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Maria fühlte etwas, das an ihren Füßen leckte wie die Zunge eines großen, sanften Hundes. Sie bückte sich, tastete nach dem Kopf des Tieres und fühlte, daß es Wasser war, in das sie griff.
Wo kam das Wasser her? Es kam ganz lautlos. Es plätscherte nicht. Es schlug auch keine Wellen. Es stieg nur, ohne Eile, doch beharrlich. Es war nicht kälter als die Luft ringsum. Es tastete nach den Fußgelenken Marias.
Sie riß ihre Füße zurück. Sie saß gekauert und zitterte und horchte auf das Wasser, das nicht zu hören war.
Wo kam es her?
Es hieß, tief unter der Stadt hin wandere ein Strom. Joh Fredersen hatte ihm den Weg gemauert, als er den Arbeitern von Metropolis die unterirdische Weltwunderstadt erbaute. Es hieß auch, daß der Strom ein gewaltiges Staubecken speise und daß da ein Pumpwerk sei mit neuen Pumpen, die stark genug waren, das Staubecken, in dem eine mittelgroße Stadt Platz hatte, in weniger als zehn Stunden bis auf den Grund zu leeren oder zu füllen. Gewiß war, daß in der unterirdischen Arbeiterstadt das Pochen dieses Pumpwerks als ein leiser, nie unterbrochener Pulsschlag ständig zu hören war, wenn man den Kopf an eine Mauer legte – und daß, wenn dieser Pulsschlag einmal schwieg, kein anderes Deuten möglich war, als daß die Pumpen standen, und dann stieg der Strom.
Aber sie hatten noch nie gestanden.
Und jetzt? Wo kam das lautlose Wasser her? Stieg es noch immer? Sie beugte sich vor und brauchte die Hand gar nicht sehr tief zu senken, um an die kühle Stirn des Wassers zu rühren.
Nun fühlte sie auch, daß es rann. Es nahm seinen Weg mit großer Zielsicherheit in bestimmter Richtung. Es nahm seinen Weg nach der unterirdischen Stadt.
Alte Bücher berichten von heiligen Frauen, deren Lächeln im Augenblick, da sie sich bereiteten, die Märtyrerkrone zu verdienen, von solcher Süße war, daß die Folterknechte ihnen zu Füßen fielen und verstockte Heiden den Namen Gottes lobpriesen.
Aber das Lächeln Marias war vielleicht noch von süßerer Art. Denn sie dachte, als sie sich anschickte, dem Weg des lautlosen Wassers zuvorzukommen, nicht an die Krone der ewigen Seligkeit, sondern allein an den Tod und an den Mann, den sie liebte.
Ja – nun schien das Wasser doch schauerlich kühl, als ihre schmalen Füße untertauchten, und es rauschte, als sie darin vorwärtslief. Es hängte sich saugend im Saum ihres Kleides fest und machte das Schreiten schwer und immer schwerer. Aber das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, daß das Wasser auch eine Stimme bekam.
Das Wasser sprach: Weißt du nicht, schöne Maria, daß ich schneller bin als die schnellsten Füße? Deine süßen Knöchel streichle ich. Bald will ich nach deinen Knien greifen. Nie hat ein Mensch deine zärtlichen Hüften umspannt. Aber ich will es tun, bevor du noch tausend Schritte gezählt hast. Und ich weiß nicht, schöne Maria, ob du dein Ziel erreichst, ehe du mir deine Brüste weigern kannst …
Schöne Maria, der Jüngste Tag ist da! Tausendjährige Tote macht er lebendig. Wisse, ich habe sie aus den Nischen geschwemmt, und die Toten schwimmen hinter dir drein! Sieh dich nicht um, Maria, sieh dich nicht um! Denn zwei Gerippe zanken sich um den Schädel, der zwischen ihnen schwankt und sich dreht und grinst. Und ein drittes, dem wirklich der Schädel gehört, bäumt sich erbost in mir auf und stürzt über beide …
Schöne Maria, wie süß deine Hüften sind … Soll der Mann, den du liebst, das nie erfahren? Schöne Maria, höre, was ich dir sage: Nur ein wenig seitwärts von diesem Weg führt eine Treppe steilan in die Freiheit … Deine Knie zittern, wie süß das ist! Glaubst du, deine Schwäche zu besiegen, wenn du deine armen Hände faltest? Du rufst Gott an, aber glaube mir: Gott hört dich nicht! Seit ich als die große Sintflut über die Erde kam, um bis auf Noahs Haus alles Seiende zu verderben, ist Gott für den Schrei seiner Kreaturen taub. Oder meinst du, ich hätte vergessen, wie damals die Mütter schrien? Ist dein Gewissen verantwortungsreicher als das Gewissen Gottes? Kehre um, schöne Maria, kehre um!
