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Es war Sonnabend geworden, ehe er dazu kam, der Anregung des Kantors Folge zu leisten. Drei Schultage hatte er hinter sich und den ganzen Sonnabendnachmittag hatte er Besuche gemacht. Etwas Eigensinn mochte auch mitspielen, daß er sich nicht eher bei Kleefoot sehen ließ. Der Herr Hotelier sollte merken, daß man auch ohne ihn leben könnte.
Holtmanns machten ein betretenes Gesicht, als Siebrand sich nach dem Abendbrot den Hausschlüssel ausbat. Doch das war »allens man eerst«. Sie würden sich daran gewöhnen müssen.
Herr Kleefoot war in Hadelworth ein gewaltiger Mann, nicht bloß als Mitglied des etwas umständlich klingenden Kirchen- und Schulen-Provisorenkollegiums, sondern mehr noch dadurch, daß er die kleinen und großen Schwächen der bei ihm Verkehrenden kannte, eine Menge Gespräche und Urteile hörte und seine Leute an unsichtbaren Fäden zog, wie es ihm in die Politik paßte. Wenn er wollte und wenn seine Gäste gerade keine Hamburger Juden waren, konnte der Vielgewandte sehr liebenswürdig sein. Dann unterhielt er die biedern Hofbesitzer mit Reiseonkelschnäcken und neuestem Ortsklatsch, mit den Reiseonkeln aber sprach er über Zweikindersystem und dergleichen oder über die Sehenswürdigkeiten des Hamburger Gängeviertels. Seit den vierundzwanzig Jahren, daß der Flügelmann der 4. Kompagnie 1. Garderegiments z. F. Gefreiter Diedrich Kleefoot unter Hauptmann Graf Waldersee Gravelotte, Beaumont, Sedan, Paris und le Bourget mitgemacht hatte, hatte sich ein stattliches Bäuchlein au den ehemaligen Feldsoldaten angesetzt. In einer andern Gegend hätte er vielleicht seinen Beruf verfehlt, denn es war ihm nicht gegeben, überall verbindlich zu lächeln und höflich zu dienern. Aber hier in der Hadeler Elbmarsch, wo der Menschenschlag alles devote Wesen haßte, hatte er trotz allerhand Hypothekenlast sein gutes Auskommen. Denn sein Hotel war von alters her das Kirchspielshaus; und wenn die Hofbesitzer hereinkamen, drehten sie die Mark nicht zwischen den Fingern und steckten bei seinem guten Bremer Rotwein und seinem steifen Grog auch seine Grobheiten mit ein. Sie wußten, daß ihm nichts imponierte.
Auf den neuen Rektor hatte Kleefoot den Eindruck eines fürsorglichen Mannes gemacht. Herr Kleefoot hatte nämlich mit den fünf Bewerbern, die zur Probelektion angereist kamen, auf seine Weise eine Vorprobe gehalten. Das brachte eben nur Diedrich Kleefoot fertig. In Erwartung der Dinge saßen die fünfe in seinem Gastzimmer um den großen Tisch. Drei waren wegen irgend einer theologischen Frage bereits hitzig aneinander. Da trat Kleefoot heran und erbat sich für einen Augenblick das Kommando. Man mußte beide Hände ausgestreckt auf den Tisch legen. Er nickte befriedigt, fügte aber hinzu: »Unser Pastor Griepenkerl sagt immer: die Welt liegt im Argen. Hat der Mann recht oder nicht?« Dann mußten alle die Hände in die Westentasche stecken. »Man feste reingreifen, ihr Herren! Immer rin mit Daumen und Zeigefinger! Immer rin, wo es am tiefsten ist!« kommandierte er pfiffig. »So, – und nu mal alle die Verlobungsringe rausgezogen!« Durch dies zarte Experiment war jedoch nirgendwo ein Ring in seiner Verborgenheit gestört worden. Es hatte auch niemand rot werden müssen.
Derartige Gesichtspunkte waren bei der Rektorwahl allerdings nicht maßgebend geworden, sondern man hatte Siebrand gewählt, weil er die weitaus besten Probelektionen hielt. Während die übrigen auf alle mögliche Weise einen guten Eindruck hervorzurufen sich abmühten, der eine durch Besuchemachen, ein zweiter, der kein schlechter Menschenkenner sein mochte, durch gerissenes Skatspiel und burschikose Witze, die andern durch verbindliche Verbeugungen und höfliches Zutrinken und angenehme Gespräche, saß Siebrand ruhig bei Kleefoot, als ginge ihn der ganze Wettlauf nichts an. Er ließ sich mit einigen Leuten in ein plattdeutsches Gespräch ein über Fruchtwechsel und Güstfalge und andere landwirtschaftliche Sachen. Schließlich beteiligten auch die übrigen vom Wahlkollegium sich an diesem Naturgespräch. – Nach der Probelektion war dann Hermann Siebrand gewählt worden. –
Heute war es bei Kleefoot ganz besonders feierlich.
