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Mit einem ungeduldigen und selbstquälerischen Behagen hatte Hermann Siebrand den Besuch beim Schultheiß von Kampen immer noch vor sich her geschoben. Jetzt aber war es allerhöchste Zeit geworden. In den vierzehn Tagen seit der Begegnung bei St. Jürgen hatte er Fräulein von Kampen noch nicht wieder gesehn. Ob er sie heute sehn würde?
Wieder kam er an den bewußten Steg. Er blieb stehen und sah nachdenklich über die Ackerbreiten zur grünen Deichwand hinüber. Je näher er dem behäbig vor ihm liegenden Gehöft kam und je deutlicher sich zwischen den braunroten Scheunen das steingraue Haupthaus heraushob, desto heller trat ihm auch Fräulein Thedas feines Gesicht vor die Seele. Ob sie auch Briefmarken sammelte für die Mission wie Fräulein Beate, die Schwester des Hülfspredigers? Vor dem großen Einfahrtstor schlug er mit dem Stock einen Hieb durch die Luft. »Nur keine Sentimentalitäten! Man bloß keine verliebten Albernheiten, Verehrtester!« Unwillkürlich ahmte er die Sprechweise des Provisors nach.
Er schritt über die lange Lehmdiele. Der aus dem hellen Taglicht Gekommene hatte anfangs Mühe sich in dem dämmerigen Halbdunkel zurecht zu finden. Zuerst vernahm er nichts als das verworrene Brummen und Kettenklirren der Kühe. Behaglich stöhnend lagen sie hinter einer niedrigen Holzbrüstung im Stroh und füllten diesen Mittwochnachmittag wie alle Nachmittage durch Wiederkäuen und unablässiges Ohrenbewegen aus. Draußen war's kalt und frisch, und trotz des ins Land gekommenen Maimonats war noch wenig Gras auf den Weiden. Hier drinnen aber herrschte eine mollige dampfige Wärme. Die wußte das Hühnervolk ganz besonders zu schätzen und hatte auf den Hillen seine Eierniederlagen eingerichtet. Zwischen etlichen Frühaufsteherinnen hockte auch der Hahn schon auf dem Rick und ließ sein leise lockendes Gluglugluck ertönen. Was er gekonnt hat, müssen seine Damen auch können. Aber die trippeln unten noch hin und her und unternehmen mit gereckten Hälsen allerhand kurze Anläufe, unentschlossen, ob sie den entsetzlichen Aufflug wagen sollen oder nicht. Wie nun der unbekannte Mann vorübergeht, läßt der Schreck ihnen keine Zeit, und mit todesmutigem Aufschrei flattern sie in die Höhe.
Von der Windfangstür her, deren rote und gelbe Scheiben ein buntes flackriges Licht auf den Boden werfen, kam eine Magd über die Diele geklappert. Das Stück weißen Lammfells am Spann und die leicht kokettierenden Schnabelspitzen der Birkenholzschuhe ließen erkennen, daß Siebrand ein echtes Hadler Kind vor sich hatte, sächsischen Stammes, bei aller derben Deftigkeit mehr auf eine gewisse Zierlichkeit haltend als etwa die friesischen Wurster, die jenseits des Altenwalder Höhenzugs auf ihren Siedelungen sitzen und mit unbemalten klobigen Holzschuhen durch ihren Klei treten. Die Magd blieb mit einem fragenden Blick stehn. Denn der Zugang zur Wohnung führte nicht über die Vorderdiele, sondern durch die seitliche Haustür. Auf die plattdeutsche Frage des Fremdlings, ob der Schultheiß zu Haus war, gab sie mürrisch Bescheid: »De Weert is nich inn, awers de Madam. De versteiht ook wat van Käuh.« Dieser Bescheid war Herrn Siebrand einigermaßen befremdlich.
