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Fünfzehntes Kapitel.

Dienstag Abends tagte bei Andreas Hingst der »Klub dritter Rinnstein«. Das war kein geschlossener Verein, sondern eine freie Zusammenkunft von Leuten, die einander mochten. Kaufmann Habersath war Hauptmacher. Außer den ständigen Gästen, Brütt, Kleefoot und Krohn, kamen häufig auch Leute aus Riega oder St. Jürgen; denn der Klub dritter Rinnstein bestand an die hundert Jahre und war im ganzen Land Hadeln berühmt und – gefürchtet. Nicht jeder der kam, war willkommen. Rektor Voßhoop war einmal dagewesen, aber hinausgeschwiegen, weil er mit seinen geschwollenen Redensarten nicht paßte. Er hatte sich dann an Griepenkerl angeschlossen und den Jünglingsverein übernommen und redete hinterher wie auch der Pastor von Rinnsteinpoesie. Daß Kaufmann Suding sich die Nase zuhielt, wenn er vom Klub sprach, war bloßer Geschäftsneid auf Habersath.

Seit Siebrand bei Hingst wohnte, versäumte er die Klubabende nicht. Er merkte, daß man ihn gern hatte. Auch Pastor Elm hätte man gern gesehn; und der hatte selbst auch allergrößte Lust teilzunehmen. Aber nachdem man im Medembüttler Missionskränzchen den Geist des Klubs für Zeitgeist erklärt hatte, trug er Bedenken. Schon seines Kollegen Griepenkerl wegen. Denn mit diesen Klubabenden stand es in Zusammenhang, daß Kleefoot besonders anspruchsvolle Durchreisende mitunter zu seinem Freund Griepenkerl hinüberschickte. Kam denen die alte schöne Kirche nicht bedeutend genug vor oder bezweifelten sie, daß die glatten Schliffe an den Grabsteinen von alten Ritterschwertern herrührten und nicht etwa von den Schiefergriffeln der Schuljugend, und erkundigten sie sich nun nach ganz besonderen Sehenswürdigkeiten, so machte der Hotelier ein geheimnisvolles Gesicht. Das erste Predigerlehn wäre geschichtlich bedeutsam. Das Nähere sollten sie sich nur vom Herrn Pastor erzählen und zeigen lassen. Der Spürsinn des heimatkundigen Kantors hatte nämlich herausgetiftelt, daß der letzte hannoversche König bei einer Durchreise dort ein Gemach benutzt hatte, das Fremden sonst nur ausnahmsweise gezeigt zu werden pflegt. So wurde es Griepenkerl manchmal recht sauer gemacht, sich eines Hauses mit solch geweihter Stätte zu freuen.

Am letzten Dienstag im Juni waren die Männer vom dritten Rinnstein zahlreicher zusammen als sonst. Man hatte schon manch lustigen Streich ausgeheckt, durch den jemand erzogen oder bestraft werden sollte. Heute aber stand etwas ganz Besonderes auf der Tagesordnung.

Anbauer Gerd Krömmelbeen aus Riegaermoor hatte sich wieder einmal sehr mißliebig gemacht. Eigentlich hieß er Gerhard Wesseloh und hatte seinen Ükernamen von seinem mangelhaften Untergestell. Der Mann hatte schon öfters Proben von seiner dummdreisten Einfalt gegeben; aber was seine unflätige Lästerzunge letzthin geleistet, das ging über alle Pappelbäume am Kanal und sollte ihm diesmal nicht mehr hingehn. Er war früher Kleefoots Torflieferant und hatte von diesem seit Jahren Geld, hatte aber niemals einen Schilling Zinsen sehn lassen. Statt dessen wollte er vorige Woche noch eine größere Anleihe machen, war aber von Kleefoot kurzer Hand hinausgetan worden. Durch seine Schimpfereien auf dem Kirchplatz hätte Kleefoot sich nicht getroffen gefühlt, wenn der Kerl nicht die Gemeinheit begangen hätte, den Schulkindern zuzurufen, ob sie schon wüßten, daß der Schenkwirt Kleefoot ein Halsabschneider sei. Das sollte nicht durch das Gericht in Medembüttel sondern durch die Feme des Klubs gesühnt werden. Außerdem wollte man dabei noch ein kleines Privatgaudium haben.

