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Erinnerung an die Böcklins im Hause Eduard Arnhold. – Böcklins Sohn Carlo über die »Wiederholungen« der Bilder des großen Baseler Meisters. – Giovanni Segantini und seine Technik. – Die sogenannten Budapester Segantinis.
Der Chemiker hatte seine Schuldigkeit getan, als es um die Echtheitsbestätigung für die »Flora«-Büste ging. Die chemische Analyse der Wachsfarben, die Raehlmann durchführen konnte, bestätigte die Kennertat Bodes. Und auch der Röntgenphotograph bewährte sich in zahlreichen Fällen, in denen man alte Meister zu prüfen hatte. Aber die Ansicht, daß bei der Untersuchung eines modernen Bildes eigentlich gleich der erste Blick entscheiden sollte, ohne daß man noch die modernen technischen Hilfsmittel anwenden müßte, auf die ich noch zurückkommen werde, läßt sich von einem, der sich Jahrzehnte lang auch mit der Moderne beschäftigt, jederzeit vertreten.
Um die Zeit, da die Hausse für die französischen Impressionisten einsetzte und die Maler, die in Paris oder Wien »angestellt« waren, um Landschaften auf Corot, Courbet herzurichten, Ballettscenen auf Degas, »Frühstücke im Freien« auf Manet und Monet, himbeerfarbene Stilleben auf Renoir, hat auch schon die Gegenbewegung gearbeitet. Man darf eben nicht vergessen, daß gerade unter den Durchschnittsfälschern Maler von verschiedenem Maß sitzen, – von »Qualität«, möchte ich nicht sagen, denn sonst hätten sich die meisten von ihnen nicht gar zu oft blamiert! –, und daß die einen impressionistisch »denken«, die anderen à la Böcklin und Thoma.
Der Schweizer Böcklin stand zwar in den 90er Jahren hoch im Preise, und die Aufgabe, ihn zu imitieren, lockte. Es fehlte aber den Nachahmern erstens die Technik, zweitens die Phantasie. Und so begnügten sich die Winkelkunstladen in der Zeit, da die »Meeresidylle« mit 100.000, Mark bewertet wurde, mit sogenannten Bildern »in Böcklins Manier«, die öfter mit Röcklin signiert waren. Solche Öl- oder Temperastücke hatten vor den Böcklin-Reproduktionen schon das eine voraus, daß sie als Originale galten. Denn beim Meister selbst zu kaufen, war ein besonderer Glücksfall, und in diesem Falle mußten sich die großen Sammler, wie etwa Eduard Arnhold in Berlin, die Böcklins förmlich erstreiten.
Arnhold, in dessen Berliner Haus ich verkehrt habe und aus dessen einzigartiger Sammlung an Werken der Böcklin, Menzel, Liebermann, Uhde, Ury und der französischen Meister wie Courbet, Manet, Monet, Cézanne ich manches erstrangige Stück in meiner »Technik des Kunstsammelns« (Berlin, 1925) publizieren durfte, erzählte mir hübsche Episoden aus dem Leben des großen Schweizers, dessen letztes Werk von 1899, das Triptychon mit dem Motto aus Schillers »Jüngling am Bache« er noch hatte erwerben können, und es interessierte den Sammler wieder sehr, als ich ihm, zur »Revanche«, von den Begegnungen sprach, die ich 1909 mit Böcklins Sohn Carlo und mit Ferdinand Runkel hatte, der damals gerade, zusammen mit Carlo, die Herausgabe der Flugstudien und Briefe Arnold Böcklins vorbereitete. Runkel berührte das Thema von den angeblichen Fälschungen Böcklinscher Gemälde, von denen einmal Richard Muther fabuliert hat, und Carlo, der als Maler durchaus anders geartet war als sein berühmter Vater, – Carlo malte die Landschaft um Florenz in heller, duftiger Verschwommenheit –, tat die Affaire mit dem Satze ab: »Die »Sache ist lächerlich dumm«. Dann aber erzählte Carlo von den » Wiederholungen« mancher schon »populär gewordener Bilder«. »Mein Vater,« sagte er zu Runkel, »kopierte sich nie. Wenn er ein Bild wiederholte, hatte er niemals weder das Original noch eine Photographie noch eine Skizze zur Hand. Das Bild stand in seinem Geiste so fest und sein Gedächtnis für Form und Farbe war so stark, daß er frei das Bild noch einmal schuf. Seine Wiederholungen waren fast immer Varianten«.
