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IX

So wurde Amaro wieder in der Rua da Misericórdia heimisch. Er speiste zeitig; dann las er in seinem Brevier, und kaum schlug die Kirchenuhr sieben, so sprang er auf, um seinen Mantel überzuwerfen. Er ging um den Markt herum, an der Apotheke vorbei, wo die Kunden, die Hände auf die Schirmgriffe gestützt, kannegießerten oder Schnurren erzählten. Kaum erblickte er das erleuchtete Fenster des Eßzimmers, so erhoben alle seine Wünsche ungestüm ihr Haupt. Aber beim spitzen Klang der Hausklingel packte ihn manchmal eine unbestimmte Angst, die Mutter könnte schon mißtrauisch geworden sein oder Amélia kühler! … Abergläubisch wie er war, trat er immer mit dem rechten Fuß zuerst ein.

Er fand schon die Gansosos, Dona Josefa Dias und den Kanonikus vor, welch letzterer jetzt sehr häufig bei der Joaneira speiste und um diese Stunde im Lehnstuhl ausgestreckt lag.

Der Kanonikus beendigte soeben sein Schläfchen und sagte gähnend: »Ah, sieh da, der hübsche Junge! Willkommen!«

Amaro nahm neben der am Tisch nähenden Amélia Platz. Den langen, tiefen Blick, den sie jeden Abend wechselten, nahm jedes von beiden wie einen Schwur hin, daß ihre Liebe seit dem vorigen Tage nur noch gewachsen sei. Zuweilen preßten sie ihre Knie unter dem Tisch leidenschaftlich aneinander. Es begann nun der Kaffeeklatsch mit seinen ewig gleichen Themen: was in der Nachbarschaft erzählt wurde, was der Chorherr gesagt hatte, was man über die Frau des Novais munkelte oder daß der Kanonikus Campos sein Dienstmädchen entlassen habe …

»Mehr Nächstenliebe!« grunzte der Kanonikus, der sich im Lehnstuhl rührte. Und nach einem kurzen Rülpsen schloß er wieder die Augen.

Dann knarrten João Eduardos Stiefel auf der Treppe, und Amélia machte den Tisch fürs Manilha-Kartenspiel zurecht; Teilnehmer waren die Gansoso, Dona Josefa und der Pater Amaro. Da letzterer noch schlecht spielte, setzte sich Amélia, die Meisterin im Manilhaspiel war, hinter ihn, um ihm zu helfen. Gleich bei den ersten Stichen gab es Auseinandersetzungen. Da neigte Amaro sein Gesicht Amélia zu, so nahe, daß ihr Atem sich vermischte.

»Diese?« fragte er, benommen auf eine Karte deutend.

»Nein, nein! … Warten Sie! … Lassen Sie sehen!« sagte sie mit heißen Wangen.

Ihr Arm streifte Amaros Schulter, und er roch den Duft des Kölnischwassers, das sie sehr reichlich verwendete.

Gegenüber, neben der Joaquina Gansoso, saß João Eduardo und kaute an seinem Schnurrbart. Sein Blick hing mit leidenschaftlicher Bewunderung an Amélia, worüber sich diese sehr ärgerte. Sie hatte ihm sogar einmal gesagt, es sei unanständig, sie in Gegenwart des Pfarrers, einer Respektsperson, derartig den ganzen Abend anzusehen.

Manchmal sagte sie lachend zu ihm: »Senhor João Eduardo, unterhalten Sie sich doch ein bißchen mit meiner Mama, sonst schläft sie uns gar noch ein!«

Und João Eduardo setzte sich neben die Joaneira, welche, die Brille auf der Nasenspitze, schläfrig strickte.

Nach dem Tee spielte Amélia Klavier. Damals waren in Leiria alle Leute von einem alten mexikanischen Liedchen, »Chiquita« betitelt, begeistert. Auch Amaro fand es reizend, und kaum fing Amélia an, mit viel Gefühl die schmachtende tropische Weise zu singen, so lächelte er entzückt, daß seine schönen weißen Zähne sichtbar wurden.

