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Den Weg nach Riega legte Hermann Siebrand in heftigem Widerstreit der Gefühle zurück. Der gestrige Abend hob ihm die Brust, aber zwischen die hell klingenden Gedanken summte immer wieder der Satz aus Steenbrügges Brief: es handelt sich um eine sehr unangenehme Sache. Der dumpfe Ton wollte sich nicht überklingen lassen. Was mochte da vorgefallen sein? Würde er, der als Kandidat gewissermaßen noch auf Probezeit diente, aus seiner Stellung gebracht oder auch nur in Disziplinar-Untersuchung gezogen – dann ade Pfarrdienst! Dann ade Zukunftspläne und Hoffnungsträume!
Er erschrak beinah, als er sich schon am Ziel sah. Steenbrügges Wohnung lag vor ihm. Das dunkle Efeulaub an der Fachwerkwand war weiß gesprenkelt. Auch auf den grünen Fenstersprossen lag dünner Schnee. Schon von außen machte das Haus den beruhigenden Eindruck altväterischer Gemütlichkeit. Es war keine von den anstaltsmäßigen Dienstwohnungen im Ziegelrohbau, die mit ihren Kreuzen und kirchenähnlichen Fenstern dem Fremdling zurufen: zeuch deine Stiefel von deinen Füßen, denn das Haus, da du willst eingehen, ist ein heilig Haus!
Und doch entfuhr ihm ein Seufzer, als er den Türdrücker griff.
Der alte Superus liebte die langen Umstände nicht. Er nötigte ihn zu einer Zigarre und einem Glas Wein, steckte sich die lange Pfeife an, paffte ein paar Mal und begann:
»Hier ein bösartiges Denunziatiönchen, Rektor. Lesen Sie sich das mal durch. Ist mir zum Bericht zugegangen – – habe aber schon Angenehmeres gelesen als das.«
Siebrand durchlas das von Suding unterzeichnete Schriftstück, mit von Zeile zu Zeile wachsendem Unwillen, las dann mit spöttischen Augen auch Pastor Griepenkerls Ergänzung. Dann warf er das Aktenstück auf den Tisch, als hätte er sich die Finger beschmutzt.
»Dieser Suding hat das nicht abgefaßt. Unmöglich. Dazu ist der Kerl viel zu dumm.«
Das war das erste, was er äußerte.
»Mag sein. Aber was sagen Sie zur Sache selbst? Neulich erklärten Sie, Sie hätten niemals hasardiert. Wie kommen die Leute zu dieser Beschuldigung? Wirklich niemals Hasardspiel gemacht? So'n kleines Jeu, Rektor? So'n bißchen meine Tante – deine Tante? So'n bißchen lustige Sieben oder so was? Poker oder Gottes Segen bei Kohn? Sie können es mir ruhig verraten. Ich sehe noch nichts Schlimmes darin. Wenigstens noch keine Sünde.«
Siebrand sann nach.
Halt! … Sollte vielleicht das Aaleausspielen gemeint sein? … Jedermann in Hadelworth spielte das, und kein Mensch dachte sich etwas Schlimmes dabei …
Er teilte seine Vermutung dem alten Herrn mit. Der wiegte den Kopf. Siebrand erklärte ihm die Spielweise.
»Man spielt zu vieren, auch wohl mal zu fünfen. Jeder Mitspieler erhält fünf Karten, und die einundzwanzigste Karte ist Trumpf. Die Karten haben ähnliche Geltung wie im Skat: Aß, König, Dame, Bube, Zehn, Neun und so weiter. Wer zuerst sechs Spiele erhält, hat den Aal gewonnen.«
»Unmöglich ist's nicht,« äußerte Steenbrügge. »Was wäre heutzutage unmöglich? Wenn sich einer durchaus lächerlich machen will, kann er die Art, wie ihr Hadelworthler eure Schmoortaale verspielt, zur Not als Glücksspiel auffassen. Also weiter ist wirklich nichts an der ganzen Geschichte?«
»Weiter ist wirklich nichts!« beteuerte der andre.
