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Am Sonntag vor Weihnachten heirateten Friede Schmahl und die Schulzen Lene.
Es war ein klarer, kalter Tag, und in den Gründen lag der Schnee fußhoch. Die Kiefern und Kusseln trugen bläulich funkelnde Diamanthauben, und auf der glatten Chausseebahn klingelten die Bauernschlitten hin zur ›Alten Schänke‹, wo Eduard Sallberg seine eigenen Pferde hatte in den Kuhstall bringen müssen, um die dampfenden Tiere der Brücher alle unterbringen zu können.
Immer mehr Gäste kamen. Die Vetternschaft der Schmahls war groß, und Friede, stolz auf die, die er erwählt hatte, wollte zeigen, daß ihm an ihrem Ehrentage nichts zu kostbar sei.
Der Tanzsaal war geheizt, und die großen Gasolinlampen an der Decke brannten am hellen Tage, weil man später über die Festtafel weg nicht recht an sie heran konnte. Aus buntem Seidenpapier geschnittene Ketten und Guirlanden von Tannenzweigen hingen unter der Decke, auch mit Gold- und Silberpapier beklebte Banner, die die Aufschrift: ›Heil dem jungen Paare!‹ … ›Viel Glück und Segen!‹ … ›Die Liebe siegt!‹ und manch ander Sprüchlein trugen … Die Tafel selbst, mit glänzendem Linnen gedeckt, schmückten Sträuße von großen Papierrosen, und in der Mitte stand als Kernstück ein richtiger, ausgestopfter Klapperstorch, der im Schnabel ein Schild hielt; darauf stand: ›Ich komme bald!‹
Da gab es gleich gepfefferte Scherze und Fragen an die jungen Eheleute, die eben in den Saal traten. Die Lene im weißen Kleid mit dem bis zum Estrich fließenden Schleier, den der Myrtenkranz an ihren blonden Scheitel band: Friede Schmahl, im langen, schwarzen Rock, wie seine Gäste, den Strauß an der Brust, den dieselbe Myrthe hergegeben, die auch schon seinen Vater zur Hochzeit schmückte.
Die das Bäumchen gepflegt hatte, die Großmutter, war nicht mehr. Nach jenem bösen Tage im Oktober war sie aus dem Stall zurückgeschlichen in ihre Kammer und hatte sie lebend nicht verlassen. Die Lene hatte sie gepflegt und ihr auch das, von der alten Frau sorglich bereitete Sterbehemde angezogen, als die Greisin mit einem Gemurmel, das wie ein Segenswunsch klang, von denen Abschied nahm, die alle ihre Mühe und Ergebung nicht vom Hader und Unfrieden hatte freimachen können.
Noch in ihre Sterbestunde gellte der Streit zwischen Vater und Sohn! Martin Schmahl wollte und wollte sich nicht dreinfinden, daß der Friede die Lene nahm, die nichts als ihr liebes Lachen und ihre freundliche Person ins Haus brachte.
Der Alte tobte und fluchte, wie ein Besessener. Und er hatte schon die Braunen angespannt, um in die Stadt zu fahren, zum Notar, wo er den Hof auf seinen zweiten Sohn überschreiben lassen wollte. Als die Chaise zum Hof hinausfuhr, sprang Friede noch hinein und fuhr, wie er ging und stand, mit.
Und Martin Schmahl fuhr nicht in die Stadt. Nach einer Stunde lenkte er die Pferde, die im Schritt gingen, wieder ins Hoftor. Friede war Sieger geblieben in dem Kampf, keine Seele wußte, welch furchtbare Beschwörung er dem rabiaten Vater entgegengeschleudert, wie er den Alten, der danach ganz zerbrochen schien, zu seinem Willen gezwungen hatte. Denn bezwungen hatte er ihn. Das wurde klar, als man hörte, der Vater habe den Hof an Friede übergeben und sei selbst in den Austrag gegangen. Er wohnte seitdem in dem Stübchen der toten Großmutter. Und er redete lange kein Wort mit der Lene, die jetzt alle Tage von früh bis abend auf dem Hof war – wer hätte sonst auch für die Wirtschaft sorgen sollen?!
