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Neunzehntes Kapitel.

Der Vorfall bei der Alten Liebe war bald bekannt geworden. Die Zeitung brachte einen so überschwenglichen Bericht, daß Siebrand viel Mühe hatte sich der Lobeserhebungen zu erwehren. Es war ihm zuwider alle Augenblicke darauf angeredet zu werden. Er wurde dann grob, ohne es eigentlich zu wollen. Der alte Krohn hatte in dieser Zeit einen Kampf. Es drängte ihn das Lied vom braven Mann mit den Kindern zu besprechen, aber selbiges Gedicht stand dies Jahr nicht auf dem Lehrplan. Schließlich siegten Leichtsinn und Begeisterung über die Gewissenhaftigkeit. Ein wißbegieriges Mädchen brachte den braven Alten in Verlegenheit durch die Frage, wer denn mit dem edlen Grafen gemeint war, der den Geldbeutel in die Luft gehalten hatte. Aus den Knabenbänken kam sofort der vorwitzige Ruf: »Mandus Seebohm! Wer anders?« Das erregte in Hadelworth viel Gelächter.

Die Kantorkinder stießen sich in der nächsten Pause mit den Ellbogen, sahen auf den Rektor und flüsterten: »Dat is hei.« Auch die Rektorklasse ließ es sich nicht nehmen eine Feier zu halten. Während ihr Meister im Schulzimmer war, traten die Jungens in der Spielplatzecke zum Kreis zusammen und riefen die Mädchen heran. Heinrich Habersath hielt etwas wie eine Art Rede, und alle schrieen sehr begeistert dreimal Hoch, wie sie es neulich bei den Erwachsenen gehört hatten, als man vor Kleefoots Haus die Bismarck-Eiche pflanzte.

Am Sonntag beutete Pastor Elm den Fall Siebrand in seiner Predigt aus und sprach als Binnenländer von Wogenprall und Sturmgepeitsche. Schillers Taucher mußte herhalten: – »und ein Arm und ein glänzender Nacken wird bloß.« – – In Wirklichkeit hatte der Rektor mit seiner nassen Weste und seinem durchweichten Vorhemd sehr viel unpoetischer ausgesehn.

Griepenkerl, im Grund seines Herzens ärgerlich, daß der dankbare Stoff ihm durch den Kollegen weggeschnappt war, erklärte diese Predigt für äußerst taktlos. Man sollte doch nicht so viel Aufhebens von der Sache machen. Schwerlich wäre der Rektor wegen des Kindes ins Wasser gesprungen, wenn nicht zufällig Fräulein von Kampen dabei gewesen wäre; also von ungefärbter Nächstenliebe dürfe man nicht reden. Trotzdem würde er herzlich gern eine Rettungsmedaille bei der zuständigen Behörde beantragt haben. Indessen sei die Tat erstlich nicht mit eigener Lebensgefahr verknüpft und sodann überhaupt keine besondere Leistung für einen tüchtigen Schwimmer.

Holtmanns Mädchen hatte das von Griepenkerls Stine gehört und vor Sudings Tresen weiter erzählt. Frau Suding brachte es zu Frau Pastor Elm. Der Pastor erzählte es bei Kleefoot. Und durch Kleefoot kam es dann auch an Siebrand. Dieser war weit entfernt, sich als übermenschlicher Held vorzukommen; aber solche Verkleinerungssucht verdroß ihn. Wenn er auch zu niemand darüber sprach: er war sich dessen bewußt, was er getan hatte. – Durch Elm erfuhr er beiläufig auch, was Griepenkerl kürzlich beim Kränzchen in Medembüttel erzählt hatte. Neulich habe man den famosen Rektor Siebrand als jüdischen Viehhändler angesprochen. Die näheren Umstände hatte Griepenkerl dabei verschwiegen. »Es ist eine Schande für den gesamten geistlichen Stand, daß so etwas vorkommt,« hatte einer von den frommen Brüdern geklagt. So was konnte auch nur dem Hadelworther Rektor passieren, der mit hechtgrauen Beinkleidern in der Welt einherspazierte und sich mit Schullehrern und sonstigem Volk veramalgamierte! – – –

Öfter als je trieb es den Rektor auf den Deich. Es war ihm, als fühlte er noch den Blick aus Thedas Augen. Und eine heiße Sehnsucht brannte in ihm sie zu sehen.

