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Am folgenden Sonntag war Hochamt in der Kathedrale, und die Joaneira überschritt mit Amélia den Marktplatz, um Dona Maria da Assunção abzuholen, die an Markttagen und auch sonst, wenn der Pöbel die Straßen bevölkerte, niemals allein ausging; denn sie fürchtete, daß man ihre Juwelen stehlen oder ihr keusches Empfinden verletzen könnte.
An diesem Morgen war der Markt in der Tat mit zahlreichen aus den Kirchspielen zusammengeströmten Leuten angefüllt. Die Männer gingen in Gruppen und hemmten auf diese Weise den Straßenverkehr; sie waren ernst, sorgfältig rasiert und trugen ihre Jacken überm Arm. Die Frauen kamen paarweise daher und schleppten ein Vermögen an Ketten und goldenen Herzen auf ihren züchtigen Busen. In den Läden hantierten geschäftige Verkäufer hinter den Ladentischen, die mit Linnen und Kattun bedeckt waren. In den vollgestopften Kneipen wurde laut debattiert. Auf dem Marktplatz gab es zwischen Mehlsäcken, Haufen von Steingutgeschirr und Körben mit Maisbrot ein endloses Feilschen und Handeln. Vor den Buden, in denen kleine runde Spiegel und Rosenkränze verkauft wurden, staute sich die Menge; alte Weiber priesen ihr Naschwerk an, das auf Brettern aufgestapelt dalag; und die Bettler der Stadt plärrten Vaterunser an den Straßenecken.
Schon begaben sich die Damen seidenraschelnd und mit ernster Miene zur Messe, und die Kolonnaden wimmelten von Herren, die, in ihre neuen Tuchanzüge gezwängt, Zigaretten rauchend den Sonntag genossen.
Amélia fiel allgemein auf; der Sohn des Gerichtsdirektors, ein kecker Jüngling, sagte sogar laut zu seinen Freunden: »Ach, die bricht mir das Herz!« Und die beiden Frauen beeilten sich, in die Rua do Correio einzubiegen. Da tauchte Libaninho mit schwarzen Handschuhen und einer Nelke im Knopfloch vor ihnen auf. Er hatte sie seit dem »Frevel auf dem Kirchplatz« nicht wiedergesehen und erging sich sofort in entrüsteten Ausrufen. Ach, Kinder, welches Ärgernis! Dieser Lump von einem Schreiber! Libaninho war so mit Arbeit überhäuft gewesen, daß er erst an diesem Morgen dazu gekommen war, dem Herrn Pfarrer sein Beileid auszusprechen. Der kleine Heilige hatte ihn sehr freundlich empfangen; er war gerade beim Anziehen gewesen. Libaninho hatte seinen Arm sehen wollen, und glücklicherweise – Gott sei dafür gelobt! – war keine Quetschung zu sehen! Ach, wenn die Damen dieses zarte Fleisch, diese weiße Haut sehen könnten! … Die Haut eines Erzengels!
»Aber wissen Sie auch, daß ich ihn in großem Kummer vorfand?«
Die beiden Damen erschraken. »Warum, wieso, Libaninho?«
Die Haushälterin Vicência, die schon seit einigen Tagen lamentierte, hatte am frühen Morgen wegen eines Fiebers ins Krankenhaus gehen müssen …
»Und da ist nun der arme Heilige ohne Haushälterin! Sehen Sie, für heute mag es ja gut sein, denn er speist mit unserem Kanonikus – ich war auch bei diesem … Gott, was für ein Heiliger! –, aber was wird morgen, was wird später. Er hat zwar schon die Schwester der Vicência, die Dionísia, im Hause … Aber liebe Kinder, die Dionísia! Ich habe ihm gesagt: Die Dionísia kann eine Heilige sein, aber ihr Ruf, ihr Ruf … Niemand hat einen schlechteren Ruf in Leiria … Sie ist eine Verlorene, denn niemals geht sie zur Kirche … Ich bin überzeugt, daß der Chorherr sie schon getadelt hat!«
Die beiden Damen gaben sofort zu, daß die Dionísia eine Person, die ihren religiösen Pflichten nicht nachkam, die sogar in Tingeltangeln aufgetreten war – nicht in das Haus des Herrn Pfarrers paßte …
»Paß auf, Joaneira«, sagte Libaninho. »Weißt du, was für ihn das Rechte wäre? … Nun, ich habe es ihm zu verstehen gegeben, ich habe ihm den Vorschlag gemacht: Er muß wieder in dein Haus ziehen. Da fühlt er sich wohl; da hat er Leute, die ihn hätscheln, die sich um seine Sachen kümmern, die wissen, was er gern hat, und da gibt es nichts als Tugend! Er hat weder ja noch nein gesagt. Aber auf seinem Gesicht war zu lesen, daß er es für sein Leben gern täte … Du müßtest mit ihm reden, Joaneira!«
Amélia war so rot geworden wie ihr seidenes Halstuch, und die Joaneira sagte ausweichend: »Ich mit ihm reden, nein … Ich bin in solchen Sachen sehr heikel … Du wirst das verstehen …«
»Du würdest einen Heiligen im Hause haben, Tochter!« sagte Libaninho begeistert. »Bedenke das! Es wäre für alle eine Freude! Ja, ich bin sicher, daß sogar unser Herrgott sich darüber freuen würde … Und nun adieu, meine Kleinen, ich muß mich beeilen. Haltet euch nicht auf, denn die Messe wird gleich anfangen.«
Die Frauen gingen schweigend zum Hause der Dona Maria da Assunção. Keine von beiden wollte zuerst an die Möglichkeit rühren, die so unerwartete, bedeutungsvolle Möglichkeit, daß der Herr Pfarrer wieder in die Rua da Misericórdia zöge! Erst als sie im Begriff waren, die Klingel zu ziehen, sagte die Joaneira: »Ach, der Herr Pfarrer kann wirklich die Dionísia nicht im Hause haben …«
»Um Gottes willen, das wäre ja schrecklich!«
Das sagte auch Dona Maria da Assunção, als ihr oben von der Krankheit der Vicência und dem Einzug der Dionísia erzählt wurde. Sie war einfach entsetzt!