Er trat in die Lucht, den geräumigen mit grauen Marmorfliesen ausgelegten Vorplatz zwischen Diele und Wohnräumen. Massige altersgebräunte Eichenschränke und wuchtige Truhen standen rings an den Wänden, kantig und mit Flachkerbwerk verziert, andere mit hochwölbigen messingbeschlagenen Deckeln. An den schweren Türgriffen, auf den braunroten Melkeimern, auf den an der Wand hängenden Tragejochen, überall blitzte es von blankgeputztem Messing. Die alte Amsterdamer Standuhr gegenüber der Windfangtür gab gerade fünf Schläge. Auf dem Zifferblatt sah er mattsilberne Planeten um eine Sonne aus Goldblech ihre Bahn ziehen, und darunter wiegte sich ein weißes Segelschiff auf hellblauen schaukelnden Wellen. Wer solch ein Prachtstück sein eigen nannte!
Siebrand hatte nicht nötig sich bekannt zu machen. Die stattliche Frau, die er neulich bei St. Jürgen auf dem Wagen gesehn hatte, trat ihm entgegen, gab ihm mit freundlichem Willkommengruß die Hand und nötigte ihn in eine Stube. Ihr Mann sei leider nicht zu Haus, sondern mit dem Oberknecht ins Riegaer Moor gefahren. Dort hatten sie ihre Torfstiche, und die Arbeitsleute mußten dort rechtzeitig geheuert werden.
»Eine magere Gegend ist das da hinten,« meinte sie. »Da stehn so'n paar spuchtige Birkenbäume, und die Füchse sagen sich da gute Nacht. Und dann kommt die Geest. Wenn's mit der losgeht, wird's eigentlich noch langweiliger. Meinen Sie das nicht auch?«
Siebrand war entgegengesetzter Ansicht. Mehrmals hatte er in den letzten Tagen über die Marschebene nach der hohen Geest hinübergesehen, wo dunkle Kiefernbestände und Eichwälder herüberblauten, und bei nächster Gelegenheit wollte er eine tüchtige Fußtour dorthin unternehmen. Doch er dachte an Ezards und behielt seine Meinung für sich. Er wußte, mit welcher Geringschätzung der Marschbewohner auf die Geestleute herabsah. Sein Großvater hatte ihm oftmals davon erzählt. In der Wesermarsch hatte einst eine Bauersfamile beim Essen gesessen, und es war eine Magd mit der Meldung hereingestürzt: »Auf der Kälberweide liegt ein toter Mensch!« Aber dieser Botin folgte der große Knecht auf dem Fuß und erklärte zur allgemeinen Beruhigung, man sollte nur zu Ende essen und die Klütjen nicht kalt werden lassen. »Der da am Graben tot liegen tut, das ist nämlich man bloß 'n Geestkerl.«
Während er mit der Frau Schultheiß plauderte, überlegte er, ob er nicht eine Frage nach Fräulein Theda wagen sollte. Doch wurde er dessen überhoben, denn sie selbst trat ins Zimmer. Ein Lächeln der Überraschung flog über ihr Gesicht.
»Ich war wirklich ein bißchen neugierig,« gestand sie. »Eine von unseren Kuhmägden hat mir nämlich erzählt: es ist ein fremder Mann da und hat auf der Diele die Kühe besehn. Für einen Viehjuden ist er zu fein angezogen, aber es muß doch einer sein, denn er hat nur Platt gesprochen und ist von der Hofstelle vorn durch die Dielentür reingekommen.«
Alle lachten. Siebrand machte der Hausfrau ein launiges Kompliment wegen ihrer landwirtschaftlichen Kenntnisse.
»Ich weiß das aus sicherster Quelle,« fügte er hinzu, »nämlich von dem ahnungsvollen Engel, der mir auf Ihrer Dreschdiele entgegengeschwebt kam.«
Theda von Kampen hatte dem Rektor gegenüber Platz genommen. Sie lehnte den Kopf zurück und legte die Arme auf die hohen Seitenlehnen des Stuhls. Obgleich er sie nicht ansah, fühlte er, wie ihr Blick auf ihm ruhte. Wendete er sich indessen beim Sprechen an sie, so senkte sie die Augen, strich mit der Hand über die Stuhllehne oder kniff den Engelsköpfen an den Vorderleisten in die Pausbacken. Sein scharfes Auge erkannte, daß der modern aussehende Sessel aus Teilen alter Eichentruhen zusammengesetzt war. In einem Haus, wo man die wunderschönen Laden so auseinanderschneiden konnte, mußte es deren reichlich geben.
»Es muß sich doch famos gemütlich in einem solchen Haus wohnen lassen. Alles so altehrwürdig und traulich,« warf er hin.
