Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

10

Sooft Josaphat auch in den kommenden Tagen versuchte, den Wall, der um Freder gezogen war, zu durchbrechen, immer stand da ein fremder Mensch und immer ein anderer, der mit ausdrucksloser Miene sagte: »Herr Freder kann niemand empfangen. Herr Freder ist krank.«

Aber Freder war nicht krank, zum mindesten nicht, wie sich sonst Kranksein bei Menschen äußert. Vom Morgen zum Abend, vom Abend zum Morgen bewachte Josaphat das Haus, dessen Turmkrönung die Wohnung Freders war. Nie sah er Freder das Haus verlassen. Aber durch Stunden hindurch sah er in den Nächten hinter den weißverhüllten, wandbreiten Fenstern einen Schatten auf und nieder wandern und sah um die Stunde der Dämmerung, wenn die Dächer von Metropolis noch in Sonne getaucht strahlten und in den Schluchten seiner Straßen die Dunkelheit von Strömen kalten Lichtes weggeschwemmt wurde, denselben Schatten, eine regungslose Gestalt, auf dem schmalen Altan stehen, der rund um dieses fast höchste Haus von Metropolis verlief.

Doch was sich in dem Hinundherwandern des Schattens, in dem regungslosen Stehen der Schattengestalt ausdrückte, war nicht Krankheit. Es war eine bis zum äußersten Punkt gesteigerte Ratlosigkeit. Auf dem Dach des Hauses liegend, das Freders Wohnung gegenüber war, beobachtete Josaphat den Menschen, der sich ihn zum Freund und Bruder gewählt hatte, den er verraten hatte und zu dem er heimgekommen war. Er konnte sein Gesicht nicht erkennen, aber er las aus dem bleichen Fleck, der dieses Gesicht in der untergehenden Sonne, im Sturzbad der Scheinwerfer war, daß der Mann da drüben, dessen Augen über Metropolis hinstarrten, Metropolis nicht sah.

Zuweilen tauchten Menschen neben ihm auf, sprachen zu ihm, erwarteten eine Antwort. Aber die Antwort kam nie. Da gingen die Menschen bedrückt.

Einmal war Joh Fredersen gekommen – kam zu dem Sohn, der auf dem schmalen Altan stand und die Nähe des Vaters nicht zu bemerken schien. Joh Fredersen sprach zu ihm, lange. Er legte die Hand auf die Hand des Sohnes, die auf der Brüstung ruhte. Der Mund bekam keine Antwort. Die Hand bekam keine Antwort. Nur einmal wandte Freder den Kopf, schwerfällig, als seien die Nackenwirbel eingerostet. Er sah Joh Fredersen an.

Joh Fredersen ging.

Und als sein Vater gegangen war, drehte Freder den Kopf auf trägen Wirbeln zurück und starrte wieder über die große Metropolis hin, die im Lichttaumel tanzte, und starrte mit blinden Augen.

Die Brüstung des schmalen Altans, auf dem er stand, erschien als unüberwindliche Mauer der Einsamkeit, eines tief im Innersten Verlassenseins. Kein Rufen, kein Winken, kein noch so lauter Laut durchdrang diese Mauer, die von der starken, leuchtenden Brandung der großen Metropolis umspült wurde.

Aber Josaphat wollte nicht den Sprung aus dem Himmel zur Erde gewagt, nicht einen Menschen, der seine Pflicht erfüllte, als toten Mann ins Unendliche gejagt haben, um an der Mauer dieser Einsamkeit ohnmächtig haltzumachen.

Es kam eine Nacht, die glühend und dunstreich über Metropolis stand. Ein Gewitter, das noch fern war, brannte in tiefen Wolken seine Warnzeichen ab. Alle Lichter der großen Metropolis schienen sich heftiger, schienen sich hemmungsloser an die Dunkelheit zu verschwenden.

