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Mit dem neuen Jahr kam ein starker Frost in das Land. Das Knirschen des Schnees unter den Füßen von Menschen und Tieren und das Knarren der Wagenräder wurde zu einem Klingen. Es war, als klängen sogar die langen aus dem braunen Reithwasser gefrorenen Eiszapfen, die von den Dächern hingen. Die ganze staubtrockne Luft klang im Frost. Der Strom hatte ein Winterkleid angelegt, wie die letzten zwanzig Jahre kein solches gesehn hatten. Außendeichs lagen im Vorland gewaltige Eisblöcke, noch ungefüger als die Hünensteine auf den Geestheiden, und türmten sich am Stack und auf den Buhnen zu kleinen grauweißen Bergen. Die Springflut hatte sie angeschwemmt und das weite Gelände unwirtlich gemacht. Draußen auf dem Wasser ein einziges graues Feld. Ein schleieriger Nebel darüber und hoch oben gelbfahle Wolken. Die Hamburger Eisbrecher hatten ihre Arbeit einstellen müssen; und allerlei Fahrzeuge, acht große Dampfer und mehrere Segler, saßen im Eis fest und trieben nun mit den Tiden zwischen Medembüttel und Cuxhaven auf und ab. Siebrand beobachtete die unheimliche Drift jeden Tag vom Hadelworther Deich aus. Sogar der deutsche Kaiser, der See und ihrer Wechselgestalt froh, kam nach Cuxhaven gefahren um das seltsame Schauspiel zu sehen.
Noch immer färbten Abend für Abend die Wolken rot. Die Schiffe sollten sobald noch nicht aus dem Eis frei kommen.
Abend für Abend traf Hermann Siebrand das geliebte Mädchen unten am Deich. Er mußte zuvor ihren Kopf aus der schweren Pelzvermummung losschälen, wenn er sie küßte. Das gab jedesmal viel übermütiges Lachen.
Eines Abends gewahrten die beiden, wie draußen auf der Elbe rote und blaue Lichter aufleuchteten. Was hatte das zu bedeuten? Kein Zweifel, das waren Notsignale. Sogleich wollten sie zum Leuchtturm eilen, um dem alten Timm Mitteilung zu machen. Aber es kamen ihnen schon drei im Dunkel über den Deich laufende Gestalten entgegen. Feuerwärter Timm war einer von den dreien und blieb auf Siebrands Anruf einen Augenblick stehen. Es war ein Schiff in Not. Mehr wußte man auch nicht. Christian Timm hatte schon vom Turm mit einem in Teer getunkten Besen ein Flackerfeuer gegeben zum Zeichen, die Signale seien bemerkt. Wieder sah man draußen die Lichter aufblitzen. Die Not mußte groß sein. Es mußte auf jeden Fall sofort Hülfe gebracht werden. Aber wie jetzt an das Fahrzeug gelangen? Siebrand und Theda eilten den Männern unwillkürlich nach. Schiffer Feindt rief, man müßte bei der Schleuse ein Boot ins Wasser lassen und versuchen über das Eis zu kommen.
»Wenn dat man angeiht!« äußerte der dritte bedenklich.
»Wenn wir bloß noch einen dazu haben täten, einen handfesten Kerl,« meinte der Leuchtturmmann, »dann wollen wir's schon zwingen.«
Hermann Siebrand ergriff unbemerkt Thedas Hand. Ihr kräftiger Druck sagte ihm, daß sie seine Frage verstand und seinen Entschluß gut hieß. So bot er sich den drei Männern zur Hülfe an. Die waren es zufrieden. Feindt holte ihm einen Isländer, eine dicke Wolljacke. Die mußte er anziehen. Als man polternd ins Boot sprang, stieß der Leuchttürmer dem einen in die Seite.
»Markst'e Müüs, Klaas? De Deern mit den rugen Kopp is usen Schult sine.«
»Ick kenn ehr woll. Dat is di awers 'n hellschet Froensminsch. Wenn hei de kriegen deit,« damit deutete der Angeredete mit dem Daumen auf den Rektor hin, »denn ward hei nich bedragen.«
»Versteiht sick! Ick meent ook so,« sagte der andre.
Als sie abstoßen wollten und Siebrand mit der Kette noch auf der Kajemauer stand, gaben die Männer Theda den Auftrag, zu ihren Häusern zu gehn und die Frauen und Kinder vielmals zu grüßen. Sie hätten noch auf die Elbe hinausmüssen. Aus diesen einfachen Worten merkte er, wie gefahrvoll das Werk war, zu dem sie hinausfahren wollten. Er umarmte das junge Mädchen und küßte es. Vor diesen braven Leuten hatte er in diesem Augenblick keine Geheimnisse.
