu Willen zu sein?«

Der Onkel Osório kratzte sich im Nacken und sagte verschmitzt: »Ich will Ihnen antworten, Senhor Gustavo. Die Weiber sind schlauer als wir … Und in der Politik wie im Geschäft fährt der am sichersten, der ihnen folgt … Ich frage stets meine Alte um Rat, und wenn Sie es wissen wollen: das tue ich schon seit zwanzig Jahren und bin damit immer sehr gut gefahren.«

Gustavo sprang in die Höhe und brüllte: »Sie sind ein Mietling!«.

Der Onkel Osório, der an diesen Lieblingsausdruck des Schriftsetzers schon gewöhnt war, fühlte sich keineswegs beleidigt. Er ergriff sogar die Gelegenheit, um ein spaßiges Bonmot zu liefern.

»Mietling möchte ich nicht sagen, eher Vermittler … Ich sage Ihnen bloß, Senhor Gustavo: Heiraten Sie! Dann werden Sie anders reden.«

»Ich werde schon mit Ihnen reden, wenn die Revolution kommt! Dann trete ich hier herein, die Flinte auf der Schulter, und stelle Sie vor das Kriegsgericht, Sie Kapitalist!«

»Na, bis dahin trinken Sie nur, und zwar tüchtig!« sagte der Onkel Osório und zog sich gemächlich zurück.

»Nilpferd!« knirschte der Schriftsetzer.

Da ihm Diskussionen über alles gingen, fing er sogleich wieder damit an; er verharrte bei seiner Meinung, daß ein Mann, dem es ein Weiberrock angetan hatte, keine feste politische Überzeugung haben könne …

João Eduardo lächelte melancholisch; sein Schweigen bekundete, daß er andrer Meinung war. Er dachte daran, daß er trotz seiner Liebe zu Amélia in den letzten zwei Jahren nicht zur Beichte gegangen war!

»Ich habe Beweise!« zischte Gustavo.

Er führte das Beispiel eines ihm bekannten Freidenkers an, der um des häuslichen Friedens willen sich dazu bequemte, an den Freitagen zu fasten und sonntags mit dem Gebetbuch unterm Arm in die Kirche zu gehen …

»Und so wird es dir auch gehen! … Du hast gar keine üblen Ansichten über die Religion, und dennoch werde ich es erleben, daß du im roten Kittel und mit einer Kerze in der Hand bei der Passionsprozession mitmarschierst … Philosophie und Atheismus sind wohlfeil und bequem, solange sie unter Freunden beim Billardspiel diskutiert werden … Aber sie in der Familie praktisch anwenden, namentlich wenn man eine hübsche und fromme Frau hat, da holt sie der Teufel! Und so wird es dir auch gehen, wenn du nicht gar schon so weit bist: Du wirst deine liberalen Überzeugungen in den Kehricht werfen und vor dem Hauspfaffen katzbuckeln!«

João Eduardo wurde flammend rot vor Entrüstung. Sogar in jenen glücklichen Zeiten, da er sich Amélias sicher glaubte, hätte ihn diese Beschuldigung (die der Schriftsetzer nur um zu schwatzen und zu streiten erhob) empört. Aber heute! Gerade jetzt, wo er Amélia verloren hatte, weil er in der Zeitung laut seinen Abscheu vor den Frömmlern in die Welt hinausgeschrien hatte! Heute, wo er mit zerrissenem Herzen, aller Freude beraubt, hiersaß, gerade wegen seiner liberalen Gesinnung! …

»Blutiger Witz, daß so etwas ausgerechnet mir gesagt wird!« entgegnete er mit bittrer, verzweifelter Ironie.

»Mensch, ich habe nicht gerade den Eindruck, daß du ein Märtyrer der Freiheit bist!« höhnte der Schriftsetzer.

»Um Gottes willen, Gustavo, quäle mich nicht länger!« stöhnte der Schreiber, aufs schmerzlichste berührt. »Du weißt nicht, was passiert ist. Wenn du es wüßtest, würdest du nicht so reden …«

Er erzählte ihm nun die Geschichte von dem Artikel. Freilich verschwieg er, daß er ihn in der Hitze der Eifersucht geschrieben hatte; er tat vielmehr so, als hätte er in dem Artikel nur seiner innersten Überzeugung Ausdruck verleihen wollen: also reine Prinzipienfrage! Und gerade um letzteres zu unterstreichen, wolle er nun ein frommes Mädchen nehmen, in ein Haus heiraten, das mehr von Pfaffen besucht würde als die Sakristei in der Kathedrale …

»Hast du deinen Namen daruntergesetzt?« fragte Gustavo, ganz verblüfft über die Enthüllung.

»Der Doktor Godinho wollte es nicht«, bekannte der Schreiber und wurde ein bißchen rot.

»Und du hast sie ordentlich an den Pranger gestellt?«

»Alle! Daß ihnen Hören und Sehen verging!«

Der Schriftsetzer war begeistert und schrie nach einer neuen Flasche Rotwein. Nachdem er eingeschenkt hatte, trank er einen gewaltigen Schluck auf João Eduardos Wohl.

»Donnerwetter, das muß ich sehen! Ich werde den Artikel an meine Freunde in Lissabon schicken. Und wie hat er gewirkt?«

»Es gab einen kolossalen Skandal.«

»Und die Pfaffen?«

»Weißglühend vor Wut!«

»Wie erfuhren sie, daß du es warst?«

João Eduardo zuckte mit den Achseln. Agostinho habe nichts gesagt. Aber er habe die Frau des Godinho im Verdacht. Diese müsse es von ihrem Mann erfahren und wahrscheinlich dem Pater Silvério hinterbracht haben. »Das ist nämlich ihr Beichtvater; er wohnt in der Rua das Teresas …«

»Ein dicker Kerl … sieht aus, als habe er die Wassersucht?«

»Ja, der ist es.«

»Das Vieh!« schnob der Schriftsetzer grimmig.

Er betrachtete nunmehr João Eduardo mit Respekt, denselben João Eduardo, den er verkannt hatte und der sich unerwarteterweise als ein Paladin der Freidenkerei entpuppte.

»Trink, Freund, trink!« ermunterte er den Schreiber mit zärtlicher Besorgtheit, als ob dieser nach solch gewaltigen Heldentaten auf dem Schlachtfeld des Liberalismus einer außergewöhnlichen Stärkung dringend bedürftig wäre … und dabei war es doch schon so viele Tage her.

Er wollte wissen, was weiter geschehen sei, was die Leute in der Rua da Misericórdia dazu gesagt hätten.

Soviel Anteilnahme rührte João Eduardo, und er schüttete in einem Zuge sein ganzes Herz aus. Sogar den Brief Amélias zeigte er dem Freund, jenen Brief, den die Arme sicher in Todesangst, unter dem Druck der wütenden Pfaffen geschrieben hatte …

»Nun siehst du mich als Opfer hier sitzen, Gustavo!«

Er war es in der Tat, und der Schriftsetzer sah mit wachsender Bewunderung zu ihm auf. Jetzt war er nicht mehr der »Simpel«, der Federfuchser des Nunes, der Weiberknecht der Rua da Misericórdia, er war ein »Opfer religiöser Verfolgungswut«. Ein solches war dem Schriftsetzer noch nicht begegnet. Und obwohl es nicht in der auf Propagandabildern üblichen Haltung erschien: an den Scheiterhaufen gefesselt oder mit der entsetzten Familie auf der Flucht vor Soldaten, die aus dem düstern Hintergrund hervorspringen, fand er dieses Opfer interessant. Er beneidete den Schreiber im stillen um diese soziale Ehre. Welchen Nimbus würde ihm so etwas bei seinen Genossen in Lissabon verleihen! Das wäre ein Glückstreffer, wenn er, ohne auf die Leberknödel des Onkels Osório und seinen vollen Wochenlohn verzichten zu müssen, als »Opfer der Reaktion« auftreten könnte! Aber besonders das Vorgehen der Pfaffen versetzte ihn in Wut! Um sich an einem Liberalen zu rächen, schmiedeten sie Ränke gegen ihn, machten sie ihm die Braut abspenstig! Oh, dieses Lumpenpack! … In seinem Grimm vergaß er ganz seine Sarkasmen gegen die Ehe und die Familie; er tobte vielmehr gegen den Klerus, der immer darauf aus war, diese soziale, erhabene Institution, die doch göttlichen Ursprungs war, zu zerstören!

»Hier ist eine fürchterliche Rache notwendig, Junge! Die Brut muß zermalmt werden!«

Rache? Ja, João Eduardo lechzte nach ihr. Aber wie?

»Wie? Du mußt alles ›im Distrikt‹ erzählen, mußt einen furchtbaren Artikel loslassen!«

João Eduardo zitierte die Worte des Doktors Godinho: in Zukunft würde der »Distrikt« den Herren Freidenkern verschlossen sein!

»Dieser Esel!« grollte der Schriftsetzer.

Aber er hatte eine Idee, Donnerwetter! Eine Flugschrift mußte veröffentlicht werden! Eine Flugschrift von zwanzig Seiten – man nannte so etwas in Brasilien eine »Mofina«, eine anonyme Brandschrift! Die Mofina müßte in blühendem, fulminantem Stil geschrieben sein – er würde das schon besorgen! – und über den Klerus wie eine Sintflut tödlicher Wahrheit hereinbrechen!

João Eduardo begeisterte sich für diese Idee. Und angesichts der tatkräftigen Sympathie Gustavos, in dem er einen Bruder erblickte, gab er seine letzten, schmerzlichsten Geheimnisse preis. Er gestand, daß die Triebfeder aller Intrigen die Liebe des Paters Amaro zu der Kleinen war und daß dieser, um sich ihrer zu bemächtigen, ihn, João Eduardo, fortgejagt hätte … Der Feind, der Lump, der Henker war der Pfarrer!