Freder stand an der Brüstung des schmalen Altans, die heißen Hände auf die Brüstung gelegt. Ein schwüler, ängstlicher Windstoß zerrte an ihm und machte die weiße Seide flattern, die seinen mager gewordenen Körper deckte.

Um den First des Hauses, ihm gerade gegenüber, lief in leuchtendem Rahmen ein leuchtendes Wort, lief im ewigen Kreislauf hinter sich selbst her: Phantasus … Phantasus … Phantasus …

Freder sah diesen Wortreigen nicht. Seine Netzhaut empfing ihn, nicht das Gehirn.

Plötzlich aber losch das Wortbild aus, und an seiner Stelle sprühten Zahlen aus der Dunkelheit, verschwanden wieder, tauchten wieder auf.

Und dieses Kommen und Verschwinden, Wiederkommen und Verschwinden und von neuem Kommen wirkte in seiner Unbeirrbarkeit wie ein durchdringendes, hartnäckiges Rufen.

99 . . . . .  7 . . . . .  7 . . . . . 

99 . . . . .  7 . . . . .  7 . . . . . 

99 . . . . .  7 . . . . .  7 . . . . . 

Freders Augen fingen die Zahlen auf.

99 . . . . .  7 . . . . .  7 . . . . . 

Sie wandten sich ab, sie kamen wieder zurück.

99 . . . . .  7 . . . . .  7 . . . . . 

Gedanken stolperten durch sein Gehirn.

99          ? und 7     ?     Zweimal 7          ?

Was hieß das? Wie zudringlich diese Zahlen waren.

99 . . . . .  7 . . . . .  7 . . . . . 

99 . . . . .  7 . . . . .  7 . . . . . 

99 . . . . .  7 . . . . .  7 . . . . . 

Freder schloß die Augen. Aber nun waren die Zahlen in ihm. Er sah sie aufflammen, strahlen, auslöschen … Aufflammen, strahlen, auslöschen.

War das – nein! Oder ja?

Hatten diese Zahlen vor einem Zeitraum, der nicht mehr meßbar schien, für ihn selbst Bedeutung gehabt?

99 – 99 –

Plötzlich sagte in seinem Kopf eine Stimme: »Neunundneunzigster Block … Neunundneunzigster Block … Haus sieben … Siebenter Stock …«

Freder riß die Augen auf. Da drüben an dem Haus, ihm gerade gegenüber, zuckten die Zahlen auf, fragten und riefen:

99 . . . . .  7 . . . . .  7 . . . . . 

Freder beugte sich über die Brüstung vor, daß es schien, als solle er in die Tiefe stürzen. Die Zahlen blendeten ihn. Er machte eine Bewegung mit dem Arm, als wollte er sie zudecken oder auslöschen.

Sie loschen aus. Der leuchtende Rahmen losch aus. Düster stand das Haus, nur bis zur Hälfte vom Schimmer der weißen Straße angespült. Jählings sichtbar lag über seinem Dach der Gewitterhimmel, und Blitze schienen zu knistern.

Im fahlen Lichte da drüben stand ein Mann.

Freder trat von der Brüstung zurück. Er hob beide Hände vor seinen Mund. Er sah nach rechts, nach links, hob beide Arme. Dann wandte er sich ab, wie durch Naturgewalt von der Stelle weggedreht, auf der er stand, lief in das Haus hinein, durchlief das Zimmer, blieb wieder stehen …

Vorsicht! Vorsicht jetzt …

Er dachte nach. Er preßte seinen Schädel zwischen den Fäusten. War unter seinen Dienern einer, ein einziger Mensch, von dem er glauben konnte, daß er ihn nicht an den Schmalen verraten würde?

Soviel Armseligkeit, ach, soviel Armseligkeit!

Aber was blieb ihm übrig als der Sprung ins Bodenlose, auf den jede Vertrauensprobe schließlich hinausläuft?

