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12

Es war eine Stunde nach Mitternacht.

Joh Fredersen kam zu seiner Mutter Haus.

Es war ein Bauernhaus, einstöckig, mit Stroh bedeckt, von einem alten Nußbaum überschattet, und es stand auf dem flachen Rücken eines der Steinriesen unweit vom Dom. Ein Garten voller Lilien und Malven, voll Wicken, Mohn und Kapuzinerkresse schmiegte sich rings um das Haus.

Joh Fredersens Mutter hatte nur einen Sohn, und den hatte sie sehr von Herzen geliebt. Aber der Herr über die große Metropolis, der Herr der Maschinenstadt, das Hirn im Neuen Turm Babel war ihr fremd geworden und sie ihm feindselig. Sie hatte es einmal mitansehen müssen, wie einer von Joh Fredersens Maschinentitanen Menschen zermalmte, als wären sie dürres Holz. Sie hatte zu Gott geschrien. Der hörte sie nicht. Sie fiel zu Boden und stand nie mehr auf. Nur Kopf und Hände blieben lebendig an dem gelähmten Körper. Aber die Kraft einer Heerschar loderte in ihren Augen.

Sie wehrte sich gegen den Sohn und gegen das Werk ihres Sohnes. Aber er ließ sie nicht; zwang sie zu sich. Als sie ihm zornig schwor, daß sie in ihrem Hause – unter dem Strohdach, das der Nußbaum überwölbte – leben wollte bis an den letzten Tag, pflanzte er das Haus und den Baum und den sommerbunt blühenden Garten auf das flache Dach des steinernen Häuserriesen, der zwischen dem Dom und dem Neuen Turm Babel stand. Der Nußbaum krankte ein Jahr; dann grünte er weiter. Ein Wunder an Schönheit, blühte der Garten ums Haus.

Wenn Joh Fredersen dieses Haus betrat, kam er aus schlaflosen Nächten und bösen Tagen.

Er fand seine Mutter, wie er sie immer fand: in breitem, weichem Stuhl am offenen Fenster sitzend, die dunkle Decke auf den jetzt gelähmten Knien, auf dem Schrägtisch vor ihr die starke Bibel, in den schönen Altfrauenhänden die zierliche Bildspitze, an der sie nähte; und wie immer, wenn er zu ihr kam, legte sie stumm die feine Arbeit beiseite und faltete ihre Hände fest im Schoß, als müsse sie allen Willen und jeden Gedanken für die kurzen Minuten sammeln, in denen der große Sohn bei seiner Mutter war.

Sie gaben sich nicht die Hand; das taten sie nie mehr.

»Wie geht es dir, Mutter?« fragte Joh Fredersen.

Sie sah ihn an mit den Augen, in denen die Kraft einer himmlischen Heerschar leuchtete. Sie fragte: »Was willst du, Joh?«

Er setzte sich ihr gegenüber und legte die Stirn in die Hände.

Es gab keinen Menschen in der großen Metropolis noch sonst irgendwo in der Welt, der sich hätte rühmen können, Joh Fredersen jemals mit gesenkter Stirn gesehen zu haben.

»Ich brauche deinen Rat, Mutter«, sagte er gegen die Dielen.

Die Augen der Mutter ruhten auf seinem Haar.

»Wie sollte ich dir raten, Joh? Du bist einen Weg gegangen, auf dem ich dir nicht folgen konnte, mit meinem Kopfe nicht, und ganz gewiß nicht mit meinem Herzen. Nun bist du so weit weg von mir, daß meine Stimme dich nicht mehr erreichen kann. Und wenn sie dich erreichen könnte, Joh, würdest du auf mich hören, wenn ich zu dir sagte: Kehre um? Du hast es damals nicht getan und würdest es heute nicht tun. Auch ist schon allzuviel geschehen, das sich nicht mehr ungeschehen machen läßt. Du bist an allzu vielen schuldig geworden, Joh, und bereust es nicht, sondern glaubst dich im Recht. Wie soll ich dir da raten können?«

»Es handelt sich um Freder, Mutter.«

»Um Freder?«

»Ja.«

»Was ist mit Freder?«

Joh Fredersen antwortete nicht sogleich.

Die Hände seiner Mutter zitterten sehr, und wenn Joh Fredersen aufgesehen hätte, so wäre ihm das nicht verborgen geblieben. Aber Joh Fredersens Stirn blieb auf seine Hände gesenkt.