Der Schriftsetzer preßte die Hände an den Kopf: so etwas (das, da er doch lokale Berichte verfaßte, für ihn immerhin eine alltägliche Sache war) mußte einem seiner Freunde passieren! Einem Freund, der hier mit ihm trank, einem Demokraten! Das erschien ihm ungeheuerlich, und er mußte an die Greuel eines Tiberius denken, der als Greis in parfümierten Bädern die zarten Leiber von Patrizierknaben schändete.

Er wollte es nicht glauben; aber João Eduardo überschüttete ihn mit Beweisen. Da erhob Gustavo glühenden Antlitzes – denn er hatte die Leberknödel sehr reichlich mit Rotwein begossen – die geballten Fäuste, knirschte mit den Zähnen und bellte rauh: »Nieder mit der Religion!«

Von der andern Seite der Holzwand erscholl es höhnend: »Es lebe Pius IX.!«

Gustavo stand auf, um den Störenfried zu ohrfeigen. Aber João Eduardo besänftigte ihn, und der Schriftsetzer setzte sich ruhig wieder hin und trank sein Glas aus.

Dann besprachen sie, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, über die Flaschen hinweg die Sache mit der Flugschrift. Es war eigentlich ganz einfach: sie würden beide daran arbeiten. João Eduardo schlug die Form einer spritzigen, haßgeladenen Satire vor; dem Pfarrer sollten die Laster und Perversitäten eines Caligula und Heliogabalus angehängt werden. Der Schriftsetzer jedoch neigte zu einem philosophischen Buch, einem stilistischen Meisterwerk voll zwingender Prinzipien. Das Buch müßte mit einem Schlage und für immer den Ultramontanismus Ultramontanismus – An die päpstliche Autorität gebundene Haltung des politischen Katholizismus. zerschmettern! Er selbst wollte – selbstverständlich gratis! – das Werk nächtlicherweile drucken. Aber da ergab sich plötzlich eine Schwierigkeit.

»Das Papier! Woher wollen wir das Papier nehmen?«

Das bedeutete eine Ausgabe von neun- bis zehntausend Réis. Keiner von beiden hatte sie. Man kannte auch keinen Freund, der den Betrag vorschießen konnte.

»Bitte doch Nunes darum, a conto deines Gehalts!« regte der Schriftsetzer mit Lebhaftigkeit an.

João Eduardo kratzte sich verzweifelt den Kopf. Er dachte gerade an Nunes und dessen Entrüstung, wenn er als frommer Mann, Mitglied des Kirchenvorstands und Freund des Chorherrn das Pamphlet läse! Und wenn er gar erfuhr, daß sein Schreiber der Verfasser war und es mit den Federn der Kanzlei auf des Advokaten eigenes Aktenpapier geschrieben hatte! … João Eduardo sah schon im Geiste, wie Nunes seine feiste Gestalt zornrot auf den Fußspitzen emporreckte und mit seiner Grillenstimme kreischte: »Hinaus, Freimaurer, hinaus!«

»Da würde ich mich schön in die Nesseln setzen«, sagte João Eduardo sehr ernst. »Keine Frau, kein Brot!«

Nun wurde auch Gustavo nachdenklich: er mußte an Doktor Godinho, den Besitzer der Druckerei, denken. An den Doktor Godinho, der nach seiner Versöhnung mit den Leuten der Rua da Misericórdia sich wieder ganz offen als Pfeiler der Kirche und Stütze des Glaubens aufspielte …

»Verdammt«, meinte er, »das könnte uns allerdings teuer zu stehen kommen.«

»Es ist unmöglich!« bestätigte der Schreiber.

Dann verlegten sie sich auf wütendes Schimpfen. Solch eine Gelegenheit, den Klerus in seiner ganzen Erbärmlichkeit zu brandmarken, sollten sie sich entgehen lassen!

Der Plan der Flugschrift erschien ihnen nun, gleich einer gestürzten Säule, die nach dem Fall nur um so größer wirkt, von geradezu kolossaler Wichtigkeit. Es handelte sich ja nicht nur um die Vernichtung eines hiesigen verbrecherischen Pfarrers, sondern um weit mehr: um die Zerschmetterung des ganzen Klerus, der Jesuiten, der weltlichen Macht und andrer verhängnisvoller Dinge … Verflucht! wenn nur kein Nunes, kein Godinho, keine neuntausend Réis Papierkosten im Wege stünden … Dieser ewige Hemmschuh der Armut: der Mangel an Geld und die Abhängigkeit von einem Herrn, die sogar die Herstellung einer Flugschrift zum Scheitern brachten, erbitterte sie gegen die Gesellschaft.

»Da sieht man es wieder: eine Revolution ist absolut notwendig!« rief der Schriftsetzer. »Alles muß dem Erdboden gleichgemacht werden, alles!«

Er fuhr mit einer gewaltigen Geste über den Tisch, wie um eine furchtbare soziale Nivellierung, ein Hinwegfegen von Kirchen, Palästen, Banken, Kasernen und Privathäusern inklusive das des Godinho! – anzudeuten.

»Noch mehr Rotwein, Onkel Osório! …«

Aber kein Onkel Osório erschien. Gustavo hämmerte laut mit dem Messergriff auf dem Tisch. Schließlich rannte er wütend zum Schanktisch, »um jenem Mietling, der hier einen Bürger warten ließ, den Wanst einzureiben«.

Osório, der die Mütze in der Hand hielt, unterhielt sich mit dem Baron von Via Clara und strahlte dabei übers ganze Gesicht.

Da es nächstens Wahlen gab, ging der Baron in die Wirtshäuser, um den guten Leuten die Hände zu drücken. Er wirkte mit seinem goldnen Lorgnon und seinen Lackschuhen großartig in dieser bescheidenen Kneipe. Allerdings mußte er infolge des beizenden Geruchs gesottenen Öls und abgestandener Weinreste andauernd hüsteln.

Als Gustavo ihn sah, zog er sich wieder unauffällig in die Nische zurück.

»Er spricht mit dem Baron«, flüsterte er respektvoll.

Da João Eduardo, der die Fäuste an den Kopf preßte, einen recht jämmerlichen Eindruck machte, ermahnte ihn Gustavo, den Mut nicht sinken zu lassen. Zum Teufel! Schließlich könnte er so dem Schicksal entrinnen, eine Betschwester zu heiraten! …

»Daß ich mich an diesem Lump nicht rächen kann!« fiel ihm João Eduardo ins Wort und stieß den Teller fort.

»Sei nicht traurig«, sagte der Schriftsetzer feierlich, »die Rache ist nicht fern!« Und er vertraute ihm an, was sich in Lissabon vorbereitete. Es war ihm versichert worden, daß ein republikanischer Klub existiere, dem sogar »große Tiere« angehörten; das war seiner Meinung nach die beste Garantie für einen glorreichen Sieg. Außerdem fange die Arbeiterschaft an, sich zu rühren … Er streckte seinen Oberkörper über den Tisch und flüsterte João Eduardo ins Ohr, daß bereits Unterhandlungen wegen der Gründung einer Sektion der Internationale im Gange gewesen seien. Den Spanier habe er niemals gesehen, weil dieser sich immer wegen der Polizei verkleidete. Die Sache sei steckengeblieben, weil das Komitee nicht über genügende Kapitalien verfüge … Aber es sei gewiß, daß der Besitzer einer Fleischerei hunderttausend Réis zugesagt habe … Überdies sei auch das Heer im Spiel: in einer Versammlung habe er einen dicken Mann gesehen, von dem ihm gesagt wurde, daß er Major sei … und er habe auch wie ein Major ausgesehen … Kurz, wenn man dies alles erwäge, könne kein Zweifel bestehen, daß in ein paar Monaten Regierung, König, Adlige, Kapitalisten, Bischöfe, überhaupt alle diese Ungeheuer in die Luft flögen!

»Dann sind wir die Könige, Junge! Den Godinho, den Nunes und die ganze andre Sippschaft werfen wir gefesselt in den Kerker von São Francisco. Den Godinho werde ich selbst erledigen … Die Pfaffen werden alle auf einmal niedergeknüppelt! Und dann wird das Volk aufatmen, endlich, endlich!«

»Aber bis dahin! …« seufzte João Eduardo, der mit bitterem Gefühle daran dachte, daß, wenn die Revolution käme, es schon zu spät sein würde, die kleine Amélia wiederzugewinnen …

Der Onkel Osório erschien mit der Flasche.

»Na endlich, Herr Graf!« sagte der Schriftsetzer sarkastisch.

»Man gehört zwar nicht zum Adel, aber man wird doch von ihm mit Achtung behandelt«, erwiderte der Onkel Osório, den seine stolze Genugtuung noch dicker erscheinen ließ, als er es vorher schon war.

»Ja, wegen einem halben Dutzend Stimmen!«

»Achtzehn im Kirchspiel, vielleicht gar neunzehn. – Was kann ich den Herren noch bringen? Nichts mehr? Schade. Also trinken Sie, meine Herren, trinken Sie!«

Er zog den Vorhang zu und ließ die beiden Freunde mit der vollen Flasche allein. Nun konnten sie wieder von der ersehnten Revolution schwärmen, die dem einen die kleine Amélia wiederbringen, dem andern Gelegenheit geben würde, seinen Chef Godinho zu verprügeln. Es war beinahe fünf Uhr, als sie endlich ihre Nische verließen. Der Onkel Osório, der sich für sie interessierte, weil sie gebildete junge Leute waren, saß am Schanktisch und las mit Genuß seinen »Volksfreund«. Er blickte auf und stellte sofort fest, daß sie beschwipst waren. Besonders João Eduardo, der den Hut schief auf dem Kopf sitzen hatte und die Lippen rüsselartig vorstülpte, fiel ihm auf. Anfänger, dachte der Onkel Osório, der ihn nur flüchtig kannte. Aber der Senhor Gustavo, das war ein Prachtkerl! Wie immer, wenn er seine drei Liter weghatte, war er in strahlender Laune. Und die Zeche bezahlte er allein! In der Tat schaukelte der Schriftsetzer zum Schanktisch und warf im Bogen zwei Geldstücke hin.

