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XXI

Der Kanonikus Dias hatte Amaro dringend geraten, wenigstens in den ersten Wochen nicht nach der Ricoça zu gehen, um nicht den Verdacht der Schwester und der Gertrudes zu erregen. So wurde das Leben Amaros traurig und leer. Er kam sich verlassen und elender vor als damals, wo er von der Joaneira weggegangen und in das Haus in der Rua das Sousas gezogen war. Alle seine Bekannten hatten Leiria verlassen: Dona Maria da Assunção weilte in Vieira, die Gansosos in der Nähe von Alcobaça. Sie hatten die Tante mitnehmen müssen, jene berühmte, schwerreiche Erbtante, auf deren Ableben die beiden Damen nun schon seit zehn Jahren vergeblich warteten. Nach dem Dienst in der Kathedrale langweilte sich Amaro fürchterlich; in bleierner Schwere vergingen ihm die Stunden. Er wäre kaum einsamer gewesen, wenn er wie der heilige Antonius in der Libyschen Sandwüste gehaust hätte. Nur der Koadjutor, der sich merkwürdigerweise niemals sehen ließ, wenn es Amaro gut ging, tauchte jetzt wieder auf, als hätte ihn das Schicksal dazu auserkoren, der Gefährte seiner traurigen Stunden zu sein. Ein- oder zweimal in der Woche besuchte er den Pfarrer nach dem Mittagessen, magerer, abgezehrter und trübseliger denn je, stets mit dem unvermeidlichen Regenschirm bewaffnet. Amaro haßte ihn; um ihn loszuwerden, tat er zuweilen, als sei er in eine Lektüre vertieft; oder er eilte an den Schreibtisch, wenn er die schleppenden Schritte des Koadjutors auf der Treppe hörte.

»Lieber Koadjutor«, rief er dann, »entschuldigen Sie! Ich bin mit einer wichtigen Schreiberei beschäftigt.«

Aber der Mensch machte sich's bequem, den verhaßten Regenschirm zwischen den Knien.

»Lassen Sie sich nicht stören, Herr Pfarrer! Lassen Sie sich durchaus nicht abhalten!«

Schließlich warf Amaro wütend die Feder hin. Die Gegenwart dieses unheimlichen Gesellen, der regungslos auf seinem Stuhl hockte, fiel ihm auf die Nerven. Er ergriff seinen Hut und sagte: »Ich bin heute nicht zum Schreiben aufgelegt; ich muß hinaus und Luft schnappen.«

Und an der nächsten Straßenecke verabschiedete er sich kurz von dem Koadjutor.

Wenn ihn die Einsamkeit zu sehr bedrückte, ging er wohl auch einmal zu Pater Silvério. Aber die behäbige Ruhe und Zufriedenheit dieses fetten Philisters, der ewig Rezepte für Hausmittel sammelte und die phantastischen Störungen seiner Verdauung beobachtete, mißfielen ihm nicht minder. Desgleichen ärgerten ihn seine beständigen Lobreden auf den Doktor Godinho, seine Gemahlin und seine Kleinen. Und wenn der Alte seine uralten Witze auspackte, die er seit vierzig Jahren jeden Tag mit naivem Behagen zum besten gab, war es zum Davonlaufen. Amaro ging mißgestimmt fort und beneidete Silvério um sein glückliches Naturell. Wie gut war doch der alte Herr dran! Warum war er, Amaro, nicht auch so ein guter, philiströser Pater mit einer unschuldigen Manie, die ihn tyrannisch beherrschte? Warum war er nicht auch so ein verhätschelter Parasit einer hochangesehenen Familie? Warum hatte er nicht auch dieses ruhige Blut geerbt, das unter Fettschichten dahinfloß wie ein Bach im Schoße eines Berges? Und warum war gerade sein Blut so heiß, daß es immer Gefahr lief, überzuschäumen und Unheil zu stiften? …

Ein andermal ging er zum Kollegen Natário, der noch immer bandagiert im Bett lag, weil sein gebrochenes Bein am Anfang ungeschickt behandelt worden war und infolgedessen schlecht heilte. Aber hier belästigte ihn der Anblick des Zimmers mit seinen Batterien von Arzneiflaschen, die auf der Kommode zwischen Reihen von Heiligen paradierten, und den Schüsseln mit eingeweichten Tüchern. Und dazu der ekelhafte Geruch von Arnika und Schweiß! Kaum war Amaro im Zimmer, fing Natário zu klagen an: Diese Schafsköpfe von Ärzten! Solches Pech konnte nur er haben! Was ihm diese Schufte für Schmerzen bereiteten! Eine Schande, wie rückständig die ärztliche Kunst in diesem verfluchten Lande sei! … Dabei spie er auf den schmutzigen Fußboden, der mit Zigarettenresten bedeckt war. Seitdem er krank daniederlag, empörte ihn die Gesundheit der anderen, besonders seiner Freunde, wie eine persönliche Beleidigung.

»Sie sind natürlich immer frisch und munter, was?« grollte er verbissen. »Ja, das sieht man!«

Oh, wenn er daran dachte, daß diesem Scheusal, dem Brito, nie auch nur der Kopf weh tat! Und jener Schlemmer und Vielfraß, der Abt, prahlte damit, daß er niemals nach sieben Uhr morgens noch im Bett gelegen habe! Viehzeug!

Amaro erzählte ihm dann, was es Neues gab: von einem Brief, den ihm der Kanonikus aus Vieira geschrieben, von dem Befinden der Dona Josefa, der es ein wenig besser ging …

Aber Natário interessierte sich nicht für die Personen, mit denen ihn kollegiale und freundschaftliche Beziehungen verknüpften; ihn interessierten nur seine Feinde: Haß war für ihn das stärkste Band. Er wollte etwas vom Schreiber wissen, ob er schon vor Hunger krepiert wäre …

»Ein Glück, daß ich's dem noch besorgt habe, ehe ich in dieses verfluchte Bett mußte! …«

Dann erschienen die Nichten, zwei sommersprossige, mickerige Persönchen mit verschüchterten Augen. Ihr großer Verdruß war, daß Onkelchen nicht eine ihnen bekannte Quacksalberin hereinlassen wollte, die ihm das Bein »besprechen« würde. Mit ihrer Kunst hatte sie doch das Söhnchen des Majoratsherrn von Barrosa und den Senhor Pimental aus Ourém kuriert …

Die Gegenwart der »zwei Rosen seines Gartens« übte einen besänftigenden Einfluß auf Natário aus.

