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XVIII.

Im Jahre 1910 war ich als zweites Mädchen bei Skoernings in Charlottenlund in Stellung. Ich war damals sehr eitel und leichtsinnig, und ich hielt es für eine Ungerechtigkeit, daß andere es besser hatten, als ich. Daher kam das Unglück.

Es war am Tage vor der Silbernen Hochzeit von Herrn und Frau Skoerning. Im Hause herrschte große Aufregung, und alles ging drunter und drüber. Es waren viele fremde Menschen im Hause: Dekorateure, Maler und Handwerker.

Ich ging in Frau Skoernings Zimmer, wo ich Ordnung machen sollte. Frau Skoernings große Schmuckschatulle stand auf der Kommode. Sie war nicht verschlossen. Das glitzernde Zeug, das darin aufbewahrt wurde, verführte mich. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, es mir anzulegen. Ich dachte nicht daran, daß ich überrascht werden könnte. Wie ein Pfau drehte ich mich vor dem Spiegel.

Es war auch eine sehr wertvolle und köstliche Perlenkette darunter, die Frau Skoerning anläßlich der Silbernen Hochzeit schon ein paar Tage vorher von ihrem Gatten erhalten hatte.

Plötzlich öffnete sich die Tür, und Frau Skoerning trat ein. Erschrocken warf ich alles in die Schatulle zurück und verschloß sie. Aber es war bereits zu spät; sie hatte es schon gesehen.

Voller Scham floh ich aus dem Zimmer, ohne daran zu denken, daß ich die Perlenkette immer noch am Halse trug. Auf meiner kopflosen Flucht muß sie sich von meinem Halse gelöst haben. Aber ich spürte nichts davon.

Ich wußte nicht, was ich tun sollte, und irrte stundenlang am Sund umher. Erst bei hereinbrechender Dunkelheit wagte ich mich zurück. Ich war entschlossen, Frau Skoerning um Verzeihung zu bitten. Was dann kam, war aber viel schlimmer, als ich es mir ausgemalt hatte.

Ich war mit der Perlenkette um den Hals fortgelaufen, und nun war sie verschwunden. Frau Skoerning war außer sich. Herr Skoerning rief die Polizei an. Niemand glaubte mir, als ich versicherte, ich wäre an dem Verschwinden der Kette unschuldig. Ich wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Die Perlenkette blieb verschwunden.

Nach der Verbüßung meiner Strafe lernte ich meinen jetzigen Mann kennen und bald darauf heirateten wir. Ich liebte ihn nicht; aber ich sah darin den einzigen Ausweg, weil ich glaubte, als Vorbestrafte würde ich nie mehr eine Stellung bekommen.

Unsere kleine Estrid wurde geboren, und mein Mann erhielt einen Hausmeisterposten in Peddersens Gasse.

Auf dem Grundstück hatte öfter ein Mann zu tun, der Bernhard Vastrup hieß und Inhaber eines Installationsgeschäftes war. Jedesmal pflegte er mich prüfend anzusehen, wenn er zu uns in die Wohnung kam, um mit meinem Mann wegen irgendwelcher Reparaturen auf dem Grundstück zu sprechen. Mir kam es so vor, als ob ich ihn schon einmal irgendwo gesehen hätte, aber ich vermochte mich nicht darauf zu besinnen, wo das gewesen sein könnte.

Eines Tages, als mein Mann nicht zu Hause war, kam er in die Wohnung und wollte mit mir unter vier Augen sprechen.

»Sie hießen doch einmal Amalia Jensen?« fragte er. Ich erschrak, aber ich leugnete es nicht, denn ich hatte meine Strafe ja verbüßt, und mein Mann wußte von meinem Unglück. Nur wegen des Kindes hatte ich Angst, daß das Gerücht von meiner Schande unter die Leute kommen könnte.

»Waren Sie nicht im Jahre 1910 bei den Skoernings in Charlottenlund in Stellung?« fragte er weiter. Als ich angstvoll bejahte, beruhigte er mich und sagte, er dächte nicht daran, mit anderen darüber zu sprechen. Im Gegenteil: er wolle mir ein Geständnis machen.

Dann erzählte er mir folgendes:

Er hatte im August des Jahres 1910 im Hause der Skoernings gearbeitet. Er hatte einige Reparaturen an der Lichtleitung auszuführen. Als er die Treppe hinaufging, hatte er auf dem Läufer die Perlenkette liegen sehen, die ich bei meiner Flucht verloren hatte. Da hatte ihn das Verlangen gepackt, diese Kette zu besitzen. Er fürchtete aber, daß man das Fehlen des Schmucks bald bemerken und die Polizei herbeirufen würde. Deshalb wagte er es nicht, sie einfach in die Tasche zu stecken. Er verbarg sie vielmehr einstweilen in einem Gebüsch vor dem Kellerfenster.