Er hätte gern die Lampen in seinem Zimmer ausgelöscht, aber er wagte es nicht, denn bis zu diesem Tag hatte er Dunkelheit um sich her nicht ertragen. Er lief auf und ab. Er fühlte den Schweiß auf seiner Stirn und das Zittern seiner Gelenke. Er konnte die Zeit nicht mehr messen, die verstrich. In seinen Ohren dröhnte das Blut wie Wasserstürze.

Der erste Blitz fiel über Metropolis, und in das spät antwortende Grollen des Donners mischte sich das Rauschen des endlichen Regens. Er verschluckte das Geräusch der sich öffnenden Tür. Als Freder sich umwandte, stand Josaphat mitten im Zimmer.

Sie gingen aufeinander zu, wie von äußerer Gewalt getrieben. Aber mitten auf dem Weg blieben sie beide stehen und sahen sich an und hatten, einer für den anderen, die gleiche, entsetzte Frage im Gesicht: Wo warst du, seit ich dich nicht gesehen habe? Zu welcher Hölle bist du niedergefahren?

Freders fiebernde Eilfertigkeit mit seiner tonlosen Stimme, in der zuweilen die krankhafte Trockenheit verbrannter Dinge war. Er ließ sich bei ihm nieder, nahm die Hand nicht von seinem Arm. »Du hast auf mich gewartet, immer umsonst … Ich konnte dir keine Nachricht geben. Verzeih mir!«

»Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, Herr Freder«, sagte Josaphat lautlos. »Ich habe nicht auf Sie gewartet. An dem Abend, an dem ich auf Sie warten sollte, war ich weit, weit weg von Metropolis und von Ihnen.«

Freders wartende Augen sahen ihn an.

»Ich habe Sie verraten, Herr Freder«, sagte Josaphat.

Freder lächelte; aber die Augen Josaphats löschten sein Lächeln aus.

»Ich habe Sie verraten, Herr Freder«, wiederholte der Mann. »Der Schmale kam zu mir. Er bot mir viel Geld. Aber da lachte ich noch. Ich warf es ihm an den Kopf. Doch dann legte er auf den Tisch einen Zettel mit der Unterschrift Ihres Vaters. Das müssen Sie mir glauben, Herr Freder: Mit Geld hätte er mich nicht gefangen. Die Summe gibt es nicht, um die ich Sie verkaufte. Aber als ich die Schrift Ihres Vaters sah … Ich kämpfte auch da noch. Ich hätte ihn gern erwürgt. Aber ich hatte keine Kraft mehr. Joh Fredersen stand auf dem Zettel … Da hatte ich keine Kraft mehr.«

»Das verstehe ich«, murmelte der Sohn Joh Fredersens.

»Danke. Ich sollte weg von Metropolis, weit weg … Ich flog … Der Pilot war ein fremder Mann. Wir flogen immer der Sonne nach. Die Sonne wollte untergehen. Da fiel mir ein in meinem leeren Gehirn, daß nun die Stunde kam, in der ich auf Sie warten sollte. Und ich würde nicht da sein, wenn Sie kamen. Ich wollte umkehren. Ich bat den Piloten. Er wollte nicht. Er wollte mich zwingen, mich immer weiter von Metropolis zu entfernen. Er war so trotzig, wie man es nur sein kann, wenn man den Willen Joh Fredersens hinter sich weiß. Ich bat und drohte. Aber nichts wollte helfen. Da habe ich ihm mit seinem eigenen Werkzeug den Schädel eingeschlagen.«

Freders Finger, die noch auf Josaphats Arm lagen, zogen sich ein wenig zusammen; aber sie lagen gleich wieder still.

»Dann sprang ich ab, und ich war so weit von Metropolis entfernt, daß eine junge Magd, die mich vom Felde auflas, nicht einmal den Weg nach der großen Metropolis kannte … Ich kam hierher und fand keine Nachricht von Ihnen, und alles, was ich erfuhr, war, daß Sie krank seien …«

Er zögerte und schwieg, sah Freder an.

