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IX.

Die Gänse gingen schon auf die Stoppel, und überall wurde nach dem zweiten Grasschnitt das Vieh auf die Länder getrieben, als Friede Schmahl eines Tages nach Hause kam.

Er ging den Weg aus der Kreisstadt, wo er im Gefängnisse gesessen hatte, zu Fuß. Den Weg durchs Bruch an den hohen Pappeln und Schwarzerlen vorüber, die, wie immer wachsame Wächter im Winde raunend, um die Hoffereithen stehen. Er ging über die Wiesen, wo der Weg, den er von Kind auf kannte, näher war, sprang über die Koppelzäune und schwang sich wie ein Junge nach alter Übung, mit einer Stange über den breiten Graben, daß die rotbunte Kuh erschrak, die eben durchs Wasser wollte.

Mit hellem Geklirr flog ein Volk Rebhühner vor seinen Füßen auf, als er durch den gelben Hederich stapfte, der kniehoch wuchs, dessen Blüten mit den weißen Sternblümchen der Seradella um die Wette dufteten. Lange klang in des Jägers Ohren das »Schirripp« des Rebhahns, der seine Kette zusammenlockte.

Da hieb Friede Schmahl mit dem Knotenstock in das gelbe Zeug, daß die Blütenköpfe flogen. Nun konnte er wieder hinaus mit der Flinte, hinter den Hühnern her und dem Feisthirsch zuliebe, der des Nachts in die frühen Kartoffeln zog … Ein unzähmbares Verlangen, zu jagen, Beute zu machen, peitschte sein Blut! Nie war sein Hunger, zu leben, so unbändig stark gewesen! Und mit einem wilden Triumph, der laut über seine Lippen wollte, trat er die Erde, atmete die von Wohlgerüchen schwere Luft und genoß das Leben und die Freiheit des von einer strahlenden Sonne vergoldeten Herbsttages.

Als er bei einer Wirtschaft vorbeikam, schwankte er, ob er eintreten sollte. Und nicht die Scheu vor den Menschen seiner Heimat, die ihn scheel ansehen konnten, hielt den Mann, dem im Gefängnis der schwarze Bart ums Gesicht gewachsen war, zurück. Er hatte vor niemand Furcht! Nicht einen Augenblick peinigte ihn die Frage: was werden sie sagen, wenn du heimkommst? – Wer da vielleicht glaubte, er könnte noch mit dem Finger auf ihn zeigen, es ihn mit Worten oder auch nur mit einem Blick fühlen lassen, daß er in Untersuchungshaft gesessen hatte, der sollte Friede Schmahl kennen lernen! Nie hatte er sich viel aus den anderen gemacht. Was einen Freund besitzen heißt, wußte er nicht. Vom Schwatzen mit Zechbrüdern in der Kneipe hielt er gar nichts; geriet auch, wenn es mal dazu kam, daß er trank, gleich in Hitze; und die anderen, die wohl trinken, aber sich nicht streiten mochten, mieden ihn. Er, der in tiefster Seele einsam war, fühlte nicht den Mangel.

Aber die Sonne, wenn sie mit ihrem geheimnisvollen, noch so unirdischen Licht über die Felder und über den Wald blickte; wenn die Rosenröte kam, das erste Aufleuchten der goldroten Kugel in der lichtesten Bläue des fleckenlosen Himmelsdomes; wenn die Vögel einsetzten, erst einzeln, aus traumumfangener Sehnsucht heraus, dann lauter zwitschernd und zuletzt im Jubelchor der Unzähligen, die sich des neuen Morgens erfreuten – die Sonne mit ihrer Allgewalt über die dampfende, in Glanz und Tau aufflammende Erde, die konnte Friede Schmahls, in schwarzen Schauern stierendes, von finsterem Begehr und bösem Überdruß gequältes Herz nicht entbehren.

Er wußte nicht, warum manchmal, wenn er ganz allein war, wo nichts ihn ärgern und niemand ihn reizen konnte, seine Kiefer sich aufeinander preßten, daß die festen, starken Zähne knirschten; warum er dann mit glimmenden Augen und starren Pupillen, die Stirn hochrot und die Adern an den Schläfen geschwollen, vorwärts rannte, immer gerade aus, wie ein toller Hund, den sie irgendwo auffangen und erschlagen. Er fühlte nur, daß er dann fortmußte von allem, was Menschenantlitz trug, soweit als möglich, in die Stille und die Einöde hinein, und daß nichts ihm da besser half, als der Wald mit seinen Kiefern und das hohe Schweigen, das über dem Haidekraut und Stechginster brütete.

