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Es gab ein Haus in der großen Metropolis, das war älter als die Stadt. Viele sagten, daß es älter sei als selbst der Dom, und bevor der Erzengel Michael noch seine Stimme als Rufer im Streite für Gott erhob, stand das Haus in seiner bösen Düsterkeit und trotzte den Dom aus trüben Augen an.

Es hatte die Zeit des Rauchs und des Rußes durchlebt. Jedwedes Jahr, das über die Stadt hinging, schien sich im Sterben in dieses Haus zu verkriechen, so daß es zuletzt ein Friedhof der Jahre war, ein Sarg, gefüllt mit toten Jahrzehnten.

Ins schwarze Holz der Tür eingedrückt stand kupferrot, geheimnisvoll, das Siegel Salomonis, das Pentagramm.

Es hieß, ein Magier, der aus dem Morgenlande gekommen war (in den Spuren seiner roten Schuhe wanderte die Pest), habe das Haus in sieben Nächten gebaut. Aber die Maurer und Zimmerleute der Stadt wußten nicht, wer die Steine gemörtelt oder das Dach errichtet hatte. Kein Meisterspruch und kein gebänderter Strauß hatten nach frommem Brauch das Richtfest geheiligt. Die Chronik der Stadt berichtete nichts davon, wann der Magier gestorben war und wie. Eines Tages fiel es den Bürgern befremdlich auf, daß die roten Schuhe des Magiers so lange schon das abscheuliche Pflaster der Stadt gemieden hatten. Man drang in das Haus ein und fand keine lebende Seele darin. Doch schienen die Räume, die weder bei Tag noch bei Nacht von den großen Lichtern des Himmels ein Strahlen empfingen, in Schlaf versenkt auf ihren Meister zu warten. Pergamente und Folianten lagen aufgeschlagen, mit Staub bedeckt wie mit silbergrauem Samt.

In alle Türen eingedrückt stand kupferrot, geheimnisvoll, das Siegel Salomonis, das Pentagramm.

Dann kam eine Zeit, die Altes niederriß. Da wurde der Spruch gefällt: Das Haus muß sterben! Aber das Haus war stärker als der Spruch, wie es stärker war als die Jahrhunderte. Es erschlug die Menschen, die Hand an seine Mauern legten, mit jählings niederbrechenden Steinen. Es öffnete den Boden unter ihren Füßen und riß sie in einen Schacht hinunter, von dem kein Mensch zuvor ein Wissen gehabt hatte. Es war, als hocke die Pest, die einst den roten Schuhen des Magiers nachgewandert war, noch in den Winkeln des schmalen Hauses und spränge den Menschen von rückwärts ins Genick. Sie starben, und kein Arzt erkannte die Krankheit. Es wehrte sich das Haus so hart und mit so großer Gewalt gegen seine Zerstörung, daß der Ruf seiner Bosheit über die Grenzen der Stadt weit ins Land hinaus ging und sich zuletzt kein redlicher Mann mehr fand, der es gewagt hätte, den Kampf mit ihm aufzunehmen. Ja, selbst die Diebe und Schelme, denen man Erlaß der Strafe versprach, falls sie sich bereit erklärten, das Haus des Magiers niederzureißen, wollten lieber an den Pranger oder selbst auf die Richtstätte hinaus, als in die Gewalt dieser hämischen Mauern, dieser klinkenlosen Türen, die mit dem Siegel Salomonis versiegelt waren.

Die kleine Stadt um den Dom wurde zur großen Stadt und wuchs zur Metropolis und zum Zentrum der Welt.

Da kam eines Tages ein Mann von fernher in die Stadt, der sah das Haus und sagte: »Das will ich haben.«

Man weihte ihn in die Geschichte des Hauses ein. Er lächelte nicht. Er bestand auf seinem Vorsatz. Er kaufte das Haus um sehr geringen Preis, bezog es sogleich und ließ es unverändert.

Der Mann hieß Rotwang. Wenige kannten ihn. Nur Joh Fredersen kannte den Mann sehr gut. Er hätte sich leichter entschlossen, den Kampf um den Dom mit der Sekte der Gotiker auszufechten, als mit Rotwang den Kampf um das Haus des Magiers.

