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Friede Schmahl saß in der sogenannten Mörderzelle des Gerichtsgefängnisses. Es befanden sich da Schließvorrichtungen an den Wänden, Ringe, in die Ketten eingehakt werden sollten, um unbotmäßige und gewalttätige Verbrecher wehrlos zu machen.
Der letzte, der hier gesessen hatte, war ein Holzhauer gewesen, der hatte in Gemeinschaft mit seinem Bruder, einen Förster, der die beiden beim Holzdiebstahl ertappt hatte, erschlagen. Sie waren beide geköpft worden. An der Stirnwand der Zelle, deren hohes, nicht so großes Fenster vergittert und mit engmaschigem Draht geschützt war, hatte der Mann, der hier den Tod erwartet, Worte eingekratzt, die er vielleicht gehört oder gelesen, am Ende auch selber erdacht hatte:
»Wer mich das vorausgesagt,
Konnt ich es nicht glauben,
Lahme Krüppel werden gehn,
Hören werden die Tauben.
Wer ein Menschen Blut vergießt,
Muß auch selber sterben,
Keine Blume, so da sprießt,
Ewiges Verderben!«
Diesen seltsamen Spruch eines, der seine Untat gebüßt, hatte der junge Bauer in den vierzehn Tagen, die er nun hier saß, oftmals gelesen. Seine schwarzen, stechenden Augen glitten über die Zahlen und Buchstaben, die sonst hier noch verzeichnet waren, hinweg und weilten immer von neuem auf den kunstlosen Reimen, die mit dem Namen Otto Gelbmeier unterzeichnet waren. Denn den Mann, der so geheißen, hatte Friede Schmahl gekannt; er stammte aus einem Dorfe, das kaum eine Stunde Wegs von Friedes Heimatort ablag.
Wenn der das Verschen wieder einmal zusammenbuchstabiert hatte, dann glitt ein höhnisches Lächeln über seine harten Züge, und kopfschüttelnd wandte sich Friede Schmahl ab: auf ihn paßte das nicht! Ihn mußten sie, als gänzlich unschuldig, wieder herauslassen!
Er ging dann weiter den gewohnten Weg, vier Schritt hin und ebensoviel zurück, vom hohen Zellenfenster, durch das die Sonne dieses wundervollen Spätsommers strahlte, bis zu der schwergepanzerten Zellentür, die ihn von der Freiheit trennte.
Eben klirrte der Schlüssel im Schloß. Der Aufseher trat ein.
»Fertig machen zur Vorführung!«
Friede Schmahl war fertig. In jedem Augenblick war er fertig, diese Zelle, die er haßte, wie einen Todfeind, zu verlassen. Unter der Maske einer vollkommenen Gleichgültigkeit, die nichts von Ergebung in ein Schicksal, aber noch weit weniger Trotz und Auflehnung zeigte gegen das, was man hier von ihm verlangte, brannte in der Tiefe dieser gehämmerten Seele eine verzehrende Flamme: das Licht des Tages und der Schimmer der Sternennacht, das Zwitschern eines Vogels, der vorüberflog, jeder Hall des Lebens da draußen, sie riefen den Freiheitgewohnten mit Ungestüm hinaus in die Welt! Er sah die Felder, über die der Wind hinstrich, die Bäume am Wege, die der Herbst mit bunten Farben malte, die Föhren in der Heide, unter denen lautlos das Wild durchzog, und sich selber mit der Büchse in den Händen auf den Hirsch birschend; alles, was daheim geschafft wurde, die Erntearbeit, Pflug und Pferde, die den schwarzen Moorboden des Bruches aufwarfen; und das Abendrot, in dem beim Läuten der Feierglocken die Menschen, die ihr Werk getan hatten, nach Hause zogen – alles das sah Friede Schmahl mit einer Sehnsucht, die er am liebsten laut hinausgeschrieen hätte und die er doch hinter seinen starken Lippen so fest verschloß, daß keiner sie ahnte.