Draußen hielt der Sommer nach den Regenstürmen noch eine späte wunderschöne Nachfeier und ließ dem Wandernden die weißen Spinnweben über den Kopf fliegen. Das Wasser lag wie still und die Luft war so durchsichtig wie niemals im ganzen Jahr, als sei die Welt weiter geworden. Am fernen Horizont spiegelten sich über der Wasserkimme die Bäume der holsteinischen Küste. Manchmal glaubte er Kirchtürme und Häuser zu erkennen. Aber wie oft er auch den Deich entlang ging, sie, die er zu sehn begehrte, bekam er nicht zu Gesicht. Kleefoot erzählte ihm, sie sei auf einige Wochen nach Hamburg zu Verwandten verreist. So tröstlich es ihm war zu hören, daß auch der Amerikaner nach Minneapolis abgereist war, so beunruhigend wurde es ihm schließlich, daß Theda so lange fern blieb. Das Erntefest kam heran, und seine Hoffnung war, sie bei der Gelegenheit zu sehn und zu sprechen. – – Ja, er hoffte noch mehr …

In den letzten Wochen war er wenig in die Wirtskrüge gekommen. Der Ernteball war ein teurer Spaß, hatte der Kantor angedeutet. Daher wollte er sparsam leben. In seiner Solidität fing er bereits an, sich selbst als einen angehenden Heiligen zu verehren. Jedoch bekam die Leiter, auf der er direkt in den Himmel steigen wollte, unvermutet einen heftigen Knax, und zwar durch Herrn Paul Reimers, einen Tiermaler aus Hamburg.

Dieser Herr Reimers hatte in letzter Zeit von München, wo er in Professor Heinrich Zügels Schule war, ulkige Postkarten mit kollegialischen Grüßen an Andreas Hingst losgelassen und die baldige Wiederholung seines vor zwei Jahren gemachten Besuchs in Aussicht gestellt. Hingst zeigte die Karten dem Rektor und meinte trocken: »Nun wird das Bier wohl bald teuer.«

Gestern Abend mußte der Erwartete eingetroffen sein, denn bis in die tiefe Nacht hinein war im Gastzimmer ein Höllenspektakel. Am Bahnhof hatte der Maler zwei junge Leute von der Post aufgegabelt und mit in seine Herberge geschleift, hatte denen dann hohe Töne vorgeredet über Malkunst und ganz besonders über Tiermalerei, und hatte ihnen Wunderdinge von seinen in Hadelworth zu malenden Skizzen erzählt.

Ein beängstigender Lärm ließ den Rektor des Morgens aus dem Bett springen. Nebenan ertönte ein Gurgeln und Prusten, als ob sich einer badete und in Gefahr sei zu ertrinken. Es war Herr Paul Reimers, der sich Mund und Zähne spülte und dabei ganz besonders umständlich zu Werk ging, wenn er des Abends vorher viel Bier getrunken hatte. Dies Geräusch bekam Siebrand in der Folgezeit noch oft zu hören und gewöhnte sich schließlich.

Als er sich nach unten begab, stand auf dem Flur ein junger Mensch in moosgrüner Joppe vor einer mächtigen Kiste und packte Malgerät aus. Es war keine Zeit zu verlieren, denn die Arbeit sollte noch heute morgen losgehn. Siebrand bewunderte im stillen den Eifer des andern und ging nach dem Frühstück zur Schule. Draußen fing Hingst ihn ab und fragte, ob er mit dem neuen Herrn zusammen die Mahlzeiten nehmen wollte. Das war ihm recht. Das Alleinessen war langweilig; und es war nur ein schwacher Ersatz für sonstige Unterhaltung, wenn er die Zeitung an die Suppenterrine lehnte und während des Essens las.