Es gab in Metropolis, in dieser Stadt sinnvoller und geregelter Eile, sehr viele Menschen, die lieber einen weiten Umweg machten, als daß sie am Hause Rotwangs vorübergingen. Es reichte den Häuserriesen, die neben ihm lagen, bis kaum zu den Knien. Es stand schief ab von der Straße. Es war für die reine Stadt, die nicht Rauch noch Ruß mehr kannte, ein Fleck und ein Ärgernis. Aber es blieb bestehen. Wenn Rotwang, was selten geschah, das Haus verließ und über die Straße ging, so gab es viele, die heimlicherweise nach seinen Füßen sahen, ob er vielleicht in roten Schuhen schritt.

Vor der Tür dieses Hauses, an der das Siegel Salomonis glühte, stand Joh Fredersen, Herr über Metropolis.

Er hatte den Wagen fortgeschickt und klopfte.

Er wartete und klopfte wieder.

Eine Stimme fragte, als spräche das Haus im Schlaf: »Wer ist da?«

»Joh Fredersen«, sagte der Mann.

Die Tür ging auf.

Er trat ein. Die Tür ging zu. Er stand im Dunkeln. Aber Joh Fredersen kannte das Haus genau. Er ging geradeaus, und wie er ging, leuchteten vor ihm auf den Fliesen des Ganges zwei Schimmerspuren schreitender Füße auf, und der Rand einer Treppenstufe begann zu glühen. Wie ein fährtenweisender Hund lief das Glühen vor ihm her die Treppe hinauf, um hinter ihm zu erlöschen.

Er erreichte das Ende der Treppe und sah sich um. Er wußte, hier mündeten viele Türen. Aber an der, die ihm gegenüberlag, glühte das kupferne Siegel wie ein verzerrtes Auge, das ihn ansah.

Er trat darauf zu. Die Tür ging vor ihm auf.

So viele Türen das Haus von Rotwang auch besaß, war dies doch die einzige, die sich für Joh Fredersen öffnete, obwohl – und vielleicht sogar, weil der Besitzer dieses Hauses sehr genau wußte, daß es für Joh Fredersen jedesmal eine nicht geringe Überwindung bedeutete, diese Schwelle zu überschreiten.

Mit einem scharfen Laut schnappte hinter ihm die Tür ins Schloß.

Er sog die Luft des Raumes zögernd und doch tief in sich ein, als suche er in ihr den Hauch eines anderen Atems.

Seine gleichgültige Hand warf den Hut auf einen Stuhl. Langsam, in einer plötzlichen und traurigen Müdigkeit, wanderten seine Augen durch das Zimmer.

Es war fast leer. Ein großer, von der Zeit geschwärzter Stuhl, wie sie in alten Kirchen zu finden sind, stand vor einem geschlossenen Vorhang. Dieser Vorhang verbarg eine Nische, so breit wie die Wand.

Joh Fredersen blieb eine Zeit nahe der Tür stehen, ohne sich zu rühren. Er hatte die Augen geschlossen. Mit einer Qual ohnegleichen, mit einer Ohnmacht ohnegleichen atmete er den Duft von Hyazinthen ein, der die unbewegliche Luft dieses Raumes zu erfüllen schien.

Und ohne die Augen zu öffnen, ein wenig schwankend, aber doch zielsicher, ging er auf den schweren, schwarzen Vorhang zu und zog ihn auseinander.

Dann tat er die Augen auf und stand ganz still.

Auf mauerbreitem Sockel ruhte der steinerne Kopf einer Frau.

Es war nicht das Werk eines Künstlers, es war das Werk eines Mannes, der in Qualen, für die der menschlichen Sprache die Worte fehlen, mit dem weißen Stein unmeßbare Tage und Nächte hindurch gerungen hatte, bis es schien, als habe der weiße Stein nun endlich begriffen und bilde die Form des Frauenkopfes von selbst. Es war, als sei hier kein Werkzeug am Werk gewesen – nein, als hätte ein Mensch, unaufhörlich mit aller Kraft, mit aller Sehnsucht, mit aller Verzweiflung seines Hirnes, Blutes und Herzens vor diesem Stein liegend, die Frau bei Namen gerufen, bis der ungeformte Stein sich seiner erbarmte und aus sich selbst heraus das Bild der Frau entstehen ließ, die für zwei Menschen den ganzen Himmel und die ganze Hölle bedeutet hatte.

Die Augen Joh Fredersens senkten sich auf die Worte, die roh, wie unter Flüchen gemeißelt, in dem Sockel eingegraben standen.

 

Hel.
Geboren
mir zum Glück, allen Menschen zum Segen.
Verloren
an Joh Fredersen.
Gestorben,
als sie seinem Sohne Freder das Leben schenkte.