»Wieder ein paar für deine Truhe, Osório, alter Schlaumeier!«

»Bloß schade, daß es nur zwei sind, Senhor Gustavo!«

»Ah, Gauner! Meinst du, daß der Schweiß des Volkes, der Lohn der Arbeit, dazu da ist, den Wanst der Philister zu mästen? Verliere nur das Geld nicht! Denn einer wird am Tage der Abrechnung die Ehre haben, dir den Bauch zu durchbohren! Das wird der Bibi sein! Und der Bibi bin ich! Jaja, ich bin der Bibi! Nicht wahr, João? Wer ist der Bibi?«

João Eduardo hörte nicht hin; er war mürrisch und betrachtete mißtrauisch einen Betrunkenen, der in einer dunklen Ecke saß und verwundert auf die beiden Freunde glotzte. Er hatte das Kinn in die Hand gestützt, und eine Tabakspfeife hing ihm aus dem Munde.

Der Schriftsetzer zog João Eduardo an den Schanktisch und wiederholte: »Sag dem Onkel Osório, wer der Bibi ist! Wer ist der Bibi … Schau her, Onkel Osório! Das ist ein talentierter Bursche, ein tüchtiger Kerl! Jaja! Mit zwei Federstrichen erledigt er den Ultramontanismus! Er ist einer von den Meinen! Wir gehören auf Tod und Leben zusammen! Warte noch ein Weilchen mit der Abrechnung, Osório, alter Fettwanst! Höre, was ich sage! Das ist ein ganzer Kerl! Und wenn er wiederkommt und will zwei Liter auf Kredit haben, gib sie ihm … Der Bibi bürgt für alles.«

»Also das macht«, begann der Onkel Osório, »zweimal Knödel, zweimal Salat …«

In diesem Augenblick erhob sich der Betrunkene mit Mühe von seiner Bank, und stark rülpsend, die Pfeife steil im Munde, schwankte er auf den Schriftsetzer zu und streckte ihm die offene Hand entgegen.

Gustavo schaute ihn angewidert von oben herab an.

»Was wollen Sie?« sagte er. »Ich wette, Sie waren es, der vorhin geblökt hat: ›Es lebe Pius IX.!‹ Sie Mietling … Nehmen Sie Ihre Pfote weg!«

Der abgewiesene Betrunkene grunzte und stolperte mit ausgestreckter Hand auf João Eduardo zu.

»Bleib mir vom Halse, Schwein!« herrschte ihn der Schreiber an.

»In aller Freundschaft … In aller Freundschaft …«, lallte der Betrunkene.

Sein stinkender Atem verpestete die Luft. Er wich nicht zurück, sondern streckte ihm immer wieder die Hand hin.

João Eduardo wurde wütend und stieß ihn gegen den Schanktisch.

»Tätlichkeiten gibt es hier nicht!« rief streng der Onkel Osório. »Keine Roheiten bitte!«

»Mischen Sie sich nicht ein!« schnaubte der Schreiber. »Sonst geht es Ihnen ebenso!«

»Wer sich nicht anständig benimmt, fliegt auf die Straße!« sagte der Onkel Osório mit Würde.

»Wer fliegt auf die Straße?« brüllte der Schreiber, der sich mit geballter Faust aufbäumte. »Sagen Sie das noch einmal, das mit der Straße! Mit wem reden Sie eigentlich?«

Der Onkel Osório antwortete nicht; er stemmte nur seine gewaltigen Arme, die wesentlich zu dem guten Ruf seines Lokals beitrugen, auf den Schanktisch.

Da trat Gustavo gemessen zwischen die beiden und erklärte, man müsse sich wie ein feiner Mann benehmen. Rempeleien und böse Worte, nein! Unter Freunden dürfe man sich necken, gewiß! Aber immer als feine Leute! Und hier gäbe es ja nur feine Leute!

Er zog den Schreiber, der ärgerlich brummte, in eine Ecke.

»O João, João!« redete er mit großartigen Gesten auf ihn ein, »so benimmt sich kein gebildeter Mann!«

Zum Teufel, man müsse immer die guten Manieren wahren! Grobheit, Betrunkenheit und Rauflust seien der Tod froher Geselligkeit und edler Brüderlichkeit!

Gustavo sagte aufgeregt über die Achsel zum Onkel Osório: »Ich stehe für ihn ein, Osório! Er ist ein Kavalier! Aber er hat Verdruß gehabt und verträgt nicht viel. Das ist alles! Er ist trotzdem ein ganzer Kerl! Entschuldigen Sie, Onkel Osório. Ich stehe für ihn ein …«

Er holte den Schreiber herbei und überredete ihn, dem Onkel Osório die Hand zu drücken. Der Wirt erklärte, er habe den Herrn keineswegs beleidigen wollen. Darauf gab es ein langes, heftiges Händedrücken.

Um die Versöhnung zu besiegeln, bezahlte der Schriftsetzer drei Schnäpse. João Eduardo, der sich nicht lumpen lassen wollte, gab auch eine Runde Kognak zum besten. In staatlicher Reihe standen die Gläser auf dem Schanktisch: man tauschte biedere Worte und behandelte einander wie Kavaliere. Der Betrunkene hockte indessen unbeachtet in seiner Ecke. Er saß über den Tisch gelümmelt, den Kopf auf die Fäuste gestützt, qualmend vor seinem Glas und war offensichtlich mit sich und der Welt unzufrieden.

»Ja, so gefällt es mir«, sagte der Schriftsetzer, den der Schnaps in eine weiche, menschenfreundliche Stimmung versetzte. »Eintracht! Eintracht ist meine Schwäche! Eintracht unter den Genossen und unter der Menschheit! … Ich wünschte, die ganze Menschheit säße um einen großen Tisch herum, versöhnt, scherzend, und alle sozialen Fragen wären aus der Welt geschafft! Und der Tag ist nicht mehr fern, Onkel Osório, Sie werden es sehen! … In Lissabon ist man auf dem besten Wege dazu. Und Sie, Onkel Osório, Sie werden den Wein liefern … Feines Geschäft, was? Bin ich nun Ihr Freund oder nicht?«

»Danke, Senhor Gustavo, danke sehr!«

»Aber das bleibt unter uns, nicht wahr? Denn wir sind alle Kavaliere! … Und dieser hier« – er umarmte João Eduardo – »ist wie mein leibhaftiger Bruder! Wir sind auf Tod und Leben verbunden! Fort mit der Traurigkeit, Junge! Jetzt gilt's, die Flugschrift zu schaffen … Der Godinho und der Nunes …«

»Den Nunes zerreiße ich!« schrie der Schreiber, der infolge der Schnapsrunden noch grimmiger geworden war.

Zwei Soldaten betraten die Kneipe, und Gustavo hielt es an der Zeit, zur Druckerei zu gehen. Wenn er nicht dorthin müßte, würden sie sich den ganzen Tag, das ganze Leben nicht trennen! … Aber die Arbeit ist Pflicht; die Arbeit ist Tugend!

So schieden sie endlich, nachdem sie dem Onkel Osório erneut die Hände geschüttelt hatten. An der Tür versicherte er dem Schreiber nochmals, daß er sein Freund, sein Bruder sei, und zwang ihn, seinen Tabaksbeutel anzunehmen. Dann verschwand er um die Straßenecke, während er die Marseillaise trällerte.

Als João Eduardo allein war, machte er sich auf den Weg nach der Rua da Misericórdia. An der Tür der Joaneira angelangt, drückte er seine Zigarette an der Stiefelsohle aus und riß heftig an der Glocke.

Die Ruça kam herbeigeeilt.

»Wo ist Amélia? Ich will sie sprechen!«

»Die Damen sind ausgegangen«, sagte die Ruça, die über das Benehmen des Senhor João ganz erstaunt war.

»Du lügst, Vettel!« fauchte der Schreiber.

Das entsetzte Mädchen knallte die Tür zu.

João überquerte die Straße und lehnte sich an die Wand. Von dort aus beobachtete er das Haus, die Arme über der Brust gekreuzt. Die Fenster waren geschlossen, die Vorhänge zugezogen. Zwei Schnupftücher des Kanonikus hingen zum Trocknen auf dem Balkongeländer.

Er ging wieder über die Straße und pochte leise mit dem Türklopfer. Dann riß er wütend an der Glocke. Als niemand erschien, entfernte er sich nach der Kathedrale zu.

Als er zum Kirchplatz einbog und die Kirche vor sich liegen sah, blieb er stirnrunzelnd stehen. Der Platz schien leer zu sein. Nur an der Apothekentür saß ein junger Bursche auf der Stufe; er hielt einen Esel am Koppelstrick. Hier und da pickten Hühner auf dem Boden herum. Die Kirchentür war geschlossen; nur das Hämmern der Arbeiter, die in einem benachbarten Haus Ausbesserungsarbeiten verrichteten, war vernehmbar.

João Eduardo wollte eben in die Allee einbiegen, als auf der Terrasse der Kirche von der Sakristei her der Pater Silvério und Amaro langsam daherkamen.

Es schlug ein Viertel sechs vom Turm; Pater Silvério blieb stehen, um seine Uhr zu stellen. Dann schauten die beiden Geistlichen boshaft lächelnd nach einem offenen Fenster der Verwaltung, wo im Dunkeln das Gesicht des Herrn Bezirksverwalters zu erkennen war. Der Biedermann spähte nämlich durch seinen Operngucker nach dem Hause des Schneiders Teles. Dann stiegen sie die große Freitreppe vor der Kathedrale hinab und tauschten belustigt ihre Bemerkungen über diese Liebesaffäre aus, die ganz Leiria in gerechte Empörung versetzte.

Da bemerkte der Pfarrer João Eduardo, der mitten auf dem Kirchplatz stehengeblieben war. Amaro wollte wieder in die Kirche zurückkehren, um eine Begegnung mit dem Schreiber zu vermeiden. Aber er sah, daß das Portal schon geschlossen war, und so ging er an der Seite des guten Silvério weiter, der gemächlich seine Schnupftabaksdose hervorholte.

