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23

»Geliebte«, sagte Freder, Joh Fredersens Sohn.

Es war das leiseste, das behutsamste Rufen, dessen die Stimme eines Menschen fähig war. Aber Maria antwortete ihm ebensowenig, wie sie dem verzweiflungsvollen Schreien geantwortet hatte, mit dem der Mann, der sie liebte, sie wieder zum Bewußtsein ihrer selbst erwecken wollte.

Sie lag, auf die Stufen des Hochaltars gebettet, schmal ausgestreckt und unbeweglich da, ihr Kopf in Freders Arm, ihre Hände in Freders Hand, und das sanfte Feuer der hohen Kirchenfenster brannte auf ihrem ganz weißen Gesicht und auf ihren ganz weißen Händen. Ihr Herz schlug langsam, kaum merklich. Sie atmete nicht. Sie lag in die Tiefe einer Erschöpfung versunken, aus der kein Schrei, kein Beschwören, kein Ruf der Verzweiflung sie aufzureißen vermochte. Sie glich einer Toten.

Auf Freders Schulter legte sich eine Hand.

Er wandte den Kopf. Er sah ins Gesicht seines Vaters.

War das sein Vater? War das Joh Fredersen, Herr über die große Metropolis? Hatte sein Vater so weißes Haar gehabt? Und eine so zerfolterte Stirn? Und so zermarterte Augen?

Gab es auf dieser Welt, nach dieser Nacht des Irrsinns, nur noch Grauen und Tod und Vernichtung und Qual – ohne Ende?

»Was willst du hier?« fragte Freder, Joh Fredersens Sohn. »Willst du sie mir wegnehmen? Hast du Pläne, die mich und sie trennen? Ist irgendein gewaltiges Unternehmen in Gefahr, dem sie und ich geopfert werden sollen?«

»Mit wem sprichst du, Freder?« fragte sein Vater sehr sanft.

Freder antwortete nicht. Seine Augen taten sich suchend auf, denn er hatte eine nie gehörte Stimme vernommen. Er schwieg.

»Wenn du von Joh Fredersen sprichst«, fuhr die sehr sanfte Stimme fort, »dann laß dir erzählen, daß Joh Fredersen in dieser Nacht eines siebenfachen Todes gestorben ist.«

Die leidverbrannten Augen Freders hoben sich zu den Augen, die über ihm waren. Ein kläglich schluchzender Laut kam von seinen Lippen.

»Ach mein Gott – Vater! Vater …«

Joh Fredersen bückte sich über ihn und das Mädchen, das Freder im Schoße lag.

»Sie stirbt, Vater … Siehst du nicht, daß sie stirbt?«

Joh Fredersen schüttelte den Kopf.

»Nein, nein«, sagte seine sanfte Stimme. »Nein, Freder. In meinem Leben war eine Stunde, da ich so wie du auf den Knien lag und die Frau, die ich liebte, in den Armen hielt. Aber sie starb mir wirklich. Ich habe die Züge des Sterbens voll ausstudiert. Ich kenne sie ganz und werde sie nie mehr vergessen … Das Mädchen schläft nur. Wecke es nicht mit Gewalt.«

Und seine Hand glitt mit einer unaussprechlich zärtlichen Gebärde von der Schulter Freders auf das Haar der Schlafenden.

»Geliebtes Kind!« sagte er. »Geliebtes Kind …«

Aus der Tiefe ihres Traumes antwortete ihm die Süßigkeit eines Lächelns, vor dem Joh Fredersen sich neigte wie vor einer Offenbarung, nicht von dieser Welt. Dann ließ er seinen Sohn und das Mädchen und ging durch den Dom, den die bunten Strahlenbänder der Sonne köstlich und heimelig machten.

Freder sah ihm nach, bis sein Blick verschwamm. Und plötzlich, mit einer jähen, heftigen, aufstöhnenden Inbrunst hob er den Mund des Mädchens zu seinem Munde und küßte es, als wollte er daran sterben. Denn aus dem Wunder des zu Bändern gesponnenen Lichts war die Erkenntnis über ihn gekommen, über ihn gestürzt, daß die Nacht vorbei war, daß es Tag war, daß der unverletzliche Wandel von Dunkelheit zur Helle sich groß und gütig über die Welt vollzog.

»Komm zu dir, Maria, Geliebte!« sagte er, sie beschwörend mit seinen Liebkosungen und seiner Zärtlichkeit. »Komm zu mir, Geliebte! Komm zu mir

Die leise Antwort ihres Herzschlags, ihres Atems machte, daß ihm ein Lachen aus der Kehle quoll, und die Inbrunst seines Geflüsters erlosch auf ihren Lippen.

Joh Fredersen hörte das Lachen seines Sohnes noch. Er war schon nahe an der Tür des Doms, blieb stehen und sah sich um, sah die Bündel der Pfeiler, in deren zierlichen Nischen, von Baldachinen geschirmt, die heiligen Männer und Frauen sanft lächelnd standen.

Ihr habt gelitten, dachte sein traumerfülltes Hirn. Ihr seid erlöst vom Leiden. Seid selig gestorben … Lohnt es sich zu leiden? – Ja.

Und er ging aus dem Dom auf Füßen, die noch immer wie erstorben waren; tastend trat er durch die schwere Tür, stand geblendet im Licht und schwankte wie trunken.

Denn der Wein des Leidens, den er getrunken hatte, war sehr schwer und berauschend und glutheiß gewesen.

Seine Seele sprach in ihm, während er taumelnd ging: Ich will nach Hause und meine Mutter suchen.


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