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16

»Vater!«

Der Sohn Joh Fredersens wußte genau, daß sein Vater ihn nicht hören konnte, denn er stand im untersten Sockelbau des Neuen Turms Babel, wohin ihn der zuckende Blutschlag der Straße geworfen hatte, und sein Vater war hoch über dem Kochen der Stadt das unberührte Gehirn in der kühlen Hirnschale. Aber dennoch schrie er nach ihm und mußte schreien, und sein Schreien war Hilferuf und klagte an.

Der Rundbau des Neuen Turms Babel spie Menschen aus, die sich, wie Narren lachend, zur Straße drängten. Der Menschenbrei auf der Straße saugte sie ein. Der Neue Turm Babel wurde menschenleer. Die seine Säle und Gänge bevölkert hatten, die von den Schöpfeimern der Paternoster-Werke zur Tiefe, zur Höhe geschüttet worden waren, die sich auf den Treppen stauten, die Befehle empfangen und weitergegeben hatten, die in Zahlen erstickten, die das Raunen der Welt belauschten – alle, alle entströmten dem Neuen Turm Babel, wie aus aufgeschnittenen Adern Blut strömt, bis er grausig leer, entblutet, dastand.

Aber seine Maschinen lebten noch fort.

Ja, sie schienen nun erst lebendig zu werden.

Freder, der – eine Krume Mensch – allein in der Ungeheuerlichkeit des Rundbaus stand, hörte das leise, tiefe, sausende Heulen, das wie der Atem des Neuen Turms Babel war, immer lauter, immer heller werden, und er sah, sich um sich selber drehend, wie die leeren Zellen der Paternoster-Werke immer rascher, immer eiliger auf- und abwärts schnellten. Nun war's, als tanzten die Zellen, diese leeren Zellen, auf- und abwärts, und das Heulen, das den Neuen Turm Babel durchschnitt, schien aus ihren hohlen Rachen zu stammen.

»Vater!« schrie Freder. Und der ganze Rundbau brüllte aus vollem Halse mit.

Freder lief, aber nicht zur Höhe des Turms. Nach der Tiefe lief er, von Grauen und Neugier getrieben, in die Hölle hinab, leuchtenden Pfeilen nach bis zum Wohnsitz der Paternoster-Maschine, die Ganescha glich, dem Gott mit dem Elefantenkopf.

Die Lichtpfeile, denen er nachlief, leuchteten nicht wie sonst in ihrem weißen, eisigen Licht. Sie zuckten; sie schossen Blitze; sie flackerten. Sie brannten in einem bösen, grünen Licht. Die Steine, auf denen er rannte, schwankten wie Wasser. Je näher er dem Raum der Maschinen kam, desto gellender ließ sich die Stimme des Turms vernehmen. Die Mauern kochten. Die Luft war farbloses Feuer. Wäre die Tür nicht berstend von selbst aufgesprungen, keines Menschen Hand hätte sie öffnen können, denn sie glich einem glühenden Vorhang aus flüssigem Stahl.

Freder hielt den Arm vor die Stirn geschlagen, als wollte er sein Gehirn vor dem Platzen hüten. Seine Augen suchten die Maschine, vor der auch er einst gestanden hatte. Mitten im heulenden Raum hockte sie. Sie glänzte von Öl. Sie hatte gleißende Glieder. Unter dem hockenden Körper, dem Kopf, der zur Brust geduckt war, stemmten gekrümmte Beine sich gnomenhaft gegen die Plattform. Unbeweglich waren der Rumpf, die Beine. Aber die kurzen Arme stießen und stießen und stießen wechselseitig nach vorn, zurück, nach vorn.

Und die Maschine war ganz sich selbst überlassen. Niemand bewachte sie. Niemand hielt die Hand am Hebel. Niemand hielt den Blick auf die Uhr geklebt, deren Zeiger wie verrückt die Skalen durchjagten.

»Vater!« schrie Freder und wollte sich vorwärtswerfen. Aber im selben Augenblick war's, als höbe sich der gekrümmte Körper der wilden Maschine, die Ganescha glich, zu wütender Höhe auf, als reckten sich ihre Beine auf Stumpenfüßen, um einen mörderischen Sprung zu tun, als streckten sich ihre Arme nicht mehr zum Stoßen, nein, um zu greifen, greifend zu zerquetschen, als bräche die heulende Stimme des Neuen Turms Babel allein aus den Lungen der Paternoster-Maschine und heulte:

»Mord!«

Der Flammenvorhang der Tür flog wehend beiseite. Die Ungeheuer-Maschine wälzte sich mit stoßenden Armen herunter von der Plattform. Der ganze Bau des Neuen Turms Babel erbebte. Die Mauern schütterten. Die Decke krachte.

