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Die Riesenpreise für das gotische »Holz«. – Die »richtigen« Fälscher der Holzfigur. – Präparierung von Abgüssen nach berühmten Quattrocentobronzen.
Nur Sehen und Vergleichen können dem Kunstfreund die Unterschiede zwischen Echt und Falsch klarmachen: das Vergleichen von Bild mit Bild einer Hand, von Zeichnung zu Zeichnung, von Porzellan zu Porzellan, von Glas zu Glas. Das immerwährende Vergleichen und rastlose Studium einer Materie ist die Hauptsache für den Sammler. Es wäre schon sehr wertvoll, wenn man Ausstellungen von Fälschungen, die im Kunsthandel wie im musealen Leben zum Vorschein kommen, immer wiederholte, sie durch »Neuerwerbungen« ergänzte und auf diesem Wege nicht bloß zur Bereicherung des Wissens um »Echt« und »Falsch«, sondern auch zur Verringerung des Fälscherunwesens beitragen könnte. Würde man neben charaktervolle Exemplare echter alter Majoliken die traurigen florentiner Nachbildungen der letzten Jahre setzen, neben etliche echte Limousiner Emailles die Fälschungen von Sanson aus Paris, die Imitationen der Pallissy-Ware von Pull in Paris, neben die echten altdeutschen Medaillen die Fälschungen des Dresdners Giesmann oder neben die frühen echt bemalten Meissner und Berliner Porzellangeschirre die neuen Malereien, mit denen die alten, etwas defekten Weißporzellane in der »alten Manier« geschmückt werden, dann ließe sich manches Unglück verhüten. Selbstverständlich wurden derlei Ausstellungen bisher von den musealgeschulten Spezialisten der Kunsthistorie veranstaltet. So ist es geschehen, und so soll es in Zukunft sein. Aber für die Zukunft sei nur angeregt, daß auf die Fälschungen der kunsthistorische Begriff der Zeitbestimmung nicht ausgedehnt werde. Benennungen, wie sie in den Ausstellungen von gefälschten Bildern zu sehen waren, z. B. »um 1900« oder »um 1910«, wirken deplaciert.
Bei derartigen Ausstellungen wären in Zukunft auch die einzelnen Gruppen in Künstler-Fälschungen, Durchschnitts- und Stümperfälschungen zu scheiden. Die Durchschnittsfälschungen sind vorherrschend. Soweit ich sie bisher dargestellt habe, scheint mir ihr Wesen unschwer zu enträtseln. Ich habe von dem Künstlertum Bastianinis erzählt, von dem Versuch eines Dossena, aus der Meistermalart des Simone Martini, Holzskulpturen herzuleiten, von denen innerhalb des Schaffens von Simone niemals irgendwie die Rede war, und ich erzählte auch, wie Dossena Schrotkörner ins Holz geschossen hat. Aber dieses Vorgehen, sich an die mittelalterliche Skulptur zu wagen, datiert überhaupt erst aus der Zeit der Jahrhundertwende.
Man schrieb das Jahr 1902, die Wissenschaft um die gotische Figur war noch sehr jung, – auch auf diesem Gebiet ist Bode bahnbrechend gewesen –, und es kam gerade bei Lepke in Berlin der Schloßbesitz Meinberg (mit dem allerersten Katalog des Hans Carl Krüger) zum Ausruf. Drei schwäbische Johannes-Reliefs gehörten zu den Hauptstücken und brachten nicht weniger als 1.500 Mk. Ich sage: nicht weniger, weil 1.500 Mark für derartige Holzreliefs bis zum Jahre 1902 einen noch »nie dagewesenen« Preis vorstellten. Doch schon acht Jahre später (1910) ergaben die gleichen Reliefs an der gleichen Berliner Stelle, und zwar in der Auktion der Wiener Sammlung Schwarz, 35.000 Mk! Und um die gleiche Zeit kauften I. & S. Goldschmidt, Frankfurt a. Main, die fränkische Holzfigur der »heiligen Anna«, die etwas später (um 1500) entstanden ist, – ich habe sie in der ersten Auflage meiner »Psychologie des Kunstsammelns« (Berlin, 1911) zum ersten Mal publiziert –, um 64.000 Mark.
Diese Summe wirkte sensationell, denn sie blieb etwa zwei Jahrzehnte lang der überhaupt höchste Preis, der für eine altdeutsche Plastik gezahlt worden ist. Es blieb auch kein Geheimnis, daß jene fränkische »heilige Anna« vier oder fünf Jahre vorher im Münchner Kunsthandel nicht für 5.000 Mark – »an den Mann gebracht« werden konnte. Freilich: der relativ höchste Preis, der bis heute für eine altdeutsche gotische Holzplastik ausgegeben wurde, waren 150.000 Mark, um die der (verstorbene) Münchener A. S. Drey die Johannes-Gruppe der ersten Berliner Holzskulpturensammlung Benoit Oppenheim nach Amerika verkauft hat. Das ist 1926 gewesen. Aus der Sammlung Oppenheim, in der Bode und Friedländer verkehrten, die den Sammler auch beraten haben, befindet sich manche ganz kostbare Holzskulptur im Besitz von Justizrat Dr. Bollert, dem Schwiegersohn des unvergeßlichen Porzellansammlers Prof. Dr. Ludwig Darmstaedter, der auch ein passionierter Autographenfreund war und dessen Dokumentensammlung Darmstaedter seine Stiftung an die Preußische Staatsbibliothek in Berlin bildet.
