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In den Häusern am Wedemacker war große Aufregung. Dort wohnten lauter kleine Leute, selbständige Arbeiter, verheiratete Oberknechte, Postboten, Wegewärter. Pastor Griepenkerl wollte die Schererei mit der Landverpachtung nicht länger mehr haben; auch mochte der Pachtschilling nicht allemal rechtzeitig bezahlt sein. Daher hatte er in der Woche nach Erntefest den ganzen Wedemacker, fünfzig Morgen und mehr, in einem einzigen Stück an einen großen Hofbesitzer ausgetan. Was sollten nun die machen, die bislang kleine Parzellen vom Pfarrland gehabt hatten? Wenn dem kleinen Mann außer dem Tagelohn nichts zuwuchs, konnte er sein Schwein nicht fett machen. Sonstiges Land war überall nicht zu haben. Denn das ganze blache Marschland war streifenweise verteilt schon in den Tagen der Vorzeit, als die ersten Siedler herabstiegen von ihren Seeworthen, die wie Inseln im Wattwasser ragten, und als nun neues Volk von der Geest dazukam und man sich daran machte Deiche zu schütten. Neues Land war seitdem nicht hinzugewachsen. Überall in der Marsch waren kleine Landstücke mit Talern zu bedecken, wenn einer sie kaufen wollte. Wer was besaß, hielt die Hand fest. Kein Wunder, daß ein starker Teil des Bevölkerungsüberschusses, Knaben und Mädchen, gleich am Tag nach der Konfirmation nach Amerika fuhr.
Von den Nöten am Wedemacker wurden die übrigen Hadelworther kaum etwas gewahr. Auch dann noch nicht, als die Aufregung stieg, weil bekannt wurde, der zweite Prediger beabsichtigte nächsten Herbst ein Gleiches zu tun.
Gerade in den Kreisen des kleinen Mannes mußte Siebrand, trotzdem er Lehrer der Vornehmeren war, durch seine offene Art einiges Vertrauen erworben haben. Pastor Elm pflegte auf seinen Spaziergängen bei den Arbeitern stehn zu bleiben und freundlich herablassend zu fragen, ob die Arbeit auch schwer sei, ob sie auch genug verdienten und was sonst. So sehr das die Leute anfangs entzückte, so sehr mißfiel es auf die Dauer, zumal der Pastor auch in kirchlichen und religiösen Dingen leise auf den Zahn zu fühlen versuchte, während die Marschleute in diesem Punkt ungeheuer zurückhaltend waren.
»Jetz kommt der Baster. Jetz blauschen wir 'n bissel. Nachher will er wieder frische Werschte fressen,« sagten sie, wenn er querfeldein geschlendert kam, und versuchten mit ihren ungefügen Zungen die Sprechweise des Thüringers nachzumachen. Sie mochten es nicht, wenn der oberländische Pastor sich von dem schlachtfrischen Fleisch holen und Würste daraus machen ließ. War es ein Aberglaube oder war eine Scheu vor der Kreatur: das Fleisch mußte erst kalt sein, ehe es gebraucht wurde. – Der Rektor Siebrand war gleichfalls freundlich gegen jedermann, aber er ging seinen Weg wie alle andern, mit kurzem Gruß und gelegentlichem Scherzwort.
»Na? so flietig?« war die ständige Frage.
»Nich slimm,« sagten die einen.
»'n beten,« sagten die andern.
»Och'ott, wi möet woll,« sagten die dritten. Das waren die schon weniger Zufriednen.
Eines Tages kam eine Abordnung zu ihm und stellte ihm die Angelegenheit vor und bat ihn, zu den beiden Pastoren zu gehen.