 

Ja, damals starb sie. Aber Joh Fredersen wußte nur zu gut, daß sie nicht an der Geburt ihres Kindes gestorben war. Sie starb daran, weil sie getan hatte, was sie tun mußte. Sie starb in Wahrheit schon an dem Tag, an dem sie von Rotwang zu Joh Fredersen ging und sich wunderte, daß ihre Füße auf diesem Weg keine blutigen Spuren hinterließen. Sie starb, weil sie der großen Liebe Joh Fredersens nicht hatte widerstehen können und weil sie von ihm gezwungen worden war, einem anderen das Leben mitten auseinanderzureißen.

Nie war auf dem Gesicht eines Menschen der Ausdruck endlicher Erlöstheit stärker gewesen als auf dem Gesicht der Hel, als sie wußte, daß sie sterben würde.

Aber in der gleichen Stunde hatte der mächtigste Mann von Metropolis am Boden gelegen und geschrien wie ein wildes Tier, dem bei lebendigem Leibe die Glieder zerbrochen werden.

Und als er, viele Wochen später, Rotwang begegnete, fand er das verwilderte und dichte Haar über der wundervollen Stirn des Erfinders schlohweiß und in den Augen unter dieser Stirn das Schwelen eines Hasses, der sehr nahe verwandt mit dem Wahnsinn war.

In dieser großen Liebe, in diesem großen Haß war die arme, tote Hel für beide Männer lebendig geblieben.

»Du mußt ein Weilchen warten«, sagte die Stimme, die klang, als spräche das Haus aus dem Schlaf.

»Höre, Rotwang«, sagte Joh Fredersen, »du weißt, daß ich Geduld mit deinen Taschenspielereien habe und daß ich zu dir komme, wenn ich etwas von dir will, und daß du der einzige Mensch bist, der dies von sich sagen kann. Aber du wirst mich nie dazu bringen, mitzuspielen, wenn du den Narren spielst. Auch weißt du, daß ich nicht Zeit zu verschwenden habe. Mach uns beide nicht lächerlich, sondern komm!«

»Ich habe dir gesagt, daß du warten sollst«, erklärte die Stimme und schien sich zu entfernen.

»Ich werde nicht warten, sondern gehen.«

»Tu das, Joh Fredersen!«

Er wollte es tun. Aber die Tür, durch die er eingetreten war, hatte nicht Schlüssel, nicht Klinke. Das kupferrot glühende Siegel Salomonis blinzelte ihn an.

Eine leise, ferne Stimme lachte.

Joh Fredersen war stehengeblieben, den Rücken zum Zimmer gewandt. Über diesen Rücken ging ein Rieseln und lief an den hängenden Armen entlang zu den geballten Fäusten nieder.

»Man müßte dir den Schädel einschlagen«, sagte Joh Fredersen sehr leise. »Man müßte dir den Schädel einschlagen, wenn er nicht ein so kostbares Gehirn enthielte.«

»Du kannst mir nicht mehr antun, als du mir schon angetan hast«, sagte die ferne Stimme.

Joh Fredersen schwieg.

»Oder was glaubst du«, fuhr die ferne Stimme fort, »daß schmerzhafter ist: den Schädel einschlagen – oder das Herz aus dem Leibe reißen?«

Joh Fredersen schwieg.

»Ist dir der Witz erfroren, daß du nicht antwortest, Joh Fredersen?«

»Ein Hirn wie das deine müßte vergessen können«, sagte der Mann an der Tür, auf das Siegel Salomonis starrend.

Die leise, ferne Stimme lachte.

»Vergessen? Ich habe zweimal im Leben etwas vergessen. Einmal, daß Ätro-Öl und Quecksilber eine Idiosynkrasie gegeneinander haben; das kostete mich den Arm. Zweitens, daß Hel ein Weib war und du ein Mann; das kostete mich das Herz. Das dritte Mal, fürchte ich, würde es den Kopf kosten. Ich werde nie mehr etwas vergessen, Joh Fredersen!«

Joh Fredersen schwieg.

Auch die ferne Stimme schwieg.

Joh Fredersen wandte sich um und trat an den Tisch. Er stapelte Bücher und Pergamente übereinander, setzte sich und nahm ein Papier aus der Tasche. Er legte es vor sich hin und betrachtete es.

Es war nicht größer als die Hand eines Mannes, zeigte nicht Druck noch Schrift, war über und über mit der Zeichnung eines sonderbaren Symbols und halb zerstört erscheinenden Planes bedeckt. Wege schienen vermerkt, die Irrwegen glichen, aber alle zu einem Ziele führten: einer Stätte, die mit Kreuzen gefüllt war.