»Na, dann gratuliere ich Ihnen von Herzen, Herr Rektor Siebrand. Die andern Sachen da in dem Wisch sind schon in Ordnung. Morgen mittag wird sogleich ein Bericht hingefegt, gesalzen und gepfeffert, darauf verlassen Sie sich! –
»Jetzt will ich Ihnen aber noch zu etwas anderm gratulieren. Hoffentlich werden Sie dadurch nicht übermütig, wenigstens nicht mehr als Sie jetzt schon sind,« meinte er mit feinem Lächeln und holte ein großes Schreiben.
»Sie sollen nämlich wissen, daß Sie unserm Schulrat Schulz ganz ausgezeichnet gefallen haben. Mit Ihrer Schulmeisterei haben Sie ihm einfach imponiert, besonders mit Ihrer Religion. Er schreibt hier: ich habe selten solch warmherzigen und frischen Unterricht erteilen hören. Auch das hat ihm gefallen, daß Sie sich nicht in den ausgefahrenen Gleisen bewegen … Ja, ja, lieber Rektor, Sie schütteln den Kopf. Bin kürzlich selber beim Schulrat gewesen. Unser alter Schulz ist gar nicht so'n Knochenmensch, wie er aussieht. Bei dem muß das amtliche Eis erst mal wegtauen, dann wird er ganz vernünftig. Ich soll Ihnen nun von Schulz bestellen: wenn Sie in die Seminarlaufbahn wollten, hätten Sie freie Bahn und gute Aussichten, könnten in ein paar Jahren Seminardirektor sein. Nun, was sagen Sie jetzt, Siebrand? Königlicher Seminardirektor wäre auch nicht verkehrt, was? Ich sehe Sie schon als Dezernenten im Kultusministerium sitzen. Das heißt, ich selber werde dann längst unterm Rasen liegen – und Sie? Na, Sie werden sich dann wohl längst ausgegoren haben.«
»Kultusministerium wäre gar nicht verkehrt, Herr Superus. Aber ich weiß, mir fehlt die Hauptsache, die Hauptvorbedingung.«
»Und das wäre?«
»Größerer Spielraum zwischen den Knochen der Wirbelsäule. Man sagt ja wohl, zwischen den Knüsseln. Ich meine, ich kann mich nicht gut ducken.«
»Glauben Sie wirklich, junger Mann, daß nur die Streber hoch kommen? Glauben Sie wirklich, Charakterfestigkeit und Unbiegsamkeit stehen heutzutage so niedrig im Kurs?«
»Ich kann ja nicht von eigenen Erfahrungen sprechen. Aber man hört das doch oft.«
»Lassen Sie sich um Gottes willen keine Redensarten und keine Vorurteile aufschwatzen. Vertrauen Sie nicht bloß auf sich selber, – ich glaube, Sie tun das sowieso schon reichlich – sondern vertrauen Sie auch auf die Welt! Den Glauben an die Menschheit nicht verlieren, das heißt auch an Gott glauben. Also wie wäre es mit dem Seminar?«
»Das kommt mir alles viel zu überraschend, Herr Superintendent. Das möchte ich mir noch erst überlegen. Und zwar gründlich, denn ich muß gestehen, mein bisheriges Sinnen ging ganz darauf noch einmal Pastor zu werden. Allerdings Herr Pastor Griepenkerl,« – fügte er zögernd hinzu, – »der meint ja, bisher hätte ich mich so gut wie gar nicht aufs Amt vorbereitet – – – ich wäre nicht die rechte Persönlichkeit – – – ich wäre kein religiöser Charakter – – ich wäre zu oberflächlich – –«
»Lassen Sie den Herrn Griepenkerl nur seine Reden halten. Der ist mir noch nicht maßgebend. Und andern Leuten erst recht nicht. Haben Sie sich bislang bemüht die Welt und die Menschen, ich will lieber sagen Land und Leute, kennen und verstehen zu lernen, und haben Sie sich dabei auch etlichen Wind um die Ohren wehn lassen, so meine ich, haben Sie sich genau so gut wenn nicht noch besser vorbereitet als mancher Kandidat, der von einem Missionskränzchen ins andere läuft. Der junge Mann, der mal übers Tau schlägt und aus dem Freudenbecher einen Schluck zuviel bekommt, ist mir zehnmal lieber als einer, der schon als Student im Vollbewußtsein seiner großen Würde mit einem Christusscheitel einherwandelt und gesalbte Reden hält. Und wenn Ihr Herz – und darauf kommt's an! – wenn Ihr Herz Sie treibt ein Pastor zu werden, dann bleiben Sie ja Ihren Idealen treu!«
Der alte Superus hatte sich ordentlich in Eifer geredet und zündete die ausgegangene Pfeife wieder an. Seine Worte klangen dem Rektor wie silberne Glocken. Das war auch seine eigene Lebensauffassung. Aber hier hörte er sie zum erstenmal aussprechen. Steenbrügge schenkte die Gläser voll und begann wieder.
