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Der Besitzer von Yoshiwara pflegte auf mancherlei Arten Geld zu verdienen. Eine davon – und ganz gewiß die harmloseste – war, Wetten darüber abzuschließen, daß kein Mensch, so weltbefahren er auch war, imstande sei zu erraten, welcher vertrackten Rassenmischung er sein Gesicht verdankte. Bisher hatte er noch jede dieser Wetten gewonnen und pflegte das Geld, das sie ihm brachten, mit Händen einzustreichen, deren grausamer Schönheit sich kein Ahnherr der Borgias geschämt hätte, deren Nägel aber einen unverwischbaren Blauschimmer zeigten; dagegen war die Höflichkeit seines Lächelns bei so gewinnbringenden Anlässen ganz unverkennbar von jener zierlichen Inselwelt gebürtig, die vom Ostrand Asiens her sanft und wachsam nach dem mächtigen Amerika hinüberlächelt.
Es vereinigte in sich hervorragende Eigenschaften, die ihn als einen Generalvertreter von Großbritannien und Irland erscheinen ließen, denn er war rothaarig, spottlustig und trinkfest, als hieße er O'Byrn, geizig und abergläubisch wie ein Schotte und – in gewissen Situationen, die es erforderlich machten – von jener hochgezüchteten Ahnungslosigkeit, die ein Ergebnis des Willens und ein Grundstein des englischen Imperiums ist. Er sprach so ziemlich alle lebendigen Sprachen, als hätte ihn seine Mutter darin beten und sein Vater fluchen gelehrt. Seine Habgier schien von der Levante zu stammen, seine Genügsamkeit aus China. Und über all dem wachten zwei ruhige, aufmerksame Augen mit deutscher Geduld und Beharrlichkeit.
Im übrigen wurde er aus unbekannten Gründen September genannt.
Die Besucher von Yoshiwara hatten September schon in mancherlei Gemütsbewegungen getroffen – vom stumpfsinnigen Vor-sich-hin-Dösen eines zufriedenen Buschmanns an bis zur Tanz-Ekstase des Ukrainers.
Aber seine Züge im Ausdruck eines vollkommenen Verstörtseins zu überraschen, blieb dem Schmalen vorbehalten, als er am Morgen, nachdem er seinen jungen Herrn aus den Augen verloren hatte, den Riesengong von Yoshiwara, Einlaß fordernd, erdröhnen machte.
Es war schon etwas Ungewöhnliches, daß die sonst sehr bereitwillige Tür von Yoshiwara erst auf das vierte Gongzeichen geöffnet wurde, und daß dies durch September selbst geschah und noch dazu mit solcher Miene, verstärkte den Eindruck schlecht überwundener Katastrophen. Der Schmale grüßte. September starrte ihn an. Eine Messingmaske schien über sein Gesicht zu fallen. Aber ein zufälliger Blick auf den Fahrer des Mietwagens, mit dem der Schmale gekommen war, riß sie ihm wieder herunter.
»Wollte Gott, dein Spinett wäre in die Luft geflogen, ehe du mir gestern abend den Verrückten ins Haus bringen konntest«, sagte er. »Er hat mir die Gäste vertrieben, bevor sie ans Zahlen dachten. Die Mädchen kleben in den Ecken herum wie Bündel nasser Lappen, soweit sie nicht Schreikrämpfe haben. Wenn ich die Polizei nicht rufen will, dann kann ich das Haus zumachen, denn es sieht nicht aus, als ob der Kerl bis heute abend seine fünf Sinne wiederfinden wollte.«
»Von wem sprechen Sie, September?« fragte der Schmale.
September sah ihn an. Das kleinste Nest in Sibirien hätte sich in diesem Augenblick geweigert, als Geburtsort eines so idiotisch dreinschauenden Menschen verschrien zu werden.
