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XV.
Neuere Graphiker, Maler und der Fall Anders Zorn

Von Chodowiecki, Graff und Dietrich zu Menzel und Liebermann, Thoma und Ury, Corinth und Slevogt. – Die Kunstblätter aus Hermann Strucks »Die Kunst des Radierens« werden »signiert«. – Die Abzüge zu den Platten von Zorn-Radierungen. – Unbrauchbarmachung der Anders Zorn-Platten.


»Musterkollektionen« im wahrsten Sinne des Wortes sind sonst auf dem weiten Gebiet der Graphik, der Münzen und Autographen üblich. Ich meine das so: die Graphik, Münzen- und Autographen Händler senden auch heute noch ihren »Committenten« kleine Kollektionen zur »Ansicht«. Und dann erfolgen die »Aufträge«. Es ist der gleiche Vorgang, wie er sich z. B. in den Tagen Goethes abspielte, als der Dichter mit dem Universitätsproklamator J. A. G. Weigel in Leipzig, dem Gründer des heutigen Hauses C. G. Boerner korrespondierte. Weigel sandte Graphik, aber auch Handschriften, und was seine der »liebwertesten« Sammlungen anlangte, die Goethe zusammentrug, nämlich die der Medaillen und Münzen, – er besaß allein an 675 Medaillen –, »sorgten« schon die damaligen Münzhandlungen für den Nachschub. An Weigel schrieb der Dichter: »Fahren Sie auch künftig fort, auch für mich und meine Liebhaberey zu sorgen.« Aber daß auch damals in den »Musterkollektionen«, so sorgfältig und ernst sie auch zusammengestellt worden sein mögen, gefälschte bezw. verfälschte Graphik lag, erscheint so gut wie sicher.

Wir haben ja gesehen, daß Dürers Graphik bereits zu Lebzeiten des Meisters gefälscht worden ist, und daß man Rembrandt nachradiert hat. Und als Callot, der Stecher der »großen Kriegsübel« in »Mode« kam, stach man den Meister von Nancy nach, und das Gleiche widerfuhr dem Wenzeslaus Hollar, als um die Mitte des 17. Jahrhunderts der Ruhm seiner Graphik von England aus in die Welt ging. Der große Prager Meisterstecher lebte damals bei dem großen Kunstsammler Thomas Howard Graf Arundel. Ein Nachkomme Arundels, den Rubens und van Dyck gemalt haben, ist der vortreffliche Londoner Hollar-Kenner, Major Howard. Ihm dürfte gewiß, ebensowie dem erfahrenen Prager Hollar-Sammler und -Forscher Franz Sprinzels, schon mancher Stich »nach« Hollar unter die Finger gekommen sein.

1793 beklagt sich Daniel Chodowiecki in einem von seinen Briefen an Anton Graff, den Meister von Winterthur, daß viele Sammler durch sehr gute Fälschungen seiner Blätter betrogen worden sind, und »so verdoppeln die Schmerzen, denn man muß die Kopie ebenso theuer bezahlen, ob sie Originale wären.« Fast um die gleiche Zeit macht sich Johann Heinrich Tischbein (II) an das Nachahmen der Rembrandtschen Radierungen, – er radiert »nach« Rembrandt –, und Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, der um neun Jahre jünger ist und das Bild »Goethe in Italien« malt, kopiert in kleinem Format Gemälde nach Giorgione, Rembrandt, Potter und anderen beliebten Meistern.