Der große runde Mahagonitisch, der Schnacktisch der Alten, war voll besetzt. Kantor Krohn war in seinem Fahrwasser, denn es wurde das niemals auszuerörternde Thema behandelt: Hadelworth einst und jetzt. Zwischen den beiden Skattischen hing ein dickes Bund Schmoortaale von der Decke herab. Schiffer Feindt hatte sie vorige Woche in den dunkeln Nächten draußen an der Schleuse gefangen und in Buchenholzqualm schön saftig geräuchert. Die Skatpartien waren nur leichtes Geplänkel vor dem eigentlichen Gefecht. Alle Augenblicke hob einer der Spieler den Kopf und warf einen musternden Blick auf das im Zigarrendampf schwebende Bündel. Auch die alten Herren, die sich nichts merken lassen wollten und ihre liebkosenden Blicke nur verstohlen warfen, waren in freudiger Aufregung, als alles um den großen Tisch zusammenrückte. Die Aale waren längst taxiert worden, und es hieß: vier Schillinge. Jeder setzte ein. Das landesübliche Ausspielen sollte gerade beginnen, als Siebrand ins Zimmer trat. Eine gewisse Genugtuung spiegelte sich auf allen Gesichtern. Kleefoot stellte den neuen Rektor vor. Er sollte nur gleich fünfundzwanzig Pfennig einzahlen und sich einen dicken Aal erspielen. Ein bartloser weißköpfiger Herr, der ihm als Organist Klaussen vorgestellt war, legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Halten Sie sich hier man zu unserem clerus minor. Es hat noch alle den Rektors, die bei uns verkehrt haben, ganz gut bei uns gefallen. Und nun kommen Sie man her und setzen Sie sich mit ran. Wenn Sie Glück haben, können Sie eine Masse gewinnen.«
»Das hast du mal wieder schön gesagt, Organist,« ließ sich Kleefoots Baßstimme vernehmen, »laß unsern Rektor man zufrieden. Der wird schon bald genug merken, daß du nur sein Allerbestes willst.«
Den Sinn dieser Worte verstand Siebrand erst, als er nachher beim Skat eine für ihn erhebliche Summe an den routiniert spielenden Organisten auskehren mußte. Mehr Glück hatte er im Aaleverspielen, denn nach kurzer Zeit hatte er zwei stattliche Exemplare gewonnen. Vergnügt wog er die fettglänzenden schwärzlichen Dinger auf der Handfläche. Als hätte er des Rektors Gedanken erraten, meinte Landschöff Brütt, die sollte er nur seiner Hauswirtin mitnehmen. Auf die Weise werde er sich bei ihr einen schönen weißen Fuß machen, falls das noch nötig sein sollte.
Auf das Aalansspielen wurde eine Partie Skat gesetzt. Nach dieser blieb man noch eine halbe Stunde in angeregter Stimmung am großen Tisch. Es wurde mancherlei über die früheren Rektoren erzählt, auch über Voßhoop. Aber was er hier über Voßhoop zu hören bekam, gab ein wesentlich anderes Bild als es ihm von der Apotheke her vorschwebte. Jedesmal wenn der Name einer Tante Punschke erwähnt wurde, entstand ein vielsagendes Lächeln. Sogar der Provisor Ezards, der seine Arme verschränkt hielt, soweit er sie nicht zum Anfassen seines Glases gebrauchte, und der sich damit begnügte, einen nach dem andern durch seine Stahlbrille anzustarren, schlug einmal eine kurze Lache auf. Als es auf Mitternacht ging, zog man die Börsen um zu bezahlen. Aber Kleefoot war nirgends zu sehen. Kaufmann Suding trommelte schon ungeduldig mit dem Bierseidel auf dem Tisch, als der Wirt zungenschnalzend wieder herein kam. Er hatte vier prächtige Aale mit einer Schnur an einen langen Stock gehängt, schwenkte sie wie an einer Angel über den Köpfen hin und her und rief: »Wenn wir gehn, dann gehn wir alle und verlassen diese Aale.« Der Kantor rief, das sei strafbare Verleitung zur Völlerei, schien es aber für seine Person nicht allzu ernst mit dieser Warnung zu nehmen, denn er machte als erster den Vorschlag, zum Schluß noch dieses eine Bund auszuspielen. Der alte Herr kannte Kleefoot und nahm es nicht übel, als dessen Dichterlaune sich in Anklang an irgend ein Hamburger Couplet zu dem blutigen Reim verstieg: »Nu seht den Kantor Krohn, den alten Krohn sein'n Sohn!«
So blieb man noch eine halbe Stunde.