»Ich bin nicht krank«, sagte Freder, geradeaus blickend. Er löste seine Finger von Josaphats Arm, beugte sich vor und legte beide Hände flach über seinen Kopf. Er sprach ins Leere hinein. »Aber glaubst du, Josaphat, daß ich wahnsinnig bin?«

»Nein.«

»Aber ich muß es sein«, sagte Freder, und er kroch so eng in sich zusammen, daß es schien, als säße auf seinem Platz ein kleiner Junge, von heftiger Furcht erfüllt. Seine Stimme klang plötzlich hoch und dünn, und etwas in ihr ließ das Wasser in Josaphats Augen schießen.

Josaphat streckte die Hand aus, tastete und fand die Schulter Freders. Seine Hand schob sich um dessen Nacken, zog ihn sacht an sich heran, hielt ihn still und fest.

»Sprechen Sie nur, Herr Freder!« meinte er. »Ich glaube nicht, daß es viele Dinge gibt, die mir unüberwindlich scheinen, seit ich aus dem Flugzeug, das der Tote steuerte, wie aus dem Himmel auf die Erde sprang. Auch habe ich«, fuhr er mit leiser Stimme fort, »in einer einzigen Nacht gelernt, daß man sehr viel ertragen kann, wenn man neben sich einen Menschen hat, der Wache hält, nicht fragt und einfach da ist.«

»Ich bin wahnsinnig, Josaphat«, sagte Freder. »Aber ich weiß nicht, ob das ein Trost ist – ich bin es nicht allein.«

Josaphat schwieg. Seine geduldige Hand lag unbeweglich auf der Schulter Freders.

Und plötzlich, als wäre seine Seele ein überfülltes Gefäß, das das Gleichgewicht verlor und umstürzte und sich strömend ergoß, begann Freder zu sprechen. Er erzählte dem Freunde die Geschichte von Maria, vom Augenblick ihrer ersten Begegnung im »Klub der Söhne« an, bis zum Wiedersehen tief unter der Erde in der Totenstadt, sein Warten im Dom, sein Erlebnis im Hause Rotwangs, sein vergebliches Suchen, das Nein in der Wohnung Marias – bis zu dem Augenblick, da er um ihretwillen am eigenen Vater zum Mörder werden wollte – nein, nicht um ihretwillen; um ein Wesen, das gar nicht da war, das er nur zu sehen glaubte …

War das nicht Wahnsinn?

»Sinnestäuschung, Herr Freder.«

»Sinnestäuschung? Ich will dir mehr von Sinnestäuschung erzählen, Josaphat, und du mußt nicht glauben, daß ich im Fieber spreche oder meiner Gedanken jetzt nicht mächtig sei. Ich wollte meinen eigenen Vater erschlagen. Es war nicht meine Schuld, daß der Vatermord mißlang. Aber seitdem, Josaphat, bin ich kein Mensch mehr. Ich bin ein Geschöpf, das keine Füße hat, keine Hände und kaum einen Kopf. Und dieser Kopf ist nur da, um ewig zu denken: Ich wollte meinen eigenen Vater erschlagen. Glaubst du, von dieser Hölle käme ich jemals los? Niemals, Josaphat. Niemals – in alle Ewigkeit nie. Ich lag in der Nacht und hörte meinen Vater im Nebenzimmer auf und nieder gehen. Ich lag in der Tiefe eines schwarzen Schachtes; aber meine Gedanken liefen wie an seine Sohlen gekettet hinter dem Schritt meines Vaters her. Was für ein Schrecken ist in die Welt gekommen, daß dies geschehen kann? Steht ein Komet am Himmel, der die Menschheit toll macht? Kommt eine neue Pest oder der Antichrist? Oder der Weltuntergang? Ein Weib, das nicht ist, drängt sich zwischen Vater und Sohn und reizt den Sohn zum Mord am Vater. Kann sein, daß meine Gedanken in jenen Stunden sich heißliefen. Dann kam mein Vater zu mir herein …«

Er stockte, und seine abgemagerten Hände schlangen sich ineinander über dem feuchten Haar.