»Als ich von Habana schied,
O Gott, wie weh war mir! …«

Aber besonders gefiel es Amaro, wenn Amélia die Stelle sang:

»Wenn ein Täubchen an dein Fenster
Leise mit dem Schnabel pickt,
Dann sei lieb zu ihm, Geliebte,
Denn es ist von mir geschickt!«

Ganz leise glitten dann ihre Finger über die Tasten; ihre Augen schwärmten, wurden feucht, und mit vorgeneigtem Oberkörper, den Kopf ein wenig hin und her wiegend, sang sie wollustdurchschauert die spanischen Worte.

Wie eine graziöse Kreolin erschien sie ihm, wenn sie trillerte:

»O Liebchen, sage ja! … nicht nein!«

Aber die Alten verlangten, daß man weiter Manilha spielte, und so setzte er sich wieder an den Tisch und summte mit vor Seligkeit feuchten Augen, die Zigarette im Mundwinkel, die letzten Worte des Liedes vor sich hin.

An den Freitagen war »große Gesellschaft«. Dona Maria da Assunção erschien immer in ihrem schönen »Schwarzseidenen«, und da sie reich war und eine vornehme Verwandtschaft hatte, wurde ihr mit Selbstverständlichkeit der beste Platz am Tisch reserviert. Diesen nahm sie ebenso selbstverständlich ein, indem sie sich seidenraschelnd und überlegen in den Hüften wiegte. Vor dem Tee führte sie die Joaneira regelmäßig in ihr Zimmer, wo für den bevorzugten Gast immer ein feines Schnäpschen bereitstand. Hier schwatzten die beiden Freundinnen sich in niedrigen Stühlen gründlich aus. Darauf sang Artur Couceiro, der jeden Tag schwindsüchtiger und magerer wurde, seine neue, selbstkomponierte Romanze, sie hieß »Das Lied von der Beichte«. Es waren Vierzeiler, dazu bestimmt, das fromme Konventikel der Weiberröcke und Soutanen zu erfreuen.

»Im kleinen Kapellchen der Liebe.
Tief in der Sakristei,
Gestand ich dem Pater Cupido
All meine Sünden frei …«

Nun folgte ein Bekenntnis kleiner, süßer Liebestorheiten mit entsprechender Zerknirschung und sanfter Buße:

»Sechs Küsse … nicht mehr! … am Morgen,
Am Nachmittag einen ich bot;
Nun fast' ich, die Glut zu stillen,
Und esse nur Zuckerbrot.«

Diese fromm-galante Komposition fand viel Anklang in der geistlichen Gesellschaft von Leiria. Der Chorherr selbst wollte eine Abschrift davon haben und erkundigte sich nach dem Verfasser. »Wer ist denn der geschickte Anakreon?«

Und als man ihm berichtete, es sei der Verwaltungsschreiber Couceiro, sprach er bei der nächsten Begegnung mit der Gemahlin des Zivilgouverneurs mit so großer Anerkennung über ihn, daß er die Gratifikation von achttausend Réis, um die er schon seit Jahren dringend gebeten hatte, erhielt.

Bei diesen Zusammenkünften fehlte niemals Libaninho. Sein neuester Scherz bestand darin, daß er Dona Maria da Assunção unversehens küßte. Sie machte ihrer Empörung mit lauten Worten Luft, fächelte wütend ihr Gesicht, warf ihm aber dennoch verstohlen einen lüsternen Blick zu. Dann verschwand Libaninho, um bald darauf in einem von Amélias Röcken und in einer Haube der Joaneira wieder zu erscheinen. Er tat, als sei er rasend in João Eduardo verliebt, der unter dem kreischenden Gelächter der alten Frauen puterrot zurückwich. Brito und Natário kamen auch zuweilen. Da gab es ein großes Lottospiel. Amaro und Amélia saßen immer beisammen; den ganzen Abend preßten sie mit heißen Gesichtern gegenseitig die Knie aneinander, halb verwirrt von demselben heftigen Verlangen.