Nun verließ er hinter dem Beamten die Zelle. Draußen auf dem Gang ließ ihn der Aufseher vorangehen: der Gefangene war ihm als rabiat und besonders gefährlich bezeichnet worden.
In den Korridoren des Gefängnisses waren die Kalefaktoren tätig, Aufseher gingen hin und her – Friede Schmahl wandte nicht den Blick nach ihnen. Er dachte an das Verhör, dem er entgegenging. Aber nicht so, daß er Antworten zurechtlegte, Ausreden ersann oder Fragen abwehrte, die ihm gestellt werden konnten – sein Eisenschädel blieb unverrückbar auf einem Punkte, den hielt er fest und war nicht davon loszubringen:
»Ich bin unschuldig. Ick hebb' et nich dohn!«
Diese aus Hoch- und Plattdeutsch zusammengesetzte Beteuerung war alles, was der Richter von ihm hörte.
Als sie aus dem Gefängnis in das Gerichtsgebäude traten, faßte der Aufseher seinen Gefangenen beim Arm. Friede kniff den Mund ein: er dachte nicht daran, auszurücken! … Die mußten ihn so wieder laufen lassen! Wenn ihn etwas ärgerte, wars, daß er damals in der ersten Hitze hatte auf den Gendarmen losfahren wollen mit seinem Gespann! Mit der Überlegung, die jetzt in ihn gekommen war, würde er nicht fortgelaufen sein, und ob auch alle Türen offengestanden hätten! … die mußten ihn so wieder laufen lassen!
Der Richter, ein kleiner, bebrillter Herr, dessen Freundlichkeit schon manchem im Verhör verhängnisvoll geworden war, sagte mit einem gemütlichen Lächeln:
»Na, Schmahl, haben Sie sich die Sache nu' endlich überlegt? Wir wollen doch nun mal 'n vernünftiges Wort miteinander reden! … Sehen Sie: ich kann mich ja in Ihre Situation vollkommen reindenken: Ihr Vater hat's uns ja gesagt: Sie sollten von Haus und Hof! Er wollte sein Anwesen lieber verkaufen, als daß er seine Einwilligung zu der Ehe mit Pauline Merk gab! Dadurch gerieten Sie gewissermaßen in eine Zwangslage! Heiraten konnten Sie sie unter solchen Umständen nicht und wollten wohl auch nicht … Und auf der anderen Seite ließ das dumme Mädel Sie nicht los! … Das ist 'ne Situation, die schon manchen um den Verstand gebracht hat! Und obendrein trug sie ja auch wieder ein Kind von Ihnen … das dritte schon, nicht wahr?«
Der Mann am grünen Tisch machte eine freundlich ermutigende Pause. Aber vergeblich! Er hätte ebensogut von dem gelblackierten Aktenschrein, der an der Wand stand, eine Antwort erwarten können, wie von Friede Schmahl.
Ohne sich beirren zu lassen, spann der Richter seinen Faden fort:
»Ja, die Kinder! … So ein Segen sie sind, in einer bürgerlich geordneten Ehe – ebenso störend und durchaus unerwünscht sind sie in solch einem, doch eigentlich unerlaubten Verhältnis … Man weiß ja jetzt, daß Ihre Braut im sechsten Monat schwanger war …«
Schmahls gesenkte Lider hoben sich um eine Linie. Sein Jägerinstinkt witterte sofort die Falle.
»Nun sind Sie allmählich mit Ihrem Herzen in einen bösen Konflikt geraten. Einerseits hingen Sie an dem Mädchen, das Sie nicht als Frau auf den Hof bringen durften. Daneben wollten Sie auch gerne los von ihr, um den endlosen Zank zu Hause abzubrechen … Und sehn Sie, Schmahl, da kommt nun der schwere, schlimme Fehler … oder sagen wir richtiger: der Zufall, daß Sie Jäger sind, daß Sie die Schußwaffe immer mit sich herumtragen. Jetzt, wo wir die Leiche gefunden haben, ist ja alles klar …«
Friede Schmahl stand im vollen Licht des Fensters, drei Schritte vor dem Tisch, an dem Amtsrichter Dr. Häberlein saß, der ihn verhörte. Und der Herr Rat hatte ein paar scharfe Brillengläser vor den Augen! Aber mit keiner Lupe wäre ein Zug des Erschreckens, der Furcht, der Besorgnis, ja überhaupt nur irgendeine Veränderung im Gesicht des Bauernsohnes zu erkennen gewesen.