Des Mittags stellte sich der Maler vor. Er mochte dem Rektor gleichaltrig sein, hatte ein blasses Gesicht, einen großen Hinterkopf und wasserblaue Augen. Siebrand fragte höflich, ob er am Vormittag schon viel beschickt hatte. Leider sei ihm die Stimmung weggelaufen, erwiderte der andere, gerade als er sie habe erwischen wollen. Der Bescheid blieb dem Rektor zunächst ein Rätsel.

Herr Paul Reimers gab sich im Laufe des Gesprächs als einen Vertreter der allermodernsten Richtung zu erkennen, war anscheinend von seiner eigenen Tüchtigkeit sehr überzeugt und erklärte die meisten Erzeugnisse seiner der Tiermalerei beflissenen Zeitgenossen für im Bierdusel gemalt.

»Verdammt! Bierdusel ist keine Stimmung!« sagte er und machte ein zerknirschtes Gesicht.

Siebrand gab ihm recht, hätte aber gern genauer gewußt, was jener eigentlich unter Stimmung verstand. – Es dauerte eine Zeit, ehe er sich an des Tischgenossen saloppe Kleidung gewöhnte und dessen absonderliche Sprechweise, ein wunderbares Mischmasch von Hochdeutsch, Hamburger Platt und imitiertem Münchnerisch. Dann aber lernte er ihn je länger je mehr als einen harmlosen Menschen und munteren Gesellschafter kennen, der ein fröhliches Herz hatte, manch lustigen Witz machte und sich auch des Rektors anzüglichen Spott gutmütig gefallen ließ.

In der Tugendhaftigkeit der letzten Wochen fühlte Siebrand sich gewappnet gegen jegliche Unsolidität. Aber er überschätzte sich. War es das Interesse für des andern Kunst oder fand er Gefallen an dessen übermütigen Einfällen oder erwachte in ihm selbst ein verwandter Geist, kurzum, er verkehrte sehr viel mit dem Maler, und das Geld zerfloß dabei wie Schaum im Bach. Wie sollte es beim Erntefest werden? Sein neuer Freund schien über solche kleinen Sorgen erhaben zu sein, ging jeden Morgen und jeden Nachmittag mit Staffelei und Kasten und einem großen Leinwandrahmen auf die Weide, quetschte viel hellgelbes Kadmium und braune Sienaerde, auch einiges dunkles Kobaltgrün aus den Tuben auf die Palette und malte, was ihm an Viehzeug in den Weg kam. Dabei vergaß er aber auch nicht für seinen leiblichen Menschen zu sorgen. Er behauptete allerdings, das schauerliche Swienegelbier sei mehr eine Medizin als ein Genußmittel, und ein charaktervolles Getränk gäbe es einzig in München. Doch sein Leben strafte seine Worte Lügen. Eines schönen Morgens hatte er, statt vor der Staffelei zu stehn, wieder in einer Kneipe gesessen und sich mit der hübschen Wirtstochter Dorette Tünnermann unterhalten. Währenddessen machte sich das Kalb auf der Weide, das vordem friedlich graste und sich porträtieren ließ, an das Gestell und leckte alle die breiten glänzenden Farben ab. All das schöne teure Kadmium und Sienaerde und dunkles Kobaltgrün und damit das Schöpfungswerk von sieben Tagen wurde in wenigen Minuten von dem sachverständigen Leckermaul zunichte gemacht. Das gab dem Eifer des Malers einen argen Rückschlag, zumal auch der Rektor sogleich mit seinem Spott bei der Hand war. Das Tier hatte instinktiv nicht anders handeln können, sintemalen es erkannt hatte, daß kein natürliches sondern ein modern stilisiertes Kalb bei der Pinselei auf die Leinwand käme. Maler Paul Reimers suchte in Hingstens Gaststube Tröstung. Aber die kam nicht sofort. Tagelang stand er jeden Morgen am Gartenzaun und plierte zwischen geröteten Augenlidern über den Wedemacker hinüber, kam dann wieder ins Haus getrappt und bestellte sich ein Glas Bier. »Die Stimmung ist futsch, fuscicato perdutto!« klagte er, bestellte ein neues Glas und verbrachte den Tag damit Leinwand zu grundieren. – Der Rektor wußte jetzt, was Stimmung und Bierdusel war.