Immer verliebter verließ Amaro nachts das Haus der Joaneira. Langsam schritt er durch die Straße und überließ sich ganz der Wonne, die ihm diese Liebe bereitete: gewisse heiße, verstohlene Blicke, das erregte Wogen ihrer Brust, die wollüstigen Berührungen der Knie und Hände, all diese Eindrücke verfolgten ihn unablässig. Zu Hause entkleidete er sich rasch, denn er liebte es, im Finstern unter der warmen Decke zu liegen und intensiv an Amélia zu denken. Da spann er seine Träume weiter. Alle Bekundungen ihrer Liebe ließ er der Reihe nach an seinem geistigen Auge vorüberziehen; einen Liebesbeweis nach dem andern prüfte er, kostete er genießerisch aus, wie einer, der von Blume zu Blume geht, um ihren Duft einzuatmen. Und schließlich war er ganz berauscht von dem stolzen Glücksgefühl, daß ihm die Liebe des schönsten Mädchens der Stadt gehörte! Ja, ihn hatte sie ausgewählt, ihn, den Priester, den auf ewig aus dem Frauenparadies Verstoßenen, das traurige, geschlechtslose Etwas, das wie ein verdächtiges Wesen die Bezirke des Gefühls umschleicht! In seine Leidenschaft mischte sich dann tiefe Dankbarkeit gegen Amélia, und mit zusammengepreßten Augenlidern murmelte er: »So gut bist du, liebes Kleines! So gut!«

 

Aber seine Liebe war harten Proben der Ungeduld unterworfen. Wenn er drei lange Abendstunden neben Amélia gesessen hatte, unter dem Einfluß ihrer Blicke und Bewegungen, umwittert von der erstickenden Atmosphäre, die von ihr ausströmte, war er schließlich so von Begierden geladen, daß er sich stark beherrschen mußte, um nicht hier im Zimmer unter den Augen der Mutter »eine Dummheit zu begehen«. Aber wenn er dann allein zu Hause war, rang er verzweiflungsvoll die Hände: er wollte am liebsten, daß Amélia sich ihm, wenn er käme, sofort hingäbe. Amaro überlegte nun, was zu geschehen habe. Er würde ihr schreiben; sie würden ein verschwiegenes Häuschen ausfindig machen, wo sie sich lieben könnten; ein Ausflug nach irgendeinem Landgut mußte als Vorwand dienen. Doch all diese Mittel erschienen ihm unzulänglich und gefährlich, wenn er sich der scharfen, verschlagenen Augen Dona Josefas oder der Spionier- und Klatschsucht der Gansosos erinnerte. Und wenn er die Schwierigkeiten ermaß, die sich wie ein mehrfacher Gürtel von Festungsmauern um die Geliebte erhoben, verfiel er in sein altes Lamentieren: Nicht frei zu sein! Nicht offen und ehrlich vor die Mutter hintreten und um Amélias Hand anhalten zu können! Sie nicht ohne Sünde, in aller Bequemlichkeit, besitzen zu dürfen! Warum hatte man ihn zum Priester gemacht? Die alte Vettel, die Marquise de Alegros, war daran schuld! Freiwillig hätte er nicht auf sein Mannesrecht verzichtet! Man hatte ihn in den geistlichen Stand getrieben wie einen Ochsen in den Stall!

Er ging dann aufgeregt im Zimmer umher, und immer weitere Kreise bezog er in seine Anschuldigungen ein: er fluchte dem Zölibat, fluchte der Kirche! Warum verbot diese ihren Priestern, die als Menschen unter Menschen leben, die natürliche Befriedigung, die nicht einmal den Tieren versagt ist? War es auszudenken, daß das Blut eines starken, jungen Mannes zu Eis erstarren sollte, nur weil ein alter Bischof sagt: »Du sollst keusch sein!« Und daß ein lateinisches Wort – accedo accedo – (lat.) Ich trete herzu; Zustimmung des zu Weihenden, die Gelübde abzulegen. –, das ein eingeschüchterter Seminarist zitternd herausstößt, genügen sollte, um in ihm für immer die furchtbaren Stürme des Blutes zu beschwichtigen? Ja, wer hat denn dies alles ausgeheckt? Ein Konzil altersschwacher, abgelebter Bischöfe, die aus den Tiefen ihrer Klöster stiegen, aus dem Frieden ihrer Schulen … wie Pergament ausgetrocknet … unfruchtbar wie Eunuchen! Was wußten denn sie von der Natur und ihren Anfechtungen? Sie sollten nur herkommen und eine oder zwei Stunden neben der kleinen Amélia verbringen! Da würden sie schon unter dem Mäntelchen ihrer Heiligkeit fühlen, wie die Begierden hochstiegen! Alles kann man betrügen, alles umgehen, nur die Liebe nicht! Und wenn sie nun einmal vom Schicksal verhängt ist, warum verhindert man dann den Geistlichen, daß er sie in Reinheit und Würde genieße? Ist dies nicht tausendmal besser, als sie schimpflich in den Gäßchen des Lasters zu suchen? Denn das Fleisch ist schwach!

