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Das Flugzeug, das Josaphat von Metropolis wegbrachte, schwamm in der goldenen Luft der untergehenden Sonne, ihr nachstürzend in reißender Geschwindigkeit, als wäre es mit metallenen Seilen an den westwärts sinkenden Ball gefesselt.
Josaphat saß hinter dem Piloten. Von dem Augenblick an, da der Flughafen unter ihnen weggesunken war und das Steinmosaik der großen Metropolis in unerforschlicher Tiefe verblaßte, hatte er nicht das leiseste Zeichen von sich gegeben, daß er ein Mensch war mit der Fähigkeit, zu atmen und sich zu bewegen. Der Pilot schien als Frachtgut einen grauen blassen Stein, der die Gestalt eines Menschen hatte, mit sich zu führen, und als er sich einmal umwandte, sah er voll hinein in die weit geöffneten Augen dieses versteinerten Menschen, ohne doch einem Blick zu begegnen oder dem geringsten Zeichen von Bewußtsein.
Dennoch hatte Josaphat die Kopfbewegung des Piloten mit dem Gehirn aufgefangen. Nicht gleich. Nicht bald. Aber das Bild dieser vorsichtigen, doch bestimmten und wachsamen Bewegung blieb ihm im Gedächtnis, bis er sie endlich begriff.
Da schien das versteinerte Bild wieder zu einem Menschen zu werden, dessen Brust sich hob in einem lang versäumten Atemzug, der die Augen nach oben richtete, in einen leeren, grünlichblauen Himmel schauend, und wieder abwärts zu einer Erde, die als flacher, runder Teppich tief im Unendlichen schwebte, und auf eine Sonne, die als glühender Ball nach Westen rollte.
Ganz zuletzt aber auf den Kopf des Piloten, der vor ihm saß, auf die Fliegerkappe, die nackenlos überging in Schultern voll stierhafter Kraft und gewalttätiger Ruhe.
Der starke Motor des Flugzeugs arbeitete mit vollkommener Lautlosigkeit. Aber die Luft, durch die er das Flugzeug fortriß, war von einem geheimnisvollen Donner erfüllt, als finge die Kuppel des Himmels das Dröhnen des Erdballs auf und würfe es zornig zurück.
Über einer fremden Erde schwebte das Flugzeug heimatlos wie ein Vogel, der sein Nest nicht findet.
Plötzlich, mitten im Donner der Luft, hörte der Pilot an seinem linken Ohr eine Stimme, die fast leise sagte: »Kehren Sie um.«
Der Kopf in der Fliegerkappe wollte sich rückwärts wenden. Aber beim ersten Versuch rannte er gegen einen Druckpunkt, der ihm genau auf der Schädeldecke saß. Dieser Druckpunkt war klein, anscheinend kantig und außergewöhnlich hart.
»Rühren Sie sich nicht!« sagte die Stimme an seinem linken Ohr, die so leise war und sich doch im Donner der Luft verständlich machte. »Sehen Sie sich auch nicht um! Ich habe keine Schußwaffe bei mir. Hätte ich die zur Hand gehabt, so wäre ich wahrscheinlich nicht hier. Was ich in der Hand habe, ist ein Werkzeug, dessen Name und Bestimmung mir fremd ist. Aber es ist aus solidem Stahl gemacht und unbedingt hinreichend, um Ihnen den Schädel einzuschlagen, wenn Sie mir nicht sofort gehorchen. Kehren Sie um!«
Die stierhaften Schultern unterhalb der Fliegerkappe hoben sich in einem kurzen, ungeduldigen Ruck. Der Glutball der Sonne berührte in unaussprechlich leichtem Schweben den Horizont. Für Sekunden hatte es den Anschein, als tanze er in leisen, sprühenden Rhythmen an ihm entlang. Der Bug des Flugzeugs war ihm zugewandt und änderte seine Richtung nicht um die Breite einer Hand.
»Sie scheinen mich nicht verstanden zu haben«, sagte die Stimme hinter dem Piloten. »Kehren Sie um! Ich will nach Metropolis zurück, hören Sie? Ich muß dort sein, bevor es Nacht wird. Nun?«
»Halts Maul«, sagte der Pilot.
»Zum letzten Mal: Wirst du gehorchen oder nicht?«
»Setz dich hin und halte Ruhe da hinten. Verflucht noch mal, was soll das heißen?«
»Du willst nicht gehorchen?«
Gebrüll …
Eine junge Magd, die im letzten Licht der versinkenden Sonne auf einer sanften weiten Wiese das Heu wendet, hatte den sausenden Vogel über sich im abendlichen Himmel entdeckt und sah ihm mit arbeitsheißen, sommermüden Augen zu.
Wie seltsam das Flugzeug stieg und fiel! Es machte Sprünge wie ein Pferd, das den Reiter abschütteln will. Bald rannte es der Sonne nach, bald kehrte es ihr den Rücken. Nie hatte die junge Magd solch ein wildes, ungebärdiges Geschöpf in der Luft gesehen.