In solcher Stunde hatte er seinen Bruder Albert um ein Haar erwürgt. Die Großmutter, mit ihren Jahren noch kräftig, wie eine Junge, war dazugekommen, hatte Friede, der auf Alberts Brust kniete, fortgerissen und ihn solange festgehalten, bis der Bruder sich aufraffen und entfliehen konnte.

Auch Tiere, obwohl er ihnen sonst gut war, hatten es versehen, wenn das Unglück sie in seine schwarze Stunde führte. Er hatte einen jungen Bullen, der sich losriß und ihn im Hofraum annehmen wollte, mit der Wagenrunge erschlagen; und saß nachher stundenlang, mit glanzlosem Blick vor sich hinstierend, die Unterlippe zerbissen, auf dem Hauklotz, konnte dann tagelang nicht essen und hatte schrecklichen Durst, gab keiner Frage Antwort und war zu keiner Arbeit zu brauchen … So auch, wie er eines Tages ohne seinen Hund, an dem er doch sehr gehangen hatte, nach Hause kam. Der alte Schmahl fragte ihn danach, aber er wiederholte die Frage nicht, als er in Friedes entstelltes Angesicht blickte, das aschfahl, von schwarzen Schatten durchfurcht, nur einem Grabentstiegenen ähnlich sah.

Ob Friede Schmahl wußte, welch widriger Wurm an seinem tiefsten Menschen fraß? … Ob seiner Seele Dumpfheit in lichten Stunden selbst erbebte vor dem fletschenden Ungetüm, dem roten Wahn, der in sein Innerstes verschlossen, zu böser Zeit Kette und Riegel brach? Ob er das starre Geheimnis, das die Befallenen kreuz und quer durchs Leben hetzt, bis sie endlich doch in den immer winkenden Abgrund stürzen – ob er es jemals in eine andere Seele hineintun und sich erlösen durfte? – – Fragen, die nie beantwortet, Rätsel, die niemals gelöst werden, sind es, die solche Menschen ins Grab geleiten.

Heute schwoll sein Mut, wie das Licht der Wiesen und der Glanz der Felder rings um ihn. Er fühlte das Glück, zu leben, die Wonne, frei zu sein, wie man ein Weib fühlt, das mit Seufzern hinsinkt, sich völlig zu ergeben.

In der Einfahrt des Hofes stand, wie er um Fliederhecke und Zaun bog, der Vater und sein Bruder Albert.

Sie hörten auf zu reden, als sie Friede gewährten. Dem schiens, als habe Albert den Alten wieder um Geld gebeten. Und nun wären sie beide still, weil er das nicht hören sollte.

Aber Friede Schmahl lachte.

Er streckte ihnen beiden die Hände entgegen, in die sie zögernd, der Junge noch langsamer, wie der Alte, die ihren legten.

»Dor bin ick wedder!« sagte Friede.

»Hebbt sei di rutlaten?« fragte Albert und schaute aus seinen vom Trunk geröteten Augen an dem Bruder vorbei.

Der nickte mit dem Kopf und sah seinerseits prüfend den anderen an: das schlaffe, gedunsene Gesicht mit dem schütteren blonden Haar und dem ein bißchen verzogenen, stets etwas feuchten Munde; die Augen so blauwässerig und unstet und der Bart zerfedert und vergilbt, wie bei einem Alten. Der Körper war schwach und fiel in sich hinein; die in den Knien einknickenden Beine konnten den vortretenden Leib mit dem eingefallenen Brustkasten kaum tragen. Und der ganze Mensch hing in Lumpen, weil er alles, sich ewig im Schmutz der Straße sielend, verlotterte, auch wohl die neuen Kleider, die man ihm gab, verkaufte, um Geld für Schnaps zu haben.

Da empfand Friede Schmahl noch einmal und stärker noch die Lust, frei zu sein und zu leben. Denn sein Leben war stark und konnte ihm geben, was er begehrte.