»Wenn es der Mann ist, den ich bei Ihnen suche«, fuhr der Schmale fort, »dann werde ich Sie auf angenehmere und raschere Art von ihm befreien als die Polizei.«
»Und was für einen Mann suchen Sie, Herr?«
Der Schmale zögerte. Er räusperte sich leicht. »Sie kennen die weiße Seide, die für verhältnismäßig wenig Menschen in Metropolis gewebt wird?«
In der langen Ahnenreihe, deren mannigfache Niederschläge sich in September kristallisiert hatten, mußte auch ein Pelzhändler aus Tarnopol vertreten sein und lächelte jetzt aus den verschmitzten Augenwinkeln seines Urenkels.
»Kommen Sie herein, mein Herr!« forderte der Besitzer von Yoshiwara den Schmalen mit einer wahrhaft singhalesischen Sanftmut auf.
Der Schmale trat ein. September schloß die Tür hinter ihm.
Im Augenblick, da das morgendliche Gebrüll der großen Metropolis nicht mehr aus den Straßen heraufgellte, ließ sich vom Innern des Hauses her ein anderes Brüllen vernehmen, das Brüllen einer Menschenstimme, heiser wie die Stimme eines Raubtieres, rauschtoll vor Triumph.
»Wer ist das?« fragte der Schmale, unwillkürlich die eigene Stimme dämpfend.
»Er!« antwortete September, und es blieb sein Geheimnis, wie er in das einsilbige Wort die schlichte und sachliche Rachsucht von ganz Korsika verstauen konnte.
Der Blick des Schmalen wurde unsicher, aber er sagte nichts. Er folgte September über sanfte und glänzende Strohmatten, an Wänden entlang, die aus geöltem Papier bestanden, schmal in Bambus gerahmt.
Hinter einer dieser Papierwände erklang das Weinen einer Frau, eintönig, hoffnungslos und herzzerreißend wie eine lange Reihe von Regentagen, die den Gipfel des Fudji verhüllen.
»Es ist Yuki«, murmelte September mit einem grimmigen Blick gegen das papierne Gefängnis dieses armen Weinens. »Seit Mitternacht heult sie, als wollte sie die Quelle eines neuen Salzmeeres werden. Sie wird heute abend eine geschwollene Kartoffel im Gesicht haben statt einer Nase … Wer hat den Schaden davon? Ich!«
»Warum weint die kleine Schneeflocke?« fragte der Schmale halb gedankenlos, denn das Gebrüll der Menschenstimme aus der Tiefe des Hauses beschäftigte alles, was er an Ohren und Aufmerksamkeit hatte.
»Oh, sie ist nicht die einzige«, antwortete September mit der toleranten Miene eines Mannes, der eine gutgehende Hafenkneipe in Schanghai besitzt. »Aber sie ist wenigstens sanftmütig. Pflaumenblüte hat um sich gebissen wie ein junger Puma, und Fräulein Regenbogen hat die Sake-Schale in den Spiegel geworfen und versucht, sich mit den Scherben die Pulsadern aufzuschneiden – und alles wegen dieses weißseidenen Burschen.«
Der beirrte Ausdruck im Gesicht des Schmalen verstärkte sich. Er schüttelte den Kopf.
»Wie hat er das über sie vermocht …«, sagte er, und es war keineswegs eine Frage.
September zuckte die Achseln.
»Maohee«, sagte er singenden Tones, als begänne er eines jener grönländischen Märchen, die um so höher geschätzt werden, je rascher man bei ihnen einschläft.
»Was ist das: Maohee?« fragte der Schmale gereizt.
September zog den Kopf zwischen die Schultern. Die irischen und die britischen Blutkörperchen in seinen Adern schienen in schweren Streit zu geraten; aber das undurchdringliche japanische Lächeln deckte ihn mit seinem Mantel zu, bevor er gefährlich werden konnte.
»Sie wissen nicht, was Maohee ist? Niemand weiß es in der großen Metropolis, kein Mensch. Nur hier in Yoshiwara wissen es alle.«
»Ich wünsche es auch zu wissen, September«, sagte der Schmale.