»Ich mußte zu dir kommen, Mutter, weil Hel nicht mehr lebt.«

»Und woran ist sie gestorben?«

»Ich weiß: an mir. Du hast es mir oft und auf harte Weise klargemacht, Mutter, und du sagtest, ich hätte kochenden Wein in einen Kristall gegossen. Da mußte das schöne Glas zerspringen. Aber es reut mich nicht, Mutter. Nein, es reut mich nicht. Denn Hel war mein …«

»Und starb daran.«

»Ja. Wäre sie niemals mein geworden, vielleicht lebte sie heute noch. Lieber soll sie tot sein.«

»Das ist sie, Joh. Und Freder ist ihr Sohn.«

»Was willst du damit sagen, Mutter?«

»Wenn du es nicht genausogut wüßtest wie ich, Joh, dann wärst du wohl nicht heute zu mir gekommen.«

Joh Fredersen schwieg. Durch das geöffnete Fenster klang das Rauschen des Nußbaums als ein träumerischer und ergreifender Laut.

»Freder kommt oft zu dir, Mutter, nicht wahr?« fragte Joh Fredersen.

»Ja.«

»Er sucht Hilfe bei dir gegen mich.«

»Er hat sie wohl nötig, Joh.«

Schweigen. Dann hob Joh Fredersen den Kopf. Seine Augen sahen aus wie mit Purpur gesprenkelt.

»Ich habe Hel verloren, Mutter«, sagte er. »Freder darf mir nicht verlorengehen.«

»Mußt du denn fürchten, daß du ihn verlierst?«

»Ja.«

»Dann wundert es mich«, sagte die alte Frau, »daß Freder nicht noch vorher den Weg zu mir gefunden hat.«

»Er ist sehr krank, Mutter.«

Die alte Frau machte eine Bewegung, als wollte sie sich erheben, und in ihre Erzengelaugen kam ein zorniger Glanz.

»Als er vor kurzem bei mir war«, meinte sie, »war er gesund wie ein blühender Baum. Woran ist er krank geworden?«

Joh Fredersen stand auf und begann im Zimmer hin und her zu gehen. Er spürte den Duft der Blumen, der vom Garten durch die Fenster strömte, als etwas Schmerzerregendes, das ihm die Stirn in Falten riß.

»Ich weiß nicht«, sagte er plötzlich, ganz unvermittelt, »wie dieses Mädchen in sein Leben treten konnte. Ich weiß nicht, wie sie die ungeheure Macht über ihn gewann. Aber ich habe aus seinem eigenen Mund gehört, wie er zu ihr sagte: ›Mein Vater hat keinen Sohn mehr, Maria‹ …«

»Freder lügt nicht, Joh. Also hast du ihn schon verloren.«

Joh Fredersen antwortete nicht. Er dachte an Rotwang. Der hatte die gleichen Worte zu ihm gesagt.

»Bist du um dieser Sache willen zu mir gekommen, Joh?« fragte seine Mutter. »Dann hättest du dir den Weg sparen können. Freder ist der Sohn der Hel, ja. Das heißt, er hat ein weiches Herz. Aber er ist auch der deine, Joh. Das heißt, er hat einen Schädel aus Stahl. Du weißt am besten, Joh, wieviel Hartnäckigkeit der Mann aufbringen kann, um zu der Frau zu gelangen, die er will.«

»Das kannst du nicht vergleichen, Mutter. Freder ist fast noch ein Knabe. Als ich Hel zu mir holte, war ich ein Mann, und ich wußte, was ich tat. Hel war mir nötiger als die Luft zum Atmen. Ich konnte Hel nicht entbehren, Mutter. Ich hätte sie Gott selber aus den Armen gestohlen.«

»Gott kannst du nichts stehlen, Joh; aber den Menschen. Das hast du getan. Du bist schuldig geworden, Joh. Du bist an deinem Freund schuldig geworden. Denn Hel hat Rotwang geliebt, und du hast sie gezwungen.«

»Als sie starb, Mutter, hat sie mich geliebt.«

»Ja. Als sie erkannte, daß auch du ein Mensch warst. Als dein Kopf auf den Boden schlug und du nach ihr schriest. Aber glaubst du, Joh, daß dieses eine Lächeln in ihrer Todesstunde alles aufwiegt, woran sie neben dir gestorben ist?«

»Laß mir den Glauben, Mutter.«

»Es ist Aberglaube.«

Joh Fredersen sah seine Mutter an.

