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IV.
Ein Zwischenspiel.
Die echte Flora-Büste

Die Gegner Bodes. – Der Leonardo-Forscher Hildebrandt führt den Nachweis der Echtheit. – Die chemische Untersuchung durch Raehlmann. – E.V. Lucas von den »Times« und sein Namensvetter, dem man die Flora-Büste zugeschrieben hat.


Die Urteile der Kunstforschung sind auch im Falle der berühmten Berliner » Flora«- Büste durch die Ergebnisse der chemischen Prüfung gestützt und ergänzt worden. Bei der »Flora« aber, die Bode in London gekauft hat, lag die Sache, gegenüber der Frans Hals-Affaire des Hofstede de Groot, insofern anders, als hier ein Teil der Kunstwissenschaft gegen die bedeutsame Erwerbung des Berliner Kenners Sturm lief. Ein echtes Werk von besonderer künstlerischer Qualität wollte man, trotz Bode und trotz den Untersuchungen, die ein Chemiker von Weltruf durchgeführt hat, zu einer Fälschung stempeln. Der schärfste Gegner der »Flora« war Gustav Pauli, der Nachfolger Alfred Lichtwarks in der Hamburger Kunsthalle. Und daneben gab es noch andere Gegner, die behaupteten, daß diese Wachsplastik des 16. Jahrhunderts nicht nur nicht ein Werk des Leonardo oder seiner Werkstatt sei, sondern daß sie überhaupt eine Fälschung aus den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts vorstellt. Das war wohl eine Privatangelegenheit der Herren, die ihre Sache zu vertreten glaubten. Daß aber G. Pauli 1931, zwei Jahre nach dem Tode Bodes plötzlich im Wiener »Belvedere« einen Aufsatz veröffentlichte, den er für »die wenig veränderte und etwas erweiterte Niederschrift eines Referates« erklärte, das »vor fünf Jahren auf der Tagung des Internationalen Museumsverbandes zu Breslau gehalten wurde«, erschien ein seltsames Unternehmen.

Er erzählte dabei die Geschichte des Schicksals der 1909 von Bode gekauften und bestimmten »Flora« mit allem Für und Wider. Unter dem Für erwähnte er: »Edmund Hildebrandt feierte sie noch unlängst als echten Leonardo«. Unlängst? Dieses »unlängst« war 1927, als der Kunsthistoriker der Universität Berlin, der als der beste Leonardo-Kenner gilt, sein Werk über Leonardo da Vinci veröffentlichte und dort, völlig unbeeinflußt von Bode, in einem eigenen großen Kapitel die »Flora«-Büste besprach. Er brachte auch ein so schlagendes Vergleichungsmaterial bei, daß selbst die verbissensten Gegner der Echtheit überrascht waren. Er erzählt haarklein die Geschichte von dem Ankauf der »Flora«, indem er betont, daß »selbst bei dem Nachweis der Unechtheit der Flora der für den Ankauf aufgewandte Preis (160.000 Mk.) gegenüber den Millionenwerten, die die Bodesche Tätigkeit und eigene Gebefreudigkeit im Dienste der Museen dem Staatsbesitz zugeführt hatten, noch nicht den Wert von ein paar Groschen repräsentiert«.

Hildebrandt geht mit kunstwissenschaftlicher Tiefe an das Problem heran. Er reproduziert genau, was die Gegner der »Flora« behaupten, spricht von der »feierlichen Erklärung«, die der Sohn des englischen Bildhauers Lucas, der 1909/10 noch gelebt hat, und seine Freunde abgegeben hätten, daß sie nämlich den alten Lucas vor 60 Jahren an dieser Flora hätten arbeiten sehen, daß der Sohn selbst am Tonmodell und an der Bemalung mitgeholfen habe usw. Und er spricht auch von den Resten alter Gewandfetzen, die sich im Innern der »Flora« gefunden hätten, von den chemischen Untersuchungen der Farben und des Wachses der Büste und schließt dann seine summarischen Vorbemerkungen mit eben jenen Worten, die, wie er ausführt, »der leidenschaftlichste Gegner der Flora an das Ende seiner Polemik setzte«. Dieser leidenschaftlichste Gegner war nämlich Pauli, und seine erste Polemik stammte aus dem Jahre 1909. P. sagte damals: »Mir scheint die Frage nach der Qualität so außerordentlich wichtig zu sein, daß mit ihrer Beantwortung alles übrige steht und fällt«.