In der Balje, die vom Siel zum Fahrwasser hinausführte, gab es leidliches Vorwärtskommen. Schiffer Feindt wurde von den andern geneckt, daß er nun alle seine schönen Steinkohlen im Stich lassen mußte, denn morgen früh würde die Flut den ganzen schwarzen Haufen wieder weggespült haben. Feindt hatte sich schon mächtig über den Segen des Strands gefreut und hatte eine volle Stunde in schweren Seestiefeln auf dem Buhnenkopf bei den nassen Kohlen gestanden, wartend, bis das Wasser soweit abebbte, daß er sie bergen konnte. Ein Fischdampfer hatte nämlich – raffgierig wie solche Fischdampfer sind – hart zwischen den Buhnen und dem Treibeise elbaufwärts fahren wollen, war durch die Stromversetzung aus dem Steuer gekommen und auf eine Schlenge geraten und hatte nun die halbe Kohlenladung über Bord werfen müssen, um wieder flott zu werden. Jetzt saß auch der wagehalsige Fischermann weiterhin zwischen den Schollen fest, und die Schellfische und Kabeljaue und Knurrhähne waren von innen und außen doppelt haltbar in Eis eingepackt. – Aber Jan Feindt machte sich jetzt keine Gedanken über die verloren gegangenen Steinkohlen. Das Notwerk ging vor.
Als die kleine Jölle aus der Balje ins Fahrwasser kam, mußten die vier sich hart in die Riemen legen. Denn der abebbende Strom zog mit Gewalt, und alle Augenblicke drückten einzeln treibende Schollen das Boot aus der Richtung. Die eisernen Dollen kreischten im Frost unter den Zügen der Ruder. Nach einer schweren Stunde war der Rand des Eisfelds erreicht. Prasselnd und knatternd schoben die Schollen sich hier durcheinander und übereinander, daß man sein eignes Wort nicht verstand. Aber wie nun aufs feste Eis kommen? Wieder stieg eine rote Leuchtkugel auf, jetzt schon in größerer Nähe. Das gab neuen Mut. Christian Timm war der erste, der die Fangleine nahm und den gefährlichen Sprung tat auf die knirschenden Eisstücke. Er geriet mit dem linken Bein bis an die Hüfte ins Wasser, aber er griff mit den Armen voraus und hielt sich fest. Noch drei, vier Sprünge, und er war auf dem festen Eis. Dann zog er die Jölle zu sich heran, bis auch die andern herausspringen konnten. Das Fahrzeug wurde heraufgezogen und im Eis verankert.
Jetzt galt es im Dunkeln über die Eisfläche auf das Schiff los zu gehen. Das war ein mühseliges Steigen und Klettern. Bald standen die Schollen in langen Reihen wie Palisaden mit scharfzackigen Kanten steil in die Höhe gebäumt, bald waren sie zu Bergen und Tälern kreuz und quer durcheinander geschoben. Trotz der grimmigen Kälte lief dem Rektor der Schweiß über die Backen, als ginge er im Regen. Seine Kniee wollten schlaff werden vor Aufregung und Anstrengung. Aber wenn er sich nach dem Blinkfeuer umsah, bekam er frische Kraft. Dort hinter dem Deich lag Hadelworth – dort war seine Theda …
Endlich kam man ans Schiff … Endlich …
Vorn auf der Back stand einer mit einer funzeligen Öllaterne und schrie unverständliche Worte. Aber in waschechtem Pidgin-Englisch verständigte man sich bald. Der Mann ließ das Fallreep herunter und lehnte die Axt an das Gangspill. Er war sehr besorgt gewesen um sein bißchen Kostbarkeiten und hatte Seeräuber vermutet. Vor einigen Wochen waren Polacken vom Cuxhavener Hafenbau da gewesen und hatten »guten Tag« sagen wollen. Aber mit einer deutlichen Handspake war ihnen der Weg gezeigt worden.