Generationen römischer Lakaien verbeugten sich in September, als er: »Gewiß, Herr«, sagte; aber sie kamen gegen das Augenzwinkern einiger trinkfester und lügenhafter Großväter in Kopenhagen nicht auf. »Maohee, das ist … Ist es nicht sonderbar, daß all die hunderttausend Menschen, die schon zu Gast in Yoshiwara waren und hier sehr genau erfahren haben, wie es sich mit Maohee verhält, draußen plötzlich nichts mehr davon wissen? Gehen Sie nicht so schnell, Herr! Der brüllende Kerl da unten läuft uns nicht weg, und wenn ich Ihnen erklären soll, was Maohee ist …«
»Rauschgift, September, wie?«
»Lieber Herr, ein Löwe ist auch eine Katze. Maohee ist ein Rauschgift; aber wo bleiben die Katzen neben den Löwen? Maohee ist von jenseits der Erde. Es ist das Göttliche, das einzige, weil es das einzige ist, das uns den Rausch der anderen empfinden läßt.«
»Den Rausch der anderen?« wiederholte der Schmale, stehenbleibend.
September lächelte wie der Glücksgott Hotei, der die kleinen Kinder gern hat. Er legte die Hand der Borgia mit den verdächtig blauschimmernden Nägeln auf den Arm des Schmalen.
»Den Rausch der anderen. Wissen Sie, mein Herr, was das heißt: Nicht eines anderen, nein, der Masse, die sich zu einem Klumpen ballt, den zusammengeballten Rausch der Masse gibt Maohee seinen Freunden.«
»Hat Maohee viele Freunde, September?«
Der Besitzer von Yoshiwara grinste apokalyptisch.
»In diesem Hause, Herr, ist ein Rundraum. Sie werden ihn sehen. Er hat nicht seinesgleichen. Er baut sich wie eine gewundene Muschel auf; wie eine Mammutmuschel, in deren Windungen kauern die Menschen so dicht gedrängt, daß ihre Gesichter wie eines erscheinen. Keiner kennt den anderen, aber alle sind Freunde. Alle fiebern. Alle sind bleich vor Erwartung. Alle haben sich an den Händen gefaßt. Durch die Windungen der Mammutmuschel rinnt das Zittern derer, die ganz unter dem Rande der Muschel sitzen, bis zu denen hinauf, die aus der gleißenden Spitze der Spirale ihnen ihr Zittern entgegenschicken …«
September schluckte nach Atem. Der Schweiß stand ihm als dünne Perlenkette auf der Stirn. Ein internationales Lächeln des Irrsinns teilte ihm den schwatzenden Mund.
»Weiter, September!« sagte der Schmale.
»Weiter? Plötzlich beginnt der Muschelrand sich zu drehen, sanft … oh, sanft … nach einer Musik, die einen zehnfachen Raubmörder zum Schluchzen bringen würde und seine Richter dazu, daß sie ihn auf dem Schafott begnadigten – nach einer Musik, bei der sich geschworene Feinde küssen, bei der die Bettler glauben, Könige zu sein, bei der die Hungrigen vergessen, daß sie Hunger haben; nach dieser Musik schwingt sich die Muschel um ihren ruhenden Kern, bis sie sich vom Erdboden loszulösen scheint und schwebend um sich selbst schwingt. Die Menschen schreien – nicht laut, nein, nein –, sie schreien wie Vögel, die auf dem Meer baden. Die verschlungenen Hände krampfen sich zu Fäusten. Die Körper wiegen sich in einem Rhythmus. Dann kommt das erste Stammeln: Maohee … Das Stammeln schwillt, wird Spritzwelle, wird Springflut. Die schwingende Muschel dröhnt: Maohee … Maohee …! Es ist, als müßten auf den Scheiteln der Menschen kleine Flammen stehen wie St.-Elms-Feuer. Maohee … Maohee …! Sie rufen nach ihrem Gott. Sie rufen nach dem, den der Finger des Gottes heute anrührt. Niemand weiß, woher er heute kommt. Er ist da. Sie wissen, er ist in ihrer Mitte. Er muß aus ihren Reihen hervorbrechen. Er muß, denn sie rufen ihn: Maohee … Maohee! Und plötzlich …«
Die Hand der Borgia schlug hoch und hing in der Luft wie eine braune Kralle.