Pastor Elm ließ sich bald von der Kurzsichtigkeit seines Vorhabens überzeugen. Der Gang zum ersten Predigerlehn wurde dem Rektor sauer, doch er ging den Leuten zuliebe auch diesen Weg. Griepenkerl erklärte rundweg: » Quod dixi, dixi. Wenn die Leute übrigens ein Anliegen haben, so sollen sie selber zu ihrem Seelsorger kommen und keinen Kandidaten schicken.«
Siebrand ging zu den beiden Männern, die bei ihm gewesen waren, und berichtete. Besonders die Frauen gerieten in große Aufregung und gebrauchten zornige Worte. In der Erregung ließ auch Siebrand sich zu der Äußerung hinreißen: »Das Vorgehen von Pastor Griepenkerl ist eine soziale Sünde ersten Ranges.«
Gewiß war es eine soziale Sünde, das Pfarrland, die einzige kleine Allmende der Gegend, der Möglichkeit zu entziehn sozial wohltätig zu wirken. Aber der Rektor hätte die Äußerung diesen Leuten gegenüber besser vermieden. Es dauerte keine zwei Stunden, und Pastor Griepenkerl war durch August Krömmelbeen über alles unterrichtet. Auf den frommfrechen Schneidersmann hatte nicht so sehr der Ausdruck »sozial« gewirkt als das Wort »Sünde«. Und die Weise, wie er es wiedererzählte, verfehlte auch auf Griepenkerl nicht ihre Wirkung.
– – – »Der Rektor Siebrand hat mich der Sünde bezichtigt. Hast du es gehört, liebste Johanna? … Oh, ich kann es nicht fassen … er hat mich der Sünde bezichtigt … Hörst du dieses? Verstehst du dieses, meine beste Johanna?«
Seufzend ging der Pastor in seiner Stube auf und ab und warf hülflose Blicke auf die Gattin im Korbsessel. Soeben hatte er die Einleitung seiner nächsten Predigt niedergeschrieben und ausgeführt, niemand könnte schlecht genug denken über seine eigene große Sündhaftigkeit.
»Ich dächte, liebster Gottwald,« kam es aus dem Korbsessel, »jetzt müßte deine übergroße Geduld endlich einmal ein Ende haben. Merkst du denn gar nicht, daß der Mensch darauf ausgeht, deine seelsorgerliche Stellung hier zu untergraben?«
»Gewiß, ich sehe es ja ein, mein gutes Weib. Der Siebrand muß von hier fort, und zwar so bald wie nur möglich. Er darf weder Rektor bleiben noch soll er Pastor werden. Aber was soll ich tun? Soll ich ihn niederpredigen, wie ich den Kollegen Elm in Grund und Boden gepredigt habe am ersten Sonntage nach Trinitatis? Oder was soll ich tun? Soll ich nicht noch ein einziges letztes Mal nachsichtig sein und ihn her zitieren und ihm den Standpunkt klar machen?«
»Nichts von Geduld, liebster Gottwald! Das wäre wohl das Allerverkehrteste. Ich verstehe dich nicht. Warum willst du die günstige Gelegenheit nicht ausnützen? Im übrigen laß mich nur machen. Deine Johanna wird schon einen Weg finden, den wir gehn müssen.«
»Du weißt selber, Liebste, es ist nicht Zorn oder Rachsucht von mir. Nein, ich bin mir gewiß, ich handle nur zum eigenen Besten dieses verblendeten jungen Mannes, wenn ihm die Bahn, die er jetzt geht, verschlossen wird. Wenn ihm vor allem die andere, die er später gehn will, unmöglich gemacht wird. Bedenke, was für eine Gefahr würden solche Menschen der teuren Kirche unseres Herrn bringen!« – – –
Im Dunkel der nächsten Abende besuchten Griepenkerls Frau und die Apothekerin einander häufiger als sonst. Auch Frau Suding wurde zu einem dieser vertraulichen kleinen Privatkaffees hinzugezogen. Die Freundschaft Sudings mit dem zweiten Predigerhaus war nämlich bis zum Gefrierpunkt abgekühlt, seitdem Elms nicht mehr bei Sudings kauften, sondern nunmehr Habersaths hatten an die Reihe kommen lassen. Das war das Bestreben es allen recht zu machen.
Bei Frau Holtmann wurde nun alles genau aufgezählt und aufgeschrieben, was sich gegen den Rektor Siebrand aufsuchen ließ. Bald darauf ging ein langes Schreiben an das Konsistorium ab, vom Kaufmann Suding als Interessenten der Rektorschule unterzeichnet.