»Ich kenne sie zwar nicht«, sagte die treffliche Dame. »Aber ich hätte nicht übel Lust, sie kennenzulernen. Denn man sagt, daß sie von den Füßen bis zum Kopf ein einziger Grind von Sünden ist!«
Die Joaneira sprach dann von dem Vorschlag Libaninhos. Dona Maria da Assunção erklärte darauf mit Begeisterung, dies sei eine Eingebung des lieben Gottes. Wenn doch der Herr Pfarrer niemals aus der Rua da Misericórdia weggezogen wäre! Es schiene beinahe, als sei, seitdem er fortgegangen wäre, Gottes Gnade von dem Haus gewichen … Nichts als Verdruß habe es seitdem gegeben: den Artikel, die Magenschmerzen des Kanonikus, den Tod der Gelähmten, die beinahe geschlossene Ehe – welch gräßlicher Gedanke! –, den Skandal auf dem Kirchplatz … Das Haus sei wie verflucht gewesen! Es sei geradezu ein Verbrechen, den Heiligen in dieser Unordnung, unter den schmutzigen Händen der Vicência leben zu lassen, die nicht einmal seine Strümpfe ordentlich stopfen könne!
»Nirgends kann er besser aufgehoben sein als bei dir. Da hat er alles, was er braucht, im Hause. Und für dich ist es eine Ehre, ist es eine Gnade. Glaube mir, wenn ich nicht allein wäre – ich habe es schon immer gesagt –, ich nähme ihn selber ins Haus. Was hätte er bei mir für ein Zimmer, nicht? Da könnte er sich wohl fühlen!« Und ihre Augen leuchteten, als sie die Kostbarkeiten um sich her betrachtete.
Das Zimmer war ein einziges großes Magazin von Heiligtümern und allerlei frommem Kram. Auf den zwei schwarzen, mit kupfernen Schlössern versehenen Kommoden drängten sich, auf gläsernen und anderen Sockeln stehend, heilige Jungfrauen in blauen Seidengewändern, krausköpfige Jesusknaben mit dicken Bäuchlein und segnenden Händen, heilige Antoniusse in härenen Kutten, reichlich mit Pfeilen gespickte Sebastiane und langbärtige Josephe. Es gab auch exotische Heilige, die man in Alcobaça eigens für sie anfertigte und auf die sie besonders stolz war: den heiligen Paschalis Baylon, den heiligen Didacus, den heiligen Crysolo, den heiligen Corislano … Da lagen ferner. geweihte Gewandstücke, Rosenkränze aus Metall und Olivenkernen, einzelne bunte Rosenkranzperlen, vergilbte Spitzen von alten Chorhemden, Herzen aus scharlachrotem Glas, Gebetkissen, auf die die Initialen J. M. J. M. – Jesus Maria. mit Perlen gestickt waren, geweihte Zweige, Märtyrerpalmen und Räucherkerzchen. Die Wände verschwanden völlig hinter den mannigfaltigsten Marienbildern: es gab Marien, die auf dem Erdball balancierten, Marien, die vorm Kreuz knieten, Marien, die von Schwertern durchbohrt waren, und so weiter. Da hingen Herzen, aus denen das Blut troff, Herzen, aus denen Flammen loderten, Herzen, aus denen Blitze zuckten. Auch sah man unter Glas und Rahmen Gebete für den Gebrauch besonders beliebter Kirchenfeste, zum Beispiel der Vermählung Unsrer Lieben Frau, der Auffindung des heiligen Kreuzes, der Stigmen des heiligen Franziskus, besonders aber der Niederkunft der gebenedeiten Jungfrau, des heiligsten Festes, das in jedem Jahr drei Fasttage beansprucht. Auf den Tischen brannten immer Lämpchen, damit sie in Krankheitsfällen ohne Verzug vor den für das betreffende Leiden zuständigen Heiligen gestellt werden konnten; denn es gab einen Spezialheiligen für Hüftweh, einen für Erkältungen, einen für Wadenkrampf und so weiter. Nur sie selbst durfte an diese heiligen Himmelsbewohner heran, durfte dieses Arsenal der Frömmigkeit berühren, das gerade für die Rettung ihrer eigenen Seele und die Heilung ihrer persönlichen Gebrechen zureichte. Darum ordnete, entstäubte, reinigte und polierte sie alle diese Heiligtümer immer mit eigenen Händen. Ihre größte Sorge galt der richtigen Anordnung der Heiligen, denn diese wurden fortwährend umgestellt. War doch nicht immer irgendeinem Heiligen die Nachbarschaft eines andern angenehm! So fühlte sie zum Beispiel gleich, wenn der heilige Eleutherius nicht gern neben dem heiligen Justinus stehen wollte, und unverzüglich stellte sie den ersteren in geziemender Entfernung neben einen Heiligen, der ihm sympathischer war. Sie machte auch, indem sie den rituellen Belehrungen ihres Beichtvaters folgte, Unterschiede in der Behandlung der einzelnen Heiligen; nicht jedem begegnete sie mit der gleichen Ehrfurcht. So gab es für sie zum Beispiel einen heiligen Joseph erster und einen heiligen Joseph zweiter Klasse. – Alle diese Herrlichkeiten erregten den stillen Neid der Freundinnen, erbauten sie aber auch gleich andern neugierigen Besuchern. Wenn Libaninho kam, pflegte er das Zimmer mit schwärmerischem Blick anzuschauen und zu seufzen: »Ach, Tochter, das ist ein Himmelreich in Miniaturausgabe!«
»Nicht wahr«, fuhr die vortreffliche Dame strahlend fort, »hier würde sich der kleine Heilige, der Herr Pfarrer, wohl fühlen? Es ist, als hätte man hier den Himmel gleich zur Hand.«
Die beiden andern Damen gaben dies zu. Ja, Dona Maria habe es leicht, ihr Haus so fromm herzurichten … sie sei ja reich …
»Ich leugne es nicht«, meinte diese, »ich habe ein paar hunderttausend Réis hineingesteckt. Und da rechne ich noch nicht einmal die Reliquiensammlung mit …«
Ah, der berühmte kleine Reliquienschrein aus Sandelholz, der im Innern mit Atlas ausgeschlagen war! Er enthielt einen Span vom echten Kreuz des Heilands, ein Stück von der Dornenkrone und einen Fetzen von der Windel des Jesuskindleins. Die Betschwestern allerdings steckten manchmal die Köpfe zusammen und bemerkten mit bitterem Groll, solche Kostbarkeiten göttlichen Ursprungs gehörten von Rechts wegen in den Reliquienschrein der Kathedrale. Dona Maria da Assunção, welche fürchtete, der Chorherr könnte von ihrem seraphischen Schatz erfahren, zeigte ihn deshalb den Intimen ihres Hauses nur ganz im geheimen. Der fromme Priester, der ihn ihr besorgt hatte, hatte sie seinerzeit aufs Evangelium schwören lassen, nie zu verraten, woher sie die heiligen Dinge habe, denn »er könnte sonst ins Gerede kommen«.