»Es ist nämlich meine Überzeugung: gerade solche Leute wie Sie, mit lachenden Augen und aufrecht sitzenden Köpfen, die müßte unsere Kirche viel mehr haben als sie es hat. Tränentiere und stille blasse Jünglinge gibt es allnachgerade genug. Ob das Christentum denen immer Dank wissen kann? Wenn wir nämlich unter Christentum nicht bloß die verehrte Weiblichkeit verstehn, die mit Hosen und die ohne? Und dann eins, mein Lieber. Lernen Sie um Himmels willen nicht die schöne Kunst, die Augen in die Gewalt zu bekommen. Auch wenn Sie in ein Trauerhaus kommen, wird einer, der's merken will, bald heraus haben, was echter Ernst ist und was gemachter ist. Allerdings werden Sie es so, wie Sie sich geben, viel, viel schwerer haben als die demütigen und wehmütigen Salbebrüder. Die Gemeinden sind in diesem Punkt noch ziemlich zurück und glauben, es gehöre dazu, weil sie es durchschnittlich nicht anders sehen. Aber verlieren Sie den Mut nicht, Kollege Siebrand! Lassen Sie sich von den andern nicht vom Platz jammern. Und vor allem, verlieren Sie nicht den Zusammenhang mit der Volksseele! Lernen Sie die schwere Kunst auf diese zu lauschen und sie zu verstehn, und arbeiten Sie im stillen aufs Große. Verlieren Sie sich nicht zu sehr in die jetzt modernen Einzelseelsorgereien, alle diese frommen Einseitigkeiten von heutzutage! Ich denke, den Schmerz, daß die Leute dann nicht so viel über Ihre ›Arbeit‹ in Jünglingsvereinen und Posaunenchören und dergleichen zu hören bekommen, den werden Sie überwinden. Glauben Sie ja nicht, daß Seelsorgetreiben so einfach ist, wie die meisten sich das vorstellen. Manche stehen mitten in ihrer sogenannten Amtspraxis drin und haben keine Ahnung. Durch die Ordination kommt der Geist nicht auf ihren Scheitel herunter. Sie sollen eine Lehmdiele fest machen. Tun Sie drei, vier Stöße auf die eine selbe Stelle, ist's gut. Tun Sie zehn, ist's zuviel. Tun Sie zwanzig, wird's ein Brei. Also nicht zu absichtlich und nicht zu systematisch und keine Heilsarmee-Taktik! Und wenn die Leute Sie mal bei Familienbegebenheiten als Dekoranten verwenden, müssen Sie sich's demütig gefallen lassen.«
Also sprach der alte Superintendent Steenbrügge zum jungen Rektor und erzählte dann von der Riegaer Sparkasse, deren Vorstand er war, und vom landwirtschaftlichen Verein, zu dessen Vertrauensmann er gewählt war, obwohl seine agrarischen Kenntnisse damals nicht weit her waren. Dann ging er mit ihm durch den Garten und zeigte ihm sein Immenschauer und erzählte von den kleinen Freuden eines Bienenvaters und Gärtners und Obstbauers. Während sie durch die Baumreihen gingen, sagte er ihm mancherlei über die Volksbildungsabende, die er im Winter für die ganze Gemeinde veranstaltete. Dann erzählte er von der Hausindustrie der Moorleute. Vor seiner Zeit hatten die des Winters bei der Schluckflasche in ihren Katen gehockt; jetzt flochten sie Weidenkörbe für den Fischereigroßbetrieb in Geestemünde und Bremerhaven. Auch von seiner Tätigkeit als Armenpfleger sagte er ihm. Das war damals gewesen, als das Riegaer Armenhaus noch nicht leer stand wie jetzt.