Die Einsätze wurden um das Doppelte erhöht, und alle vierzehn Anwesenden spielten mit. »Der neue Kollege vom clerus minor hat ganz entschieden Pech in der Liebe,« sagte Organist Klaussen zum Kantor, als Siebrand noch einen dritten Aal gewann.
Pastor Elm, Ezards und Siebrand gingen zusammen heim.
Der Pastor, der ebenso wie der Provisor nichts eingeheimst hatte, tröstete seinen Leidensgefährten durch allerhand Neckereien. Auch dem schweigsamen Ezards hatte der Grog die Zunge gelöst. Er wollte beobachtet haben, daß der alte Klaussen beim Skat mogele. Der Pastor bestritt das.
»Immerhin ist der alte Junggeselle mit Vorsicht zu genießen,« wandte er sich an den Rektor, der mit seinen in Zeitungspapier eingewickelten Aalen neben ihm ging, »er redet meist hohe Töne von Bruderliebe und so weiter, nimmt aber seinen Brüdern vom clerus minor beim Skat ab, was er nur kriegen kann. Steht übrigens in dem Geruch, so'n bißchen Krawatte –« Der Pastor fuhr sich mit der Hand um die Gurgel.
Am Tor seines Gartenzauns verabschiedete sich Elm.
»Wünsche den Herren eine geruhsame Nacht. Ob aber Frau Holtmann von wegen Ihrer schönen Augen – wollte sagen, schönen Aale nicht noch etzliche schlaflose Nächte haben wird? Mir grauet vor der Götter Neide.«
Ezards machte den Vorschlag noch einen Gang zu machen. Um den Grog abdünsten zu lassen, wie er sagte. Siebrand war einverstanden.
»Nun sagen Sie, bitte,« begann Siebrand, »was war das mit der Tante Punschke? Ich mochte vorhin nicht nachfragen, als sie alle so geheimnisvoll taten.«
»Das ist so'ne Sache. – – Ihrem Herrn Vorgänger soll einmal etwas sehr Menschliches passiert sein. Aber was weiß ich? Es war das vor meiner Zeit. Man darf nicht alles glauben, was die Leute erzählen.«
»Dann erzählen Sie wenigstens, was die Leute erzählen,« drängte Siebrand, durch Ezards Ausweichen noch argwöhnischer geworden, »ich meine, es kann mir doch nicht egal sein, was für ein Bild ich mir von meinem Vorgänger zu machen habe.«
»Na, kurz und gut!« hob der andere an. »Man munkelt, er sei einmal des Nachts in Cuxhaven angetroffen worden, in einer sehr anrüchigen Kneipe, so einer mit einer dunkelroten Laterne über der Haustür, müssen Sie wissen – und zwar total – na, sagen wir einmal: total bewußtlos. Zu Hause hat er erzählt, er müsse nach Medembüttel zu einer Vereinigung. Die ihn da auf Tante Punschkes Sofa wie einen Mehlsack vorgefunden haben, sind natürlich auch ein paar richtige Windhunde gewesen, nämlich zwei junge Hofbesitzer aus Osterende. Die beiden haben ihm dann in ihrer Niederträchtigkeit das Haar kurz abgeschoren, haben aber auf dem Scheitel einen langen Strämel stehn lassen. Voßhoop soll ausgesehn haben wie ein chloroformierter Clown. Einer von den beiden Schlingeln ist dann auf die Idee gekommen, den einsamen Haarschopf auf Farbenechtheit zu untersuchen, und muß später bei Kleefoot Andeutungen gemacht haben, als sei bei der Wascherei so etwas wie rotes Haar zutage gekommen. Schließlich haben sie ihn auf den Wagen geladen und vor der Apotheke abgesetzt. Als hätten sie ein Klavier zu transportieren gehabt. Soviel ist Tatsache, daß der Unterricht nach dieser Tour drei Wochen lang ausfiel. Es ist mir aber erzählt, es hätte noch einige Monate gedauert, bis seine langen schwarzen Strähnen ihre frühere Schönheit wieder hatten und die jungen Mädchen sich wieder über seine Polkalocken lustig machen konnten.«
»Von der ganzen Räubergeschichte glaube ich kein Sterbenswort. Die stammt aus viel zu trüber Quelle!« rief Siebrand erregt. Es empörte ihn, daß über seinen Vorgänger derart wüste Geschichten im Gang waren. Ezards war stehen geblieben. Seine Stimme sank zum Flüstern herab.