Die Joaneira bewunderte wie immer besonders das Stück Windel.
»Was für eine Reliquie! Was für eine Reliquie!« murmelte sie.
Und Dona Maria da Assunção flüsterte ganz leise: »Es gibt nichts Besseres. Ich habe dreißigtausend Réis dafür bezahlt … Aber ich würde sechzig-, ich würde hunderttausend, ich würde alles dafür hingegeben haben!« Und von frommer Rührung erfaßt, sagte sie beinahe weinend: »O liebes Windelchen! … Mein süßes Jesuskind … das ist sein Windelchen!«
Dabei drückte sie einen schmatzenden Kuß auf den Fetzen, um gleich darauf den Schrein in der Kommode zu verschließen.
Aber es schlug zwölf, und die drei Damen machten sich eilig auf den Weg zur Kirche, um noch einen Platz am Hochaltar zu bekommen.
Auf dem Kirchplatz stießen sie auf Dona Josefa Dias, die, nach der Messe lechzend, auf die Kathedrale zustürzte. Der Umhang war ihr von der einen Schulter gerutscht, und eine Hutfeder hing zerbrochen herab. Den ganzen Vormittag hatte sie sich wütend über das Dienstmädchen geärgert! Alle Vorbereitungen für das Mittagsmahl hatte sie allein treffen müssen! … Ach, sie war noch so nervös, daß sie die Messe gar nicht voll auskosten könnte! …
»Und dabei ist der Herr Pfarrer unser Gast … Sie wissen doch, daß seine Haushälterin krank geworden ist … Ach, beinahe hätte ich es vergessen: mein Bruder wünscht, daß du auch mit uns ißt, Amélia. Er sagt, dann wären wir zwei Damen und zwei Herren …«
Amélia lachte in heller Freude.
»Und du holst sie später ab, Joaneira, so gegen Abend … Du lieber Gott, ich habe mich so schnell angezogen, daß ich wohl meinen Unterrock verlieren werde!«
Als die vier Frauen eintraten, war die Kirche schon voll. Es wurde ein Hochamt vor dem Allerheiligsten zelebriert, und obwohl sich das heilige Abendmahl anschließen sollte, gab es Musik, die von Geigen, Celli und Flöten ausgeführt wurde. Das verstieß eigentlich gegen das strenge Ritual, und der gute Silvério, der es mit liturgischen Dingen sehr genau nahm, hatte schon oft dagegen gewettert. Aber es war nun einmal in Leiria zur Tradition geworden, und so wurde auch heute musiziert. Der reich geschmückte Altar, auf dem die Reliquien zur Schau gestellt waren, erstrahlte in festlichem Weiß. Altarhimmel, Altarfront, Zierdecken der Meßbücher, alles weiß, nur von zartem Mattgold durchwirkt. Aus den Vasen erhoben sich pyramidenförmige Blumensträuße und schneeweiße Blätterarrangements. Zu beiden Seiten des Tabernakels fielen zeltartig weiße Samtbehänge herab, so daß man den Eindruck der geöffneten Flügel der Taube gewann, die den Heiligen Geist versinnbildlicht. Die zwanzig brennenden Kerzen, die aus den Prunkleuchtern emporragten, schufen gleichsam einen Thron aus Licht und Glanz, über dem, von gleißendem Goldschein umgeben, die runde, mattschimmernde Hostie schwebte. Ein leises Raunen lief durch die übervolle Kirche; hier und da ein Hüsteln und Räuspern, ein Kinderwimmern. Schon wurde die Luft infolge des Sauerstoffverbrauchs der Menschenmenge und des Weihrauchs dicker. Vom Chor her, wo sich die Gestalten der Musiker hinter den Celli und Notenpulten bewegten, ertönte ab und zu das klagende Stimmen von Geigen oder das leise Probieren eines Flötenläufers. Die vier Freundinnen hatten kaum am Hochaltar Platz genommen, als auch schon zwei Meßgehilfen, einer lang und steif wie eine Kiefer, der andre dick und speckig, von der Sakristei her nahten und die beiden geweihten Leuchter in hocherhobenen Händen brachten. Hinter ihnen schritt feierlich in seinen groben Stiefeln der schieläugige Pimenta; er trug das silberne Weihrauchfaß. Inmitten des Geräuschs, das durch das Niederknien der Menge im Schiff und das Blättern in den Gebetbüchern entstand, erschienen nun die beiden Diakone. Und zuletzt trat der Pater Amaro ein. Er hielt die Augen gesenkt und hatte die Hände gefaltet. Seine Duldermiene und seine gebeugte Haltung, die das Ritual vorschreibt, drückten so recht die demütige Ergebenheit des zur Schädelstätte wankenden Jesus aus. Allerdings war sein Gesicht noch von Zorn gerötet; denn in der Sakristei hatte er sich beim Anziehen gewaltig über die schlecht gewaschenen Meßgewänder erregt.