»Ich möchte wohl wissen«, sagte er mit verdunkelter Stimme, »womit du deine Härte gegen mich nährst, Mutter!«

»Mit meiner Angst um dich, Joh, mit meiner Angst!«

»Du brauchst um mich keine Angst zu haben, Mutter.«

»O doch, Joh, o doch! Deine Schuld geht dir nach wie ein Hund auf der Fährte. Sie verliert deine Spur nicht, Joh, sie bleibt dir immer im Rücken! Ein Freund ist vor dem Freunde waffenlos; er hat keinen Schild vor der Brust, keinen Panzer vor dem Herzen. Ein Freund, der dem Freunde glaubt, ist ein wehrloser Mensch. Einen wehrlosen Menschen hast du verraten, Joh.«

»Ich habe die Schuld bezahlt, Mutter. Hel ist tot. Jetzt habe ich nur noch Freder. Er ist ihr Vermächtnis. Hels Vermächtnis gebe ich nicht her. Ich bin zu dir gekommen, um dich zu bitten, Mutter: hilf mir, Freder wiederzugewinnen.«

Die Augen der alten Frau waren strahlend auf ihn gerichtet.

»Was hast du mir damals zur Antwort gegeben, Joh, als ich dich hemmen wollte auf deinem Weg zu Hel?«

»Ich weiß es nicht mehr.«

»Aber ich weiß es noch, Joh! Ich weiß jede Silbe noch. Du sagtest: ›Ich höre kein Wort, das du sprichst, ich höre nur: ›Hel!‹ Wenn man mich [blendete], ich sähe Hel doch! Wenn man mich lähmte, mit gelähmten Füßen fände ich doch den Weg zu Hel!‹ Freder ist dein Sohn. Was glaubst du, Joh, daß er mir antworten würde, wenn ich ihm sagte: Laß von dem Mädchen, das du liebst?«

Joh Fredersen schwieg.

»Nimm dich in acht, Joh!« sagte die alte Mutter. »Ich weiß, was das heißt, wenn deine Augen kalt werden wie jetzt und wenn du blaß wirst wie ein Stein in der Mauer. Du hast vergessen, daß Liebende heilig sind. Auch wenn sie sich irren, Joh; selbst ihr Irrtum ist heilig. Auch wenn sie Narren sind, Joh; selbst ihre Narrheit ist heilig. Denn wo Liebende sind, ist der Garten Gottes, und niemand hat das Recht, sie daraus zu vertreiben. Nicht einmal Gott. Nur ihre eigene Schuld.«

»Ich muß meinen Sohn wiederhaben«, sagte Joh Fredersen. »Ich hoffte, daß du mir dabei helfen würdest, und du wärst gewiß das sanfteste Mittel, das ich dazu hätte wählen können. Aber du willst nicht, und nun muß ich nach anderen Mitteln suchen.«

»Freder ist krank, wie du sagst …«

»Er wird wieder gesund werden.«

»Du willst also weitergehen auf deinem Weg?«

»Ja.«

»Ich glaube, Joh, Hel würde weinen, wenn sie dich sprechen hörte!«

»Vielleicht. Aber Hel ist tot.«

»Nun, dann komm her zu mir, Joh! Ich will dir auf deinen Weg ein Wort mitgeben, das du nicht vergessen kannst. Es ist leicht zu behalten.«

Joh Fredersen zögerte. Doch trat er neben die Mutter. Sie legte die Hand auf die Bibel, die vor ihr lag. Ihr Finger deutete. Joh Fredersen las: Denn was der Mensch säet, das wird er ernten …

Joh Fredersen wandte sich ab. Er ging durch das Zimmer. Die Augen seiner Mutter folgten ihm. Als er sich unvermutet zu ihr wandte, heftig und ein heftiges Wort auf den Lippen, fand er den Blick ihrer Augen auf sich gerichtet. Sie konnten sich nicht mehr verbergen und wollten es auch nicht und zeigten in ihrer von Tränen gewaschenen Tiefe solch eine allmächtige Liebe, daß Joh Fredersen glaubte, er sähe seine Mutter zum ersten Mal.

Sie sahen sich an und blieben lange stumm.

Dann trat der Mann auf seine Mutter zu.

»Nun gehe ich, Mutter«, sagte er. »Und ich glaube, ich werde nie mehr zu dir kommen.«

Sie gab keine Antwort.

Es war, als wollte er ihr die Hand hinstrecken, doch auf halbem Weg ließ er sie wieder sinken.

»Um wen weinst du, Mutter?« fragte er. »Um Freder oder um mich?«

»Um euch beide«, sagte die Mutter, »um euch beide, Joh.«

Er stand und schwieg, und der Kampf seines Herzens war in seinem Gesicht. Dann, ohne die Mutter noch einmal anzusehen, wandte er sich um und ging aus dem Haus, über dem der Nußbaum rauschte.


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