Aber auch Siebrand hatte in dieser Zeit seinen besonderen Kummer. Er gab der Oberabteilung einen Aufsatz über das Thema: der Bahnhof in Hadelworth. Dabei diktierte er eine Reihe von Stichworten »Lokomotivpfeifen – Glockenzeichen – Türenschlagen – Menschenstrom – schleichende Taschendiebe – Mutter und Sohn im Wartesaal – Tücherschwenken und Tränen – Schaffner rufen – Telegraphenapparat tickt usw. usw.« Aus diesen Brocken sollten die Schüler nach üblichem Rezept ein schmackhaftes Aufsatzragout zusammenkochen. Das Wort Telegraphenapparat wurde verhängnisvoll. Der besseren Anschaulichkeit halber zogen die Jungens am Mittwochnachmittag zum Bahnhof hinaus, um ihren Aufsatz selbst zu »erleben«. Der penible Bahnhofsverwalter Schellstedt wußte gar nicht, was los sei, als sie jeden Winkel durchstöberten, und geriet in große Aufregung, als sich herausstellte, daß sie auch am Morseapparat herumgefingert und etwas zerbrochen hatten. Auf der Station hatten sie so wie so schon ihren Ärger gehabt. Irgend ein Anfänger hatte sich irgendwo im Telegraphieren geübt, hatte aber als echter Anfänger seinen Apparat nicht isoliert. Alle Apparate klapperten leise mit, und alle Kundigen hatten den Genuß, das Tick Tick Tick des jungen Mannes mit anzuhören. Alle Versuche den Unermüdlichen zu bewegen, seine Fertigkeit für sich zu behalten, waren vergeblich. Es war zum Verrücktwerden, in einem fort die Worte »Bier« »Ida« »Emma« »Napoleon« »Heinrich Müller« mit anhören zu müssen.

Herr Schellstedt war dunkelrot im Gesicht wie seine Dienstmütze.

Wo waren die verdammten Rektorjungens?

Aber die waren längst spurlos verschwunden. Nur Heinrich Habersath saß im Wartesaal. Im Vollgefühl, diesmal nicht der Missetäter zu sein. Er hatte sich seine Kladde gleich mitgebracht und verfaßte den Aufsatz an Ort und Stelle. Heinrich wußte von nichts, hatte nichts gesehn und nichts gehört und war auch nicht in dem betreffenden Zimmer gewesen. So hielt man sich an den Herrn Rektor als an den geistigen Urheber des Unheils; und dieser mußte &#8499; 32,40 Reparaturkosten bezahlen. Das war äußerst bitter. Der Herr Rektor hat seitdem solche Art Aufsätze nicht wieder anfertigen lassen.

Der Tiermaler rieb die Hände: »Na, do schaug'ns her! Seag'ns? Hoabn's an Idee? Weet'ste nu Bescheed?« Er schien geneigt, Siebrands Mißgeschick als einen Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit aufzufassen. Dafür sollte ihn das Schicksal noch einmal ereilen. An Hingstens Kohlensäure-Vorrichtung war etwas in Unordnung; und es sollte jemand aus Cuxhaven her, um zu reparieren.