Plötzlich fühlte er, wie sich ihm vom Rücken eine sanfte, aber bestimmte Kälte näherte. Unwillkürlich hielt er den Atem an.

An seinem Kopf vorüber griff eine Hand, eine zierliche Knochenhand. Durchsichtige Haut umspannte die schmalen Gelenke, die unter ihr wie mattes Silber schimmerten. Finger, schneeweiß und fleischlos, schlossen sich um den Plan, der auf dem Tisch lag, hoben ihn auf und nahmen ihn mit sich fort.

Joh Fredersen fuhr herum. Er stierte das Wesen, das vor ihm stand, mit Augen an, die sich verglasten.

Das Wesen war ein Weib, unzweifelhaft. In dem zarten Gewande, das es trug, stand ein Leib wie der Leib einer jungen Birke, auf geschlossenen Füßen wankend. Aber obwohl es ein Weib war, war es kein Mensch. Wie aus Kristall gemacht erschien der Körper, den die Gebeine silbern durchleuchteten. Kälte strömte aus von der gläsernen Haut, die nicht einen Tropfen Blut verwahrte. Die schönen Hände hielt das Wesen mit einer Gebärde der Entschlossenheit, beinahe des Trotzes, gegen die Brust gedrückt, die sich nicht regte.

Aber das Wesen hatte kein Gesicht. Die edle Biegung des Halses trug einen Klumpen lässig geformter Masse. Der Schädel war kahl, Nase, Lippen, Schläfen nur angedeutet. Augen, wie auf geschlossene Lider gemalt, starrten blicklos mit dem Ausdruck eines stillen Wahnsinns auf den nicht atmenden Mann.

»Sei höflich, meine schöne Parodie«, sagte die ferne Stimme, die klang, als spräche das Haus aus dem Schlaf. »Grüße Joh Fredersen, den Herrn über die große Metropolis!«

Das Wesen verneigte sich langsam vor dem Mann. Die wahnsinnigen Augen näherten sich ihm wie zwei Stichflammen. Der Klumpenkopf begann zu sprechen; er sagte mit einer Stimme voll entsetzlicher Zärtlichkeit:

»Guten Abend, Joh Fredersen …«

Und diese Worte waren schwerer an Lockung als ein halb geöffneter Mund.

»Gut, meine Perle! Gut, mein Krongeschmeide!« sagte die ferne Stimme voller Lob und Stolz.

Aber im selben Augenblick verlor das Wesen das Gleichgewicht. Es stürzte, vornüberfallend, gegen Joh Fredersen. Der streckte die Hände aus, es aufzufangen, und fühlte sie im Augenblick der Berührung verbrannt von einer unerträglichen Kälte, deren Brutalität in ihm ein Gefühl des Zornes und des Ekels auslöste.

Er stieß das Wesen von sich weg und Rotwang zu, der wie aus der Luft gefallen neben ihm stand. Rotwang faßte das Wesen bei den Armen.

Er schüttelte den Kopf. »Zu heftig!« sagte er. »Zu heftig! Meine schöne Parodie, ich fürchte, dein Temperament wird dir noch manchen Streich spielen.«

»Was ist das?« fragte Joh Fredersen und stemmte die Hände gegen die Tischplatte, die er hinter sich fühlte.

Rotwang wandte ihm das Gesicht zu, in dem die herrlichen Augen glühten, wie Wachfeuer glühen, wenn sie der Wind mit kalten Peitschen peitscht.

»Wer das ist?« entgegnete er. »Futura, Parodie … wie du sie nennen willst. Auch: Täuschung … Summa: Es ist ein Weib. Jeder Mann-Schöpfer schafft sich zuerst ein Weib. Ich glaube nicht an den Schwindel, daß der erste Mensch ein Mann war. Falls ein männlicher Gott die Welt erschaffen hat (was zu hoffen steht, Joh Fredersen), dann schuf er ganz gewiß zuerst, zärtlich und schwelgend in schöpferischer Spielerei, das Weib. Du kannst es prüfen, Joh Fredersen: Es ist makellos. Ein wenig kühl, das gebe ich zu. Das liegt an der Materie, die mein Geheimnis ist. Aber sie ist ja noch nicht vollkommen fertig. Sie ist noch nicht entlassen aus der Werkstatt ihres Schöpfers. Ich kann mich nicht dazu entschließen – verstehst du das? Vollendung ist gleich Loslösung. Ich will mich von ihr nicht loslösen. Darum habe ich ihr auch noch kein Gesicht gegeben. Das solltest du ihr geben, Joh Fredersen. Denn du warst ja der Besteller des neuen Menschen.«

