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IX.
Der van Gogh-Prozeß

Die Wackerschen van Gogh's und die Experten. – Vincent und der Kunsthandel. – Die Frage der Qualität des Kunstwerks. – Die »Naturtreue« des holländischen Meisters und der Berliner Prozeß. – Der einzigartige Rhythmus van Goghs.


Ich zitierte die Bemerkung, die Max Liebermann anläßlich der Leibl-Ausstellung über den van Gogh-Skandal gemacht hat. Die van Gogh-Affaire war damals nämlich »im Rollen«, und da ich sie vom Anfang bis zum Ende miterlebt habe, und da sie den anscheinend wichtigsten Fälscher-Prozeß nach sich zog, der jemals geführt worden ist, möchte ich die Affaire zusammenfassend, aber so behandeln, daß sie nicht allein das Fachpublikum interessieren könnte, sondern alle kunstfreundlichen Kreise.

Es war im Herbst 1927, als ich Meier-Graefe besuchte und ihn einlud, am Kunstteil des »Berliner Tageblatt«, den ich leitete, mitzuarbeiten. Er zeigte mir bei dieser Gelegenheit etliche amüsante Dinge, u. a. zwei Landschaften, bei deren Anblick ich ausrief: »Das sind ja zwei falsche van Goghs.« – »Aber wie können Sie,« schrie M.-G … »Sie sind doch nicht van Gogh-Spezialist. Und überhaupt: der Bursche hat auch schlecht gemalt.« – Schön, dachte ich bei mir, aber ich erzählte davon verschiedenen Bekannten, u. a. auch den Inhabern des Hauses Paul Cassirer, Dr. Grete Ring und Dr. Walter Feilchenfeldt. Diese machten zu Beginn des Jahres 1928 ihre van Gogh-Ausstellung und brachten auch etliche van Goghs aus dem Besitz Otto Wackers. Wacker hatte in Berlin eine Kunsthandlung. Seine Ausstellung der Zeichnungen van Goghs, für die Meier-Graefe den Katalog gemacht hatte, gefiel sehr. Der Berliner van Gogh-Biograph sowie sein holländischer Kollege Dr. de la Faille arbeiteten mit Wacker, und so kam es, daß sie beide 33 Bilder, die der Kunsthändler als van Goghs bei sich hatte, für echte van Goghs erklärten. Alle diese 33 van Goghs sind im van Gogh-Oeuvre, das de la Faille 1927 bei G. van Oest, Paris-Brüssel, erscheinen ließ, als echt vermerkt. Daß er dann mehr als zwei Jahre später einen vier Blatt umfassenden Nachtrag zu Band I und II seines »Catalogue Raisonné« unter dem Titel »Les Faux van Gogh« herausgab, verschärfte den Fall van Gogh, und der holländische Kunstkritiker Cornelis Veth, der 1932 unter dem Titel »Falsche Expertisen? – falsche Experten« einen »Beitrag zur posthumen Tragödie van Goghs« schrieb, hatte recht, daß er jenen Titel lächerlich nannte. »De le Faille übersieht« sagte Veth, »daß natürlich täglich neue Fälschungen hinzukommen können.« Diese Schrift von Veth ist unstreitig ein wertvolles Dokument zu der Berliner van Gogh-Affaire, und diese Schrift bedeutet auch eine Ehrenrettung von H. P. Bremmer, dem Berater des hervorragendsten van Gogh-Sammlers, der Frau Kroeller-Müller im Haag. Bremmer war und ist zweifellos der Pionier und Kenner der Kunst des van Gogh. Die Sammlung Kroeller-Müller ist Holland gestiftet worden.

In der Affaire schien die Sache mit der Herkunft der Bilder von Wichtigkeit. Die Experten hofften, daß Wacker die Herkunft nennen werde. Die Frage war umso bedeutungsvoller, als man über das Lebenswerk des holländischen Meisters, dessen erste Malversuche bis zum Jahre 1879 zurückgehen, und der 1890 seine letzten Bilder in Auvers gemalt hat, genau orientiert ist. Wacker nun hat, als die Affaire zu »spielen« begann, und die Experten, deren Gutachten bei den 33 angezweifelten Bildern auf echt gelautet hat, immerzu drängten, versprochen, den »bekannten russischen Sammler«, der »in der Schweiz lebt«, bis Ende 1928 zu nennen. Ich war und bin wirklich kein van Gogh-Spezialist, aber ich stand und stehe auf dem Standpunkt, daß durchaus nicht alle von den 33 Wackerschen van Goghs Fälschungen seien. Man mußte es doch als eine Tatsache hinnehmen, daß ein so glänzender Restaurator wie de Wild, derselbe de Wild, der die Regentenstücke des Frans Hals im Haarlemer Museum wiederhergestellt hat, sofort nach der Untersuchung einiger von de la Faille nachträglich als unecht bezeichneter van Goghs die Erklärung abgab, daß die verwendete Farbe mindestens 30 bis 35 Jahre alt wäre. Wir hatten somit, glaube ich, eine Reihe von eigenhändigen, aber schwächlichen Repliken van Goghs vor uns, denn vor 30 bis 35 Jahren dachte noch kein Mensch daran, van Gogh zu fälschen. Damals waren seine Bilder für kaum mehr als etliche hundert Francs zu haben. (Abb. 34)