»Demnächst,« so erzählte er mit Genugtuung, »werde ich im Ort eine Eierverkaufsgenossenschaft gründen; und ich freue mich schon, wenn Griepenkerl und seine Leute wieder einmal konstatieren werden: der arme Bruder Steenbrügge ist total verbauert; es wird immer schlimmer mit ihm.«
Dann entließ er den Rektor mit der freundlichen Mahnung, sich wegen des Aaleausspielens nur keine schlaflosen Nächte zu machen. » Beatus qui possidet. Meist sind Sie ja der glückliche Gewinner gewesen.«
Siebrand ging heim, den Kopf voll von Ideen und Idealen. Er dachte kaum noch daran, mit wie schwerem Herzen er den Hinweg zurückgelegt hatte.
Von dem, was er beim Superintendenten gehört, sagte er keinem Menschen ein Wort. Dazu war er zu stolz. Jetzt belustigte es ihn, wenn die einen ihm auswichen und die andern ihn höhnisch grüßten oder mit einem mitleidigen Lächeln fragten, wie es eigentlich mit seinem Prozeß stand. Nur Theda, die er im heimlichen Abenddunkel unter dem Deich traf, erzählte er alles. Mit inniger Freude hing sie an seiner Schulter.
»Ich wußte es. Ich wußte es. Es mußte alles wieder gut werden, mein guter Junge!« jubelte sie und streichelte ihm die Backe.
»Was werden die Leute nun für Augen machen, wenn die Wahrheit an den Tag kommt!« rief Hermann Siebrand und küßte das Mädchen.
Am nächsten Tag reiste er in die Weihnachtsferien. Das sollte ein frohes Fest werden – doppelt froh durch das glückselige Geheimnis, das er seiner treuen Mutter am heiligen Abend ins Ohr flüstern wollte …
Und die Wahrheit kam an den Tag.
Kantor Krohn wollte die ewigen Munkeleien und Treibereien nicht länger ertragen und faßte den kühnen Entschluß, selber zum Schulrat zu fahren. Peter Brütt mußte mit. Gleich am ersten Ferientag ging die Fahrt los. Die beiden fuhren sogar zweiter Klasse, was dem Kantor eigentlich ein Greuel war. Aber Brütt behauptete, es ginge nicht anders, erstens von wegen der Honorigkeit und zweitens von wegen seines Podagra. Detlev Krohn, der genau zu rechnen pflegte, dachte schließlich »kommt einer über den Hund, so kommt einer auch über den Steert« und löste die Fahrkarten.
Von einem Pförtner wurden die beiden Alten die breite Steintreppe im Regierungsgebäude hinauf in das Amtszimmer des Schulrat Schulz geführt. Wie ein Serenissimus stand dieser da und stützte die wachsbleichen Fingerspitzen auf den grünen Tisch. Angesichts dieses großen Tieres war der Kantor zuerst etwas befangen, doch gab er sich einen Ruck und begann sein Anliegen vorzutragen. Der Schulrat unterbrach ihn und deutete mit der Hand auf den andern.
»Zunächst eine Frage, bitte … Wer ist dieser Herr?«
»Peter Brütt ist mein Name, Herr Schulz. Ich bin der Landschöff Brütt aus Hadelworth,« äußerte dieser und sah sich grimmig nach einem Stuhl um.