»Die guten Dinger haben mich rührend gepflegt«, sagte er. »An ihnen liegt es nicht, wenn ich noch nicht wieder auf den Beinen bin … Donnerwetter, was ich gelitten habe!«

Die beiden Rosen drehten sich gleichzeitig und mit derselben Gebärde zur Seite, um die Tränen aus den Augen zu wischen. Gelangweilt ging Amaro fort.

Um müde zu werden, versuchte er es mit langen, anstrengenden Spaziergängen auf der Lissabonner Chaussee. Aber kaum war er aus dem Getriebe der Stadt heraus, so wurde seine Melancholie durch den Anblick der Landschaft mit ihren traurigen Hügeln und verkümmerten Bäumen noch gesteigert. Diese endlose, einförmige Straße erschien ihm wie ein Abbild seines Lebens: bar jeder frohen Abwechslung, dehnte auch dieses sich trostlos vor ihm, um sich in Nebel und Dämmerung zu verlieren. Auf dem Heimweg betrat er manchmal den Friedhof, wo er zwischen Zypressenhecken umherwandelte und den süßlichen Duft einsog, den um diese späte Nachmittagsstunde die Levkojen besonders stark ausströmen. Nachdem er einige Grabinschriften überflogen hatte, lehnte er sich an das vergoldete Gitter der Familiengruft der Gouveias und betrachtete das Reliefwappen derselben, auf dem ein Galahut und ein Stoßdegen zu sehen war. Dann las er die famose Ode, die mit schwarzen Buchstaben auf einer steinernen Grabplatte geschrieben stand:

»O Wanderer, verweile! Sinnend blick
Auf dieses Grab, das teure Asche hegt!
Doch halte deinen Tränenstrom zurück,
Wenn auch gewaltig Leid dein Herz bewegt!
Denn João Cabral da Silva Maldonado
Mendonça de Gouveia,
Ein Edelmann und Bakkalaureus,
Sohn der erlauchten Seia,
Ex-Administrator des Bezirks Leiria,
Ritter vom Christusorden,
War so an Tugend reich, daß ihm gewiß
Die Seligkeit geworden!«

Darauf wandte er sich dem prächtigen Mausoleum des Senhor Morais zu, der seiner vierzigjährigen Witwe soviel Geld hinterlassen hatte. Diese lebte jetzt mit dem schönen Hauptmann Trigueiros in wilder Ehe. In eine Marmorplatte hatte sie folgenden frommen Vierzeiler meißeln lassen:

»O Gatte, erwarte, von Engeln umgeben,
Die Hälfte deines Herzens dort,
Das einsam in der Welt muß leben,
Für dich zu beten immerfort.«

Manchmal sah Amaro am äußeren Ende des Friedhofes, neben dem gemeinsamen Grab der ganz Armen, einen Mann vor einem schwarzen Kreuz knien, über das eine Trauerweide ihre Zweige hängen ließ. Es war der Onkel Esguelhas, der seine Krücke neben sich auf die Erde gelegt hatte und an der letzten Ruhestätte Totós betete. Amaro sprach ihn an, und in einer Vertraulichkeit, die dieser altes gleichmachende Ort rechtfertigte, spazierte er lange mit dem einfachen Glöckner plaudernd auf und ab. Er redete ihm gütig zu, suchte ihn zu trösten: Was hatte denn das unglückliche Mädchen vom Leben gehabt, da es nur immer im Bett vegetieren mußte.

»Es war aber doch immer ein Leben, Herr Pfarrer! … Und nun bin ich Tag und Nacht allein, ganz mutterseelenallein!«

»Wir haben alle unsre Einsamkeiten, Onkel Esguelhas«, sagte melancholisch Amaro.

Da seufzte der Glöckner und fragte nach Dona Josefa und Dona Amélia …

»Sie leben auf dem Landgut.«

»Die arme Dona Josefa, sie ist tüchtig herunter!«

»Jeder trägt sein Kreuz, Onkel Esguelhas.«

Schweigend gingen sie die Buchsbaumhecken entlang, die die schwarzen Kreuze und weißen Grabsteine einsäumten. Manchmal erkannte Amaro ein Grab wieder, das er selbst mit Weihwasser besprengt und gesegnet hatte. Wo waren wohl diese Seelen, die er Gott auf lateinisch empfohlen hatte, in aller Eile die Gebete herunterleiernd, um Amélia nicht warten zu lassen? Es waren Grabstätten von Bürgern Leirias; er kannte die Hinterbliebenen der hier Ruhenden von Ansehen, hatte sie in Tränen gebadet hier stehen sehen … und jetzt promenierten sie in lustiger Gesellschaft in der Pappelallee oder scherzten in den Läden der Stadt …

Nicht zerstreut, nein, trauriger als zuvor kehrte er nach Hause zurück, und nun begann seine Nacht, seine grauenhafte, endlose Nacht. Er versuchte zu lesen; aber schon nach den ersten zehn Zeilen verlor er die Lust und gähnte. Zuweilen schrieb er an den Kanonikus. Um neun Uhr trank er Tee; dann wanderte er stundenlang rauchend im Zimmer auf und ab. Hin und wieder stellte er sich ans Fenster und starrte in die finstere Nacht hinaus. Dann las er oberflächlich eine Notiz oder eine Annonce im »Volksfreund«, um gleich darauf seine endlose Wanderschaft im Zimmer wiederaufzunehmen. Und dabei gähnte er oft so laut, daß es die Dienstmagd in der Küche hörte.

Um diese traurigen Nächte etwas zu beleben und in dem Bedürfnis, seinen unfruchtbaren Gefühlen Luft zu machen, fing er an zu dichten. In den bekannten Formeln süßlicher Liebeslyrik beklagte er das entschwundene Glück und besang die Geliebte:

»Amélia, Engel, Zauberin!
Denkst du an jene sel'ge Zeit,
Da wir gelacht mit frohem Sinn,
Fern aller Sorge, allem Leid?