Augenblicklich stimmte der Chor den Introitus Introitus – (lat.) Eingang; der in der feierlichen Messe beim Gang des Priesters zum Altar vorgetragene Gesang. an.
Amélia befand sich während der Messe wie in einem Rauschzustand; ihre Augen hingen mit hingebender Bewunderung an dem Pfarrer, der, wie der Kanonikus sagte, »ein großer Künstler auf dem Gebiete des Hochamts war«. Das ganze Domkapitel und alle Damen waren ähnlicher Meinung. Mit welcher Würde, welch edlem Anstand erledigte er zum Beispiel die zeremonielle Begrüßung der Diakone! Wie meisterhaft er sich vor den Altar warf: es war, als fühlte er sich ganz Asche, ganz Staub vor Gott, der mit seinem Hofstaat und seiner himmlischen Familie der Feier beiwohnte! Aber die höchste Bewunderung erregte die Art, wie er den Segen erteilte. Langsam streckte er da die Hände über den Altar, als ergriffe er mit ihnen die Gnade, die vom persönlich anwesenden Christus darauf geschüttet worden war. Dann drehte er sich um, und es war, als würfe er mit einer großen Geste, die das ganze Kirchenschiff umspannte, die Gnade bis in die letzte Ecke, von wo aus die Leute vom Lande, die langen Stöcke in der Hand, wie hypnotisiert auf die funkelnde Monstranz starrten … So liebte ihn Amélia am meisten; sie dachte daran, daß diese segenspendenden Hände es waren, die sie beim Lottospiel leidenschaftlich unter dem Tisch drückte, daß diese Stimme, mit der er sie »liebes Kind« nannte, jetzt so ergreifend betete! Und diese Stimme dünkte sie süßer als das Schluchzen der Geigen, durchschauerte sie mehr als die feierlich-ernsten Töne der Orgel. Mit Stolz und ohne Eifersucht stellte sie sich vor, daß sicherlich alle Damen ihn auch bewunderten. Eine gewisse fromme Eifersucht, die sie aber gleichzeitig unendlich beseligte, regte sich nur in ihrem Herzen, wenn Amaro nach der Vorschrift des Rituals unbeweglich und wie verzückt dem Altar zugewandt stand, und es schien, als wäre sein Geist in weltferne Höhen, in die Ewigkeit, ins Reich seliger Vergessenheit entrückt. Lieber hatte sie ihn, wenn er sich menschlicher, zugänglicher gab, wenn er sich zum Beispiel während des Kyrie Kyrie – Kyrie eleison = (griech.) Herr, erbarme dich unser. – Bittruf nach dem Eingangslied in der Messe. oder der Epistelverlesung mit den Diakonen auf die mit rotem Damast bezogene Bank setzte. Da hätte sie ihm gern einen Blick zugeworfen; aber der Herr Pfarrer hielt immer die Augen demütig gesenkt.
Amélia, die lächelnd am Boden kniete, bewunderte Amaros Profil, seinen wohlgeformten Kopf und sein goldstrotzendes Gewand, und sie dachte daran, wie sie ihn das erste Mal in der Rua da Misericórdia mit einer Zigarette in der Hand gesehen hatte. Welcher Roman hatte sich seit jener Nacht abgespielt! Sie erinnerte sich jenes Nachmittags auf dem Gut, des Sprungs von der Böschung, des Todes der Tante, jenes Kusses am Herd … Ach, wie würde dies alles enden? … Amélia wollte beten, und sie blätterte im Buch; aber da fiel ihr ein, daß Libaninho heute morgen gesagt hatte, »der Herr Pfarrer habe eine Haut, so weiß wie ein Erzengel …« Gewiß, seine Haut mußte sehr fein und zart sein … Heißes Begehren stieg in ihr empor; sie hielt es für eine Versuchung des Satans. Um ihn zu verjagen, richtete sie ihre Augen starr auf die Monstranz, die Amaro, von Diakonen assistiert, in halbkreisförmige Weihrauchwolken hüllte. Diese Wolken sollten die Ewigkeit der Lobgesänge andeuten. Unterdessen schmetterte der Chor das Offertorium … Darauf stieg Amaro allein auf die zweite Altarstufe, um die Monstranz selbst zu beweihräuchern. Der schieläugige Pimenta ließ die silbernen Ketten des Weihrauchkessels klirren. Weihrauchduft verbreitete sich wie eine Himmelsbotschaft; die Monstranz verschwand beinahe in den weißen Nebelschwaden, und der Pfarrer erschien Amélia gleichsam verklärt, vergöttlicht! … Oh, wie sie ihn in diesem Augenblick im wahrsten Sinne des Wortes anbetete!
Die Kirche erbebte unter dem brausenden Orgelspiel; die Chorsänger rissen den Mund auf und sangen aus Leibeskräften; der Kapellmeister, dessen Gestalt über den Geigern und Cellisten emporragte, schwang, ganz von seiner hohen Aufgabe hingerissen, wie rasend eine Notenrolle, die ihm als Taktstock diente.
Amélia verließ bleich und erschöpft das Gotteshaus. Beim Mittagessen im Hause des Kanonikus mußte Dona Josefa sie wiederholt tadeln, daß sie »keinen Laut von sich gäbe«.
Sie sprach nicht; aber ihr Fuß suchte fortgesetzt den des Paters Amaro. Da es zeitig dunkel geworden war, hatte man Kerzen angebrannt. Der Kanonikus hatte eine Flasche Wein aufgemacht, nicht den berühmten »Herzogswein von 1815«, sondern einen »Achtzehnhundertsiebenundvierziger«; der sollte die Nudeln, die Dona Josefa dem Gast zu Ehren mit dessen Initialen aus Zimtstäbchen verziert hatte, in den Magen befördern helfen. Amaro trank mit dem »Achtzehnhundertsiebenundvierziger« auf das Wohl »der trefflichen Hausherrin«. Diese, die in ihrem grünen Wollkleid fürchterlich aussah, fühlte sich riesig geschmeichelt … Sie bedauere nur, daß das Essen so schlecht sei … Diese Gertrudes würde immer nachlässiger … Sie habe die Ente und die Makkaroni anbrennen lassen!