Nun machst du mich böse, Maria – nun will ich dich töten! Was wirfst du die heißen Salztropfen in mich hinab? Deine Brust umklammere ich, aber sie rührt mich nicht mehr. Deinen Hals will ich haben und deinen keuchenden Mund! Dein Haar will ich haben und deine weinenden Augen!
Glaubst du, du wirst mir entkommen? Nein, schöne Maria! Nein, nun hole ich dich mit tausend andern, mit all den Tausend, die du retten wolltest …
Sie hob den triefenden Leib aus dem Wasser. Sie kroch über Steinplatten aufwärts; sie fand die Tür. Sie stieß sie auf und warf sie hinter sich zu und spähte, ob schon an der Schwelle das Wasser leckte.
Noch nicht … Aber wie lange noch?
Sie sah keinen Menschen, so weit ihre Blicke reichten. Die Straßen, die Plätze lagen wie ausgestorben, vom weißen Licht aus Röhrenlampen gebadet. Aber täuschte sie sich – oder wurde das weiße Licht von Sekunde zu Sekunde schwächer und gelblicher?
Ein Stoß, der sie gegen die nächste Mauer warf, fuhr durch den Grund der Erde. Die Eisentür, durch die sie herausgekommen war, flog klaffend aus den Riegeln, und schwarz und lautlos schlüpfte das Wasser über die Schwelle.
Maria raffte sich auf. Sie schrie aus voller Kehle: »Das Wasser kommt!«
Sie rannte über den Platz; sie rief nach der Wache, die, in ununterbrochenem Dienst, bei Gefahren jeglicher Art das Alarmzeichen durch die Sirenen zu geben hatte.
Die Wache fehlte.
Eine wütende Zuckung der Erde riß dem Mädchen die Füße unter dem Leib weg und schleuderte es zu Boden. Sie hob sich auf die Knie und streckte die Hände hoch, um selbst die Sirenen zum Heulen zu bringen. Aber der Laut, der aus den metallenen Kehlen brach, war nur ein Winseln, wie eines Hundes Winseln, und immer bleicher und gelber wurde das Licht.
Als ein dunkles, kriechendes Tier, das sich nicht beeilte, wand sich das Wasser über die glatte Straße.
Doch nun war das Wasser nicht allein auf der Straße. Mitten in einer rätselhaften und tief ängstigenden Einsamkeit stand da plötzlich ein kleines, halbnacktes Kind und starrte mit Augen, die noch ein Traum vor dem allzu Wirklichen schützte, auf das Tier – auf das dunkle, kriechende Tier, das nach seinen nackten, kleinen Füßen leckte.
Mit einem Aufschrei, in dem sich Not und Erlösung zu gleichen Teilen mischten, stürzte Maria auf das Kind los und hob es hoch in ihren Armen.