In der Nacht kehrte er dann zurück, um sie zu holen. Als er sie eben in die Tasche gesteckt hatte, wurde er von einem Wächter überrascht. Er floh und entkam glücklich, obwohl der Wächter nach ihm schoß.

Am nächsten Morgen hatte er in Peddersens Gasse die Kloakenleitung zu reparieren. Er hatte damit schon ein paar Tage vorher begonnen, hatte diese Arbeit aber unterbrochen, weil die Reparatur bei Skoernings wegen des bevorstehenden Festes dringlicher gewesen war.

Er sagte, die Perlenkette in seiner Tasche habe ihm wie Feuer gebrannt. Wenn er einen Polizisten gesehen habe, sei er zusammengeschrocken, und er habe geglaubt, daß man ihn in jedem Augenblick verhaften würde.

Darum legte er die Kette in eine alte Tabaksdose, umwickelte diese mit Zeitungspapier und vertraute den Schatz der verschwiegenen Erde an.

Das alles erzählte mir Bernhard Vastrup, und niemand vermag zu ahnen, wie mir zu Mute war, als ich endlich, nach so vielen Jahren, die Spur jener Kette wiederfand, um deretwillen ich ins Gefängnis hatte gehen müssen. Vastrup schlug mir vor, wir sollten die Kette heimlich ausgraben, sie dann verkaufen und den Erlös teilen.

Das richtige wäre natürlich gewesen, wenn ich zur Polizei gegangen wäre und alles erzählt hätte. Aber ich fürchtete, man würde mir nicht glauben. Ich hatte ja keinen Beweis in der Hand, wenn Vastrup alles abstritt. Man würde meine Erzählung für eine phantastische Erfindung halten und glauben, ich wollte auf diese Weise mein böses Gewissen entlasten.

Ich faßte daher den Plan, Vastrup zuvorzukommen. Ich sagte zu ihm, ich würde mir die Sache überlegen, aber mein Mann dürfe nichts davon wissen.

Schon am nächsten Tage kam er wieder. Er sagte, er habe geschäftliche Schwierigkeiten und müsse die Kette verkaufen, um zu Geld zu kommen. Ich sagte, wir müßten warten, bis mein Mann seine beabsichtigte Reise zu seiner Schwester nach Lingbye unternähme.

Aber heimlich beschloß ich, sofort zu handeln. Die Kette gehörte Frau Skoerning und niemand sonst auf der Welt. Ich selber wollte ihr den Schmuck, der durch meine Schuld verloren gegangen war, wieder zustellen.

Ich kannte einen Schwarzen namens Cesar, der mir treu ergeben war, weil er öfter von mir einen Teller Suppe oder ein paar Oere bekommen hatte. Mit diesem Neger ging ich in den Keller hinunter und zeigte ihm die Stelle, wo die Kette vergraben sein mußte. Ich sagte ihm natürlich nichts, sondern bat ihn nur, den Zementbelag des Fußbodens aufzubrechen, aber dabei so wenig Lärm wie möglich zu machen, damit es niemand auffiele. Kein Mensch durfte ja wissen, was hier geschah. Ich versprach ihm zehn Kronen, wenn er alles zu meiner Zufriedenheit erledigen würde.

Noch am selben Tage begann er mit der Arbeit. Aber mein Mann ging zufällig in den Keller und überraschte ihn dabei. Dem Neger blieb nichts anderes übrig, als ihm zu sagen, daß ich ihm den Auftrag gegeben hätte. Darauf jagte mein Mann ihn fort und stellte mich zur Rede. Da erzählte ich ihm notgedrungen alles.

Während ich sprach, schaute er mich in seiner ernsten, langsam begreifenden Art an. Aber plötzlich kam ein Glanz in seine Augen. Es war dasselbe habgierige Leuchten, wie ich es bei Vastrup gesehen hatte.

»Amalia!« sagte er schließlich, »Du willst doch nicht etwa diese Perlenkette, um derentwillen du unschuldig im Gefängnis gesessen hast, an Frau Skoerning zurückgeben?«

»Natürlich will ich das«, entgegnete ich.