Und als dieser Tischbein in Holland gearbeitet hat, ist ein »Hundertguldenblatt« des Dresdners Christian Wilhelm Ernst Dietrich, dieses »Allerweltsmalers«, wie ihn Bode zu nennen pflegte, auf dem Markt gewesen. Dietrich oder Dietricy hatte 1731 Rembrandts »Christus heilt die Kranken« (um 1649) in Rembrandts »Manier« radiert, und der Handel reflektierte bald auf das Blatt, weil es weitaus billiger zu haben war als das geniale Rembrandtsche Vorbild. Eigentlich aber ist dieses Dietrich'sche Blatt als geistige Fälschung nach Rembrandt anzusehen, ebensowie manche andere Radierung des Dresdners, zum Beispiel der »im Geschmack Ostades« 1741 entstandene »Scherenschleifer«. Es »läuft« ja noch heute Graphik von Dietrich, die ein Jahrhundert nach dem Tode des Künstlers, dem Winckelmann den etwas überschwänglichen Namen »Raffael der Landschaftsmalerei« gegeben hat, unter dem Namen der Rembrandt und Ostade. Und geradezu »marktgängig« war sie noch in den Tagen, in denen bei Firmin-Didot (Paris, 1877) der zweite Zustand von Rembrandts »Bürgermeister Six« schon 17.000 Francs erzielte. Einer von den zweiten Zuständen des Bürgermeisters Six, nämlich das Exemplar der Sammlung Holford, das 1893 nur 9.500 francs gebracht hat, kostete, nebenbei bemerkt, im Jahre 1909 in der Pariser Auktion Hubert 71.000 francs. Man kann sich denken, wie »revolutionierend« dieser große Rembrandt-Preis auf die Fälscher bezw. Verfälscher der Rembrandtschen Graphik gewirkt haben muß!

Auch Menzels Graphik wurde verfälscht. Zeichnungen von Max Liebermann wurden nachgeahmt, schlecht und recht, und im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts, da sich der Antipode Liebermanns, Lesser Ury, mit seinen einzigartigen licht- und luftgesättigten Pastellen durchzusetzen begann, kamen auch falsche Ury-Pastelle auf dem Markt vor. Übrigens sind dann in den 20er Jahren, da Ury, neben Hans Thoma, das einzige Ehrenmitglied der Berliner Sezession wurde, und eine so große Malerpersönlichkeit wie Lovis Corinth für den jüngeren Kollegen selbstlos eintrat, auch die Ury'schen Straßenbilder in Fälschungen im Handel erschienen. Der Meister, der einst Menzel den Michael Beer-Preis der Berliner Akademie verdankte, ist, – und dieses künstlerische Verdienst kann ihm niemand nehmen –, der Entdecker des malerischen Berlins gewesen. Mir brachte man ins »Berliner Tageblatt«, dessen Kunstkritiker ich war, vier Bilder »Berlin bei Nacht«, um den Biographen Urys zu fragen, ob es »auch echte« Urys wären. Ich erkannte die Fälschungen schon an ihrer thranigen Öligkeit und an der merkwürdigen »Signatur«, und ich nannte sofort auch den Namen des Malers, der sie gemalt haben könnte. Hätte ich den Meister selbst gefragt, so würde er mich wohl samt den falschen Bildern aus dem Atelier gewiesen haben. Er war nämlich ein ganz origineller Kauz. Als z. B. an Urys 60. Geburtstag Lovis Corinth mit seinen Kollegen vom Vorstand der Berliner Sezession im Atelier des Künstlers war, und Urys Freunde Geheimrat Dr. Georg Minden und dessen Frau Franka, meine Wenigkeit und meine Frau zusammen mit Corinth an einem Tisch saßen, sagte Corinth in seinem heftigsten Ostpreußisch: »Heute hat er uns nicht 'rausjeschmissen!« – »Wie meinen Sie das, Meister,« fragten wir. Und Corinth antwortete: »Als ich 1913 mit meinen Kollegen zum ersten Mal bei Ury anklopfte, damit er in der Sezession ausstellen solle, öffnete er die Tür, sah mich und sagte freundlich: »Guten Tag, guten Tag, Corinth, ich bin nicht zu Hause.«