Plötzlich warf sich João Eduardo, ohne ein Wort zu sagen, auf Amaro und versetzte ihm einen heftigen Schlag auf die Schulter.

Der verblüffte Pfarrer erhob in schwacher Abwehr seinen Regenschirm.

»Zu Hilfe!« schrie Pater Silvério mit emporgestreckten Armen. »Hilfe!«

Aus dem Verwaltungsgebäude stürzte ein Mann, packte den Schreiber wütend an der Kehle und brüllte: »Sie sind verhaftet!«

»Hilfe, Hilfe!« jammerte immer wieder Silvério, der sich in einiger Entfernung hielt.

Im Nu hatten sich einige Fenster am Kirchplatz geöffnet. Die Amparo aus der Apotheke erschien im weißen Unterrock auf dem Balkon; sie war ebenso entsetzt wie ihr Mann, der in Pantoffeln aus dem Laboratorium stürzte. Der Herr Verwaltungsvorstand lehnte sich weit aus dem Fenster und schwenkte aufgeregt seinen Operngucker hin und her.

Endlich kam der Sekretär Domingos, der sich nicht die Zeit genommen hatte, seine Ärmelschoner aus Lüster abzustreifen. Ihn begleitete der Polizeiwachtmeister. Beide hatten ihre ernsteste Amtsmiene aufgesetzt und führten den Schreiber, der keinerlei Widerstand leistete und erschreckend bleich aussah, in das Verwaltungsgebäude …

Carlos beeilte sich, den Herrn Pfarrer in die Apotheke zu geleiten, wo er aufgeregt vom Gehilfen Orangengeist und Äther verlangte. Seiner Frau schrie er zu, sie solle ein Bett bereitmachen … Er wolle die Schulter Seiner Hochwürden untersuchen, vielleicht sei eine Schwellung vorhanden.

»Danke, es ist weiter nichts«, sagte der Pfarrer mit blassem Gesicht. »Es ist wirklich nichts, nur ein Stoß. Ein Schluck Wasser genügt …«

Aber die Amparo hielt ein Glas Portwein für besser und eilte in die Wohnung, um welchen zu holen. Dabei stolperte sie über ihre Kleinen, die sich wehklagend an ihre Röcke klammerten. Dem Dienstmädchen schrie sie von der Treppe aus zu, daß man versucht habe, den Herrn Pfarrer zu ermorden!

Draußen standen Leute und gafften durch die Apothekentür; einer der Zimmerleute, die vom Bau herbeigeeilt waren, behauptete, es sei ein Messerstich, und eine alte Frau, die in der hintersten Reihe stand, suchte sich mit vorgerecktem Halse vorzudrängen, um das Blut zu sehen. Der Pfarrer war peinlich berührt: er fürchtete einen Skandal. Darum bat er den Apotheker, hinauszugehen und sich diesen Menschenauflauf zu verbitten. Carlos entledigte sich des Auftrags mit der ihm eigenen Wichtigkeit: der Herr Pfarrer befinde sich schon wieder besser; es sei nur ein Faustschlag, ein Puff gewesen … Er übernehme die Verantwortung für Seine Hochwürden.

Als in diesem Augenblick der Esel neben der Apotheke laut zu schreien begann, entrüstete sich der Pharmazeut gewaltig und fuhr den Hüter des Tieres an: »Schämst du dich denn gar nicht, mit deinem Biest, das in einem fort schreit, hierzubleiben, wo ein Unglück geschehen ist, das die ganze Stadt berührt? Fort mit dir, frecher Lümmel, fort!«

Er riet dann den beiden Priestern, mit in die Wohnung hinaufzugehen, damit sie »der Neugier des Pöbels« entgingen. Und alsbald erschien die gute Amparo mit zwei Gläsern Portwein für Amaro und den Pater Silvério. Dieser war in die Sofaecke gesunken, noch ganz bleich und entkräftet von der Aufregung.

»Ich bin nun fünfundfünfzig Jahre alt«, sagte er, nachdem er den letzten Tropfen des Portweins getrunken hatte, »aber es ist das erstemal, daß ich in einen Krawall geraten bin.«

Amaro, der nunmehr ganz ruhig geworden war, markierte den mutigen Mann und meinte spöttisch zu Silvério: »Sie nehmen den Fall viel zu tragisch, Kollege … Und ist es wirklich der erste Krawall? … Jeder Mensch weiß doch, daß Sie mit dem Natário derb aneinandergeraten sind …«

»Ja«, rief Silvério, »aber das war doch unter Priestern, lieber Freund!«

Die Amparo, die immer noch zitterte, schenkte dem Herrn Pfarrer noch ein Glas ein und wollte alles haarklein erzählt haben.

»Da ist nicht viel zu berichten, Verehrteste … Ich kam mit dem Kollegen aus der Kirche … Wir plauderten … Da näherte sich mir der Mensch und gab mir unversehens einen Schlag gegen die Schulter.«

»Aber warum, warum?« wunderte sich die gute Frau und rang kopfschüttelnd die Hände.

Carlos äußerte seine Meinung. Erst vor ein paar Tagen habe er vor seiner lieben Amparo und der Dona Josefa gesagt, daß diese materialistischen und atheistischen Ideen die Jugend zu den verderblichsten Ausschreitungen brächten … Damals habe er nicht geahnt, wie bald sich seine Prophezeiung erfüllen würde!

»Sehen Sie diesen Burschen, meine Herren! Er fängt damit an, daß er alle Christenpflichten vergißt, wie mir Dona Josefa bestätigte; er schließt sich Banditen an, schmäht und verhöhnt die Dogmen in schlimmen Kneipen … Dann – wollen die Herren den fortschreitenden Verfall bemerken! – veröffentlicht er, nicht zufrieden mit diesen Verfehlungen, in den Zeitungen abscheuliche Angriffe gegen die Religion … Und schließlich stürzt er sich, vom Taumel des Atheismus gepackt – noch dazu vor dem Gotteshaus! –, auf einen wahren Musterpriester (ich sage dies nicht etwa, weil Sie zugegen sind!) und versucht ihn zu ermorden! Nun frage ich: Was liegt zugrunde? Haß, purer Haß gegen die Religion unsrer Väter!«

»Leider ist es so«, seufzte Pater Silvério.

Aber die Amparo, der die philosophische Begründung des Delikts gleichgültig war, brannte vor Neugierde, zu erfahren, was sich in der Verwaltung abgespielt hatte. Sie wollte wissen, was der Schreiber gesagt habe, ob man ihn in Fesseln gelegt habe und so weiter … Carlos erklärte sich sofort bereit, Erkundigungen darüber einzuziehen.

Übrigens sei es seine Pflicht als Mann der Wissenschaft, die Justiz über die Folgen aufzuklären, die ein auf die empfindliche Gegend des Schlüsselbeins abgegebener Faustschlag hätte nach sich ziehen können. Gott sei Dank habe ja der Schlag weder einen Knochenbruch noch eine Geschwulst bewirkt.

Insbesondere wollte er aber die Behörde, damit sie geeignete Vorsichtsmaßregeln ergriffe, darüber aufklären, daß dieses Attentat nicht in persönlicher Rache seinen Grund habe. Denn was konnte der Herr Pfarrer von der Kathedrale wohl dem Schreiber des Nunes getan haben? … Es hatte seinen Grund in einer großen Verschwörung von Atheisten und Republikanern gegen die Priesterschaft Christi!

»Das stimmt!« nickten die beiden Geistlichen ernst.

»Und das will ich dem Herrn Bezirksverwalter klipp und klar beweisen!«

In seinem Eifer als empörter Konservativer wollte er gleich in Pantoffeln und im Laboratoriumskittel fortgehen, aber die Amparo stürzte ihm in den Korridor nach.

»Mein Sohn, den Gehrock! Zieh wenigstens den Gehrock an; denn der Bezirksverwalter hält auf Form!«

Sie half ihm selbst in den Rock, während Carlos lebhaft seine Einbildungskraft spielen ließ (diese Einbildungskraft, die ihm, wie er sagte, sogar manchmal Kopfschmerzen bereitete); er formulierte bereits seine Aussage, die in der Stadt Aufsehen erregen würde. Er würde stehend sprechen. Im Amtszimmer der ganze hohe Gerichtshof: an seinem Tisch der Herr Bezirksverwalter, ernst und gewichtig wie die Verkörperung der öffentlichen Ordnung. Um ihn herum Referendare und Schreiber, über ihre Papiere gebückt. Vor ihnen der Angeklagte in der traditionellen Haltung der politischen Verbrecher: die Arme über der Brust gekreuzt, mit hocherhobener Stirn den Tod herausfordernd. Und dann er, Carlos! Er würde eintreten und sagen: Herr Bezirksverwalter, ich komme aus eigenem Antrieb, freiwillig, um mich in den Dienst der sozialen Rache zu stellen!

»Ich werde ihnen beweisen, mit eiserner Logik beweisen, daß alles das Resultat einer Verschwörung des Rationalismus ist. Jaja, liebe Amparo, du kannst sicher sein, daß es eine Verschwörung des Rationalismus ist!« keuchte er, während er mit aller Kraft an den Strippen seiner Zugstiefel zerrte.