Es war höchste Zeit geworden auf dem alten Norweger Holzkasten, daß Hülfe kam. Dem Kapitän und dem Segelmacher war eine schwere Spiere auf die Beine gefallen und hatte beiden die Kniescheibe zerschmettert. Sie lagen so elend in ihren Kojen, daß Schlimmes zu befürchten war. Arzenei aber und Verbandstoffe hatten die Herren Norweger nicht an Bord. – Eine Leiter wurde quer durchgesägt. Aus den Enden wurden zwei Tragbahren hergestellt. Drei Mann von der Besatzung gingen mit. Siebrand litt es nicht, daß seine alten Gefährten außer der Beschwerde des Rückwegs noch die Last auf die Schultern nähmen, und griff mit zu. Sie mußten langsam und doppelt vorsichtig gehen, um mit den Bahren auf den glatten Flächen nicht auszugleiten. Erst beim Morgengrauen fanden sie das Boot wieder. Die Tide war mittlerweile umgesetzt, und das Eis trieb stromauf. Als man halbenweges zwischen Hadelworth und Medembüttel an den Deich kam, wurde es schon heller Tag. Während Siebrand nach Hadelworth zurückeilte, wurden die Kranken auf einem Wagen nach der Kreisstadt gebracht. Ein Medembüttler Arzt mit jüdischem Namen und Aussehen, aber in der Gegend als großer Menschenfreund bekannt, nahm sich ihrer an.
Siebrand kam noch rechtzeitig zur Schule. Doch der Unterricht wurde ihm sauer, und der kurze Wintertag dünkte ihn bis zum Abend endlos zu sein. Endlich war es so dunkel, daß er Theda an der verabredeten Stelle erwarten konnte. Er war etwas betreten, als er hörte, diesmal habe sie keine große Angst ausgestanden. Aber als sie flüsterte: »Ich habe gewußt, mein lieber Junge, es war ein gutes Werk, das du tun wolltest – und da habe ich dich dem lieben Gott anbefohlen« – da schloß er sie bewegt in die Arme. »Ich konnte es diese Nacht mit meinen Gedanken allein nicht aushalten und habe Vater und Mutter alles gestanden,« bekannte sie. »Nicht wahr, so war es recht, mein lieber Hermann? Geahnt haben die beiden längst so etwas, aber sie haben aus Tante Amalie nichts heraus kriegen können. Die gute Tante hat es schwer genug gehabt. Sie hat unglaublich flunkern müssen, um meine abendlichen Gänge nur einigermaßen zu maskieren.«
Frohlockend umarmte Hermann das junge Mädchen von neuem.
Das Gerede über den Vorfall bei der Alten Liebe war Siebrand schon längst lästig. Die Leute sollten nicht glauben, als suchte er die Gelegenheiten auf, sich hervorzutun. So bat er Hingstens und auch Theda um Stillschweigen; und nur sehr wenig Leute wurden etwas gewahr über seine Beteiligung an der nächtlichen Eisfahrt. Wäre es wieder eine nächtliche Kegelfahrt mit Goldfischen und Ölsardinen gewesen, so wäre zweifellos sein Name schnell in aller Mund gekommen.
Seit dem Erlebnis in jener Nacht stand sein Entschluß fest, Pastor zu werden. Wie er schweigsam Schritt für Schritt über das Eis gegangen war – schräg vor sich das blinkende und dann auf Sekunden verschwindende Leitfeuer des Deichs – unter sich die gurgelnden Wasser, die sich mit dumpfem Donnern meldeten und knallende Risse durchs Eis bersten ließen – über sich den unglücklichen stöhnenden Mann – und wie ihm dann die kantigen Holmen der Leiter in die Schultern schnitten, daß er die Zähne aufeinander beißen mußte – da hatte er an einen gedacht, der einmal davon sagte, man solle sein Kreuz auf sich nehmen und ihm nachfolgen. Und die letzten Bedenken, ob er nicht besser in die Seminarlaufbahn ginge, waren verflogen.
Schon in der vorigen Woche war er schwankend geworden. Er ging in der Morgenfrühe unter Lehrer Döschs Fenstern vorbei in seine Klasse. Während er selbst fast noch die Bettwärme hatte, war der schon dabei, einen der Bengels zu vertombaken. Er sah hinter den Milchglasscheiben die dunklen Umrisse eines auf und ab sausenden Arms mit einer dünnen Verlängerung daran und hörte dazu ein mörderliches Geschrei. Das war ein bedeutsames Bild aus dem Schulleben, komisch und unerquicklich zugleich, ein Bild des immerwährenden Kampfes gegen Dummheit und Faulheit. Ganz gewiß war die Schulmeisterei eine hohe und ideale Sache und schon deshalb echt christlich, weil eine Unmenge von Geduld und Selbstverleugnung dazu gehörte – aber Prediger und Seelsorger sein erschien ihm noch höher und noch idealer. Er konnte nicht über die Frage hinweg, warum wohl die Ferienzeiten von den Lehrern jedesmal mit solcher Wonne begrüßt wurden. Die leiblichen Purzelbäume der Kinder würdigte er vollauf. Aber die nicht minder aufrichtig gemeinten geistigen Purzelbäume der Lehrer waren ihm verdächtig. Und andere Menschenkinder, so sinnierte er, konnten nicht Arbeit genug finden.