Die Sache mit den Holzskulpturen ließ die Fälscher nicht schlafen. Die Fälscher, die geschickt genug waren, auch alte Holzplastik nachzuahmen, studierten die neue, sehr begehrte Materie, und es dauerte nicht lange, da erhielt man auf dem Kunstmarkt schon etliche »interessante« gotische Madonnen. Untersuchte man aber die Figuren genauer, dann roch man noch den neuen Leim, mit dem hier Latten zusammengesägt waren, die Köpfe und »beschädigten« Hände schienen seltsam » gefaßt«, das heißt bemalt, und die Rückenpartien zeigten unzählige Löcher, die der » Holzwurm« verursacht hatte. Steckte man aber in so ein Loch eine Stecknadel, dann merkte man sofort, daß es durch das schon erwähnte Einschießen mit Schrotkörnern gebohrt worden war, denn der »Gang« verlief immer gerade, während der richtige Holzwurm, den man jetzt übrigens, wie schon gesagt, eigens züchtet, seit ungezählten Jahren und Jahrhunderten ausschließlich seine krummen Wege geht.
»Man kann aber«, sagt Hubert Wilm, der vielleicht das Beste über die »gotische Holzfigur« (Leipzig, 1923) gesagt hat, was bisher gesagt worden ist »alte Bronzen oder Miniaturen mit einigem Erfolg auch bei Fachleuten täuschend ähnlich nachahmen, man kann bei großer technischer Geschicklichkeit auch ein altes Bild fälschen; eine ganze mittelalterliche Holzfigur aber heute so herzustellen, daß sie ein technisch geschulter Fachmann für unzweifelhaft alt hält, das dürfte selbst einem sehr geschickten Fälscher in den allerseltensten Fällen gelingen. Leichter ist es natürlich, den rein ästhetisierenden Kunsthistoriker oder den Kunstfreund, dem technische Dinge nicht geläufig sind, mit guten Fälschungen zu täuschen«.
Wilm hat recht. Holzskulpturen ganz frisch »als« gotische oder »auf« gotisch herauszuputzen, ist zwar möglich, sie täuschen aber den Kenner nicht. Irgendeine echte alte Grundlage muß schon so ein Fälscher haben. Daß er aber, wie vielfach angenommen wurde, altes wurmstichiges Holz verwenden könnte, ist zu bestreiten. Aus solchem Material könnte selbst der beste Bildhauer keine Figur oder Gruppe schnitzen. Das Holz würde einfach zerfallen, Der richtige Fälscher nimmt daher gesundes Holz. Er »schneidet« daraus die von ihm entworfene gotische Figur, vorausgesetzt, daß er die Elemente der Gotik beherrscht, er ätzt dann die Figur mit Säuren und verfärbt das Holz mit hypermangansaurem Kali. Freilich übersehen dabei die meisten, daß die Säuren nur die Holzoberfläche angreifen, denn irgendein Spahn, den man abschneidet, verrät sogleich, daß unter ihm schon das frische Holz steckt.
Auch die Bronzen der italienischen Renaissance, die seit den grundlegenden Forschungen Bodes zu hohen Preisen anstiegen, – und die »Existenz« der Preise ist sicher das hauptsächlichste Lockmittel für den geldgierigen Fälscher –, werden seit Jahrzehnten nachgemacht. Die Fälscher bedecken die Abgüsse nach berühmten Stücken mit einer undurchsichtigen schwarzen Lackschicht, welche die Quattrocentobronzen in der Regel haben, und sie ahmen sogar die Patina nach, die sich auf den »Höhen« beim allmählichen Abreiben des Lacks bildet. Selbstredend gibt es auch zahlreiche Fälschungen von Bronzen der Antike. Als Adolf Furtwängler, der verstorbene Archäologe und Vater des Dirigenten, Gast des Dr. Carl Jacobsen in Kopenhagen war, jenes kunstbegeisterten Bierbrauers, der kurz zuvor seine (inzwischen) berühmt gewordene Glyptothek gegründet hatte, fand er unter den bronzenen Antiken etliche neue »altrömische« Exemplare.
Als ich vor rund einem Viertel Jahrhundert bei Dr. Carl Jacobsen in Kopenhagen war, – mein unvergessener Freund Henryk Cavling schrieb damals hierüber in »Politiken« –, sprach ich dem Bierbrauer, der ein höchst verständnisvoller Kunstfreund war, das Bedauern aus, daß er nicht ein eigenes Kabinett der Fälschungen geschaffen hat. Dieses bereitete erst später sein Landsmann Emil Hannover vor, der ausgezeichnete Direktor des Kunstindustriemuseums in Kopenhagen, und aus der Reihe der Fälschungen, die Hannover zu »sammeln« verstand, um sie als Abteilung der Fälschungen (aus dem Gebiet der Keramik) einzurichten, konnte ich (1925) etliche markante Exemplare in meiner »Technik des Kunstsammelns« wiedergeben. Aber die bronzenen Antiken Jacobsens, von denen ich sprach, waren zumeist aus Rom gekommen, wo einst selbst ein Winckelmann den Fälschern aufgesessen war.
In der ewigen Stadt gab es schließlich auch antike Fälschungen »in« Stein. Bisweilen ließ man aus einem der torsi eines torso, also aus den Fragmenten eines Fragments, eine ganze Marmorstatue aufwachsen. Doch die römische Hauptindustrie bestand und besteht immer noch in den Terrakotten, die im Material dem der echten Statuen zum Verwechseln ähnlich sind. So meisterliche Terrakottenbüsten, wie sie der Künstler-Fälscher Giovanni Bastianini, dieser ins 19. Jahrhundert verschlagene Renaissancemensch, modelliert hat, findet man allerdings heute nicht mehr.