»Dann glauben Sie es jedenfalls auch nicht, wenn ich jetzt sage: unser artiger netter Voßhoop ist manchmal recht bedenklich aus der Rolle gefallen. Recht bedenklich! Oder Sie glauben es vielleicht auch nicht, wenn ich Ihnen erzähle, daß der fromme Johannes mitunter ganz gehörig einen gehoben hat. Es hat nur keiner merken dürfen, und er wußte genau, daß die Welt betrogen sein will. Die beiden Osterender haben in besagter Nacht einem echten Rotfuchs den Pelz gewaschen. Er hat damals einmal Pech gehabt, aber sonst verstand er es famos, der gute Johannes Voßhoop, sich selbst in der Gewalt zu haben. Nehmen Sie mir meine Offenheit nicht übel, Verehrtester, aber es ist mir noch mehr als zweifelhaft, ob Sie das so raus haben. Wenigstens würden Sie dann bei den Andachten kein so gelangweiltes Gesicht aufsetzen und vor allen Dingen nicht der niedlichen kleinen Apothekerin bei jeder Gelegenheit widersprechen. Das hat absolut keinen Zweck. Sie schneiden sich höchstens ins eigene Rindfleisch – – – Sie brauchen sich nicht aufzuregen und mit Ihren Aalen hin und her zu fuchteln, ich meine das selbstverständlich nur bildlich. – Sie werden doch zugeben, daß die Verpflegung bei uns eine höchst anständige ist? Hm? Nun gut, dann machen Sie es doch wie ich. Ich sage nicht nein und ich sage nicht ja und lasse alle Leute gewähren. Glauben Sie mir: mir paßt der fromme Krimskram im Haus noch dreimal so wenig wie Ihnen.«
»Und wenn man direkt um seine Meinung gefragt wird, wie ich öfters in den letzten Tagen? Dann soll man so ohne weiteres verbindlich lächeln und sagen: ganz Ihrer geschätzten Ansicht? Nee, Herr Ezards, das kriege ich nicht fertig.«
»Nun tun Sie mir bloß nicht leid, junger Mann. Warum wollen Sie den Leuten nicht den kleinen Gefallen tun? Ich tue es doch auch und bin zwanzig Jahre älter als Sie. Sie sind ein gesunder strammer Bursche. Ich wette tausend gegen eins, daß für Sie noch ein Extra-Wurstzipfel abfallen wird. Machen Sie doch kein so erstauntes Gesicht, Sie Unschuldslamm! Und nun lassen Sie uns umkehren. Ich schnappe allmählich nach meinem Bettzipfel. Werden Sie nur etwas klüger und schnappen Sie nach Ihrem Wurstzipfel!«
Sie waren nahezu bis nach St. Jürgen gekommen. Der Provisor redete noch immer auf den neben ihm Schreitenden ein. Ob Holtmanns ein Recht hatten, einen jungen lebensfrohen Menschen in ihre Weise hineinzuzwängen, wollte er nicht entscheiden. Aber nachdem der Rektor einmal in ihr Haus hineingeweht sei, sei es das einzig Richtige, mitzumachen. »Mitmachen! mitmachen! Immer mitmachen! Immer so tun, als ob! Dabei kommt man am weitesten. – Glauben Sie mir nur, das ist 'ne Sache, die keinem erspart bleibt. Ist mir auch nicht anders gegangen, als ich noch studiosus rerum humanarum war wie Sie jetzt. Das war dazumalen irgendwo in einer kleinen Apotheke in Franken. Ich sollte meine erste Stelle als Provisor antreten und hatte große Rosinen im Sack. Ich kam damals gerade vom Staatsexamen und war bis zum Überlaufen voll von pharmazeutischer Weisheit und meinte wunder, was ich alles könnte und alles sollte, und wollte die Welt schon bald glücklich kriegen. Jedenfalls sollte meine Weisheit nicht an Unwürdige verzapft werden. Kommt als erste Kundin ein altes Weib und verlangt Haaröl. Kommt als zweiter einer angeloffen und verlangt Stiebelwichse. Aber frisch müßte sie sein und nicht zu mager! Der hohe Herr Chef macht einen Mordskrach, wie ich von Standesbewußtsein rede, und sagt, das sei Quatsch. »Geldverdienen ist Hauptsache, und ohne meinen Handverkauf muß ich in diesem Lausenest verhungern.« Na, schließlich bin ich soweit gediehn, daß ich kaltlächelnd Wagenschmiere und saure Heringslake verkaufe, wenn's verlangt würde. Die Kunst geht nämlich nach Brot, wenn Sie das noch nicht wissen sollten. Mitmachen! Immer mitmachen! Immer so tun als ob, Verehrtester!«
Ezards erzählte dem Rektor, es sei noch die alte Mutter des Apothekers im Haus wohnhaft, eine brave Frau, aber ungeheuer einfach und gänzlich ungebildet.