»Ich habe Maschinenmenschen bei dir bestellt, Rotwang, die ich an meinen Maschinen brauchen kann. Kein Weib, das ein Spielzeug ist.«

»Kein Spielzeug, Joh Fredersen, nein … Du und ich, wir beide spielen nicht mehr. Um nichts mehr. Einmal haben wir's getan. Einmal und nicht wieder. Kein Spielzeug, Joh Fredersen. Aber ein Werkzeug. Weißt du, was das heißt: ein Weib als Werkzeug haben? Und ein Weib wie dieses, makellos und kühl? Und gehorsam, von bedingungslosem Gehorsam … Warum kämpfst du mit den Gotikern und dem Mönch Desertus um den Dom? Schicke ihnen das Weib, Joh Fredersen! Schicke ihnen das Weib, wenn sie auf den Knien liegen und sich geißeln. Laß dies makellose, kühle Weib auf seinen silbernen Füßen durch ihre Reihen gehen, Duft aus den Gärten des Lebens in seinen Gewandfalten (wer auf der Welt weiß, wie die Blüten des Baums dufteten, an dem der Apfel der Erkenntnis reifte? Das Weib ist beides: Duft der Blüte und der Frucht) …

Soll ich dir die neueste Schöpfung Rotwangs, des Genies, erklären, Joh Fredersen? Es wird ein Sakrileg sein. Aber das bin ich dir schuldig. Denn du hast den Schöpfergedanken in mir entzündet, Maschinenmensch du … Soll ich dir zeigen, wie gehorsam mein Geschöpf ist? Gib mir, was du in der Hand hältst, Parodie!«

»Warte noch«, sagte Joh Fredersen etwas heiser. Aber der unfehlbare Gehorsam des Wesens, das vor den beiden Männern stand, duldete kein Zögern im Gehorchen. Es öffnete seine Hände, in denen die zarten Gebeine silbern schimmerten, und reichte seinem Schöpfer das Blatt Papier, das es vor den Augen Joh Fredersens vom Tisch genommen hatte.

»Das ist Betrug, Rotwang«, sagte Joh Fredersen.

Der große Erfinder sah ihn an. Er lachte. Das lautlose Gelächter zog ihm den Mund bis zu den Ohren.

»Kein Betrug, Joh Fredersen, Tat eines Genies! Soll Futura vor dir tanzen? Soll meine schöne Parodie die Zärtliche spielen? Oder die Schmollende? Kleopatra oder Damayanti? Soll sie die Gebärde der gotischen Madonnen haben? Oder die Liebesgebärden asiatischer Tänzerinnen? Was für Haar soll ich deinem Werkzeug auf den Schädel pflanzen? Soll es keusch sein oder frech? Verzeih mir die vielen Worte, du Mann der wenigen! Ich bin berauscht, begreifst du? Berauscht vom Schöpfer-Sein. Ich betrinke mich, ich besaufe mich an deinem erstaunten Gesicht! Ich habe deine Erwartungen übertroffen, Joh Fredersen, nicht wahr? Und du weißt noch nicht alles: Auch singen kann meine schöne Parodie! Sie kann auch lesen. Der Mechanismus ihres Gehirns ist unfehlbarer als das deine, Joh Fredersen!«

»Wenn dem so ist«, sagte der Herr über die große Metropolis mit einer gewissen Trockenheit in seiner Stimme, die heiser geworden war, »dann befiehl ihr, den Plan zu enträtseln, den du in der Hand hältst, Rotwang …«

Rotwang stieß ein Gelächter aus, das dem Gelächter eines Trunkenen glich. Er warf einen Blick auf das Papier, das seine Finger ausgebreitet hielten, und wollte es dem Wesen, das neben ihm stand, im voraus triumphierend, hinreichen.

Aber er stockte mitten in der Bewegung. Offenen Mundes starrte er auf das Papier, das er näher und näher vor seine Augen hob.

Joh Fredersen, der ihn beobachtete, beugte sich vor. Er wollte etwas sagen, eine Frage stellen. Doch bevor er die Lippen öffnen konnte, warf Rotwang den Kopf auf und begegnete dem Blick Joh Fredersens mit solch einer grünen Glut in den Augen, daß der Herr über die große Metropolis stumm blieb.