Denkst du an jene stille Nacht,
Da unsre Seelen sich vermählt
Und wir Gebete dargebracht
Dem Höchsten, der die Sterne zählt? …«

Aber trotz aller Anstrengungen kam er nie über diese zwei Vierzeiler hinaus, die ihm mit vielversprechender Leichtigkeit aus der Feder geflossen waren. Es war, als hätte seine Seele nur diese beiden Tropfen Poesie enthalten, und nachdem sie auf den ersten Druck herausgespritzt waren, blieb nichts darin als die trockene Prosa eines nüchternen Temperaments.

Dieses faule, leere Leben wirkte in Amaro wie ein unheimliches Gift, das seinen Willen und seinen Tätigkeitstrieb zersetzte. Irgendeine Arbeit zu beginnen, die doch die grauenhafte Öde der endlosen Stunden hätte ausfüllen können, war ihm einfach unmöglich. Ja, sie war ihm verhaßt wie eine Last, die zu tragen man ihm unbilligerweise zumutete. Dem Verdruß der Arbeit zog er noch immer den Verdruß des Müßiggangs vor. Abgesehen von der Erfüllung der streng vorgeschriebenen äußerlichen Amtspflichten, die er nicht vernachlässigen konnte, ohne sich den Tadel der Vorgesetzten und die Empörung der Kirchgemeinde zuzuziehen, tat er nichts, was ihm sein Beruf noch außerdem vorschrieb: er vernachlässigte gänzlich die Arbeit an seiner inneren Vervollkommnung. Das stille Gebet kannte er nicht mehr, ebensowenig die regelmäßigen Besuche am Allerheiligsten, die geistlichen Meditationen, den Rosenkranz, den er der Jungfrau schuldete, das nächtliche Lesen im Brevier, die Gewissensprüfung. Alle diese Frömmigkeitsübungen und geheimen Mittel zur allmählichen Heiligwerdung ersetzte er durch unaufhörliche Wanderungen im Zimmer, er pendelte immer zwischen Waschtisch und Fenster hin und her und rauchte dabei so viel Zigaretten, daß seine Finger ganz gelb wurden. Die Morgenmesse leierte er eilig herunter, den Seelsorgerdienst in der Gemeinde erledigte er grollend und mit innerer Auflehnung. Er wurde nach und nach im weitesten Sinne des Wortes das, was die Ritualisten den »indignus sacerdos indignus sacerdos – (lat.) unwürdiger Priester.« nennen; ihm fehlte keiner der fünfunddreißig Fehler und sieben halben Fehler, mit denen nach der Lehre der Theologen der »schlechte, unwürdige Priester« behaftet ist.

Nur eins war ihm bei aller Sentimentalität geblieben: ein gewaltiger Appetit. Und da seine Hausmagd ausgezeichnet kochte und Dona Maria da Assunção ihm überdies vor ihrer Abreise das Honorar für hundertfünfzig Messen in blanken Goldstücken überreicht hatte, führte er jetzt ein wahres Schlemmerleben. Er tat sich an jungen Hühnern und Pasteten gütlich; auch durfte der pikante Bairradawein, den ihm der Kanonikus ausgesucht hatte, nie auf dem Tisch fehlen. So blieb er Stunden und Stunden mit lang ausgestreckten Beinen am Tisch sitzen, Kaffee trinkend, rauchend, und er bedauerte nur, daß er dabei nicht die Hand seiner kleinen, süßen Amélia drücken durfte …

Was mag sie jetzt wohl tun, die arme Kleine! dachte er, während er sich gelangweilt im Stuhl rekelte.

 

Die arme Amélia verwünschte in der Ricoça ihr Leben.

Schon während der Fahrt im Kremser hatte Dona Josefa sie fühlen lassen, daß sie von dieser Seite weder die alte Freundschaft noch Verzeihung für ihren Fehltritt zu erhoffen hatte … Und es wurde immer deutlicher, nachdem sie eingerichtet waren. Die Alte verhielt sich einfach unzugänglich; sie vermied das vertrauliche »Du«, nannte Amélia mit grausamer Absichtlichkeit »Fräulein«, und wenn das Mädchen ihr das Kissen zurechtlegen oder den Schal umlegen wollte, lehnte sie dies schroff ab. Eisiges, vorwurfsvolles Schweigen, wenn sie des Abends nähend am Tisch saß, und jeden Augenblick wehleidige Anspielungen auf die traurige Aufgabe, die ihr Gott am Ende ihrer Tage noch aufhalste …

Amélia klagte im stillen den Pfarrer an: er hatte ihr doch versprochen, daß die Patin ganz verzeihende Güte sein und sich als duldsame Mitwisserin geben würde. Und nun setzte er sie der unglaublichen Grausamkeit dieser bigotten alten Jungfer aus! …

Den Aufenthalt in dem großen, häßlichen Wohnhaus des Landguts fand Amélia abscheulich. Sie schlief in einem eiskalten, kanariengelb getünchten Zimmer. Dieses war unfreundlich mit einem Bett, über das sich eine Art Baldachin spannte, und zwei Lederstühlen möbliert. Die ganze Nacht weinte sie in ihr Kopfkissen hinein und konnte nicht einschlafen, denn unten vor den Fenstern heulte bis zum Morgengrauen ein Hund, den offenbar das Licht und das Bewohntsein des Hauses rebellisch machte.

Am nächsten Tag unternahm Amélia einen Rundgang durch das Gut, um gleichzeitig die Bewohner des Anwesens kennenzulernen. Vielleicht waren es gute Leute, mit denen sie sich die Zeit vertreiben konnte. Sie stieß auf eine hochgewachsene Frau, die in ihrer Trauerkleidung den düsteren Eindruck einer Zypresse machte. Ein großes schwarzes Kopftuch, das sie tief ins Gesicht gezogen hatte, ließ ihre Leichenbittermiene noch trauriger erscheinen. Ihre klagende Stimme klang wie das Wimmern des Totenglöckleins. Der Mann wirkte noch abstoßender auf Amélia; er sah aus wie ein Orang-Utan; seine Ohren standen weit vom Kopf ab; der Unterkiefer schob sich brutal nach vorn, und aus den geöffneten Lippen bleckte bleiches, blutloses Zahnfleisch. Dazu hatte er den schlottrigen Körper eines Schwindsüchtigen, und seine Brust war tief eingesunken. Sie machte sich schleunigst davon, um nach dem Obstgarten zu sehen, der ziemlich tief lag und von einer hohen Mauer umgeben war. Alles war darin verwahrlost; auf den Wegen wucherte feuchtes Unkraut; wenn man ihn betrat, hatte man das Gefühl, als müsse man hier krank werden. Da war der Aufenthalt im Hause immer noch vorzuziehen … Oh, diese langen, endlosen Tage! Die Stunden gingen mit der peinvollen Langsamkeit eines Leichenzuges vorüber.

