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Zwölftes Kapitel.

Siebrand hatte in seinem Zimmer zwischen den Wandbildern eine Guirlande angebracht. Von den Schlengen hatte er sich langfädigen Blasentang geholt und gelbe Seesterne und schwarze wunderlich geformte Rocheneier. Stranddisteln staken auch im Gewinde, mit bläulich schimmernden Blütenköpfen, den Seeleuten ein Sinnbild der Treue. Das war Hermann Siebrands kleines Naturheiligtum, über das er sich freute, wenn er beim Regenwetter in seiner Stube saß und Aufsätze oder Diktate korrigierte und dabei wünschte, ein kluger Mann möchte eine Korrigiermaschine erfinden. Dem würde die gesamte Schulmeisterschaft ein Denkmal setzen.

Eines Mittags war die ganze kleine Herrlichkeit weg. Frau Holtmann hatte zu den Hausmädchen von übelriechenden Staubfängern gesprochen. »Ich begreife nicht, wie ein erwachsener Mensch an solch albernen Kindereien Gefallen haben kann,« sagte sie zu ihrem Mann.

»Mir sehr wohl begreiflich, liebe Helene. Wo der christliche Lebensernst fehlt, da wuchern die Oberflächlichkeit und noch schlimmere Dinge.«

Holtmanns hatten der letzten Tage nicht froh werden können. Mit Betrübnis mußten sie sehen, daß der neue Hausgenosse seine eigenen Wege wandelte. Die Hausfrau hatte außerdem ihren besonderen Kummer und durfte ihren Mann nicht einmal daran teilnehmen lassen. Ingrimmig kam sie eines Abends von einem Kränzchen nach Haus. Die Witwe Amalie Wruck hatte spitze Redensarten geführt. Ob es oft vorkäme, daß der neue Rektor ihr des Abends Gesellschaft leisten müßte? Ihr Bruder Bernhard, der Schultheiß, hätte bei Kleefoot davon gehört und sei der Meinung, man sollte den jungen Mann doch nicht zu sehr der Gesellschaft entziehn. Bruder Bernhard sagte eigentlich nur wenig; wenn er aber einmal etwas sagte, dann hätte das auch Hand und Fuß.

… Zu ungeschickt von diesem Kandidaten Siebrand! Hatte der Tölpel sie vor allen Leuten bloß stellen wollen? … doch er sollte ihre Ungnade schon fühlen! – – –

Wie ganz beiläufig stellte sie ihm am nächsten Morgen vor, ob er nicht lieber durch die Hintertür aus und ein gehen wolle. Dann würde eine unnötige Alarmierung des ganzen Hauses durch die Klingel vermieden. Sie hätte das Herrn Voßhoop, obwohl der viel weniger ausgegangen war, auch schon immer sagen wollen. Die Hintertür kam Siebrand zwar etwas dienstbotenmäßig vor, aber gerade weil er wußte, der Geist des Hauses war ein anderer als der seine, wollte er alles tun um Reibungen zu vermeiden. Allerdings wurde ihm das in der nächsten Zeit nicht leicht gemacht. Er hätte gern mit dem Provisor gesprochen, aber der war zugeknöpfter als je zuvor und ging ihm offenbar aus dem Weg.

Eines Tags nahm Holtmann den Rektor bei Seite. Durch seine Frau hatte er erfahren, daß er mitunter die Dienstmädchen mit Aufträgen fortschickte. Es sei auf jeden Fall praktischer, seine besonderen Wünsche der Hausfrau mitzuteilen, damit diese dann das Weitere veranlasse. Siebrand versprach das. Der Apotheker hatte aber noch mehr auf dem Wunschzettel. Der Rektor dürfe es nicht übel nehmen, wenn er noch einige Kleinigkeiten berühre, aber eine offene Aussprache sei allemal das allerrichtigste. Seine Frau hatte erzählt, das Bett würde des öftern auch nachmittags benutzt. Ob er das nicht ändern könne und auch den häßlichen Spektakel des Weckers. Und falls er einmal wieder Grund zu haben glaube mit den Kindern unzufrieden zu sein, – Siebrand hatte das Beinegebummel unter dem Tisch abgestellt – so sei es wohl richtiger, er wende sich mit einer Beschwerde an die Eltern.

Siebrand ließ sich nichts merken und machte eine zustimmende Verbeugung nach der andern. Innerlich aber stachen ihn diese kleinen Stiche. Vorgestern hatte er sich bei Schmied Geerdts einen Hausschlüssel bestellt. Heute sollte der Schlüssel fertig sein. Was für ein Gesicht Holtmanns dann erst machen würden! Aber er dachte, das würde »allens man eerst« sein und die Flut der Aufregung würde schon bald abebben.