Das Fleisch! Amaro fing an, über die drei Feinde der Seele nachzugrübeln: Welt, Teufel und Fleisch. Und drei Bilder stiegen vor seiner Seele empor: ein herrliches Weib, ein schwarzer Dämon mit feurigen Augen und Bocksfuß und die Welt, eine etwas vage Erscheinung (Reichtum, Pferde, Paläste), die er sich ungefähr in der Person des Grafen von Ribamar verkörpert dachte. Aber welches Leid hatten sie seiner Seele angetan? Den Teufel hatte er nie gesehen; das schöne Weib liebte er, es war der einzige Trost seines Daseins; und von der Welt, vom Herrn Grafen, empfing er nur Protektion, Wohlwollen, freundlichen Händedruck … Und wie sollte er sich den Einflüssen des Fleisches und der Welt entziehen? Das wäre doch nur möglich, wenn er wie die Heiligen von Anno dazumal sich in die Wüste, in die Gesellschaft wilder Tiere flüchtete! Aber hatten ihm nicht seine Lehrer im Seminar eingehämmert, daß er der Ecclesia militans, der streitbaren Kirche, zugehöre? Die Askese war also verwerflich, da sie Fahnenflucht aus dem heiligen Dienst bedeutete. – Er konnte dies alles nicht verstehen, nicht verstehen!

Da suchte er seine Liebe an der Hand von Beispielen aus frommen Büchern zu rechtfertigen. Die Bibel spricht fortwährend von Ehen und Hochzeiten! Eine verliebte Königin naht in diamantenstrotzenden Gewändern; der Bräutigam eilt ihr entgegen; Binden aus reinem Linnen umschlingen sein Haupt; er führt ein weißes Lamm an den Hörnern; die Leviten schlagen auf silberne Scheiben, rufen den Namen Gottes an; es öffnen sich die eisernen Tore der Stadt, um die Karawane einzulassen, welche die Neuvermählten geleitet; und die Sandeltruhen, die mit purpurnen Riemen auf die Kamele geschnallt sind, knarren unter der kostbaren Last der Hochzeitsschätze! Die Märtyrer im Zirkus vermählen sich mit einem Kuß, während der heiße Atem der Löwen sie umweht und der Beifall des Pöbels um sie braust! Selbst Jesus lebte nicht immer in seiner unirdischen, menschheitsfernen Heiligkeit. Er war kalt und abstrakt in den Straßen von Jerusalem, auf den Marktplätzen der Davidsstadt; aber in Bethanien, unter den Sykomoren des Lazarus, kannte er ein Fleckchen, wo er Hingebung und zärtliche Liebe fand. Während dort die mageren Nazarener, seine Freunde, Milch trinken und insgeheim sich verschwören, sieht er gegenüber die vergoldeten Dächer des Tempels schimmern, die römischen Soldaten neben dem Goldenen Tor den Diskus schleudern, Liebespaare unter den Bäumen von Gethsemane wandeln … und seine Hand ruht auf dem blonden Haar Marthas, die ihn liebt und die zu seinen Füßen spinnt!

Seine Liebe war also nur ein Verstoß gegen Kirchenregeln, nicht eine Sünde der Seele: sie konnte dem Chorherrn mißfallen, nicht Gott; in einem menschlicheren Priestertum würde sie legitim sein! Ihm kam der Gedanke, zum Protestantismus überzutreten. Aber wo und wie? Es erschien ihm dies unmöglicher, als die alte Kathedrale vom Schloßberg zu tragen.