Auch Corinth, der große Maler, aber nicht der große Graphiker, wurde von den Fälschern nicht geschont, und ebenso erging es Max Liebermann, unter dessen Flagge z. B. 1918 zwei Buntstift-Zeichnungen segelten, deren Unterschrift, wie Emil Waldmann feststellte, »von der gleichen Hand« stammten, und die »mit demselben Stift gemacht« waren, »wie die Zeichnungen selbst«. »Wirklich geschickt,« sagte Waldmann, »waren nur die Unterschriften gefälscht. Die Zeichnungen selbst gaben kaum äußerlich die Art Liebermannscher Zeichnungen wieder, innerlich und genau betrachtet erwiesen sie sich als äußerst kümmerliche Machwerke«. Und unter den Meistern der deutschen Moderne hatte auch Max Slevogt, dessen Zeichnungen und Aquarelle namentlich in den großen Auktionen, die Paul Graupe in Berlin veranstaltete, zu beachtenswerten Preisen angestiegen sind, das Los, gefälscht zu werden. Emil Orlik, der aus Prag gebürtige Meister, Slevogts bester Freund, wurde mehrfach in Anspruch genommen, um Blätter, die »als« Slevogt durch den Handel wanderten, aber von Sammlern nicht für echt gehalten wurden, zu prüfen. Orliks scharfes Auge erkannte sofort die »Lässigkeit des Strichs«, die »nicht Slevogts Sache war«, und als eines Tages, – bei Paul Graupe war es –, Slevogt selbst herangeholt wurde, erklärte er das betreffende Aquarell für »ein falsches Märchen« aus seinen Alibaba-Improvisationen. Aber die Angelegenheit schien ihm Spaß zu machen, regte ihn absolut nicht auf, wie ihm dies mit den Sammlern passierte, die, wie er mir einmal sagte, »hinter« ihm her waren. Solche Fälschungen brachten ihn also nicht »außer Atem«. Und als Orlik meinte: »Das hat einer von unseren Schülern verbrochen!«, lachte sich Slevogt »eins«.

Reine Graphik von Corinth, Struck, Ury, Liebermann, Slevogt, Orlik, Oppler ist meines Wissens weder gefälscht noch verfälscht worden. Das wäre für die Fälscher, wie ich schon in meiner »Technik des Kunstsammelns«, Berlin (1925) ausführe, denn doch zu riskant. Da sie allerdings kein Mittel scheuen, um zu Geldern zu kommen, suchen sie z. B. jene Drucke von Anders Zorn zusammen, die einst im »Pan« erschienen sind oder in dem weitverbreiteten Buch »Die Kunst des Radierens« von Hermann Struck, der selber, – der Meister lebt seit Beginn der 20er Jahre in Haifa in Palästina –, Köpfe wie Liebermann, Corinth und Ury das Radieren gelehrt hat. Derlei Blätter aus Strucks Buch, darunter ein Blatt des Zorn, bieten die Fälscher dann »signiert« den Sammlern und Händlern an.

Anders Zorn fiel den Fälschern zum erstenmal in die Hände, als manche von seinen Radierungen in Paris es zum ersten Mal auf 10.000 francs brachten und nach Amerika gingen. In Paris hatte der Schwede, der 1920 verschied, seinen Hauptkreis, während man in Schweden selbst, in seiner Heimat, meinte, er empfinde nur pariserisch, was übrigens nicht richtig ist, und er sei auch im französischen Plenairismus steckengeblieben. Sicher ist nämlich, daß Zorn die Wege der französischen Moderne ging und mit der Luft verwachsen schien, in der Manet und Monet geschaffen haben, aber ebenso sicher ist, daß er, technisch, nicht zu kurz dabei kam, und daß sein schwedisches Malerauge, das tief in das Volkstum seiner dalekarlischen Heimat sah, auch künstlerisch-graphisch sich schärfte. Als Radierer war er ein Bahnbrecher. In seiner Hand, die das »Gewirr von lebendig zuckenden Strichen« zu meistern verstand, wurde seine Radiernadel, wie Hermann Struck sich ausdrückt, zum »Zauberstabe«.