Nun schwang es sich westwärts und jagte in langen, stoßenden Sätzen am Himmel entlang. Etwas löste sich von ihm: ein weites, silbergraues Tuch, das sich blähte …
Vom Wind hin und her gehaucht, gaukelte das silbergraue Tuch zur Erde nieder, eine seidene Kuppel, in deren Gespinsten eine riesenhafte, dunkle Spinne zu hängen schien.
Die junge Magd fing schreiend zu rennen an. An dünnen Seilen haspelte sich die große schwarze Spinne tiefer und tiefer herunter. Nun glich sie schon einem Menschen. Ein weißes todähnliches Gesicht beugte sich abwärts. Sanft wölbte sich die Erde dem sinkenden Geschöpf entgegen. Der Mensch ließ die Seile los und sprang. Und stürzte. Raffte sich wieder auf. Und stürzte von neuem.
Wie eine Schneewolke, sanft und schimmernd, senkte sich das silbergraue Tuch über ihn und bedeckte ihn ganz.
Die junge Magd kam herangelaufen.
Sie schrie noch immer, wortlos, atemlos, als sei dieses naturhafte Kreischen ihre eigentliche Sprache. Sie bauschte das silberne Seidentuch mit beiden Armen vor ihre junge Brust, um den Menschen, der unter ihm begraben lag, wieder ans Licht zu bekommen.
Ja, da lag er nun, lang ausgestreckt auf dem Rücken, und unter dem Griff seiner Finger zerriß die Seide, die so stark gewesen war, daß sie ihn getragen hatte. Und wo sich seine Finger aus der Seide lösten, um einen neuen Fleck zu suchen, den sie zerreißen [konnten], blieben feuchte rote Spuren auf dem zerknüllten Stoff, wie ein Tier sie hinterläßt, das seine Tatzen ins Blut seines Feindes getaucht hat.
Beim Anblick dieser Spuren verstummte die junge Magd.
Ein Ausdruck des Entsetzens kam in ihr Gesicht, aber zugleich ein Ausdruck, wie ihn Tiermütter haben, die einen Feind wittern und sich und ihre Brut durch nichts und um keinen Preis verraten wollen.
Sie biß die Zähne zusammen, daß ihr junger Mund ganz blaß und schmal wurde. Sie kniete neben dem Mann nieder und hob seinen Kopf in ihren Schoß.
In dem weißen Gesicht, das sie hielt, gingen die Augen auf. Sie starrten in Augen, die sich über sie beugten. Sie glitten seitwärts und suchten den Himmel ab.
Ein sausend schwarzer Punkt im Scharlach des westlichen Himmels, von dem die Sonne weggesunken war …
Das Flugzeug.
Nun hatte es doch seinen Willen durchgesetzt und flog der Sonne nach, immer weiter westwärts. An seinem Steuer saß der Mann, der nicht hatte umkehren wollen, und war so tot wie möglich. Die Fliegerkappe hing zerfetzt herab vom klaffenden Schädel auf die stierharten Schultern. Aber die Fäuste hatten das Steuer nicht losgelassen. Sie hielten es jetzt noch fest.
Fahre wohl, Pilot …
Das Gesicht, das im Schoß der jungen Magd lag, begann zu lächeln, begann zu fragen.
Wo war die nächste Stadt?
Da war weit und breit keine Stadt.
Wo war die nächste Bahn?
Da war weit und breit keine Bahn.
Josaphat stemmte sich auf. Er sah sich um.
Weithin Felder und Wiesen, von Wald gesäumt, der abendlich schweigend dastand. Der Scharlach des Himmels war ausgelöscht. Die Grillen zirpten. Milchweiß braute der Nebel um einsam stehende, ferne Weiden. Aus der heiligen Reinheit des großen Himmels trat der erste Stern mit ruhigem Flimmern.
»Ich muß fort«, sagte der Mann mit dem weißen todähnlichen Gesicht.
»Erst sollst du dich ausruhen«, sagte die junge Magd.
Die Augen des Mannes staunten zu ihr hinauf. Ihr klares Gesicht mit der niedrigen, einfältigen Stirn und dem schönen, törichten Mund stand in dem Himmel, der sich über ihm wölbte, wie unter einer Kuppel aus Saphir.
»Fürchtest du dich nicht vor mir?« fragte der Mann.
»Nein«, sagte die junge Magd.
Der Kopf des Mannes fiel in ihren Schoß. Sie beugte sich vor und deckte den schaudernden Körper mit der gebauschten silbernen Seide zu.
»Ausruhen …«, sagte der Mann mit einem Seufzer.
Sie gab keine Antwort. Sie saß ganz unbeweglich.
»Wirst du mich wecken«, fragte der Mann, und seine Stimme schwankte vor Müdigkeit, »sobald die Sonne kommt?«
»Ja«, sagte die junge Magd. »Sei ruhig.«
Er seufzte tief auf. Dann lag er still.
Es wurde dunkler und dunkler.
Einmal, in weiter Ferne, erklang eine Stimme, die langgezogen einen Namen rief, wieder und immer wieder …
Die Sterne standen herrlich über der Welt. Die ferne Stimme verstummte. Die junge Magd sah auf den Mann, dessen Kopf ihr im Schoße lag. In ihren Augen war die nie schlafende Wachsamkeit, die in den Augen von Tieren und Müttern ist.