Eben fuhr wieder ein Wagen bei Sallberg vor, dem der alte Schmahl und Pastor Junk entstiegen. Sie traten in den Saal, wo nun die Hochzeitsgesellschaft vollzählig beisammen war.
Sprechen und Lachen verstummte für Augenblicke in dem durch die brennenden Lampen ganz feierlichen Raum. Dann brachten Frau Sallberg und ihre Mägde die dampfenden Suppenterrinen, und als sie auf dem Tische standen, falteten sich alle Hände: der Geistliche sprach das Tischgebet.
Der kleine alte Herr hatte die Augen gesenkt, seine Stimme klang laut und voll über die Tafel hin, die sich gleich darauf mit dem Geklirr der Löffel, dem Geklapper der Teller und dem Geräusch der Essenden belebte.
Anfangs schwiegen die meisten, der Bann des Ungewohnten war noch nicht gebrochen, nur hie und da flüsterte einer zum Nachbar hin. Als aber Gemeindevorsteher Ahlers seinen mächtigen Brustkasten zurückbog und über die Tafelrunde hinsehend sagte:
»Dat is jo die reene Jemeinderatssitzung! Keen eener macht 'n Mux!«
Da erhob sich ein Gelächter und Geprassel von Gegenreden, daß man am einen Ende des Tisches kein Wort mehr verstehen konnte, von dem, was drüben am andern Ende gesprochen wurde. Nun kam auch der erste Gang, Hechte, Karpfen, Schleie und sämtlich in so gewürzter Soße, daß die Gläser fortwährend neu gefüllt werden mußten. In ganzen Batterien wurden die Weinflaschen aufgestellt, aber der Wirt, bekannt und beliebt wegen seines derben Mutterwitzes, mußte sich sputen, um die Lücken rechtzeitig zu füllen.
»Supt man, Kinners, supt! … Win is jenug dor! Un wenn hei nich langen dheit, denn steiht buten de Pumpe!«
Wer hätte da nicht lachen und den Schlauberger auf die Probe stellen wollen?!
Friede Schmahl und sein Vater saßen sich gegenüber. Aber sie sahen sich nicht an. Der Sohn war sehr ernst, nur wenn er auf sein junges Weib blickte, leuchteten ihm die dunklen Augen.
Der alte Schmahl redete mit dem Pastor, der zu tun hatte, den Mann in Ruhe zu halten. Dem machte sein Geiz den Wein zu Galle! Was hatte der Friede nötig, solche Hochzeit auszurichten, wenn die Frau noch nicht einen Hunderttalerschein auf den Hof brachte!
»Dat Huus vun den ollen Schulze is nich dusend Mark wert, Harr Paster! … Dat is doch keene Schwiegerdochter nich för mi! … Min Söhn hätte doch eene Fru krejen künnt, die wo am wat mitbröcht het in de Ehe!«
»Gewiß, lieber Herr Schmahl, ganz gewiß! … Nur ich meine: ein fröhliches Herz und ein arbeitsamer Sinn, sind die nicht auch was wert, in so einer Wirtschaft? … Ich habe die Lene konfirmiert, ich kenn' sie von klein auf! Und ich glaube, Sie werden sie auch noch kennen lernen und werden sich dann mit ihr aussöhnen!«
»Nä, Harr Paster, nä! Ick nich! Dat is janz utschloten, dat ick mi mit so'n herjeloofene Perschon utsöhnen dheie! … Lieberst will ick in't Spittel gohn, als dat ick dat Tag for Tag mitanseihe!«
Der Geistliche, dem der Starrsinn der Schmahls bekannt war, gab es auf, den Alten zu bekehren, er redete von der Wirtschaft, den Korn- und Viehpreisen – und widmete sich zwischendurch dem delikaten Schweineschinken, der eben herumging.
Und Schmahl, so sehr ihn die Kosten des Hochzeitsschmauses wurmten, stopfte in sich hinein, was er nur konnte. Speise und Wein mußten bezahlt werden: da wär's ja Sünde gewesen, dem Sallberg auch nur ein Glas von dem Roten da, der wie Feuer ins Geblüt ging, zu schenken! Er trank und schenkte dem Prediger ein, daß der sich nicht wehren konnte.