»Und paß auf, ob er von der Kleinen der Joaneira spricht …«

»Ich werde aufpassen. Aber es handelt sich hier nicht um die Joaneira. Das ist eine politische Angelegenheit!«

Der Apotheker schritt würdevoll über den Kirchplatz; sicherlich flüsterten sich die an den Türen stehenden Nachbarn zu: »Da geht der Carlos aussagen!« … Ja, er ging aussagen, aber nicht über einen Faustschlag gegen die Schulter Seiner Hochwürden. Was ging ihn der Faustschlag an? Hinter diesem steckte viel Ernsteres, stand eine Verschwörung gegen die Ordnung, die Kirche, die Verfassung und das Eigentum! Das würde er dem Herrn Bezirksverwalter klar beweisen. »Dieser Schlag, mein sehr verehrter Herr, ist die erste Ausschreitung einer großen sozialen Revolution!«

Er stieß die gepolsterte Tür auf, die in die Bezirksverwaltung von Leiria führte, behielt einen Augenblick die Klinke in der Hand und füllte den Türrahmen mit der ganzen Wichtigkeit seiner Person aus. Einen hohen Gerichtshof gab es hier allerdings nicht. Der Angeklagte, der arme João Eduardo, war zwar da; aber er saß mit glühenden Ohren auf dem Rande der Bank und starrte stumpfsinnig auf den Fußboden. Artur Couceiro hielt still die Nase über ein riesiges Buch geneigt, auf dem er den gestrigen »Volksfreund« ausgebreitet hatte: die Gegenwart dieses Menschen, mit dem er durch die Abendgesellschaften der Joaneira in freundschaftliche Beziehungen getreten war und der nun hier auf dem Armensünderbänkchen saß, machte ihn verlegen. Der Hilfsschreiber Pires hatte die Augenbrauen ernst in die Höhe gezogen und war vollständig in die Aufgabe vertieft, seine Entenfeder tadellos zurechtzuschneiden. Der Sekretär Domingos war der einzige tatsächlich Beschäftigte. Sein Bleistift flog nur so über das Papier; die Verhandlung würde sicher sofort beginnen; darum war Eile geboten, seine Ideen schriftlich niederzulegen …

Carlos trat vor. »Meine Herren, wo ist der Herr Bezirksverwalter?«

Gerade in diesem Augenblick ertönte die Stimme des Gewaltigen aus seinem Arbeitszimmer: »Senhor Domingos!«

Der Sekretär warf sich in Positur und schob die Brille auf die Stirn.

»Herr Bezirksverwalter?«

»Haben Sie Streichhölzer?«

Domingos suchte ängstlich in seinen Taschen, im Schubfach, unter den Papieren …

»Hat irgendeiner der Herren Streichhölzer bei sich?«

Die Hände der Beamten suchten fieberhaft auf dem Tisch … Nein, es waren keine Streichhölzer da.

»Senhor Carlos, haben Sie vielleicht Streichhölzer bei sich?«

»Nein, Senhor Domingos. Bedaure sehr.«

Der Herr Bezirksverwalter erschien nun persönlich; er rückte an seiner Brille herum.

»Keiner hat Streichhölzer? Es ist doch sonderbar, daß es hier niemals Streichhölzer gibt! Eine solche Verwaltung und keine Streichhölzer … Was machen Sie nur mit den Streichhölzern? Lassen Sie ein halbes Dutzend Schachteln holen!«

Die Beamten sahen sich bestürzt an. Wie peinlich, bei einer solchen Pflichtvergessenheit ertappt zu werden! … Mangel an Material! Carlos machte sich sofort das Erscheinen Seiner Exzellenz zunutze und sagte: »Herr Bezirksverwalter, ich komme hierher … Ich komme sozusagen aus eigenem Antrieb hierher, nur um der Sache zu dienen …«

»Sagen Sie mal, Senhor Carlos«, unterbrach ihn der Vertreter der Behörde, »sind der Herr Pfarrer und der andre noch in der Apotheke?«

»Der Herr Pfarrer und der Herr Pater Silvério sind bei meiner Frau geblieben, um sich von der ausgestandenen Aufregung zu erholen …«

»Haben Sie die Güte, ihnen zu sagen, daß wir sie hier brauchen …«

»Ich stehe dem Gesetz zur Verfügung.«

»Sie sollen so bald wie möglich kommen … Es ist schon halb sechs; wir wollen doch gehen! Wenn Sie wüßten, was das heute den ganzen Tag über für eine Plackerei gewesen ist! Das Amt wird eigentlich schon um drei geschlossen!«

Seine Exzellenz drehte sich auf den Hacken und ging, um sich aus dem Erker seines Kabinetts zu lehnen, jenem Erker, von dem aus er jeden Tag von elf bis drei Uhr, den Schnurrbart zwirbelnd und die gestärkte Hemdbrust vorwölbend, neue Breschen in die Tugend der Schneidersfrau Teles schlug.

Carlos öffnete schon die Tür, als ein »Pst!« des Domingos ihn zurückhielt.

»Lieber Carlos«, sagte er mit einem bettelnden Lächeln, das einen ordentlich rühren konnte, »Sie nehmen mir's doch nicht übel, nicht wahr? … Aber … bringen Sie mir eine Schachtel Streichhölzer mit, bitte …«

In diesem Augenblick erschien Pater Amaro, und hinter ihm her schob sich die massige Gestalt Silvérios.

»Ich möchte persönlich mit dem Herrn Bezirksverwalter ein paar Worte reden«, sagte Amaro.

Alle Beamten erhoben sich, auch João Eduardo, der weiß wie der Kalk der Wand aussah. Der Pfarrer durchquerte das Büro mit seinen leisen Priesterschritten; hinter ihm kam der gute Silvério, der in seiner Furcht vor einem neuen Attentat einen vorsichtigen Bogen um den Schreiber beschrieb. Der Herr Bezirksverwalter war den beiden Herren entgegengeeilt, und die Tür des Kabinetts schloß sich diskret hinter ihnen.

»Es wird eine gütliche Schlichtung«, brummte der kundige Domingos, indem er seine Kollegen anblinzelte.

Carlos setzte sich mißvergnügt nieder. Da war er nun hergekommen, um die Behörde über die sozialen Gefahren aufzuklären, die Leiria, den Distrikt und die Gesellschaft bedrohten, um seine Rolle in dem Prozeß zu spielen, der seiner Auffassung nach ein politischer Prozeß war –, und jetzt verurteilte man ihn zum Schweigen, und er saß mit dem Angeklagten auf einer Bank! Nicht einmal einen Stuhl hatte man ihm angeboten! Es wäre wirklich unerträglich, wenn die Sache zwischen dem Pfarrer und dem Verwaltungsvorstand beigelegt würde, ohne daß man ihn um Rat fragte! Ihn, den einzigen, der in diesem dem Pfarrer gegebenen Schlag nicht die Faust des Schreibers, sondern die Hand des Rationalismus erkannt hatte! Diese Nichtachtung seiner Geistesschärfe erschien ihm als ein verhängnisvoller Irrtum der staatlichen Behörde. Der Verwaltungsvorstand hatte bestimmt nicht die nötige Fähigkeit, Leiria vor den Gefahren der Revolution zu retten! Die Leute in den Kolonnaden am Markt hatten ganz recht, wenn sie von einer »Schlamperei« sprachen.

Die Tür des Kabinetts öffnete sich, und die Brillengläser des Bezirksverwalters funkelten heraus.

»Senhor Domingos, bitte!« sagte Seine Exzellenz.

Der Sekretär gehorchte mit wichtigtuender Beflissenheit, und die Tür schloß sich wieder vor dem Allerheiligsten. Ah, diese Tür, die ihm vor der Nase zugeschlagen wurde, die ihn schnöde aussperrte, empörte den Apotheker Carlos! Hier saß er nun in der Gesellschaft eines Pires, eines Artur – subalterner Geister! –, er, der seiner Amparo versprochen hatte, mit dem Bezirksverwalter deutliche Worte zu reden! Und wer wurde gehört, wer wurde gerufen? Der Domingos, ein notorischer Esel, der das Wort »Genugtuung« mit ch geschrieben hatte! Aber … was konnte man auch von einem Beamten erwarten, der seine Vormittage damit verbrachte, eine Familie mit dem Opernglas zu entehren? Armer Nachbar Teles, armer Freund! … Nein, man mußte wirklich mit dem Teles sprechen!

Aber seine Entrüstung wuchs noch, als Artur Couceiro ein Beamter der Bezirksverwaltung! – in Abwesenheit seines Vorgesetzten aufstand und sich vertraulich dem Angeklagten mit den Worten näherte: »Ach, João, was für ein Dummerjungenstreich! Aber wir werden die Sache schon einrenken, paß auf!«

João starrte traurig, mit eingezogenen Schultern, vor sich hin. Seit einer halben Stunde schon saß er regungslos in dieser Haltung auf dem Rande der harten Bank und fühlte sich innerlich so leer, als hätte man ihm das Gehirn herausgerissen. Der Alkohol, der ihm, als er beim Onkel Osório gewesen war, die Seele mit dem Feuer des Zorns erfüllt, der seine Pulse in dem Wunsch nach Empörung bis zum Platzen geschwellt hatte, schien plötzlich gänzlich aus seinem Organismus gewichen zu sein. Er fühlte sich jetzt so harmlos wie in den Augenblicken, da er in der Kanzlei vorsichtig seine Entenfeder zurechtschnitt. Eine ungeheure Müdigkeit hatte ihn ergriffen, und so hockte er hier in völliger Gleichgültigkeit und Apathie. Stumpfsinnig dachte er daran, wie er in einer Kerkerzelle von São Francisco leben, auf einem Strohsack schlafen und elende Gefängniskost zu sich nehmen würde … Nie würde er mehr in der Pappelallee Spazierengehen, nie Amélia wiedersehen … Das Häuschen, in dem er wohnte, würde weitervermietet werden … Wer würde sich um seinen Kanarienvogel kümmern? Das arme Tierchen würde sicher verhungern … Wenn sich nicht die Nachbarin Eugenia seiner erbarmte …

Plötzlich stob Domingos aus dem Kabinett Seiner Exzellenz, schlug die Tür hinter sich zu und verkündete triumphierend: »Was habe ich gesagt? Vergleich! Alles beigelegt!« Und zu João Eduardo: »Sie Glückspilz! Ich gratuliere! Ich gratuliere!«

Carlos dachte bei sich, dies sei der größte Verwaltungsskandal seit der Zeit der Cabralregierungen. Er wollte sich schon angewidert zurückziehen (gleich dem Stoiker auf dem bekannten klassischen Bild, der von einer Patrizierorgie entfleucht), als der Herr Bezirksverwalter die Tür seines Kabinetts öffnete.

Alle standen auf.