»Ist hier kein Mensch als du, Kind?« fragte sie mit einem jähen Schluchzen. »Wo ist dein Vater?«
»Fort …«
»Wo ist deine Mutter?«
»Fort …«
Maria begriff nichts. Seit ihrer Flucht aus dem Hause Rotwangs war sie von Schrecknis zu Schrecknis geschleudert worden, ohne auch nur eines davon zu begreifen. Noch hielt sie das Knirschen der Erde, die zuckenden Stöße, das Dröhnen unerhörter zerreißender Donner, das Wasser, das aus zerfetzten Tiefen quoll, für Wirkungen entfesselter Elemente. Doch sie faßte es nicht, daß es Mütter gab, die sich nicht wie ein Wall vor ihre Kinder warfen, wenn die Erde ihren Schoßgrund auftat, um das Grauen in die Welt zu gebären.
Nur – das Wasser, das näher und näher herankroch, die Stöße, von denen die Erde gefoltert wurde, das Licht, das bleicher und immer bleicher wurde, ließen ihr keine Zeit zum Überlegen. Das Kind in den Armen, lief sie von Haus zu Haus und rief nach den andern, die sich verkrochen hatten.
Da kamen sie, stolpernd und weinend, und kamen in Scharen, graubleiche Gespenster, als wären sie Kinder von Steinen, glutlos gezeugt und widerwillig geboren. Kleinen Toten glichen sie in ärmlichen Totenhemdchen, von der Stimme des Engels am Jüngsten Tag wachgerufen, aus aufgesprengten Gräbern steigend. Sie scharten sich um Maria und schrien, weil das Wasser, das kühle Wasser, nach ihren Füßen leckte.
Maria rief – und konnte fast nicht mehr rufen. Ihre Stimme hatte den Schrei der Vogelmütter, die über der Brut den geflügelten Tod erkennen. Sie watete zwischen Kinderleibern einher, zehn an den Händen, am Kleid, die andern in enger Gefolgschaft, mitgeschoben, mitgerissen vom Strom. Bald waren die Straßen ein Wogen von Kinderköpfen, darüber wie Möwen die blassen, erhobenen Hände irrten. Und das Rufen Marias ging unter im Kinderweinen und im Gelächter des mächtigen nachdrängenden Wassers.
Rötlich wurde das Licht in den Röhrenlampen und flackerte rhythmisch und warf gespenstische Schatten. Die Straße hob sich. Da war der Sammelplatz. Aber die ungeheuren Förderzüge hingen tot in den Strängen. Seile, aus Seilen gedreht – metallene Seile, dick wie ein Männerschenkel, hingen zersprengt in der Luft. Aus einer geborstenen Röhre quoll in trägen Rinnen schwärzliches Öl. Und über allem war ein trockener Dunst wie von erhitztem Eisen und glühenden Steinen.
Tief im Dunkel ferner Gänge wurde die Finsternis bräunlich. Da schwelte ein Brand …
»Hinauf!« raunten die trockenen Lippen Marias. Aber sie vermochte das Wort nicht zu sprechen. Eine gewundene Treppe führte nach oben, schmal, denn nie benutzte ein Mensch die Treppe neben den sicher wandernden Förderzügen. Maria drängte die Kinder die Stufen hinauf; aber da oben herrschte die Finsternis mit einer undurchdringlichen Last und Dichtheit. Keines der Kinder wagte den Aufstieg allein.
Maria klomm hinauf. Sie zählte die Stufen. Wie ein Rauschen von tausend Flügeln kam das Geräusch der Kinderfüße ihr nach in der schmalen Windung. Sie wußte nicht, wie lange sie kletternd stieg. In ihr feuchtes Kleid verkrampften sich zahllose Hände. Lasten schleppte sie und betete stöhnend – betete nur um Kraft für noch eine Stunde.
»Weint nicht, kleine Brüder!« stammelte sie. »Meine kleinen Schwestern, bitte, weint nicht!«
Kinder schrien in der Tiefe auf – und die hundert Windungen der Treppe gaben jedem Schrei die Posaune des Echos: »Mutter! Mutter!«
Und wieder: »Das Wasser kommt!«
Liegenbleiben, auf halber Treppe? Nein!