So entschied er sich endgültig für den Pastoren. Nicht als ob er die Bahn seiner Entwicklung von vornherein übersah. Das wollte er dem guten Gott überlassen. Ein Mann wehleidiger Weltflucht aber und gesalbter Worte wollte er nicht werden, sondern sich mitten in die Freuden und Leiden seiner Mitmenschen hineinstellen, in der Weise wie etwa sein alter Gönner in Riega es tat. Er wollte lieber ein Säemann sein als ein Hirte. Und er wußte, daß Völker und Gemeinden, in denen Säemannsarbeit getan wird und nicht ein massives Bevormunden, auf einer höheren Stufe stehen. Nach Kräften mit in die Speichen eingreifen, um den schwerfälligen Wagen der Menschheit über das holperige Pflaster von leiblichen und sittlichen Nöten vorwärts bringen zu helfen, das sollte sein Ziel sein. – –
– – – Wenn die Schneeglöckchen soeben ausgeblüht hatten, überkam es Frau Emilie Bartels bereits mit großen umstürzlerischen Reinmache-Gedanken. Dies Jahr mußte sie warten. Der März setzte noch einmal weiße Köpfe auf ihre Bleichpfähle, doch das war nur ein letzter schwächlicher Anlauf. Der weiche Wind kam und ließ den großen Schneemann jämmerlich zerrinnen, den die Habersaths Jungens als Nachbildung des heiligen Nikolaus vor der Kirchtür aufgebaut hatten. Ein schmutziger weißlicher Haufen zeugte noch wochenlang von vergangener Winterpracht, während ringsum schon die grünen Grasspitzen hervorkamen. Aber als der März dann endlich die üblichen neun Sommertage bescherte, auf die alle Hadelworther Anspruch zu haben vermeinten, da war es endgültig Frühling geworden. Die Bäume und Sträucher auf dem Kirchplatz begannen wieder Knospen zu treiben wie damals, als Rektor Siebrand nach Hadelworth kam.
Nunmehr lag ein Jahr Hadelworther Rektorschaft hinter ihm.
Es hatte ihm manche kleine Leiden, aber viel mehr fröhliche Tage gebracht, so daß er zufrieden sein konnte. Und Hermann Siebrand war zufrieden. Er hatte sich selber gefunden und hatte seinen Beruf gefunden und dazu eine gute Gefährtin auf seinem ferneren Lebensweg. Er wußte gewiß, er würde ein treues und mutiges Weib sein eigen nennen. Mit Zuversicht sah er in die vor ihm liegende Zeit. Vor seinem Auge schwebte ein trauliches Haus. Darin sah er Theda mit ihrem blonden Haar und ihren hellen strahlenden Augen. Des Morgens hantierte sie in Wohnung und Garten. Und des Abends, wenn draußen die Bäume rauschten und die grünen Fensterläden geschlossen waren, setzte sie sich dicht neben ihn und ließ sich von seinem Tagewerk erzählen. – – – – Dann wieder sah er blanken Sonnenschein auf den Feldern liegen und sah die feierlichen Kirchgänger, wie sie mit ernsthaften Gesichtern über den Feldpfad zum Gotteshaus gingen. Und der Wind trug Glockenklang durch die Luft und über das Feld. Und auch im Herzen dessen, der da mit der Bibel im Arm aus der Studierstube heraustrat, begann es zu klingen, leise und dann lauter und immer lauter.
Der Tag der Abreise war da. Er wollte in die Heimat und sich der kirchlichen Oberbehörde zur Verfügung stellen.
Vorgestern morgen hatte er von Thedas Eltern das Einwilligungswort geholt. Am selbigen Abend verlebte er eine wunderschöne Stunde im Kreis der Familie. Tante Amalie, die ihm immer weniger als Scheusal vorkam und die sich über die Zahl seiner Beinkleider längst beruhigt hatte, machte den Vorschlag die Verlobung zu Pfingsten öffentlich zu machen. Der Vorschlag war angenommen.