»Und plötzlich steht ein Mensch inmitten der Muschel in dem gleißenden Rund, auf der milchweißen Scheibe. Aber es ist kein Mensch. Es ist der menschgewordene Inbegriff des Rausches aller … Er weiß nichts von sich … Leichter Schaum steht ihm vor dem Mund. Seine Augen sind starr und gebrochen und sind doch wie sausende Meteore, die auf der Bahn vom Himmel zur Erde wehende Feuerspuren hinter sich lassen. Er steht und lebt seinen Rausch. Er ist, was sein Rausch ist. Aus den tausend Augen, die Anker warfen in seiner Seele, strömt die Rauschkraft in ihn. Keine Herrlichkeit in der Schöpfung Gottes, die sich nicht, durch das Medium dieser Berauschten übersteigert, offenbarte. Was er spricht, wird allen sichtbar; was er hört, wird allen hörbar. Was er fühlt: Macht, Lust, Raserei, das fühlen alle. Auf der schimmernden Arena, um die sich nach unsäglicher Musik die sanft erdröhnende Muschel schwingt, durchlebt ein Ekstatiker die tausendfache Ekstase, die sich für Tausende in ihm verkörpert …«
September schwieg und lächelte den Schmalen an.
»Dies, mein Herr, ist Maohee.«
»Es muß in der Tat ein starkes Rauschgift sein«, sagte der Schmale mit einem Gefühl der Trockenheit im Halse, »da es den Besitzer von Yoshiwara zu einer Hymne begeistert. Glauben Sie, daß der brüllende Mensch da unten in diesen Lobgesang einstimmen würde?«
»Fragen Sie ihn selbst, Herr«, sagte September.
Er öffnete eine Tür und ließ den Schmalen eintreten. Dicht hinter der Schwelle blieb der Schmale stehen, weil er zunächst nichts sah. Eine Dämmerung, schwermütiger als das tiefste Dunkel, lagerte über einem Raum, dessen Ausmaß er nicht zu erkennen vermochte. Der Boden unter seinen Füßen neigte sich etwas in kaum fühlbarer Schräge. Da, wo er aufhörte, schien dämmernde Leere zu sein. Rechts und links wichen schräge Wände, nach außen weggebauscht, zur Seite.
Dies war alles, was der Schmale sah. Aber aus der leeren Tiefe vor ihm kam ein weißer Schimmer, nicht stärker, als er von einem Schneefeld ausgeht. Auf diesem Schimmer schwamm eine Stimme wie eines Mörders und eines Gemordeten Stimme.
»Licht, September!« sagte der Schmale und schluckte. Ein unerträgliches Durstgefühl fraß ihm an der Kehle.
Der Raum erhellte sich langsam, als käme das Licht nicht gern. Der Schmale sah: Er stand in einer Windung des Rundraums, der wie eine Muschel geformt war. Er stand zwischen Höhe und Tiefe, durch niedrige Brüstung von der Leere getrennt, aus der das Schneelicht kam und die Stimme des Mörders und die Stimme seines Opfers. Er trat an die Brüstung und beugte sich tief hinab. Eine milchweiße Scheibe von unten erhellt und leuchtend. Am Rand der Scheibe, gleich dunklem Rankenmuster auf einem Tellerrand, kauernde, kniende Frauen, wie ertrunken in ihren Prunkgewändern. Manche hatten die Stirn zu Boden gesenkt und die Hände verkrampft über den Ebenholzhaaren. Manche hockten zu Bündeln zusammengerafft, Kopf an Kopf gedrückt, Sinnbilder der Furcht. Manche verneigten sich rhythmisch, als riefen sie Götter. Manche weinten. Manche waren wie tot.