Es war ernstliche Klage zu führen über den Rektor Hermann Siebrand zu Hadelworth. Im eigentlichen Schuldienst war ihm zwar nicht viel Nachteiliges nachzuweisen bezw. bekannt geworden, nur daß er einmal des Morgens den Unterricht eine volle Viertelstunde zu spät begonnen hatte und diese Unpünktlichkeit wahrscheinlich damit zusammenhing, daß er am Abend vorher zum Kegeln nach Riega gewesen war und sich dortselbst spät in der Nacht sehr auffällig benommen hatte. Ob Geistesgestörtheit vorliege oder ein Fall von sinnloser Trunkenheit, mußte der Behörde zur eventuellen Entscheidung anheimgestellt bleiben. Auch auf den Religionsunterricht des p. p. Siebrand, welcher anscheinend nicht völlig auf dem Grunde des landeskirchlichen Bekenntnisses stände, sollte kein beschwerendes Gewicht gelegt werden, vielmehr müsse die Prüfung auch dieser Angelegenheit dem geneigten Ermessen Eines Hochwürdigen Konsistorii anheimgestellt werden. Dasjenige aber, welches Veranlassung gab zu schwerem Bedenken, ob der p. p. Siebrand noch geeignet und imstande war, die Leitung der Rektorschule zu Hadelworth beizubehalten, war dessen wahrhaft anstößiger Lebenswandel. Nicht bloß daß er sehr häufig in den Wirtschaften saß, sogar in einem Wirtshause wohnte, sondern vor allem, daß er dem Laster des Spiels ergeben war. Es sei allgemein bekannt und sogar die Schulkinder wüßten es, daß der Rektor S., wenn auch nicht geradezu gewerbsmäßig so doch zu wiederholten Malen in offener Wirtschaft am Hasardspiele sich beteiligt habe. Wie wenig sittlich fördernden Einfluß solches auf die gutgesinnten Eltern der ihm zur Pflege befohlenen Kinder sowie vor allem auf die Zöglinge selbst ausübte, und wie wenig solche sittliche Leichtfertigkeit und mangelnder Lebensernst sich mit den Aufgaben sowie der Stellung eines christlichen Pädagogen vertrug, das geneigtest zu erwägen mußte man Einem Hohen Konsistorio überlassen. Es war zweifellos nicht unbillig, sondern entsprach nur der Sachlage, wenn der ganz gehorsamst Unterzeichnete im Namen und im Sinne mehrerer Interessenten der Rektorschule zu Hadelworth die sehr dringliche Bitte aussprach, den p. p. Siebrand als des Amtes unwürdig baldtunlichst von dem Amt eines Rektors an der Rektorschule zu Hadelworth suspendieren zu wollen.
In einem Postskriptum wurde ausgeführt, daß es aus oben dargelegten Gründen ebenso begreiflich wie wünschenswert sei, daß der Rektor S. von seiner früher geäußerten Absicht in den Pfarrdienst zu treten, dem Vernehmen nach Abstand genommen habe. Aber es war doch zu bemerken, daß auch die Schultätigkeit eine derart wichtige und verantwortungsreiche Sache sei, daß sie von unwürdigen Leuten nicht ausgeübt werden dürfte.
Dies Schreiben des Kaufmann Suding kam in Bälde vom Konsistorium an den Lokalschulinspektor Griepenkerl zum Bericht. Griepenkerl brauchte die Akte nicht durchzulesen und schrieb darunter, die Angelegenheit habe zu seinem sehr großen Bedauern ihre Richtigkeit. Wenn er sich auch dem Gesuch des Herrn Suding nicht geradezu anschloß, so mußte doch auch er eine baldige Erledigung der peinlichen Angelegenheit wünschen. Zudem mußte er zu seinem herzlichsten Leidwesen noch das Folgende ergänzend bemerken: Der Rektor S. habe nicht nur das Bestreben, sich der in Hadelworth so notwendigen praktischen christlichen Liebesarbeit nach Möglichkeit zu entziehen, sondern er lasse es sich auch angelegen sein, die seelsorgerliche Stellung der in der Gemeinde Hadelworth tätigen Geistlichen zu untergraben.
An den Superintendent Steenbrügge, der zugleich Kreisschulinspektor war, gelangte in denselben Tagen ein Zettel ohne Namensunterschrift und mit folgendem Inhalt:
Ewiger Hochgebohrn,
Frage den lieben Superindent Ergebens an, ob es zulessich das ein Kandedad Teologieä junge ernste leute an den jünglinsferein ferhindert auch zus Tanzen gehet wo es was giebet, auch Glückspill spillt, wer einem so Frommen Pastor (Herr G..........) als ein Sünder Schimpt ob so einer Würdichlich und Wolgeschickt ist einen Guten Recktor zu Spieln?? sind daß Thaden und Werke eines Teologieä wie weit Entfernd vom Wege des Herrn Herrn
ein schwacher Christ.