Freder wandte sich um. Er schlug die Arme über den Nacken und rannte. Er sah die leuchtenden Pfeile, die nach ihm stachen. Er hörte ein röchelndes Keuchen in seinem Rücken und fühlte sein Mark verdorren und rannte. Er rannte gegen Türen, stieß sie auf und schlug sie hinter sich zu und rannte weiter.

»Vater!« schrie er.

Treppen hinauf. Wo führten die Treppen hin? Türen donnerten auf, zur Wand hin prallend.

Ah! Der Tempel der Maschinensäle! Gottheiten, die Maschinen, die strahlenden Herren, die Gott-Maschinen von Metropolis! Alle großen Götter wohnten in weißen Tempeln! Baal und Moloch und Huitzilopochtli und Durgha! Manche furchtbar gesellig, manche grauenhaft einsam. Da – der Götterwagen von Dschaggernaut! Da – die Türme des Schweigens! Da – das Sichelschwert Mohammeds! Da – die Kreuze von Golgatha!

Und kein Mensch – kein Mensch in den weißen Sälen. Die Maschinen, diese Gott-Maschinen fürchterlich sich selber überlassen. Und sie lebten, ja, sie lebten wirklich – ein gesteigertes, entflammtes Leben.

Denn Metropolis hatte ein Hirn.

Metropolis hatte ein Herz.

Das Herz der Maschinenstadt Metropolis wohnte in einem weißen, domhaften Saal. Das Herz der Maschinenstadt Metropolis war bis auf diesen Tag und diese Stunde von einem einzigen Manne gehütet worden. Das Herz der Maschinenstadt Metropolis war eine Maschine und ein Universum für sich. Über den tiefen Mysterien ihrer zarten Gelenke stand wie die Sonnenscheibe – wie der Strahlenschein einer Gottheit – das silbern-sausende Rad, dessen Speichen im Wirbel der Drehung wie eine einzige, gleißende Scheibe erschienen.

Keine Maschine in ganz Metropolis, die nicht von diesem Herzen die Kraft empfing.

Ein einziger Hebel regierte das stählerne Wunder.

Stand der Hebel auf »Sicherung«, dann spielten alle Maschinen mit ihren gebändigten Kräften wie zahme Tiere. Deutlich unterscheidbar kreisten die schimmernden Speichen an dem Sonnenrad über der Herz-Maschine.

Stand der Hebel auf 3, dann wurde das Spiel schon Arbeit. Nicht mehr unterscheidbar kreisten die schimmernden Speichen … Leises Keuchen kam aus den Maschinenlungen.

Stand der Hebel auf 6 – und da stand er meist –, hieß die Arbeit Fron. Die Maschinen brüllten. Das gewaltige Rad der Herz-Maschine hing, ein scheinbar unbewegter Spiegel aus dem hellsten Silber, über ihr. Und der große Donner der Maschinen, ausgelöst vom Herzschlag dieser einen, wölbte sich, ein zweiter Himmel, über Metropolis, Joh Fredersens Stadt.

Aber noch nie, seit Metropolis erbaut war, hatte der Hebel der Herz-Maschine auf 12 gestanden.

Jetzt stand er auf 12. Die Hand eines Mädchens, zarter als Glas, hatte den wuchtigen Hebel, der auf »Sicherung« stand, herumgedrückt, bis er die 12 erreichte. Das Herz von Metropolis, Joh Fredersens großer Stadt, hatte zu fiebern begonnen, von tödlicher Krankheit befallen, und jagte die roten Wellen seines Fiebers allen Maschinen zu, die sein Blutschlag nährte.

Keine Maschine in ganz Metropolis, die nicht von diesem Herzen die Kraft empfing …

Da fiel das Fieber auf alle Gott-Maschinen …

Aus den Türmen des Schweigens brach ein Dunst der Verwesung. Blaue Flammen schwebten im Leeren darüber. Und die Türme, die ungeheuren Türme, die sich sonst im Laufe eines Tages einmal um sich selbst zu drehen pflegten, torkelten auf ihren Postamenten in betrunkenem Rundtanz, voll zum Bersten.