Gestern abend hatte es im Dienstagklub eine kräftige Abschiedsfeier gegeben mit einer herzhaften Füertangbowle. Detlev Krohn hielt eine Rede, eine zu Haus fein säuberlich ins reine geschriebene und drei Stunden lang memorierte Rede. Und als Franz Haevesche dann ein Abschiedsgedicht vortrug, kriegte es der alte Landschöff Brütt mit der Rührung. Er donnerte mit der Faust auf den Tisch. »Meine Herren! Das Gedicht soll gedruckt werden. Einerlei was es kostet. Ich bezahle alles. Und ich bezahle heute auch die verdammte Füertangbowle.«
Heute hatte Siebrand sein brennendes Haupt wieder einmal in die Waschkumme tauchen müssen. Aber es sollte das letzte Mal sein. Eine sinnbildliche Wegspülung des Jahres von Hadelworth. – – –
Als er zum Bahnhof ging, stand dort nicht bloß die Rektorklasse vollzählig, sondern auch eine Menge von der Volksschule, besonders viele Kinder von den kleinen Leuten. Die drängten sich alle um ihn herum und gaben ihm die Hand. Martha Fiernkranz, Lisbeths Schwester, drückte ihm einen Rosenstrauß in den Arm. Wie ein kleines Wagenrad. Mutter Habersath hatte die Blumen von Hoflieferant Seyderhelm aus Hamburg verschrieben. Auch Schultheiß Bernhard von Kampen war auf dem Bahnhof und hatte zufällig mit dem Verwalter Schellstedt zu sprechen. Er schüttelte dem Rektor die Hand und sagte: »Auf ein fröhliches Wiedersehn!«
»Auf ein fröhliches Wiedersehn zu Pfingsten!« gab der andre zur Antwort und grüßte ihn mit den Augen.
Dann kam der alte Kantor Detlev Krohn aus dem Wartezimmer und hatte etwas Langes in blaues Papier eingewickelt. Siebrand ahnte schon, was es war.
»Hier mein Lieber. Mit einem weißen Stock in der Hand lassen wir Sie nicht von Hadelworth los.«
Der schwarzlackierte Spazierstock war sogar mit Zwinge versehen. An der Krücke war das Datum des Tages eingekerbt, an dem er das kleine Mädchen aus dem Wasser geholt hatte. Der Stock war dem Rektor ein liebes Zeichen von einer treuen Seele und war ihm genau so wert wie etwa eine Rettungsmünze.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Alle die Kinder schrieen wie besessen hurra. Siebrand stand am Wagenfenster und hatte Mühe, daß kein verräterischer salziger Tropfen über die Backe rollte. Rasselnd setzte der Zug über die Weiche und kam ins freie Land. Er lehnte noch immer zum Fenster hinaus. Der Kampensche Hof kam in Sicht. Zwanzig Schritt vom Bahndamm standen drei Frauen auf dem Deichweg. Tante Amalie hatte verweinte Augen, aber jetzt lachte sie wieder und knixte und warf dem Rektor Kußhände zu. Theda stand mit leuchtenden Augen und hatte ihre Mutter umfaßt und winkte mit dem weißen Taschentuch. Der Rosenstrauß flog aus dem Fenster. Hermann Siebrand wußte, er würde nicht hinter der Hecke liegen bleiben.
Der Zug ratterte weiter, zwischen den Höfen und Ackerfeldern der Hadeler Marsch hin.
Er lehnte sich zurück und schloß die Augen. Dann erhob er sich wieder und grüßte noch einmal seinen lieben grünen Deich. Der trug manche Fußspur vom Deichläufer Hermann Juilf Siebrand. Auf der nächsten Station stiegen mehrere Leute ein. Er zündete eine Zigarre an und sah nachdenklich in den bläulichen Rauch. Behaglich und mit verschränkten Armen saß er in seiner Ecke und lauschte auf die Melodie, die er aus dem Rattern und Knattern des Wagens heraushörte. Rr–rr–rracke–tacke. Rr–rr–rracke–tacke. Das Rasselkonzert spielte eine höchst lustige Weise.
Ob die andern Mitreisenden, die gähnend und verdrossen auf ihren Plätzen hockten, auch diese fröhliche Melodie heraushörten, ob sie überhaupt etwas heraushörten, war ihm gleichgültig. Auch das kümmerte ihn nicht, daß mitunter ein verwunderter Blick den jungen Menschen streifte, dessen Gesicht in der schattigen Ecke wie von der Sonne beschienen leuchtete.
Für ihn flochten sich viel liebe Gedanken und viel hoffende Träumereien in den Takt des dahinrollenden Zugs …