Diese höheren Preise setzten erst ein, als Paul Cassirer anfing, sich mit van Gogh zu beschäftigen. Liebermann hatte nämlich die van Goghs bei der Witwe von Vincents Bruder Theo, Frau Cohen-Gosschalk-Bonger kennen gelernt und den Berliner Kunsthändler ermuntert, für die Malerei des Holländers einzutreten. Das ist auch geschehen, denn Cassirer kannte sich, wie kaum ein anderer, in der Kunstpropaganda aus, und er hatte, – das mußte ihm der Neid lassen –, den Blick für die Qualität innerhalb der neuen Kunst. Durch Cassirer wurde demnach auch die Bildung der Preise für die Malerei des Holländers geregelt, d. h., die Preise schnellten mit dem Steigen der literarischen Anerkennung van Goghs so in die Höhe, daß man bald unter 25.000 Mk. keinen van Gogh bekam, und daß in der zweiten Hälfte der 20er Jahre die Ziffern bis zu 25.000 Dollar (nicht Mark) hinaufkletterten. Und das war, ebenso wie bei Corot und Courbet, bei Manet und Monet, Degas und Renoir der Moment, in dem sich die Fälscher auf van Gogh warfen.

Vincent ist übrigens, – und das zeigten die unzweifelhaft falschen unter den falschen van Goghs –, sehr leicht zu fälschen. Das eine von den Zypressen-Bildern, das Ludwig Justi in der Nationalgalerie in Berlin ausstellte, suchte die »aufgeregte« Art anzudeuten, die van Gogh in seinen zwei letzten Lebensjahren 1889–1890 in Saint Remy eigen war. Die Methode des Fälschers schien bloßgelegt. Aber das möchte ich doch sagen, daß ich bei einem Teil der Wackerschen van Goghs an eine einzige Fälscherwerkstatt unter Aufsicht eines mit der Technik van Goghs sehr vertrauten Fälschers gedacht habe. Jene falschen »Zypressen« sind im Gesamtton stumpfer als die echten. Die impulsiv herausgespachtelten Farbenspritzer sind kunstgewerblicher Natur, erscheinen etwas wirr, etwas unvermittelt nebeneinandergesetzt, ohne daß sie sich vom Malgrund direkt herausheben. Und reibt man so einen Farbenspritzer ab, dann kommt man schnell auf einen weißen Untergrund, der von so etwas wie von Deckweiß herrührt, das später sozusagen gefärbt worden ist. Jenes Zypressenbild und mehrere andere gefälschte van Goghs, die mir unter die Augen kamen, machen den Eindruck von künstlich hergestellten plastischen Reliefs. Es handelt sich hier zum Teil um sehr geschickte Nachahmungen, die aber von den Kennern van Goghs doch hätten erkannt werden müssen!

Das sagte man sich nach dem van Gogh-Prozeß, der im April 1932 in Berlin zu Ende ging. Wacker wurde zwar zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, aber das Geheimnis von dem unbekannten Russen war nicht gelüftet. Das Gericht bezeichnete es als »blutige Phantasie«. Es war aber, sagte das Gericht, nicht seine Sache, die Expertise um van Gogh zu geiseln. Wacker hat, sagte das Gericht, die Bilder, deren Mehrzahl als falsch bezeichnet wurde, durch die Expertise »legalisiert«, legalisieren wollen. Was aber inzwischen mit den falschen van Goghs geschehen ist? Das weiß ich nicht. Ihre Zahl betrug vielleicht 28, vorausgesetzt, daß de la Faille recht hatte, der zuerst 33 Bilder des Wackerschen Besitzes für echt, nicht lange nachher für falsch erklärte. Und während des Prozesses sprach er die Überzeugung aus, daß 5 von den falschen van Goghs echt wären. Ich sagte, vielleicht 28. Denn im Laufe des Verfahrens zweifelte Eugen Spiro, der ausgezeichnete Maler, den blauen »Sämann« an, der von Justi von der Nationalgalerie herangeholt worden war, um an ihm, gegenüber den Wackerschen Motiven, die Echtheit demonstrieren zu können. Und Meier-Graefe, der seinerzeit die Echtheit der meisten von den Wackerschen Stücken bestätigt hatte, ging noch weiter als Spiro, indem er erklärte, er halte den blauen »Sämann« für falsch.