»Kleine Schwestern! Kleine Brüder – kommt doch!«
Höher – immer höher hinauf; dann, endlich, ein breiterer Absatz. Graulicht von oben. Ein gemauerter Raum; noch nicht die Oberwelt, aber der Vorhof zu ihr. Eine kurze, gerade Treppe, darauf ein Lichtkeil fiel. Als Mündung eine Falltür, die nach innen gedrückt schien. Zwischen Tür und dem Mauerviereck ein Spalt, schmal wie der Leib einer Katze.
Maria sah das. Sie wußte nicht, was es bedeutete. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, daß da etwas nicht so war, wie es sein sollte. Aber sie wollte nicht darüber nachdenken. Mit einer fast ungestümen Bewegung befreite sie ihre Hände, ihr Kleid aus den zerrenden Fingern der Kinder und hetzte, weit mehr durch ihren wilden Willen als ihre tauben Füße vorwärtsgeworfen, durch den leeren Raum und die steile Treppe hinauf.
Sie reckte die Hände und versuchte, die eingedrückte Tür zu heben. Die rührte sich nicht. Zum zweiten Male. Nichts. Kopf, Arme, Schultern pressend, Hüften und Knie eingestemmt, als ob die Sehnen zerreißen sollten. Nichts. Die Tür wich nicht um Haaresbreite. Hätte ein Kind versucht, den Dom vom Platze zu rücken, es hätte nicht törichter noch erfolgloser handeln können.
Denn über der Tür, die allein aus der Tiefe führte, türmten sich häuserhoch die Leichen der toten Maschinen, die, als der Wahnsinn in Metropolis einbrach, das furchtbare Spielzeug der Masse gewesen waren. Zug um Zug, mit leer hindonnernden Wagen, alle Lichter brennend und mit voller Kraft, hatten sie sich, gepeitscht vom Grölen der Masse, über die Schienen gewälzt, sich ineinander verbissen, ineinander verwühlt und hochgestapelt, hatten gebrannt und waren halb geschmolzen, schwelten noch und waren ein Klumpen Vernichtung. Und eine einzige Lampe, unversehrt geblieben, warf den Keil ihres scharfen und beizenden Lichts von der Stahlbrust der letzten Maschine über das Chaos.
Aber von all dem wußte Maria nichts. Sie brauchte es nicht zu wissen. Ihr genügte, daß die Tür, die der einzige Retter war für sie und die Kinder, die sie retten wollte, unerbittlich, unerschütterlich blieb, daß sie zuletzt mit blutenden Händen und Schultern, mit zermartertem Kopf und von Taubheit gelähmten Füßen sich in das Unbegriffene, Mordende fügen mußte.
Sie hob das Gesicht zu dem Lichtschein, der auf sie fiel. Die Worte eines kleinen Kindergebetes gingen ihr durch den Sinn, doch schon nicht mehr deutlich. Sie senkte den Kopf und setzte sich auf die Stufen.
Lautlos, durch etwas gebannt, das sehr nahe über ihnen war, ohne daß sie es verstanden, blieben die Kinder dicht aneinander gedrängt.
»Kleine Brüder, kleine Schwestern«, sagte Marias Stimme mit großer Zärtlichkeit, »könnt ihr verstehen, was ich sage?«
»Ja«, kam das Hauchen der Kinder zu ihr hinauf.
»Die Tür ist zu. Wir müssen ein wenig warten … Es wird schon jemand kommen, der uns aufmacht. Wollt ihr geduldig sein und euch nicht fürchten?«
»Ja«, klang die Antwort zurück wie ein Seufzen.
»Setzt euch, so gut ihr könnt.«
Die Kinder gehorchten.
»Ich will euch ein Märchen erzählen«, sagte Maria.