Das Sichelschwert Mohammeds war wie ein Kreiselblitz in der Luft. Es fand keinen Widerstand. Es schnitt und schnitt. Es wurde rasend, weil es zum Schneiden nichts hatte. Die Kraft, die sich, sinnlos verschwendet, noch immer steigerte, ballte sich zischend zusammen und schickte Schlangen, grüne, züngelnde Schlangen nach allen Seiten.

Von den ragenden Armen der Kreuze von Golgatha wehten lange, weiße, knisternde Flammenbüschel.

Unter Stößen schwankend, die den Erdball selbst erschüttert hätten, geriet der ungeschlachte, völkerzermalmende Wagen von Dschaggernaut ins Gleiten, ins Rollen – hielt sich, schief auf der Plattform hängend –, zitterte wie ein Schiff, das in Klippen stirbt, von der Brandung zerpeitscht – und löste sich ächzend.

Da erhoben sich von ihren gleißenden Thronen Baal und Moloch, Huitzilopochtli und Durgha. Alle die Gott-Maschinen standen auf, Glieder dehnend in fürchterlicher Freiheit. Huitzilopochtli schrie nach dem Edelsteinopfer. Knackend reckte die Durgha acht mordende Arme. Aus dem Bauch von Baal und Moloch schwelte hungriges Feuer, leckte aus ihren Rachen. Und wie eine Herde von tausend Büffeln brüllend, weil er um sein Ziel betrogen wurde, schwang den unfehlbaren Hammer Asa-Thor.

Ein verlorenes Staubkorn unter den Sohlen von Göttern, taumelte Freder durch die weißen Säle, die dröhnenden Tempel.

»Vater!« schrie er.

Und hörte die Stimme des Vaters.

»Ja, hier bin ich! Was willst du? Komm her zu mir!«

»Aber ich sehe dich nicht!«

»Du mußt mich höher suchen!«

Freders Blicke flatterten durch den Raum. Er sah seinen Vater auf einer Plattform stehen, zwischen den weitgespannten Armen der Kreuze von Golgatha, von deren Enden die langen, weißen, knisternden Flammenbüschel lohten. Das Gesicht seines Vaters war in den höllischen Feuern wie eine Maske unversehrbarer Kälte. Seine Augen waren blaustrahlender Stahl. Mitten im Rasen der großen Maschinengötter war er der größere Gott und Herr über alle.

Freder lief auf ihn zu, doch er konnte nicht zu ihm hinauf. Er klammerte sich an den Fuß des flammenden Kreuzes. Wilde Stöße durchkrachten den Neuen Turm Babel.

»Vater«, schrie Freder laut, »deine Stadt geht unter.«

Joh Fredersen gab keine Antwort. Die wehenden Flammenbüschel schienen aus seinen Schläfen hervorzubrechen.

»Vater, verstehst du mich nicht? Deine Stadt geht unter! Deine Maschinen sind lebendig geworden, sie rasen die Stadt auseinander! Sie reißen Metropolis in Fetzen! Hörst du? Explosionen auf Explosionen! Ich habe eine Straße gesehen, deren Häuser tanzten auf ihrem zerrissenen Grunde, als tanzten kleine Kinder auf dem Bauch eines lachenden Riesen. Aus dem aufgeschlitzten Turm deiner Kesselschmiede hat sich ein Lavastrom von fließendem Kupfer durch die Straßen ergossen, und vor ihm her lief ein Mann, der war nackt, und sein Haar war verkohlt, und er brüllte: ›Der Weltuntergang ist da!‹

Aber dann stolperte er, und der Kupferstrom holte ihn ein … Wo die Jethro-Werke gestanden haben, ist ein Loch in der Erde, das füllt sich mit Wasser. Eiserne Brücken hängen zerfetzt zwischen Türmen, die ihre Eingeweide verloren haben. Kräne baumeln an Galgen wie Gehenkte. Und die Menschen, gleichermaßen unfähig zur Flucht wie zum Widerstand, irren zwischen Häusern und Straßen umher, die beide zum Untergang verdammt erscheinen …«

Er faltete die Hände um den Kreuzstamm und warf den Kopf in den Nacken, um seinem Vater ins Gesicht zu sehen.