Amélias Stube war nach vorn hinaus gelegen. Wenn sie aus einem ihrer zwei Fenster sah, dehnte sich vor ihrem Blick eine traurige Landschaft: ein monoton gewelltes, wenig fruchtbares Gelände mit spärlichem Baumwuchs. Die Luft war schwer und dumpfig und schien beständig mit den Ausdünstungen der benachbarten Niederungen und Sümpfe geschwängert zu sein. Und die Septembersonne vermochte nicht, die fieberträchtigen Dünste zu zerstreuen.

Am Morgen half Amélia der Dona Josefa beim Aufstehen und machte es ihr auf dem Sofa bequem. Dann fing sie neben ihr an zu nähen, wie sie einst in der Rua da Misericórdia neben der Mutter genäht hatte. Aber jetzt gab es kein frohes Geplauder mehr; das abweisende Schweigen, in das sich die Alte hüllte, wurde nur ab und zu durch ihr heiseres Husten unterbrochen. Amélia dachte daran, ihr Klavier aus der Stadt kommen zu lassen; aber kaum deutete sie diesen Gedanken an, so rief Dona Josefa zornig: »Das Fräulein ist wohl ganz verrückt … Ich bin nicht gesund genug, um das Geklimper zu vertragen! Was für eine Idee!«

Auch Gertrudes leistete ihr keine Gesellschaft. Wenn sie nicht bei der Alten oder in der Küche beschäftigt war, verschwand sie. Sie stammte nämlich aus dieser Gegend und besuchte daher gern ihre alten Bekannten, um mit ihnen zu schwatzen.

Am meisten litt Amélia in den Abendstunden. Nachdem sie ihren Rosenkranz gebetet hatte, stellte sie sich ans Fenster und sah teilnahmslos dem Sonnenuntergang zu. Die ganze Landschaft nahm allmählich einen gleichmäßig düsteren Farbton an; es war, als sinke ein Schweigen hernieder und lege sich auf die Erde; dann entzündete sich das erste flimmernde Sternlein, und vor Amélia breitete sich leblose, stumme Finsternis aus; nur am äußersten Horizont schimmerte noch ein feiner orangefarbener Streifen. Die Gedanken des Mädchens, durch keine Lichtwirkung und keinen Gegenstand abgelenkt, schweiften sehnsüchtig in die Ferne: nach Vieira. Um diese Stunde pflegten ihre Mutter und deren Freundinnen vom Spaziergang am Strand heimzukehren; alle Netze waren schon eingezogen; in den Fischerhütten wurde es hell. Die Stunde des Tees, des fröhlichen Lottospiels war gekommen, und die jungen Leute strömten scharenweise in die Häuser ihrer Freunde … Geigenton, Flötenspiel, improvisierte Tanzabende … Und sie stand hier, einsam, verlassen! …

Nun mußte Amélia die Alte zu Bett bringen, mit ihr und Gertrudes den Rosenkranz beten. Die Messinglampe wurde angezündet und ein Pappdeckel davor gestellt, damit das Licht Dona Josefa nicht störte. In unheimlichem Schweigen verging der Abend; nur die Spindel der Gertrudes, die in einer Ecke spann, surrte leise.

Vor dem Zubettgehen verriegelten Amélia und die Dienstmagd alle Türen; denn man ängstigte sich vor Dieben; und dann begann für Amélia die Stunde abergläubischer Furcht. Der Gedanke an die Finsternis der unbewohnten, uralten Zimmer im Hause und das düstre Schweigen der Felder ringsumher hinderten sie am Einschlafen. Auch hörte sie fortwährend erschreckende Geräusche; der Fußboden des Korridors schien ihr unter vielen tappenden Schritten leise zu knarren; wenn das Flämmchen des Nachtlichts flackerte, vermeinte sie, es geschähe unter dem Hauch eines unsichtbaren Wesens; oder ihr war, als hörte sie von der Küche her den dumpfen Aufschlag eines Körpers. Da verkroch sie sich tief unter der Bettdecke und murmelte Gebet auf Gebet. Wenn sie endlich entschlummerte, setzten Visionen und Alpdrücken die Qualen der Schlaflosigkeit fort. Einmal wachte sie plötzlich auf; eine klagende Stimme rief hinter der hohen Bettstelle: »Amélia, bereite deine Seele! Dein Ende ist gekommen!« Von Entsetzen geschüttelt, sprang sie aus dem Bett, rannte im Hemd durch das Haus und flüchtete sich in das Bett der Gertrudes.

In der zweiten Nacht, als Amélia eben beim Einschlafen war, erklang die Grabesstimme wieder: »Amélia, denk an deine Sünden! Bereite deine Seele, Amélia!« Sie schrie laut auf und wurde ohnmächtig. Glücklicherweise war Gertrudes noch nicht zu Bett gegangen; sie eilte auf den gräßlichen Schrei, der das Schweigen des Hauses zerrissen hatte, ängstlich herbei und fand Amélia in einer hilflosen Lage vor: ihr Oberkörper hing seitlich aus dem Bett heraus, so daß ihr aufgelöstes Haar den Boden bedeckte; ihre Hände waren eiskalt wie die einer Leiche. Gertrudes stieg hinab, um die Frau des Gutsverwalters zu holen, und beide bemühten sich eifrig, das Mädchen ins Leben zurückzurufen, was ihnen gegen Morgen auch gelang. Seit diesem Tag schlief Gertrudes neben ihr, und die fürchterliche Stimme hinter dem Bett bedrohte das Mädchen nicht wieder.

Aber Tag und Nacht mußte Amélia an den Tod und die Schrecken der Hölle denken. Um diese Zeit kam ein reisender Bilderhändler nach der Ricoça, und Dona Josefa kaufte ihm zwei Lithographien ab, betitelt »Der Tod des Gerechten« und »Der Tod des Sünders«.