Dieser Ausspruch des Böcklinschen Sohnes erscheint mir gerade mit Rücksicht auf die öfter wiederkehrende Meinung wertvoll, daß Wiederholungen nicht für so »voll genommen« werden wie die ersten Fassungen der Bilder. Es gibt aber selbst von sehr hervorragenden alten Gemälden Repliken, die stärker wirken als die ersten Fassungen. War hier der Meister selbst am Werke, was sich nachweisen läßt, wenn ein scharfes Auge die Einzelheiten des Malvortrags genau verfolgt, so darf man dessen sicher sein, daß in der Wiederholung, in der Replik, irgendwelche Partie, die im ersten Bild nicht sofort geglückt ist, reifer herauskommt, weil der Künstler, der sich irgendwelcher Unterlassungssünden bewußt wird, in der Replik die Korrektur ohne jedes Hemmnis durchführt. In solchen Fällen den Begriff der Fälschung anzuwenden, erscheint widersinnig. Auch der Begriff der Verfälschung ist bei Bildern, die das Atelier des betreffenden Meisters nicht verlassen haben und nur von ihm selbst »korrigiert« sein können, durchaus nicht am Platze.
Einer, der irgendwie mit Böcklin verwandt ist, war Giovanni Segantini aus Arco. Verwandt? Er hat die schweizerische Luft geliebt, wie der gebürtige Baseler, und er war als Maler ein Techniker, der dem Maler Böcklin als Maler-Techniker kaum nachstand. Und »etwas von der Böcklinschen Romantik«, sagte einmal Alfonso Canciani, der hervorragende, jetzt in Triest lebende Bildhauer, von dem der beste »Dante« ist, den ich je gesehen habe, ist »auch in Segantini« gewesen. Und wenn wir dann noch auf die Begierde kommen, die die Fälschergilden zeigten, um den Segantini in betrügerischer Absicht zu kopieren, so wie sie es bei dem großen Baseler getan haben, so finden wir schon mehrere verwandtschaftliche Punkte. Segantini, der allzufrüh, 1899, zwei Jahre vor Böcklin, im Alter von 41 Jahren dahingegangen ist, war nicht bloß marktlich, sondern auch kunstliterarisch hoch geschätzt. Dafür sorgte schon das monumentale Segantini-Werk, das Franz Servaes geschrieben hat. Und die populäre Ausgabe brachte das Pionierwerk des Kunstschriftstellers für den Meister von Maloja noch stärker vorwärts, der schon als Dreißigjähriger ganz respektable Preise erhalten hatte. Damals erwarb der italienische Staat sein Tierstück »An der Barre« für 30.000 Lire. Und als ein paar Jahre nach dem Tode des Künstlers, und zwar fast genau in den Tagen, da man von falschen Böcklins fabelte, die auf dem Markt wären, eine ganze Kollektion von falschen Segantinis im Kunsthandel erschien, tauchte die Version auf, daß sich unter den Fälschern auch einer von den Söhnen des Malers befände. Beweise dafür besaß man nicht. Aber die Bilder selbst, die im Handel waren, wurden als Fälschungen aufgedeckt. Man nannte sie die »Budapester« Segantinis, denn sie machten die Welt von Budapest aus unsicher. Und 1934 kamen abermals Segantini-Fälschungen vor. Einem Sammler in St. Gallen wurde eine Engadin-Landschaft angeboten, von der Gottardo, einer von den Söhnen Giovannis, erklärte, daß sie falsch sei.
Die Farben dieser gefälschten Segantinis scheinen in ähnlicher Weise »prismatisch zerlegt«, wie die einstige Technik des Meisters es aufzeigt. Giovanni grub förmlich, – und so war es im letzten Jahrzehnt seiner Arbeit in Maloja –, Farbe um Farbe in die mit braunrot grundierte Fläche ein, legte Zwischenräume zwischen die einzelnen Farbschichten und füllte erst später die »Gruben« mit Farbe aus. Das übrige tat das elastische französische Messer. Mit diesem Spachtelmesser schliff der Künstler die Farben ab und glättete jene Stellen, die zuvor mit dem Ende des Pinselstiels aufgewühlt worden waren. Die Fälscher nun ahmten diese Technik nach, vergaßen aber die Grundierung mit dem Segantinischen Braunrot durchzuführen. Und noch eins und ein anderes vergaßen sie: daß der Meister von Maloja seine Farben immer von der gleichen französischen Quelle bezogen hat, was – in diesem Falle! – die chemische Untersuchung gleich feststellen kann, und daß er mitunter zwischen die Farben pulverisierte Silber- und Goldplättchen verstreut hat. Diese technischen Kniffe hatten die Fälscher übersehen, und dank diesen Fehlern glückte die Aufdeckung des Betruges. Im übrigen hatte einst Gottardo Segantini einen Nachlaßstempel anfertigen lassen. Da aber das Bild aus St. Gallen einen andern Stempel trug, konnte sofort auf die falsche Herkunft hingewiesen werden. Der Fälscher selbst ist nicht gefaßt worden.