Es wurden verschiedene Vorschläge gemacht, dem unverschämten Moordachs beizukommen. Der Rektor erzählte vom Haberfeldtreiben in Oberbayern, aber das erschien zu wenig harmlos. Schließlich stand Habersath auf. Er hatte eine Idee. Man sollte ihm das Weitere überlassen und sich bereit halten, wenn er nächste Woche Montag oder Dienstag Bescheid sagen würde.

Am Sonntag steht im Medembüttler Kreisblatt eine Anzeige, die viel Kopfschütteln verursacht:

 

Klub dritter Rinnstein.
Kapitalien in jeder Höhe, nur an Vereinsmitglieder.
Sicherheit und Zinszahlung nicht erforderlich.
Näheres bei J. Habersath in Hadelworth.

 

Jedermann, der das Inserat liest, ahnt, daß ein Ulk dahinter stecken muß, zumal auch der Name des menschenfreundlichen Klubs nicht der vertrauenerweckendste ist. Nur Gerd Krömmelbeen ahnt nichts.

Es dauert keine vierundzwanzig Stunden, und vor Habersaths Haus hält ein Leiterwagen mit einem gescheckten struppigen Halbpony. Gerd hat nicht eher Ruhe gehabt, als bis er mittags um zwölfe vor der Tönebank steht und sich einen Genever fordert.

Vater Habersath hat längst seine Jungens fortgeschickt, steht aber noch immer eifrig schreibend nebenan im Kontor und läßt den Mann mit dem Lehrling verhandeln. Zum viertenmale erklärt er diesem mit listigem Augenzwinkern, er sei gekommen von wegen des Klubs dritter Rinnstein. Der höfliche kleine Lehrling zieht seine Pulswärmer tiefer über die roten frostbeuligen Hände. Er hat von solch einem Klub noch nie gehört; und er hält den Mann mit dem wüsten Bart und dem pockennarbigen Gesicht im stillen für einen Verrückten. Das sei wohl ein Versehen und einen solchen Klub gäbe es nicht.

»Nee, das is man lange kein Versehen,« grinst der andere, »das steht gedruckt zu lesen, was meinst du wohl! Ich will Jan Habersath sprechen.«

Würdevoll kommt dieser durch die Glastür herein und fragt, was denn los sei. Krömmelbeen bestellt noch einen Genever, dreht seine Kappe und kratzt sich die Stoppeln unter dem Halstuch.

»Ich wollte gern – – – ich wollte – – – ich wollte gern in den Rinnstein treten, Herr Habersath. Ich meine, ich wollte gern hinein – – mank den Klub.« Er ist doch etwas verlegen geworden, wie Habersath mit unsäglicher Hoheit ihn von oben herab ansieht. Aber nun ist's heraus.

»Ach sooo!« meint dieser gedehnt. »Was wolltest du denn in unserm Klub?« Er streicht mit den Fingern durch seinen langen Bart und nennt den andern väterlich du.

Abermaliges verlegenes Zerknüllen der Kappe.

»Ich? – – was ich wollte? – – ich – – ich wollte man bloß nachfragen, wieviel das kostet.«

»Vereinsbeiträge erheben wir nicht. Dazu ist der Klub viel zu nobel,« antwortet Habersath mit dem gleichgültigsten Gesicht.

»Dann will ich man gleich eintreten,« sagt der brave Gerd und kann nur mühsam seine Freude verbergen.

»Holt stopp! So einfach ist der Kram nun doch nicht. Erst kommen noch die Formalitäten, lieber Gerhard. Es handelt sich um das Vereinsabzeichen. Komme nur mit mir ins Kontor. So! Da setz dich man hin! So wollen wir die Sache schon kriegen.«

Unser Gerhard denkt auch, daß er die Sache schon kriegen werde, die er von Kleefoot nicht hat kriegen können, wundert sich aber, wie Habersath die Feuerzange nimmt, hinausgeht und lange draußen bleibt. Von Formalitäten, oder wie das Wort heißt, hat er noch nie gehört, kann sich also darunter nichts vorstellen, weder Gutes noch Böses. Noch mehr muß er sich wundern, wie Habersath mit sehr ernsthaftem Gesicht wieder hereinkommt, und mit ihm Hotelier Kleefoot, auch mit sehr ernstem Gesicht. Er wäre lieber weggegangen. Dann kommt der Kantor hereingestapft, den er von Ansehn kennt, und sagt guten Tag und stellt seinen Schirm in die Ecke. Dann kommt ein großer langer Mensch, den er noch nie gesehn hat, mit einem gefährlichen Schnurrbart und braunen Fäusten, und setzt sich gähnend hin und holt allerlei bunte Briefmarken aus der Tasche und besieht die zum Zeitvertreib. »Dieses ist der Rektor aller Deutschen,« erklärt Habersath mit einer großartigen Handbewegung. Dann kommt noch einer herein, und noch einer, und immer noch einer, und alle setzen sich still und feierlich um ihn herum. Es ist ordentlich schwüle Luft in dem kleinen Zimmer. Habersath aber sagt nur: »Das sind die andern,« und steht am Pult und schreibt.