»San's net fad, Vater Hingst. Is nich nötig. Die Kleinigkeit machen wir selber!« erklärte Reimers. »Wozu haben wir früher einmal Techniker werden wollen? Zu was haben wir dreiviertel Jahr in der Maschinenfabrik gearbeitet?«

Meister Andrees wehrte ab, denn er traute den mechanischen Künsten des Hamburgers nicht recht, so gern er das Geld gespart hätte und so ungern er schriftstellerisch tätig war. Die Postkarte an den Cuxhavener Schlosser war ihm das schlimmste dabei. Er wäre längst zu Fuß nach Cuxhaven gewesen, hätte er nur Zeit gehabt. Aber Herr Reimers tat sehr beleidigt.

So geht denn das Hantieren mit dem Schraubenschlüssel los. Alles gelingt vortrefflich, und triumphierend verläßt der Kunstmaler das Lokal um mit dem Rektor Mittag zu halten. Auch die Familie Hingst setzt sich mit den zwei Lehrlingen zu Tisch. – –

Plötzlich ein Knall, daß die Scheiben klirren.

Schon kommt Andrees die Treppe herauf.

»Dar heffd Se mal wedder nette Swieneree makt! Nette Kleieree, min leewe Reimers! Kamen Se man eben mit runner!«

Der Rektor meinte: »Es ist ein wahres Glück, daß nur das Bierfaß explodiert ist und nicht der Säureballon.«

Der Kunstmaler aber mußte für das ausgelaufene Bier und das zerschmetterte Faß bare fünfundzwanzig Mark bezahlen. Hingst war nämlich in solchen Dingen sehr hartherzig. Trotz Siebrands Fingerzeig, die Arbeit werde ihm schon wieder Trost bringen, hatte Reimers tagelang keine Stimmung. Dafür kam eine lange Reihe von Bleistiftstrichen an die eine Seite des Schanktisches. Jeder kleine Strich bedeutete zehn Pfennig, die Herr Reimers am nächsten Ersten an Herrn Hingst bezahlen wollte.

Kein Wunder, daß sich unter solchen Umständen im Gasthaus zur Erholung ein immer empfindlicher werdender Geldmangel einstellte. Dazu kam noch, daß der Maler mehrfach dem Organisten Klaussen in die Hände gefallen war. Reimers spielte eigentlich nur, um die unvermeidlichen Skatschnäcke zu hören oder anzubringen, und zählte weder Stiche noch Augen. So war er so gut wie bares Geld; und dem würdigen Schlusohr, dem Organist, war das recht. – Reimers klagte sein Leid dem Rektor. Doch der war in der gleichen Verdammnis. Die beiden ratschlagten hin und her. Irgendwo in Hadelworth eine Anleihe machen mochte man nicht. Der eine schlug vor treffliche Witze an die »Fliegenden Blätter« einzuschicken; man bekomme pro Witz mindestens zehn Mark.

»Um Witze zu machen, muß man erst in Stimmung geraten, und das kostet viel Geld,« warf der Rektor ein und schlug vor, der Maler solle Plakate für Fahrräder entwerfen oder für landwirtschaftliche Maschinen oder dergleichen. Entrüstet erklärte der andere, lieber bei lebendigem Leibe verhungern zu wollen.

»Meinen Sie nicht, verdursten ist noch viel schlimmer?« fragte Siebrand mit Galgenhumor.

Bei solchen Beratungen wurde das Geld immer knapper.

Eines Tags kam Reimers geheimnisvoll mit der letzten Nummer des Medembüttler Blatts.

»Oetz hammer'sch! Heurekasper! Jessas! Jetzt kriegt de Göös Water tau supen!« Dabei tippte er auf eine Annonce:

 

Geld-Darlehen in jeder Höhe zu kleinst. Zinsfuß erhältl.
für Personen jed. Stand. Diskret.