Aber alle erschienen als Mägde des Mannes, der auf der schneelichtleuchtenden Scheibe stand.
Der Mann trug die weiße Seide, die für verhältnismäßig wenige Menschen in der großen Metropolis gewebt wurde. Er trug die weichen Schuhe, in denen die beliebten Söhne mächtiger Väter bei jedem Schritt die Erde zu streicheln schienen. Aber die Seide hing in Fetzen um den Körper des Mannes, und die Schuhe sahen aus, als bluteten die Füße, die in ihnen standen.
»Ist das der Mann, den Sie suchen, mein Herr?« fragte ein levantinischer Vetter aus September, zutraulich an das Ohr des Schmalen gebeugt.
Der Schmale antwortete nicht. Er sah den Mann an.
»Zum mindesten«, fuhr September fort, »ist es der Bursche, der gestern im gleichen Wagen kam wie heute Sie. Und zur Hölle mit ihm dafür! Er hat meine schwingende Muschel zum Vorhof der Hölle gemacht! Er hat Seelen geröstet! Ich habe wohl schon erlebt, daß im Maohee-Rausch sich Menschen als Könige dünkten, als Götter, als Feuer und Stürme, und daß sie die andern zwangen, sich als Könige, als Götter, als Feuer und Stürme zu fühlen. Ich habe wohl schon erlebt, daß Ekstatiker der Luft Frauen vom höchsten Punkt der Muschelwände zu sich herunterzwangen, daß sie, mit ausgebreiteten Händen springend, wie weiße Möwen ihm zu Füßen stürzten, ohne sich nur ein Glied zu versehren, wo andere sich zu Tode gefallen hätten. Der Mann da war nicht Gott, nicht Sturm und nicht Feuer, und ganz gewiß verspürt er im Rausch keine Lust. Er kommt aus der Hölle, scheint mir, und brüllt im Rausch der Verdammnis. Er hat wohl nicht gewußt, daß für Menschen, die verdammt sind, auch die Ekstase Verdammnis ist. Der Narr! Das Gebet, das er betet, wird ihn nicht erlösen. Er glaubt, Maschine zu sein und betet sich selbst an. Er hat die anderen gezwungen, ihn anzubeten. Er hat sie zermahlen. Er hat sie zu Staub zerstampft. Heute schleppen sich viele Menschen durch Metropolis, die sich nicht erklären können, wovon ihre Glieder wie zerbrochen sind.«
»Schweigen Sie, September!« sagte der Schmale heiser. Er fuhr sich mit der Hand nach der Kehle, die sich wie ein glühender Kork, wie eine glimmende Holzkohle anfühlte.
September verstummte, die Achseln zuckend. Aus der Tiefe brodelten Worte von Lava.
»Ich bin Drei-geeint: Luzifer-Belial-Satan! Ich bin der ewige Tod! Ich bin der ewige Nicht-Weg! Zu mir her, was in die Hölle will! Meine Hölle hat viele Wohnungen! Ich will sie euch anweisen! Ich bin der große König aller Verdammten! Ich bin Maschine! Ich bin ein Turm über euch! Ich bin ein Hammer, ein Schwungrad, ein feuriger Ofen! Mörder bin ich und brauche nicht, was ich morde. Opfer will ich, und Opfer versöhnen mich nicht! Betet mich an und wißt: Ich höre euch nicht! Schreit zu mir: Pater noster! Wißt: Ich bin taub!«
Der Schmale wandte sich um; er sah das Gesicht Septembers als eine kalkige Masse an seiner Schulter. Es mochte sein, daß unter den Ahnfrauen Septembers eine war, die von den Inseln in der Südsee stammte, wo Götter wenig bedeuten, Gespenster alles.