»Aber meine Verehrteste«, protestierte der Pfarrer, »das Essen war doch köstlich!«
»Das sagen Sie nur aus Liebenswürdigkeit, Herr Pfarrer! Nun, ich war ja auch noch zur rechten Zeit hinzugekommen … Noch ein Löffelchen Nudeln gefällig, Herr Pfarrer?«
»Danke, nichts mehr, Verehrteste! Ich habe meine Pflicht getan!«
»Aber«, ermunterte der Kanonikus, »noch ein Gläschen Achtzehnhundertsiebenundvierziger zur Verdauung!«
Er nahm selbst einen tüchtigen Schluck, verlieh seiner Befriedigung durch ein langes »Ah!« Ausdruck und sagte, nachdem er gerülpst hatte: »Guter Tropfen! So läßt sich's leben!«
Der Kanonikus glühte schon; in seiner dicken Hausjacke und mit der um den Hals gebundenen Serviette sah er noch dicker aus als sonst.
»Guter Tropfen!« wiederholte er. »So etwas haben Sie heute nicht in Ihrem Abendmahlskelch gehabt …«
»Schäme dich, Bruder!« rief Dona Josefa, die den Mund voll Nudeln hatte. Sie war ehrlich entrüstet über diese Frivolität.
Der Kanonikus zuckte wegwerfend die Achseln und knurrte: »Hör auf mit deinem frommen Getue! Ewig mischst du dich in Dinge, die du nicht verstehst! Du mußt nämlich wissen, daß sehr viel darauf ankommt, ob der Abendmahlswein gut oder schlecht ist. Der Abendmahlswein muß gut sein …«
»Schon mit Rücksicht auf die Würde des heiligen Opfers«, sagte der Pfarrer sehr ernst, während er mit seinem Knie Amélia liebkoste.
»Und nicht nur deshalb«, dozierte der Kanonikus mit wichtiger Miene. »Wenn nämlich der Wein nicht gut ist und allerlei Ingredienzien enthält, hinterläßt er einen Belag in den heiligen Krügen und Kelchen. Und wenn der Küster nachlässig ist und sie nicht ordentlich reinigt, nehmen die Gefäße einen schauderhaften Geruch und Geschmack an. Ja, weißt du denn, was dann passiert? Dann passiert es, daß der ahnungslose Priester, wenn er das Blut unseres Herrn Jesu Christi trinkt, diesem eine Fratze schneidet! Jaja, so ist es, meine Liebe!«
Der Kanonikus trank einen gewaltigen Schluck. Aber er fühlte sich heute zum Schwatzen aufgelegt; darum stellte er nach einem langen Aufstoßen Dona Josefa, die über soviel Weisheit ganz verdutzt war, erneut zur Rede.
»Und da du so gelehrt bist, meine Liebe, so sage mir doch: Soll der Wein beim heiligen Opfer weiß oder rot sein?«
Dona Josefa war der Ansicht, er müsse rot sein, um mehr dem Blute unsres Heilandes zu ähneln.
»Korrigieren Sie meine Schwester, Dona Amélia!« grunzte der Kanonikus und zielte mit dem Zeigefinger auf sie.
Amélia lächelte, wollte kein Urteil abgeben … Da sie kein Küster sei, könne sie das nicht wissen …
»Herr Pfarrer, korrigieren Sie!«
Amaro faßte die Sache als einen Spaß auf. Wenn der Wein nicht rot sein dürfe, müsse er eben weiß sein …
»Und warum?«
Amaro antwortete, er habe sagen hören, es sei in Rom so Sitte.
»Und warum?« wiederholte der Kanonikus mit verbissener Pedanterie.
Der Pfarrer wußte es nicht.
»Weil unser Herr Jesus Christus, als er das heilige Abendmahl einsetzte, weißen Wein genommen hat. Der Grund dafür ist sehr einfach: In Judäa wurde nämlich zu jener Zeit erwiesenermaßen kein roter Wein hergestellt … Reiche mir noch einmal die Nudeln, bitte.«
Darauf beschwerte sich Amaro, der an den Wein und an die Sauberkeit der heiligen Gefäße anknüpfte, über den Küster Bento. Heute morgen, vor dem Anlegen des Ornats – der Herr Kanonikus sei gleich darauf in der Sakristei erschienen –, habe er dem Küster einen scharfen Rüffel wegen der Meßhemden erteilen müssen. Erstens gebe Bento sie einer gewissen Antónia zum Waschen, die mit einem Zimmermann in wilder Ehe lebe; das sei an sich schon ein großer Skandal, und diese Person sei nicht würdig, heilige Gewänder zu berühren. Aber das sei noch nicht alles. Denn zweitens liefere das Weib die Sachen so schmutzig und zerknittert ab, daß es eine Unehrerbietigkeit gegen das heilige Opfer bedeute, sie zu benutzen.