S. Elias, Agtelekigasse 4, Budapest.

 

Siebrand schüttelte den Kopf. Er dachte an Gerd Krömmelbeen. Sollte es auch in der ungarischen Hauptstadt einen Klub dritter Rinnstein geben? Es gab vertrauenerweckendere Namen als Budapest und S. Elias. Der Maler erklärte, er wollte die Sache auf jeden Fall probieren. »In der Not greift der Teufel nach einem Strohhalm und – frißt ihn auf.« Nach vier Tagen kam ein sehr gnädiger Schreibebrief des Herrn Elias. Er war nach reiflicher Überlegung bereit, das verlangte Darlehen ad &#8499; 300 zu leisten und zwar zu 6% halbjährlich. Das Geld sollte postwendend abgehen, nur mußte er bitten, wegen der notwendig gewordenen und noch erforderlichen Informationen die Auslagen ad &#8499; 20 vorher per Anweisung begleichen zu wollen. Paul Reimers hatte nicht übel Lust, mit der Mettwurst nach dem Schinken zu werfen, und hätte die zwanzig Mark abgeschickt, wenn Siebrand ihn nicht gehindert hätte. Nach acht Tagen kam ein hektographierter Brief aus der Agtelekigasse: das Geld lag zur Absendung bereit. Man möge nur die Informationsgebühr baldgefl. einsenden. Nach weiteren acht Tagen schickte Herr Elias eine Postkarte und notifizierte, er halte sich nur noch bis zum so und sovielten an sein entgegenkommendes Anerbieten gebunden. Es mußte eine Menge Leute geben, die auf einen so plumpen Leim krochen; denn der Text der Karte war gedruckt und nur die Terminangabe mit Tinte ausgefüllt. Siebrand hätte gern einen deutlichen Brief an den edlen Menschenfreund geschrieben. Nur tat ihm das Porto leid.

Paul Reimers, der den Herrn S. Elias nunmehr auch nicht mehr für einen zuverlässigen Strohhalm halten konnte, hatte in aller Stille ein glänzendes Finanzmanöver ausgeführt. Strahlend kam er plötzlich mit zweihundert Mark an und gab dem Rektor die Hälfte ab. Er hatte an eine alte Dame, die er nicht nennen wollte, ein Bild verkauft, und zwar ein Pferdestück. Als Siebrand ihn beglückwünschte und das Bild sehen wollte, wich er aus.

»Hauptsache is,« erklärte er, »daß wir den nervus rerum zu fassen haben. Alles andere findet sich später. Täuw man sinnig aff! Man jümmers sutjen!«

Siebrand schüttelte sich vor Lachen. Das Bild sollte erst noch gemalt werden. Und die zweihundert Mark waren Vorschuß.

»Na, die Tante soll sich wundern, wenn sie erst ihr Bild zu sehn kriegt. Jessas, die glaubt scheint's, ich müßte ihr für die lumpigen zwei Lappen vier Quadratmeter vollpinseln. Dös giabt's fei net. Aber einerlei. Piekfein soll der Gaul nun aber doch werden. Man bloß 'n büschen lüttich.«

Der Maler ließ derweilen die Kälber auf der Weide zu Kühen heranwachsen und ging jetzt mit großem Fleiß an das bereits verkaufte Bild. Grundierte Leinewand war genügend vorhanden. Neben Landschöff Brütts Scheunentor wurde ein passendes Modell angebunden, ein Gaul, der längst über die Jugend hinüber war. Siebrand wohnte diesen Vorkehrungen bei.

»Wahrscheinlich kommt es der Bestellerin,« bemerkte er, »mehr auf feurig einherspringende als auf geduldig dastehende Pferde an.« Doch der andre ließ sich nicht drein reden.