Amaro zuckte die Achseln und lachte mit bitterem Spott über seine vagen Gedankengänge und Schlußfolgerungen. Philosophie, leeres Stroh! Er war verrückt auf das Mädchen, das war das einzige Positive. Er wollte ihre Liebe, wollte ihre Küsse, wollte ihre Seele … Und der Herr Bischof, wenn er nicht alt wäre, würde dasselbe wollen, und der Papst auch! Manchmal war es drei Uhr morgens, und noch immer ging er, mit sich selbst Zwiesprache haltend, auf und ab.

 

Wie oft hatte João Eduardo, wenn er mitten in der Nacht durch die Rua das Sousas gegangen war, das Fenster des Pfarrers matt erhellt gesehen! Denn in neuerer Zeit hatte João Eduardo, wie alle unglücklich Verliebten, die Gewohnheit angenommen, bis spät in die Nacht hinein durch die Straßen zu irren.

Der Schreiber hatte schon sehr zeitig die Zuneigung Amélias für den Pfarrer bemerkt. Aber da er ihre Erziehung und den im Hause herrschenden frommen Geist kannte, schrieb er die beinahe demütigen Aufmerksamkeiten, die sie dem Geistlichen erwies, der Ehrfurcht vor der Soutane und dem Beichtvater zu.

Instinktiv jedoch fing er an, Amaro zu verabscheuen. João Eduardo war schon immer ein Feind der Pfaffen gewesen. Er betrachtete sie als eine Gefahr für die Zivilisation und die Freiheit, hielt sie für Intriganten, die insgeheim der Unzucht frönten und überdies mit allen Mitteln darauf hinarbeiteten, »das finstere Mittelalter wieder heraufzubeschwören«. João Eduardo haßte die Beichte als eine furchtbare Waffe gegen den Frieden des häuslichen Herdes. Er hatte seine eigene, etwas vage Religion, die zwar gestattete, Jesus als Dichter, Revolutionär und Freund der Armen zu bewundern, auch den »erhabenen Geist Gottes, der das Universum füllt«, anzubeten, die jedoch dem Kult, den Gebeten, dem Fasten und so weiter feindlich gegenüberstand. Erst seit er Amélia liebte, ging er zur Messe, um sich bei der Joaneira beliebt zu machen.

Vor allem lag ihm daran, Amélia möglichst bald zu heiraten, damit er sie aus dieser Gesellschaft von Betschwestern und Schwarzkitteln herausbrächte. Denn er fürchtete, sie könnte später ganz und gar zu einer Frau werden, die vor der Hölle zitterte, stundenlang in der Kathedrale Gebete herunterleierte und dann bei Pfaffen beichtete, »die aus den weiblichen Beichtkindern allerlei Alkovengeheimnisse herauspreßten«!

Als Amaro wieder regelmäßig in der Rua da Misericórdia erschien, war João Eduardo sehr ärgerlich. Da haben wir den Halunken wieder auf dem Halse! dachte er. Aber wie wurmte es ihn erst, als er sehen mußte, daß ihn Amélia jetzt mit noch größerer Familiarität behandelte als früher, daß seine Gegenwart sie ganz sichtbar erwärmte und belebte, daß man schon von einer Art Verliebtheit sprechen konnte! Wie sie errötete, wenn er eintrat! Mit welch inniger Bewunderung sie seinen Worten lauschte! Wie ängstlich sie immer darauf bedacht war, beim Lottospiel neben ihm zu sitzen!

Eines Morgens kam er wieder in die Rua da Misericórdia; man sah ihm an, daß er unruhiger und nervöser war als gewöhnlich. Während die Joaneira in der Küche zankte, sagte er brüsk zu Amélia: »Dona Amélia! Wissen Sie, daß mich Ihr Getue mit dem Pater Amaro sehr verdrießt?«

Sie blickte erschrocken auf.