»Aber die Kette gehört doch jetzt dir, du hast doch dafür im Gefängnis gesessen«, beharrte er.

»Unsinn!« sagte ich kurz. »Und nun will ich davon nichts mehr hören. Laß mich allein!«

Er gehorchte, ohne etwas zu erwidern; aber der Gedanke an die kostbaren Perlen ließ ihm keine Ruhe mehr. Er ging zu Vastrup und machte hinter meinem Rücken mit ihm gemeinsame Sache.

Es war am zweiten März, als sich Vastrup mit Hammer, Meißel und Spaten in den Keller begab, um die Perlenkette auszugraben. Mein Mann hatte zu mir gesagt, er fühle sich nicht wohl; ob ich nicht für ihn zu Herrn Harian gehen und ihm die einkassierten Mietgelder bringen wollte.

Arglos tat ich ihm den Gefallen.

Als ich gegen elf Uhr wieder zurückkam, trieb eine Ahnung mich, in den Keller hinunterzugehen. Die Kellertür war nur angelehnt. Vorsichtig spähte ich hinein und gewahrte Vastrup, der in der bereits ausgeworfenen Grube stand und die Perlenkette betrachtete.

Mein Mann, der neben der Grube stand, wollte gerade etwas zu ihm sagen, als ich eintrat. Er war sehr verlegen und machte ein ängstliches Gesicht. Vastrup aber ließ die Kette schnell in seine Tasche gleiten.

Wenn ich in jenem Augenblick doch nur ein Körnchen Vernunft besessen hätte! Ich hätte ja nur zur Polizei zu gehen brauchen und alles aufzuklären. Aber ich fühlte nur einen furchtbaren Zorn in mir aufsteigen.

»Geben Sie mir auf der Stelle die Kette heraus!« schrie ich.

»Denke nicht daran«, erwiderte Vastrup gelassen. »So dumm bin ich nicht!«

Da machte mein Mann, bei dem nun auch das schlechte Gewissen sich rührte, und der vor mir wohl auch etwas Angst hatte, mit mir gemeinsame Sache.

Vastrup war inzwischen aus der Grube herausgeklettert und griff nach seinem Spaten. Er schien die Absicht zu haben, mit der Perlenkette einfach seiner Wege zu gehen. Vielleicht tat er aber auch nur so.

Es kam zu einem Handgemenge. Während mein Mann den Spaten Vastrup entriß, suchte ich ihm die Kette aus der Tasche zu ziehen. Plötzlich aber stolperte er über die aufgeschüttete Erde, fiel rücklings nieder und schlug mit dem Hinterkopf auf den scharfen Rand des Spatens, den mein Mann gerade in die Erde stoßen wollte, um mir dann zu helfen, Vastrup die Kette abzunehmen.

Voller Entsetzen starrte ich auf das Unheil, das wir angerichtet hatten. Vastrup lag regungslos am Boden. Aus einer großen Wunde am Hinterkopf strömte das Blut. Er war tot. Und wir hatten ihn getötet.

Was dann geschah, kommt mir heute wie ein böser Traum vor. Mein Mann zitterte am ganzen Leibe, und ich hatte große Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß uns nun nichts anderes übrig blieb, als den Toten zu verscharren. Denn niemand würde uns geglaubt haben, wenn wir den wahren Sachverhalt geschildert hätten.

Wir nahmen Vastrup die Perlenkette ab. Als mir dabei sein Portemonnaie in die Hand fiel, nahm ich auch das an mich, denn ich dachte, wenn man ihn doch einmal finden sollte, so würde man annehmen, es läge ein Raubmord vor. Ich warf das Portemonnaie später ins Wasser. Schließlich wälzten wir den Toten in die Grube und füllten sie mit Erde.

Als wir uns von dem ersten Schrecken etwas erholt hatten, überlegte ich, was nun zu tun wäre.

Wir mußten vor allen Dingen verhindern, daß ein Fremder kam und den Kellerraum mietete. Andererseits aber mußte er durch ein Vorhängeschloß gesichert werden, wie es nur bei den vermieteten Räumen üblich ist. Das brachte mich auf den Gedanken, einen Mieter zu erfinden. Daß wir die Miete aus eigener Tasche bezahlen mußten, machte ja in diesem Fall nicht viel aus.

Meinem Mann, der etwas schwerfällig ist, wollte der Gedanke erst gar nicht in den Kopf. Als er aber einmal begriffen hatte, worum es ging, war er mit allem einverstanden. Nur wußte er ebenso wenig wie ich, auf welche Weise man den Gedanken zur Tat werden lassen konnte. Denn schließlich mietet ja niemand einen Kellerraum, wenn er nichts darin unterstellen will.