»Armer Kerl!« sagte er aus seinen Gedanken heraus.

Albert und der Vater blickten sich heimlich an: was war in den da gefahren, daß er so freundlich sprach?

Der Alte griff, Mut fassend, in seine Beinkleidtasche, holte ein abgegriffenes Lederportemonnaie hervor und gab dem Säufer ein Geldstück.

»Dor!« er stieß ihn mit dem Handrücken gegen die Schulter, »nu scher di wech, do … Friede! Komm man rin! … Do wirscht wull Hunger hebben! … Dä Olle het Kaffee uppsett!«

Der Armselige, den nur die Gier nach seinem Gift verzehrte, war schon ums Haus, da richtete der Alte seinen verschlagenen Blick fest auf den älteren Sohn:

»Na, wat seggst do nu?«

Der Junge blickte sich um, als höre er Schritte hinter seinem Rücken. Dann stieß er mit dem Stock einen kleinen Stein fort und runzelte die Stirn:

»Wat fall ick soahn? Dat künn jo gor nich anners kamen, wie't nu all is … Hebbt Ji denn all wat hürt, Vadder?«

»Wat hürt? …« Der Alte lachte dumpf und verstohlen, »sei hett mi doch all veer Mal in de Stadt kamen laten! … Ick sall dat west sünd, dä die Paulin' utgroben het! …« Er stieß dem Sohne, wie in derber Lustigkeit, die Faust vor die Brust: »Ick?! Wo fall ick denn dat weten, wo das Mäken inbuddelt is!«

Es war, als glitten über Friede Schmahls Züge abwechselnd Wolken und Sonne hin. Mit einer Bewegung der Abwehr sagte er:

»Nu lat man sin, Vadder … Ick möt irst wat eten!«

Damit ging er hinein ins Haus, und der Alte folgte ihm mit zufriedenem Schmunzeln.

Gerade, als sein Holzpantoffel auf der Schwelle klapperte, kam die Großmutter aus dem Schweinestall. Eine Sau hatte geferkelt, und die alte Frau trug ein letztes, das schwach war und noch nicht zitzen wollte, in der Schürze.

Die Alte merkte sofort, daß etwas geschehen war. Aber sie ging noch nicht hinüber, stand blinzelnd im Sonnenschein an der Jauchegrube und murmelte zwischen ihren Zahnlücken unverständliche Worte.

»Na, wat kukt Ji denn so, Großmudder?«

Von drüben, aus den Fichten, die hinter der Scheune lagen, kam Schützens Lene. Sie war heut schon gekämmt und trug zum dunkelblauen Kleidrock eine rote Bluse mit tiefem Halsausschnitt. Ihr blondes Zaushaar, flatterte trotz Kamm und Nadel in hellen Löckchen. Und ihre jungen Augen lachten den ganzen Tag, auch wenn sie, wie jetzt, nach unruhvollen Träumen, aus blauen Schatten ein wenig verschleiert blickten.

Husch! war sie auf flinken Füßen über den Hof, bei der alten Frau, die die Schürze aufmachte und ihr das rosige Kleine zeigte, das leise quiekte.

»Och, is dat niedlich! Woveel hat se denn, die Sau?«

Dabei ging sie nach dem Schweinestall, wohin ihr die Alte folgte.

Drin im Dämmer des niederen Raumes, über dessen Holzverschlägen der scharfe Dunst des grunzenden Viehes lagerte, standen die beiden Frauen und sahen über den Koben der Ferkelsau, die breit und gesund auf der Seite lag, um deren weißes Euter sich sieben schuhlange, schmatzende und saugende Ferkel drängten.

Dem Mädel wars nicht nah genug. Sie mußte das wimmelnde Leben in ihren kleinen, arbeitsharten Händen fühlen. Ging in den Stall und hockte im sauberen Stroh, der Sau schmeichelnd, die Kleinen eins nach dem anderen aufhebend und ihren drallen, länglichen Wuchs, ihre auffallende Munterkeit lobend.

Die alte Frau schaute indessen zur Stalltür hinaus nach dem Hause hinüber, wo eben Friede Schmahl und sein Vater sichtbar wurden.