»Denn«, meinte sie, »es ist gut, wenn ein jeder ein anschauliches Beispiel vor Augen hat.«

Natürlich merkte Amélia sogleich die Absicht. Die Alte, die überzeugt war, mit derselben Glorie wie der Gerechte auf dem Bild in den Himmel einzugehen, wollte ihr, der Sünderin, zu Gemüte führen, wie grauenhaft sich ihr Tod gestalten würde. Amélia haßte sie wegen dieser Niedertracht. Aber ihre aufgescheuchte Phantasie war sofort bereit, dem Bilderkauf eine andere Bedeutung beizumessen: die Heilige Jungfrau hatte den Händler geschickt; ihr Wille war es, daß die Lithographie »Der Tod des Sünders« ihr das Schauspiel ihres Todeskampfes vor Augen führte. Ja, so würde es werden, Punkt für Punkt: Ihr Schutzengel würde schluchzend fliehen, Gottvater sein Antlitz mit Abscheu von ihr wenden. Das Skelett des Todes würde in Hohngelächter ausbrechen, die flammenfarbenen Teufel sich ihrer bemächtigen und ihre sämtlichen Torturen an ihr erschöpfen. Einige Dämonen würden sie bei den Beinen, andere bei den Haaren fassen und mit Jubelgeschrei zu dem feurigen Krater schleppen, aus dem das Wehgeheul der zu ewigen Qualen Verdammten gräßlich empordringt … Und am fernen Himmel stünde die große Waage: Auf der einen Schale, die hoch emporstand, lagen ihre Gebete; aber sie wogen nicht schwerer als die Feder eines Kanarienvogels. Die andre Schale aber hing tief, an straffen Seilen herab, und darin stand das Bett des Glöckners mit dem schweren Gewicht ihrer Sündenlast.

Da verfiel Amélia in eine hysterische Melancholie, die sie zusehends altern ließ. Ganze Tage lief sie schmutzig und schlampig herum, da sie es für überflüssig hielt, ihren sündigen Körper zu pflegen und zu schmücken. Jede Bewegung, jede Anstrengung widerstrebte ihr; sogar das Beten fiel ihr sauer, da es ja doch keinen Zweck hatte. Die Babyausstattung, an der sie bisher oft genäht hatte, verschwand in der Tiefe einer Truhe; denn sie haßte jetzt das Kind, dessen Bewegungen sie in ihrem Schoße fühlte: war es doch die Ursache ihres Elends. Aber sie haßte es weniger als den andern, den Pfarrer, der es gezeugt, den ruchlosen Pater, der sie verführt, sie verdorben, sie der ewigen Verdammnis ausgeliefert hatte! Bitterkeit und Verzweiflung stiegen in ihr empor, wenn sie an ihn dachte. Dieser Mensch saß friedlich in Leiria, aß gut, nahm anderen Mädchen die Beichte ab, liebelte vielleicht mit ihnen. Und sie saß hier einsam in der Verbannung, ihr Leib war gezeichnet, trug den Fluch der Sünde, mit der er ihn geschwängert hatte … ewiges Verderben war ihr Los!

Diese seelischen Aufregungen hätten sie sicher getötet, wenn nicht der Pfarrer Ferrão gewesen wäre, der zu jener Zeit angefangen hatte, die Schwester seines Kollegen Dias regelmäßig zu besuchen.

Amélia hatte in der Rua da Misericórdia oft von ihm erzählen hören; er galt dort für einen etwas verschrobenen Menschen, wenn man ihm auch nicht Tugend und theologische Gelehrsamkeit absprechen konnte. Schon seit vielen Jahren war er hier Pfarrer; ein Bischof hatte den andern in der Diözese abgelöst, und er saß immer noch wie vergessen in dieser armen Kirchgemeinde, bezog ein kümmerliches Gehalt und hauste in einer Wohnung, in die es durch das Dach regnete. Der letzte Generalvikar, obwohl niemals um sein Weiterkommen bemüht, hatte einmal in seiner um Worte nie verlegenen Art gesagt: »Sie sind einer der wirklich guten Theologen des Königreichs. Gott hat Sie für die Bischofswürde prädestiniert; der Prälatenhut ist Ihnen so gut wie sicher. In der Geschichte der portugiesischen Kirche werden Sie noch als ein großer Bischof figurieren, Ferrão!«

»Als ein Bischof, Herr Generalvikar! Das ist gut! Aber ich müßte die Verwegenheit eines Afonso de Albuquerque Afonso de Albuquerque – (1453-1515), portugiesischer Feldherr, Vizekönig von Indien. oder eines Dom João de Castro Dom João de Castro – (1500-1548), portugiesischer Feldherr und Seefahrer, Vizekönig von Indien. haben, wenn ich mir einbilden wollte, in den Augen Gottes eines so verantwortungsvollen Amtes würdig zu sein!«

Und so war er hier geblieben, unter armen Leuten, in einem Dorf mit unfruchtbaren Feldern, und lebte von zwei Stücken Brot und einer Tasse Milch. Aber seine Soutane war sauber, wenn sie auch mit ihren zahlreichen Flicken wie eine Landkarte aussah. Und wenn jemand im Kirchspiel Zahnschmerzen hatte oder einer alten Frau eine Ziege gestorben war, lief er eine halbe Meile im scheußlichsten Wetter, um die Betroffenen ein Stündchen zu trösten.

Er war immer guter Laune, hatte immer ein Geldstück in der Hosentasche bereit, um einem Nachbar aus der Not zu helfen. Sehr liebte er auch die Dorfjungen, die er gern mit Korkstücken bombardierte, und die wenigen hübschen Mädchen, die er im Vorbeigehen freundlich begrüßte und denen er zurief: »Gott segne dich, schönes Kind!«

Er war schon als junger Mann wegen seiner Reinheit und Züchtigkeit berühmt gewesen, so daß man ihn »die Jungfer« nannte.

