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XV.

An einem Oktobermorgen, an dem die hohen Kiefern hinter Schmahls Hof lauter silbergepuderte Perrücken trugen, die in der Sonne flimmerten und blitzten, traf Lene beim Milchholen die Großmutter nicht an. Die lag zu Bett, und dem Mädchen, das gleich zu ihr hineinlief in ihr dürftiges Austragstübchen, klagte die Alte:

»Ick hebbe nu all soveel Wehdage! … Wenn ick man starben künnt! … Aberst wär sall die denn hie bekatern?! … Dä Mannslüd, dä kamen jo um in ehren Sott un Schmeer!«

Lene fragte, ob sie nicht dableiben solle und der alten Frau helfen? Ihr Vater wäre ja doch den ganzen Tag fort, da habe sie Zeit über Zeit!

Die Großmutter war's gern zufrieden: Lene sollte doch rübergehen in den Stall; der Sohn – das war Friedes Vater – käme gewiß mit den Kühen nicht zurecht.

Es war ein hübsches Bild: das schlanke, blonde Mädel eifrig um die Alte beschäftigt, die mit ihrem ergebenen Angesicht unter der bunten Schlafhaube, die verrunzelten, braunen Hände still auf dem karrierten Pfühl ineinandergelegt, in ihrem Bette lag.

Ein Spiegelchen hing zwischen ein paar Papierblumen und frommen Bildchen in goldbeklebtem Rahmen an der Wand. Da mußte die Lene schnell hineinsehen! Und es war die Jugend und Jugendlust selber, die aus dem fleckigen Glas blickte.

Die Alte, der nichts entging, wenn sie auch nicht viel redete, sahs und begriff im Stillen ihren Enkelsohn und seine Liebe.

Doch die Lene stand schon in der Tür, nickte noch und lief in die Küche nach dem Melkeimer. Dort war niemand, der alte Schmahl mußte schon im Stall sein.

Aber als Lehne hinauswollte, setzte gerade Albert den Fuß auf die Steinstufe vor der Haustür. Er griff tolpatschig nach der Blonden, wollte sie umfassen. Die schlug ihm auf die Hände und rannte über den Hof.

Im Stall saß Martin Schmahl auf dem Melkschemel und wetterte. Die Kühe, an die ruhige und sichere Hand der alten Frau gewöhnt, traten hin und her, die eine hatte ihm schon den Eimer umgekippt. Und durch sein Wüten machte Schmahl die Tiere immer ungebärdiger … Er brummte ja, war aber doch froh, daß ihm Lene die Arbeit abnahm, und ging durch den Gang, von dem rechts die wiederkäuenden Rinder standen, nach hinten hinaus, wo sich vor den Fichten die Hühner sonnten.

Zur gleichen Zeit kam Albert vorne zum Stall herein. Er schien ausnahmsweise einmal nicht betrunken, war dann aber, wie die meisten Säufer, noch mehr zu Streichen aufgelegt, als sonst. Und er war selbst unter den Leuten, mit denen er umging, bekannt wegen seiner unnennbar zotigen Redeweise.

Lene hatte ihr ganzes Leben auf dem Lande zugebracht, wo das Natürliche, schon im täglichen Schaffen mit den Haustieren, keineswegs zimperlich betrachtet wird oder gar als anstößig gilt. Ein derber Witz brachte sie ebenso wie ihre Freundinnen zum Lachen. Aber sie suchte derartiges nicht, sie nahm es in den Kauf, wie das Hantieren mit den Abfallstoffen, die aufs Feld hinaus müssen, wenn man im nächsten Jahr ernten will und bei denen es niemandem, der vom Lande ist, einfällt, sich die Nase zu halten.

Albert Schmahl ließ, wenn er Schnaps hatte, die Weiber, Weiber sein. Nüchtern lief er ihnen nach, ob sie ihn auch zehnmal auslachten und fortjagten. Und nun war er seit Tagen nüchtern, wie ein junges Kind! Wahrhaftig, nicht freiwillig! Der Herr Landrat selbst hatte ihm zur Abstinenz verholfen.