Seine Exzellenz trat zwei Schritte in das Büro, nahm eine hoheitsvolle Haltung an und sagte zu dem Verbrecher, den er durchs Lorgnon fixierte; »Der Herr Pater Amaro, ein Priester voller Güte und Verzeihung, hat mir erklärt … Also er hat mich gebeten, in dieser Sache keine weiteren Schritte zu unternehmen … Es widerstrebt Seiner Hochwürden begreiflicherweise, Ihren Namen vor das Gericht geschleppt zu sehen. Außerdem erlegt dem Priester, wie er so schön sagt, die Religion die Pflicht auf, Beleidigungen zu verzeihen, die Religion, der er dient und deren Zierde er ist … Seine Hochwürden will nicht leugnen, daß der Angriff brutal war, aber er mißlang … Schließlich scheint es, daß Sie betrunken gewesen sind …«

Aller Augen richteten sich auf João Eduardo, der feuerrot geworden war. Dies alles erschien ihm in diesem Augenblick schlimmer als das Gefängnis.

»Also«, fuhr der Bezirksverwalter fort, »nachdem ich alle Umstände wohl erwogen habe, nehme ich die Verantwortung, Sie freizulassen, auf mich. Aber nehmen Sie sich in Zukunft in acht. Die Behörde wird Sie nicht aus den Augen verlieren … So gehen Sie denn mit Gott.«

Und Seine Exzellenz verschwand wieder im Allerheiligsten. João Eduardo stand regungslos da und starrte wie blöde vor sich hin.

»Ich darf gehen?« stotterte er nach einer Weile.

»Nach China … wohin Sie wollen! Liberus, libera, liberum Liberus, libera, liberum – richtig: liber, libera, liberum = (lat.) frei; die männliche, weibliche und sächliche Form.!« rief Domingos, der in seinem tiefsten Innern die Pfaffen verabscheute und sich über diesen Ausgang riesig freute.

João Eduardo betrachtete der Reihe nach die Beamten und den verdrossenen Carlos; zwei Tränen zitterten in seinen Augen. Plötzlich packte er seinen Hut und stürzte hinaus.

»So haben wir uns eine Mordsarbeit erspart!« meinte Domingos und rieb sich vergnügt die Hände.

Es wurden nun die Papiere und Akten weggeräumt, hierhin, dahin, nur schnell! Denn es war spät geworden! Pires schloß seine Lüsterärmel und sein Luftkissen weg. Artur rollte seine Noten zusammen, und am Fenster stand noch immer wartend der verärgerte Carlos. Düster schweiften seine Blicke über den Kirchplatz.

Endlich kamen die beiden Geistlichen heraus, die vom Herrn Bezirksverwalter bis an die Tür begleitet wurden. Nachdem er seine Amtspflichten erledigt hatte, gab er sich ganz als Gesellschaftsmensch. Warum denn neulich sein lieber Silvério nicht zur Baronin von Via Clara gekommen sei? Es habe ein tolles Lomberspiel gegeben; der Peixoto sei zweimal furchtbar hereingelegt worden. Was der Mensch da geflucht habe! … Ergebenster Diener, meine Herren! Ich freue mich, daß alles so gut abgegangen ist … Vorsicht, hier ist eine Stufe … Immer zu Ihren Diensten!

Als er jedoch wieder seinem Kabinett zustrebte, geruhte er vor dem Pult des Domingos stehenzubleiben. Mit einer gewissen Feierlichkeit sagte er: »Die Sache ist gut abgelaufen. Ein bißchen unvorschriftsmäßig, aber vernünftig! Man hat gerade genug an den Zeitungsangriffen gegen den Klerus … Dieser Fall hätte furchtbaren Staub aufwirbeln können. Der Bursche hätte ja sagen können, daß er aus Eifersucht auf den Pater gehandelt habe, der das Mädchen belästigen wollte und so weiter. Es war schon klüger, die Sache niederzuschlagen … Um so mehr, als aus dem Bericht des Pfarrers hervorgeht, daß dieser seinen Einfluß in der Rua da Misericórdia und weiß der Teufel wo noch geltend gemacht hat, um das Mädchen vor einer Heirat mit diesem Kerl zu bewahren, der, wie man sieht, ein Säufer und Rowdy ist!«

Carlos war tiefgekränkt. Alle diese Erklärungen waren an die Adresse des Domingos gerichtet! Er, der Apotheker, wurde ignoriert! Man ließ ihn einfach in der Fensternische stehen!

Aber nein! Seine Exzellenz winkte ihm aus seinem Kabinett geheimnisvoll mit dem Finger.

Endlich! Er stürzte strahlend hinein, plötzlich mit der Behörde versöhnt.

»Ich hatte schon die Absicht, in der Apotheke vorzusprechen«, sagte der Gewaltige leise und unvermittelt, indem er ihm einen gefalteten Zettel gab. »Sie sollten mir dies hier schicken, und zwar heute noch. Es ist ein Rezept des Doktors Gouveia … Aber da Sie gerade hier sind …«

»Ich war gekommen, um mich dem Werk der Rache zur Verfügung zu stellen …«

»Ach, das ist ja nun erledigt!« rief lebhaft Seine Exzellenz. »Bitte vergessen Sie es nicht; schicken Sie mir's noch vor sechs Uhr zu. Ich muß es noch heute abend einnehmen. Adieu; bitte denken Sie dran!«

»Ich werde es nicht vergessen«, sagte Carlos kurz.

Als er in die Apotheke trat, kochte er vor Wut. So wahr er der Carlos war, er wollte einen furchtbaren Artikel an den »Volksfreund« schicken!

Aber die Amparo, die seine Rückkehr vom Balkon aus erwartet hatte, lief ihm entgegen und ließ ein Trommelfeuer von Fragen auf ihn los.

»Nun? Was ist passiert? Der Kerl ist doch herausgekommen? Was hat er gesagt? Wie war es?«

Carlos sah sie flammenden Auges an.

»Es war nicht meine Schuld, aber der Materialismus hat den Sieg davongetragen! Sie werden es teuer bezahlen!«

»Aber was hast du gesagt?«

Als Carlos die Augen der Amparo und des Gehilfen erwartungsvoll auf sich gerichtet sah – denn sie lechzten nach seiner Aussage! –, sagte Carlos, der sein Ansehen als Ehemann und seine Überlegenheit als Chef retten wollte, mit lakonischer Kürze: »Ich habe meine Meinung wie ein Mann geäußert!«

»Und was hat der Bezirksverwalter gesagt?«

In diesem Augenblick fiel dem Apotheker das Rezept ein; er las es und zerknüllte es in der Faust. Die Entrüstung, daß dieser Papierfetzen das ganze Resultat seiner großen Aussprache mit der Behörde war, verschlug ihm die Rede.

»Also was ist los?« fieberte die Amparo.

»Was los war? …«

In seiner Wut vergaß Carlos das Berufsgeheimnis und nahm keine Rücksicht auf den guten Ruf der Behörde. Er brüllte: »Eine Flasche Giberttropfen für den Herrn Bezirksverwalter! Hier haben Sie das Rezept, Senhor Augusto!«

Die Amparo, die im Lauf der Zeit einige pharmazeutische Kenntnisse erworben hatte, kannte die segensreichen Wirkungen des Quecksilbers und wurde rot wie die Purpurschleifen auf ihrer Frisur.

 

An diesem Abend herrschte große Aufregung in der Stadt. Man sprach von nichts anderem als dem »Mordanschlag, dem der Herr Pfarrer beinahe zum Opfer gefallen wäre«. Manche Leute tadelten den Bezirksverwalter, weil er den Prozeß nicht verfolgt habe. Besonders entrüsteten sich die Herren von der Opposition. Sie sahen in der Schwäche des Beamten einen neuen, unwiderlegbaren Beweis für die falschen Wege, die die Regierung einschlug: mit ihrer Verschwendung und ihrer Korruption stürzte sie das Land in den Abgrund!

Aber der Pater Amaro wurde wie ein Heiliger bewundert! Welches Erbarmen! Welche Milde! Der Chorherr lud ihn für den Abend zu sich und empfing ihn mit väterlichem Wohlwollen. »Es lebe mein liebes Opferlamm«, rief er ihm entgegen. Nachdem er sich die Geschichte von der rohen Tat und dem großmütigen Verhalten Amaros hatte erzählen lassen, sagte er gerührt: »Mein Sohn, das heißt die Jugend Telemachs Telemach – Sohn des Odysseus und der Penelope; sein Lehrer und Erzieher war Mentor. mit der Klugheit Mentors vereinigen! Pater Amaro, Sie wären würdig, ein Priester Minervens in der Stadt Salento zu sein!«

Als Amaro später in das Haus der Joaneira kam, wurde er wie ein Heiliger begrüßt, der den Raubtieren oder dem Pöbel Diokletians den Raubtieren oder dem Pöbel Diokletians – Unter der Herrschaft des römischen Kaisers Diokletian (284-305) fanden grausame Christenverfolgungen statt. entronnen war. Amélia legte ihrer Begeisterung keinen Zwang auf: zitternd und mit feuchten Augen drückte sie ihm immer wieder beide Hände. Wie an seinen Ehrentagen räumte man ihm den Lehnstuhl des Kanonikus ein. Dona Maria da Assunção schleppte sogar ein Kissen herbei, um seine schmerzende Schulter weich zu betten. Dann mußte er den ganzen Auftritt bis ins einzelne schildern, von dem Augenblick an, da er, im Gespräch mit dem Kollegen Silvério begriffen – dem es übrigens sehr gut gehe –, des Schreibers ansichtig wurde, der auf dem Kirchplatz stand und wie ein Berserker seinen Knüppel schwang …

Diese Einzelheiten empörten die Damen. Der Schreiber erschien ihnen schlimmer als Longinus und Pilatus Longinus – Kriegsknecht, der die Seite Jesu mit der Lanze öffnete. Vgl. Neues Testament, Johannes 19, 34.. Was für ein Bösewicht! Der Herr Pfarrer hätte ihn eigentlich mit den Füßen treten sollen! Ah, nur ein Heiliger konnte hier Verzeihung walten lassen!