»Der Friede!«

Die Alte hatte es, wie sie gewohnt war, nur so vor sich hin gesprochen. Aber wie vom Wind herumgerissen, war die Lene aus dem Verschlag heraus!

»Der Friede? … wo?«

Sie drängte die Alte förmlich zur Stalltür hinaus.

Und der junge Bauer hatte auch sofort seine Augen herüber. Diese Augen hingen wie gebannt an der schmiegsamen Gestalt, dem bunten Kleide und dem halb neugierigen, halb ängstlichem Gesicht der Schulzenlene.

Sah Friede Schmahl nicht den schweren Schatten, der mitten im hellsten Sonnenlicht des Vormittags zwischen ihm und dem Mädchen stand? … Sah er nicht, daß es sein Schicksal war, das blauäugig, mit süßen Wangen und kosigem Munde jetzt scheu und langsam, mit der alten Frau und halb von ihr verborgen, zu ihm trat?

Er gab der Alten die Hand, wie vorher dem Vater. Und dann langten seine Blicke wieder gierig nach dem Mädchen; das lachte verlegen:

»Na, dat's man schön, Friede, dat do wedder dor büst! … Nu is dat doch man allens dumm Tüg west, wat se seggt hebben, nich wohr? … Ick gratulier' di ook!«

Er nahm ihre lustigen Hände, die eine erst und dann die andere, und zog sie hin und her und ließ sie nicht, wie die Lene sich ihm entziehen wollte.

Die Großmutter ging ins Haus mit dem Ferkel, das sie noch in der Schürze hatte. Der Vater hin zur Scheune und sagte etwas zu Friede. Aber der hörte nichts und sah nichts, als die hübsche Blonde, die ihre weißen Zähne im lachenden Munde sehen ließ und redete, wie er – sie wußten beide nicht was …

»Ick komm' 'n Enn' mit!« hatte er gesagt, als sie doch gehen wollte. Und waren schon um die Scheune und im Fichtenholz verschwunden, als der Alte zum zweiten Male sein: »Kümm doch mol här, Friede!« rief.

Hinterm Holz lag das Luch mit dem bleiernen Tümpel im Weidicht und Rohr. Und der Graben, auf dem zum Abend die wilden Enten einfielen, zog sich zwischen Wiese und Kartoffelacker bis zur Heide, die mannshoch mit Kusseln bestanden, bergan lief. Da war kein Mensch, nur der Häher schrie und wilde Kaninchen huschten in ihre Baue, wenn Menschenschritte sich nahten.

»Irst hebb' ick ook dächt, do büßt dat wesen, Friede!«

Er ging an ihrer Seite mit flimmerndem Blick und tiefem Atemzug.

»Ick hebbe sä jo gor nich seihn, de Paulin', an den Abend, Lene!«

»Aberst wer soll et denn west sünd, Friede?«

»Ick weet doch nich, Lene! … Ick weet ja ook nich!«

Sie lachte leise:

»Un wenn do mi nu ook afmurkst?!«

»Och, Lene! …«

Er stöhnte und blieb stehen.

»Quält di dat, wenn ick dat seggen dhei?«

Ihre Stimme klang so weich und linde.

Er streckte die Arme aus und langte mit den großen, behaarten Händen »ach ihr. Aber sie wich zurück.

Und eine Weile gingen sie und redeten gar nicht.

Dann kam's wieder von ihr leise, lockend:

»Friede! … Do! … segg mal …«

»Wat denn?«

»Nä … dat segg ick nich!«

»Ach! … Doch! … segg mi doch! … Wat is denn?«

Sie überwand sich schwer:

»Wie do drin wahst, in de Stadt … du weest doch; … da … ick hew ümmer an di denken möt!«

»Jo, Lene?«

»Jo …«

Sie kam selbst an ihn heran. Er brauchte sie nur nehmen. Und trug sie zwischen Wachholder und Tannicht. Da gab sie sich ihm, ohne Sträuben und Wehren. Nur mit einem leisen Schrei, als er sie zuerst berührte.

Dann saßen sie nebeneinander im Moos. Und sie sagte:

»Nu kannste mit mi maken, wat do willst! Bloß keene anner' darfste nich hebben, dat lid ick nich!«

Was sie weiter reden wollte, starb in seinen Küssen.


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