Seinen geistlichen Pflichten kam er übrigens mit vorbildlichem Eifer nach: stundenlang kniete er in der Kirche vor dem Allerheiligsten; mit freudiger Begeisterung erfüllte er auch die geringfügigste Vorschrift der Frömmigkeit; ehe er an sein Tagewerk ging, reinigte er sich mit andächtigem stillem Gebet und ernsten Meditationen, aus denen seine Seele wie aus einem stärkenden Bad frisch und tatenfroh hervorging. Auf den Schlaf bereitete er sich durch lange, gründliche Gewissensprüfungen vor, die ja so nützlich sind, daß der heilige Augustinus und der heilige Bernhard sie ebensowenig vernachlässigten wie Plutarch und Seneca. Bilden sie doch die mühsame, subtile Korrektur der kleinen Fehler, die mit einer gewissen Pedanterie betriebene Vervollkommnung lebendiger, fruchtbarer Tugend, an der ein gewissenhafter Mensch mit demselben Eifer feilt und bessert wie ein Dichter an seinem geliebten Gedicht … In seinen Mußestunden versank er in einem wahren Bücherberg.

Nur einen Fehler hatte der gute Pfarrer Ferrão: er ging gern auf die Jagd. Er wehrte sich gegen diese Passion, denn das Weidwerk verschlingt viel Zeit; außerdem ist es eigentlich ein blutiges, grausames Geschäft, einen armen Vogel zu töten, der auf den Feldern emsig seinen häuslichen Pflichten nachgeht. Aber wenn er an hellen Wintermorgen, wenn noch der Tau an den Ginstersträuchern hängt, einen Mann, von seinem Hühnerhund begleitet, mit der Flinte auf dem Rücken hinauseilen sah, folgte ihm unwillkürlich sein Blick … Manchmal jedoch unterlag er der Versuchung: er ergriff heimlich sein Gewehr, pfiff seiner Hündin Janota, und fort ging's mit fliegenden Rockschößen: der berühmte Theologe, der Spiegel der Frömmigkeit, schweifte als eifriger Weidmann durch Felder und Auen … Und bald darauf … bum! bum! … fiel eine Wachtel, dann ein Rebhuhn zur Erde! Und der fromme Mann kehrte wieder heim, die Flinte unterm Arm, zwei Vögel in der Jagdtasche. Aber er schlich an den Mauern entlang und betete dabei seinen Rosenkranz zur Heiligen Jungfrau. Und wenn ihn jemand grüßte, antwortete er gesenkten Blickes und mit der Miene eines ertappten Sünders.

Gleich bei seinem ersten Besuch in der Ricoça gefiel der Pfarrer Ferrão Amélia trotz seines schäbigen Gewandes und seiner großen Nase; und ihre Sympathie wuchs noch, als sie sah, daß ihn Dona Josefa trotz der Hochachtung, mit der ihr Bruder von der Gelehrsamkeit des Pfarrers sprach, nur sehr lau empfing.

Nach einer geistlichen Unterredung, die sie mit ihm gehabt hatte, war er nämlich für sie so gut wie erledigt; kraft ihrer reichen Erfahrung auf dem Gebiet der Frömmigkeit verurteilte sie ihn mit einem einzigen Wort: »Er ist schlapp!«

Die beiden hatten sich allerdings gar nicht verstanden. Der gute Ferrão, der nun schon so viele Jahre in dieser Gemeinde von fünfhundert Seelen lebte, war den Anforderungen Dona Josefas nicht gewachsen. Hier gab es nur eine Frömmigkeit, die sich unverändert von den Müttern auf die Töchter vererbte; es war die naive Hingabe an Gott den Herrn, an die Heilige Jungfrau und an den heiligen Vinzenz, den Schutzpatron des Kirchspiels. Nun sah sich der Pfarrer, der gar kein routinierter Beichtstuhlpater war, auf einmal der komplizierten Seele einer städtischen Betschwester gegenüber, deren teils überängstliche, teils pharisäerhafte Frömmelei ihm etwas vollkommen Neues war.

Als er von Dona Josefa die schier endlose Liste ihrer Todsünden hörte, murmelte er ganz bestürzt: »Seltsam, höchst seltsam! …«

Wohl hatte er sofort gemerkt, daß er da eine Entartung des religiösen Gefühls vor sich hatte, die die Theologie »religiöse Skrupelsucht« nennt und von der heute fast alle katholischen Seelen befallen sind; aber bei gewissen Enthüllungen der Alten fürchtete er allen Ernstes, daß er es hier mit einer gefährlichen Geisteskranken zu tun habe. Und in der instinktiven Scheu, die alle Priester vor Wahnsinnigen haben, rückte er mit seinem Stuhl von ihr ab …

Arme Dona Josefa! Gleich in der ersten Nacht, die sie in der Ricoça zubrachte – so erzählte sie dem Pfarrer –, gerade als sie den Rosenkranz für die Heilige Jungfrau zu beten anfing, fiel ihr plötzlich ein, daß sie ihren roten flanellenen Unterrock mitzubringen vergessen hatte, der bei Beinschmerzen so wirksam war … Achtunddreißigmal mußte sie den Rosenkranz von vorn anfangen, weil sich der rote Unterrock immer wieder zwischen sie und die Heilige Jungfrau drängte! … Schließlich gab sie das Beten vor Erschöpfung auf. Aber sogleich verspürte sie heftige Schmerzen in den Beinen; und ihr war, als riefe ihr eine innere Stimme zu: Die Heilige Jungfrau straft dich, indem sie dir die Beine mit Nadeln spickt! …

Der Pfarrer sprang aufgeregt in die Höhe. »Oh, Dona Josefa!«

»Ach, das ist noch nicht alles, Herr Pfarrer!«

Noch eine andre Sünde quälte sie: Beim Beten fühlte sie manchmal, wie ihr der Auswurf im Halse emporstieg; und während sie noch den Namen Gottes oder der Jungfrau auf der Zunge hatte, mußte sie ausspucken. Aber schließlich verschluckte sie den Auswurf, und in demselben Moment kam ihr zum Bewußtsein, daß ja der Name Gottes oder der Jungfrau verunreinigt in den Magen hinabglitt und sich später mit dem Kot vermischen würde! Was sollte sie nun tun?

Der Pfarrer stierte sie wie ein Irrsinniger an und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn …

Aber das war ja noch nicht das Schlimmste! Ganz ungeheuerlich war, daß Dona Josefa, als sie still und ergeben zum heiligen Franziskus Xaver betete – sie wußte nicht, wie es geschah! –, daran denken mußte, wie wohl der heilige Franziskus Xaver nackt unter seinem Fell aussähe!