Nach dem bedauerlichen Vorkommnis mit Gendarm Ebel war man an hoher Stelle inne geworden, daß die Völlerei im Kreise überhand nehme. Da hieß es, einen Riegel bei Zeiten vorschieben! Wenn schon die Gendarmen es sich im Chausseegraben bequem machen! Nein, das ging so nicht weiter! Da mußte etwas geschehen! Zum wenigsten sollte die Bevölkerung erkennen, daß die hohe Behörde solch Betragen, obendrein am Tage des Herrn, in keinem Fall billige! Und da man doch den Schnapsgenuß nicht ganz verbieten konnte – schon im Interesse der Herren Brenner! – so erneute man wenigstens das Verbot, an trunkfällige Personen, ebenso wie an Kinder, Branntwein zu verkaufen. Das Letzte war besonders wichtig, weil der Säufer, dem der Eintritt in die Kneipe versagt bleibt, schnell den nächsten kleinen Jungen beim Schopf kriegt und sich durch ihn die geliebte Flasche füllen läßt.

So war Albert Schmahl, abgesehen von spirituösen Minderheiten, die bei ihm nicht anschlugen, auf dem Trocknen und zappelte ähnlich dem Fisch in gleicher Lage, wie ein Hanswurst.

Die Lene bekams zu kosten.

Sie hockte neben der Kuh auf dem niedrigen Dreibein und mußte einnehmen, was der Tunichtgut sie hören lassen wollte. Erst lachte sie und wies ihn aus dem Stall. Dann wurde sie böse und schimpfte. Und zuletzt, da der Unfläter eben doch nicht wich, sagte sie gar nichts mehr und nahm sich vor, ihren Liebsten zu bitten, daß er ihr den Zudringlichen einmal für alle abwehren sollte.

Aber der Dummbart nahm es für Nachgiebigkeit, bildete sich auch wohl ein, des Redens sei nun genug, und ging zu Taten über!

Beinah' wär die Lene nach hintenüber in die Streu gefallen, so riß er sie plötzlich am Kopf zu sich hin. Sie konnte knapp den Eimer mit der Milch wegstellen; dann aber war sie wie eine Katze herum und erwehrte sich des Unholds, der sie mit Gewalt küssen wollte.

Sie rangen miteinander in der Stallgasse, und die größere Kraft des Mannes hätte wohl obsiegt, wenn nicht plötzlich mit einem Brüllen, als hätte der Stier in der Stallecke sich losgerissen, Friede in den dämmerigen Raum gesprungen wäre.

So schnell konnte die Lene sich gar nicht besinnen, wie der den nichtsnutzigen Bruder am Boden hatte und mit Fäusten und Füßen auf ihn losging!

Das Mädchen, schon gewarnt von anderen, die Friedes schrecklichen Jähzorn kannten, wollte sich zwischen ihn und den am Boden Schreienden werfen. Aber ein Stoß schleuderte sie zwischen die Kühe.

Der alte Schmahl, der drüben in der Scheune gewesen war, rannte beim Gebrüll seines Lieblings, mit klappernden Holzschuhen herbei – auch ihm gelang es eine ganze Weile nicht, den Wütenden von seinem Opfer zu reißen. Erst als der Alte gegen einen Stallbalken taumelte und Lene in jämmerlichem Weinen den wie auf ein Stück Holz Losschlagenden anflehte, da richtete sich Friede Schmahl zitternd hoch, sah aus irrsinnigen Augen um sich und ging, während ihm das Blut von der zerbissenen Lippe lief, zur Stalltür hinaus.

Lene ihm nach, von der fluchenden Wut des alten Schmahl begleitet.

Aber mit Friede war lange nicht zu reden. Er schüttelte immer den Kopf, sie mochte bitten und flüstern und weinen.

Im Stall kniete der Alte bei dem armen Menschen, der für tot im Schmutz lag. Der Vater, dem vor Entsetzen die Kiefern aufeinanderschlugen, mußte im Stalleimer Wasser holen, das blutige Gesicht waschen und, als Albert endlich zum Bewußtsein kam, den Zerschlagenen stützend ins Haus führen.

Da kam die alte Frau, die der tobende Lärm aus dem Bett gerissen hatte, ihre Krankheit mit schier übermenschlicher Anstrengung meisternd, leise vor sich hinwimmernd aus der Tür, wankte über den Hof in den Kuhstall und melkte die Kühe.


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