Der Schulrat lud zum Platznehmen ein. Während der Kantor bescheiden stehn blieb, setzte Brütt sich sogleich laut pustend hin. Er war kein Mann der langen Reden und überließ das dem andern. Aber wie er da saß, breitspurig und noch immer grimmig schnaubend, die buschigen Augenbrauen zusammengezogen und den schwarzen Regierungsrat musternd, füllte auch er seine Stelle voll aus. Der Kantor setzte nun dem Rat lang und breit auseinander, sie seien gekommen um für den Rektor Siebrand ein gutes Wort einzulegen. Je länger er sprach, desto mehr verlor er seine Befangenheit.
Wieder unterbrach ihn der Schulrat. Wenn auch immer noch sehr amtlich und würdevoll, hatte er seine zugeknöpfte Haltung doch schon etwas geändert.
»Unser Kreisschulinspektor und Superintendent Steenbrügge in Riega,« begann er, »hat uns berichtet, daß der Hauptbeschwerdepunkt, der gegen den Rektor Siebrand geltend gemacht worden ist, sich dahin erledigt, daß es sich um ein sogenanntes Aaleausspielen handelt. Wollen Sie uns gefälligst den Hergang eines solchen Aaleausspielens erklären.«
Der Kantor tat dies in umständlichster Weise. Allmählich kam er in Feuer. Sein Gerechtigkeitsgefühl und seine Zuneigung zum jungen Rektor siegten über alle Bedenklichkeiten und Rücksichten.
»Hat unser Rektor zehnmal solche Glücksspiele gespielt – wenn Sie das so nennen wollen, Herr Schulrat, – so habe ich es tausendmal getan. Jawohl, Herr Schulrat, tausendmal! Und wenn Sie durchaus ein Exempel statuieren müssen, dann nehmen Sie mich, den alten Detlev Krohn, und setzen Sie mich ab oder was Sie mit mir machen wollen. Aber den Rektor lassen Sie zufrieden. Der fängt erst an zu leben. Ich stehe aber so wie so schon mit einem Fuß in der schwarzen Kuhle. Lieber will ich selber zu Grunde gehn, als daß einem jungen Blut das Leben verpfuscht wird!«
Nun brach Peter Brütt los.
»Kantor, du schnackst da was her! Hören Sie nicht hin, Herr Schulz. Der Mann ist alt. Allens Tödelei, allens dummes Zeug! Aber nun will ich Ihnen mal was sagen, Schulrat Schulz! Das ist einfach eine ganz hundsgemeine Niederträchtigkeit von dem Kerl, der Ihnen das über den Rektor geschrieben hat! Ach was! Sie müssen mir den Halunken nennen. Der soll den Landschöff Brütt kennen lernen!«
»Sie regen sich unnötig auf, meine Herren. Gänzlich unnötig. Die Sache ist längst erledigt, und zwar, wie ich Ihnen nunmehr mitteilen darf, so günstig erledigt, wie Sie es sich nur denken können,« beschwichtigte der Schulrat. Er war der Menschlichkeit schon wieder ein großes Stück näher gerückt und klärte die beiden nun über den Stand der ganzen Angelegenheit auf. Er las ihnen aus Sudings und Griepenkerls Ausführungen vor, auch aus Steenbrügges Bericht, und hielt dann schließlich auch nicht mit seiner eigenen Ansicht zurück.
Die biederen zwei Gefährten leisteten sich selbigen Mittags einen gehörigen Festschmaus. Der alte Brütt wurde leichtsinnig und bestellte noch eine zweite Flasche Château Larose. So kam man seelenvergnügt wieder in Hadelworth an. Dem Herrn Kaufmann Suding sollten sie vom Schulrat bestellen, er möge Gott danken, wenn man ihn nicht noch wegen falscher Anschuldigung beim Staatsanwalt belange. Der Auftrag wurde gewissenhaft ausgeführt.
Die schwedische Remonten-Kommission war vormittags in Hadelworth gewesen. Die Geschäfte waren nach aller Wunsch gegangen, und abends waren in Kleefoots Gastzimmer alle Tische gedrängt voll.