»Das ist kein Mensch mehr«, flüsterte er mit Lippen aus Asche. »Ein Mensch wäre längst daran gestorben … Sehen Sie seine Arme, Herr? Glauben Sie, daß ein Mensch durch Stunden und Stunden das Stoßen einer Maschine nachahmen kann, ohne daran zu sterben? Er ist tot wie ein Stein. Wenn Sie ihn anrufen, fällt er um und zerbricht wie ein Bildwerk aus Ton.«
Es hatte nicht den Anschein, als ob die Worte Septembers zum Bewußtsein des Schmalen durchdrängen. Sein Gesicht trug einen Ausdruck von Haß und Leiden, als er wie ein Mensch sprach, der mit Schmerzen spricht.
»Ich hoffe, September, daß Sie heute nicht zum letzten Male Gelegenheit hatten, die Wirkung des Maohee auf Ihre Gäste zu beobachten.«
September lächelte ein Japan-Lächeln.
Der Schmale trat nahe an die Brüstung des Muschelrandes, in dem er stand. Er beugte sich zu der milchigen Schale hinunter. Er rief in einem hohen und scharfen Ton, der wie ein Pfiff wirkte: »11 811!«
Der Mann auf der schimmernden Scheibe drehte sich um sich selbst, als habe er seitlich einen Stoß bekommen. Der höllische Rhythmus seiner stoßenden Arme stockte und rann in ein Zittern aus. Wie ein Klotz schlug der Mann zu Boden und regte sich nicht mehr.
Der Schmale rannte den Gang hinab, erreichte das Ende und drängte den Kreis der Frauen auseinander, die, ganz erstarrt, vom Ende dessen, was sie mit Entsetzen erfüllt hatte, in tieferes Grauen gestoßen schienen als vom Anfang. Er kniete bei dem Mann nieder, sah ihm ins Gesicht und schob die zerfetzte Seide über dem Herzen fort. Er ließ seiner Hand nicht Zeit, den Blutschlag zu prüfen. Er hob den Mann auf und trug ihn auf seinen Armen fort. Das Seufzen der Frauen wehte hinter ihm drein wie ein dichter, nebelfarbener Vorhang.
September trat ihm in den Weg. Er wich zur Seite, als der Schmale ihn ansah. Er lief wie ein geschäftiger Hund neben ihm her, hastig atmend; aber er sagte nichts.
Der Schmale erreichte die Tür von Yoshiwara. September öffnete sie selbst vor ihm. Der Schmale trat auf die Straße. Der Fahrer riß den Schlag des Autos auf; er sah verstört auf den Mann, der, grausiger als ein Toter anzusehen, in Fetzen von weißer Seide, mit denen der Wind spielte, in den Armen des Schmalen hing.
Der Besitzer von Yoshiwara verbeugte sich oftmals, während der Schmale in den Wagen stieg. Aber der Schmale warf keinen Blick mehr auf ihn. Sein Gesicht, das grau war wie Stahl, erinnerte an die Klingen jener uralten Schwerter, die aus indischem Stahl in Schiras oder in Ispahan geschmiedet wurden und auf denen, unter Schmuckornamenten verborgen, höhnische und tödliche Sprüche stehen.
Der Wagen glitt davon; September schaute ihm nach. Er lächelte das friedliche Lächeln Ostasiens.
Der Wagen hielt vor der nächsten Ärztestation. Pfleger kamen und trugen das Bündel Mensch, das in den Fetzen der weißen Seide fror, zu dem diensttuenden Arzt. Der Schmale sah sich um. Er winkte dem Polizisten, der neben der Tür stand.
»Protokoll aufnehmen«, sagte er. Die Zunge gehorchte ihm kaum, gedörrt von Durst.
Der Polizist trat hinter ihm ins Haus.
»Warten Sie!« sagte der Schmale, mehr mit der Kopfbewegung als mit Worten. Er sah auf dem Tisch einen gläsernen Krug voll Wasser stehen, die Kühle des Wassers hatte ihn mit tausend Perlen beschlagen.