»Oh, so schicken Sie mir die Sachen, Herr Pfarrer!« rief Dona Josefa. »Ich gebe sie meiner Wäscherin; das ist eine sehr fromme Frau, und sie liefert die Wäsche blitzsauber ab. Es wäre mir eine große Ehre! Ich würde sie mit eigener Hand plätten; man könnte sogar das Bügeleisen vorher segnen …«
Aber der Kanonikus, der heute wirklich von einer ganz außergewöhnlichen Redseligkeit war, unterbrach sie. Er fixierte den Pater Amaro streng und sagte: »Da Sie gerade von meinem Erscheinen in der Sakristei reden, lieber Freund und Kollege, muß ich Ihnen doch sagen, daß Sie heute einen Schnitzer gemacht haben, der Hiebe verdiente.«
Amaro blickte unruhig drein. »Was für einen Schnitzer, Meister?«
»Sie waren schon im Ornat, die Diakone an Ihrer Seite … Da haben Sie vor dem Bild in der Sakristei statt einer tiefen Verbeugung nur eine halbe Verbeugung gemacht.«
»Halt, Meister!« rief Pater Amaro. »Die Vorschrift lautet: Facta reverentia cruci, nachdem die Kreuzverbeugung gemacht ist; das heißt: einfache Verbeugung oder leichtes Senken des Kopfes …«
Um es vorzumachen, verneigte er sich leicht vor Dona Josefa, die sich lächelnd tief bückte.
»Ich leugne das!« schrie mit furchtbarer Stimme der Kanonikus, der in seinem Haus, an seinem Tisch seine Meinung energisch vertrat. »Ich leugne es auf Grund meiner Autoren. Hier haben Sie meine Gewährsleute!« Und er ließ auf den Kollegen wie Felsblöcke von zermalmendem Gewicht die ehrwürdigen Namen Laboranti, Baldeschi, Merati, Torrino und Pavoni herabprasseln.
Amaro schob seinen Stuhl zurück und nahm eine kampflustige Haltung an. Er freute sich, vor Amélia den Kanonikus, einen Professor der Moral und einen Koloß der praktischen Liturgie, »erledigen« zu können.
»Ich behaupte«, rief er, »ich behaupte mit Cataldus …«
»Halt, Spitzbube!« brüllte der Kanonikus. »Cataldus ist auf meiner Seite!«
»Cataldus ist auf meiner Seite, Meister!«
Und sie erhitzten sich; jeder beanspruchte den ehrwürdigen Cataldus und das Gewicht seiner Beredsamkeit für sich. Dona Josefa zappelte vor Vergnügen in ihrem Stuhl und flüsterte Amélia zu: »Welcher Genuß, sie zu sehen! Ach, was sind das für Heilige!«
Amaro fuhr mit überlegener Miene fort: »Und dann habe ich noch den gesunden Menschenverstand auf meiner Seite, lieber Meister. Denn abgesehen von der schon erwähnten Vorschrift ist es doch klar, daß der Priester, der in der Sakristei das Barett auf dem Kopf hat, keine vollständige Verbeugung machen kann. Er würde da Gefahr laufen, daß ihm das Barett vom Kopf fiele, und das wäre eine höchst frevelhafte Verletzung der geistlichen Würde, wäre geradezu eine Entweihung. Drittens wäre die tiefe Verbeugung unlogisch, ja absurd; denn da wäre ja die Reverenz, die er, ehe die Messe überhaupt begonnen hat, dem Kreuz in der Sakristei erweist, größer als die, welche er nach beendigter Messe dem Altarkreuz erweist!«
»Aber die Verbeugung vor dem Altarkreuz …«, brüllte der Kanonikus.
»Ist eine halbe Verbeugung. Lesen Sie nur die Vorschrift; da steht: Caput inclinat Caput inclinat – (lat.) Er neigt das Haupt.. Lesen Sie Gavanti, lesen Sie Garrifaldi. Und es kann ja auch gar nicht anders sein! Wissen Sie warum? Weil der Priester nach der Messe den Zenit seiner Würde erreicht hat: er hat in sich den Leib und das Blut unsers Herrn Jesu Christi. Wer hat also recht?«
Hochaufgerichtet stand Amaro da und rieb sich triumphierend die Hände.
Der Kanonikus ließ sein Doppelkinn auf die vorgebundene Serviette fallen und schaute wie ein verblüffter Stier drein. Nach einer Weile meinte er: »Jaja, Sie haben zweifellos recht … Da kann ich nichts einwenden …« Er blinzelte Amélia zu. »Dieser Schüler macht mir Ehre. – Nun wollen wir aber trinken, tüchtig trinken! Und dann ein Täßchen Kaffee, Schwester Josefa! Heiß, recht heiß!«
Ein heftiges Klingeln ließ sie auffahren.
»Das ist die Joaneira«, meinte Dona Josefa.
Gertrudes trat mit einem Schal und einem wollenen Umhang ein.
»Das ist aus der Rua da Misericórdia geschickt worden. Senhora Caminha läßt schön grüßen, und sie könne nicht kommen; sie fühlt sich nicht wohl.«
»Wie soll ich da aber nach Hause kommen?« sagte Amélia beunruhigt.
Der Kanonikus streckte die Hand über den Tisch und gab ihr einen freundschaftlichen Klaps auf die Hand.
»Im Notfall stehe ich zur Verfügung«, schmunzelte er. »Die kleine Tugend braucht keine Angst zu haben …«
»Da hört doch alles auf!« schnappte die Alte.
»Laß nur gut sein, Schwester. Dem Reinen ist alles rein.«
Der Pfarrer stimmte lebhaft zu. »Da haben Sie ganz recht, Herr Kanonikus Dias! Dem Reinen ist alles rein! Ich trinke auf Ihr Wohl!«
Sie stießen fröhlich mit den Gläsern an; aller Streit war vergessen. Aber Amélia ängstigte sich.
»Jesus, was wird denn Mama haben? Ob ihr etwas zugestoßen ist?«
»Was wird's denn weiter sein! Faulheit!« lachte der Pfarrer.
»Sorge dich nicht, Kindchen«, beruhigte sie Dona Josefa. »Ich bringe dich heim; wir bringen dich alle heim …«
»Vielleicht bringt ihr sie noch in einer Sänfte heim«, knurrte der Kanonikus, der eine Birne schälte.
Plötzlich jedoch legte er das Messer nieder und blickte mit weit aufgerissenen Augen, während er seinen Magen betastete. »Ich … mir ist nicht ganz wohl«, keuchte er.