»Kennen Sie die Bestellerin? Zu woas machen's denn a G'schmarr? Auf Natürlichkeit kommt's bei so'n Pferdeviech an und auf weiter nichts.«

Nach getaner Arbeit unternahmen die beiden ihre abendlichen Fahrten. Der Leichtsinn der letzten Zeit war im Grunde nur eine Übertäubung einer gedrückten Stimmung gewesen. Jetzt trat echter Übermut an die Stelle. Die beiden Schiffe lagen wieder flott und hatten gute Fahrt, und man brauchte nicht dreimal an den Mast zu klopfen um Wind zu bekommen, wie die Fahrensleute bei Windstille tun. Wind, in diesem Falle Geld, war genügend vorhanden. Dazu wollte es Siebrand bedünken, als segle sein Lebensschifflein lustig über tiefgründiges blaues Wasser dahin, leicht schaukelnd und mit dem Steven die Flut durchschneidend, so daß das Wasser zu beiden Seiten rauschte.

Er wußte, daß Theda wieder zu Hause war.

In dieser Stimmung gerieten die beiden nach Riega zum Kegelabend. Das Kegeln war längst zu Ende. Alle anderen waren heimwärts gegangen. Nur die beiden Hadelworther saßen noch vorn bei Korl Schwick, zusammen mit Franz Haevesche, der auch gutes Sitzfleisch hatte. Siebrand hatte gewaltigen Hunger. Doch Schwick hatte nichts Rechtes im Haus; und spät in der Nacht war nirgends was zu bekommen. Die zwei Büchsen mit Sardinen, die noch von einer Cuxhavener Strandungsauktion stammten, waren bald geleert. Auch das Öl war bis auf den letzten Tropfen ausgestippt. Siebrand erklärte, er habe noch immer mächtigen Hunger, und sah mit blinzelnden Augen auf ein Goldfischbassin. Drei rote Goldfischlein schwammen unschuldig in ihm hin und her. Eine übermütige Anwandlung überkam ihn. Er zeigte auf das Gefäß.

»Bitte, braten Sie mir die drei Fische, Herr Schwick. Ich habe Hunger. So wie ich hier sitze, komme ich vor Mattigkeit nicht nach Hadelworth.«

»So'n Infall! Sei sünd woll nich klook, min leewe Mann!« meinte der biedere Schwick.

»Bitte, braten Sie mir die drei Goldfische. Wozu haben Sie die stumpfsinnigen Dinger hier im Lokal? Ich habe Hunger!« erklärte der andere mit großer Bestimmtheit.

»Gut! Dann will ich aber für das Stück eine Mark haben.«

»Fix und fertig gebraten? Schön! Sollen Sie haben. Nun aber fix, lieber Herr. Ich habe Hunger.«

»Du liebe Zeit! Wat for Narrentöge! Städters sünd Fräters!« brummte der Wirt und ging in die Küche.

Haevesche und Reimers wurden freundlich zum Mitessen eingeladen, lehnten jedoch ab.

Die Fische schmeckten genau so nichtssagend wie die Oblaten, mit denen sie gefüttert waren, stillten auch nicht den Hunger. Aber der Rektor Siebrand hatte die seltene Genugtuung, eine Portion gebratene Goldfische gegessen zu haben …

Beim Aufbruch legte er dem Wirt einen Taler hin für die Fische.

»Och wat! Dumm Tüg!« sagte der alte Korl und schob das Geld wieder zurück. »Das war man blots Spaß. Weil ich Sie doch man 'n büschen bange machen wollte. Nu sind die schönen Fische ja alle weg. Aber meine Altsche wird morgen nett spucken, wenn sie's gewahr wird. Nu gehn Se man alle nach Hause, meine Herrens. Du auch, Franz Haevesche, du ol Slüngel! Sonst macht ihr hier noch mehr dummes Zeug.«

»Geduld, Geduld, liebe Seele!« sagte Siebrand, ging an die Wand, wo das bunte Blechboot für die Bremer Gesellschaft zur Rettung von Schiffbrüchigen hing, und ließ den Taler durch den Schlitz fallen.

»Da ist er gut aufgehoben,« sagte er trocken.

»Versteht sich. Da ist er gut aufgehoben!« pflichtete Korl Schwick bei und begleitete seine Gäste vor die Haustür.

»Kommen Sie man gut nach Haus und lassen Sie sich's man schön bekommen!«


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