»Du kennst meinen Vater. Es gibt viele in der großen Metropolis, die glauben, Joh Fredersen sei kein Mensch, weil er Essen und Trinken nicht zu brauchen scheint und schläft, wann er will, und meistens will er nicht. Sie nennen ihn: das Hirn von Metropolis, und wenn es wahr ist, daß die Furcht der Ursprung aller Religion sei, so ist das Hirn der großen Metropolis nicht weit davon entfernt, eine Gottheit zu werden. Dieser Mann, der mein Vater ist, kam an mein Bett. Er ging auf den Zehenspitzen, Josaphat. Er beugte sich über mich und hielt den Atem an … Ich hatte die Augen geschlossen. Ich lag ganz still, und mir war, als müßte mein Vater in mir das Weinen meiner Seele hören. Ich liebte ihn in dieser Stunde mehr als alles auf der Welt. Aber wenn mein Leben davon abgehangen hätte, so wäre ich doch nicht imstande gewesen, die Augen aufzuschlagen. Ich fühlte, wie die Hand meines Vaters über mein Kissen strich. Dann ging er wieder, wie er gekommen war, auf den Zehenspitzen, und schloß die Tür ganz lautlos hinter sich. Begreifst du, Josaphat, was geschehen war?«

»Nein.«

»Nein? Wie solltest du auch. Ich selbst begriff es erst viele Stunden später: Zum erstenmal, seit die große Metropolis steht, hatte Joh Fredersen es unterlassen, mit einem Druck auf die kleine, blaue Metallplatte die Behemot-Stimme von Metropolis aufbrüllen zu lassen, weil er den Schlaf seines Sohnes nicht stören wollte.«

Josaphat senkte den Kopf; er sagte nichts. Freder ließ die verschlungenen Hände fallen.

»Da begriff ich«, fuhr er fort, »daß mir mein Vater ganz vergeben hatte. Und als ich dies begriffen hatte, schlief ich wirklich ein.«

Er stand auf, blieb eine Weile stehen und schien auf das Rauschen des Regens zu horchen. Immer noch fielen die Blitze über Metropolis, und der zornige Donner sprang hinterdrein. Aber das Rauschen des Regens machte ihn kraftlos.

»Ich schlief«, sprach Freder weiter, so leise, daß ihn der andere kaum verstand, »da begann ich zu träumen. Ich sah diese Stadt im Licht einer geisterhaften Unwirklichkeit. Ein vertrackter Mond stand am Himmel; wie auf einer breiten Straße floß dieses geisterhafte, unwirkliche Licht auf die Stadt hinab, die völlig menschenleer war. Alle Häuser schienen verzerrt und hatten Gesichter. Die schielten böse und tückisch auf mich herab, der ich tief zwischen ihnen auf flimmernder Straße ging.

Ganz schmal war diese Straße, wie zwischen den Häusern zerdrückt; sie war wie aus grünlichem Glas, wie ein erstarrter, gläserner Fluß. Ich glitt auf ihr hin und sah durch sie hinab in das kalte Brodeln unterirdischer Feuer.

Ich kannte mein Ziel nicht, doch ich wußte, daß ich eines hatte, und ging sehr schnell, um es rasch zu erreichen. Ich dämpfte meine Schritte, so gut ich konnte, aber ihr Schall war übermäßig laut und weckte an den schiefen Häusermassen ein rauschendes Raunen, als murrten die Häuser mir nach. Immer eiliger ging ich und lief – und rannte zuletzt, und je rascher ich rannte, desto heiserer scholl mir das Echo der Schritte nach, als sei mir ein Heer auf den Fersen. Ich troff von Schweiß …

Die Stadt war lebendig. Die Häuser waren lebendig. Ihre aufgerissenen Mäuler keiften mir nach. Die Fensterhöhlen, ausgeschlagene Augen, hatten ein blindes, grausig boshaftes Zwinkern.