Die Frau Schultheiß von Kampen war durchaus anderer Meinung.
»Um Gottes willen! Sagen Sie das bloß nicht meinem Mann!«
»Es handelt sich nämlich um die Frage,« erklärte die Tochter, »ob unser altes Wohnhaus abgebrochen werden soll oder nicht. Meine liebe Mutting wünscht einen Neubau, und zwar je eher je lieber. Vater aber kann sich durchaus nicht entschließen. Er sagt immer, er habe nun einmal sein Herz an das alte Haus gehängt.«
»Das ist allerdings eine schwierige Geschichte,« meinte Siebrand. »In diesem Fall würde also das Fräulein Tochter wahrscheinlich das Zünglein an der Wage sein. Schließen Sie sich Ihrer Frau Mutter an, so ist der Herr Schultheiß erbarmungslos überstimmt.«
»So einfach liegt die Sache nun doch nicht,« erklärte das junge Mädchen. »Ausnahmsweise ist die Jugend diesmal konservativer als das Alter. Wenn es nach meinem persönlichen Geschmack ginge, würde ich unser altes poetisches Haus niemals missen. Aber Mutter sagt: von der Poesie kann man nicht leben. Was sagen Sie nun?«
»Ich meine, wenn sich Poesie und Praxis miteinander vereinigen ließen, dann gäbe das am Ende einen guten Klang. Ich muß gestehn, ich habe die alten reith- und strohgedeckten Häuser bislang nicht für unpraktisch gehalten. Im Winter hübsch warm und im Sommer schön kühl.«
»Ja wohl, ja wohl! Und im Winter hübsch voll Staub, der uns bis in die Wäscheschränke hineinkommt – und im Sommer schön voll Mäuse, die mit der Frucht hereinfahren und in meiner Waschkumme ihre Badeanstalt einrichten,« begann Frau von Kampen voll Eifer. »Sehen Sie sich doch bloß diese Stuben an! Wie niedrig! Und oben die Balken. Die reinen Kajüten! Und dann diese altmodischen Bleifenster! Und dann die Feuergefährlichkeit!«
»Na, meine Damen,« lenkte Siebrand gutmütig ein, »wenn Sie durchaus neu bauen wollen, kann ja niemand etwas dagegen haben. Wenn es nur kein neumodischer amerikanischer Kasten wird, wie sie hier in der Gegend schon reichlich herumstehen und die Landschaft verschänden. Pfui Teufel! Unten Backsteine und oben Bretter und dann eiserne T-Träger und Rolltüren und Dachpappe. Ich kann mir schwer etwas denken, das weniger poetisch wäre. Ausgenommen Wellblechbaracken, die sind noch trostloser, sollen aber unheimlich praktisch sein.«
Siebrand konnte nicht wissen, daß die Schwägerin von der Frau Schultheiß erst im vorigen Jahr eins dieser wundersamen amerikanischen Bauwerke aufgeführt und die Begeisterung von halb Osterende erregt hatte. Es kam ihm die Empfindung, als sei Frau von Kampen durch seine arglose Parteinahme gegen ihre Ideen etwas gegen ihn eingenommen. Er mußte sich jedoch getäuscht haben, denn als die Tochter durch eine Magd abgerufen war und er sich verabschieden wollte, begann sie:
»Wenn Sie vor jungen Mädchen nicht bange sind, Herr Rektor, können Sie gleich den Ritterlichen spielen und unsere Theda mit nach Hadelworth nehmen. Sie wollte so wie so ihre Tante Amalie besuchen.«
Als wollte sie dem Gesagten einen kleinen Dämpfer aufsetzen, fügte sie gönnerhaft hinzu: »Natürlich lassen wir sie heute abend wieder mit dem Wagen abholen. Das Mädchen ist ein klein bißchen verwöhnt. Meist spannen wir ja selbst an. Aber wir brauchen bloß auf die Nachbarschaft zu schicken, und unsere Hofbesitzer rechnen es sich zur Ehre die Tochter ihres Schultheiß zu fahren. Namentlich was die jungen Leute sind.«
Siebrand sagte, er sei mit Freuden bereit, falls Fräulein Theda sich diesmal mit einem simplen Fußgänger begnügen wollte. – – – – –