»Wie denn? Wo denn?«
»Vielleicht ein bißchen Magenkrämpfe … Es ist schon wieder besser, hat nichts zu bedeuten.«
Dona Josefa, die es mit der Angst zu tun bekam, wollte nicht, daß er die Birne äße. Das letzte Mal sei auch das Obst schuld gewesen …
Aber der Kanonikus ließ sich nichts sagen, sondern biß in die Birne.
»Es ist schon vorüber«, schnaufte er.
»Die Sorge um Ihre Mama war es«, sagte der Pfarrer leise zu Amélia.
Auf einmal rückte der Kanonikus mit dem Stuhl vom Tisch und krümmte sich.
»Es ist noch nicht wieder gut! Jesus! … Teufel! O verflucht! Ah … ich sterbe!«
Alle eilten in großer Aufregung zu Hilfe.
Dona Josefa schleppte ihn am Arm in sein Zimmer und befahl dem Dienstmädchen, den Arzt zu holen. Amélia rannte in die Küche, um Flanell für Magenkompressen zu suchen, fand aber keinen. Gertrudes stolperte entsetzt zwischen den Stühlen umher, denn ihr Schal war weg, und sie mußte doch ihren Schal zum Ausgehen haben! …
»So geh eben ohne Schal, Gans!« schrie sie Amaro an.
Das Mädchen stob davon. Drinnen brüllte der Kanonikus.
Da trat Amaro, der nun wirklich Angst bekam, zu ihm ins Zimmer. Dona Josefa kniete vor der Kommode und jammerte Gebete vor einer an der Wand hängenden Lithographie der schmerzensreichen Jungfrau, während der arme Morallehrer, der mit dem Gesicht nach unten auf dem Bett lag, ins Kopfkissen biß.
»Aber, liebe Dona Josefa«, sagte streng der Pfarrer, »jetzt ist nicht Zeit zum Beten. Jetzt muß etwas getan werden … Was machen Sie denn gewöhnlich in solchen Fällen?«
»Ach, Herr Pfarrer«, wimmerte die Alte, »da kann man nichts machen. Es sind Schmerzen, die in einem Augenblick kommen und gehen. Man weiß nie, wie lange es dauert. Lindenblütentee schafft manchmal Erleichterung … Aber unglücklicherweise habe ich heute keinen da! Ach, Jesus, Jesus!«
Amaro rannte in seine Wohnung, um welchen zu holen, und nach kurzer Zeit kam er atemlos mit Dionísia zurück, die ihre Dienste und ihre Erfahrung zur Verfügung stellen wollte.
Aber zum Glück fühlte sich der Herr Kanonikus schon wieder einigermaßen wohl.
»Herzlichen Dank, Herr Pfarrer!« sagte Dona Josefa. »Herrlicher Tee! Nein, wie gut Sie sind! Jetzt wird er gleich einschlafen. Nach solchen Anfällen schläft er immer ein … Ich muß mich jetzt neben ihn setzen, entschuldigen Sie … Diesmal war es schlimmer als gewöhnlich … Jaja, das Obst, dieses verfl…« Sie verschluckte erschrocken die Lästerung. »Aber das Obst kommt ja auch von Gott. Sein heiliger Wille … Sie entschuldigen mich doch, nicht wahr?«
Amélia und der Pfarrer blieben allein im Eßzimmer zurück. Sogleich glomm in ihren Augen die Begierde auf, sich zu berühren, sich zu küssen; aber die Türen standen auf, und aus dem Nebenzimmer hörte man das Schlurfen von Dona Josefas Pantoffeln. Da sagte Pater Amaro laut: »Der arme Meister! Er muß schreckliche Schmerzen gehabt haben!«
»Es packt ihn alle drei Monate. Mama hat es schon vorausgeahnt. Erst gestern sagte sie zu mir: ›Die Zeit des Herrn Kanonikus ist wieder da, ich habe große Sorge.‹«
Der Pfarrer seufzte und sagte leise: »Ach, um meine Schmerzen kümmert sich niemand …«
Amélia sah ihn lange an, und ihre Augen wurden feucht vor Rührung.
»Sagen Sie das nicht …«, hauchte sie.
Eben wollten sich ihre Hände zu heißem Druck finden, da trat Dona Josefa, in ihren Schal gehüllt, ins Zimmer. Ihr Bruder war eingeschlafen. Sie konnte sich, wie sie sagte, kaum auf den Beinen halten. Ach, diese Erschütterungen untergruben ihre Gesundheit! Sie hatte schon dem heiligen Joachim zwei Kerzen geweiht und der Heiligen Jungfrau der Gesundheit ein Gelübde für die Schmerzen ihres Bruders getan. Schon zum zweitenmal in diesem Jahr! Nun, die Heilige Jungfrau hatte ja auch geholfen …
»Sie läßt keinen im Stich, der sie gläubig anfleht, liebe Dona Josefa«, sagte salbungsvoll Pater Amaro.
Die hohe Standuhr schlug brummend acht Uhr. Amélia sprach wieder von ihrer Sorge um die Mutter … Und es sei schon so spät geworden …
»Als ich vorhin ging, fing es an zu regnen«, bemerkte Amaro.
Amélia lief beunruhigt zum Fenster. Das gegenüberliegende Trottoir war naß und glänzte im Schein der Straßenlaterne. Der Himmel war mit schwarzen Wolken bedeckt.
»Jesus, es wird eine Regennacht geben!«
Dona Josefa bedauerte dieses Zusammentreffen widriger Umstände außerordentlich. Amélia sah ein, daß sie jetzt nicht aufbrechen konnte. Gertrudes war zum Doktor gegangen, hatte ihn aber nicht angetroffen. Nun lief sie die Häuser nach ihm ab … Wer weiß, wann sie wiederkäme …
Der Pfarrer schlug vor, daß die Dionísia (die ja mit ihm gekommen war und noch in der Küche wartete) Dona Amélia begleiten sollte. Es waren ja nur ein paar Schritte und niemand in den Straßen. Er würde selbst bis zur Ecke des Marktplatzes mitgehen … Aber man müßte sich beeilen, denn es würde gleich tüchtig regnen.