Aber dieser »Zauberstab« wurde dem Nachruhm des schwedischen Meisters zum Verhängnis. Es war im Jahre 1927, als mir von Schweden aus mitgeteilt wurde, daß Frau Emma Zorn, die Witwe, Abzüge zu Platten von Zorn-Radierungen herstellen ließ und sie signierte. Tatsache war nun, – ich erkundigte mich natürlich sofort an den maßgebenden Stellen in Schweden –, daß beim Ableben des Künstlers, wie mir C. E. Fritzes Kunsthaus in Stockholm schrieb, ein Teil von den Zornschen Radierungen gefunden wurde, die der Künstler nicht mehr hatte signieren können. Einige von diesen Radierungen ließ Frau Zorn in den Handel gehen, indem sie sie mit der schriftlichen Bestätigung versah, daß sie aus Zorns Privatbesitz kommen. Die Bestätigung auf diesen Abzügen lautet: Auf der Vorderseite »Anders Zorn g. Emma Zorn«, auf der Rückseite »Att denna etsning tillhört Anders Zorns efferlämnde samlingar nitygas Emma Zorn«. Das heißt: »Dass diese Radierung zu Anders Zorns hinterlassener Sammlung gehörte, bescheinigt Emma Zorn« …

Durch die Mitteilung Fritzes, der mir noch schrieb, daß die Radierungen mit der Bescheinigung der Frau Zorn äußerst selten wären, da die meisten der Zorn-Platten schon zu Lebzeiten des Künstlers vernichtet worden sind, wurde die Anders Zorn-Affaire selbstredend aufgeklärt. Aber es wäre schon klüger gewesen, wenn Frau Zorn vor der Ausgabe der nachgelassenen Abzüge sich mit dem Stockholmer Kupferstichkabinett in Verbindung gesetzt hätte, denn man würde ihr dort gesagt haben, daß ein sozusagen behördlich geschützter Nachlaßstempel besser am Platz gewesen wäre, als die schriftliche Bescheinigung, die schließlich auch »nachgeschrieben«, also gefälscht werden kann.

Ich kann mitteilen, daß im ganzen »bloß« 10 oder 11 Anders Zorn-Platten nicht zerstört worden sind, darunter die Radierung »Auf der Themse« und »Selbstbildnis 1889«, deren Platten im Nationalmuseum in Stockholm deponiert sind, die Platte zu »Antonin Proust«, die der Bibliothèque Nationale in Paris gehört, die Platte »Advokat Wade« (im Besitz von Sir Ernst Cassel in London), »Prins Eugen« (im Besitz von Prinz Eugen von Schweden), die Platte zu »S. Loeb«, die Mr. Jacob Schiff in New York besaß, den einmal Hermann Struck porträtiert hat, die Platten »E. R. Bacon« und »Frederick Keppel II« (D. Keppel, Chicago), die Platte zur »Liebesnymphe« ist verloren gegangen, und die Platte »Christian Aspelin« liegt in einer privaten Sammlung. Alle übrigen Platten zu den Zornschen Radierungen sind, wie erwähnt, schon zu Lebzeiten des Meisters vernichtet worden.

Die Unbrauchbarmachung geschah so, daß man dicke Striche über die Köpfe der Dargestellten oder quer über die Radierungen zog, zwei bis vier dicke Striche. Neudrucke von diesen Platten sind also nicht möglich. Jene Blätter aber, die aus dem »Pan« kamen, sind in einer »Musterkollektion« Gutekunst und Klipstein in Bern »zur Begutachtung der Unterschrift« eingesandt worden. Die Signaturen-Fälschungen waren sehr raffiniert. Dem Berner Hause, das von Dr. August Klipstein geleitet wird, begegneten aber auch schon lithographierte Fälschungen der Unterschrift, die in täuschender Weise den grauen Bleistiftstrich imitieren. Was aber nur mit einer starken Lupe zu konstatieren ist!


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