Den Sammlern aber wurde um ihre van Goghs bange. 832 Bilder waren von de la Faille als echte van Goghs katalogisiert worden. Im Nachtrag zum Oeuvre-Katalog sank die Ziffer schon unter 800, und nach de la Failles Auftreten in Berlin (1932) blieben 804 als echt übrig. Wird, fragt man sich, diese Zahl mit der Zeit noch zusammenschrumpfen? Wer konnte das wissen? Am wenigsten die van Gogh-Experten. Aber die ganze Affaire wäre nicht passiert, wenn der Kunsthandel aufgepaßt und sich nicht blindlings auf das Urteil der »Sachverständigen« verlassen hätte.

Nur zwei von jenen Kunsthändlern, die sich in Berlin auch um die moderne Malerei kümmerten, hielten die Augen offen: Dr. Grete Ring und Dr. W. Feilchenfeldt vom Hause Paul Cassirer. Und zu ihnen gesellte sich noch Zatzenstein von der Galerie Matthiesen. Die Übrigen versagten. Und das geschah gerade um die Zeit, da der Verband des deutschen Kunst- und Antiquitätenhandels (mit dem Sitz in München) an die Schaffung einer Sachverständigenkammer herantrat, die über »Echt« oder »Falsch« entscheiden sollte.

Das Vorbild schien gegeben. In Paris nämlich arbeitet seit langem das Syndikat der Kunsthändler und in Paris ist das Expertentum gewissermaßen verstaatlicht. In Paris haftet der Expert für die Echtheit eines Kunstwerkes, d. h.: wird ein Beweis erbracht, daß es falsch ist, dann muß es der Expert zurücknehmen. Als das Selbstbildnis van Goghs – das mit dem dicken Daumen! – aus dem Wackerschen Besitz für Mk. 65.000 an Josef Stranský ging, um dann bei Chester Dale in New York zu landen, schienen nach dem ersten Auftauchen der Nachrichten über die van Gogh-Fälschungen die Pariser Ansichten geteilt. Doch das Syndikat bezeichnete das Selbstbildnis als echt. Nach de la Faille war es 1928 echt, nicht lange nachher falsch, aber jetzt ist es wieder echt. In der Broschüre W. Scherjions, einer Studie über die von Vincent van Gogh in St. Remy gemalten »Selbstbildnisse«, wird ausgeführt, aus den Briefen des Meisters gehe hervor, daß er dort 3 Selbstbildnisse geschaffen habe, zwei 1889 und kurz nach seiner Fahrt zu Dr. Gachet, Auvers, das dritte. Cornelis Veth weist darauf hin, daß de la Faille nur zwei von ihnen nenne, daß aber Scherjions Meinung, die ihm unwiderleglich scheint, dahingehe, »das erste Portrait sei das in der Sammlung Tutein Nolthenius, das zweite sei das von Herrn de la Faille übersehene und später für falsch erklärte, das dann aus Wackers Besitz in den von Chester Dale überging, und das dritte, spätere, das aus der Sammlung Gachet. Das zweite wurde im Mai 1929 in »Voor de Kunst« in Utrecht ausgestellt.«

Josef Stranský, von dem ich sprach, stammte aus der Tschechoslowakischen Republik. Er war Kapellmeister in Prag gewesen, später in Berlin, und ging dann nach New York, wo ihm die Musik so viel eintrug, daß er Qualitäten der französischen Malerei von Corot an bis zu Courbet, Manet bis Cézanne, Matisse bis zu Utrillo zusammentragen konnte. Aber auch der Italiener Modigliani, der Spanier Picasso in seinen sanften Bildern, wie es sein »Barcelona« ist, gehörte zu Stranskýs gewähltem Kunstbesitz, über den uns 1931 eine illustrierte Publikation (Verlag von »The Arts News« in New York) Kenntnis gab. Stránský († 1936) hatte für das erwähnte Selbstbildnis van Goghs Mk. 65.000 gegeben, und der Verkauf an Chester Dale soll die gleiche Ziffer, aber in Dollar, noch überstiegen haben. Ob die Kunsthändler, die hierüber berichteten, die Wahrheit sagten, kann ich nicht sagen, aber das mit den 65.000 Mark verhält sich richtig, und es ist Tatsache, daß für van Gogh auch 70–80.000 Mark gezahlt worden sind. Naturgemäß ging es dabei um echte und unbestrittene Qualitäten.