»Ich kann mir nicht denken, Vater, daß etwas mächtiger ist als du! Ich habe dein übermächtiges Mächtigsein, das mich mit Schauder erfüllt hat, von Herzen verflucht. Jetzt liege ich hier auf Knien und frage dich: Warum erlaubst du dem Tod, Hand an die Stadt zu legen, die dein ist?«

»Weil der Tod mit meinem Willen über der Stadt ist.«

»Mit deinem Willen?«

»Ja.«

»Die Stadt soll sterben?«

»Weißt du nicht, Freder, warum?«

Es kam keine Antwort.

»Die Stadt soll untergehen, Freder, damit du sie wieder aufbaust …«

»Ich?«

»Du.«

»Dann legst du den Mord an der Stadt auf mich?«

»Der Mord an der Stadt liegt auf denen allein, die Grot, den Wächter der Herz-Maschine, zertreten haben.«

»Geschah auch das mit deinem Willen, Vater?«

»Ja.«

»Dann also hast du die Menschen gezwungen, schuldig zu werden?«

»Um deinetwillen, Freder; denn du sollst sie erlösen.«

»Und was ist mit denen, Vater, die sterben müssen mit deiner sterbenden Stadt, bevor ich sie noch erlösen kann?«

»Um die Lebenden kümmere dich, Freder, nicht um die Toten.«

»Und wenn die Lebenden kommen, um dich zu erschlagen?«

»Das geschieht nicht, Freder. Das geschieht nicht. Denn den Weg zu mir durch die rasenden Gott-Maschinen, wie du sie nanntest, konnte nur einer finden. Und der hat ihn gefunden. Das war mein Sohn.«

Freder ließ den Kopf in die Hände fallen. Er wiegte ihn wie in Schmerzen. Er stöhnte leise. Er wollte sprechen; doch ehe er sprechen konnte, zerriß ein Ton die Luft, der klang, als platze der Erdball auseinander. Für einen Augenblick schienen alle Dinge, die sich in dem weißen Maschinensaal befanden, fußhoch über dem Boden im Leeren zu schweben – selbst Moloch und Baal und Huitzilopochtli und Durgha, selbst der Hammer Asa-Thors und die Türme des Schweigens. Die Kreuze von Golgatha, aus deren Balkenenden die langen, weißen, knisternden Flammenbüschel lohten, stürzten gegeneinander und richteten sich wieder auf. Dann krachten alle Dinge mit wütendem Nachdruck auf ihre Plätze zurück. Dann erlosch alles Licht. Und aus der Tiefe und Ferne heulte die Stadt auf.

»Vater!« schrie Freder.

»Ja. Hier bin ich. Was willst du?«

»Daß du dem Schrecken ein Ende machst!«

»Jetzt? Nein.«

»Aber ich will nicht, daß noch mehr Menschen leiden! Du sollst ihnen helfen, du sollst sie retten, Vater!«

»Du sollst sie retten.«

»Jetzt – sofort?«

»Jetzt? Nein.«

»Dann«, sagte Freder und stieß die Fäuste weit von sich, als stieße er etwas aus seinem Weg, »dann muß ich den Menschen suchen, der mir helfen kann, auch wenn er dein und mein Feind ist!«

»Meinst du Rotwang?«

Keine Antwort. Joh Fredersen fuhr fort: »Rotwang kann dir nicht helfen.«

»Warum nicht?«

»Er ist tot.«

Stille. Dann, tastend, eine gewürgte Stimme, die fragte: »Wie ist er denn – so plötzlich gestorben?«

»Er starb hauptsächlich daran, Freder, daß er es wagte, seine Hände nach dem Mädchen auszustrecken, das du liebst.«

Zitternde Finger tasteten nach dem Kreuzstamm hinauf.

»Maria, Vater, Maria?«

»Er nannte sie so.«

»Maria war bei ihm? In seinem Haus?«

»Ja, Freder.«

»Also doch! Und jetzt?«

»Ich weiß es nicht.«

Stille.

»Freder?«

Es kam keine Antwort.

»Freder?«

Stille.

Aber an den Fenstern des weißen Maschinendomes vorüber lief ein Schatten. Er lief geduckt und die Hände über das Genick geschlagen, als fürchte er, Durghas Arme könnten nach ihm greifen oder Asa-Thor den Hammer, den nie fehlenden, hinter ihm dreinschleudern, um auf Befehl Joh Fredersens seine Flucht zu verhindern.

Es kam dem Fliehenden nicht zum Bewußtsein, daß alle Gott-Maschinen stillstanden, weil sich das Herz, das unbewachte Herz von Metropolis, unter der Feuergeißel der 12 zu Tode gerast hatte.


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