Der Schmale trank wie ein Tier, das aus der Wüste zur Tränke kommt. Er setzte den Krug ab und fror. Als ein kurzer Schauder ging das Frieren durch ihn hin.
Er wandte sich um und sah den Mann, den er hergebracht hatte, auf einem Bett liegen, über das ein junger Arzt sich beugte.
Die Lippen des Kranken waren von Wein benetzt. Die Augen standen ihm offen und starrten zur Decke, und aus den Augenwinkeln rannen sanft und unaufhaltsam Tränen um Tränen über seine Schläfen. Es war, als hätte der Mensch keinen Teil an ihnen, als tropften sie aus einem zerbrochenen Gefäß und könnten nicht eher mit Tropfen innehalten, bis das Gefäß ganz leergeronnen war.
Der Schmale sah dem Arzt ins Gesicht; der hob die Achseln. Der Schmale beugte sich über den Liegenden.
»Georgi«, sagte er halblaut. »Hören Sie mich?«
Der Kranke nickte; es war ein Schatten von Nicken.
»Wissen Sie, wer ich bin?«
Ein zweites Nicken.
»Sind Sie imstande, mir auf zwei oder drei Fragen Antwort zu geben?«
Abermals Nicken.
»Wie kamen Sie zu der weißseidenen Tracht?«
Für lange Zeit erhielt er keine Antwort außer dem sachten Fallen der Tränentropfen. Dann kam die Stimme, leiser als ein Hauch: »Er tauschte mit mir …«
»Wer?«
»Freder … Joh Fredersens Sohn.«
»Und dann, Georgi?«
»Er sagte mir, ich sollte auf ihn warten.«
»Wo warten, Georgi?«
Eine lange Stille. Dann kaum vernehmbar: »Neunundneunzigster Block. Haus sieben. Siebenter Stock.«
Der Schmale fragte nicht weiter. Er wußte, wer dort wohnte. Er sah den Arzt an; der machte ein völlig undurchdringliches Gesicht.
Der Schmale holte Atem, als ob er seufzte. Er sagte, mehr beklagend als sich erkundigend: »Warum sind Sie nicht lieber dorthin gegangen, Georgi?«
Er wandte sich zum Gehen und hielt still, als ihm Georgis Stimme tastend nachkam.
»Die Stadt … Das viele Licht … Geld, mehr als genug … Es steht geschrieben: Vergib uns unsere Schuld, und führe uns nicht in Versuchung …«
Seine Stimme losch aus. Der Kopf fiel auf die Seite. Er atmete, als weine seine Seele, da seine Augen es nicht mehr vermochten.
Der Arzt räusperte sich vorsichtig.
Der Schmale hob den Kopf, als sei er angerufen worden, und senkte ihn wieder.
»Ich komme noch einmal zurück«, sagte er sehr leise. »Er bleibt in Ihrer Obhut.«
Georgi schlief.
Der Schmale verließ das Zimmer, gefolgt von dem Polizisten.
»Was wollen Sie?« fragte der Schmale mit einem zerstreuten Blick.
»Das Protokoll, Herr.«
»Was für ein Protokoll?«
»Ich sollte ein Protokoll aufnehmen, Herr.«
Der Schmale sah den Polizisten an, sehr aufmerksam, fast grübelnd. Er hob die Hand und rieb sich über die Stirn.
»Ein Irrtum«, sagte er. »Das war ein Irrtum.«
Etwas verwundert, denn er kannte den Schmalen, grüßte der Polizist und entfernte sich.
Der Schmale blieb auf derselben Stelle stehen. Immer wieder, mit der gleichen, ratlosen Gebärde, rieb er sich über die Stirn.
Denn er wußte nicht (was aber September wußte und was sein Lächeln so friedlich sein ließ), daß mit dem ersten Schluck von Wein oder Wasser jegliches Erinnern an das Rauschgift Maohee, das in der Luft von Yoshiwara lebte, auslosch.
Er schüttelte den Kopf, stieg in den Wagen und sagte: »Neunundneunzigster Block.«