Beim Abendessen überreichte Frau Holtmann ihm ein kleines Paket, das heute nachmittag für ihn abgegeben war. »Sie feiern heute wohl Geburtstag?« fragte sie lauernd. Die Formen eines großen Schlüssels waren deutlich erkennbar. Dem Rektor war das eine willkommene Gelegenheit. »Ich habe mir einen Hausschlüssel machen lassen,« stieß er heraus.

»Oh, lieber Herr Siebrand! Das hätten Sie nicht tun sollen,« sagte Holtmann mit seinem mildesten Tonfall. »Hätten Sie nur das geringste angedeutet! Wir hätten Ihnen mit tausend Freuden einen Schlüssel zur Verfügung gestellt.«

Er traute den gleißnerisch sanften Worten nicht. Entschuldigend wollte er hinzufügen »ich habe es getan, um im Haus weniger Belästigung zu machen,« aber er unterdrückte es. Er wollte aufrichtig bleiben, wenn er sich auch eingestand, nicht ganz der Form entsprechend vorgegangen zu sein.

»Das Unheil ist nun leider da, – wenn Sie es nämlich für ein Unheil halten,« sagte er achselzuckend.

– – Im Jünglingsverein war ein gewisser August Wesseloh dem Rektor unangenehm aufgefallen, und zwar nicht bloß durch seine Häßlichkeit. Es war ein struppiger untersetzter Bursche von etwa siebzehn Jahren. Bei den Gesängen pflegte er im Falsett zu singen, sodaß die andern ins Lachen kamen. Und bei Siebrands Vorträgen trug er ein gelangweiltes oder höhnisches Gesicht zur Schau und störte durch halblaute Zwischenbemerkungen. Siebrand hatte ihn vor acht Tagen, als die übrigen fort waren, freundlichst ermahnt sein auffälliges Betragen unterwegs zu lassen, sonst wäre es mit ihrer Freundschaft vorbei. Patzig erklärte August Wesseloh darauf, seine Stimme sei im Wechsel und er könnte nicht anders singen. Am vierten Sonntag trieb er wieder das alte Spiel, womöglich noch ärger. Als der Rektor ihn vor den andern zur Rede stellte, tat der Bursche die Äußerung:

»Ich will Ihnen nur sagen, Herr Siebrand: Sie müssen hier viel mehr von Religion sprechen. Wir wollen auch viel mehr schöne fromme Lieder singen. Die andern Lieder können wir anderwärts auch singen. Was mein Vater ist, der hat das auch gesagt. Wir wären ein christlicher Jünglingsverein, hat er gesagt.«

Was waren das für überraschende seltsame Töne, die ihm da entgegenschlugen? – Woher mochten die stammen?

Siebrand ersuchte ihn, nach der Zusammenkunft noch einen Augenblick zu bleiben, da er ein ernstes Wort mit ihm zu reden habe. Aber der andere erklärte mit frecher Stimme: »Sie haben mir nichts anzubefehlen. Rein gar nichts. Das hat Vater auch gesagt.«

Das war ihm zu viel. Ohne ein Wort packte er den Renitenten bei der Jacke in den Nacken, zog ihn aus der Bank heraus und trug ihn mit steifem Arm vor die Tür, als trüge er eine zappelnde Katze in die frische Luft. Dort ließ er den Jüngling Wesseloh laufen. Die übrigen machten entgeistete Gesichter und verhielten sich so artig wie nie.

Um seinen Ärger durch ein Glas Bier hinunter zu spülen, ging er um halb zehn noch auf eine Viertelstunde zu Kleefoot.

Fünf Minuten nach zehn Uhr stand er vor der Apotheke. Daß die Haustür verschlossen war, nahm ihn nicht Wunder. Auffällig war nur, daß nirgends im Haus Licht war. Denn Holtmanns gingen sonst nicht so frühzeitig zu Bett. Er drehte seinen Schlüssel um, doch er merkte, daß innen eine Sperrkette vorgelegt war. Bislang hatte er eine solche nicht an der Tür gesehn. Er klopfte und klopfte und überlegte schon, ob er nicht wieder ins Hotel gehn und dort die Nacht zubringen sollte. Endlich erschien ein Mädchen und gab auf seine Frage, weshalb man denn die Tür von innen verriegelt habe, schnippisch zur Antwort: »Frau Holtmann hat das so angeordnet.«

– – – Da gab es nur ein Entweder – Oder. Laudabilis subjectio, löbliche Unterwerfung, oder secessio, Kündigung und Auszug. Solch eine wichtige Sache wollte er sich vierundzwanzig Stunden überlegen.