– – – Von alle dem, das da im stillen vor sich ging, hatte der Rektor Siebrand nicht die mindeste Ahnung. Er hatte auch die Äußerung, die er am Wedemacker im Postbotenhaus getan hatte, so gut wie vergessen. So nahm es ihn Wunder, als der Superintendent eines Tages unangemeldet in der Schule erschien und seinem Unterricht beiwohnte, aber nicht dem der übrigen Lehrer. In der Pause zog der freundliche alte Herr den bewußten Zettel hervor.
»Ich bin ganz gewiß der allerletzte,« begann er, »der auf anonymes Geschreibsel reagiert, aber dies hier ist etwas reichlich. Entziffern Sie mal diesen Wischlappen. Wer könnte das Zeug geschrieben haben?«
Siebrand nahm das aus einem Schulheft herausgerissene schmierige Blatt und erkannte auf den ersten Blick Wesselohs krackelige Schrift.
»Ich hab's ganz gewiß nicht geschrieben,« sagte er, halb naiv, halb im Scherz.
»Will ich gern glauben,« erwiderte Steenbrügge lächelnd. »Aber was ist denn eigentlich passiert? Was ist das mit dem Glücksspiel und mit dem Sünder? Ich nehme nämlich an, daß Sie mit diesem schuldbeladenen und fluchwürdigen Kandedat Teologieä gemeint sind.«
Siebrand erzählte den Hergang und daß ihm die Äußerung entfahren sei, das Verhalten des Pastors sei eine soziale Sünde.
»Die Äußerung hätten Sie sich besser gespart, mein Lieber. Sich und Griepenkerl. Die war mehr als überflüssig! Aber na, habeat sibi. Aber was hat denn der Passus vom Glücksspiel auf sich?«
»In diesem Punkt bin ich mir keines Vergehens bewußt. Ich habe so wenig hasardiert wie ein neugeborenes Lamm,« erklärte der andere.
Der alte Herr wandte sich dann zum Gehen.
»Und was dann Ihren verstorbenen Jünglingsverein anbelangt, na, requiescat in pace. Bin so ziemlich orientiert. Habe dessen Lebensgeschichte von Anfang bis Ende verfolgt. Mit großer Spannung. Aber da war ja nicht viel zu verfolgen. Kollege Griepenkerl wollte sich wieder einmal nicht raten lassen. Der und sich raten lassen! Was zur Not ins Wuppertal paßt, paßt damit noch lange nicht nach Hadelworth. Dann hat es genau so kommen müssen, wie ich's ihm prophezeit habe.«
Dies Urteil des alten Superus zu hören war dem Rektor eine Genugtuung. Seit Griepenkerl ihn geflissentlich mied, hatte er viel an die Erlebnisse der ersten Wochen zurückdenken müssen und hatte in ihnen den Grund von Griepenkerls Verstimmung gesucht.
Am folgenden Morgen war zu Siebrands größtem Erstaunen schon wieder Besuch in der Schule. Als er in der Frühe zum Unterricht ging, stelzte ein hagerer schwarzgekleideter Mann mit langen Beinen auf dem Schulplatz hin und her. Man hätte die Gestalt mit dem schwarzen Kotelettbart und dem glatt ausrasierten Kinn für einen Lakaien oder Lohndiener oder ähnliches halten können. Der Herr drückte seinen goldenen Kneifer fester auf die Nase und gab sich als Regierungs- und Schulrat Schulz zu erkennen. Er beabsichtigte dem Unterricht beizuwohnen. Siebrand sollte zunächst eine Stunde Katechismuslehre abhalten. Er war heil froh sich zu Hause ordentlich vorbereitet zu haben, denn das Fach stand heute auf dem Plan. In der folgenden Stunde wünschte der Fremde statt des Französischen biblische Geschichte zu hören. Auch das ging glatt. Der Schulrat saß wie unbeweglich auf seinem Stuhl, sagte zu alle dem kein einziges Wort, auch in den beiden nächsten Stunden nicht, und begab sich mittags ins erste Predigerlehn. Siebrand freute sich schon den steinernen Gast los zu sein; doch als er des Nachmittags wieder zur Schule ging, schritt dort wieder dieselbe unheimlich schwarze Gestalt auf und ab. Der Spielplatz lag wie ausgestorben. Die andern drei Lehrer waren schon in der Klasse und anscheinend eifrigst bei der Arbeit.