Der gute Ferrão rührte sich nicht; er war wie betäubt. Aber als er sah, wie ihr ängstlicher Blick rat- und hilfeheischend an seinem Gesicht hing, stotterte er: »Haben Sie diese Zweifel und Angstzustände schon lange?«

»Immer, Herr Pfarrer, immer!«

»Und Sie verkehren mit Personen, die ebenso wie Sie derartigen Beunruhigungen unterworfen sind?«

»Das sind alle Personen, die ich kenne. Dutzende von Freundinnen, alle Welt … Der böse Feind hat nicht nur mich ausgesucht … Auf alle stürzt er sich …«

»Und welches Heilmittel hat man gegen diese Seelenängste verordnet?«

»Ach, Herr Pfarrer, jene Heiligen in der Stadt, Pater Amaro, Senhor Silvério, Senhor Guedes und wie sie alle heißen, haben uns immer aus unseren Nöten geholfen … Und mit einer Geschicklichkeit, einer Tugend …«

Der Pfarrer schwieg einen Augenblick. Tiefe Trauer erfüllte ihn, wenn er daran dachte, daß überall im Königreich Hunderte von Priestern die Herde mit Absicht und Berechnung in solche Seelenfinsternis führten. Wußten sie denn nichts Besseres zu tun, als die Welt der Gläubigen in niedriger Angst vor dem Himmel zu erhalten und Gott und seine Heiligen als einen Hofstaat hinzustellen, der nicht besser und nicht schlechter war als derjenige eines Caligula und seiner Freigelassenen?

Da nahm er sich vor, in dieses durch Bigotterie verdunkelte Gehirn, in dem die tollsten Hirngespinste spukten, etwas Licht zu tragen. Er sagte ihr, daß alle ihre Beunruhigungen von der qualvollen Einbildung, Gott zu beleidigen, herrührten … Daß Gott nicht ein schrecklicher, rachsüchtiger Herr sei, sondern ein gütiger, nachsichtiger Vater … Daß man ihm aus Liebe, nicht aus Furcht dienen müsse … Daß all ihre Skrupel, zum Beispiel betreffs der Heiligen Jungfrau mit ihren Nadeln oder betreffs des göttlichen Namens, der in den Magen wanderte, nichts als Ausgeburten eines krankhaften Geistes- und Gemütszustandes seien. Er riet ihr, auf Gott zu vertrauen und sich gut zu nähren, damit sie wieder zu Kräften käme. Vor allem solle sie ihren Körper nicht durch übertriebenes Beten ermüden …

»Und wenn ich wiederkomme«, sagte er, als er sich verabschiedete, »wollen wir weiter über diese Dinge reden. Wir werden diese Seele schon zur Ruhe bringen.«

»Danke, Herr Pfarrer«, antwortete die Alte kühl.

Als Gertrudes kurze Zeit darauf mit einer Wärmflasche eintrat, rief die empörte Dona Josefa weinerlich: »Ach, mit dem ist nichts los! Der taugt gar nichts … Er hat mich nicht begriffen, der bornierte Tölpel! Er ist ein Freimaurer, Gertrudes! Eine Schande ist es, daß solche Priester herumlaufen dürfen …«

Seit diesem Tag enthüllte sie dem Pfarrer nie wieder die furchtbaren Sünden, die sie auch weiterhin beging. Und als er es für seine Pflicht hielt, wieder mit der Erziehung ihrer Seele zu beginnen, erklärte sie ihm ohne Umschweife, daß sie bei Pater Gusmão beichte und es darum für wenig taktvoll halte, von einem andern Priester geistliche Unterweisung anzunehmen …

Der Pfarrer errötete und antwortete: »Sie haben recht, Dona Josefa; in solchen Dingen muß man sehr taktvoll sein …«

Er ging. Und von nun an beschränkte er seine Besuche bei der Alten darauf, sich nach ihrer Gesundheit zu erkundigen und vom Wetter, der Jahreszeit oder einer kirchlichen Veranstaltung zu reden. Nachdem er sich verabschiedet hatte, beeilte er sich, auf die Terrasse zu kommen, ›um mit Amélia zu plaudern.

Da er sie immer so traurig sah, interessierte er sich für sie. Für die einsame Amélia bedeuteten die Besuche des Pfarrers eine willkommene Zerstreuung. So freundeten sich die beiden an; ja, an den Tagen, an denen er zu kommen pflegte, ging sie ihm sogar öfters entgegen. Sie hing sich ein Cape um und erwartete ihn am Haus des Hufschmieds. Die Gespräche des Pfarrers, der ein unermüdlicher Plauderer war, regten sie an. Das war etwas ganz anderes als der Klatsch in der Rua da Misericórdia! Ihr war, als träte sie aus einer nüchtern getünchten engen Stadtwohnung hinaus in Gottes freie, schöne Natur, und vor ihren entzückten Augen dehnten sich baumreiche Täler, Felder, Wiesen und Obstgärten mit murmelnden Bächen und frohen, arbeitenden Menschen. Diese Gespräche erinnerten sie an das, was sie in den Unterhaltungsbeilagen der Zeitung, im »Familienschatz« oder im »Abenderzähler« gelesen hatte. Da gab es auch alles mögliche Interessante: moralisierende Aufsätze, Reisebeschreibungen, Anekdoten von großen Männern, Abhandlungen über Feldbestellung, irgendeinen guten Witz, erhebende Züge aus dem Leben eines Heiligen, hier und da ein Gedicht, sogar nützliche Winke für den Haushalt, wie zum Beispiel die Art, Flanell zu waschen, ohne daß er einging. Weniger interessierte es sie, wenn er von seinen kirchlichen Obliegenheiten, von Eheschließungen, Taufen, Krankheiten, Zwistigkeiten in der Gemeinde erzählte oder wenn er auf seine Jagdabenteuer zu sprechen kam.