Der Beantwortung dieser Frage, meint nun der Kunsthistoriker der Universität Berlin, sei sowohl der Fragesteller selbst aus dem Wege gegangen, indem er mit einem kategorischen Schlußsatz erklärte, er finde den für die Lucas-Arbeiten »in ihrer kleinlichen Hübschheit an Porzellanfiguren erinnernden Stil der Zeit der früheren Queen Victoria in der Berliner Flora wieder«, (Abb. 17) als auch Bode selbst, der sich in seinen Aufsätzen wesentlich »auf Ausbreitung des historischen Materials, die Aufklärung des äußeren Sachverhaltes sowie den Nachweis der Nachahmungen« beschränkte, die das angebliche Werk des Leonardo schon in der unmittelbaren Umgebung und Nachfolge des Meisters in späteren Jahrhunderten gefunden habe. »Auf derartigem Wege ist«, bemerkt Hildebrandt, »natürlich keine Klärung der Frage zu erwarten.« Wenn jemand seine Abstammung aus einem illustren Hause behauptet, so hat er den Nachweis auf Grund eines Stammbaums zu führen. Die Frage hat daher zu lauten: »Gehört die Berliner Flora ihrer künstlerischen Qualität nach in den Reigen der Leonardoschen Schöpfungen oder wirkt sie dort als Fremdkörper und Eindringling?«. Und der Kunsthistoriker führt den ernsten Nachweis, daß es sich bei der »Flora«-Büste um unvergleichliche künstlerische Werte handelt, die dieses Werk enthält. Die Frage, ob Leonardo selber oder ein Schüler die Büste nach einem (verlorenen) Originalmodell geschaffen habe, könne nur sekundäres Interesse beanspruchen.

Die »Flora« ist natürlich, da ihre Gegnerschaft wuchs, nach allen Regeln der Kunst geprüft worden. Überaus gründlich war darum auch die chemische Untersuchung der Wachsfarben, und kein Geringerer als Raehlmann führte die mikroskopische Analyse durch, von der auch Albert Neuburger in seinem Buche »Echt oder Falsch?« (Leipzig, 1927) spricht. Raehlmann fand im geschmolzenen Wachs eine Summe von Farbkörpern, die sich nur aus der Epoche der italienischen Renaissance erhalten haben können und dazu noch im Blau des Kleides und im Blond der Haare, die übrigens Hildebrandt gegenüber den Haaren der Originalbüste des Engländers Lucas stilkritisch als unbedingt renaissance-echte Arbeit bezeichnete, Fäden eines Pilzes, der zu den Bestandteilen einer Algenart gehört, die für die sogenannte »holländische Orseille« verwendet worden ist. Diesen holländischen Farbstoff aber kannte man vom 14. bis zum 16. Jahrhundert. In der Zeit, die nachher folgte, wußte man nichts von ihm. Und diese Pilzfäden stellte der hervorragende Chemiker nicht nur in den Farben der Brust der Flora fest, sondern auch im Kopf der Plastik. (Abb. 16.)

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Abb. 16. Kopf der »Flora« (Wachsbüste). Kaiser-Friedrich-Museum, Berlin.
Von W. Bode als echte Renaissance-Arbeit ( Leonardo oder Kreis des Leonardo) bestimmt. Anfang 16. Jahrh.
Die Büste ist echt, wurde aber von Männern der Kunstwissenschaft wie Pauli – Hamburg u. a. als moderne Arbeit des Londoner Bildhauers Lucas ausgegeben.

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Abb. 17. Lucas, Kopf einer Tonbüste. 19. Jahrhundert.
Nach E. Hildebrandt: »Leonardo da Vinci«. Berlin, 1927.

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Abb. 18. Der Cerveteri-Sarkophag. Stand bis in das Jahr 1936 im British Museum, London, als etruskische Arbeit (Terrakotta) aus der Zeit um 500 v. Chr. Fälschung der Pinelli-Familie (19. Jahrh.).

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Abb. 19/20. Halsuhr aus Elfenbein.
Gehäuse und Werk modern im Stil der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.
Photographische Aufnahme von Dr. Fritz Kafka, Prag (gest. 4. 8. 1937).