… Munter plaudernd schritten die beiden nebeneinander. Theda erzählte von dem geselligen Leben im Flecken, und daß das Leben auf den Höfen eigentlich eine Welt für sich war. Wieder kam der bewußte Steg. Sie warf hin, damals sei sie mit den zwei Freundinnen von einer Geburtstagsfeier gekommen. Er hörte ihre Worte mit Wonne. Sie erinnerte sich also der Stelle und der Begegnung! Immer wieder mußte er sie ansehen, wie sie in ihrem hellgrauen Regenmantel mit kräftigem elastischem Schritt neben ihm ging, hochgewachsen, kaum einen halben Kopf kleiner als er. So gern er Sonntag Fräulein Beate Rosentreters girrende Stimme gehört hatte, diese volltönende Altstimme sprach ihn noch mehr an. Trotz eines leisen Hauchs von Herbheit, die wohl in der ganzen Art der Gegend lag. Er merkte aus jedem Ton: das war natürliche Frische und keine Mache. – Jedesmal wenn ein kleiner Steg kam, beeilte er sich ihr die Hand zu reichen. Sie wehrte ab. »Es ist keine Lebensgefahr.« Doch er bemerkte trocken:
»Ihre Frau Mutter hat mich beauftragt Sie unbeschädigt nach Hadelworth zu geleiten. Und Aufträge sind dazu da, promptest effektuiert zu werden, wie die Kaufleute das so schön sagen.«
So ließ sie ihn gewähren, ohne sich zu zieren.
Sie war seit zwei Jahren aus der Pension in Celle zurück. Er war erstaunt über die Offenherzigkeit, mit der sie von Celle erzählte. Die übrigen jungen Mädchen, meist adelige, hatten ihr das ehrliche, aber nichtadelige »von« gewaltig übel genommen und sie schlankweg Fräulein Kampen oder auch Fräulein van Kampen genannt. So hatte sie sich dort weder eine der obligaten lebenslänglichen Pensionsfreundinnen zugelegt noch die unauslöschliche Liebe der Pensionsmutter mit nach Haus genommen. Die gute alte Dame hatte vielmehr manche Träne geweint über ihre inkorrekten Ansichten.
»Verkehren Sie viel in unserer Kreisstadt?« fragte Siebrand, »man hat mir Wunderdinge über die dortigen Klubbälle erzählt.«
»Ich bin einige Male in Medembüttel gewesen. Aber Vater sieht das nicht gern. Er sagt immer: Die Wichtigmacherei der Schreibersleute füllt mir zu sehr auf die Nerven.«
Auf Siebrands Frage, ob denn dort so beängstigend viel Schreiber vorhanden seien, gab sie zur Antwort:
»Vater meint alle die Beamten, die da herumwimmeln, namentlich die vom Gericht und die vom Progymnasium. Die sind ja alle miteinander nötig und gut, aber bei den Klubbällen und sonstigen Gelegenheiten spielen diese Schreibersleute sich mehr auf als nötig und gut ist.«
Alle Wetter! Das war Bauernstolz! Krasser und unberechtigter Bauernstolz! Und das junge Mädchen neben ihm schien diesen Stolz zu teilen. Aber das imponierte ihm. Es regte sich in ihm von dem Friesenblut seiner Vorfahren, und halblaut sagte er den uralten Gruß des östlichen Frieslands: Eala freya fresena! Heil freier Friese!
Auch Fräulein von Kampen mußte währenddessen einen besonderen Gedankengang gegangen sein, denn sie tat die unvermittelt klingende Frage:
»Gedenken Sie Ihren großen Schnurrbart beizubehalten, wenn Sie später einmal Pastor werden? Es wäre ein Jammer, wenn das wunderschöne Ding fallen müßte,« spottete sie.
»Das kann ich beim besten Willen jetzt noch nicht verraten. Wenn's nach Herrn Pastor Griepenkerl ginge, könnte ich mir schon jetzt eine Uhrkette draus machen lassen.«
»Dann lassen Sie ihn vorläufig lieber sitzen. Verzeihen Sie meine Neugier, aber ich bin nun einmal beim Ausfragen. Tanzen Sie denn auch? Als Theologe?«
»Gewiß tanze ich. Nicht viel und vor allem nicht besonders schön, aber für meinen Hausbedarf ausreichend. Allerdings nicht in meiner Eigenschaft als Theologe, sondern als Mensch.«
Sie lachte.