Mit der Frage der Qualität des Kunstwerks steht und fällt der Kunsthandel. Einzig und allein die Qualität müßte ausschlaggebend sein für die Erwerbung des Kunstwerkes. »Wenn man sich,« sagte zu Beginn des 18. Jahrhunderts der Kunsthändler Gersaint, der Freund des Watteau, »nur an das Schöne und an das Vollkommene,« (also an die Qualität) hält, hat man die Genugtuung, »nur Dinge zu besitzen, die einem jederzeit gefallen.« Und rund 100 Jahre später meinte der Kenner Bonnaffet, man laufe immer weniger Gefahr, dupiert zu werden, wenn man sich in jeglichem Genre, koste es, was es wolle, nur an »das Schöne und das Vollkommene« halte, als wenn man sich mit mittelmäßigen Dingen zufrieden gebe, bloß weil sie billiger seien. Bonnaffet vergaß aber, daß seit jeher, obgleich sehr selten, auch »schöne und vollkommene Fälschungen« zu großen Preisen gekauft worden sind. Im Berliner van Gogh-Prozeß sprach Bremmer, den Haag, aus: er nehme es durchaus nicht übel, wenn man behauptet, seine »Boote von St. Maries« seien »falsch«. Er selbst sehe in dem Bilde ein Original, er selbst empfinde darin die innerliche Lebendigkeit der van Goghschen Linie. Die »Naturtreue« van Goghs, von der im Prozeß erzählt worden sei, habe mit der Kunst des Meisters nichts zu tun. Käme es darauf an, dann wäre van Gogh einer der schlechtesten Maler gewesen.

Das stimmt. Die Kunsthändler, die jene Fülle an Wackerschen Bildern gekauft haben, hätten sich mit dem einzigartigen Rhythmus van Goghs intensiver beschäftigen müssen, mit der »Gymnastik des Steigens und Sinkens der Tonwerte«, die Vincent selber in den Briefen an seinen Bruder Theo schildert. Justi hat wohl in Abwandlung eines Wortes von Fromentin gesagt, es sei »entzückend, auf so einem echten van Gogh spazieren zu gehen«. Fromentin behauptete das ähnlich von der alten holländischen Malerei. Man wohnt darin, so drückt er sich aus, man geht darin herum, blickt in die Tiefe. Ja, in die Tiefe van Goghs hätten die Kunsthändler blicken müssen, dann würden sie gemerkt haben, daß es sich bei den Wackerschen Bildern zumeist um schlechte Nachahmungen der Malereien des Holländers handelte. »Das Original«, sagt Max J. Friedländer, »ist entstanden, gewachsen, die Kopie auf kaltem Wege erzeugt«. Aber die Kunsthändler haben, ohne sich um das Große in der Malerei van Goghs zu kümmern, nichts als Expertisen gekauft. Herr de la Faille schreibt, daß die »Brötchen« echt sind. Und so weiter. Punktum. Und als man eines Tages, – das »man« bin ich, wie schon erwähnt, gewesen –, Meier-Graefe aufmerksam machte, dieser oder jener van Gogh könnte falsch sein, antwortete er: »Der Bursche hat auch schlecht gemalt.« Das kann man in einem Aufsatz, den ich unter dem Titel »Die Expertise um van Gogh« im »Berliner Tageblatt« vom 19. April 1932 veröffentlich habe, nachlesen.

Aus dem Berliner van Gogh-Prozeß, in dem das Expertentum um van Gogh fast völlig umgestoßen wurde, dürfte der ernste Kunsthandel mancherlei gelernt haben. Der Prozeß bewies, wie sehr gerade die Urteile um die moderne Malerei schwanken und wie unsicher sie selbst bei Bildern sind, die eigentlich schon im ersten Augenblick erkennen lassen, daß sie kein Meister gemalt hat. Und um derlei festzustellen, hätte man sich die sonst gewiß nützlichen Röntgenphotographen und Chemiker ersparen können.

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Abb. 23. J. Rouchomowski, Die Tiara des Saitaphernes. Gold. 460 gr schwer.
Als Arbeit der »Zeit um 200 v. Chr.« vom Louvre in Paris für 200.000 frs m Gold angekauft.
Odessaer Fälschung Rouchomowskis aus den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts.

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Abb. 24. Alceo Dossena († 1937). Marmorbüste,
Fälschung nach Verrocchio.

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Abb. 25. Alceo Dossena († 1937), Holzskulptur.
Fälschung nach einem Tafelbild des Simone Martini.


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