Der hatte den Kopf etwas erhoben und starrte den Amtsgerichtsrat an, wie wenn der ihm etwas sehr Interessantes, das aber ihn selbst gar nicht beträfe, mitgeteilt hätte.
Der Untersuchende wartete auf eine Frage, ein Wort, einen Laut nur von des Bauern Lippen – nichts dergleichen! Friede Schmahl machte, obwohl er die Gegenstandslosigkeit dessen, was Dr. Häberlein ihm sagte, sofort begriffen hatte, nicht einmal ein höhnisches Gesicht; er sah genau so gleichgültig, kalt und interesselos drein, wie an jedem anderen Tage, an dem er hier schon verhört worden war.
»Sie sind ein schlauer Teufel, alter Freund!« – Es lag viel Anerkennung in Dr. Häberleins Worten, aber auch die verfing bei Friede Schmahl nicht – »man sollte gar nicht glauben, daß Sie das erste Mal die staatliche Gastfreundschaft genießen! … Aber wir werden ja noch häufiger das Vergnügen einer gemeinsamen Unterhaltung haben! … Kommt Zeit, kommt Rat! … Ja, noch eins: warum leugnen Sie es denn auch, daß Sie am Dienstag, also an dem Abend der vermutlichen Mordtat mit dem armen Mädchen zusammen waren? … Respektive, daß Sie sie vom Hause ihrer Mutter abgeholt haben?«
Friede Schmahl zögerte einen Moment, ehe er antwortete. Da er gleich im Anfang sein Dortsein an jenem Abend in Abrede gestellt hatte, so fühlte er, er müsse jetzt bei dieser Angabe bleiben. Und er hatte sich den Ausweg reserviert: wenn doch einer vorträte, der ihn mit der Pauline an dem Abend zusammengesehen hatte, dann wollte er's eben sagen: damals beim ersten Verhör sei er so in Angst gewesen vor dem Gericht, daß er einfach alles geleugnet hätte! Gewiß, er wär' mit der Pauline zusammengewesen, an dem Dienstagabend, aber brauchte er sie deswegen gleich ermordet zu haben?
»Der Bruder der Vermißten, der Schuhmacher Franz Merk, will doch bestimmt behaupten, daß er Sie an dem Abend hat mit der Pauline unterem Fenster stehen sehen? … Wie ist denn das? … He?«
Der Bauer machte eine pomadige Bewegung:
»Hei wull mi seihn hebben? Nu, dat künn jo ook sin … blot nich an den Dienstagabend! … Hei irrt sick eben un irren is menschlich!"
»Da haben Sie vollkommen recht, Schmahl. So recht haben Sie, daß Sie gar nicht einmal wissen, wie recht Sie haben! … Errare est humanum! … Sie werden das eines Tages selbst einsehen, passen Sie auf! Wenn Sie's längst nicht mehr denken! … Wissen Sie, was ein Prophet ist? … Nein? … Nun sehen Sie mich mal so recht genau an! … Sehen Sie, ja? … Ich bin so ein Prophet! … Und ein Prophet, das ist ein Mensch, der andern weissagt! Na, also! So sage ich Ihnen wahr: wir werden Sie vielleicht jetzt wegen Mangel an Beweisen wieder laufen lassen müssen, trotzdem Sie die Tat begangen haben … unweigerlich! … Aber an einem Tage, den Sie und ich erleben werden, da werden Sie irgend eine kapitale Dummheit machen und werden sich selber verraten! … Dann werden Sie hier wieder vor mir stehen! … Und dann, Friede Schmahl, dann hüten Sie sich! …«
Damit gab Dr. Häberlein dem Beamten einen Wink, den Gefangenen abzuführen.