»Ich habe einfach der Stimme meines Herzens gehorcht«, sagte Amaro, bescheiden die Augen senkend. »Ich dachte an die Worte unsres Herrn Jesus Christus, der ja gebietet, daß wir die linke Wange darbieten sollen, wenn wir auf die rechte einen Streich bekommen haben …«

Bei diesen Worten räusperte sich der Kanonikus geräuschvoll und bemerkte: »Ich will Ihnen mal was sagen: Wenn man mir einen Schlag auf die linke Backe versetzt … Na ja, es ist ja das Gebot unsres Herrn Jesus Christus … dann halte ich auch die rechte hin. Das ist eben ein Befehl von oben … Aber wenn ich diese Priesterpflicht erfüllt habe, dann schlage ich den betreffenden Strolch krumm und lahm!«

»Hat es sehr weh getan, Herr Pfarrer?« fragte aus einer Ecke eine erloschene, gänzlich unbekannte Stimme.

Seltsames Ereignis! Es war Dona Ana Gansoso, die nach zehnjährigem Schweigen zum ersten Male wieder sprach! Aus dieser Apathie, die nichts rühren konnte, weder Freude noch Schmerz, war sie endlich unter der Einwirkung des Mitgefühls für den Herrn Pfarrer erwacht; eine menschliche Regung belebte ihre schlafende Seele! Alle Damen lächelten ihr dankbar zu, und Amaro, dem dies Wunder schmeichelte, antwortete gütig: »Fast gar nicht, Dona Ana, fast gar nicht … Er hat zwar tüchtig zugestoßen; aber ich bin von kräftiger Konstitution.«

»Was für ein Ungeheuer!« rief Dona Josefa Dias. Der Gedanke, daß eine rohe Faust die heilige Schulter schlagen konnte, machte sie wütend. »Was für ein Ungeheuer! Ich wünschte, ich könnte ihn als Kettensträfling in den Straßen arbeiten sehen! Ich hatte ihn längst durchschaut! Mich hat er niemals getäuscht! … Vor seiner Verbrecherphysiognomie hat mir schon immer gegraut!«

»Er war betrunken … betrunkene Menschen …«, wagte die Joaneira schüchtern einzuwenden.

Es gab einen Aufruhr. Sie wollte ihn wohl noch entschuldigen? Das erschien den Damen wie eine Lästerung! João Eduardo war ein wildes Tier, eine Bestie!

Ein großes Frohlocken erhob sich, als Artur Couceiro erschien und schon von der Türschwelle her die letzte Neuigkeit verkündete. Nunes habe João Eduardo rufen lassen und ihm gesagt: »Banditen und Verbrecher dulde ich nicht in meiner Kanzlei! Hinaus!«

Das ging der Joaneira ans Herz, und sie seufzte: »Armer Kerl, nun hat er nichts mehr zu essen …«

»So mag er trinken!« schrie Dona Maria da Assunção.

Alle lachten. Nur Amélia, die über ihre Näherei gebückt saß, wurde ganz blaß. Der Gedanke, daß João Eduardo vielleicht hungern mußte, entsetzte sie …

»Ich meine, die Sache ist wirklich nicht zum Lachen!« erregte sich die Joaneira. »Sie wird mich sogar um meinen Schlaf bringen … Wenn ich daran denke, daß der Bursche ein Stück Brot essen möchte und keins hat … Um Gottes willen! Nein, nur das nicht! Sie nehmen's mir nicht übel, Herr Pater Amaro, aber …«

Aber Amaro wollte ja auch nicht, daß der Bursche ins Elend geriete! Er wäre durchaus nicht nachtragend! Und wenn den Schreiber die Not an seine Tür triebe, würde er ihm zwei oder drei Silbermünzen – er sei nicht reich und könne nicht mehr geben vielleicht sogar drei oder vier Silbermünzen schenken … Er würde sie ihm herzlich gern schenken.

Soviel Heiligkeit versetzte die Alten in Ekstase. Welch ein Engel! Als ginge es über ihren Verstand, hoben sie die Hände und blickten in stummer Verzückung zu ihm hinüber. Seine Anwesenheit, wie die des heiligen Vizenz von Paul, der Barmherzigkeit ausströmte, erfüllte das Zimmer mit einer weichen Kapellenstimmung, und Dona Maria da Assunção stöhnte in frommem Entzücken.

Aber da trat Natário ein. Er strahlte und drückte allen begeistert die Hände.

Dann schrie er triumphierend: »Wissen Sie es schon? Der Lump, der Mörder wird überall wie ein Hund fortgejagt! Nunes hat ihn aus seiner Kanzlei geworfen. Der Doktor Godinho sagte mir eben, daß der Halunke niemals die Schwelle der Zivilverwaltung überschreiten würde. Begraben, zermalmt! Alle anständigen Leute atmen erleichtert auf!«

»Und der Dank gebührt dem Herrn Pater Natário!« rief Dona Josefa Dias.

Das wurde von allen anerkannt. Er war es gewesen, der mit seiner Geschicklichkeit und Beredsamkeit die Niedertracht João Eduardos an den Tag gebracht und Amélia, Leiria und die Gesellschaft gerettet hatte.

»Was der Schuft auch immer tun möge, überall wird er mich im Wege finden. Solange er in Leiria ist, lasse ich nicht die Hand von seiner Gurgel! Was habe ich Ihnen seinerzeit gesagt, meine Damen? Ich werde ihn zermalmen! Nun, da liegt er … zermalmt!«

Sein galliges Gesicht strahlte. Er streckte sich behaglich im Lehnstuhl und genoß die wohlverdiente Ruhe nach heißerkämpftem Sieg. Dann wandte er sich an Amélia: »Was geschehen ist, ist geschehen! Streusand drüber! … Sie sind nun von einer Bestie befreit; das kann ich Ihnen sagen!«

Aufs neue und mit noch größerem Überschwang als vorher mußte sich Amélia dafür loben lassen, daß sie mit der Bestie gebrochen habe.

»Das war die verdienstvollste Tat deines ganzen Lebens!«

»Die Gnade Gottes war sichtlich mit dir!«

»Gebenedeit bist du, Mädchen!«

»Schließlich ist sie gar die heilige Amélia«, knurrte der Kanonikus, der, von dieser Verherrlichung angewidert, aufstand. »Mir scheint, wir haben nun genug über den Halunken geredet … Lassen Sie noch ein bißchen Tee kommen, Senhora Caminha?«

Amélia, die eifrig nähte, war schweigsam geblieben; ab und zu hatte sie einen unruhigen Blick zu Amaro hinübergeworfen. Sie dachte an João Eduardo, an die Drohungen Natários und stellte sich den Schreiber vor, wie er ausgehungert, mit hohlen Wangen, unstet und flüchtig umherirrte und vor den Türen einsamer Hütten schlief … Als sich's die Damen am Teetisch bequem machten, sagte sie leise zu Amaro: »Ich komme nicht über den Gedanken hinweg, daß er bittre Not leiden soll … Ich weiß sehr wohl, daß er schlecht ist, aber … Es ist, als säße mir ein Dorn im Herzen. Ich kann nicht mehr froh werden.«

Aber der Pater Amaro, der so hoch über jeder Beleidigung stand und ganz vom Geiste christlicher Nächstenliebe erfüllt war, redete ihr gütig zu: »Mein liebes Kind, das sind Torheiten … Der Mann wird nicht Hungers sterben. Niemand verhungert in Portugal. Er ist jung und gesund, auch ist er nicht auf den Kopf gefallen; er wird sich schon durchschlagen … Machen Sie sich keine Sorgen … Was Pater Natário sagt, ist nur Gerede … Natürlich verläßt der Bursche Leiria, und wir werden nie wieder etwas von ihm hören … Man kann überall sein Brot verdienen … Was mich betrifft, ich habe ihm verziehen; Gott hat über ihn zu richten.«

Diese großmütigen Worte, die er leise und mit zärtlichem Blick zu ihr sagte, beruhigten sie vollständig. Die Milde und Barmherzigkeit des Herrn Pfarrers erschienen ihr größer als alles, was sie über Heilige und fromme Mönche gelesen oder gehört hatte.

Als nach dem Tee das Lottospiel begann, blieb er an ihrer Seite. Ein beglückendes, köstliches Gefühl stiller Freude schwellte Amélias Herz. Alles, was sie bisher gequält und erschreckt hatte: João Eduardo, die Heirat, die bevorstehenden Pflichten, es war endlich aus ihrem Leben gewischt. Der Bursche würde fortziehen, irgendwo Beschäftigung finden, und der Herr Pfarrer blieb hier, gehörte ihr, mit seiner Liebe ganz ihr!

Manchmal berührten sich ihre Knie unter dem Tisch, und sie zitterten. Einmal, während alle Spieler sich lärmend über Artur Couceiro aufregten, der zum dritten Mal gewann und triumphierend seine Lottotafel schwang, fanden sich ihre Hände in zärtlicher Liebkosung. Da entrang sich beider Busen ein leiser Seufzer, der aber von dem Gelächter der alten Frauen übertönt wurde. Und bis zum Ende des Beisammenseins setzten sie schweigend ihre Nummern, während ihre Wangen im Feuer desselben Verlangens glühten.