»Sie kommen zu spät, Herr! Es sind bereits zwei Minuten über zwei,« sagte der Schulrat und zog die Uhr.
»Verzeihen der Herr Schulrat! Ich richte mich genau nach der hiesigen Kirchenuhr.« Im selben Augenblick ertönten die Schläge der Turmuhr.
Als die beiden Nachmittagsstunden zu Ende waren, blieb der Schulrat mit dem Rektor im Klassenzimmer zurück. Nun begann ein langes peinliches Verhör. Siebrand vermutete, der Ausfrager habe eine ähnliche Zuschrift vom Schneider Wesseloh bekommen wie der Superintendent, und tat freimütig eine Frage. Der andere schüttelte stummverneinend den Kopf und setzte eine noch strengwürdigere Amtsmiene auf. Er erkundigte sich aufs eingehendste nach des Rektors Lebensgewohnheiten. Wann er aufstand, zu welcher Zeit er zu Bett ging, was für Lektüre er im letzten Jahr getrieben hatte, welche Zeitungen er las, welche theologischen und pädagogischen Studien er angestellt hatte, mit wem er verkehrte, wo er das Tanzen gelernt hatte, wann und was und wieviel er aß, was und wieviel er des Abends trank. Der Rektor hatte das unangenehme Gefühl, als versuchte der Schulrat ihm in den Magen hineinzusehn, beantwortete aber alle Fragen sehr höflich und bestimmt, während der andere sich ab und an Notizen in ein dünnes graues Buch schrieb. Sehr auffällig war es, daß der Schulrat sich aufs genaueste Bericht erstatten ließ über seinen Aufenthalt in der Apotheke. Auch darüber stand er ihm freimütig Rede und Antwort. Endlich verneigte der Herr Schul- und Regierungsrat sich steif herablassend und ging von dannen.
»Das fleischgewordene amtliche Wort, das aber unterwegs vergessen hat Menschengestalt anzunehmen,« dachte Siebrand, als er langsam nach Haus ging.
Als sei hinten im Riegaer Moor den Heidebrennern das Feuer aus der Gewalt gekommen und prasselte nun über die dürre Heide und durch die trocknen Föhrenplacken, so geschwind war es in Hadelworth und überall herum: der Schulrat ist den ganzen Tag beim Rektor gewesen, und es ist was ganz Besonderes los! Die abenteuerlichsten Gerüchte wurden verbreitet und geglaubt. Von den Lehrern wurde Siebrand mit Fragen bestürmt. Der Kantor ruhte nicht eher, als bis er heraus hatte, was aus ihm überhaupt heraus zu kriegen war. Der Rektor teilte ihre Aufregung nicht. Er war sich keines Unrechts bewußt. Wie er bislang seinen geraden Weg gegangen war unbekümmert um das Gerede der Leute, so wollte er ihn weiter gehn, mochte kommen was da kommen wollte. Unruhiger wurde er erst, als der Superintendent bald darauf einen Brief schrieb und bat, ihn gelegentlich zu besuchen. »Es handelt sich um eine sehr unangenehme Sache,« schrieb Steenbrügge. Da er aber einige Tage in Amtsgeschäften verreisen müsse, so sollte Siebrand nicht vor Ende der nächsten Woche nach Riega kommen.
Die Tage bis dahin wurden dem Rektor je länger je mehr eine Zeit ungeduldigsten Wartens.
Mit großer Wonne hatte Kaufmann Suding die schwarze Regierungsgestalt dreimal an seinem Haus vorüberschreiten sehen. Triumphierend rief er seine Frau herbei. War er es doch, der den Stein ins Rollen gebracht hatte. Stand er hinter dem Ladentisch und kam Kundschaft herein, so brachte er wie von ungefähr das Gespräch auf die Rektorschule. Wenn dann einer fragte, was denn eigentlich mit dem Rektor Siebrand passiert sei, legte er die beiden Hände vor den Mund und flüsterte geheimnisvoll: »Disziplinar-Untersuchung.« –