»Ich sehe sie noch in ihrer Hülflosigkeit auf dem Hausflur stehn mit ihrem Keuchhusten, wie sie am selben Tag, wie ich hier antrat, urplötzlich aus dem Rheinland zugereist kam. Jetzt hockt das alte Mütterchen über mir in einer Dachkammer, daß man meinen sollte, die alte Frau gehörte überhaupt nicht mit zur Familie.«
»Gestern abend,« erzählte Siebrand, »kamen Leute angelaufen mit einem außerordentlich eiligen Rezept. Gerade als die Andacht beginnen sollte. Die haben dann warten müssen, bis die Beterei vorbei war. Würden Sie das auch so gemacht haben? Zuerst die lange Andacht und dann erst das Verbandzeug für den Verunglückten?«
»Das kann ich nicht so ohne weiteres entscheiden, Verehrtester. Man findet so etwas häufig in solchen Kreisen. Gottesdienst geht vor Menschendienst, sagt man wohl.«
Siebrand verfocht hitzig seine abweichende Meinung.
»Gerade der Dienst an den kranken Menschen ist Gottesdienst. Man kann nicht sagen: hier fängt Gottesdienst an und hier hört er auf. Aber wenn Holtmanns mit ihrer Frömmigkeit so breit und dicht an den Weg bauen, dann kommen die bösen Kritiker und sagen: die Sache stimmt nicht! Zuerst erfülle deine Pietätspflichten gegen deine alte Mutter, zuerst erfülle deinen Beruf und mache das Verbandzeug zurecht, darauf magst du deine Andachten abhalten.«
Schweigend setzten die beiden ihren Weg fort. Siebrand mußte über eine von Ezards hingeworfene Bemerkung nachdenken. Es gibt verschiedene Formen des Frommseins, und es kommt nicht auf die Form an, sondern darauf, daß Form und Inhalt übereinstimmen. So viel Lebensphilosophie hatte er dem langweiligen Ostfriesen gar nicht zugetraut. Vor dem Zynismus seiner Lebensgrundsätze aber empfand er ein Grausen. Der stach befremdend ab von der offenen Gutmütigkeit und derben Urwüchsigkeit seiner Landsleute an der Ems.
Aus der tiefdunklen schweigenden Nacht tauchten die Umrisse der ersten Häuser auf, schattenhaft und ungewiß. Durch das Geäste der Ahornbäume ging stoßweise der Wind und warf schwere Tropfen herab, die hohlklingend auf die Hüte der beiden Nachtwanderer fielen. Jenseit des Grabens erklang das verworrene Summen der Telegraphendrähte. Kam man an den Stangen vorbei, so hörte man ein metallisches Brausen. Als Schulkind hatte Siebrand dies für das Geräusch des Telegraphierens gehalten. Über den Deich her vernahmen sie das Rauschen der an die Gestade brandenden Elbe. Und hier und da, bald in der Nähe, bald in weiter Ferne, klangen langgezogene Signale. Das waren die Dampfer, die vorsichtig und mit halber Fahrt durch den Nebel fuhren, der auf dem Fahrwasser lag. Durch den Nebel, den gefährlichsten Feind, den der Schiffer kennt …
– – Keiner von den beiden hatte Lust noch ein Gespräch zu beginnen. Nach kurzem Gruß gingen sie auseinander.