Dona Josefa holte sogleich einen Regenschirm für Amélia. Sie legte ihr ans Herz, der Mama alles zu erzählen, was geschehen sei. Aber sie solle sich nicht beunruhigen, denn dem Bruder gehe es schon wieder besser …
»Und höre«, schrie sie Amélia nach, die schon unten war, »sage ihr, daß alles Menschenmögliche getan worden ist; aber die Schmerzen kamen ja so plötzlich … da war eben nicht viel zu machen …«
»Ja, ich werde es ausrichten. Gute Nacht!«
Als sie die Haustür öffneten, regnete es stark. Amélia wollte warten; aber der Pfarrer zog sie schnell am Arm hinaus und sagte: »Es ist ja gar nicht schlimm!«
Sie gingen unter dem Schutz des Regenschirms die verlassene Straße hinab; die Dionísia schritt schweigend, den Schal über Kopf und Schultern gezogen, neben ihnen her. Alle Fenster waren ohne Licht. In den Dachrinnen, an den Häusern rauschte und gurgelte das Wasser.
»Jesus, was für ein Abend!« meinte Amélia. »Ich werde mir das Kleid verderben.«
Sie waren gerade in der Rua das Sousas.
»Jetzt regnet es aber in Strömen«, sagte Amaro. »Ich halte es wirklich für besser, wenn wir in den Flur meines Hauses treten und ein wenig warten …«
»Nein, nein!« stieß Amélia hervor.
»Torheiten!« rief er ärgerlich. »Sie ruinieren Ihr Kleid … Nur einen Moment, es ist ein Platzregen. Dort hinten hellt es sich schon wieder auf. Es wird gleich vorüber sein … Seien Sie nicht töricht! … Ihre Mama würde böse sein, wenn sie Sie in einem solchen Guß laufen sähe, und mit Recht!«
»Nein, nein!«
Aber Amaro blieb stehen, öffnete rasch die Haustür und schob Amélia in den Flur.
»Nur einen Augenblick. Es hört gleich auf. Kommen Sie …«
Und da standen sie im finsteren Hausflur und beobachteten schweigend den strömenden Regen, der im Licht der Straßenlaternen wie Silber glänzte. Amélia war wie betäubt. Die Stille und die Finsternis des Flures beängstigten sie; und doch erschien es ihr köstlich, hier im Dunkeln neben Amaro zu stehen … und niemand wußte darum … Unwillkürlich lehnte sie sich sanft an seine Schulter, schreckte aber sofort zurück, als sie sein aufgeregtes Atmen hörte und er sich eng an sie schmiegen wollte. Deutlich stellte sie sich die Treppe vor, die hinter ihr zu seinem Zimmer führte, und ein tolles Verlangen packte sie, seine Möbel, seine Häuslichkeit zu sehen … Die Gegenwart der Dionísia, die stumm in der Tür stand, verwirrte sie. Jeden Augenblick sah sie zu ihr hin, fürchtete sie, daß Dionísia fortgehen, im Dunkel des Flures oder der Straße verschwinden könnte …
Amaro fing an, mit den Füßen hin und her zu treten und fröstelnd die Hände zu reiben.
»Wir werden uns hier erkälten«, sagte er. »Die Steinfliesen sind eisig … Es wäre wirklich besser, wir warteten oben im Eßzimmer …«
»Nein, nein!« wehrte sie ab.
»Wie kindisch! Ihre Mama würde sehr böse sein … Geh, Dionísia, mach oben Licht!«
Die Matrone eilte augenblicklich die Stufen hinauf.
Amaro ergriff Amélias Arm und flüsterte: »Warum nicht? Was denkst du? Zier dich doch nicht! Nur solange der Regen anhält … Sprich …«
Sie antwortete nicht; man hörte nur ihr heftiges Atmen. Amaro legte ihr die Hand auf die Schulter, streichelte ihre seidene Bluse, fuhr ihr liebkosend über die Brust, drückte sie … Da fing Amélia an zu zittern, und sie folgte ihm wie im Traum die Treppe hinauf. Ihre Ohren glühten; bei jeder Stufe strauchelte sie über den Saum ihres Kleides.
»Hier hinein!« flüsterte er ihr ins Ohr. »Dies ist das Zimmer.«
Er rannte in die Küche, wo die Dionísia gerade eine Kerze anzündete.
»Liebe Dionísia, du mußt nämlich wissen … Ich muß der Dona Amélia hier die Beichte abnehmen … Es ist ein sehr ernster Fall … Geh und komm in einer halben Stunde zurück. Nimm!«
Er drückte ihr drei Silbermünzen in die Hand.
Die Dionísia zog ihre Schuhe aus, ging auf Zehen die Treppe hinunter und schlüpfte in den Raum, der zur Aufbewahrung der Kohlen diente.
Amaro begab sich unterdessen mit dem Licht in sein Zimmer. Da stand Amélia unbeweglich, totenbleich. Der Pfarrer verschloß die Tür, und stumm, mit zusammengebissenen Zähnen, wie ein Stier keuchend, ging er auf das Mädchen zu.
Eine halbe Stunde später machte sich die Dionísia auf der Treppe durch Husten bemerkbar. Gleich darauf kam Amélia, in ihren Mantel gehüllt, herab. Als sie die Haustür öffneten, gingen gerade zwei schwatzende Betrunkene auf der Straße vorüber. Amélia trat schnell in das Dunkel zurück. Aber Dionísia spähte einen Augenblick später wieder hinaus, und da sie niemanden mehr in der Straße bemerkte, sagte sie: »Die Luft ist rein, Dona Amélia …«
Amélia verkroch sich noch tiefer in ihren Schal, und beide eilten nach der Rua da Misericórdia. Der Regen hatte aufgehört; Sterne funkelten am Himmel; die trockene Kühle verkündete Nordwind und gutes Wetter.