Am nächsten Vormittag erwog er, ob er nicht während der großen Pause mit Kantor Krohn sprechen sollte. Zu diesem hatte er Zutrauen gewonnen; und der würde ihm raten. Dann aber sagte er sich: »Ach was! wozu erst lange Lauferei! bin groß genug und schließlich für mich selbst verantwortlich.«

Nach dem Unterricht ging er zu Pastor Griepenkerl, um mit ihm über den gestrigen Vorfall im Jünglingsverein zu sprechen.

Der Pastor war bereits durch den Vater des Burschen unterrichtet. »Es geht durchaus nicht an,« äußerte er wichtig, »daß man die lieben jungen Freunde so scharf anfaßt. Wir müssen uns auf religiöse, sagen wir lieber auf seelsorgerliche Beeinflussung beschränken. Im Gegenteil, wir müssen die jungen Leute auf jede nur mögliche Weise zu fesseln und zu halten suchen, sonst läuft der ganze Verein in kurzer Zeit auseinander.«

Siebrand entgegnete: »Ich kann mein gestriges Vorgehn durchaus nicht für unseelsorgerlich halten.« Der Pastor gab hierauf keine Antwort, sondern erklärte gereizt, er sei heute morgen selber zum Vater gewesen, einem alten braven Schneider, einem kirchlich gesinnten Manne, und der habe erklärt, er verlange vom Rektor Abbitte. Nun er als Pastor diesen Weg gegangen sei, müsse Siebrand als ein Kandidat das gleichfalls tun, und zwar ohne Besinnen.

»Verzeihen Sie, Herr Pastor. Aber nach meiner Ansicht hat der August Wesseloh zu mir zu kommen und Abbitte zu leisten, und nicht etwa umgekehrt.«

»Ein Christenmensch kann nie demütig und selbstverleugnend genug sein«, erwiderte der Pastor mit Würde.

»Derselbe Jesus« – rief Siebrand, »der von dem Streich auf die linke und rechte Backe gesprochen hat, der hat dem Kriegsknecht, der ihn schlug, das Wort gegeben: warum schlägst du mich.«

Griepenkerl drehte ihm den Rücken, machte einige Schritte, kam dann zurück und stellte sich vor ihn hin.

»Sie weigern sich also, den Vater aufzusuchen? Ich habe ihm bereits zugesagt, daß Sie zu ihm kommen werden.«

»Ich weigere mich durchaus nicht. Aber ich werde nicht eher zum Vater gehn als bis der Sohn bei mir gewesen ist.«

Dabei blieb es.

Pastor Griepenkerl reichte dem Kandidaten die Fingerspitzen, als dieser sich verabschiedete.

Abends bat Siebrand das Ehepaar Holtmann um eine kurze Unterredung. Was er sagen wollte, hatte er sich vorher zurechtgelegt.

»Sie wissen ja selber,« begann er, »daß die Sache mit uns nicht recht klappt. Ich halte es für besser, rechtzeitig im guten auseinanderzugehn als später in Feindschaft. Ich habe mir die Sache ziemlich reiflich überlegt und möchte Sie höflichst bitten ausziehn zu dürfen. Am liebsten wäre mir, wenn das angehn könnte, gleich am nächsten Ersten.«

Holtmann war sehr aufgebracht. Was denn passiert sei? Siebrand erzählte das mit der Sperrkette.

»Aber von der ganzen Sache weiß ich ja gar nichts. Das ist zweifellos ein bedauerliches Versehn des Personals. Zweifellos, Herr Siebrand!«

Er sah seine Frau an, aber die schwieg. Ob er denn die kleinen harmlosen Fingerzeige wegen des Bettes und des Weckers so übel genommen habe? Als Siebrand seine Bitte wiederholte, ihn am ersten Juni ziehn zu lassen, änderte der Apotheker den Ton.

»Oho, mein Herr! Jetzt will ich Ihnen eins sagen. Wenn Ihnen unsere Hausandachten so unbequem sind wie ich allen Grund habe anzunehmen, dann tun Sie sich doch um Gottes willen keinen Zwang an! Nichts ist verwerflicher. Nichts ist mir verhaßter als Heuchelei!«

Dann wurde seine Stimme auf einmal wieder sanft und weich wie vorher, und er fuhr fort:

»Nein, das hätten Sie uns nicht antun dürfen, Herr Siebrand. Sie machen doch sonst einen so offenen und aufrichtigen Eindruck. Nein, nein, das hätten Sie uns nicht antun dürfen.«

Siebrand fühlte, wie ihm das Blut in den Kopf brauste und ihm die Finger zitterten.