Zweimal und dreimal flog dieses grüne Glühen zwischen dem Blatt Papier und dem Gesicht Joh Fredersens hin und her. Und während all der Zeit war in dem Raum kein Laut vernehmbar als das Atmen, das aus der Brust Rotwangs in Stößen heraufquoll wie aus einer kochenden und vergifteten Quelle.

»Woher hast du den Plan?« fragte der große Erfinder endlich. Doch war es weniger eine Frage als ein Ausdruck verwunderten Zornes.

»Darum handelt es sich nicht«, antwortete Joh Fredersen. »Seinetwegen bin ich zu dir gekommen. In ganz Metropolis scheint nicht ein Mensch zu sein, der etwas damit anzufangen weiß.«

Das Gelächter Rotwangs unterbrach ihn.

»Deine armen Gelehrten!« rief das Gelächter. »Vor welch eine Aufgabe hast du sie gestellt, Joh Fredersen! Wie viele Zentner bedruckten Papiers hast du sie gezwungen umzuwälzen! Ich bin sicher, es gibt keine Stadt auf dem Globus, vom Bau des Alten Turms Babel an, die sie nicht von Nord nach Süd durchschnüffelt haben! Ach, daß du lächeln könntest, Parodie! Daß du schon Augen hättest, mit denen du mir zuzwinkern könntest! Aber lache wenigstens, Parodie! Lache silbern-erquicklich über die großen Gelehrten, denen die Erde fremd ist, auf der ihre Schuhe gehen!«

Das Wesen gehorchte. Es lachte, silbern-erquicklich.

»Du kennst also den Plan – oder was er darstellt?« fragte Joh Fredersen in das Lachen hinein.

»Ja, bei meiner armen Seele, ich kenne ihn«, antwortete Rotwang. »Aber, bei meiner armen Seele! Ich werde dir nicht sagen, was es ist, bevor ich nicht weiß, woher du den Plan hast!«

Joh Fredersen überlegte. Rotwang ließ den Blick nicht von ihm.

»Versuche nicht, mich zu belügen, Joh Fredersen«, sagte er leise und mit einer wunderlichen Schwermut.

»Man hat das Papier gefunden«, begann Joh Fredersen.

»Wer – man?«

»Einer meiner Werkmeister.«

»Grot?«

»Ja, Grot.«

»Wo hat er den Plan gefunden?«

»In der Tasche eines Arbeiters, der an der Geisyr-Maschine verunglückte.«

»Grot hat dir das Papier gebracht?«

»Ja.«

»Und die Bedeutung des Planes schien ihm unbekannt zu sein?«

Joh Fredersen zögerte einen Augenblick mit der Antwort.

»Die Bedeutung – ja. Aber nicht der Plan. Er sagte mir, daß er dieses Papier schon öfter in der Hand von Arbeitern gesehen habe und daß man es ängstlich geheimhalte und daß sich die Leute um den, der es hält, zusammenzurotten pflegen …«

»Man hat also den Sinn des Planes vor deinem Werkmeister geheimgehalten?«

»Es scheint so, denn er konnte ihn mir nicht erklären.«

»Hm.«

Rotwang wandte sich dem Wesen zu, das unweit von ihm in der Haltung einer Lauschenden stand.

»Was sagst du dazu, meine schöne Parodie?« fragte er.

Das Wesen stand unbeweglich.

»Nun!« sagte Joh Fredersen mit einem scharfen Ausdruck der Ungeduld.

Rotwang sah ihn an, ruckhaft den großen Schädel nach ihm wendend. Die herrlichen Augen verkrochen sich hinter den Lidern, als wollten sie nichts gemeinsam haben mit den starken weißen Zähnen und den Kinnladen des Raubtieres. Aber zwischen den fast geschlossenen Lidern hervor blickten sie auf Joh Fredersen, als suchten sie in seinem Gesicht die Tür zu dem großen Gehirn.

»Wobei soll man dich halten, Joh Fredersen?« murmelte er. »Was ist dir ein Wort – oder ein Schwur, Gott du mit deinen eigenen Gesetzen? Welches Versprechen würdest du halten, wenn sein Bruch dir zweckmäßig erschiene?«

»Schwatze nicht, Rotwang«, sagte Joh Fredersen. »Ich werde schweigen, denn ich brauche dich noch. Ich weiß sehr gut, daß die Menschen, die wir brauchen, unsere einzigen Tyrannen sind. Also wenn du etwas weißt, dann sprich!«

Noch immer zögerte Rotwang; aber allmählich ergriff ein Lächeln Besitz von seinen Zügen, ein gutmütiges und geheimnisvolles Lächeln, das sich an sich selbst belustigte.

