Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Gendarm Ebel ritt durch den »suern Grund«, auf dessen Sumpfwiesen noch das blanke Wasser stand. Die Weiden hatten schon ihre Kätzchen verloren und reckten grün und lustig die Zweige. Eine Amsel lockte hell, und der Kuckuck rief in der Heide. Die Sonne stand schon Stunden am Himmel, ein Leuchten war überall und ein Sprießen in jedem Halme – die Erde wollte wieder jung werden!
Aber der Mann auf dem schwarzen Pferde, dem die Zügel auf dem Halse hingen, hatte keine Augen für die Wollust der Welt. Mit krummem Rücken hing er auf dem Gaul, der sich den Weg selber suchte. Und es war nicht schwer für das Tier, ihn zu finden; war doch dieser Ort seines Herren Ziel alle Tage, an denen ihm der Dienst irgend Zeit ließ! … Ja, oft kümmerte den Gendarm seine Pflicht weniger, als die unzähmbare Sucht, hier hinaus, wo er seine Rache suchte.
»Keine Stunde Strafe in all den Dienstjahren … und nu' … nu muß ich … um den Kerl … um so einen gemeinen Mörder …«
Vor sich auf den glänzenden Hals des Pferdes hinstarrend, murmelte er's, was sein Blut zu Galle werden ließ in all den Monaten, die vergangen waren, seit der Oberwachtmeister ihn betrunken im Straßengraben gefunden hatte.
Ebels Freunde hatten vergeblich versucht, ihn von dieser gefährlichen Idee abzubringen. Selbst sein Vorgesetzter gab ihm den Rat, die unangenehme Geschichte zu vergessen: er wollte sehen, daß bei guter Führung des Untergebenen der Strafvermerk in dessen Personalakten gelöscht würde … Ebel nahm die Hand an den Helm, stand stramm und bedankte sich; doch in seinem Innern brummte und murrte es weiter … Sein Herz konnte nicht zur Ruhe kommen, eh' der am Boden lag, der ihm das Leben vergiftet hatte!
Er ritt über die Fließbrücke, wo mit klatschendem Flügelschlag Enten aufstanden und ein Reiher sich erhob, auf schmalen Schwingen eilig ins Blaue strebend. Ein Reh sprang aus dem Röhricht – der Gendarm merkte es kaum. Sein verbitterter Sinn irrte suchend voraus. Die Faust griff den Zügel, des Rappen Eisen hallten dumpf auf dem Moorgrund, bis der weiße Sand am Heiderande den Schall dämpfte.
Da sprang er ab und ließ das Pferd, das auf den Pfiff kam, grasen. Er schlich ins Holz. Wußte nicht, wohin und was er wollte … Daß sein Suchen in den Kusseln zwecklos war, hatte er längst begriffen. Er war wie ein Schatzgräber, der einem rätselvollen Drange folgt und die Erde aufreißt, weil die Ahnung ihm sagt: irgendwo auf Meilen in der Runde liegt das Erträumte vergraben.
Aber die Sonne, wie empört über solch sinnloses Tun, versteckte sich hinter schwarzen Wolken. Dabei war die Luft schwül wie im hohen Sommer. Am Rande der kleinen Lichtung, über der die mächtige Eiche mit jungem Grün sich schmückte, blieb der Gendarm stehen.
Ganz von weit kam ein Rollen und Grollen – ein Gewitter? … jetzt in den ersten Maitagen?
Es begannen Tropfen zu fallen.
Der Gendarm war ein bißchen zurückgetreten unter die Kiefern am Rande. Und wie er dastand und mit seinem Schicksal haderte, war's ihm, als vernähme er Schritte im Holz.
Und während der Regen stärker wurde und der erste nahe Donner knatterte, trat, kaum zweihundert Schritt von dem Gendarmen links, Friede Schmahl auf die Lichtung.
Der Bauer im Jagdhabit, die Waffe auf der Schulter. Gendarm Ebel konnte jeden Knopf seiner Joppe und jede Falte seines schwarzbärtigen Gesichts sehen.
Und Friede Schmahl ging in Regen und Brausen, als zöge ihn eine unsichtbare Hand dorthin, hinüber nach der Schwedeneiche.
Der Gendarm bewegte kein Glied … Eine Gewißheit, die kein Zweifel mehr erschütterte, kam ihm, daß er dicht vor dem Augenblick stand, sein Sehnen zu erfüllen.