Kaufmann Suding saß arglos am großen Tisch und äußerte gerade zum Pastor Elm, er müsse doch sagen, daß sich die Disziplinar-Untersuchung zu sehr in die Länge zöge. Da traten die beiden Reisegefährten herein. Detlev Krohn setzte sich ohne ein Wort an einen der kleinen Tische. Es war ihm unter der Würde sich mit dem verächtlichen Angeber einzulassen. Der Landschöff setzte sich mit zu den andern. Anfangs sagte auch er nichts, doch in seinem Gesicht wetterleuchtete es so unheimlich, daß Pastor Elm es für geraten hielt sich still aus dem Staube zu machen. Er hatte noch einen sehr notwendigen Krankenbesuch zu erledigen. Als Suding sich vor Neugierde nicht länger halten konnte und fragte, ob die Herren eine schöne Reise gemacht hatten, richtete der Landschöff sich in die Höhe. Der Stuhl polterte hinter ihm um. Suding wollte ihn aufheben.
»Liegen lassen! Hand vom Sack! Ist mein Stuhl!« schnaubte er ihn an.
»So! Kleefoot!« rief er dröhnend, »nu mach mal fix deine Feuerzange glühend. Wir haben wieder einen! Dem müssen wir ganz nötig eins hinten aufbrennen. Gottsverdori! Diesmal soll uns der Schweinehund aber nicht auswichsen!«
Die meisten lachten. Die anderen wußten nicht, ob es Scherz oder Ernst war. Suding rückte auf seinem Stuhl hin und her und sah sich nach seinem Hut um. Die dicke blaue Ader an der Stirn des alten Brütt war mehr als verdächtig. Sonderbar! der alte Landschöff, sonst ein Polterer und Bullerballer, war auf einmal so beredt wie niemals zuvor und hielt dem Denunzianten eine so donnernde Rede, daß die Leute auf dem Kirchplatz stehen blieben.
Seitdem fühlte der Kaufmann Suding sich nicht mehr recht sicher in Hadelworth. Er mochte die Brandmalerei mit der Feuerzange fürchten. Im nächsten Frühjahr verkaufte er sein Gewese und verzog aus Land Hadeln, ohne daß ihm Tränen nachgeweint wurden.
Auch Pastor Griepenkerl erhielt sein redliches Teil. Vom Konsistorium kam ein heftiger Rüffel, der ihm größere Vorsicht bei seinen schriftlichen Berichten anempfahl. Der Schlaue verbarg das Schriftstück unter der Rubrik Varia in seinem Aktenschrank, in dessen Tiefen es bis zum jüngsten Gericht verborgen geruht hätte, wenn er nicht am Tag des Empfangs die Unschlauheit begangen hätte es auf seinem Schreibtisch liegen zu lassen. Die treue Magd Stine machte sich darüber her und weihte ihren Freund Wesseloh, der im Garten wieder einmal die Gänsehürden zurechtflickte, in die Geheimnisse ein. Pastor Lazarus machte die schmerzliche Erfahrung, daß auf das Vasallentum seines frommdreisten Wesseloh kein Verlaß war. Denn dieser erzählte nach seiner Gewohnheit von dem, das er gehört hatte, überall herum, tat hinzu oder ließ fort, wie es ihm in seine Absichten paßte.
Theda erfuhr alles bis in die kleinsten Einzelheiten. Dafür sorgte Tante Amalie, die plötzlich ein merkwürdiges Interesse für den Rektor zu bekunden begann. Ohne auffällig zu werden hätte Theda zu Hause keine zwölfseitigen Briefe schreiben können. Aber bei Tante Wruck saß es sich mollig; und dazu hatte sie die Wege vor Augen, die der jetzt in der Ferne weilende Geliebte täglich betrat. Der Brief, der am Weihnachtsabend bei Hermann Siebrand eintraf, hatte zwanzig eng beschriebene Seiten und berichtete alles, was letzthin geschehen war. Er war mit herzlicher Freude geschrieben und wurde mit der gleichen warmen Freude gelesen. Wehmut und Beschämung erfüllten ihn, als er las, wie mutig die beiden Alten, Detlev Krohn und Landschöff Brütt, für ihn eingetreten waren.