Endlich hört man den kratzenden Schlußstrich. Habersath legt die Feder weg, reibt mit einem verbindlichen Blick auf den Krummbeinigen die Hände und sagt mit einem flötenweichen Ton, als spräche er mit einem Kanarienvogel:

»So, min leewe Geerd, nu is't so wiet. Nu treck dine Büx man aff!«

Der macht ein erstauntes Gesicht. Aber Vater Habersath bleibt würdevoll und feierlich und wiederholt nur:

»Treck din Büx man aff, Gerd! Ziehe deine Hose nur ab, lieber Gerhard. Wir sind ja ganz unter uns.« Der Schweiß kommt diesem auf die Stirn. Aber er denkt an das Geld und daß er zunächst einmal sechshundert Mark ohne Zinsen und ohne Sicherheit verlangen will – und das Unbeschreibliche – jetzt ist's getan.

Im selben Augenblick kommt der Lehrling herein. Mit einer weißglühenden Feuerzange.

»Soooo – – – nu halt bloß 'n paar Minuten still, lieber Krömmelbeen!« –

»Wat sall dat bedü'en? Wat wölt Se mit mi? Wat wölt Se mit mi, Herr Habersath?«

»Halt nur 'n bischen still, mein bester Krömmelbeen! Es soll dir nur hinten das Vereinsabzeichen eingebrannt werden. Das muß so sein! K. 3. R. Klub dritter Rinnstein. Und wenn noch Platz ist, soll noch drunter: Undank ist der Welt Lohn.«

Langsam geht er mit der glühenden Zange auf den Menschen los. Aber der hat die letzten Worte längst nicht mehr gehört und schreit draußen irgend etwas Unverständliches.

Die Leute vom Klub dritter Rinnstein haben noch lange Jahre davon erzählt. Sie hatten noch nie einen solchen Anblick genossen wie damals, als Gerd Krömmelbeen mit dem, was man beim Rehwild den Spiegel nennt, über die Straße gesprungen und über die Wagenleiter zappelnd auf sein Vehikel geklettert war.

Am nächsten Dienstag wurde das Vorkommnis bei Andreas gebührend gefeiert. Sämtliche Spukgeister des dritten Rinnsteins kamen angeschwärmt und dazu viele Gäste. Franz Haevesche hatte ein Heldengedicht verfaßt, mit einem Kehrreim frei nach Schiller und sehr frei nach Wilhelm Busch:

Die Szene wird zum Tribunale:
Es krümmt vor Quale
Herr Krömmelbeen sich zur Spirale.

Rektor Siebrand schlug vor, zur Feier des Tages eine Füertang-Bowle zu brauen, und zwar mit demselben Gerät, das zum Einbrennen des Vereinsabzeichens hatte benutzt werden sollen. Eine solche Bowle war bis dahin in Hadelworth unbekannt. Ein zweipfündiges Zuckerstück wurde auf der Feuerzange quer über die weitbäuchige Punschterrine gelegt, mit Arrak getränkt und angezündet. Lustig flackerte die blaue Flamme am prasselnden Zucker hoch, und zischend fielen die braunglühenden Tropfen in den gekochten Rotwein. Das erste Gebräu fand Beifall und baldige Fortsetzung. Peter Brütt fürchtete allerdings für seine Bordeauxfüße, beruhigte sich aber schließlich durch die Aussicht auf Karlsbad.

Siebrand horchte auf, als ihm erzählt wurde, Gerhard Wesseloh habe in Hadelworth einen Halbbruder wohnen namens August, einen schäbigen Kerl, der womöglich noch weniger tauge als der im Moor. Zweifellos war das der Vater von seinem Jüngling.