»Was für ein Getue? Das ist stark! Wie wünschen Sie denn, daß ich ihn behandle? Er ist ein Freund unseres Hauses, hat hier als Gast gewohnt …«

»Gewiß, jaja!«

»Nun, beruhigen Sie sich! Wenn Sie das ärgert, will ich es lassen. Ich werde mich nicht wieder neben ihn setzen.«

João Eduardo beruhigte sich; er kam zu dem Schluß, »daß es nichts gäbe«. Ihr ganzes Benehmen war nur der Ausfluß ihrer übertriebenen Frömmigkeit, eine Art Schwärmerei für die Kirche!

Amélia beschloß nun, ihre Gefühle besser zu verstecken: Sie hatte den Schreiber immer für ein bißchen einfältig gehalten, und wenn er etwas gemerkt hatte, lag der Gedanke nahe, daß die schlauen Gansosos und die boshafte Schwester des Kanonikus, die das Gras wachsen hörte, erst recht Lunte gerochen hatten! Darum nahm sie von nun an, kaum daß sie Amaro auf der Treppe kommen hörte, ein zerstreutes oder übertrieben förmliches Wesen an. Aber ach! Er brauchte sie nur mit seiner weichen Stimme anzureden, sie mit den schwarzen Augen, die jeden Nerv in ihr elektrisierten, anzuschauen, und es war aus! Wie eine dünne Schneeschicht, die im heißen Sonnenschein schmilzt, verschwand ihre kühle Reserve, und alles an ihr bekundete wieder ihre Leidenschaft.

Manchmal vergaß sie in ihrer Hingerissenheit, daß João Eduardo da war, und sie war dann ganz überrascht, wenn sie irgendwo im Zimmer seine traurige Stimme hörte.

Übrigens entging es ihr nicht, daß die Freundinnen der Mutter ihre »Neigung« für den Pfarrer stillschweigend billigten. Er war, wie der Kanonikus sagte, »der nette Junge«, und die kleinen Huldigungen und zärtlich-bewundernden Blicke, die die alten Damen jederzeit für Amaro übrig hatten, schufen für die Entwicklung von Amélias Leidenschaft eine günstige Atmosphäre. Dona Maria da Assunção flüsterte ihr manchmal ins Ohr: »Schau ihn nur an! Man könnte sich in ihn verlieben. Er ist die Zierde der Geistlichkeit. Keiner kommt ihm gleich! …«

Und alle sahen João Eduardo als einen »Trottel« an! Amélia gab sich gar keine Mühe mehr, ihre Gleichgültigkeit gegen ihn zu verheimlichen: die Pantoffeln, die sie für ihn angefangen hatte, waren schon längst aus ihrem Nähkörbchen verschwunden; auch erschien sie nicht mehr am Fenster, wenn er zur Kanzlei ging.

João Eduardo gab sich nun keiner Täuschung mehr hin; nachtschwarze Trauer zog, wie er sich ausdrückte, in seine Seele ein.

Das Mädchen liebt den Pater … Punktum! Und zu dem Schmerz um sein zerstörtes Glück gesellte sich die Sorge um ihre bedrohte Ehre.

Als er sie eines Nachmittags aus der Kirche kommen sah, sprach er sie vor der Apotheke an.

»Ich muß mit Ihnen reden«, sagte er sehr bestimmt. »So kann es nicht weitergehen … Ich kann nicht … Sie haben mit dem Pfarrer eine Liebelei!«

Sie biß sich erbleichend auf die Lippen.

»Sie beleidigen mich!« rief sie und wollte empört fortgehen.

João Eduardo hielt sie am Ärmel fest.

»Hören Sie mich an, Dona Amélia! Ich will Sie nicht beleidigen, aber ich weiß nicht … ich kann mir nicht helfen … Mir bricht das Herz! …« Und die Stimme versagte ihm vor schmerzlicher Bewegung.

»Sie sind im Unrecht … Sie irren sich …«, stammelte sie.

»So schwören Sie mir, daß Sie nichts mit dem Pater haben!«

»Bei meinem Seelenheil! … Ich habe nichts mit ihm … Aber das sage ich Ihnen: Wenn Sie noch einmal so zu mir reden oder mich beleidigen, erzähle ich es meiner Mutter, und Sie können sich Ihre weiteren Besuche in unserem Hause ersparen.«

»O Dona Amélia!«

»Wir können hier nicht weitersprechen … Dona Michaela beobachtet uns schon …«

Dona Michaela war eine alte Frau, die im Erdgeschoß des Hauses wohnte, vor dem die beiden standen. Sie hatte eine Musselingardine beiseite geschoben und spähte nun, ihr runzeliges Gesicht an die Fensterscheibe pressend, mit vor Neugier glänzenden Äuglein auf das Paar. Da trennten sie sich, und enttäuscht ließ die Alte den Vorhang fallen.

