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XIX.

Ein Märzmorgen stieg über die Kiefern hinter der Scheune herauf, mit roter Himmelsglut und kalten Winden. Der kleine Knecht, den Friede Schmahl genommen hatte, war daran, den Schweinekoben auszumisten. Der beizende Gestank zog vom Hof, den Weg ins Bruch hinauf, gerade dem Arzt entgegen, der mit seinem Gespann aus Lobelke kam. Da hatte er einer Frau die Augen zugedrückt, die ein neues Leben, das heranwollte, mit ins Grab riß; hier wollte er zu dem alten Mann, den der Tod beim Hochzeitsmahl berührte und über den der Gewaltige doch nicht hatte Meister werden können.

Ein nachdenklicher Herr, der Sanitätsrat Kamus. Der Kreis, den seine Kunst beschrieb, war zu groß, als daß er allen Bittenden so recht und zur Zeit hätte beispringen können. Vielleicht deswegen achtete er auch das Leben nicht gar hoch. »Es können nicht alle dableiben, sonst müßten sie sich schließlich auffressen!« Mit solcher Weisheit tröstete er die Wehklagenden und wußte wohl, daß er das Richtige bei den Bauern traf. Die haben Wachsen, Blühen und Verdorren immer vor Augen und ahnen, daß auch Menschenleben nicht anders kommen, sein und gehen können.

Nun wickelte er sich aus dem Fahrpelz, der ihn in der offenen Chaise wie einen Bären vermummte, und ging für seine sechsundfünfzig Jahre merkwürdig elastisch ins Haus.

In der Tür begegnete ihm Friede Schmahl, der nach hinten, in den Fichtenort wollte, wo sie angefangen hatten, die trockenen Stämme herauszuhauen.

Er begrüßte den Arzt. Der sagte:

»Na, Herr Schmahl … was macht Ihr Vater?«

Friede blickte an des Doktors rotem Gesicht vorbei:

»Wat sall hei maken … Harr Rat … hei is man sehre spack …«

Der Arzt war mit seinem dicken Bauch schon an dem jungen Bauer vorüber und trat vom Flur in die kleine Stube.

Da lag der alte Mann im Bett. Bewegungslos, kein Glied mehr brauchbar an dem doppelt vom Schlage getroffenen Körper. Nur die entzündeten Augen sprangen noch in ihren Höhlen, gejagt von Unrast und Angst.

Lene saß bei ihm und führte ihm Löffel um Löffel voll heißer Milchsuppe zum Munde. Dem Alten zitterten beim Schlucken die mit weißem Stoppelhaar bewachsenen Kiefer. Er war nicht mehr als ein Leichnam, der infolge eines rätselhaften Versehens noch atmen und genießen kann.

»Vadder hat all wedder 'n Schlag kregen, Herr Rat,« sagte die Lene, der alle Mühe und Last nichts von ihrer Jugend und Frische nahmen: "Irst dor künn hei doch noch sin linken Arm bewejen, aber nu is' janz ut … ick kann dat gor nich mehr anseihn!«

Die junge Frau heftete ihre blauen Augen so mitleidsvoll auf den Gelähmten, daß sie nicht bemerkte, wie der Sanitätsrat sie selbst ebenso unverrückt betrachtete.

Erst, als ihr Mann eintrat, schlug Lene die Augen auf und wurde feuerrot. Sie wußte, wie jeder im Bruch, daß Kamus noch, wie ein ganz junger, hinter den Weibern her war, aber hier am Krankenbett? – – – Ihr Blick suchte Friede, der wortlos, gespannt in jeder Miene, am Schrank stand.

Der Sanitätsrat brauchte nicht umzuschauen. Daß Friede Schmahl eifersüchtig wie der Teufel selber war, erzählte ebenfalls das ganze Bruch. So dämpfte Vorsicht die Glut im alternden Herzen und der Geist beschäftigte sich wieder mit dem, was ihn hergerufen hatte … Freilich! Dem langsam Vergehenden konnte keiner helfen, die nächste Stockung im Blut mußte ihn zu den Schatten stoßen.

Wie Kamus es sagte, nickte die Lene leise:

»Ward hei sick denn noch lange placken, Herr Rat?«

Der hob die Schultern:

»Es kann Tage, kann auch Monate dauern … es ist verdammt zähes Holz, aus dem der alte Mann geschnitzt ist … Und wer weiß« – er kam wieder ins Philosophieren – »ob's dem alten Herrn nicht lieber ist, von solch lieber Hand gefüttert zu werden, als da unten in der kalten Erde zu liegen! –« Er dämpfte seine Stimme – »es ist sogar leicht möglich, daß er uns versteht! … Das bißchen Verstand ist oft das einzige, was solchen Kranken zu ihrem Unglück bis zuletzt bleibt.«

Friede Schmahl räusperte sich. Der Arzt wandte sich zu ihm:

»Wollten Sie etwas sagen, Herr Schmahl?«

»Jo, Herr Rat … ick … ick meene man: künn denn dat gor nich sün, dat hei noch mal wedder reden dheit?«

Dr. Kamus sah den Schwarzhaarigen eine Weile prüfend an, ehe er erwiderte:

»Tja! … Bei Gott ist ja kein Ding unmöglich, das sehen wir Ärzte immer wieder! … Aber nach menschlichem Ermessen … nee, ich glaubs nicht! … Is mir auch in meiner dreißigjährigen Praxis noch nie vorgekommen … Eine vollständige Lähmung der sympathischen Nerven … und auch das Cerebrum muß stark in Mitleidenschaft gezogen sein … Ob er noch denkt? –«

Der Arzt zuckte die Achseln:

»Nach meiner Überzeugung sind auch die sinnlichen Wahrnehmungen auf nichts reduziert … verstehn Sie, ich meine: er fühlt, sieht, riecht und schmeckt auch nichts mehr – nein, da ist nicht mehr viel übrig. Der Exitus muß bald eintreten.«

»Sei meenen, Haar Rat, hei möt starben?«

Der Arzt sah den jungen Bauern noch immer an und erschrack vor Friede Schmahls Gesicht, aus dem eine Gier sondergleichen nach der Bejahung seiner Frage lugte.

Doch ehe Dr. Kamus antworten konnte, mischte sich die junge Frau ein, die jetzt mit ihrem blonden Kopf und den lieben Zügen neben dem schwarzen, finsteren Manne stand:

»Ach nee, Harr Rat! … hei dheit jo keen Minschen wat! … Hei is so brav! – un hei versteiht mi ok … Wenn ick em sin Eten bringe, denn seih ick em dat dütlich an … as wenn hei reden könnt und wull mit wat leiwet seggen …«

Der Arzt lächelte: wer hätte dieser kleinen Dorfschönheit wohl nicht was Liebes sagen mögen?! … Da das aber in Gegenwart dieses unangenehmen Menschen nicht recht anging, empfahl sich Dr. Kamus, nachdem er noch ein Schlafmittel für den Kranken aufgeschrieben hatte, der, wie Lene sagte: die Augen Nacht und Tag offen hätte …

Friede gab dem Sanitätsrat das Geleit bis zum Wagen und stopfte ihm noch die Pelzdecke um die Füße, aber es war dem lebensfreudigen Manne, als ob ein kalter Hohn aus den Augen des Bauern blitzte … Da fiel dem im Wagen Friede Schmahls letzte Frage wieder ein … Und er dachte an das Gerücht, daß Friede und seinem Vater nachschlich. Und meinte plötzlich zu verstehen, warum der Bauer wissen wollte, ob sein Vater noch einmal würde wieder reden können …


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