»Dann bin ich neugierig Sie tanzen zu sehen. Himmelfahrt ist bei Kleefoot großer Ball.«
»Aha! Oho! Famos! Dann möchte ich also hiermit ganz gehorsamst um den ersten Walzer gebeten haben.«
»So war das nicht gemeint. Wo denken Sie hin? Übrigens ist der Tanz schon vergeben, ebenso der zweite und dritte Walzer. Für einen vierten wird aber wohl wenig Aussicht sein,« erwiderte sie, halb mit drolliger Neckerei, halb mit selbstbewußter Genugtuung.
»Dann bitte ich sehr dringend um den vierten Walzer. Ein armes Wurm von Schreiberseele muß für jeden Brocken dankbar sein, der aus lichter Höhe zu ihm in den Staub herabfällt.«
Er machte eine komisch-unterwürfige Verbeugung. Sie warf den Kopf zurück.
»Nun tun Sie bloß nicht noch demütig. Das glaubt Ihnen doch kein Mensch.«
Sie erreichten die ersten Häuser der Reichenstraße. Es begann allmählich zu dunkeln. Nur am westlichen Himmel lag noch ein breiter heller Schein über dem Horizont. Das war die blanke Nordsee jenseits der Insel Neuwerk, die ihren Widerschein auf die Wolken warf. Nahe vor Tante Amaliens Haus begegneten ihnen Lehrer Bartels und Frau. Emilie stieß ihren Anton mit dem Ellbogen und rief ihren Gruß, als sollten alle Hadelworther ihn hören: »Guten Abend, Fräulein von Kampen! Ah! Schönen guten Abend, Herr Rektor Siebrand!«
Siebrand geleitete das junge Mädchen bis vor die Haustür.
– – »Auf Wiedersehn Himmelfahrt – – beim vierten Walzer!«
Zu Hause wollte er sich noch für den morgigen Unterricht vorbereiten. Daraus wurde nicht viel. Seine Gedanken gingen zurück. Sie gingen den Weg ins Osterende und in die niedrige Stube und gingen dann langsam, Steg für Steg, noch einmal den Weg mit Theda. Sie hatte ihm unterwegs besser gefallen als dort in der niedrigen und engen Stube. Vielleicht, daß sie sich in ihrer Bildung und ihrem ganzen Wesen freier fühlte, als wenn die Mutter dabei war. Dieser merkte man mit ihrer bedächtigen und singenden Sprechweise beim ersten Wort die plattdeutsche Art an. Aber was schadete das! Sie war eine Hadler Bauersfrau und keine Berlinerin. Und daß sie auf ihre Tochter stolz war, war noch kein Protzentum. Sie hatte ja guten Grund stolz zu sein … Und Theda? Die Worte des Kantors kamen ihm in den Sinn … Einziges Kind … Doch er hatte nichts von einem Verwöhntsein und einer Albernheit dieses einzigen Kindes verspürt. Sollte der Kantor recht haben oder nicht?
Alle Zweifelgedanken verflogen, als er an ihre hellen blauen Augen dachte, an ihr blondes Haar und an ihr Lachen. Es waren nicht die tiefsten Geheimnisse menschlichen Lebens, über die er mit ihr gesprochen hatte. Aber wozu auch? Und für Himmelfahrt hatte sie ihm den vierten Walzer versprochen. Das war zunächst die Hauptsache. – – Aber er wollte sich durch niemanden zu seinem Glück zwingen lassen. Auf keinen Fall sollte irgend jemand »nachhelfen«. Wenn das Glück zu ihm kommen wollte, dann würde es schon selber auf leisen Sohlen gegangen kommen.
So dachte der sechsundzwanzigjährige Hermann Siebrand und hatte die englische Grammatik zugeschlagen. Es war ihm zu langweilig geworden zu lesen, wie man die Zungenspitze hinter die obere Zahnreihe drücken mußte, wenn man die Worte mit th in korrektem Londoner Englisch aussprechen wollte.
Er zog es vor, aus dem Fenster zu lehnen und auf das Rauschen des Elbstroms zu lauschen.