»Du stehst auf dem Eingang«, sagte er.

»Was soll das heißen?«

»Wörtlich zu nehmen, Joh Fredersen! Du stehst auf dem Eingang!«

»Welchem Eingang, Rotwang? Du verschwendest Zeit, die dir nicht gehört …«

Das Lächeln auf Rotwangs Gesicht vertiefte sich zur Heiterkeit.

»Entsinnst du dich, Joh Fredersen, wie hartnäckig ich mich seinerzeit geweigert habe, den Weg der Tiefbahn unter meinem Haus durchführen zu lassen?«

»Allerdings. Ich weiß auch die Summe noch, die mich der Umweg kostete.«

»Das Geheimnis war kostspielig, ich gebe es zu, aber es ist seinen Preis wert. Sieh dir den Plan an, Joh Fredersen, was ist das hier?«

»Vielleicht eine Treppe …«

»Ganz gewiß eine Treppe. Sie ist sehr liederlich ausgeführt, auf der Zeichnung wie in Wirklichkeit.«

»Du kennst sie also?«

»Ich habe die Ehre, Joh Fredersen, ja. Nun komm zwei Schritte seitwärts. Was ist das?«

Er hatte Joh Fredersen am Arm gefaßt; der fühlte die Finger der künstlichen Hand wie Fänge eines Raubvogels in seine Muskeln eindringen. Mit der Rechten deutete Rotwang auf die Stelle, wo Joh Fredersen gestanden hatte.

»Was ist das hier?« fragte er, den Arm, den er gepackt hielt, rüttelnd.

Joh Fredersen bückte sich. Er richtete sich wieder auf.

»Eine Tür?«

»Richtig, Joh Fredersen! Eine Tür! Eine sehr genau gefügte und gut schließende Tür! Der Mann, der dieses Haus gebaut hat, war ein ordentlicher und sorgfältiger Mensch. Nur einmal ließ er die Sorgfalt außer acht, und das mußte er büßen. Er ging die Treppe hinab, die unter dieser Tür ist, und folgte den nachlässigen Stufen und den Gängen, die sich an sie anschließen, verirrte sich und fand den Rückweg nicht mehr. Es ist auch nicht ganz leicht, ihn zu finden, denn die Leute, die dort gehaust haben, legten keinen Wert darauf, Fremde in ihre Bauten eindringen zu lassen … Ich habe meinen wißbegierigen Vorgänger gefunden, Joh Fredersen, und ihn gleich erkannt: an seinen spitzen roten Schuhen, die sich wunderbar erhalten haben. Er sah als Leichnam friedlich und christlich aus, was er beides im Leben sicher nicht gewesen ist. Die Gefährten seiner letzten Stunde haben wohl ein gut Teil zur Bekehrung des einstigen Teufelsschülers beigetragen …«

Er tippte mit dem Nagel seines rechten Zeigefingers auf ein Gewirr von Kreuzen im Mittelpunkt des Planes.

»Hier liegt er. Genau an dieser Stelle. Sein Schädel muß ein Gehirn umschlossen haben, das dem deinen würdig gewesen wäre, Joh Fredersen, und mußte doch so jämmerlich zugrunde gehen, weil er sich einmal verirrt hatte … Schade um ihn.«

»Wohin hat er sich verirrt?« fragte Joh Fredersen.

Rotwang sah ihn lange an, bevor er sprach.

»In die Gräberstadt, auf der Metropolis steht«, sagte er endlich. »Tief unter den Maulwurfsgängen deiner Tiefbahn, Joh Fredersen, liegt die tausendjährige Metropolis von tausendjährigen Toten …«

Joh Fredersen schwieg. Langsam hob sich seine linke Braue, während er die Lider zusammendrückte. Er richtete den Blick auf Rotwang, der ihn nicht aus den Augen gelassen hatte.

»Was hat der Plan dieser Gräberstadt in den Händen und Taschen meiner Arbeiter zu tun?«

»Das gilt es herauszubekommen«, antwortete Rotwang.