»Heuchelei, sagen Sie? Heuchelei? So was hat mir immer fern gelegen, Herr Holtmann. Auch die fünf Wochen hier in Ihrem Hause. Im Gegenteil! Ja, ich möchte Sie sogar bitten, solange ich noch hier wohne, mir die Teilnahme an den Andachten zu erlauben. Wahrhaftig! Ich werde nicht wieder Grund geben zu irgend einer Beschwerde.«

»Nein, Herr Siebrand, das ist uns unmöglich, völlig unmöglich. O vermöchten Sie hineinzusehen in das Herz eines Bekenners Christi, der sich sagen muß: es ist ein Glied in der Kette unserer Gebetsgemeinschaft, das nicht völlig im Glauben steht und dem es keine volle Überzeugung ist, dem Heiland diesen unerläßlich heiligen Dienst zu erweisen!«

Siebrand verbeugte sich und ging.

Für den jungen Rektor begann jetzt eine ungemütliche Zeit. Aber auch diese zehn Tage bis zum Auszug, so dachte er, würden »allens man eerst« sein. Seit er die Andachten nicht mehr mitmachte, beschränkte sich der Verkehr mit den Apothekersleuten auf das Notwendigste. Er mußte sorgen, das kurze Klingelzeichen am Schluß der Andachten nicht zu überhören, denn wenn er sich nicht augenblicklich hinunter begab, fand er die Familie bereits beim Essen vor.

War es eine Regung von übermütiger Neugierde oder war es eine mitleidige Sentimentalität – kurzum, über den eigentlichen Beweggrund war er sich selber nicht klar, als ihm eines Nachmittags einfiel, Holtmanns alte Mutter oben in ihrer Dachstube aufzusuchen. Das war gleichzeitig Antritts- und Abschiedsbesuch. Er kam sich vor wie das Dornröschen, als er die steile knarrende Treppe hinaufstieg. Die alte Frau starrte ihn mit blöden Augen an und begriff anfangs nicht, was er wollte. Viel Genuß bereitete ihre Unterhaltung nicht. Anscheinend empfand sie die Art ihres Daseins durchaus nicht als eine Zurücksetzung. Sie erzählte in ihrem rheinischen Dialekt, sie täte weiter nichts als in der Bibel lesen. Das hätte sie ihr ganzes Leben viel getan. Aber jetzt sei das ihr ein und alles, und die ganze Welt läge im Argen. Wenn ihr Sohn nicht ein so frommer Mann wäre, hätte sie es schon längst nicht mehr auf dieser Welt aushalten können.

»Hier sitzt es drin,« sagte sie und klappte mit der dürren Hand auf das Buch. »Hier steckt alle Weisheit der Welt. Alles andere ist dummes Zeug.«

Siebrand hörte ihr geduldig zu. Als sie aber anfing zu lamentieren über die böse, böse Gegend, in der ihr Sohn jetzt wohnen mußte, wo die Leute so wenig zur Kirche gingen und sich ganz von Gott losgesagt hatten, stieg er die Treppe wieder hinunter.

Die eifrige Schultätigkeit, die abendlichen Spaziergänge und vor allem die ungeduldige Erwartung des Himmelfahrtsfestes halfen ihm über die ungemütlichen Tage hinüber. Wenn er seinen täglichen Gang machte und am Bahnhof vorbei auf den Deich kam, bog er jedesmal nach rechts. Er redete sich ein, der Weg auf der Deichkappe sei dort bequemer und abwechslungsreicher, trotzdem das Fahrwasser dort weiter entfernt war. Von neuem entzückte ihn jedesmal der Anblick der Wasserfläche, aber ebenso häufig schweifte sein Blick über die binnendeichs gelegenen Fluren. Schon von fern konnte er die hohen Bäume des Kampenschen Hofs erkennen. Fensterpromenaden mochte er nicht ausführen. Er ging meist denselben Weg auf dem Deich zurück. Mitunter stieg er in der Dämmerung auf den Leuchtturm und ließ sich vom alten Lampenwärter Christian Timm die Karten zeigen und manches über Seewesen erzählen. Gern hörte er vom Osterende sprechen. Die Worte wurden ihm dann eine Brücke seiner Gedanken an Theda. Kam er zu Kleefoot, so drehte er wie von ungefähr das Gespräch so, daß der Name von Kampen genannt wurde. Den zu hören war ihm eine stille Wonne, auch wenn von den gleichgültigsten Dingen die Rede war. Sogar die Neckereien wegen des neulichen Begleitganges, mit denen Frau Bartels ihm mitunter zusetzte, ließ er sich nicht ungern gefallen. Peinlicher war ihm schon, wenn Pastor Elm ihn anzuöden suchte, möglichst wenn viel Publikum dabei war.

Über die Vorfälle in der Apotheke sagte er keinem ein Wort.


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