»Einmal, mein liebes Fräulein, jagte ich in der ›Schlucht der Traurigen‹, als plötzlich ein Schwarm Rebhühner aufflatterte …«

Amélia wußte, daß nun mindestens eine Stunde lang von nichts anderem die Rede sein würde als von den Heldentaten der Hündin Janota und der fabelhaften Schießfertigkeit des Pfarrers. Dieser begleitete seine Berichte mit entsprechender Mimik und machte die Stimmen der Vögel und das »Bum! Bum!« der Gewehrschüsse nach. Oder er gab exotische Jagderlebnisse zum besten, die er massenhaft gelesen hatte: eine Tigerjagd in Nepal, eine Löwen- oder Elefantenjagd in Algier … schreckliche Geschichten, die das Mädchen in ferne, tropische Gegenden entrückten, wo das Gras bis zur Höhe von Fichten wuchs, wo die Sonne wie glühendes Eisen brannte und wo aus jedem Strauch die Augen wilder Bestien funkelten …

Da er gerade von Tigern und Malaien gesprochen hatte, fiel ihm eine merkwürdige Geschichte vom heiligen Franziskus Xaver ein, und schon erzählte der nimmermüde Plauderer von asiatischen Abenteuern, indischen Piratenstücken und den berüchtigten Metzeleien bei der Belagerung von Dio …

An einem dieser Tage hatte der Pfarrer im Obstgarten von den Vorteilen gesprochen, die der Kanonikus von der Umwandlung dieses Gartens in Ackerland haben würde; darauf war er auf die Missionare in Indien und Japan gekommen und hatte sich über ihre Todesverachtung und die Gefahren verbreitet, denen sie beständig ausgesetzt seien. Da erzählte ihm Amélia, die noch ganz unter dem Eindruck der furchteinflößenden nächtlichen Geräusche im Hause stand, von ihren schrecklichen Nächten.

»Oh, schämen Sie sich!« sagte lachend der Pfarrer. »Eine junge Dame in Ihrem Alter fürchtet sich vor Gespenstern und Kobolden!«

Durch die gütige Art des Geistlichen ermutigt, sprach sie von der unheimlichen Stimme, die manchmal hinter dem Bett ertönte.

Da wurde der Pfarrer ernst und sagte: »Liebes Fräulein, das sind Einbildungen, gegen die Sie unter allen Umständen ankämpfen müssen … Gewiß haben sich Wunder in dieser Welt ereignet; aber wie wird es Gott einfallen, zu irgend jemand hinter dem Bett hervor zu reden oder einem Dämon zu erlauben, daß er solches tue … Wenn Sie solche Stimmen hören und Ihre Sünden groß sind, so kommen sie nicht hinter dem Bett hervor, sondern aus Ihrem Inneren, aus Ihrem Gewissen … Und Sie mögen Gertrudes neben sich schlafen lassen oder hundert Gertrudes, ja, ein ganzes Infanteriebataillon, die Stimme wird dennoch weiterrufen … Auch wenn Sie taub wären, würden Sie sie hören … In solchen Fällen hilft nur eins: das Gewissen beruhigen, das nach Buße und Reinigung schreit …«

Sie waren während ihrer Unterhaltung zur Terrasse hinaufgestiegen, und Amélia, die sich ermüdet fühlte, hatte sich auf eine der dort befindlichen Steinbänke gesetzt. Ihre Blicke schweiften über das Gut, die Dächer der Ställe, die lange Lorbeerallee, dann über die ebenen Felder, die infolge des am Vormittag niedergegangenen Regens feucht schimmerten. Der Nachmittag atmete heitere Ruhe, kein Lüftchen rührte sich. Die untergehende Sonne färbte die still am Himmel stehenden Wolken mit einem zarten Rot … Amélia dachte über die vernünftigen Worte des Pfarrers nach. Wie wollte sie beruhigt aufatmen, wenn jene Sünde, die ihr wie ein Felsblock auf der Seele lag, unter der Wirkung der Buße leicht würde und schließlich ganz verschwände! Sie sehnte sich nach Frieden; so still und ruhig wollte sie sein wie die Felder, die sich vor ihr ausbreiteten …

Ein Vöglein sang und schwieg darauf; und dann trillerte es wieder so laut und froh, daß die lauschende Amélia lächeln mußte.

»Eine Nachtigall …«

»Nachtigallen singen nicht um diese Stunde«, belehrte sie der Pfarrer. »Es ist eine Amsel … Sehen Sie, die hat keine Furcht vor Gespenstern und hört auch keine Stimmen … Hören Sie nur, welcher Jubel, welche Begeisterung! … Haha, der Schelm!«

Es war in der Tat ein triumphierendes Schmettern, der Jubelhymnus einer glücklichen Amsel, von dem der ganze Obstgarten festlich widerhallte.

Da geschah es, daß Amélia vor dem Glanz dieser seligen Vogelstimme unvermittelt in ein nervöses Weinen ausbrach, wie es hysterischen Frauen zuweilen begegnet.

»Aber, aber!« machte der erstaunte Pfarrer. »Was haben Sie denn? Was ist denn mit Ihnen los?«

Er ergriff ihre Hand mit jener Vertraulichkeit, die das Alter und die Freundschaft erlaubt, und suchte sie zu beruhigen.

»Ach, wie unglücklich ich bin!« schluchzte Amélia.

Und er, mit väterlichem Ton: »Sie haben keinen Grund, unglücklich zu sein … Welches auch immer die Betrübnis und die Unruhe sei, eine Christenseele hat immer Trost zur Hand … Es gibt keine Sünde, die Gott nicht verzeiht, keinen Schmerz, den er nicht stillt, bedenken Sie das! Nur eins darf man nicht: den Kummer in sich verschließen … Und das tun Sie: darum ersticken Sie, darum weinen Sie … Wenn ich Ihnen helfen und Sie beruhigen soll, suchen Sie mich auf …«

»Wann?« sagte sie, von dem Wunsch beseelt, sich in den Schutz dieses frommen, guten Mannes zu flüchten.

»Wann Sie wollen«, lächelte er. »Ich habe keine festen Sprechstunden, um zu trösten … Die Kirche ist immer offen; Gott ist immer gegenwärtig …«

Am nächsten Morgen, lange bevor die Alte aufzustehen pflegte, ging Amélia ins Gotteshaus. Und zwei Stunden lang kniete sie vor dem kleinen Beichtstuhl aus Fichtenholz, den der gute Pfarrer mit eigener Hand dunkelblau angestrichen hatte. Darauf waren ganz seltsame Engelköpfe zu sehen, die an Stelle der Ohren Flügel hatten … ein Kunstwerk ersten Ranges, von dem der Pfarrer nicht ohne geheime Eitelkeit sprach.


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