»Dieser August Wesseloh,« erzählte Habersath, »ist mal eine Zeit bei Pastor Griepenkerl Schweinefütterer gewesen. Damals als es bei ihm noch nicht aus den Gänsen heraus sollte. Na, das war eine feine Geschichte. Er versteht nichts von der Schweinerei und seine Johanna erst recht nichts, und mein braver Wesseloh braucht all das teure Futter für sein eigenes Schwein. Aber sich beim Pastor wichtig machen und kluge Reden halten über Schweinefütterung, das hat er gekonnt. Gegen Weihnachten haben dann die beiden Schweine wunderbar ausgesehn. Das lassen Sie sich mal von Frau Amalie Wruck erzählen. Die will nämlich beobachtet haben, wie die Tiere durchs Hühnerloch hindurchgewutscht sind. Ausgesehen hätten sie wie weiße Schlangen. Die beiden Schweine vom nächsten Jahr habe ich selbst gesehn. Die waren so hochbeinig, daß ich gemeint habe, sie sollten bei einem Kunstreiter durch die Reifen.«

»Sie haben nämlich bei dem verdammten Schneider nichts andres zu fressen gekriegt als Kohl. Morgens Kohl und abends Kohl. Mittags höchstens 'n paar Kartoffeln,« ergänzte der Landschöff. »Schließlich habe ich die Quälerei nicht mehr ansehn können und habe es dem Pastor gesagt. Herr Pastor, habe ich gesagt, ick will Se mal wat seggen: Swien in'n Kohl, dat is good. Dat mag jedereen unbannig geern. Awerst Kohl in'n Swien, dat is nich good. Dat mägd de lüttjen Swien ook nich.«

»Und dann sind sie voriges Jahr auf die Gänse verfallen. Man bloß, daß wir jetzt die Schweinerei auf den Wegen beim Glockenturm haben,« sagte Kleefoot ingrimmig. »Ich habe es ja immer gesagt: So lang as wi noch Göös hebbt, hebbt wi ook noch Pastoren.«

Eine Geschichte jagte die andere, denn die Füertang-Bowle war vortrefflich. Auch der alte Kantor mußte herhalten. Er sollte erzählen, wie es ihm ergangen war, als er noch in engen Stiefeln auf die Freite ging und seine Sophie im Krinolinenrock anschwärmte. Wenn sie ihm gut sei, so hatte der Unterlehrer Detlev Krohn in zierlichster Schrift ihr geschrieben, so möchte sie des Abends um neun vor der großen Kirchtür sein. Sei sie nicht da, so sei sein Schicksal entschieden. Aber desselbigen Abends wurden alle beide sehr traurig und sehr enttäuscht. Ohne daß eins von dem andern wußte, ging der eine an der einen Seite der Kirche auf und ab, und die andere an der anderen Mauer. Und wenn jemand um die Ecke spähte, stand noch immer ein fremder Mann im Dunkel vor der Kirchtür und wollte nicht wanken und weichen. Was konnte der vorhaben? Das dauert nun bald eine halbe Stunde, und in heller Verzweiflung geht Detlev Krohn auf die merkwürdige Gestalt los und will gerade fragen: »Entschuldigen Sie! Warten Sie hier vielleicht auf jemand?« Da wird er gewahr: es ist die alte Nikolaus-Figur. Die hatte man wegen einer Reparatur heruntergenommen und auf den Rasen gestellt. Dann war aber auch Fräulein Sophie herbeigekommen; und am heiligen Nikolaus, der die Liebenden zuerst schmerzlich getrennt hatte, gaben sie sich den ersten Kuß.

»Seht, ihr Männer,« schloß Kantor Krohn, »seit der Zeit halten meine Sophie und ich den Nikolaus über der Kirchtür in guten Ehren.«

Im Zimmer war es still geworden bei der Erzählung des Alten. Das Glück von damals leuchtete ihm noch aus den alten treuen Augen. Niemand hatte noch rechte Lust zu Schwänken und Schnurren.

Und sehr spät war es mittlerweile auch geworden! Sehr spät!

Wer mit grollenden Ehehälften zu rechnen hatte, ging unsicheren Schrittes heim. Dem einem oder anderen summte die bedeutsame Strophe aus Franz Haevesches Heldenlied vielleicht noch in den Ohren … Die Szene wird zum Tribunale …

Der Rektor stieg leichten Sinnes die Treppe hinauf. Etwaigen Nachwirkungen der Männerbowle sollte morgen früh bald vorgebeugt werden. Das Waschbecken faßte Wasser genug, um den brummenden Schädel gehörig zu kühlen. –


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