Keuchend erreichte ich den Platz vor dem Dom …

Der Dom war erleuchtet. Die Türen standen offen, nein, sie taumelten hin und her wie Pendeltüren, durch die ein unsichtbarer Strom von Gästen zog. Die Orgel dröhnte, aber nicht von Musik. Gequäk und Geplärr, Gekreische und Gewimmer scholl aus der Orgel und dazwischen freche Tänze, jammernde Hurenlieder …

Die Pendeltüren, das Licht, der Hexensabbat, alles wirkte geheimnisvoll aufgeregt, eilig, als sei keine Zeit zu verlieren, und voll tiefer, böser Befriedigung.

Ich ging auf den Dom zu und die Stufen hinauf. Eine Tür erfaßte mich wie ein Arm und wehte mich stoßend in den Dom hinein.

Aber das war so wenig der Dom, wie die Stadt Metropolis war. Eine Horde von Tollhäuslern schien sich seiner bemächtigt zu haben, und nicht einmal Menschen, zwergenhafte Wesen, halb Affen, halb Teufeln gleichend, erfüllten ihn wimmelnd. An Stelle der Heiligen thronten Bocksgestalten, bei den lächerlichsten Sprüngen versteint, in den Säulennischen. Und um jede Säule raste ein Ringelreihen nach dem Geplärr der Orgel.

Leer, entgöttert, zersplittert hing das Kruzifix über dem Hochaltar, von dem die heiligen Geräte verschwunden waren.

Ein Kerl, schwarz angetan, Zerrbild des Mönches, stand auf der Kanzel und heulte im Predigerton: ›Tuet Buße! Das Himmelreich ist nahe.‹

Ein überlautes Gewieher antwortete ihm.

Der Orgelspieler – ich sah ihn, er glich einem Dämon – stand mit Füßen und Händen auf den Tasten, und sein Kopf schlug den Takt zum Ringelreihen der Gespenster.

Der Kerl auf der Kanzel holte ein Buch hervor, riesengroß und schwarz, mit sieben Schlössern. Wenn seine Hände ein Schloß berührten, fuhr es als Flamme hoch und sprang auseinander.

Beschwörungen murmelnd, schlug er den Deckel auf. Er bückte sich über das Buch. Ein Kreis von Flammen stand plötzlich um seinen Kopf.

Von der Höhe des Glockenturms schlug es Mitternacht. Aber es war, als hätte die Uhr nicht genug daran, die Stunde der Dämonen nur einmal zu verkünden. Wieder und immer wieder, in kläglich gehetzter Eile, schlug sie die schaurige Zwölf.

Das Licht im Dom änderte seine Farbe. Wäre es möglich, von schwärzlichem Licht zu reden, so käme dieses Wort dem Ausdruck des Lichts am nächsten. Nur an einer Stelle erstrahlte es weiß, gleißend, schneidend, ein scharfgeschliffenes Schwert: da, wo der Tod als Spielmann gebildet ist.

Und plötzlich verstummte die Orgel, plötzlich der Tanz. Die Stimme des Predigerkerls auf der Kanzel verstummte. Und durch die Stille, die nicht zu atmen wagte, erscholl der Ton einer Flöte. Die spielte der Tod. Es spielte der Spielmann das Lied, das ihm keiner nachspielt, auf seiner Flöte; die war ein Menschenknochen.

Aus seiner Seitennische trat der gespenstische Spielmann, holzgeschnitten, in Hut und weitem Mantel, die Sense geschultert, am Gürtelstrick baumelnd das Stundenglas. Die Flöte spielend, trat er aus seiner Nische und zog in den Dom hinein. Und hinter ihm zogen die sieben Todsünden als Gefolge des Todes.