»Du wirst mir helfen?«

»Ja.«

»Heute nacht noch?«

»Gut.«

»Ich werde zurückkommen nach dem Schichtwechsel.«

»Tu das, Joh Fredersen. Und wenn du einen Rat annehmen willst …«

»Nun?«

»Komm in der Tracht deiner Arbeiter, wenn du wiederkommst!«

Joh Fredersen hob den Kopf, aber der große Erfinder ließ ihm nicht Zeit zu Worten. Er hob die Hand wie einer, der Ruhe gebietet und mahnt.

»Auch der Schädel des Mannes mit den roten Schuhen umschloß ein starkes Gehirn, Joh Fredersen, und doch konnte er von denen, die da unten hausen, nicht wieder heimwärts finden.«

Joh Fredersen überlegte. Dann nickte er und wandte sich zum Gehen.

»Sei höflich, meine schöne Parodie«, sagte Rotwang. »Öffne dem Herrn über die große Metropolis die Türen!«

Das Wesen blickte an Joh Fredersen vorüber. Er spürte den Atem der Kälte, die von ihm ausging. Er sah das stumme Gelächter zwischen den halboffenen Lippen Rotwangs, des großen Erfinders. Er wurde blaß vor Zorn, aber er blieb stumm.

Das Wesen streckte die durchsichtige Hand aus, in der die zarten Gebeine silbern schimmerten, und berührte mit den Fingerspitzen tastend das Siegel Salomonis, das kupfern glühte.

Die Tür wich zurück. Joh Fredersen ging hinaus, dem Wesen nach, das vor ihm her die Treppe hinunterschritt.

Es war kein Licht auf der Treppe noch im schmalen Gang. Aber von dem Wesen ging ein Schimmer aus, nicht stärker als von einer grün brennenden Kerze, doch stark genug, die Stufen und die schwarzen Wände zu erhellen.

An der Haustür blieb das Wesen stehen und erwartete Joh Fredersen, der ihm langsam nachgegangen war. Die Haustür öffnete sich vor ihm, doch nicht weit genug, daß er durch den Spalt hätte hinausgehen können.

Er blieb stehen.

Aus dem Klumpengesicht des Wesens starrten ihn die Augen an, Augen wie auf geschlossene Lider gemalt, mit dem Ausdruck eines stillen Wahnsinns.

»Sei höflich, meine schöne Parodie«, sagte eine leise, ferne Stimme, die klang, als spräche das Haus aus dem Schlaf.

Das Wesen verbeugte sich. Es streckte die Hand aus, eine zierliche Knochenhand. Durchsichtige Haut umspannte die schmalen Gelenke, die unter ihr wie mattes Silber schimmerten. Finger, schneeweiß und fleischlos, öffneten sich wie die Blüten einer kristallenen Lilie.

Joh Fredersen legte seine Hand hinein und fühlte sie im Augenblick der Berührung verbrannt von einer unerträglichen Kälte. Er wollte das Wesen von sich wegstoßen, aber Silber-Kristall-Finger hielten ihn fest.

»Auf Wiedersehen, Joh Fredersen«, sagte der Klumpenkopf mit einer Stimme voll entsetzlicher Zärtlichkeit. »Gib mir bald ein Gesicht, Joh Fredersen!«

Eine leise, ferne Stimme lachte, als lachte das Haus aus dem Schlaf.

Die Hand ließ los, die Tür öffnete sich, Joh Fredersen taumelte auf die Straße.

Hinter ihm schloß sich die Tür. Kupferrot glühte in dem düsteren Holz das Siegel Salomonis, das Pentagramm.

Als Joh Fredersen die Hirnschale des Neuen Turms Babel betreten wollte, stand der Schmale vor ihm und schien noch schmaler als sonst.

»Was ist?« fragte Joh Fredersen.

Der Schmale wollte reden, aber der Anblick seines Herrn verschlug ihm die Worte auf den Lippen.

»Nun!« sagte Joh Fredersen zwischen den Zähnen.

Der Schmale holte Atem.

»Ich muß Ihnen melden, Herr Fredersen«, sagte er, »daß Ihr Sohn, seit er diesen Raum verlassen hat, verschwunden ist …« Joh Fredersen drehte sich schwerfällig um.

»Was heißt das, verschwunden?«

»Er ist nicht nach Hause gekommen, und keiner unserer Leute hat ihn gesehen.«

Joh Fredersen verzog den Mund.

»Sucht ihn!« sagte er heiser. »Wozu seid ihr da? Sucht ihn!«

Er trat in die Hirnschale des Neuen Turms Babel ein. Sein erster Blick fiel auf die Uhr. Er eilte an den Tisch und streckte die Hand nach der kleinen blauen Metallplatte aus.


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