Mitten in der Lichtung machte der Bauer triefend Halt.
Der Regen rann, und die Schläge des Donners krachten in die zuckenden Wetterflammen, die den finsteren Horizont für Sekunden erhellten.
Friede Schmahl war, das fühlte der Gendarm stark und sicher, wie er selbst in einem Banne, der ihn Regen und Wetterschlag vergessen ließ.
Nun ging der Bauer weiter, immer der Eiche zu.
Da spaltete sich die Wolke von neuem. Und Feuer fiel vom Himmel!
Ein Knall, als berste die Erde! Flammen leuchteten blau, und prasselnd sanken Äste.
Friede Schmahl, den Fuß wie zur Flucht erhoben, griff mit kralligen Händen voraus, als wollte er den Baum packen und stützen.
Da krachte der zweite Hieb, den Gottes allmächtige Hand führte! … Der schlug den Baum mitten voneinander! … Weißlich grell leuchtend und furchtbar raste die Flamme!
Und aus der Höhlung des Stammes, der geborsten weit klaffte, sank gräßlich zerstört und verkohlt, kaum kenntlich und doch ein Feuerzeichen der ewigen Vergeltung, die Leiche des ermordeten Mädchens.
Der Bauer, kaum noch einen Steinwurf weit von der Eiche, wankte, als habe ihn selbst der Blitz gefällt. Er hörte im Toben des Gewitters und im Sturm der eigenen Seele nicht, daß einer hinter ihm rannte.
Dann wurd' er's gewahr! Riß den Leib im Sprunge zusammen und hetzte wie ein Hirsch!
Der Gendarm hinterdrein!
Doch Ebel war fünfzehn Jahre älter, seine Sehnen und Muskeln gaben's nicht her. Da riß er den Revolver heraus und schoß!
Friede Schmahl schlug lang in die Zweige der Kiefern hinein, wurde wieder hoch und war fort …
Der Gendarm rannte hier- und dorthin, nach rechts und nach links! Erst lenkte ihn der Hall der entspringenden Füße, das Brechen der Zweige. Dann ward alles still. Und mit jagenden Pulsen, die Faust auf das ringende Herz gepreßt, von Atemnot bald bezwungen, ging er zurück.
Für ihn gab's kein Müdesein.
Das Wetter war vorüber. Die Sonne kam durch die Wolken, und die Vögel probierten schon wieder ihre Stimme. Ebels Rappe stand noch, wo sein Reiter ihn verlassen hatte.
Der saß im Sattel und ließ den Gaul ausgreifen. Nach der Försterei … Hatte die Frau Domnus auch heute wieder gefragt und geredet? – Ebel wußte davon nichts … Er war schon wieder in der Heide, an des Grünen Seite, dem der braune Hund folgte.
Die Kusseln trieften von Wasser, und die nassen Zweige schlugen dem Gendarm ins Gesicht, der immer voran war. Ohne Wort … Nur zuerst, als er Domnus im Forsthaus am Arm packte, hatte er gesagt:
»Ich hab' sie gefunden … und auf den Kerl geschossen! Er hat die Kugel! … Kommen Sie, wir finden ihn!«
Als die beiden auf die kleine Lichtung hinaustraten, spannte sich mit lieblichen Farben der Bogen des Friedens über den blauen Himmel.
Drüben bei den Kiefern legte der Förster den Hund zur Fährte.
»Such verwundt, Morro!«
Der große Rüde zog ruhig der Spur nach. Als er an die Stelle kam, wo Ebel geschossen hatte, zeigte er mit der Nase Blut an den Zweigen.
Dann ging das Tier flüchtig ab … Minuten … Da klang sein tiefer Hals durch die Heide.
»Er hat'n!«
Sie stürmten durchs Holz. Ein paar hundert Schritt, da lag der Mörder, die Kugel durch Rücken und Brust, reglos, mit geschlossenen Augen, doch atmend.
Der Gendarm blieb bei ihm. Domnus ging, einen Wagen holen.
Der Tag funkelte und strahlte, alle Vögel sangen in der Heide … Dem Gendarmen, der auf seinen Pallasch gestützt, breitbeinig neben dem Hingestreckten wachte, ging ein Schauer durchs Herz. Seine Rache war erloschen. Seine bärtigen Lippen murmelten das Vaterunser.