Nun gingen die Wogen schon hoch. Lachen, Geschrei und Kreischen der Frauen waren ringsum. Witze, die immer wieder ins Menschliche und Eheliche hineintrafen, wurden erzählt, und die erste Hochzeitsrede war eben heraus, wenn auch nur stockend und ein bißchen holperig, als Lehrer Bandikow, ein Greis von siebzig Jahren, aber munter, wie ein Knabe, sich erhob und, als alter Versifex, seinen eigens für den Tag gereimten Spruch aufsagte:
»Verehrtes Paar! Und teure Gäste!
Was ist an der Hochzeit das Allerbeste?
Nein, nein, meine Freunde, Ihr sollt nicht lachen!
Ich rede ja jetzt von ganz andern Sachen …«
Weiter verstand man nichts! Die Heiterkeit war so groß, ein jeder mit dieser ersten Frage so zufrieden und bemüht, sie lärmend zu beantworten! … Der alte Mann sprach sein Karmen im schallenden Jubel ruhig weiter, aber es ging unter und verwehte, wie Flüstern im Sturmwind.
Gäste sprangen von den Sitzen, umdrängten den alten Lehrer mit ihren erhobenen Gläsern, kamen zum Hochzeitspaar und stießen mit Friede und Lene an, während die übrigen sich immer noch an den Speisen gütlich taten, die auf Schüsseln und in Näpfen stets von neuem hereingetragen wurden.
Dem Geistlichen, der doch an so mancher Bauernhochzeit teilgenommen hatte, blieb es immer ein Rätsel, wie die Menschen dieser Unlast von Eßbarem Herr wurden. Und wenn er selbst nach etlichen Stunden die Gasterei verließ, so blieben die Anderen nicht allein die Nacht beim Genießen, nein, die beiden folgenden Tage und Nächte verliefen gleichfalls im Zeichen des Bacchus und Momus, wie der alte Klassizist sich im stillen verwunderte.
Er wollte eben eine Bemerkung darüber zu seinem Nachbar machen, als er zu seinem Entsetzen bemerkte, daß Martin Schmahl in sich zusammengesunken, den Kopf auf der Brust, schwer röchelnd gegen die Stuhllehne gesunken war.
Pastor Junk ergriff ihn beim Arm, er rief und rüttelte den Alten – nur mit dem Erfolg, daß der Körper des Bewußtlosen zur Seite glitt und, hätte ihn der Prediger nicht mit beiden Armen umklammert, vom Stuhl gefallen wäre.
Jetzt half eine Frau von der andern Seite, noch mehrere sprangen auf, und unter dem Fragen und Erschrecken der ganzen Hochzeitsgesellschaft trug man den schwer Erkrankten aus dem Saal ins Gastzimmer hinüber.
Die junge Frau war die erste, die ihm Rock und Hemde öffnete, ihm die Stirne einrieb und die schließlich half, ihn in den Schlitten tragen, der den Kranken nach Hause brachte.
Drüben im Saal beruhigte man sich bald.
»Hei hat sich een beten vafiert …« sagte Gemeindevorsteher Ahlers, »dat klimmt bi sone alden Lüt vör … Morjen ward hei all wedder upp sin Pferd sünn!«
Das glaubten alle gern! Die Hochzeit war einmal ausgerichtet, da konnte man doch nicht, wie aus der Kneipe, davonlaufen!
Deshalb mußte der Hochzeiter auch bei seinen Gästen bleiben. Daß dessen junges Weib mit dem Alten fuhr, war natürlich: wer hätte ihn sonst zu Hause pflegen sollen?
Neben ihr im Schlitten und den vom Schlagfluß Gelähmten stützend, saß Pastor Junk. Er glaubte nicht anders, als daß er dem Röchelnden noch in der Nacht die Wegzehrung geben müßte.
Doch die eisige Luft brachte den Kranken zum Bewußtsein. Seine Augen, die allein noch reden konnten, irrten zwischen der Schwiegertochter und dem Geistlichen hin und her.
Die Schlittenglocken auf dem Geschirr der Pferde klingelten leise. Lautlos fast eilte das Gefährt auf dem Schnee, der gegen Abend frisch gefallen war und die Nacht erhellte, dahin.
Und am Himmel, der über Wald und Feld sein tiefdunkles Fest spannte, flimmerten und strahlten die Sterne.