Während die Damen an diesem Abend mit großem Geschnatter die Missionare kritisierten, die gegenwärtig in der Kirche von Barrosa predigten, sagte die emsig nähende Amélia leise zu Amaro: »Wir müssen vorsichtig sein … Sehen Sie mich nicht immer so an und setzen Sie sich nicht so dicht neben mich … Man hat schon etwas gemerkt.«

Amaro schob daraufhin seinen Stuhl näher an die Seite der Dona Maria da Assunção. Aber trotz der Mahnung Amélias konnte er seine Augen nicht von ihr wenden. Immer blickte er sie ängstlich fragend an, denn er fürchtete, daß das Mißtrauen der Mutter oder die Bosheit der alten Weiber ihm irgendeine unangenehme Überraschung bereiten könnten. Nach dem Tee, während die Stühle geräuschvoll zum Lottospiel zurechtgerückt wurden, fragte er schnell: »Wer hat etwas gemerkt?«

»Niemand. Ich habe nur Angst. Wir müssen uns verstellen.«

Von da an hörte das zärtliche Blickgefecht, das Nahe-Beieinander-Sitzen und das Heimlichtun auf, und es bereitete ihnen ein pikantes Vergnügen, die Kühlen zu spielen, während sie im Hochgefühl erwiderter Liebe schwelgten. Ach, wie köstlich dünkte es Amélia, während Amaro in einiger Entfernung mit den Damen schwatzte, seine Nähe zu fühlen, seine scherzende Stimme zu hören. Dabei hielt sie ihre Augen sittsam auf die Pantoffeln João Eduardos gesenkt, deren Stickerei sie listigerweise wieder in Angriff genommen hatte.

Trotzdem konnte der Schreiber nicht zur Ruhe kommen: es erbitterte ihn, daß sich der Pfarrer jeden Abend hier einnistete. Es erbitterte ihn, den Kerl mit selbstzufriedenem Gesicht, die Beine übereinandergeschlagen, dasitzen zu sehen, während die Alten ihn umwarben. Die kleine Amélia? Gewiß, sie benahm sich jetzt einwandfrei, sie war ihm treu, ja, sie war ihm treu … Aber er wußte, daß der Pfarrer sie begehrte, »auf sie scharf war«. Und obwohl Amélia »bei ihrem Seelenheil« geschworen hatte, daß alles in Ordnung sei, fürchtete er, daß die lächerliche Bewunderung der Alten, für die der Pfarrer ein Engel war, das Mädchen anstecken könne. Erst wenn er, der sich nunmehr schon als Beamter in der Zivilregierung fühlte, sie dem Banne dieses frömmelnden Hauses entrissen hatte, konnte er befriedigt aufatmen. Aber dieses Glück wollte und wollte nicht kommen, und jede Nacht verließ er das Haus in der Rua da Misericórdia verliebter, aber zugleich auch eifersüchtiger … Diese Eifersucht fraß seine Lebenskraft auf! Könnte er doch den Mut finden, Schluß zu machen! Oh, wie er diese Pfaffen haßte! …

Bis spät in die Nacht hinein streifte er nach solchen Abenden in den Straßen umher. Öfters kehrte er wieder zurück, um die geschlossenen Fenster ihres Hauses zu betrachten. Dann ging er die Allee längs des Flusses auf und ab, aber das kühle Rauschen der Bäume und das schwarze Wasser stimmten ihn nur trauriger. Er ging dann in ein Lokal und sah den Billardspielern zu, oder er beobachtete den ausgemergelten Marqueur, der gähnend am Billardrand lehnte. Der Geruch schlechten Petroleums verpestete die Luft. Da verabschiedete er sich und ging langsam nach der Redaktion der »Stimme des Distrikts«.


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