Es zog der Tod um jede Säule den Kreis. Lauter und immer lauter erklang das Lied seiner Flöte. Die sieben Todsünden faßten sich bei den Händen. Als weitgeschwungene Kette schritten sie hinter dem Tod; und allmählich wurde ihr Schreiten ein Tanz.

Die sieben Todsünden tanzten hinter dem Tod her, der die Flöte spielte.

Da füllte der Dom sich mit einem Licht, das wie aus Rosenblättern gewonnen schien. Ein unaussprechlich süßer, betäubender Duft schwebte wie Weihrauch zwischen den Säulen. Das Licht verstärkte sich, und es schien zu klingen. Blaßrote Blitze zuckten aus der Höhe und sammelten sich im Mittelschiff des Raumes zum unerhörten Strahlen einer Krone.

Die Krone saß auf dem Haupte eines Weibes. Und das Weib saß auf einem rosenfarbenen Tier, das hatte sieben Häupter und zehn Hörner. Und das Weib war bekleidet mit Scharlach und Rosenfarbe und überschüttet mit Gold und Edelsteinen und Perlen. Es trug einen goldenen Becher in seiner Hand. Auf der gekrönten Stirn des Weibes stand geheimnisvoll geschrieben: Babylon.

Wie eine Gottheit wuchs sie auf und strahlte. Der Tod und die sieben Todsünden neigten sich tief vor ihr.

Und das Weib, das den Namen Babylon trug, hatte die Züge Marias, die ich liebe …

Das Weib erhob sich. Es rührte mit seiner Krone bis an das Kreuzgewölbe des hohen Domes. Es faßte den Saum seines Mantels und öffnete ihn. Und breitete seinen Mantel mit beiden Händen. Da sah man: Der goldene Mantel war bestickt mit Bildern mannigfaltiger Dämonen. Wesen mit Frauenleibern und Schlangenköpfen – Wesen, halb Stier, halb Engel – Teufel, mit Kronen geschmückt – menschengesichtige Löwen.

Das Flötenlied des Todes war verstummt. Aber der Kerl auf der Kanzel erhob seine gellende Stimme: ›Tuet Buße! Das Himmelreich ist nahe.‹

Noch immer hämmerte die Kirchenuhr den wilden Zwölfertakt der Mitternacht.

Das Weib sah dem Tod ins Gesicht. Es tat seinen Mund auf. Es sprach zum Tode: ›Geh!‹

Da hängte der Tod die Flöte an seinen Gürtel neben das Stundenglas, nahm die Sense herab von der Schulter und ging. Er ging durch den Dom und hinaus aus dem Dom. Und aus dem Mantel der großen Babylon lösten sich die Dämonen, lebendig geworden, und flogen dem Tode nach.

Der Tod ging die Stufen des Domes hinab in die Stadt, umrauscht von schwarzen Vögeln mit Menschengesichtern. Er hob die Sense, als weise er ihnen den Weg. Da teilten sie sich und schwärmten auseinander. Ihre breiten Flügel verdunkelten den Mond.

Der Tod schlug seinen weiten Mantel rückwärts. Er reckte sich auf und wuchs. Er wuchs viel höher als selbst die Häuser von Metropolis. Das höchste reichte ihm kaum bis zu den Knien.

Der Tod schwang seine Sense und tat einen pfeifenden Hieb. Die Erde und alle Sterne bebten. Aber die Sense schien ihm nicht scharf genug zu sein. Er sah sich um, als suche er einen Sitz. Der Neue Turm Babel schien dem Tod zu gefallen. Er setzte sich nieder auf den Neuen Turm Babel, stemmte die Sense auf, nahm aus dem Gürtel den Wetzstein, spuckte darauf und begann, die Sense zu schleifen. Blaue Funken zuckten aus dem Stahl. Dann erhob sich der Tod und tat einen zweiten Schlag. Da stürzte ein Regen von Sternen aus dem Himmel.

Zufrieden nickte der Tod, wandte sich um und begann seinen Weg durch die große Metropolis …«


 << zurück weiter >>