Am nächsten Tage kam mein Mann gegen Abend nach Hause und sagte:

»In einer Kneipe sitzt ein alter Mann, der ein paar Karussellpferde auf einem Karren vor der Tür stehen hat. Er will die Pferde verkaufen, aber niemand nimmt sie ihm ab. Was sollen die Leute auch mit Karussellpferden? Außerdem ist der Kerl schrecklich betrunken.«

»Mann«, rief ich. »Diesen Menschen schickt uns der Himmel. Geh sofort in die Kneipe zurück und gib ihm zehn Kronen. Sag ihm, daß er seine Pferde hierherbringen soll. Wenn er mehr haben will, gib ihm auch etwas mehr. Ich denke aber, er wird mit zehn Kronen zufrieden sein, denn er vertrinkt das Geld ja doch nur. Aber paß ja auf, daß niemand hört, was du mit dem Kerl beredest! Du kannst dem Wirt erzählen, daß er für seine Holzpferde einen Keller bei uns gemietet hat. Sei klug Mann! Von deinem Verhalten hängt jetzt das Glück und die Seelenruhe deines Kindes ab.« Wenn ich ihm mit unserem Mädel kam, wurde er immer weich und tat alles, was ich wollte.

Die Sache mit den hölzernen Pferden klappte ausgezeichnet. Der Mensch, dem sie gehörten, war so betrunken, daß ich mit Recht annehmen konnte, er würde sich auf nichts mehr besinnen können. Nachdem die Pferde in dem Keller untergebracht waren, führte mein Mann ihn in ein anderes Stadtgebiet, damit er, wenn er seinen Rausch ausgeschlafen hätte, nicht mehr wüßte, wo er gewesen war.

Ich erfand für unsern Mieter den Namen Conni Nielsen, den ich einmal auf einem Jahrmarkt gelesen hatte.

Mein Mann besorgte ein Schloß und hängte es vor den Keller. Dann schrieb er eine Mietsquittung aus, verbrannte das Original und brachte die Kopie zusammen mit fünfzehn Kronen Herrn Harian.

Soweit war alles gut gegangen, aber der Tote in der Erde ließ uns keine Ruhe. Besonders mein Mann hatte furchtbare Träume. Aber auch mich plagte das Gewissen. Der alte Vastrup hatte ja nicht einmal ein christliches Begräbnis gehabt. Wie einen Hund hatten wir ihn verscharrt!

Als so ein Monat vergangen war, hielten wir es einfach nicht länger aus. Ich beredete die Sache mit meinem Mann, der mir in allem recht gab. Der Tote durfte nicht im Keller bleiben!

Verabredetermaßen ging mein Mann am nächsten Tage zu Herrn Harian und sagte, der Mann mit den hölzernen Pferden habe sich nicht wieder sehen lassen und, statt die Aprilmiete zu bezahlen, habe er einen aufgebrochenen Zementfußboden hinterlassen. Bevor der repariert würde, wäre es gut, die Erde auszuheben, um festzustellen, ob die Ratten auch nicht die Leitung angenagt hätten. Herr Harian schimpfte zwar zuerst, aber schließlich ging auch diese Sache glatt. Wenn man den Toten findet, dachte ich, wird man Conni Nielsen, den es gar nicht gibt, für den Mörder halten.

Nun war nur noch die Frage zu lösen, wie ich Frau Skoerning ihre Perlenkette wiederzustellen konnte.

Da fügte es ein glücklicher Zufall, daß Skoernings um ein neues Mädchen verlegen waren. Ich zeigte Estrid die Anzeige und redete ihr zu, sich um die Stelle zu bewerben. Als sie sie bekommen hatte, weihte ich sie in die Geschichte mit der Perlenkette ein – ohne ihr natürlich zu verraten, welche Rolle Vastrup dabei gespielt hatte – und bat sie, den Schmuck unauffällig in Frau Skoernings Schatulle zurückzulegen.

Aber alles war vergebens. Die Polizei, die inzwischen den alten Vastrup gefunden hatte, kam – auf welche Weise ist mir unbegreiflich – auf den Gedanken, den Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis im Hause der Skoernings zu suchen. Nun sind sie auf dem Wege zu Estrid, und alles wird an das Licht des Tages kommen.

Mein armes Kind!

Kopenhagen, den 7. April 19..
Amalia Sörensen geb. Jensen.


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