Auch im Falle der »Flora«-Büste hat demnach die chemische Prüfung der kunstkennerischen Methode nicht nur sehr geholfen, sondern das kunstkennerische Urteil Bodes und der anderen Forscher bestätigt. Die Gegner im kunstwissenschaftlichen Lager aber gaben ihre Bemühungen trotzdem nicht auf, die »Flora« zu einer modernen Fälschung stempeln zu wollen, und es nützte auch nichts, daß gleich zu Beginn des Angriffskrieges gegen Bode ein Kopf wie Max Dvoøák auf das entschiedenste Stellung für Bode nahm. »Es ist«, sagte der unvergeßliche Kunsthistoriker der Universität Wien in der »Neuen Freien Presse«, »auch nicht der größte Kenner davor gesichert, durch Fälschungen getäuscht zu werden. Man könnte es durch eine lange Liste von Beispielen beweisen. Umso ungerechter ist es, wenn man die Frage der Authenticität einer Erwerbung zum Anlasse nimmt, einen Mann mit Invektiven zu überhäufen, der sich um die Kunstwissenschaft so große Verdienste erworben hat. Er hat das zuwege gebracht, was man kaum für möglich gehalten hätte, beinahe aus nichts in Berlin das instruktivste Museum der Welt zu schaffen. Welchen Nutzen die Kunstgeschichte, die Kenntnis und Erforschung der Monumente davon hatte, ist kaum zu übersehen« … Heute steht im Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin, das die Schöpfung Bodes ist, dem überhaupt die Reichshauptstadt alle ihre neuen Museen verdankt, die »Flora«-Büste unter dem Namen: »Oberitalienisch, mailändisch, 16. Jahrhundert.« Ein sehr feines Wort sagte mir der aus Kolin stammende Leipziger Meister Rudolf Saudek, von dem die Spinoza-Büste der Philosophischen Gesellschaft in Haag, der »Schopenhauer« der Deutschen Bücherei in Leipzig und die Masaryk-Büste des Brentano-Instituts der Prager Universität gemeißelt sind: »Die Flora-Büste, sagte Saudek, »macht den Eindruck des Entstofflichten«.

Der ganze Streit um die »Flora« ist aber eigentlich schon lange vor dem Vortrag Paulis im Museumsverband entschieden worden. Hätte der Hamburger die »Times« in London, die von ihm früher wiederholt zitiert worden ist, aufmerksam weiter verfolgt, dann würde er 1924 die Entdeckung gemacht haben, daß derselbe Kunstgelehrte E. V. Lucas, derselbe englische Gegner Bodes, der 1909/10 die Flora seinem Namensvetter, dem Bildhauer Lucas zugesprochen hatte, sich 1924 für Bode und die Echtheit der Flora entschied. Es ist schade, daß dies sowohl dem heftigsten Gegner der »Flora« als auch Hildebrandt, dem Leonardo-Kenner, entgangen ist. Ich möchte darum das Versäumte nachholen.

E. V. Lucas veröffentlichte nämlich 1924 in den »Times« innerhalb einer großen Artikelserie über die größten europäischen Museen einen Aufsatz über das Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin, worin er über Bode u. a. niederschrieb: »Höchstwahrscheinlich hat noch niemals ein Museum einen solchen Direktor gehabt, der gleichzeitig solch ein flair für Seltenheiten und Qualitäten besaß, solch ein reiches Wissen und solch eine Überredungskunst, von den Reichen entweder Kunstwerke herauszulocken oder das Geld, sie für das Museum zu erwerben. Eine Liste der Neuerwerbungen der nationalen Sammlungen seit Bodes Tätigkeit aufzustellen, würde gewiß ein sehr bemerkenswertes Dokument sein; nicht wenige der am meisten geschätzten sind seine eigenen Stiftungen. Zugegeben, daß ihm Irrtümer vorgeworfen werden, aber im Vergleich mit dem Ergebnis seines Schaffens sind sie unwichtig.

Man wird sich erinnern, daß Bode aus englischer Quelle eine Wachsfigur der Flora erwarb (nur zu oft hat er auf unseren Auktionen triumphiert!); ob sie nun das Werk des großen Leonardo war oder eines obskuren englischen Bildhauers, der den gleichen Namen hat wie ich, war die Frage des Tages und der Witz. Ich gestehe, mich bemüht zu haben, diesen Witz zu verbreiten, aber das war, bevor ich die Figur gesehen hatte. Jedesmal, seit ich sie nun gesehen, bin ich mehr und mehr überzeugt, daß sie echter Renaissance-Abstammung ist, was für Reparaturen an ihr von der späteren englischen Hand auch vorgenommen sein mögen«!

Diese wörtliche Wiedergabe des Bekenntnisses des englischen Kunstgelehrten E. V. Lucas, das er auch in seinem Buch »A Wanderer among Pictures« (a Companion to the Galleries of Europe), London, 1924 abgelegt hat, genügt! Dieses Bekenntnis spricht Bände.


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