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Friede Schmahl hatte gerade die Pferde angespannt, um eine Fuhre Hafer hereinzuholen, da ritt der Gendarm ins Hoftor ein.
Der alte Schmahl legte sich nach dem Mittagessen immer ein bißchen aufs Ohr. Vielleicht hatten ihn die Fliegen heute nicht schlafen lassen. Er kam aus dem Hause, als der Beamte sein Pferd an den Pfosten des Schuppens band.
Der Sohn hatte seine Tätigkeit nicht unterbrochen, er tat, als sähe er den Gendarm überhaupt nicht. Der Alte hingegen rief dem Beamten schon von weitem entgegen:
»Wat wull'n Sä denn, Herr Wachtmeester?«
Der Angeredete besaß eine, Leuten von so großer Körperlichkeit nicht selten eigene Gelassenheit. Er blieb mitten in der Einfahrt zwischen Hof und Zaun stehen, die Friede Schmahl passieren mußte mit seinem Gespann und sah zu dem vorn auf dem Leiterwagen stehenden jungen Manne hin:
»Das wird Ihr Sohn am besten selber wissen! … Was Friede? … Steig' man wieder ab von dein' Wagen, mein Junge, und komm' mal her!«
Der Gendarm machte von dem, auf dem Lande noch überall gültigen Recht des Älteren Gebrauch – er war an die Fünfzig, wenn auch seine gesunde Kraft und Straffheit die Zahl der Jahre Lügen strafte – und nannte den jungen Bauer beim Vornamen und »Du«.
Der aber trieb mit den Worten: »Ick hew keen Tid!« seine Pferde an und fuhr gerade auf den Gendarm los.
Der Alte stand links von der Seite, unter dem Birnbaum, ein hämisches Lachen um die Stoppellippen.
Die Hühner stoben auseinander, die Tauben flogen auf, als die Pferde ansprangen. Aber zu klug und ohne die menschliche Rohheit, die das Leben des Nächsten nicht hoch schätzt, scheuten die beiden Braunen vor der Riesengestalt im grünen Koller, der auf der hohen Helmspitze die Sonne funkelte … So konnte Gendarm Ebel mit seinen Händen, die wirklich Tellergröße hatten, die Tiere leicht aufhalten.
Die Pferde standen.
Da ließ Friede Schmahl, dessen Augen aus wutgerötetem Antlitz wie heiße Dolche stachen, die Peitsche niederpfeifen!
Das Handpferd stieg, das andere sprang seitwärts, riß den Wagen nach links, daß er den Birnbaum rammte, dessen Spätfrucht im Regen zu Boden schoß.
Der alte Schmahl mit seinen stöckerigen Beinen war doch so behend von der Stelle, daß es kein Junger besser gekonnt hätte.
Der Gendarm hatte die Pferde losgelassen und war ebenfalls zurückgesprungen. Jetzt stand er, den schweren Dienstrevolver in der Rechten, wie aus Erz, in der Einfahrt:
»Runter vom Wagen, oder ich putz' dich weg! … Hallunke!«
Friede Schmahl riß an den Pferden rum, wie ein Toller. Aber sein Vater bekams doch mit der Angst:
»Kümm runner, Friede! … Hürste, du sallst runnerkam'! … Vadammte Jung! … Sall ick di irst runhalen vun Wagen?!«
Er ging selbst ohne jede Furcht an den Wütenden heran, riß ihm die Peitsche und die Leinen aus der Hand und zwang ihn abzusteigen. Dann führte er die Pferde, umwendend, über die Miste zurück nach dem Stallgebäude.
Der Gendarm sagte zu Friede Schmahl:
»Ich verhafte Sie wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt und weil Sie verdächtig sind, Ihre Braut, die Dienstmagd Pauline Merk beseitigt zu haben!«
Mit rohem Gelächter warf Friede Schmahl ein paarmal die Schultern hoch:
»Dat künn Sei! … meinswegen! … ick gah mit! … Glik, wenn Sä wull'n!"
Nun war der Alte wieder heran.