Als sich die Damen anzogen und Amélia ans Klavier ging, um einige Takte zu spielen, konnte ihr Amaro ins Ohr flüstern: »O Mädchen, wie ich dich liebe! Und niemals können wir uns allein haben …«

Sie wollte antworten, aber die Stimme Natários, der sich am Büfett in seine Pelerine hüllte, ließ sich streng vernehmen: »Ein solches Buch lassen die Damen also hier herumliegen?«

Alle waren überrascht über die Entrüstung des Paters Natário, der mit der Schirmspitze auf ein dickes Buch wie auf einen anstößigen Gegenstand zeigte. Dona Maria da Assunção näherte sich mit funkelnden Augen, denn sie vermeinte, es handle sich um einen jener berüchtigten Romane, in denen unmoralische Dinge geschehen. Amélia trat auch hinzu und sagte, verwundert über den Tadel Natários: »Aber es ist doch das ›Panorama‹ … ein Band des ›Panoramas‹!«

»Daß es das ›Panorama‹ ist, sehe ich«, grollte Natário. »Aber ich sehe auch noch etwas anderes.« Er schlug die erste Seite des Buches auf und las mit lauter Stimme: »Dieses Buch gehört mir, João Eduardo Barbosa; es dient mir als Erholung in meinen Mußestunden. – Sie begreifen wohl nicht? … Nun, das ist doch sehr einfach. Wissen denn die Damen nicht, daß jener Mensch, seitdem er seine Hand an einen Priester gelegt hat, ipso facto ipso facto – (lat.) durch die Tat selbst. exkommuniziert ist und daß alle ihm gehörenden Dinge ebenfalls exkommuniziert sind?«

Alle Damen wichen instinktiv von dem Büfett zurück, auf dem geöffnet das verhängnisvolle »Panorama« lag, und drängten sich wie eine erschreckte Schafherde im Halbkreis um Natário. Der Gedanke an die Exkommunikation, die sie sich wie eine Katastrophe, wie eine unter Donner und Blitz aus den Händen des rächenden Gottvaters herabsausende Sintflut vorstellten, erfüllte sie mit lähmendem Entsetzen. Natário, der mit gekreuzten Armen in seiner Pelerine dastand, weidete sich an der Wirkung seiner Enthüllung.

Die Joaneira fand sich zuerst wieder und wagte zu fragen: »Reden Sie im Ernst, Herr Pater Natário?«

Pater Natário erwiderte entrüstet: »Ob ich im Ernst rede? Das ist stark! Ja, glauben Sie denn, daß ich über einen Fall von Exkommunikation scherzen könnte, meine Verehrteste? Fragen Sie hier den Herrn Kanonikus, ob ich scherze!«

Aller Augen wandten sich nach dem Kanonikus, diesem unerschöpflichen Born kirchlicher Weisheit.

Wie immer, wenn es die Erörterung dogmatischer Fragen galt, setzte dieser, in dem dann der alte Seminarlehrer wieder erwachte, eine schulmeisterliche Miene auf und erklärte, daß Natário recht habe. »Wer einen Priester schlägt, obwohl er weiß, daß er einen Priester vor sich hat, ist ipso facto exkommuniziert. Das ist eine Doktrin, an der nicht zu rütteln ist. Man spricht in diesem Falle von der ›latenten Exkommunikation‹. Damit sie wirksam werde und alle Gläubigen den Frevler als exkommuniziert betrachten, bedarf es keiner Erklärung des Pontifex Pontifex – Pontifex maximus; Titel des Papstes. oder des Bischofs, auch keines Zeremoniells. Und alle müssen ihn auch dementsprechend behandeln: ihn und alles, was ihm gehört, meiden. Und der gegenwärtige Fall, in dem kirchenschänderische Hände sich an einem Priester vergriffen haben, ist ein solcher, wie ihn die Bulle von Papst Martinus V. im Auge hat, die, wenn sie auch die Handhabung der stillschweigenden Exkommunikation einschränkt, sie dennoch für denjenigen aufrechterhält, der einen Priester mißhandelt …«

Er zitierte noch andere Bullen, die Konstitutionen von Innozenz IX. und Alexander VII., die Apostolische Konstitution und andere furchteinflößende Verordnungen; er machte auch die Damen mit allerlei lateinischen Phrasen schwindlig. Und zum Schluß faßte er zusammen: »Das ist die Lehre, die Doktrin: Doch mir scheint es geratener, gar nicht soviel Sums zu machen …«

Dona Josefa Dias unterbrach ihn: »Aber wir, sollen wir unser Seelenheil aufs Spiel setzen und solche exkommunizierte Dinge auf den Tischen dulden?«

»Wir müssen sie vernichten!« rief Dona Maria da Assunção. »Verbrennen müssen wir sie, verbrennen!«

Dona Joaquina Gansoso zog Amélia in die Fensternische und fragte sie, ob hier noch andere Gegenstände wären, die jenem Menschen gehörten. Die eingeschüchterte Amélia gestand, daß es irgendwo, sie wußte nicht genau wo, ein Taschentuch, einen Handschuh und ein Zigarettenetui aus Bast gäbe, das dem Verfemten gehörte.

»Ins Feuer damit!« rief aufgeregt die Gansoso.

Das Zimmer hallte jetzt von dem Geschnatter der Damen wider, die ihrem heiligen Zorn Luft machten. Dona Josefa Dias und Dona Maria da Assunção schwärmten vom »Feuer« und kosteten das Wort förmlich im Munde aus; sie empfanden etwas von der grausigen Wollust der Inquisitoren beim Anblick eines Autodafés. Amélia fahndete mit der Gansoso in Schubkästen, zwischen Wäschestücken, Bändern und Höschen nach »exkommunizierten Dingen«, und die Joaneira betrachtete betäubt und entsetzt dieses Ketzergericht, das in ihrem sonst so friedlichen Eßzimmer tobte. Sie war an die Seite des Kanonikus geflüchtet, der, nachdem er ein paar Worte über die »Inquisition in Privathäusern« gebrummt, sich gemütlich im Lehnstuhl niedergelassen hatte.

»Sehen Sie, so bringt man den Leuten zum Bewußtsein, daß man nicht ungestraft den Respekt vor den Soutanen verliert«, sagte Natário leise zu Amaro.

Der Pfarrer nickte zustimmend; diese frommen Zornesausbrüche, in denen sich laut die Liebe der Damen zu seiner Person äußerte, befriedigten ihn sehr.

Aber Dona Josefa wurde ungeduldig. Sie hielt schon das »Panorama« in ihren Händen, die sie, um sich vor Verseuchung zu schützen, in die Enden ihres Schals gehüllt hatte. Nun schrie sie ins Zimmer hinein, wo noch immer mit wütendem Eifer die Schubläden durchwühlt wurden: »Nun, habt ihr die Sachen?«

»Hier sind sie, hier sind sie!«

Die Gansoso trat ein und schwang triumphierend das Zigarettenetui, den alten Handschuh und das baumwollene Taschentuch.

Und die Damen stürzten lärmend in die Küche, zusammen mit der Joaneira, die sich doch als gute Hausfrau um den als Scheiterhaufen dienenden Herd kümmern mußte.

Die drei allein gebliebenen Geistlichen sahen sich an und – lachten.

»Die Weiber haben den Teufel im Leib«, philosophierte der Kanonikus.

»Nein, Meister«, sagte Natário und wurde ernst. »Ich lache, weil dies Verhalten auf den ersten Blick komisch erscheint. Aber die Gesinnung, aus der es fließt, ist gut. Sie zeugt von frommer Hingabe an den Priesterstand und von Abscheu vor der Gottlosigkeit … Nein, nein, die Gesinnung ist ausgezeichnet.«

»Die Gesinnung ist ausgezeichnet«, bestätigte ernst der Pater Amaro.

Der Kanonikus erhob sich und sagte: »Ja, und die den Menschen berauben, wären auch imstande, ihn zu verbrennen … Ich sage Ihnen das nicht, um zu scherzen … Meine Schwester hätte sicher das Zeug dazu … Sie ist ein Torquemada im Unterrock …«

»Das stimmt«, nickte Natário, »das stimmt!«

»Ich kann der Lust nicht widerstehen, der Exekution beizuwohnen«, rief der Kanonikus. »Das muß ich mit eignen Augen sehen!«

Und die drei Geistlichen traten an die Küchentür. Da sahen sie die Damen vor dem Herd stehen, von dessen loderndem Feuer sich die Frauengestalten, die schon in die Pelerinen gehüllt waren, unheimlich abhoben. Die Ruça kniete am Boden und blies, ganz außer Atem, in die Glut. Man hatte mit einem großen Küchenmesser den Einband des »Panoramas« abgeschnitten, und die im hellen Feuer sich krümmenden schwarzen Blätter flogen knisternd und funkenstiebend zur Esse hinauf. Nur der Glacéhandschuh wollte gar nicht Feuer fangen. Vergebens stieß man mit der Feuerzange in die Glut: er wurde schwarz, schrumpfte zu einer schmierigen, schwelenden Masse zusammen; aber er brannte nicht. Seine Hartnäckigkeit entsetzte die Frauen.

»Es ist der Handschuh der rechten Hand, mit der er den Frevel beging!« schrie Dona Maria da Assunção.

»Immer tüchtig blasen, Mädchen!« riet der Kanonikus, dem die Sache riesigen Spaß machte.

»Bitte laß deine Späße bei so ernsten Dingen, Bruder!« tadelte Dona Josefa.

Aber der Kanonikus ließ sich nicht aus seiner guten Laune bringen. »Haha!« lachte er, »meine Schwester will besser als ein Priester wissen, wie man einen Gottlosen verbrennt? Immer tüchtig blasen, immer tüchtig, tüchtig!«

Da kauerten sich auch die Gansoso und Dona Maria da Assunção, die der Weisheit des Herrn Kanonikus vertrauten, vor den Ofen und fingen an zu blasen. Die andern Frauen aber beobachteten dieses Gott wohlgefällige Vernichtungswerk mit stummem Lächeln und grausam funkelnden Augen. Das Feuer knatterte unter der Wirkung des Pustens; es loderte stolz empor, als wäre es sich seiner uralten Funktion als Reiniger von Sünde und Schuld bewußt. Und schließlich war auf der glühenden Asche nichts mehr vom »Panorama«, vom Taschentuch und von dem Handschuh des Gottlosen zu sehen.

Zu dieser Stunde saß João Eduardo, der Gottlose, einsam neben seinem Bett. Er schluchzte, das Gesicht in Tränen gebadet; denn er dachte an Amélia, an die schönen Abende in der Rua da Misericórdia, an die Stadt, in welche er flüchten, an die Sachen, die er versetzen würde. Und immer wieder fragte er sich vergebens, warum man ihn so behandelte, ihn, der so arbeitsam war, der niemandem übelwollte und der »sie« so unsagbar liebte …


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