Klüger als der Junge und wohl schon durch manchen Lebensstrauß gewitzigt, wandelte er seine Bosheit stracks in kriechende Demut:
»Aberst nä, min Sähn wull'n Sei vahaften, Herr Wachtmeester? … Dat geiht doch gar nich! … Un wenn hei ook 'n bitsk' jach mit Sei west is, dat möten Sei am nich glick so sehr uffsmeren! … Dä weet jo vun sülvsten nix, wenn ihn das Für ut'n Dachboden fleiht! … Zuntz is hei dä beste Minsche! Nu, Friede, nu giv mal den Harrn Wachmeester die Hann un seih' am, dat hei di dat nich mihr nachtrecken sall! … Do warst dat nich wedder daun! Und Sei, Herr Wachmeester, Sei kam' mit rin in de Stuv un drinken irst een Kleenen upp Ehre Jesundheit!«
Er zwinkerte und äugelte dabei zu seinem Sohn hin, der Alte, als wollte er sagen: Laß mich nur machen! Wenn wir ihn erst drin haben, im Hause, dann findest du schon ein Loch zum Fortkommen!
Gendarm Ebel aber hörte gar nicht, was der Bauer sagte. Er griff mit der Linken – die Rechte umspannte energisch den Kolben des großen Revolvers – in die Tasche und barg, die Hand langsam wieder herausbringend, eine Schließkette. Damit ging er ruhig an den jungen Bauern heran, und als der zurückspringen wollte, trat er ihm mit einem einzigen Schritt fest auf die Füße, dabei mit dem Brustkasten das Gesicht des anderen streifend.
Da hatte er ihn!
Friede Schmahl brüllte und wehrte sich.
Der alte Schmahl kam bedrohlich näher.
Gendarm Ebel aber hatte schon einmal vier flüchtige Verbrecher verhaftet – von denen einer ein Raubmörder war – da er sie, selbst ohne jede Hilfe, im dichten Walde traf. Und wenn sie auch alle vier ein Weilchen im Lazarett zubringen und erst wieder gerade gerichtet werden mußten – man konnte sie nachher doch heil und gesund der verdienten Strafe zuführen.
Friede Schmahl hatte die Schließkette um seine gewiß nicht kindlichen Gelenke, ehe der Alte heran war. Der zogs dann vor, sich klug zurückzuhalten. Er war nur noch giftigen Hohnes voll:
»Dat war' ick Ji anstreechen, Sä! … Her, upp unsen friedlichen Hoff kam' un de Minschen in Ketten lejen, dä Ihn' nix nich dun hebben! … Wat kann denn min Sähn daför, wenn Sei de Pierd scheu maken! Foten Sei sä doch nich an Kopp! … Dat wull keen Pierd nich hebben! … Friede, min Sähn, deit di dat weih? … Wahr Di nich, min Sähn! Unrecht leiden is beter, als Unrecht dohn! … Daför kümmt dä Gendarm in't Tuchthuus!«
Ebel hatte nun eine Leine aus der Halftertasche seines Pferdes geholt. Die schlang er dem Arrestanten um die Eisenfessel, dann kommandierte er:
»Vorwärts!«
Zog, als der Bauer auch jetzt noch Anstalten machte, sich zu widersetzen, ein paarmal kräftig an, daß der Gefesselte stöhnte. Da ging er vorwärts.
Dann saß der Gendarm auf seinem Rappen, hakte den Pallasch ein und ritt an.
Friede Schmahl mußte tüchtig ausschreiten, um mit dem großen Pferde Schritt zu halten.
Aber als sie um den Vorgarten, dessen Staketenzaun so altersgrau und fällig, sich hie und da ganz über die bunten Sommerblumen im Garten neigte – als sie um die Fliederhecke bogen, die dort alle Maienzeiten so duftig aufwuchs, da kam die Großmutter, von dem schwarzweißen Hunde begleitet, von einem Wege ins Dorf zurück.
Hatte sie dort schon gehört, wessen man ihren ältesten Enkel beschuldigte? In dem braunen Runzelantlitz mit den erloschenen Augen stritten Neugierde und Mitleid, Angst und Jammer und eine Ratlosigkeit, die keinen Weg mehr wußte. Ihre herabhängenden Arme hatten die Hände gefaltet, und es schien, als zitterten die alten Lippen in stummem Weh. Aber sie sagte nichts. Kein Wort kam aus dem zahnlosen Munde, den die Leiden ihres alten Lebens verzogen und verbittert hatten. Nur die Augen sprachen.
Der Gendarm nickte ihr freundlich zu.
Dann sah er auf seinen Arrestanten herab. Der ging gesenkten Blicks, dicht vorbei an der alten Frau, als habe er sie nie gekannt.